Ein Text von Maret Buddenbohm, auch bekannt als die Herzdame, die gerade ein Schlafbuch für Eltern von Kindern von 0-6 Jahren gelesen hat (keine bezahlte Werbung)

Wie einige hier vielleicht wissen, gebe ich unter anderem auch Babykurse, genauer gesagt DELFI® Kurse. Eigentlich mache ich beruflich was ganz Anderes, bin da aber in der Elternzeit mit Sohn 2 so reingeschlittert. Ich habe ein Jahr Weiterbildung gemacht, seitdem bin ich montagsnachmittags glückliche Kursleiterin, während der Gatte sich um unsere Kinder kümmert. Ein großes Thema, wenn nicht das größte Thema überhaupt, ist da immer wieder das Thema „Schlafen“. Es gibt kaum eine Woche, in der nicht wenigstens eine übermüdete Mutter über das nicht ein- oder durchschlafende Kind berichtet.

Auch wir hatten mit unseren Kindern und vor allem mit Sohn 1 viele schlaflose Nächte. Rückblickend habe ich den Eindruck, dass wir uns da viel zu sehr haben von anderen Meinungen verunsichern lassen. Vor bald 10 Jahren gab es noch zu viele Eltern und Ratgeber aus der „Jedes Kind kann schlafen lernen“-Fraktion um uns herum. Für die Leser, denen das nichts sagt, es geht da um einen Ratgeber, der empfiehlt, die Kinder abends und nachts so lange schreien zu lassen, bis sie vor Verzweiflung und Erschöpfung einschlafen (die Methode ist vor allem auch hervorragend geeignet für eine gestörte Eltern-Kind-Bindung, echte und dauerhafte Schlafstörungen und den Geldbeutel der späteren Psychiater.)

Ich habe mich ständig als Versagerin gefühlt, weil mein Kind lange nicht im eigenen Bett ein- und vor allem nicht durchschlief. Gleichzeitig sagte mir mein Gefühl aber auch, dass mein Kind sich gerade nachts geborgen fühlen soll. Und dass es richtig ist, ihm die Zuwendung und den Körperkontakt zu geben, den es offensichtlich braucht. Am einfachsten war das im Familienbett, da musste ich nicht zum Stillen und Trösten ständig aufstehen. Wie viele von uns Erwachsenen schlafen wirklich gerne allein? Also ich nicht! Aber warum soll mein Baby das dann gerne tun? Vor allem wenn es am Anfang noch so hilflos ist, dass es sich nicht mal den Schnuller alleine in den Mund stecken kann? (Ja, es gibt Ausnahmen, bei Kindern wie bei Erwachsenen.)

Ich war also lange Zeit zerrissen zwischen meinem Gefühl und den Ansichten meiner Umwelt. Mit großer Freude stelle ich jetzt aber immer wieder fest, dass die Schreien-lassen-Fraktion auf dem Rückzug ist und sich der bindungsorientierte Kinderschlaf durchsetzt, zumindest in meinem Umfeld. In meinen ersten DELFI-Kursen hatte ich noch Mütter, die den anderen diese fürchterlichen Schlaflernprogramme ernsthaft empfohlen haben. Inzwischen habe ich keine einzige mehr. Im Gegenteil, mir hat eine Mutter gerade ein relativ neu erschienenes Buch empfohlen, welches sich eher mit dem Verständnis des kindlichen Schlafes und sanften Strategien beschäftigt.

Es handelt sich um das Buch „Schlaf gut, Baby! – Der sanfte Weg zu ruhigen Nächten“ von Nora Imlau und Dr. med. Herbert Renz-Polster.

Nora Imlau habe ich schon damals gerne gelesen, als ich noch die Zeitschrift „Eltern“ regelmäßig gekauft habe. Und von Herbert Renz-Polster kann ich den dicken Wälzer „Kinder verstehen. Born to be wild. Wie die Evolution unsere Kinder prägt“ nur empfehlen (auch wenn ich ihn nie zu Ende gelesen habe, weil er einfach kein Handtaschenformat hatte und ich ihn daher nicht mitnehmen konnte).

„Warum Kinder anders schlafen“

Am Anfang geht es erstmal darum, den kindlichen Schlaf zu verstehen: Fakten, Schlafzyklen, vor allem aus evolutionärer Sicht. Die Autoren werfen einen Blick zurück in die Geschichte der Menschheit, als der Schlaf noch eine gefährliche Sache war und Gefahr bestand, im Schlaf in der Höhle zu erfrieren oder vom Säbelzahntiger gefressen zu werden. Welches Baby war da im Vorteil? Gewiss nicht das, welches friedlich und alleine ohne Körperkontakt in einer Ecke schlummerte (und erfror…). Leider haben es heutige Babys noch nicht kapiert, dass sie sicher und behütet sind, auch wenn die Eltern sich jetzt lieber nebenan um den Haushalt kümmern oder ihre Ruhe wollen. Ihr biologisches Programm ist immer noch auf Steinzeit gepolt.

