Zuerst war Mode ganz egal. Egal im Sinne von völlig egal, man trug irgendwas, das hat die Mutter hingelegt, es hat selten interessiert, was das genau war. Einige Sachen waren kuscheliger als andere, es gab immerhin Nickis und grässliches Wollzeug, aber die Optik war wurscht. Einiges war selbstgemacht, vieles war selbstgeflickt, schon oft gestopft und sowieso vererbt. Wenn man ganz großes Pech hatte, dann bekam man Kleidung als Geschenk zum Geburtstag oder zu Weihnachten. Schlimmer konnte es kaum kommen. Kleidung statt Spielzeug. Das war schlimm. Was die anderen trugen, hat mich auch nicht interessiert. Vieles war aus knisternden Kunststoffen, die Kleider der Damen waren wilder geblümt als jede Frühlingswiese, die Hemden der Männer waren noch gestärkt und saßen wie Rüstungen. Im Winter konnte man an den Pelzmänteln der Damen noch die Einkommen der Herren ablesen. Das waren die Siebziger.

Dann war die Mode nicht mehr egal, sondern peinlich. Nicht die aktuelle, natürlich nicht, aber die vergangene, die der Siebziger. Die war – das kann man gar nicht mehr ausdrücken, wie peinlich die uns war, da konnte man sich nur schütteln. Das musste durchbrochen werden, jeder Look, jedes einzelne Designelement aus dem vergangenen Jahrzehnt musste sterben und gegen einen cooleren, neuen Style getauscht werden. An der falschen Kragenlänge konnte man zweifelsfrei erkennen, wer ein kompletter Vollidiot war. Der Wahrheitsfindung dienten uns die Läden von Jean Pascale oder Fiorucchi und die MTV-Videos. Zum ersten Mal brauchte man Geld für Kleidung. Und zwar dringend und viel. Wir erschufen eine neue Welt, sie war strahlend schön – wie wir auch – und sie war ein Sinnbild für die bessere Zukunft, die wir zweifelsfrei noch vor uns hatten. Heute blickt man schaudernd auf die grotesken Modepeinlichkeiten der Achtziger zurück und versteckt die Bilder mit den hochgeföhnten Frisuren und den Schulterpolstern vor den Kindern. Heute weiß man aber auch nicht mehr recht, welches Jahrzehnt eigentlich peinlicher war, die Siebziger oder die Achtziger.

Dann habe ich Anzug getragen, das war eine einfache Angelegenheit und Mode mir dann doch wieder egal. Ich besaß gar keine Jeans mehr, aber drei gleiche Anzüge und eine Reihe weißer Hemden, der Filmfreund denkt sofort an eine Kleiderschrankszene aus Neuneinhalb Wochen, und zwar berechtigt. Auch wenn der Film aus den Achtzigern war. Die Jugend um mich herum hörte etwas, das Grunge hieß und mir nichts mehr sagte, gut angezogen waren die natürlich auch nicht. Eher ganz im Gegenteil. Meine Frau war älter als ich, ich orientierte mich modisch an gestandenen Herren aus dem Management, da wollte ich hin. Das waren die Neunziger.

Dann kam die Herzdame, die ist jünger als ich. Ich trug dann doch wieder einmal eine Jeans, ich kaufte mir Hoodies und Sneaker, kannte plötzlich wieder Studenten. Ich trug aber meistens doch weiter Anzug und fast nur schwarze Sachen, es war so schön einfach. Ziehste irgendwas an, passt immer alles zusammen. Was das an Zeit spart! Das waren die Nuller.

Dann kamen die Kinder und ich hatte keine Zeit mehr, mich um meine Kleidung zu kümmern. Sie war okay, wenn nicht zu viel Milchkotze- oder Obstbreiflecken drauf waren. Ich war der Papa, der mit Anzug im Sandkasten saß, das war mir auch egal. Das war die erste Hälfte des laufenden Jahrzehnts. Na, so ungefähr jedenfalls.

Ich habe im letzten Jahr einmal für Annette Rufeger fotografiert und sie gerade einmal für “Was machen die da” besucht, beide Male fand ich ihren Beruf faszinierend. Weil mich Mode nie fasziniert hat. Also nicht richtig. Ich kannte mich nie gründlich aus, ich habe mir nie wirklich ausführlich Gedanken über meinen Look gemacht. Ich habe nie nach Kleidung gesucht, sondern immer das Naheliegende gekauft. Aber Mode hätte mich immer interessieren können. Das ist so eines der Themen, die einen ab und zu mal anlächeln, dann flirtet man etwas damit herum, dann sagt man doch wieder nein. Mode – irgendwie reizvoll, aber wer hat dazu Zeit. Aber solche Gespräche mit Menschen aus der Modebranche führen dann doch dazu, dass man sich fragt, was man eigentlich trägt und warum. Und ob das überhaupt so richtig ist. Oder ob es auch auch ganz anders ginge?

Da denkt man etwas herum, was findet man denn überhaupt schön, wer zieht sich eigentlich gut an und wo bekommt er die Sachen her. Man bekommt doch irgendwie ein wenig Lust, sich “gute” Kleidung zu kaufen, wenn man mit solchen Menschen spricht, die sie leidenschaftlich gerne herstellen. Dann macht man aber doch den Kleiderschrank wieder zu und murmelt leise “na ja”.

“Männer sind beim Shoppen scheue Rehe” sagte Annette Rufeger in unserem Interview und das stimmt, was mich betrifft. Ich hasse es, in Läden von Personal angesprochen zu werden, alleine die Möglichkeit ist ein guter Grund, Läden gar nicht erst zu betreten. Und ich mag es nicht, neue Sachen zu tragen, ich finde neue Sachen ganz furchtbar. Angeblich haben englische Gentleman früher ihre neuen Anzüge durch die Butler eintragen lassen, damit sie nicht mehr so peinlich neu aussahen, ich verstehe das. Kleidung online bestellen und in menschenleeren Gegenden heimlich eintragen, das wäre meine Option. Ist das eine Option?

Aber, warum auch immer, Mode wird anscheinend in diesem Jahrzehnt doch ein klein wenig interessanter für mich, und sei es nur als Negativmotivation. Ich finde es zum Beispiel mittlerweile fast unerträglich, in einer dieser Outdoorjacken herumzulaufen, die langsam deutsche Einheitskleidung geworden sind. Ich mache das aber, ich habe ja nichts anderes. Ich muss erst noch etwas finden, was anders ist, aber nicht zu anders. Ich möchte gerne ein wenig anders sein – aber auch nicht herumlaufen und schreien “Guckt mal! Ich bin anders! Und besser!” Ich finde das sehr kompliziert.

Aber spannend ist es, auf solche Themen gestoßen zu werden. Themen, mit denen ich es mir ein Leben lang ziemlich leicht gemacht habe. Das ist eine der amüsanteren Folgen des neuen Projektes, dass ich morgens etwas länger vor dem Kleiderschrank stehe und mich frage, was ich eigentlich warum anziehe. Finde ich gut.

 

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