Eiderstedt

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Na gut, von Eiderstedt ist gar nicht viel zu sehen, zumal der Blick weg von der Halbinsel geht, hinaus auf die Nordsee, die irgendwo da ganz weit hinten ist. Und die man nur sehen kann, wenn man auf den Deich klettert und auf der Krone steht, so wie die Jungs hier am Eidersperrwerk. Und die Deiche sind natürlich auch nicht überall geteert. Die Wolken sehen nach Regen aus, es gab aber keinen. Es ist wirklich kein idyllisches Eiderstedtbild.

Aber irgendwie doch.

Quivit

Sollten Sie jetzt gerade bei der Überschrift bereits eine brauchbare Assoziation gehabt haben – ich gratuliere zu Ihrer Belesenheit. Ich hatte bis vor ein paar Tagen gar keine Vorstellung von diesem Wort, das hat sich erst im Urlaub auf dem Bauernhof auf Eiderstedt geändert, da allerdings gründlich. Da habe ich, es wurde bereits in der letzten Leseliste erwähnt, die Märchen von Andersen wieder einmal gelesen, zum ersten Mal seit der Kindheit nehme ich an.

Bei Andersen gibt es das Märchen vom Däumelinchen, es ist eines der Märchen, die mir gar nicht mehr präsent waren. Es handelt von einem kleinen, einem sehr, sehr kleinen Mädchen, das von allerlei Tieren nacheinander geraubt wird. Die Tiere wollen sie jeweils behalten und heiraten, es handelt sich aber um eher grässliche Geschöpfe wie Kröten und Käfer. Sie flieht also ein ums andere Mal. Sie flüchtet sich schließlich kurz vorm Kälte- und Hungertod zu einer Feldmaus, bei der sie Nahrung erhält. Allerdings will die Feldmaus sie mit ihrem Nachbarn, einem unsympathischen Maulwurf verheiraten. In der Höhle des Maulwurfs liegt ein toter Vogel, eine Schwalbe. Däumelinchen lehnt bedauernd den Kopf an den Vogel und merkt, dass er noch lebt, er ist vor Erschöpfung abgestürzt, auf dem Weg in den Süden. Sie pflegt ihn heimlich und hilft ihm durch den Winter. Schließlich verhilft die wiederbelebte Schwalbe ihr im nächsten Herbst zur Flucht in den sonnigen Süden, wo sie sich prompt in einen attraktiven Blumenengel verliebt. Sie winkt der Schalbe zum Abschied zu und, ich zitiere:

“Lebe wohl, lebe wohl”, sagte die kleine Schwalbe und flog wieder fort von den warmen Ländern, weit weg nach Deutschland zurück; dort hatte sie ein Nest über dem Fenster, wo der Mann wohnt, der Märchen erzählen kann, vor ihm sang sie ihr “Quivit, quivit!” Daher wissen wir die Geschichte.”

Das also las ich abends im Bett und am Morgen wachte ich auf, weil es über mir verblüffend laut “Quivit, quivit!” rief. Ausgesprochen fröhlich klingende Rufe waren das, munter und hochgestimmt und sie kamen von zwei Schwalben, die durchs offene Fenster ins Schlafzimmer geflogen waren und jetzt auf der Tür saßen und sich prächtig zu amüsieren schienen: “Quivit!”

Wie man sich vorstellen kann, hörte ich ihnen einigermaßen angestrengt zu, man will ja in solchen leicht surrealen Momenten weder zu sehr an seinem Verstand zweifeln, noch die entscheidende Inspiration für das nächste Buch verpassen, versteht sich. Sie blieben aber nur bei “Quivit”, mehr haben sie mir nicht erzählt. Vielleicht bin ich einfach nicht Märchenerzähler genug.

Und es gab übrigens auch gar keinen Grund an meinem Verstand zu zweifeln, die Schwalben kamen immer wieder, sobald wir die Fenster aufmachten. Sie flogen ins Schlafzimmer und ins Wohnzimmer, sie drehten äußerst elegante Kurven, pausierten auf Regalen und Türen, schienen sich manchmal leise und wie gurrend zu unterhalten, als würden sie die nächsten Manöver absprechen, jubilierten dann wieder im Losfliegen ihr “Quivit!” Flogen raus und flogen rein, es war mehr ihre Wohnung als unsere, obwohl sie doch auch nur Saisongäste waren. Aber eben schon wesentlich länger und häufiger als wir, das merkte man.

Sie waren auch gar nicht scheu. Man konnte ganz nah herangehen, bevor sie vom Regal hüpften und abhoben. Wenn eine Schwalbe losfliegt, dann wirft sie sich hoch in die Luft und lässt sich dann ein klein wenig stürzen, die Brust ganz vorgereckt, die Flügel nach hinten gezogen, sie stürzen und fangen sich dann sehr elegant wieder auf, drehen ab und ihre Rufe klingen, als würden sie lachen. Es scheint ihnen Spaß zu machen, wie sie sich in die Luft hineinstürzen. Bei Andersen steht die Schwalbe für die Lebensfreude, für die Lust am Sommer und an der Sonne, am Licht. Würde man sich als Erzähler so freudig und rückhaltlos in den Stoff stürzen, man würde vielleicht viel mehr erzählen? Ich habe dann auf Facebook geschrieben:

“Ich bin also gerade auf Eiderstedt in einer Wohnung, durch die Schwalben fliegen. Ich möchte hier bitte sitzenbleiben und einen sehr luftigen Roman schreiben.”

Und da schrieb gleich jemand drunter, dass das schon einmal ein guter Anfang sei. Aber was soll’s, die Schwalben habe mir ja mehr nicht erzählt. Schade eigentlich. Oder muss man sich für solche Erzählungen erst etwas näher kennenlernen? Sollte ich für das nächste Jahr gleich wieder diesen Hof buchen? Ich muss nachdenken.

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Eiderstedt – die Umkehr von Oben und Unten

Wir waren also eine Woche auf einem Bauernhof auf der Halbinsel Eiderstedt. Wenn Sie die nicht kennen, das ist diese große Ausbuchtung an der westdeutschen Küste in Schleswig-Holstein, etwa zwischen Tönning und Husum. An der Westspitze sitzt wie ein Fremdkörper die Übernachtungsrekordstadt Sankt Peter-Ording, das touristische Megagebilde dort hat mit der restlichen Halbinsel allerdings wenig gemein. Im Veranstaltungskalender von Sankt Peter-Ording findet man Perlen wie etwa das Seminar “Dog Coaching für Manager – testen Sie Ihr Führungswissen an Hunden”, in der Schwimmhalle von Sankt Peter-Ording gibt es Pommes mit Parmesan und Trüffelöl als Imbiss, da wird man sich in etwa vorstellen können, warum der gemeine Eiderstedter Bauer bei der Erwähnung von Sankt Peter-Ording mit den Schultern zuckt und den Kopf schüttelt.

Eiderstedt ist Neuland, nicht im Sinne des merkwürdigen Merkelvokabulars, sondern wörtlich. Das Land wurde komplett durch Eindeichung um ehemalige Inseln herum gewonnen, die ganze Halbinsel. Daher ist es dort flach, so flach, wie es nur irgendwo sein kann. Alles liegt auf Meereshöhe oder sogar knapp drunter. Wenn man da also längs fährt und es bergauf geht, dann ist man am Deich, das ist leicht zu merken. Wobei man vielleicht am Deich, aber noch nicht unbedingt am Meer ist, denn das Gebiet ist von alten Deichen durchzogen, die die Linien markieren, an denen das Meer einmal war, vor hundert Jahren, vor fünfhundert Jahren oder wann auch immer. Oder wo das Meer vielleicht auch einmal wieder sein wird, wer weiß.

Flach ist es dort also, sehr flach, wahnsinnig flach. Man sieht, haha, am Morgen schon, wer am Abend zu Besuch kommt, alter Küstenwitz. Stimmt aber tatsächlich, wenn der Besuch denn zu Fuß geht. Und das, was da flach herumliegt, besteht hauptsächlich aus Äckern, Weiden und Gräben. Aus enorm grünen Weiden, die sehen fruchtbar wie im Bilderbuch aus, man möchte geradezu Kuh sein, wenn man die sieht, so nahrhaft wirken die. Und es besteht aus sehr langen Gräben, aus insgesamt etwa 5.000 Kilometern Gräben, die die Halbinsel entwässern. Die säuft sonst nämlich wieder ab, nicht nur bei Sturmflut, sondern auch bei Regen.

