Nachdem ich neulich erwähnt habe, dass bei gewissen familiären Aufgaben auch Comiczeichner Mühe hätten, sie mal eben für einen Kanban-Aufgabenzettel zu zeichnen, hat sich prompt einer bei mir gemeldet – weswegen diese Folge der kleinen Kanban-Reihe illustriert ist. Herzlichen Dank dafür an Till Laßmann, Comic- und Eventzeichner!

In der ersten Woche haben wir (siehe Teil I und Teil 2) tatsächlich 27 Aufgaben abgearbeitet, das ist doch gar nicht so wenig. Fast alle Zettelchen im Bereich “Machen” wurden am Wochenende erledigt, das gehört auch zu den Erkenntnissen, auf die man erst kommt, wenn man die betrieblichen Abläufe zuhause einmal einem Audit unterzieht: Wochentage bestehen hier zu 99% aus Routine und es gibt überhaupt keinen Grund, irgendwem irgendwelche Aufgaben mitzuteilen. Jeder weiß, was wann zu tun ist. Das heißt selbstverständlich nicht, dass es dann auch jeder macht, aber das ist ein anderes Problem, das kann Kanban so nicht lösen. Am Wochenende ist das ganz anders, am Wochenenende wird hier der ganze Betrieb neu erfunden, immer wieder.

Illustration Tim Lassmann

Um es etwas geschäftsmäßiger auszudrücken, immerhin kommt Kanban aus der Industrieproduktion: an Werktagen sind die Probleme im Familienbetrieb in der Regel nicht prozessbedingt, an Werktagen ist man im Management eher mit verhaltensaufffälligen Mitarbeitern beschäftigt, die teils enorme Motivationsprobleme haben und auf Bonussysteme schon lange nicht mehr recht ansprechen, dabei unkündbar sind und enorme Privilegien genießen, man beschäftigt sich also mit ganz normalen Kindern. An Wochenenden muss man dann mit aus heiterem Himmel hochmotivierter Belegschaft plötzlich den gesamten Betrieb ad hoc auf neuen Betriebsabläufe umstellen, so dass am Ende der manchmal völlig improvisierten Prozessketten z.B. das Produkt “Familienausflug” stehen kann, während man selbst eher von einem Sabbatical, von einer Kur oder wenigstens von einem Nickerchen träumt. Das ist ein wenig so, als würde man in zwei völlig verschiedenen Unternehmen und auch in zwei Rollen arbeiten, je nachdem welcher Wochentag gerade ist. Es ist kompliziert.

Wobei man ja auch kleine Lehren aus diesem Audit gerne mitnehmen kann. So hat es sich, um ein prägnantes Beispiel zu nennen, als total sinnvoll erwiesen, sich am Sonnabendmorgen mit der ganzen Belegschaft vor der Kanban-Wand zu versammeln, die “Erledigt”-Karten der letzten Woche feierlich abzunehmen und ggf. herausragende Einzelleistungen noch einmal gesondert zu würdigen. Um dann gemeinsam eine Lagebesprechung abzuhalten, aus der die neuen Aufgaben entstehen, die sofort gezeichnet und verteilt werden. Das klingt schon wieder banal, aber ich glaube tatsächlich, das behalten wir so bei. Es scheint vorteilhaft für alle Beteiligten zu sein, sämtliche Aufgaben einmal vor sich zu sehen, ganz greifbar und verständlich. Es passiert etwas in den Köpfen, wenn man das so macht. Und man merkt auch am Sonnabendmorgen schon, was nicht mehr passt, was nicht realistisch ist, was übertrieben anspruchsvoll ist . Sieben Zettel bei Sohn II? Try again. Den eben von Sohn I gezeichneten Zettel versteht schon nach fünf Minuten keiner mehr? Try again. Viel zu viele Zettelchen, die kleben schon in zwei Schichten an der Wand? Try again.

Insbesondere das letzte Problem, hinter dem die Frage nach der richtigen Priorisierung steht, ist ein weiterer bedenkenswerter Aspekt. Man priorisiert natürlich immer, quer durch den Alltag, aber es ist vermutlich wirklich schlauer, gemeinsam und sortiert über Prioritäten nachzudenken und sie abgestimmt im ganzen Team festzulegen. In der Familie und im Büro.

Und wirklich wunderbar und erheiternd ist immer wieder das alte und längst aus Tom Sawyer bekannte Neidprinzip unter den Kindern, dieses sofortige Misstrauen, wenn einer eine bestimme Aufgabe gerne haben möchte. Warum will der das? Macht das am Ende Spaß? Der denkt sich doch was dabei? Kann ich das dann nicht lieber machen? Gib das sofort her! Das hat im neunzehnten Jahrhundert bei Mark Twain funktioniert, das kann man immer noch beliebig oft reproduzieren, der Mensch ist nun einmal so. Neid und Gier, man muss es eben nur sinnvoll anwenden. Wenn es nur immer so einfach wäre!

 

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