Sohn I macht sich Gedanken über sein Essen. Er fragt nach, er hört zu, er lässt sich das alles erklären. Das mit der Massentierhaltung z.B. und auch das mit der Nahrungsindustrie. Wie wird das alles hergestellt? Er kann noch nicht alles verstehen, natürlich nicht, aber was er versteht – das findet er überhaupt nicht gut. Und er beschließt, was viele Kinder in seinem Alter beschließen: Er isst jetzt kein Fleisch mehr. Wenn das so hergestellt wird, nein, dann möchte er das lieber nicht. Die armen Tiere! Die Umwelt! Er verkündet seinen schnell gefassten Beschluss und geht an meiner Hand die Straße entlang, froh und glücklich, die Welt ein Stück besser gemacht zu haben. Das war doch gar nicht schwer, er ist ganz vergnügt. Bis er Hunger bekommt.

Da wird er schwach, da möchte er doch gerne und auch einigermaßen dringend etwas vom Imbiss da vorne. Mit anderen Worten, er ist jetzt ein Wurstbudenvegetarier. Voll der guten Gedanken und Absichten, stets nur seinen Idealen folgend – mindestens aber bis zur nächsten Versuchung. Es wäre jedoch ganz falsch, darüber zu lachen. Wir sind alle Wurstbudenvegetarier. Wir sind alle voll vom Wissen, wie es besser zugehen kann auf der Welt, gerechter, gesünder, friedlicher. Und nützt das der Welt? Es sieht nicht so aus. Auch unsere Ideale reichen nämlich stets nur bis zur nächsten Wurstbude, bis zum nächsten Streit oder zum nächsten „Ach, mir doch egal.“

Darüber habe ich mit dem Sohn gesprochen. Er hat darüber intensiv nachgedacht, auch mit sieben Jahren versteht man den Konflikt schon ganz gut. Und dann hat er es immerhin noch eine Wurstbude weiter geschafft. Denn der Mensch an sich, er ist wirklich immer voll der besten Absichten. Wenn er sich Mühe gibt, dann schafft er es meist noch ein Stück weiter. Und da in Kinder unsere Zukunft steckt, schafft die Menschheit das womöglich auch. Zumindest irgendwann. Zumindest theoretisch.

(Der Text erschien als Kolumne in den Lübecker Nachrichten und in der Ostsee-Zeitung)

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