Es gibt Touristen, die fahren nach Eiderstedt und machen das ganze touristische Programm mit, ohne überhaupt zu merken, dass die Landschaft toll ist. Die fahren an den Strand, machen Wattwanderungen und so weiter, das normale Küstenprogramm eben. Die merken dann, dass sie im Meer baden, sonst merken sie aber nix, das Hinterland ist nur die Zugabe und irgendwie egal. Die Gegend scheint nicht bei jedem gut anzukommen. Und es gibt Touristen, die können auf Eiderstedt stundenlang an einem Acker stehen und in die Gegend gucken. Und dann drei Meter weitergehen und wieder gucken. Dazu gehören die Herzdame und ich. Als wir vor sieben Jahren zum ersten Mal da waren, das war Liebe auf den ersten Blick. Da stiegen wir aus dem Auto und dachten hier, hier ist es wirklich, wirklich schön. Das denkt man gar nicht so oft, finde ich. Man findet schon ab und zu Gegenden ganz nett oder auch idyllisch oder ganz hübsch, aber dass man diese Verliebtheit spürt, bei der man sich in den Boden krallen möchte, das ist gar nicht so oft. Die spüren wir aber heute immer noch und nach jedem Aufenthalt grübeln wir über Wochenendwohnungen, Ferienhäuser und so weiter nach, zumindest so lange, bis uns der Alltag wieder fest genug im Griff hat und wir sowieso zu nix kommen.

Wir wohnen in Hamburg Mitte, hier gibt es kaum Himmel. Wenn man hier vor die Tür geht und guckt, dann sieht man Menschen, Häuser, Geschäfte, Reklame, Autos, Cafés, Bäume, Bahnstationen, Ampeln und dergleichen. Das ist alles dicht, ganz nah an einem dran, direkt vor einem und es ist alles laut und spricht einen an. Die Menschen machen Lärm, die Werbung randaliert im Auge des Betrachters, die Autos, die Ampeln, die Züge, alles blinkt, brummt, rattert, signalisiert irgendwas. Alles will Aufmerksamkeit, etwas verkaufen, vor etwas warnen, sich anbieten. Immer. Deswegen wohnen wir hier , das ist auch gut so. Aber ab und zu ist es schön, das alles nicht zu sehen. Und den Blick nach oben zu richten.

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Wenn man auf Eiderstedt ankommt und aus dem Auto steigt, dann sieht man unwillkürlich nach oben. Weil unten nichts ist. Das heißt, da ist natürlich ein Acker, und nach dem Acker ist noch ein Acker und dann kommt ein Graben und dann, genau, ein Acker. Das hält das Auge aber nicht fest, das ist ein grüner Streifen, der sich irgendwo im Dunst verliert. Aber oben!

Oben ist gewaltig, oben ist unvorstellbar viel Himmel. Oben ist ein Wolkenimperium, oben ballt es sich zusammen und verändert sich fortwährend. Oben finden Shakespearedramen statt, Wolkenheerscharen rollen heran, gehen unter, stehen wieder auf und hat man eine Minute nicht hingesehen, hat man schon einen ganzen Akt verpasst und das Reich wird gerade neu verteilt und man sieht dann doch noch länger hin, um zu wissen, wie es weitergeht, auch wenn man nie erfahren wird, wie es ausgeht.

Man sieht nicht einmal nach oben, wenn man es genau nimmt, man sieht einfach nach vorne – und da ist fast nur Himmel. Ein Wahnsinnshimmel. Ein “Das gibt es ja heute kaum noch”-Himmel.

Ein Himmel, für den Instagram einem dann nicht mehr reicht, da möchte man lieber Landschaftsmaler sein und mit Palette mitten im Feld stehen, mit Ölfarbtuben und allem. Obwohl man so schnell gar nicht malen kann, wie sich der Himmel mit dem Wind verändert. Hat man eben noch an Rembrandtsche Wolkenziselierungen gedacht, steigen jetzt schon vangoghsche Krähen aus dem Kornfeld, strahlt die Abendsonne plötzlich in schmitt-rotluffschen Knallfarben über die Schafweiden, kneift man im Gegenlicht die Augen zusammen und erinnert sich an Cézanne im Garten, es ist höchst unwahrscheinlich, was man da alles sieht und doch ist es so.

Und wenn die Krähen hier schwirren Flugs zur Stadt ziehen, dann wird es wohl Husum sein, da kann man sich also nicht nur von Maler zu Maler sondern auch von Dichter zu Dichter hangeln, von Nietzsche zu Storm und immer noch weiter, es wird einem ganz naturtoll zumute, wenn man diesen Himmel sieht. Man hört in der Ferne Bullen durch den goldenen Abend rufen und erinnert sich plötzlich sogar an den ollen Trakl, man möchte wilde Aquarelle malen und lauthals Sommergedichte deklamieren – am Ende bloggt man aber dann doch wieder nur und das ist vielleicht auch ganz gut so.

Und der Himmel steht weit und blau und wolkendekoriert über einem, die Luft flimmert in der Sommerhitze und Schwalben schnörkeln ihren Flug mitten durch den Blick und über diese Schwalben schreibe ich dann morgen was, da gab es, wie sagt man, eine seltsame Begebenheit. Bleiben Sie dran.

#eiderstedt

Gelesen, vorgelesen, gesehen, gespielt und gehört im Juli

Gelesen

Immer noch weiter in Safranskis “Das Leben Goethes” und parallel in Goethes “Dichtung und Wahrheit” und wenn es so weitergeht, dann schreibe ich das wohl noch montelang. Schön.

Egon Friedell: Kulturgeschichte der Neuzeit. Daraus lese ich nur alle paar Wochen ein paar Seiten, aber es ist immer anregend, es bringt mich immer auf Gedanken, es ist immer grandios. Der Herr hat einen so unfassbar riesigen Wortschatz, man ist geradezu im Bällebad der Vokabeln.Und sollte man einen gewissen Adjektivdurst haben, ein paar Seiten Friedell genügen und der Tank ist auf Tage hinaus wieder voll.

Françoise Sagan: Ein gewisses Lächeln. Deutsch von Helga Treichl.
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Die Sagan schreibt so, wie es sich anfühlt, Jules und Jim zu sehen. Es geht selbstverständlich um die Liebe, was sonst.

Georges Simenon: Maigret amüsiert sich. Deutsch von Renate Nickel. Maigret hat Urlaub und leidet daran, wie alle Workaholiker. Er geht durch die Stadt und fühlt sich unwohl, versteht nichts mit sich anzufangen und sieht irritiert auf den Alltag, in dem er nichts zu tun hat. Ein vollkommen verständlicher und nachvollziehbarer Buchanfang. Dann passiert natürlich etwas und da er Urlaub hat, umkreist er den Fall nur vom Rand des Geschehens. Eine der Romane, in denen seine Madame häufiger vorkommt, weil er nicht ins Büro geht. Das Beziehungsleben der beiden wird vollkommen nebenbei vorgestellt und dennoch könnte man Aufsätze darüber schreiben. “Madame Maigret hatte nie Durst. Aber sie trank immer mit.” Die Krimihandlung stört da eher.

Ilse Helbich: Fremde. Die Dame kenne ich durch ein Radioninterview, das ich vor Jahren auf der Autobahn gehört habe. Da fiel sie mir auf, weil sie so klar und präzise sprach und weil sie so interessante Antworten auf Fragen zum Alter gab. Und ich habe mir ihren Namen tatsächlich zwei Jahre lang gemerkt, bis mir jetzt endlich ein Buch von ihr in die Hände fiel. Sie scheint in Interviews regelmässig interessant zu sein, siehe hier und hier, dann kann man sich das besser vorstellen. Mehr zum Buch “Fremde” findet man beim Perlentaucher. Ähnlich wie beim Spätwerk von Sarah Kirsch mag ich die Ruhe in den Texten. Die Ruhe und die Abgeklärtheit, die nie in Ennui oder arrogante Verachtung kippen. Damen, die nicht mehr geschrieben haben, weil sie es mussten, sondern weil sie es konnten. Sehr schön. Manchmal ein paar Sätze, in denen sie sich ähneln, die Damen, ganz deutlich sogar. Dann geht es wieder weit auseinander, koboldhaft vergnügt die Kirsch, würdevoll gelassen die Helbich. Bei der Helbich ist der Tod in den Texten sehr präsent, bei der Kirsch spukt er nur gelegentlich durch die Szene.

