Ich war am Dienstag den ganzen Tag auf der TedxHamburg, die Organisatoren hatten mich dazu eingeladen. Und das war tatsächlich eine interessante, tolle Veranstaltung, sehr dicht, sehr informativ und anregend, gar keine Frage, das hat sich gelohnt. Über das Programm haben Kiki und Oliver schon detailliert geschrieben, da halte ich mich jetzt zurück, das bringt keinen Mehrwert, wenn ich auch noch eine weitere Aufzählung der Vorträge poste. Nein, da bleibe ich doch lieber mehr im Allgemeinen und spare mir die Fleißarbeit.

Ich habe jedenfalls im Laufe des Tages gemerkt, wie angenehm es ist, sich ab und zu mit eher fremden Themen zu beschäftigen. Wie schön es ist, sich einfach mal etwas anzuhören, von dem man keinen Schimmer hat, zu irgendeinem Thema, das mit dem Alltag nichts zu tun hat. Sofern es nur kompetent genug präsentiert wird ist es doch meist eine Bereicherung und meine Lust, thematisch querzuschlagen, umtriebig zu sein, vieles zu versuchen, anders zu denken, neu zu denken, sie ist eher noch gestiegen, das finde ich angenehm. Das Thema City 2.0, Stadtentwicklung, es war natürlich auch gut geeignet, selbst denen etwas zu sagen, die dazu noch nie etwas von Fachleuten gehört hatten. Als Stadtbewohner fühlt man sich immerhin quasi per Anwohnerrecht mitspracheberechtigt, wenn es um die Zukunft der Städte geht. Das gilt ganz allgemein, das gilt aber auch bei Spezialthemen, wie etwa der Organisation von Parkraum oder der Belebung von Einkaufszentren. Man hat im Grunde auf diesem Gebiet keine rechte Bildung, ziemlich oft aber doch eine Ahnung und verblüffend oft auch eine Meinung. Ähnlich wie bei der Erziehung.

Die Grundidee der TED-Veranstaltungen, Redner genormt 18 Minuten lang reden zu lassen – ich halte das jetzt für eine sehr gute Idee. Alle Vorträge waren komprimiert und durchdacht, niemand hat sich gehen lassen, niemand franste thematisch aus. In 18 Minuten kommt man verblüffend weit in ein Thema, wenn man es nur schlau genug anstellt, auch das fand ich beeindruckend. Ich würde allerdings nicht so dermaßen viele Redner auftreten lassen. Erstens ist es gemein gegenüber den letzten Gästen auf der Bühne, denen keiner mehr richtig zuhören kann, zweitens verlässt man die Veranstaltung als Zuhörer trotz aller Inspiration unweigerlich in komatösem Zustand. Statt der letzten drei Reden hätte ich auch Radio Moskau hören können, bei gleichem Erkenntnisgewinn. Irgendwann kann man eben nicht mehr.

Aber wie gesagt, es war toll und ich würde da wieder hingehen. Ich wäre diesmal ohne Einladung aber sicher nicht hingegangen, der Eintritt von 119 Euro wäre mir dann doch zu viel gewesen, das ist schon ein sehr sportlicher Eintrittspreis. Ich habe keine Vergleichspreise im Kopf, ich bin so gar kein Kongresstourist, aber ich halte das für einen deutlich abschreckenden Preis.

Ich wäre dieses Mal aber auch schon deswegen nicht hingegangen, weil ich von der Veranstaltung ohne die Einladung gar nichts mitbekommen hätte. Zumindest nicht rechtzeitig. Ich habe weder Plakate gesehen noch online jemanden davon schreiben sehen, was ich reichlich merkwürdig finde. Da hat in der Kommunikation etwas überhaupt nicht funktioniert, da war etwas komplett kaputt. Wie man hört, gab es einige Schwierigkeiten, die Karten loszuwerden, das wundert einen dann nicht.

Aber wie gesagt, es war toll und ich würde da wieder hingehen. Wenn auch nicht so gerne in den kleinen Saal der Laeiszhalle, eine Location, die sich als gänzlich ungeeignet erwiesen hat. Der Sauerstoff war nach drei Stunden verbraucht, zum Nachmittag hin wurde die Luft unerträglich und es war kein heißer Tag. 300 Menschen oder mehr sieben Stunden in einem Raum ohne auch nur halbwegs ausreichende Belüftung, das ist schon eine seltsame Idee. Wobei ich übrigens vorschlagen möchte, den Spaßvogel, der beim Catering ausgerechnet Gerichte mit Linsen und Bohnen bestellt hat, angemessen schwer zu bestrafen. Die Luft war gegen 16 Uhr nicht nur sauerstofffrei, sie war auch entflammbar.

