Wahrscheinlich wissen mittlerweile wirklich viele Menschen, was ein Erikativ ist, aber selbst wenn Sie diese Erkenntnis bisher verpasst haben, ist das Wissen doch schnell nachgeholt. Die schon legendäre Disney-Übersetzerin Erika Fuchs (1906 bis 2005) prägte diese besondere Verbform im Deutschen maßgeblich. Eine Form, bei der das Wort, welches die Handlung beschreibt, auf den Stamm verkürzt wird: “kreisch”. Die Verwendung dieser Kurzform in den Disney-Comics hatte eine solch durchschlagende Wirkung bei der damaligen Jugend, dass sich dieser Kunstgriff der Grammatik in den alltäglichen Sprachgebrauch eingebürgert hat. Wenn Ihnen also heute ein Teller herunterfällt und Sie, noch während die Scherben an die Wände klirren, leise “schepper” murmeln, dann wissen Sie jetzt, wem Sie das sprachliche Muster verdanken. Oder wenn Sie am Morgen im Büro ihr Postfach bestaunen und angesichts der dreistelligen Zahl ungelesener Mails ein mutloses “stöhn” von sich geben – es ist ein Erikativ, und man sollte das im Andenken an eine große, sprachschöpfende Übersetzerin auch so benennen, auch wenn verknöcherte Sprachwissenschaftler diese Bezeichnung noch als scherzhaft klassifizieren. Personen, die diese Verbform hartnäckig als Inflektiv bezeichnen, was zwar auch korrekt, aber ehrlos ist, machen sich verdächtig. Zumindest bei mir.

Der Erikativ ist also bereits in sich ein Stück Literaturgeschichte, es gibt aber natürlich auch einprägsame Verwendungsbeispiele in Romanen, Erzählungen etc., die von bekannten Autoren stammen. Ich weiß nicht, ob es schon spannende Doktorarbeiten über die Verwendung des Erikativs in der deutschen Gegenwartsliteratur gibt, aber ich gehe fest davon aus. Immerhin kann man sehr präzise Wirkungen mit einem Erikativ erzielen, es ist ein Stilmittel von besonderer Kraft. Ich las beispielsweise einmal von einem Mann, der mit einer Frau schlief und dabei “begatt” vor sich hinmurmelte. Wenn ich es recht erinnere, was allerdings nach all den Jahren ein wenig fragwürdig ist, war das in dem Erzählband “Schönheit in Waffen” von Peter Glaser, etwa Mitte der Achtziger Jahre erschienen, ein Buch übrigens, das mich damals sehr begeistert hat. Mittlerweile bekommt man es wohl leider nur noch antiquarisch.

“Begatt” ist nun zweifelsfrei einer der besten Erikative, den ich je gelesen habe. Leider ist es auch ein ganz besonders einprägsamer. Ich meine, das habe ich etwa 1987 gelesen und ich habe seit dem quasi kein einziges Mal mit einer Frau geschlafen, ohne … ach, egal. Es gibt keine Selbsthilfegruppen für die manchmal verheerenden Folgen von Literatur, ich weiß.

Sollten Sie allerdings jetzt bei Ihrem nächsten Mal auch zwanghaft dieses Wort denken oder gar murmeln, so tut mir das natürlich aufrichtig leid. Aber Sie werden es erleben: Die ersten drei, vier Male ist es noch ganz lustig.


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