Horst Evers: Für Eile fehlt mir die Zeit. Ein Badeseebuch. Es handelt nicht von Badeseen, nein, aber man kann es prima an einem Badesee in einem Rutsch durchlesen.  Das perlt. Früher gab es übrigens an Badeseen oder anderen Ausflugsorten oft eine der beiden Limos, die es sonst nie gab, nämlich Mirinda oder Sinalco. Die schmeckten etwas anders als die sonst restaurant- oder familienfeiertypische Fanta, die waren immer etwas besonders, die hatten diesen Geschmack, an den man sich nie ganz gewöhnen konnte, weil es nie genug davon gab. Das trank sich also wie eine Jahrgangslimo und in diesem Sinne ist Horst Evers die Mirinda unter den deutschen Kolumnisten.

Carl Christian Elze:  Aufzeichnungen eines albernen Menschen. Dazu hier eine schöne Rezension. Das gefiel mir sehr, das ist wunderbar schräg bis grotesk, dabei in einem betont nüchternen, geraden Ton verfasst. Wenn der Herr hier mal liest – da gehe ich auf jeden Fall in.
Der Titel sprach mich an.

Hans Christian Andersen: Märchen. Das habe ich gelesen, weil ein Kind auf meinem Arm eingeschlafen war und ich das Handy nur noch halbwegs bedienen konnte, daher kam ich im Verzeichnis der Autoren in der Ebookbibliothek nur bis A. Die Märchen von Andersen habe ich seit der Jugend nicht mehr gelesen. Ich finde sie immer noch sprachlich wunderbar eingängig, besser kann der Ton für so etwas kaum getroffen werden. Und was für schöne Geschichten. Immer wieder hatte ich beim Lesen seltsam bunte Erinnerungsfetzen an die Illustrationen der Ausgabe, die ich früher mal besessen habe. Als würde man bei einer Kamera oder bei einem Beamer am Fokusring spielen und ganz schnell drehen, man sieht das Bild unscharf, unschärfer, schärfer, halt, scharf! – und da hat man aber schon weiter gedreht, ohne das Bild recht gesehen zu haben. Ich kann mich nicht richtig erinnern,werde aber das Gefühl nicht los, mein Unterbewusstsein weiß es ganz genau. Wenn ich nicht hindenke, dann weiß ein Teil von mir doch, wie die Bilder aussahen, ich merke das. Wenn ich aber darüber nachdenke, fällt mir nichts ein. Das Gehirn ist eine komische Sache.

Hans-Ulrich Treichel: Frühe Störung. Ich bin ja ein großer Fan von Herrn Treichel, von dem man meiner Meinung nach alles lesen sollte, auch die Lyrik, auch die Vorlesungen. Dieser Roman ist von den Feuilletons ordentlich vermöbelt worden, z.B. weil der Herr Treichel so monothematisch schreibt, das kann ich ihm allerdings nicht übel nehmen, ich verstehe das ganz gut. Und weil der Held des Buches kein Held ist, sondern eine eher jämmerliche Figur, das scheint nicht statthaft zu sein, da darf man sich kurz über die Kritiken wundern. Ich-Erzähler müssen wohl strahlen, glänzen und siegen? Sympathisch sein? Bitte was? Humor wird Treichel allenthalben attestiert, das immerhin. Wobei er kein Humorist ist, sondern ein sehr ernster Humorinhaber, das ist etwas anderes und erzsympathisch ist es auch. Mir gefällt das erste Drittel des Buches, weiter bin ich noch nicht. Ein Mann wird die Stimme seiner Mutter nicht los, hat sie dauernd im Ohr und lässt sich deswegen therapieren. Denkt beim Therapeuten darüber nach, ob es eigentlich besser ist, ein schwerer oder ein leichter Fall zu sein, beides hat immerhin Vorteile und Nachteile, und ich könnte dieser Art des Nachdenkens seitenlang folgen, andere scheint das eher zu irritieren. Das Gute ist, dass man dieser Art des Nachdenkens im Buch tatsächlich seitenlang folgen kann. Und das mache ich dann auch.

Vorgelesen

Gecko. Es ist überhaupt eine Schande, dass ich Gecko noch nie hier erwähnt habe, Gecko ist nämlich eine tolle Sache und bei uns seit Jahren im Einsatz. Eine werbefreie Bilderbuchzeitschrift, die Kinder von vier bis etwa sieben Jahren anspricht. Hier die Seite des Magazins. Das ist bei den Söhnen sehr beliebt und die ausgelesenen Ausgaben werden nicht schlecht, die kann man immer wieder hervorkramen und noch einmal lesen.
Gecko-Beispiel

Gecko-Abo

Gecko

 

Dimiter Inkiow: Ich und meine Schwester Klara: Die schönsten Geschichten zum Vorlesen. Mit Bildern von Traudl und Walter Reiner.  Das kannte ich gar nicht, das scheint aber sonst jeder zu kennen.  Kindgerecht groteske Geschichten in der richtigen Länge für die Bettkante und vor allem Geschichten die, das ist wirklich selten, für Sohn I und auch für Sohn II passend sind und auch tatsächlich beiden gefallen. Halleluja.

Gesehen

“Petterson und Findus”. Die Kinopremiere von Sohn II, er fand den Film sehr gut. Für Kinoeinsteiger gut geeignet, da sehr ruhig. Wirklich ruhig. Himmel, ist das ruhig. So ruhig, dass man als Begleitvater prima zwischendurch die Augen zumachen kann.

Gespielt

Mau Mau. Also die Steigerung von Uno, jetzt endlich ein Spiel mit richtigen Karten ohne alberne Tierbilder darauf. Und ich musste doch tatsächlich die Regeln nachlesen.

Tollabox. Eine Test-Tollabox wurde mir freundlicherweise von der Firma zugesandt, die haben wir uns dann an unseren Zwischenstopp-Tagen in Hamburg näher angesehen. Genau genommen haben wir sie uns exakt einen Vormittag lang angesehen, mehr Zeit war gar nicht. Das hat aber ausgereicht, um die Kinder zu begeistern, die fanden den Inhalt ziemlich super. Sie haben mit dem Inhalt Eis gemacht und Spiele gespielt und eine CD gehört und ich weiß gar nicht mehr, was sie alles gemacht haben, aber sie waren damit schwer beschäftigt und so soll es ja auch sein. Charmant ist natürlich das Unerwartete, in einer Tollabox sind eben Dinge, die man nicht ausgesucht hat. Und diese Dinge kann man so verwenden, wie es der Beipackzettel vorschlägt, man kann also etwa die Wackelaugen auf beliebiges Obst oder Gemüse kleben, siehe Bildbeweis.

Mangos sehen dich an

Man kann aber auch noch kreativer werden und die Wackelaugen auf Familienfotos kleben, das steigert den Spaß dann noch einmal beträchtlich. Ich fand den Inhalt gut gemacht, gut ausgesucht und auch gut aufbereitet, das hat bei mir und den Jungs einen hervorragenden Eindruck hinterlassen. Zumal man die Freude, ein Paket zu bekommen, nicht unterschätzen darf, die Sachen in dem Paket sind automatisch erst einmal mehr wert als andere Spielsachen. Weil sie Post für die Jungs waren, weil sie ein Paket aufmachen konnten. Das ist banal, aber vollkommen verlässlich, das klappt übrigens auch, siehe oben, bei der Gecko.

Gehört

George Ezra. Ein junger Sänger, dessen Jugend man nicht hört: “Budapest”. Feine Landstraßenmusik.  Aber auch schlimmster Ohrwurm des Monats. Wenn ich den noch einmal anmache, die Familie wirft mich vermutlich raus.

Nicola Conte. Der macht loungiges Zeug mit Retrodeko, das kann man hervorragend nebenbei hören, besonders wenn es draußen glaubwürdig nach Sommer aussieht.

Sowohl George Ezra als auch Nicola Conte waren übrigens Tipps aus dem Kulturspiegel. Ungefähr einmal im Jahr kaufe ich mir einen gedruckten Spiegel um zu sehen, ob es am Ende doch wieder ein lesbares Magazin geworden ist. Aber kein Gedanke, diese beiden Tipps waren das einzige, was ich interessant fand. Es gab mal Zeiten, da habe ich den Spiegel von vorne bis hinten gelesen. Das muss mittlerweile aber schon sehr, sehr damals sein.