Guter Schlaf funktioniert nur durch Entspannung, wie wir Erwachsenen aus eigener Erfahrung wissen. Die Autoren schreiben „Der Schlaf gehorcht nicht der Anspannung, sondern der Entspannung. Ihn beeindruckt nicht das Festhalten, sondern das Loslassen“. In der modernen, hektischen Welt, in der alles auf Effizienz und Produktivität ausgerichtet ist kommen Babys einfach noch nicht mit. Wer kann sich schon entspannen beim Gedanken an einen Säbelzahntiger vorm Höhleneingang? Da bleibt man lieber wach und sorgt durch Weinen und Schreien dafür, dass ein Erwachsener einen in den Arm nimmt und beschützt.

Man darf aber nicht vergessen, dass der Schlaf bei Kindern wie Erwachsenen verschiedene Phasen durchläuft und während des REM-Schlafes (Rapid Eye Movement) Erlebnisse und Eindrücke des Tages verarbeitet werden. In der Regel werden hier alle kurz wach, Erwachsene haben aber gelernt schnell wieder einzuschlafen und erinnern sich am nächsten Tag meist nicht mehr daran. Babys müssen den Übergang von einer Schlafphase in die nächste noch lernen. Schlafen lernen ist wie Laufen lernen. Es braucht seine Zeit und man muss akzeptieren, dass es schnellere und langsamere Kinder gibt.

Mir ist es sehr wichtig, „meinen“ Müttern dieses Verständnis mit auf den Weg zugeben. Weil ich finde, dass es einen großen Unterschied macht, ob sie das Gefühl haben, das Kind schreit und will nur nicht schlafen, weil es seinen Willen durchsetzen will – oder ob sie denken, es kann einfach noch nicht alleine schlafen und will seinen Eltern seine Bedürfnisse mitteilen.

„Eine Begegnung mit Ängsten, Mythen – und uns selbst“ und „Was uns Mut machen kann“

Im weiteren Verlauf des Buchs geht es darum, den gemeinsamen Schlafstress zu reduzieren, sich frei zu machen, von den Ansichten anderer Leute oder von fremden Erziehungsidealen, was am Ende nur zu Beziehungsstress mit den Kindern führt. Gut finde ich immer wieder den Blick auf andere, ursprünglichere Kulturen. Die können z.B. mit dem Begriff „ins Bett bringen“ gar nichts anfangen, da ihre Kinder einfach einschlafen, wann und wo sie wollen. Auf dem Schoß am Feuer, an der Brust oder im Tragetuch auf dem Feld. Auch bei uns war das Jahrtausende so. Wir in den modernen Kulturen sind die einzigen, die den Knall haben, die Kinder „bettfertig“ zu machen und sie dann alleine, abgeschoben im Kinderzimmer in ihr Bett zu legen, um dann endlich Erwachsenenzeit zu haben.

Letzten Endes gehen die meisten Schlafprobleme von Eltern aus. Die Kinder wollen einfach nur geborgen schlafen. Wir sind diejenigen, die da ein Ding draus machen. Die Kinder haben keine Probleme, wir haben sie.

Die Autoren plädieren dafür, die Schuld nicht beim Kind oder sich selbst zu suchen, oft stimmen einfach nur die Bedingungen nicht und daran lässt sich arbeiten. Schuld, dass es mit dem Schlafen nicht klappt, ist niemand.

„Warum wir gegen Schlaftrainings sind“

Einfach sind die Methoden, die Programme, das Sich-bedienen-lassen aus den Bauchläden der Kenner und Experten. Der eigene Weg fordert uns ganz schön was ab, und er ist mal so, mal so, mal auf, mal ab, lebendig eben, aber paradiesisch gewiss nicht.“ So heißt es im Buch. Und genau das ist auch meiner Meinung nach das Problem. Es ist viel schwieriger, auf die Bedürfnisse aller Familienmitglieder einzugehen und tragfähige Kompromisse zu finden, als die elterliche Macht auszuspielen und die eigenen Wünsche und Vorstellungen durchzusetzen. Das gilt auch bei allen anderen Erziehungsfragen. Aus diesem Grund sterben Ratgeber und Methoden à la „Jedes Kind kann schlafen lernen“ auch nicht ganz aus: einfach macht das Leben leichter. Aber auf Kosten der Kinder.

