Im Januar habe ich eindeutig mehr vorgelesen als gelesen. Das liegt auch daran, dass mir die Auswahl der Kinderbücher in diesem Monat besonders viel Spaß gemacht hat. Und daran, dass Sohn I kurz vor dem Selberlesen ist und immer wieder neugierig auf die Seiten linst, auch wenn da gar keine Bilder sind, ob er nicht vielleicht doch schon etwas erkennt. Das eine oder andere kurze Wort? Oder ein paar erste Silben? Er verrenkt sich den Hals, um noch mehr Buchstaben zu sehen und zu verstehen. Ich liebe diese Blicke.

Aber erst einmal: Gelesen

Eduard von Keyserling: Bunte Herzen – zwei Novellen. Um auf ruhige, klare Gedanken zu kommen, gibt es wenig Autoren, die mir so gut geeignet erscheinen wie Keyserling. Je hektischer der Tag, desto bekömmlicher der Ausklang in irgendeinem baltischen Schloß. Hach. Und bewundernswert, wirklich bewundernswert, mit welcher Lässigkeit der Autor die große Liebe an die Wand fahren lässt. Da braucht er nur ein paar Seiten, und es geht vollkommen nachvollziehbar von weltumspannend, herzzersprengend riesengroß und ewig zu herrje, was war ich dummm, aber das war gestern. Das war ein sehr weiser Mann, der Herr von Keyserling.

Peter Rühmkorf: Vorletzte Gedichte. Darüber habe ich hier schon geschrieben.

Peter Rühmkorf: Bleib erschütterbar und widersteh.

Lola

Ein Buch, bei dem man leicht ein schlechtes Gewissen bekommt – und das ist auch gut so. Rühmkorf hat sein Leben als Denker verbracht, jedenfalls in den Phasen der Tage, in denen er klar denken konnte. In den anderen Phasen hat er womöglich gedichtet, wer weiß. Das merkt man den Texten natürlich an, dieses Denken, und da merkt man eben auch, dass man selbst eher weniger denkt. Kann man mal drüber nachdenken, wie wenig man denkt. Wie auch über den Titel des Buches. Eine Aufforderung, die es in sich hat: “Bleib erschütterbar und widersteh”. Auch der Satz ist mindestens einen zweiten Gedanken wert.

Charles Dickens: Heimchen am Herd.

Dickens

Deutsch von Trude Fein. Lohnt schon wegen der ersten Sätze über den Wasserkessel, der zu kochen anfängt und über das Heimchen, also die Grille, die gleichzeitig zirpt und wegen der Einschübe des Erzählers, der in Nebensätzen über sein Erzählen schreibt. So geht sehr gutes Erzählen. Bewundernswert.

Vorgelesen

Ich weiß nicht, was soll es bedeuten. Ja, genau, das Gedicht von Heine. Das kann Sohn I jetzt fast auswendig. Und das kam so: Er blätterte abends in einem Kinderheft über Fantasy-Figuren, voller Gremlins und Harry-Potter-Figuren und mit Bildern von Vampiren und Trollen und allem und dann hatte er eine Frage zu Nixen, ich weiß nicht, was es genau war. Und während ich diese Frage beantwortete, kam ich irgendwie auf die Loreley und erzählte von der Sage und sagte den Anfang des Gedichtes auf. Ein Märchen aus alten Zeiten, das kommt mir nicht aus dem Sinn… Sehr weit kam ich leider nicht, dann musste ich den Rest online nachschlagen und ablesen. Schlimm! Und dann musste ich es natürlich noch einmal in dem Seeelefanten-Tonfall aus Urmel vortragen.