 

Zwischenstopp in Hamburg

Bevor wir von Nordostwestfalen nach Eiderstedt weitergefahren sind, waren wir ein paar Tage in Hamburg. Das ist immer riskant, weil man natürlich in Versuchung kommt, doch wie gewohnt zu arbeiten, sich in der Wohnung festzuwühlen oder sonstwie im Alltag zu versumpfen, aber wir haben die Gefahren recht souverän umschifft. Allmählich lernt man doch aus den Vorjahren.

Weil Ferien sind, konnte mich Sohn I bei meiner mehr oder weniger gejoggten Alsterrunde begleiten, wobei er allerdings nicht gelaufen, sondern auf dem Fahrrad gefahren ist. Mit kritischem Blick auf den keuchenden Vater, mal etwas voraus fahrend, mal etwas zurückbleibend, mal in Achten um mich herum, man kennt das von jungen Hunden. Nach einem Kilometer wollte er wissen, ob mich beim Joggen schon einmal Igel überholt hätten, es ist nicht immer ganz einfach mit Kindern.

Zwischendurch turnte er ausgiebig auf den Fitnessgeräten und Parkbänken am Alsterufer herum. Er hatte genug Zeit, es war ganz einfach, mich immer wieder einzuholen. Irgendwann sah er auf und über die Alster, turnte dann wieder weiter. Sah dann doch noch einmal hoch und etwas länger hin, als würde ihn etwas irritieren. Und stellte dann etwas fest, was vielen Menschen an der Alster ganz offensichtlich vorkommt – wofür man aber anscheinend erst einmal etwa sechs, sieben Jahre alt werden muss, um überhaupt einen Sinn dafür zu entwickeln: “Papa, das ist schön hier.”

Sohn I vor Alster

Das war sicher eine gute Stelle, um sich erstmalig von einem Landschaftsblick hinreißen zu lassen, gar keine Frage. Wie spannend aber, wo er jetzt zum ersten Mal etwas ausdrücklich hässlich finden wird. Er muss mich doch wieder einmal im Büro besuchen und sich Hammerbrook ansehen. Dann merke ich vermutlich, ob sich das Kind geschmacklich vernünftig entwickelt.

Woanders – Der Wirtschaftsteil

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In der Annahme, dass ein erheblicher Teil der Leserschaft immer noch in irgendwelchen Sommerlöchern herumliegt, starten wir mal mit einem Longread, es haben ja alle Zeit. Viel Zeit. Etwa für einen Artikel über das Ende eines Kaufhauses, der auch ein Artikel über die Gesellschaft ist, über den Onlinehandel, den Konsum an sich usw. Bitte sehr.

Und nach diesem langen, ruhigen Artikel wechseln wir flugs zu einer sich emsig aktualisierenden Darstellung des Konsums in Deutschland in Echtzeit. Wir empfehlen, das ein wenig offen zu lassen und einfach anzustarren. Es ist interessant, keine Frage.

Aber bevor man zu passiv vor etwas sitzt, darf man natürlich auch den eigenen Anteil nicht vergessen,die eigene Aufgabe, die eigene Möglichkeit. Auch wenn es bequemer ist, sitzen zu bleiben, auch wenn sowieso alles sinnlos ist und so weiter, schon klar. Hier ein Text gegen Ausreden. Auch einen älteren Text aus der FAZ kann man da problemlos anlegen, das passt schon. Auch wenn es natürlich gleichzeitig Meldungen gibt, die tatsächlich so klingen, als sei die Menschheit nun einmal komplett unbelehrbar.

Aber gucken wir dennoch, was die so treiben, die die Weltrettung beruflich angehen. Etwa die Sache mit dem Naturschutz also, mit bio, öko, regio. Hier geht es um ein Zero-Waste-Restaurant. Keine Woche ohne neue Vokabel! Bei manchen dieser Experten meint man, es beurteilen zu können, was sie da tun, bei manchen aber auch nicht. Etwa wenn es um Gentechnik geht. Es lässt einen doch wieder ratlos zurück. Und wenn man schon komplett ratlos ist, dann passt die wöchentliche Meldung zu TTIP doch super dazu.

Aber noch einmal kurz zurück zum oben erwähnten Waste… da findet man im Moment so manche Meldung, es werden tatsächlich immer mehr zu diesem Thema, Müll macht anscheinend kreativ.

Und von da ist es gedanklich gar nicht weit zum Pfandringerfinder, auch eine wirklich wunderschöne Berufsbezeichnung. Und zu Pfand gab es noch eine ziemlich erstaunliche Meldung in den letzten Tagen. Denn die Rückgabe von Flaschen hilft nicht nur der Umwelt und Menschen, die kann auch Tieren helfen. Guck an.

Im Kulturteil schließlich sehen wir uns eine dänische Fahrradbrücke… nein, Moment mal, hatten wir nicht gerade erst eine skandinavische Fahrradbrücke, in der letzten Woche oder so? Ja, das hatten wir. Aber es war tatsächlich eine andere und ja, wir sind dann doch allmählich etwas neidisch. Können wir jetzt bitte endlich so ein Ding in Deutschland bauen? Wir wollen auch so durch die Stadt fahren!

GLS Bank mit Sinn

Potts Park

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Der Potts Park ist ein Freizeitpark in Minden, der sich ausdrücklich an kleinere Kinder richtet. Er ist entsprechend unspektakulär ausgestattet, weil man nicht viel braucht, um etwa Dreijährige zu unterhalten, denn dort fängt es etwa an. Bei etwa elf Jahren wird es wohl aufhören, nehme ich an. Mit zwölf Jahren ist man vermutlich zu cool für den Park und geht dann erst wieder hin, wenn man eigene Kinder hat. Die Gerätschaften sind teilweise uralt, der Park ist von 1969, man sieht ihm das Alter auch deutlich an. Klingt negativ?

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Der Park ist ein Paradies für die Söhne, unsere jährlichen Besuche dort ein Höhepunkt des Sommers, gar keine Frage. Man kann sich problemlos einen ganzen Tag amüsieren, man kann sich an die eigene Kindheit erinnern, weil Spielgeräte aus den 70ern heute noch herumstehen, als hätte man sie gestern aufgebaut. Da steht tatsächlich meine Rutsche! Vom Spielplatz nebenan! Man kann zusehen, wie die eigenen Kinder Spaß haben, der genau zu ihrem Alter passst. Man kann alles immer wieder machen, nichts kostet extra. Man kann die Kinder alles machen lassen, die meisten Attraktionen sind auch für kleine Kinder selbständig machbar. Der Potts Park ist ganz entschieden einen Ausflug wert, man muss das mit Kinderaugen sehen, nur dann versteht man es. Vielleicht versteht man es auch nur ganz, wenn die Kinder noch keinen der großen Freizeitparks kennen, das kann ich mir vorstellen. Bei uns ist das so.

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Wir waren an einem Montag da, der Park war leer, wir hatten alles für uns.

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Ich habe viele Fotos gemacht, man kann sie als nostalgisch oder fortgeschritten skurril anmutende Zeugnisse eines seltsam aus der Zeit gefallenen Parks sehen – oder mit den Kinderaugen der Söhne als Erinnerungsbilder an den besten Spielplatz ihrer Kindheit, so viel Lob muss sein.

Man muss auch nicht alles verstehen, was man dort sieht. Stahl? Was?

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Bedienelemente mit einem gewissen Alter.

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Ist aber egal, es funktioniert alles.

Man muss oft selbst Hand anlegen, etwa die Schlauchboote zur Rutsche hochtragen, wie es hier die Herzdame und Sohn II tun. Sehr geile Rutsche, wie man heute sagt.

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Digitale Anzeigen braucht hier kein Mensch.

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Apropos Rutsche:

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Hier gibt es Wunder, die nur noch bei kleinen Kindern Erstaunen hervorrufen.

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Und reelle Unterhaltung. Funktionierte damals, funktioniert heute.

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Alles in einem seltsam antiquierten Design.

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Die Kinder werden sich an einen sehr bunten Park erinnern.

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Die Melancholie leerer Bänke sehen sie natürlich nicht. Egal.

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Woanders – diesmal mit einem Foodblog, Gifs, GPS und anderem

Küche: Manchmal entdeckt man ein Foodblog und staunt dann kurz, wie hübsch so etwas sein kann. Das ging mir gerade bei Tiny Spoon so.

