Ich war, wo man jetzt eben hingeht. Einerseits sowieso, andererseits dennoch und überhaupt, ich war also auf einem Weihnachtsmarkt. Und dieser Spaziergang war schon ein kleiner Vorgriff auf 2017, auf ein Jahr, das ich ausnahmsweise doch einmal mit guten Vorsätzen angehe. Nachdem 2016 nämlich für mich ein Jahr mit rekordmäßiger Schreibtischklebrigkeit war, möchte ich im nächsten Jahr doch wieder wesentlich mehr rausgehen, mehr Menschen treffen, mehr Kultur mitbekommen, mehr von dem sehen, was dann hier im Blog als “kleine Szene” landen kann. Denn die sind ja recht beliebt, was mich immer wieder maßlos freut. Aber für kleine Szenen muss man auch Gelegenheiten schaffen, die entstehen nicht, wenn man stundenlang auf einen Bildschirm starrt. Im Grunde lautet der Vorsatz genau: Weniger am Schreibtisch sitzen, viel mehr schreiben. Das klingt doch herrlich challenging, wie man heute sagt. Das wird Änderungen im Zeitmanagement erfordern, Umbauten im Alltag usw., aber das ist dann eben so.

Das ging mir gerade alles durch den Kopf, als ich über diesen Weihnachtsmarkt ging, überall um mich herum glühweintrinkende Menschen, Schmalzgebäckduft, Weihnachtsmusik von einem Kinderkarussell. Wobei ich das Wort Karussell eben gerade vermutlich zum ersten Mal im Leben richtig geschrieben habe, das Jahr hat also doch noch Potential, aber das nur am Rande. Es ist immer wieder spannend, wenn man so mehr oder weniger ziellos wie ein Jäger und Sammler herumläuft und eigentlich doch die ganze Zeit nur hofft, etwas Erzählbares zu finden. Der letzte gute Fund ist schon zwei Tage her, es wird Zeit, es wird Zeit – und man geht und man sucht, man geht zurück, geht im Kreis, steht und guckt, man weiß ja nicht einmal, was genau man sucht. Blogsport eben. Aber Glühweintrinker und Schmalzgebäckesser geben eher nichts her, nicht einmal jetzt.

Dann auf einmal eine allgemeine Bewegung in der Menge, mehrere Menschen gehen auf andere Menschen zu, warum machen sie das, was gibt es da? Da gehe ich natürlich auch hin. Ah, da steht eine Gruppe, die haben Trikots in gleichen Farben über ihre Wintersachen gezogen, und das sind auch gar nicht so wenig Leute. Da geht man also hin, mal gucken, was es da gibt. Es könnte ja eine Artistengruppe sein, eine Street-Dance-Gruppe oder so etwas, eine Schulprojektgruppe vielleicht. Die könnten ja gleich einen weihnachtlichen Chorgesang anstimmen oder immerhin Panflöten oder Posaunen dabei haben, die könnten auch volkstanzen oder Theater spielen oder Gott weiß was machen, irgendwas Sehenswertes eben, warum sollten die da sonst stehen, auf dem Weihnachtsmarkt in der Fußgängerzone.

Und dann stehen die da aber wirklich nur und halten einfach Pappschilder hoch, auf denen steht “Muslime gegen den Terror.”

Der junge Mann neben mir guckt, die Muslime gucken zurück, er guckt noch etwas genauer und wartet einen kleinen Moment, es passiert aber nichts. Dann sagt er zu seiner Freundin, die er an der Hand hinter sich hergezogen hat, einen Satz, bei dem ich plötzlich laut loslachen muss, was er sicher nicht verstanden hat, aber das macht auch nichts. Der Satz war einfach zu drehbuchartig richtig formuliert, zu theatermäßig in den richtigen Moment gesprochen, zu literarisch schlicht und konzentriert, um nicht zu lachen. Wie da ein vermutlich deutscher junger Mann vor einer Gruppe arabisch aussehender Menschen mit Friedensbotschaftpappschildern steht und mit einem Anflug von leichter Enttäuschung in der Stimme ungeduldig zu seiner Freundin sagt: “Die machen ja gar nichts.” Und dann weitergeht. Für so etwas lohnt es sich doch unbedingt, wieder öfter vor die Tür zu gehen, finde ich.

Und damit ab ins Weihnachtsfest, wir wollen es machen wie die Leute mit den Pappschildern, wir machen ein paar Tage einfach gar nichts, um damit mal etwas ganz anderes zu machen. Machen Sie es sich und Ihren Lieben bitte schön – und sonst vielleicht auch nichts. Ich glaube, das ist ein ganz guter und sehr friedlicher Plan. Frohe Weihnachten!

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