Ich hatte zwei hingerissene Zuhörer, die die Story großartig fanden und das Gedicht noch einmal und noch einmal hören wollten. Und dann lasen wir alles, was man in der Wikipedia über die Loreley finde kann, das ist gar nicht so wenig. Und dann haben wir uns auf dem Tablet die Bilder dazu angesehen, die vom Felsen und vom Rhein. Und Filme, etwa wie ein Hubschrauber über die Rheinkurven fliegt und die Szenerie von oben filmt, über die Burgen und den Felsen. Und dann sehr viele Bilder mit Darstellungen der Loreley, quer durch die Kunstgeschichte. Immer wieder faszinierend, wie Kinder bei der Stange bleiben, wenn sie etwas interessiert, wieviel Wissen sie aufsaugen. Sohn I blieb dann bei den Darstellungen der Loreley hängen, die Sache mit der schönsten Jungfrau sprach ihn offensichtlich doch sehr an. Je blonder und langhaariger die Damen auf den Darstellungen, desto entzückter der Sohn. Sohn II dagegen fand das Lied schön und hat sich etliche verschiedene Aufnahmen angehört. Klassische Aufnahmen, Schlager, Choreinspielungen, man findet so viel. Und dann ist so ein Abend auch schon vorbei und man hat ganz ungeplant einen Loreley-Themenabend abgehalten. Geht doch.

 Und Sohn I denkt immer noch darüber nach, wieso man in dem Gedicht eigentlich “Melodei” sagen darf und sogar muss, nicht Melodie. Kleinigkeiten, die sehr kompliziert sind. “Es heißt doch aber gar nicht so!” “Wir verstehen es dennoch. Das Lied hat eine wundersame, gewaltige Melodei – das versteht man.” “Ja. Aber warum? Man kann ja nicht alles einfach ändern, das geht auch nicht. Dann versteht man nichts mehr. Aber Melodei geht.”

Astrid Lindgren: Immer dieser Michel. Deutsch von Karl Kurt Peters, Zeichnungen von Björn Berg. Dazu muss man nicht viel sagen, oder? Außer dass es ein völlig plausibler und zureichender Grund für die Familienplanung ist, endlich Lindgren vorlesen zu können. Was für eine Freude. Immer wieder. Wer hat nicht seine Kindheit zumindest teilweise in Lönneberga verbracht? Oder in Bullerbü, in Nangijala, im Land Außerhalb? Eben. Das Land Außerhalb, falls Sie das übrigens nicht erinnern, kommt aus “Mio, mein Mio”, meinem damaligen Lieblingsbuch von Lindgren. Das scheint heute nicht ganz so beliebt zu sein, mir war es damals eine Offenbarung. Michel jedenfalls gehört zu den Büchern, die man immer wieder gerne vorliest. Es ist eines der Bücher an denen man vorbei geht und nach einem Seitenblick denkt, ach, les ich doch mal eine halbe Stunde vor. Und dann werden es zwei Stunden. Und so muss es ja sein.

Astrid Lindgren: Wir Kinder aus Bullerbü. Deutsch von Ilon Wikland, Bilder von Karl Kurt Peters. Auch so ein Kindheits-Backflash. Wobei der Michel schon deutlich unterhaltsamer ist. Bullerbü ist viel braver, als ich es in Erinnerung hatte.

Enid Blyton: Fünf Freunde – wie alles begann. Deutsch von Dr. Werner Licke, illustriert von Eileen A. Soper. Aber faszinierend: Daraus habe ich gar nicht so wenige Seiten vorgelesen und ich habe nicht die leiseste Erinnerung daran. Autopilot? Oder handelt es sich bei Enid Blyton um Werke, die Kinder für alle Zeiten faszinierend finden werden und die Erwachsene nicht mehr im mindesten berühren? Eben noch einmal hneingeblättert: das ist wirklich sterbenslangweilig. Sohn I sitzt allerdings aufgeregt wartend daneben. Na, egal.

Eduard Rhein: Mecki bei den Indianern. Bilder von Wilhelm Petersen. Das ist hoffnungslos veraltet, völlig unzeitgemäß und pädagogisch seltsam, to say the least. Aber Sohn I liebt Mecki, seit er irgendwann die alten Bände der Herzdame gefunden hat, die vermutlich noch von Opa stammen.

Katja Gehrmann: Gans der Bär.

Gans der Bär

Gans der Bär

Die kleine Gans hält den großen, starken Bären für ihre Mama und denkt gar nicht daran, sich vom Gegenteil überzeugen zu lassen. Sie kann doch alles, was der Bär kann, sie ist eben Gans der Bär. Haben Sie einmal einen Vierjährigen erlebt, der ganz langsam so einen Wortwitz kapiert? Das sollte man einmal erlebt haben. Sehr schönes Bilderbuch, der Monatsfavorit von Sohn II.