Familie: Das ist wirklich ziemlich albern, aber ich lachte dann doch bei dem Gif Nr. 11.  Nicht direkt nach dem Essen ansehen.

Familie: Ein Artikel über GPS-Tracker für Kinder, eine ebenso abwegig erscheinende wie logische Aufrüstungsmaßnahme für Helikopter-Eltern. Also für nahezu alle Eltern, wenn man es recht bedenkt.

Familie/Reise: Bei der Frau Gminggmangg kann man gerade über etliche Einträge hinweg bei einem etwas anderen Familienurlaub mitlesen. Und das sollte man auch.

Reise: Wo ist das Meer? Ich kann die Situation nachvollziehen, ich wohne in einer deutlich abschüssigen Straße und werde dauernd von Touristen gefragt, ob die Alster da oben oder da unten liegt.

Familie: Das Nuf über Aufzughonks.

Familie: Was man als Vater so erfindet, wenn man genug Kinder hat. Ich würde das kaufen, versteht sich.

Familie: Eine Meldung zum Betreuungsgeld, die niemanden überraschen dürfte.

Gesellschaft: So geht Spaß in Deutschland.

Gesellschaft: Oliver Driesen war auf Borkum.

Feuilleton: Ein Interview mit dem Kinderbuchautor Andreas Steinhöfel.

Feuilleton: In der FAZ wird Helene Fischer erklärt.

Hamburg: Ein Artikel zur Sharing Economy in dieser Stadt.

 

Zum Willem

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Wenn man sich in Nordostwestfalen doch einmal zu einem Ausflug aufraffen kann, dann fährt man z.B. zum Willem, wie man hier sagt. Der Willem ist ein weithin sichtbares Kaiser-Wilhelm-Denkmal im Stil des späten Tschingbumm, eine monumentale Anlage, die man verblüffend weit sehen kann. Das ist auch ihr Hauptzweck.

 
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Das Denkmal steht an den ersten Hängen des Wiehengebirges, das kurz hinter Minden plötzlich aus dem Boden wächst, ohne jede Vorwarnung durch irgendein sanftes Hügelland. Als würde man aus der norddeutschen Tiefebene heraus gegen eine Wand laufen.

Zum Willem kann man mit dem Auto fahren, zu seinen Füßen ist ein Parkplatz. Die Denkmalsgaststätte dort ist schon lange geschlossen, der Kiosk auch, die ganze Anlage rund um den Parkplatz ist nicht gerade einladend, um es noch freundlich auszudrücken. Dennoch werben Tourismusmanager für die Gegend tapfer mit einem Poster des Willems auf dem der Slogan “Endlich… Urlaub” die Überschrift bildet. Nun ja. Auch als Texter muss man eben irgendwas liefern, ich kenne das Problem ganz gut.

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Schilder künden oben den kompletten Umbau der Anlage an, wenn das so durchgezogen wird, dann gibt es dort bald ein ziemlich spektakuläres Ausflugslokal direkt unterm Denkmal, das sehen wir uns dann sicher wieder an. Man hat aber anscheinend gerade erst angefangen, dort herumzubuddeln.

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Kinder finden den Willem ganz interessant, weil man an seinem Podest herumklettern kann – mehr aber auch nicht. Einen Spielplatz oder sonst eine kinderkompatible Einrichtung gibt es nicht. Immerhin stehen auf dem Parkplatz oft ein Eiswagen und eine Wurstbude, das hilft etwas. Der Ausblick in die Tiefebene, bei dem die Erwachsenen unwillkürlich kurz verharren und andächtig Anerkennendes murmeln, der interessiert die Kinder aber nicht ansatzweise. Das fiel mir schon ein paar Mal auf: Kinder haben überhaupt keinen Sinn für diese Ausblick-Sache, da reicht immer eine Sekunde mit der lapidaren Feststellung: “ja, da kann man runtergucken”. Na und? Das ist den Kindern völlig wurscht. Viel spannender ist, ob sie selbst irgendwo raufkönnen.

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Und rauf konnten sie dann auch noch, denn hinterm Denkmal starten mehrere Wanderwege durch den Wald, da geht es für unsere Verhältnisse schon tatsächlich gebirgig zu. Aber dieses total befremdliche Konzept, dass Wege auch bergauf führen können, das müssen wir mit den Söhnen des Flachlandes vor dem Bergurlaub in Tirol im nächsten Jahr noch einmal gründlich besprechen. Ein Kinderstreik nach hundert Metern, weil es noch nicht wieder bergab geht, verhilft einem jedenfalls nicht zu Wanderfreuden, daran ist zu arbeiten.

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Viel weiter als bis zur ersten Schutzhütte konnten wir auf diese Art nicht kommen, dort immerhin fanden wir, liebevoll ins Holz der Sitzbank geritzt, die Vornamen zweier ehemaliger Mitschüler der Herzdame.

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Mit der Jahresangabe von damals und Herzchen, wirklich sehr romantisch. Da standen die Namen so mancher Liebespaare, der Vorname der Herzdame war aber nicht zu finden. Bei dem Schulausflug damals war wohl gerade niemand an Schnitzarbeiten für sie interessiert. Und ich hatte an dem Tag leider kein Messer dabei, sonst hätte ich das selbstverständlich sofort nachgeholt. Auch das wird vorgemerkt, versteht sich.

Aber habe ich überhaupt schon jemals einen Namen irgendwo ins Holz geschnitzt? Ich kann mich nicht erinnern. Ist das schwer? Mir fällt nur ein, dass ich mal zu Schulzeiten mit einem Lötkolben irgendwelche Frühstücksbrettchen bearbeitet habe, das war recht einfach, glaube ich,das konnte sogar ich. Beim nächsten Ausflug zur Schutzhütte nehme ich dann wohl besser einen Lötkolben mit. Immer die effizientere Lösung wählen, versteht sich.

 

Backen mit der Herzdame: Waldmeisterweingummitorte

Bis wir Kinder bekommen haben, war die Küche hier nur mein Revier, weil das Kochen in dieser Ehe fast ausschließlich mein Job ist. Gebacken wurde hier gar nichts, denn Backen mag ich nicht und die Herzdame hatte sich damit nie beschäftigt.

Waldmeisterweingummitorte

Erst durch die zahlreichen Kindergeburtstage, Kinderfeste, Kitaveranstaltungen und ähnlichen Erscheinungen ergab sich die Notwendigkeit, dauernd irgendwo Kuchen zu liefern, das war alternativlos. Man kann anscheinend keine Kinder großziehen, ohne dabei dauernd Kuchen zu backen, das ist hier so, Gegenwehr zwecklos. Dieses Backen hat die Herzdame übernommen – zunächst im mehr oder weniger passiv-aggressiven Widerstand nur mit Backmischungen und Halbfertigprodukten, dann nach und nach mit Rezepten aus ihrer Familie, schließlich sogar mit Rezeptheften, Foodblogs usw. Und weil dabei jetzt gelegentlich Ergebnisse herauskommen wie die nachfolgende Waldmeisterweingummitorte, mit der man auf jedem Kindergeburtstag wirklich Eindruck macht, werden hier in loser Folge ein paar Rezepte vorgestellt.

Woher dieses spezielle Rezept genau stammt, das lässt sich nicht mehr feststellen, es handelt sich um eine uralte Kopie aus irgendeiner Zeitschrift mit sehr viel Herzchen am Rand, mehr weiß man nicht. Es war aber damals die Lieblingskindergeburtstagstorte der Herzdame, die musste ihre Mutter wieder und wieder für sie machen. History repeating, das wird bei uns jetzt wohl auch so. Man braucht:

150 Gramm Löffelbiskuit
100 Gramm Butter
3 Blatt weiße Gelatine
1 Päckchen Götterspeise Waldmeister
100 Gramm Zucker
200 Gramm Frischkäse
2 Päckchen Vanillinzucker
3 EL Zitronensaft
Etwas grüne Speisefarbe
¼ Liter Sahne
Weingummi, viel

Nicht vergessen: Backen ohne Schürze ist ungültig, alte Regel.

Schürze

Biskuit

Die Löffelbiskuits in einen Gefrierbeutel und am besten auch noch in ein Handtuch einschlagen, es krümelt gleich nämlich wie Sau. Das verschlossene Paket vom Nachwuchs zertrümmern lassen. Ja, macht es kaputt, richtig kaputt, wir wollen das niedergemacht haben, plattgewalzt, zerstört. Die Kinder zehn Minuten gewähren lassen, das sollte reichen.

