Als wir vor sieben Jahren in diese Wohnung zogen, war die Einrichtung des Kinderzimmers natürlich der spannendste Teil der Unternehmung. Ein Kinderzimmer hatten wir bis dahin noch nie eingerichtet, daneben kamen andere Aufgaben etwas zu kurz. Meine Bücher z.B. habe ich einfach irgendwie in die Regale gestellt, unsortiert und teils sogar zweireihig. Die mussten eben erst einmal aus den Kartons raus, zum Sortieren würde später auch noch Zeit sein.  Dann kam Sohn I und ich hatte zu gar nichts mehr Zeit und wenn ich doch einmal Zeit hatte, dann war ich zu müde für alles. Als ich gerade einmal nicht müde war und auch noch Zeit hatte, kam Sohn II und zack, waren noch einmal vier Jahre vergangen. In all den Jahren habe ich Bücher dazugekauft und sie immer einfach irgendwo ins Regal gestellt oder oben drauf gelegt, wo gerade Platz war.

Am 31. Dezember 2013 spielten die beiden Söhne friedlich miteinander im Kinderzimmer. Stundenlang. Sie brauchten keine Betreuung, keine Bespaßung. Ich stand vor den Bücherregalen und dachte ach, jetzt kannste doch mal eben wenigstens die deutschen Klassiker zusammen stellen, ist ja schnell gemacht. Kurz vor dem Ende des Jahres noch etwas mit Sinn anfangen! Ich nahm ein paar Bände in die Hand, schob Bücher hin und her und suchte mir ein Regalbrett aus, das mir geeignet schien, fortan als Startpunkt einer neuen Ordnung zu gelten. Natürlich war das Brett aber schon mit anderen Büchern vollgestellt, also mussten diese erst einmal auf dem Fußboden zwischengeparkt werden. Ich sortierte Goethe neben Schiller und so weiter, wie man die eben so in sinnige Grüppchen packt. Ich habe die Herren noch in Werkausgaben, weil ich im Buchhandel gelegentlich in Naturalien bezahlt wurde. Ich graste die Regale nach verwandten Klassikern ab, packte Bücher hin und her und auf Stapel und in Regale und da ich schon so schön dabei war, sortierte ich auch gleich noch ein paar neuere Autoren dahinter, bis an die Gegenwart heran. So viele Bücher habe ich gar nicht, aber wenn man sie aus dem Regal nimmt, scheinen sie ihr Volumen plötzlich zu verdreifachen. Es ist ein wirklich verblüffender Effekt, den ich schon damals im Antiquariat nie verstanden habe. Ich legte die  englischen Klassiker, die mir beim Räumen begegneten, schon einmal zusammen, ein paar Franzosen fanden auch zueinander. Dann sah ich auf die Uhr und stellte fest, dass in den letzten paar Minuten vier Stunden vergangen waren. Dann sah ich auf die Bücherregale, die mittlerweile aussahen, als hätte man eine Buchhandlung gesprengt. Und dann wurde es sehr, sehr sportlich, denn ich wollte mit dieser Unordnung nicht das Jahr wechseln, manchmal reitet einen plötzlich ein ganz seltsamer Aberglaube. Zur alten Unordnung zurück ging es natürlich auch nicht, also räumte ich zusehends hektisch weiter, wobei ich immer wieder alles komplett verschieben musste, weil ich irgendwelche dicken Bände übersehen hatte, die dann nicht mehr passten. Wenn man das jeden Tag machen würde, man müsste sich kein Fitness-Studio mehr suchen.

Das wurde dann alles gerade noch rechtzeitig fertig und ich sah mit einiger Überraschung auf die frisch wiederhergestellte Ordnung der Bücher. Da standen jetzt nämlich Autoren zusammen, die auch zusammen gehörten, und da waren einige überraschende Häufungen dabei. Wieso habe ich so viel Urs  Widmer? Das hätte ich gar nicht mehr gewusst. Und eine ganze Reihe Evelyn Waugh, auch überraschend. Wobei der natürlich großartig ist, gar keine Frage. Bei dem Widmer könnte ich aber gar nicht genau sagen, wie ich den heute finden würde, den habe ich in den Neunzigern gemocht und nie wieder in der Hand gehabt. Demnächst mal wieder reinlesen!

Eine ganze Menge von Peter Rühmkorf, da bin ich dann hängengeblieben. Das ist einer der Dichter, bei dem ich immer seine Stimme höre, wenn ich seine Gedichte lese. Er klingt so, es gibt viele hervorragende Aufnahmen von ihm, viele mit Jazzbegeleitung. Einprägsam, diese Stimme, finde ich. Wie auch die von Kästner, wo ich schon dabei bin.  Kennen Sie die von dirty old Brecht? Hat doch was. Ich habe vor Jahren auch schon einmal auf diese überaus verblüffende Aufnahme von Benn hingewiesen. Da kann man immer weiter suchen, eine spannende Angelegenheit. Leider findet man keine Aufnahmen von Tucholsky oder Ringelnatz, es ist jammerschade.

Ein wenig im Rühmkorf geblättert. Wieder weggelegt, am nächsten Tag doch wieder weitergeblättert, an dem bleibe ich immer gerne hängen. Mal verstehe ich ihn, mal verstehe ich überhaupt nichts, das macht nichts. Das ist wie in Galerien mit moderner Kunst, mal ein geflüstertes “wow”, mal ein schulterzuckendes “hä?” – ich habe gar keinen Ehrgeiz, alles zu verstehen, ich bin erfreulicherweise kein Germanist. Ich blättere einfach weiter. Ein, zwei Seiten später hat er mich schon wieder und ich lag dann am 1. Januar abends laut lachend im Bett, mit den unten stehenden großartigen Zeilen zum Neuen Jahr vor Augen. Was für ein Treffer. Man sollte vielleicht öfter in die Bücher sehen, die man schon hat.

Dreisprung – 3 x vertreten

Alles, was was ist

schmeiß ich auf den Mist.

 

Alles, was was war

spül ich ins Pissoir.

 

Nur was gar nichts werden kann

fang ich gleich noch heute an.

 

(Peter Rühmkorf, “Wenn – aber dann. Vorletzte Gedichte”)

 

 

 

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