Außerdem eine ganze Reihe der deutschen Ausgaben von „Charlie und Lola gelesen und zwar sehr gerne gelesen. Kann man hervorragend intonieren, mit schön schrägen Dialogen und einem Humor, der nicht nur den Kindern gefällt. Ich mag die Reihe auch in der deutschen Filmausgabe. Die Bücher dazu werden hier immer wieder nachgefragt. Weil sie, wie Lola sagen würde, “apselut besonders sehr” interessant und lustig sind.

Und eine ganze Reihe “Willi Wiberg” – inklusive langer Diskussionen mit den Söhnen, warum in den Büchern denn keine Mutter vorkommt. Und warum sie eigentlich kein einziges Kind kennen, das beim Vater lebt, aber sehr wohl ein paar Kinder, die bei den Müttern leben. Es ist kompliziert, das habe sie dann jedenfalls verstanden.

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Gespielt

Ubongo. Ein Brettspiel, das schon ein paar Preise gewonnen hat. Man kann es gut mit Sohn II spielen, jedenfalls wenn man ausreichend Erfahrung im Umgang mit Wildkatzen, Cholerikern und Explosivstoffen hat. Nicht ungefährlich, aber in guten Momenten wirklich spaßig.

Uno.

Uno

 

Ein Kartenspiel. Das kann Sohn I endlos spielen, am liebsten mit mir. Wobei es etwas allerdings doch etwas nervt, dass er dauernd behauptet, Sven könne das besser als ich. Nur weil er es einmal von ihm gelernt hat. Schlimm.

Gesehen

Ich habe tatsächlich Filme gesehen! Das war wirklich ein exotischer Monat.

“Casanovas Rückkehr”, ein Film von Édouards Niermans, mit Alain Delon in der Hauptrolle. Eine Verfilmung der Novelle von Schnitzler, übrigens auch ein lesenswertes Stück, wie man überhaupt Schnitzler ruhig mal lesen kann. “Leutnant Gustl” zum Beispiel ist ein literarisches Erlebnis erster Klasse, aber darum geht es jetzt nicht. Der Film ist eine schöne Ausstattungsorgie mit wirklich grandios gut besetzten Nebenrollen, fast durchweg. Der Olivio! So hat man ihn sich vorgestellt, das passt perfekt Und mit einem so überzeugend gelangweilten, genervten, müden Delon, dass man gar nicht recht weiß, findet er nun die Rolle so unsagbar bescheuert oder gibt er den alternden Casanova so überzeugend. Den fast abgehalfterten Prince Charming, der bei den Damen nicht mehr so ankommt wie früher und der ganz ungewohnt tricksen muss, um endlich doch noch im Bett der jugendschönen Marcolina zu landen. Ein ruhiger Film mit sehr viel Hübschigkeit. Hat mir gefallen.

Verlorene Liebesmüh’”. Kenneth Brannagh hat die Shakespeare-Sache eigentlich im Griff, dieser Film war mir aber doch zu zuckrig. Nett, aber sehr süß. Wie hießen noch diese Bonbons im bunten Glitzerpapier? Quality Street? Genau so.

Sex up your life. Das ist eine kanadische Komödie über Sex. Ich kannte weder Regie noch eine Darstellerin noch sonst jemanden und ich habe sehr gelacht. Damit rechnet man ja auch nicht. Verblüffend freizügig, aber der Film ist eben aus Kanada, nicht aus dem großen Land darunter. Da wäre dieser Film wohl nicht möglich gewesen. Nein, sicher nicht. Oh nein.

Gehört

Richard Tauber, ziemlich viel sogar. Hier ein Stück aus dem Abschiedskonzert mit Franz Léhar 1946. Großartige Sache.

Und von ihm kam ich dann irgendwie zu Matthias Goerne, den ich gar nicht kannte, ich kenne mich mit klassischer Musik nach wie vor überhaupt nicht aus.

Als Kontrastprogramm ziemlich oft La Caravane passe – hervorragende Aufwachmusik. Kann ruhig laut, kann auch sehr laut. Und gefällt auch den Söhnen sehr gut – das geht ab. Die Söhne üben gerade eine Choreografie dazu ein, das war ihre eigene Idee und geht erstaunlich gut los, ist aber auf Dauer nicht gut für die Wohnzimmereinrichtung.

 

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