Biskuit

Biskuitpäckchen

Biskuitgemetzel

Die Butter weich werden lassen und mit den Biskutitrümmern gründlich verrühren, das kann ein williges Kind natürlich auch mit der Hand oder mit einem Gerät machen.

Biskuit und Butter

Rührgerät

Biskuittrümmerpampe in eine Tortenform füllen und von den Kindern sorgfältig andrücken lassen. Feste. Dann kalt stellen.

Biskuit in Tortenform

Die Gelatine in kaltem Wasser einweichen.

Herzdame hinter Gelatine

Götterspeise in ¼ Liter Wasser auflösen und 10 Minuten quellen lassen.

Götterspeise

50 Gramm Zucker einrühren, aufkochen, abkühlen lassen. Gelatine ausdrücken lassen und dann in die Götterspeise mischen.

Gelatine

Die Zitrone auspressen lassen. Wir machen das ohne Küchengerät, nichts als Kraft und Physik, auch wenn das vehementen körperlichen Einsatz erfordert. Kinder können sich ruhig einmal anstrengen. Kurz nach diesem Bild stand Sohn II übrigens auf der Zitronenpresse, die Zeit bis zum Absturz reichte aber nicht für ein gelungenes Foto.

Zitronenpresse

Den Frischkäse mit dem übrigen Zucker, dem Vanillinzucker und drei Esslöffeln Zitronensaft verrühren.

Grüne Speisefarbe, die in unserem kleinen Multikultiviertel natürlich vom Inder kommt, in die Götterspeise einrühren.

SpeisefarbeKurz bevor das Zeug fest wird, die Käsecreme mit einem Schneebesen unterrühren. Es kann durchaus eine halbe Stunde oder länger dauern, bis das Festwerden beginnt. Sahne schlagen und auch unterrühren.

Sahne

Dann die gesamte Masse, die jetzt auffällige Ähnlichkeit mit der Abdruckmasse beim Zahnarzt haben sollte, auf dem Tortenboden verteilen und glatt streichen.

Grüne Pampe

Mindestens 5 Stunden im Kühlschrank fest werden lassen. Dabei unbedingt die Kinder im Blick behalten, damit sie nicht per Fingerdruck prüfen, ob die Torte schon fest ist, dann hat man nämlich Spuren in der Torte, verdammt nochmal, das stört bei eventuell fälligen Fotos ganz ungemein und gefährdet den Familienfrieden.

Torte

Weingummi beliebiger Sorte von den Kindern nach Farben und Formen vorschulmäßig sortieren lassen.

Weingummi

Weingummi

Ansprechendes Muster auf die Torte legen – fertig.

Tortendeko

Das schmeckt jedem Kind, ist immer eine Überraschung und man ist garantiert nicht schon wieder der zehnte Apfelkuchenlieferant beim Sommerfest. Auch was wert!

Waldmeisterweingummitorte

Die Zubereitungszeit wird vom Rezept mit anderthalb Stunden angegeben, wir haben deutlich länger gebraucht, weil man unter Kinderbeteiligung die Küche wirklich unfassbar einsaut, das wirkt auf den Fotos seltsam, wenn man nicht zwischendurch aufräumt. Es ist überhaupt nicht zu fassen, was Backen mit Kindern in Küchen anrichtet. Aber Spaß macht es auch, doch, doch.

Mit Tieren und so

In der nächsten Woche sind wir auf einem Bauernhof auf der Halbinsel Eiderstedt. Ferien auf dem Bauernhof, das ist immer wieder ein Thema bei Eltern – und da werde ich den Nutzwert dieses Blogs gleich mal dramatisch erhöhen und einen total praktischen Hinweis auf eine Seite geben, die wenig Eltern zu kennen scheinen.

Es ist nämlich so, dass die Suche nach einem Ferienbauernhof in Deutschland womöglich noch zeitraubender ist als die Suche nach einem Ferienhaus – und das will etwas heißen. Es gibt aber eine Seite, auf der kann man ein Gesuch einstellen, also wann man wo mit welcher Ausstattung und welchen Attraktionen auf dem Hof Urlaub machen möchte – und dann melden sich die Betreiber der Höfe bei einem. Mit den exakt passenden freien Zeiten. Man kann auch so überaus sinnvolle Angaben wie “Internetanschluss möglich” als Bedingung einstellen, das ist in gewissen Gebieten (hallo Nordseeküste!) ein wahrer Segen. Und es hat bei uns jedenfalls super geklappt. Bei den Antworten waren zwar ein paar Höfe aus Gegenden dabei, die wir gar nicht angeklickt hatten, das war aber eigentlich auch ganz nett und hätte sogar fast zur Änderung unserer Pläne geführt. Doch, nach Angeln könnte man auch mal, keine Frage.

Die Seite findet man hier, die Urlaubsbörse bei Bauernhofurlaub.de und nein, das ist ganz und gar keine bezahlte Werbung. Das fand ich einfach nur gut und praktisch. So etwas kann man dann ja auch mal öffentlich feststellen.

 

Woanders – der Wirtschaftsteil

Ob es daran liegt, dass im Sommerloch alle Journalisten vor kleinen Snacktellerchen sitzen und unschlüssig auf leere Bildschirme starren, ob es daran liegt, dass sie sich mühsam überschüssige Pfunde abtrainieren und deswegen über jede Kalorie nachdenken, man weiß es nicht – aber die Artikel über Ernährung fliegen tief in diesem Sommer. Etwa bei der brandeins. Das hat aber Frau Haessy freundlicherweise schon nett beantwortet, da muss man nichts mehr machen.

Artikel, die gewisse Lebensmittel freisprechen, sie kursieren gerade en masse. Fett ist super, Zucker macht nichts, Fleisch ist toll und es muss nicht alles bio sein, das verlinken wir alles gar nicht erst. Man sieht die Autoren aber geradezu vor sich, wie sie nach getaner Arbeit im Garten am Grill stehen und ordentlich Fleisch nachlegen. Andere prangern natürlich den Fleischverzehr an, das wogt so hin und her. Fleischverzehr, da haben wir aber auch Fakten, das sei am Rande erwähnt, es wird die Vegetarier immerhin interessieren. Und vor dem Hintergrund dieser Fakten kann man dezent auch noch auf andere Fakten hinweisen, denn ob Fleisch gesund ist oder nicht, das ist nun einmal nicht die einzige wichtige Frage bei diesem Thema, ganz und gar nicht.

Die Kuh bedroht also die Umwelt, das ist soweit leicht nachzuvollziehen. Dass die Umwelt auch die Kuh bedroht, das liest man eher selten. Aber manchmal eben doch. Wobei einem einfällt, dass es mit den Naturschutzgebieten bei uns generell nicht ganz einfach ist.

Der letzte Satz ist natürlich unbelegter Unsinn, das kann man aus diesem Artikel so gar nicht ableiten. Das machen wir aber dennoch, weil es so schön einfach und menschlich ist, sich die Wirklichkeit aus kleinen Stichproben hochzurechnen, es wird ewig ein Grundproblem unseres Hirns bleiben. Ein Problem, das natürlich auch beim Thema Wirtschaft interessant ist, denn vielleicht ist die Wirklichkeit ganz anders. Wenn man messen würde, statt zu vermuten.

Zu den Themen, bei denen wir von Vermutungen ausgehen, gehört sicher auch das Freihandelsabkommen TTIP, ein Vorhaben, gegen das viele etwas haben und über das nur wenige Interessierte umfassend Kenntnis haben. Es ist sicherlich sinnvoll, ab und zu ein paar Fakten zu dem Abkommen nachzulegen, auch wenn die Medien sich da ganz auffällig zurückhalten.

Bei TTIP ist man schon nah an Systemfragen, wie soll das alles denn überhaupt noch gehen – und da gibt es neue Lektüre zu Grundsatzfragen auf dem Markt, das könnte interessant sein.

Eine Systemfrage ist gewissermaßen auch die der Gentrification, der Veränderung unserer Städte und der Verschiebung von Bevölkerungsgruppen in Stadtteilen. Auch beim Thema der städtischen Entwicklung gibt es überraschende Meldungen, so hat etwa das allseits bekannte Hamburger Edelviertel Blankenese eine Quartiermanagerin bekommen – wie sonst nur die Problemviertel der Stadt. Was passiert da?  Wir lernen aus dem Artikel nebenbei den Begriff “urban burbs”, womöglich kommt der hier noch öfter vor. Aber ob die Stadt nun mehr Dorf braucht oder das Dorf mehr Stadt oder was – die Lage scheint einigermaßen unklar.

