Die Söhne sind jetzt in dem Alter, in dem man mit ihnen Brettspiele machen kann, zumindest simple Varianten gehen auch schon mit Sohn II. Brettspiele bringen es nun aber dummerweise mit sich, dass einer gewinnt und einer verliert, was natürlich seine ganz eigene Tragik hat. Das ist eine notwendige Entwicklungsstufe, da muss man durch. Das Leben besteht eben nicht nur aus einer einzigen Reihe strahlender Siege. Und ich halte überhaupt nichts davon, jemanden absichtlich gewinnen zu lassen. Nein, man muss es auch dulden und ertragen können, dass andere vorne sind, gewinnen, sich freuen und mit Siegesgeheul um den Tisch tanzen.

Die meisten werden noch erinnern, dass man das in der Kindheit nicht gerade binnen zwei Stunden gelernt hat. Es erfordert vielmehr etliche Spielrunden, bis auch die Verlierer, bleich aber gefasst, ohne Türenknallen, Handgreiflichkeiten und Brüllen schlicht zur nächsten Runde übergehen können. Und bis sie dann beim Würfeln auch nicht schummeln, um dem flüchtigen Glück künftig selbst auf die Sprünge zu helfen. Je nach Charakter kann die Phase der verzögerten Einsicht sogar verblüffend lange anhalten, aber irgendwann lernen es alle. Wir haben daher auch eine Engelsgeduld mit unserem kleinen familiären Problemfall. Wir reden, wir erklären, wir beruhigen.

Aber auch nach etlichen Spielrunden bleibt die Situation immer noch herausfordernd. Auch wenn das Gebrüll nach der Niederlage immerhin der bebend vorgeschobenen Unterlippe gewichen ist, man muss da sicher auch kleine Erfolge sehen. Die Spielfiguren fliegen wenigstens nicht mehr in die Zimmerecke.

Aber immer noch will die Herzdame partout nicht glauben, dass ihre Niederlagen beim Mensch ärgere dich nicht mit rechten Dingen zugehen, da können ihr die pädagogisch bemühten Söhne noch so lange erklären, dass Verlieren völlig in Ordnung und wirklich ganz normal ist.

(Dieser Text erschien als Kolumne in den Lübecker Nachrichten und in der Ostsee-Zeitung)


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