Aber wie gesagt, es war eine tolle Veranstaltung und ich würde da wieder hingehen. Wenn auch noch viel lieber, wenn die Frauenquote auf der Bühne bei 50% oder mehr liegen würde. Die Frauenquote am Dienstag war indiskutabel, die erste Frau war erst nach drei Stunden auf der Bühne, ich habe kein Verständnis für so etwas. Zumal dadurch dieser bestimmte Typ des mittelalten weißen Mittelklassemachertyps fast den ganzen Tag die Bühne bestimmte, was ich auch angesichts des Themas für ein völlig falsches Signal halte. Der weiße mittelalte Mittelklassemachertyp, zu dessen Auftritt man immer die Hymne von Bob, dem Baumeister, abspielen möchte “Ja, wir schaffen das”, er wird die Welt nämlich nicht mehr retten. Die Megastadt der Gegenwart und der Zukunft wird von Chinesen bewohnt, von Mexikanern, Indern, Afrikanern. Und die werden nicht von europäischen und auch nicht von nordamerikanischen Werten geprägt. Und man darf getrost bezweifeln, dass die nur passiv in ihren Slums hocken und auf Bob, den Baumeister warten, der ihnen erklärt, wie sie mit der Planierraupe ihre Probleme lösen können. Die Welt ist nicht mehr so, schon ziemlich lange nicht mehr. Es spricht nichts gegen die Männer, die da auf der Bühne standen, die machen einen tollen Job, die werden gebraucht und die sollen das natürlich weiter tun – aber in der Gesamtheit des Tages entstand doch ein für mich falsches Bild von Bessermachern, für die alles Projekt ist, alles Challenge. Das ist übrigens auch nicht der Typ Mensch, der sich geschichtlich als Weltretter erwiesen hat. Es hätten doch auch Inderinnen sprechen können, Frauen aus Rio oder Jugendliche aus Johannesburg, ich hätte das vollkommen angemessen gefunden. Es gibt auch spannende Integrationsprojekte in Deutschland. glaube ich. Das Thema Migration kam überhaupt sehr kurz, das hat mich gewundert, es ist doch in Städten eines der wichtigsten, und das wird auch noch sehr lange so sein.

Da mich das Gesamtbild der Sprecher im Laufe des Tages immer mehr störte, reagierte ich dann zunehmend gereizt auf die Schlüsselsätze der ganzen mittelalten Mittelklassemacher, etwa bei dem Mann, der betont federnd die Bühne betrat und gleich sagte “I’m a serial entrepreneur, I don’t fit into a regular job.” Wenn man die Szene der digitalen Projektmachos ein wenig kennt, dann weiß man, dass “serial entrepreneur” oft genug nur heißt “ich habe schon drei Unternehmungen an die Wand gefahren” und “I don’t fit into a regular job” vermutlich die Übersetzung von “ich überschätze mich aber dennoch immer fröhlich weiter” ist. Und beide Halbsätze zusammen heißen eh nur, dass er sich für einen besonders tollen Hecht hält, das will ich aber gar nicht wissen. “I don’t fit into a regular job” sang der Mann auf der Bühne, und “Ja, wir schaffen das” brüllte der Chor im Publikum, vielleicht war ich da aber auch nur kurz eingeschlafen. Ich halte es für erstrebenswert, Dinge zu regeln, in Angriff zu nehmen, das Neue in die Welt zu bringen, sich weiter zu entwickeln, das Umfeld zu verwandeln – aber man kann das doch auf mehr Arten tun, als es typische Powerpointhelden repräsentieren können. Nur in einem Einspielfilm aus Los Angeles klang das ein wenig an, dass andere Typen Probleme anders angehen. Übrigens ein sehenswerter TED-Talk, dieser Film, den sollten Sie sich auch einmal ansehen.

Aber wie gesagt, es war – bei aller Kritik – eine tolle Veranstaltung und ich würde da wieder hingehen, und das meine ich völlig ernst. Denn auch das, was mich gestört hat, fand ich lehrreich. Und dann ging das Konzept wohl auf. Die Filme der Vorträge kann man sich zwar alle auch online ansehen, aber die Atmosphäre vor Ort ist schon etwas Besonderes und die Gelegenheit, das Gehörte gleich mit den Sitznachbarn aus der Hamburger Blogmafia oder auch wildfremden anderen Gästen zu besprechen, ist fraglos reizvoll.

Im September gibt es übrigens eine TedxBerlin – falls das noch jemand einplanen möchte?

 

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