Unter uns verwirrten Büromenschen gibt es bei unklaren Lagen immerhin ein altbewährtes Mittel, das beruhigt und klärt, wir schmiegen uns gerne einfach mal an einen Aktenordner. Und dann geht es wieder.

Und ein Kaffee, der hilft natürlich auch, immer und bei allem. Und der Kaffee der Wahl ist künftig nicht nur fair, nein, der wird superfair.

GLS Bank mit Sinn

So Kugeln

Ich sitze am Nachmittag an meinem Schreibtisch unterm Dach im Elternhaus der Herzdame und tippe, die Söhne kommen aufgeregt angelaufen und erzählen, dass an der Straße so seltsame Kugeln liegen, sehr viele davon sogar. In verschiedenen Farben! Sie möchten bitte Eimer haben, um sie aufzusammeln. So Kugeln? Was denn für Kugeln?

Das wissen sie nicht, so bunte Kugeln eben. Also gehe ich mit und sehe mir die Kugeln an: Mirabellen aus dem Garten nebenan. Die kennen die Stadtkinder nicht, es wurde wohl höchste Zeit, dass wir wieder aufs Land gefahren sind, ihre Kenntnisse müssen dringend ein wenig erweitert werden. “Ah, de Hamborger Lüüd” höre ich neben mir, als ich in den Baum hinaufsehe, das höre ich hier immer, wenn ich mit der Herzdame und den Söhnen die Dorfstraße entlang gehe. “De Hamborger Lüüd”, man mag sich gar nicht vorstellen, dass wir hier die Stadt repräsentieren, am Ende müssen wir uns deswegen noch anständig benehmen.

Zwei ältere Damen stehen da unterm Mirabellenbaum und versuchen, ein paar Früchte zu ernten. Das klappt aber nicht so gut, denn die beiden Damen sind recht klein. Sie ziehen energisch an den Ästen, schütteln sie und machen lange Arme, das Ergebnis ihrer Bemühungen ist dennoch überschaubar. Wir werden sofort rekrutiert, wir werden auf der Stelle Mirabellenerntehelfer, die Jungs sind begeistert.

Mirabellenernte

Die Damen holen eine kleine Leiter, die Söhne holen Eimer und hängen kurz darauf im Baum und pflücken und pflücken. Die beiden Damen wirken etwas marypoppinshaft, wie sie da so unterm Baum stehen, nach oben äugen und komplett widersprüchliche Anweisungen geben. Mehr nach links, mehr nach rechts, das müsst ihr anders machen, nein, so wird das doch nichts, ihr müsst mehr hier rüber, mehr nach da hinten. Zwischendurch fällt einer der Damen ein, dass sie eher leicht und etwas provisorisch bekleidet ist und zudem noch riesige Lockenwickler im Haar hat, das mit der Mirabellenernte hat sich in diesem Jahr anscheinend eher spontan ergeben. Eigentlich wollten die beiden wohl nur ganz kurz nach dem Baum sehen. “Kann ich mich so überhaupt draußen sehen lassen?” fragt sie die andere Dame, rafft ihren Morgenmantel zusammen und fasst sich besorgt ins aufgewickelte Haar.

Die andere antwortet nach kurzem Blick auf Kleidung und Frisur: “Von deinem Anblick geht eh keiner mehr tot. Das ist völlig egal.”

Ich mag die Umgangsformen hier sehr. Es dauert nur ein paar Jahre, bis man sich daran gewöhnt.

Und jetzt…

Die Herzdame hat, wie hier berichtet, tausend Dinge im Kopf, die man in den Ferien endlich machen könnte, also muss man sie, wenn man Ruhe haben möchte, und das möchte ich einigermaßen dringend, irgendwie auf ein Abstellgleis befördern. Das geht am einfachsten, in dem wir in ihr Heimatdorf fahren. Denn die Erfahrung zeigt: Nordostwestfalen in Gruppensituationen unternehmen nichts, weil sie sich gemeinsam zu nichts entscheiden können. Dieses Volk hier ist sowohl willensstark als auch entscheidungsschwach, eine eigentümliche, faszinierende Mischung. Der Nordostwestfale als solcher kommuniziert auch nicht übermäßig gerne über seine felsenfesten Absichten, weswegen Gespräche zur Tagesplanung am frühen Morgen hier etwa so verlaufen:

Die Herzdame: “Und jetzt…”

Schwiegermutter: “Man könnte ja.”

Die Herzdame: “Oder aber.”

Schwiegermutter: “Jo.”

Wie man unschwer erkennt, folgt darauf keine direkte Aktion, nein, darauf folgt eher längeres Schweigen, in dessen Verlauf alle etwas unzufrieden werden, weil ja wieder niemand etwas entscheidet oder gar macht. Jeder trifft insgeheim gewisse Annahmen über die Vorhaben der anderen. Einen Austausch lehnt man aber eher ab, man könnte dabei immerhin in Gefahr geraten, den eigenen Plan ändern zu müssen. Jeder schweigt gegen die mutmaßlich abwegigen Ideen der anderen an. Man kann sich ganz gut entspannen dabei. Stunden und Stunden vergehen, es passiert rein gar nichts. Im Grunde stellt man sich Ferien genau so vor, ich habe mich damit arrangiert. Ich kann das sogar mitspielen, man lernt ja in Beziehungen auch immer etwas. “Und jetzt?” “Jo.”

Heute morgen wäre die Familie fast zum Einkaufen gefahren, das war wirklich knapp, aber gerade noch rechtzeitig fiel jemandem ein, dass niemand weiß, was man einkaufen soll. Und da niemand Lust hatte, dazu etwas zu sagen, blieben alle sitzen und da sitzen sie immer noch. Es ist heiß im Garten, man sitzt im Schatten, das kann so bleiben.

Ich fühle mich wieder in meiner Grundannahme bestärkt, dass die Gegend hier damals nur besiedelt wurde, weil irgendein versprengter Trupp der Westfalen bei der Völkerwanderung eines Morgens aufwachte und sich dann einfach nicht entscheiden konnte, in welche Richtung man denn mal weiterziehen könnte. Sie standen da so herum und niemand machte den ersten Schritt. Und sie standen und standen. Nach ein paar Wochen wüsten Schmollens ob der Unentschlossenheit der jeweils anderen dachte der erste Westfale, ach, wenn ich hier schon so herumlungere, rode ich doch schnell ein wenig Wald und baue mir ein Haus. Was man eben so macht, wenn man sich als Germane langweilt. Die anderen kamen dann nach und nach auf ähnliche Gedanken. Irgendwann sah das Ganze aus wie ein Dorf. Und auf diesen Grundstücken, in diesen Dörfern rings um den ehemaligen Rastplatz unweit der Weser leben die Familien noch heute. Die Weltgeschichte wogte jahrhundertelang hin und her, Grenzen wurden verschoben, Regierungen kamen und gingen, der Nordostwestfale blieb.  Ab und zu stehen die Nachfahren der ersten Siedler am Ackerrand und sehen mal in die eine, dann in die andere Richtung. Dann schütteln sie wieder den Kopf und machen Abendessen.

“Was essen wir denn heute?”

“Jo.”

Ich glaube, wir bleiben noch ein paar Tage.

Landstraße

Der Krieg, das Wir und das Kind

St. Nikolai

“Was wollt ihr denn Schönes machen?” habe ich die Kinder gefragt und Sohn II wollte die Kirche Sankt Nikolai besuchen und aus der Nähe ansehen. Die Kirche, die keine mehr ist, die Hamburger Gedächtniskirche. Zerstört im Zweiten Weltkrieg, nicht wieder aufgebaut, mühsam in Ruinen erhalten, ein Denkmal. Die hatte er schon ein paar Mal aus der U-Bahn gesehen, die ließ ihm keine Ruhe.

Sohn II wird bald 5, nach meinen Erfahrungen ist es nicht unüblich, dass Kinder etwa in dem Alter nach dem Krieg fragen. Nach dem Krieg an sich, nach dem letzten Krieg in Deutschland, nach dem Krieg, den sie gerade im Radio, im Fernsehen, im Internet zufällig mitbekommen haben, in Israel, in der Ukraine, in Syrien. Warum? Und wie genau? Sterben die in echt? Alle? Auch die Kinder? Was ist mit den Kindern, wenn die Eltern sterben? Wann ist hier wieder Krieg? Hast du Krieg erlebt?