Die Autoren erläutern die Methode, die dahintersteckt. Im Prinzip gehen alle Schlafprogramme auf Richard Ferber zurück. Man spricht hier deshalb auch von der Ferber-Methode, man „ferbert“ das Kind ein. Wobei der Herr Ferber seine eigenen früheren Aussagen heute selbstkritisch sieht. Die theoretische Grundlage basiert auf der Theorie des Behaviorismus, wodurch das Verhalten von Mensch und Tier durch die Verbindung positiven (Belohnung) und negativen (Bestrafung) Reizen verstärkt bzw. abgeschwächt oder gar ausgelöscht wird. Wer sich noch an seinen Biologieunterricht in der Schulzeit erinnert, dem werden gleich die Ratten von Skinner oder die Pawlowschen Hunde einfallen. Auf dieser Basis sollen wir unsere Kinder in einen sicheren, wohligen Schlaf begleiten und eine dauerhafte, positive Bindung zu ihnen entwickeln? Viel Erfolg!

Bevor ich mich in Rage schreibe, zurück zum Buch. Was lernen die Kinder wirklich? „Das beherrschende Motiv ist […] Stress – die Kinder werden so lange mit Frustration und ihren negativen Emotionen konfrontiert, bis sie einschlafen. […] Das Kind lernt nicht alleine zu schlafen, es wird gezwungen.“ Nun werfen die die Autoren die Frage auf: „Was bedeutet es für die Kinder, wenn ihre Eltern sie tagsüber verlässlich trösten und feinfühlig auf ihre Bedürfnisse eingehen, aber sie dann ganz anders behandeln, sobald der Zeiger der Uhr über die Acht geglitten ist?“ Kann so eine Ein-Aus-Behandlung förderlich sein? Das kann ich mir nicht vorstellen.

„Alles was wichtig ist“

Aber wenn Schlaftrainings nicht das Richtige sind, um Kinder geborgen durch die Nacht zu begleiten, was ist es dann? Nach dem Buch ist guter Schlaf vor allem eine Frage des Timings, des Settings und der Schlafqualität. Schlafen ist auch Typsache, wie bei Erwachsenen gibt es bei Kindern gute und schlechte Schläfer, Eulen und Lerchen. Das sollte man akzeptieren und individuell günstige Schlafbedingungen schaffen. Hier werden kleine Tipps gegeben, etwa das individuelle Schlaffenster auszunutzen, in dem es besonders leicht ist, in den Schlaf zu finden. Von festen Schlafenszeiten abzuweichen, wenn sie nicht zur inneren Uhr des Kindes passen und so weiter. Es muss nicht immer das eigene Bett sein. Kinder schlafen am besten da, wo sie sich wohlfühlen und nicht alleine sind. Wenn es sein muss, auch kuschelig zwischen den Eltern vor dem Fernseher. Hauptsache, es geht allen gut. Und ansonsten gerne auch tagsüber: kuscheln, kuscheln, kuscheln.

Die meisten Tipps sind kein Hexenwerk und jeder halbwegs normale Mensch könnte selbst draufkommen, man muss sich nur etwas zutrauen. Dann beschäftigen sich die Autoren noch mit dem Thema „Gewohnheiten liebevoll verändern“. Hierunter fällt auch der Dauerbrenner in meinen Kursen; das nächtliches Dauerstillen abgewöhnen. Es gibt den ein oder anderen Tipp, wie man hier schrittweise vorgehen kann und worauf man achten sollte. Zum Schluss widmen sie sich dem Familienbett, geben Ratschläge zur Sicherheit und gehen vor allem auf die Vorteile ein. In diesem Zusammenhang wird auch der plötzliche Kindstod (sudden infant death syndrome, kurz SIDS) behandelt und was man hierbei beachten sollte.

Mein Fazit

Ich finde das Buch sehr gelungen. Es sorgt für ein grundlegendes Verständnis der kindlichen Verhaltensweisen und räumt mit Mythen und Ängsten rund um den Babyschlaf auf. Außerdem macht es Mut, sich vom ewigen „Durchschlafstress“ zu befreien und liebevolle Wege zu gehen. An einigen Stellen habe ich gedacht, das habe ich doch schon mal hier und hier gelesen. Aber für Eltern, die noch unentschlossen sind, wie sie ihre Kinder in den Schlaf bringen wollen, kann man das wahrscheinlich nicht oft genug sagen. Und grundsätzliches scheint mir, gute Ratgeber zum Thema Schlafen geben keine konkreten Methoden vor, sondern versuchen, zu einer positiven Haltung gegenüber dem Kind anzuregen und für mehr Gelassenheit zu sorgen.

Ach, hätte es doch vor 10 Jahren schon mehr von diesen Büchern und Ratgebern gegeben.

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