Vielleicht liegt es an den Reaktionen der Erwachsenen, vielleicht liegt es an der Art, wie die Kinder das Wort erwähnt hören, es ist jedem Kind klar, dass Krieg ein Monsterwort ist, ein Begriff für das Grauen schlechthin. Nicht irgendein Wort, nicht irgendein Umstand. Was sie nicht wissen, ist die Art, in der das Wort einen Bezug zu ihnen haben könnte. Das Grauen ist in der Welt, aber wie weit ist es weg in Raum und Zeit? Beruhigend weit weg?

Viele Eltern scheinen das herstellen zu wollen, dieses Gefühl, dass die Welt immer nur am anderen Ende untergeht. In der Annahme, die Kinder seien nicht alt genug für die Erkenntnis der Wahrheit. Ich gehe davon aus, dass ein Kind, das fragt, eine ehrliche Antwort verdient hat. Es gibt Elend in der Welt, es gibt Krankheit, Armut, Krieg, nichts davon ist wirklich weit weg. Die Armen liegen nachts im ganz wörtlichen Sinne vor unserer Haustür, das wissen die Jungs, das sehen sie. Die Kranken sind neben uns, die Opfer des Krieges im Stadtteil. Vielleicht ist die Dame, die gerade neben uns Obst kauft und seltsam entstellt ist, aus Syrien. Ich leugne so etwas nicht, ich wüsste auch keinen geeigneten Zeitpunkt, zu dem man den Vorhang dann doch noch heben sollte. In zwei Jahren, in drei Jahren, wann denn? “Und übrigens, mein Kind, ist die Welt ganz anders, gar nicht so toll…”

Nein, das geht doch nicht. Ich beginne gleich mit der Wahrheit, ich reduziere nur so kindgerecht wie ich kann. Man kann sagen, dass es hier Krieg gab, dass es jetzt anderswo Krieg gibt, man sollte aber ganz sicher bei Fünfjährigen nicht gerade mit den grauenvollsten Aspekten und Details beginnen.

Übrigens verstehen Kinder Krieg, den Vorgang können sie nachvollziehen. Kinder sind keine Friedensengel, sie sind oft genug selber Krieger und sie können sich ganz gut ausmalen, was passiert, wenn man genug funktionierende Waffen zur Verfügung hat und wütend ist, sehr, sehr wütend – und wenn dann keine Erzieherin rettend eingreift und energisch erklärt, dass es jetzt aber mal gut ist.

Die Gedächtniskirche ist jedenfalls so etwas von kaputt, die Kirche ist gar nicht mehr da. Da stehen Reste von Außenmauern, zumindest teilweise, da steht der Turm, der ist gerade komplett eingerüstet. “Wird er wieder aufgebaut?” Nein, er wird nur erhalten, das ist wohl gar nicht so einfach. “Starben hier Menschen bei dem Angriff?” Das beantwortet er sich dann murmelnd selber, denn wenn etwas so Großes wie die Kirche zerschossen wird und zusammenfällt – natürlich.

“Die Bomben wurden aus Ninjaflugzeugen geworfen. Nachts. Sehr viele. Die Menschen sind in so Bunker gerannt.” So erklärt Sohn I das seinem kleinen Bruder, während er über die Ruinen klettert, die er übrigens schön findet. Er redet noch weiter und mir wird beim Zuhören klar, dass sie in der Kita oder in der Vorschule schon Wissen gesammelt haben. Die Kinder haben zusammengetragen, was sie über den Krieg wissen, was sie im Fernsehen gesehen haben, was die Eltern erzählt haben, die Großeltern, sie haben das diskutiert und sich ein Bild gemacht. So etwas wird dann den Eltern nicht erzählt, das merkt man nur zufällig.

“Das sieht gut aus, so wie das hier noch steht.” Sohn I sieht sich um und zeigt auf die Trümmer. Ich zeige nach oben, wo man den Himmel sieht und erkläre, dass da das Kirchendach war. Ich zeige ihnen die Bilder auf den Schautafeln, die zeigen, wie das hier einmal ausgesehen hat. Sohn II sieht zum Turm hinauf und lässt sich die Inschriften auf den Denkmälern in allen Sprachen vorlesen, Gebet für den Frieden, Prayer for peace und so weiter. “Hier ist viel mit Gebet und so”, erklärt Sohn I, “aber nicht, weil es eine Kirche ist. Sondern weil es eine war.” Dann prüft er, wie gut man in den Ruinen klettern kann. Gegenüber wird gebaut, es sieht ein wenig so aus, als würde man heute noch Trümmer wegräumen.

Hopfenmarkt

Die Glocke im Turm schlägt und beide Kinder sind überrascht, mit einer Glocke haben sie nicht gerechnet, schon gar nicht mit einer,die so auffallend schön klingt. Das freut sie, denn von dem etwas unheimlichen Gedenkding einmal abgesehen, hat dieser Kirchturm also noch einen erfreulichen Sinn, das finden sie toll.

“Wer hat den Krieg gewonnen?” fragt Sohn II, “wir?”
Und das ist dann der Zeitpunkt, an dem man mal eben einen Abriss der deutschen Geschichte im Zwanzigsten Jahrhundert herunterleiern müsste, was man natürlich nicht kann, zumindest nicht ad usum delphini. Man ist nie genug vorbereitet, um den Fragen von Fünfjährigen standzuhalten, das kann man vergessen, Aber was man doch sagen kann, weil es nun einmal die Wahrheit ist, an der es nichts zu rütteln gibt, und weil alles andere eine Lüge wäre: dass wir nicht gewonnen haben. Dass die anderen gewonnen haben und dass das auch noch gut so war. Weil das, was die Deutschen damals gemacht haben, nicht gut war, das waren nicht die edlen Ritter, im Gegenteil. Das ist für ein Kind überraschend und schwer zu verstehen, aber das Wir, das große, glückliche Wir, das vor ein paar Tagen gerade noch freudestrahlend Fußballweltmeister geworden ist, dieses Wir hat eben eine lange Geschichte und besteht aus Menschen, die mal schuldig waren und mal nicht. Das Wir besteht aus ganz normalen Menschen, zu allem fähig. Das Wir steht nicht unbedingt immer für die Krone der Schöpfung. Es wäre schön, wenn “wir” auch in der Vergangenheit alles so heiter und sportlich erreicht hätten, wie diesen WM-Titel da, aber so ist es nun einmal nicht. Das ist nicht einfach und auch überraschend, aber der Sohn denkt nach und man soll das Nachdenken der Fünfjährigen niemals unterschätzen. Das mit dem “ mal Schuld haben und mal nicht”, das findet er dann auch vollkommen einleuchtend, das kennt er nämlich ganz gut. Und irgendwo muss Verständnis eben anfangen.

“Gibt es hier wieder Krieg? Wann? Kann den immer irgendwer anfangen?”

Das ist die naheliegende Frage, die sich ihm aufdrängt und ich erkläre ihm, dass es im Moment nicht so aussieht und wir großes Glück mit diesem Land und dieser Zeit haben. Dass es aber andere Kriege gibt. Jetzt gerade, er weiß es ohnehin, was soll ich da verschweigen oder vertuschen. Ich erkläre auch, dass es auf jeden ankommt, dass es immer auch eine Entscheidung der Einzelnen ist, ob etwas zum Krieg führt. Das ist ihm klar, da muss ich gar nicht weiter reden. “Man muss in der Mannschaft der lieben Menschen sein” sagt er und nickt, das kennt er nämlich auch aus dem Kindergarten, “das ist wichtig. Wenn nur genug in der Mannschaft der lieben Menschen sind, dann gibt es auch keinen Krieg.” Und das ist prinzipiell natürlich nicht falsch. Man könnte es ebenso gut bibliotheksfüllend ausformulieren, aber egal, es passt schon. Dann will er ein Eis und sieht sich um,ob in den Trümmern nicht vielleicht ein Kiosk zu finden ist. Kinder neigen nicht zum Pathos und sind oft nur sekundenlang von etwas beeindruckt.

Friedensforschung für Anfänger, so kann man also auch einen Ferientag verbringen.