Les Bourgeois

In meinem Internet wird über diesen Text hier diskutiert, der sicherlich richtige Gedanken enthält, wenn ich auch die Schlußfolgerung so gar nicht teile. Die Liberalen sollen es richten, ha! Haha! Gestatten Sie, dass ich mich kurz erbreche, pardon. Es stehen aber sogar in den Kommentaren noch interessante Anmerkungen, das ist ja selten genug.  Eine Leseempfehlung also auch von mir, das Thema ist jeden Gedanken wert und die Bezeichnung Öko-Bourgeoisie kann man ruhig einmal durchgrübeln.

Was ich aber eigentlich sagen wollte – man kann in diesem Kontext hervorragend Jacques Brel nachsingen, womöglich sogar ganztägig, es passt so dermaßen perfekt, er hat es so gut beschrieben. Les Bourgeois. Wie die Jungen zu den Alten werden, immer wieder und wieder, ob es sich nun um Menschen oder um Bewegungen handelt, das passt schon, wie man es auch dreht und wendet.

Eine deutsche Übersetzung findet sich hier. Die Seite ist ohnehin sehr nützlich, wenn man an Chansons herumrätselt.

Woanders – Mit Polen, Katholen und Kapellen

Nach achtundzwanzig Sonderausagaben zum Thema Flucht und Migration erst einmal zurück zum üblichen Format. Das Thema wird hier sicher wieder vorkommen, insbesondere mit zu verlinkenden Blogartikeln, aber erst einmal habe ich den ganzen übervollen Link-Ordner komplett gelöscht, weil es einfach nicht zu schaffen war, noch ein Spezialthema wöchentlich nebenbei adäquat zu bedienen. Und wenn man erst einmal richtig viele Links auf Halde hat, dann fangen sie an, einen zu belagern und zu belasten, das ist nicht der Zweck der Übung, da braucht es einen Neustart.

Im Landlebenblog geht es um Zygmunt und Hanka. Im Text ist auch ein älterer Artikel zu Hanka verlinkt, sehr lesenswert.

Ein Text über den alten, grausamen Katholizismus.

Felix über Architektur und eine Kapelle. So etwas lese ich gerne, ich finde Nachdenken über Architektur und auch über Stadtplanung ausgesprochen interessant. In der Presse geht dieses Denken immer öfter gleich in einen Rant über, weil jeder bei Architektur natürlich gegen irgendwas ist. Ich finde es mittlerweile doch nützlicher, einfach etwas herumzudenken, ohne gleich zu hassen. Siehe dazu auch noch einmal unser Interview mit dem Stadtplanungsexperten Hendrik Neubauer bei “Was machen die da”.

Würfeln für den Weltfrieden. Und gleich mal das Blog abonnieren!

Diese Lego-Ausstellung in Hamburg möchten einige vielleicht vormerken, auch oder gerade ohne Kinder.

Ich mag eigentlich keine Singer/Songwriter-Cover von großen Hits mehr, das hat sich doch etwas totgenudelt, immer wieder das vorhersehbare Muster. Aber diese leise, behutsame und unendlich traurig klingende Version von “Whiter shade of pale” von Dan Reeder – doch, die hat was. Wenn man den Song, der ist übrigens in etwa so alt wie ich, in die andere Richtung weiterentwickelt, hin zum schrankenlosen Bombast, dann klingt das so. Und egal, welche Version gerade läuft, jedesmal denke ich: Hättste man bloß damals an der Hammond-Orgel weitergeübt. Schön blöd.

Und gleich noch so eine Ausnahme von der No-Cover-Regel. Ben Sidran (hier in der Wikipedia) hat ein Album “Dylan Different” – und Dylan gehört nun, bei allem Respekt, zu den Sängern, die nicht unbedingt schlechter werden, wenn sie gecovert werden. Wer bei Spotify ist, findet dort das ganze Album.

Die Herzdame backt – Käsesahnetorte

Dieser Artikel wird freundlicherweise gesponsored, daher wird er hier auch als WERBUNG deklariert.

Und für dieses Sponsoring gibt es eine äußerst nette Erklärung, die ganz wunderbar zu der ebenso alten wie immer noch schönen Regel passt, dass Blogs wie Schaufenster sind. Da legt man rein, was man hat, Texte, Kolumnen, Bilder, Ideen, Formate, was auch immer – und manchmal, mit etwas Glück, kommt jemand vorbei, der das kauft. Das ist mir im Laufe der Jahre mehrfach passiert, ich finde es immer noch großartig. Viel eleganter kann Akquise nicht laufen.

Wie hin und wieder bereits bemerkt wurde, trägt die Herzdame beim Backen in der Regel geradezu irritierend schöne Kleider. Das waren meist welche von King Louie, weil die Marke nun einmal ihren halben Kleiderschrank füllt. Diese Kleider im Vintage-Look passen hervorragend zum Lindy-Hop und zum Balboa, und da die Herzdame tendenziell immer öfter tanzt, besteht da ein gewisser Bedarf an Ausrüstung. Sie sind aber nicht so vintage, dass man sie nicht auch im Büro tragen könnte. Wir hatten tatsächlich schon ein paar mal daran gedacht, die Firma anzuschreiben, wir sind dann aber nie dazu gekommen. Mussten wir auch gar nicht, denn nun haben sie uns angeschrieben, weil aus dem Blog doch einige dort im Shop gelandet sind, obwohl wir die Marke gar nicht so prominent genannt haben. Es folgten zwei, drei nette Mails und zack, diese Ausgabe der Backkolumne hat wieder einmal einen Sponsor – und zwar genau den, den wir wollten. Wir freuen uns sehr. Und nun zur Torte.

Dossenmandarinen

Es ist, da kann man gleich den höchst erwartbaren Kommentaren vorbeugen, so etwas wie eine Glaubensfrage, ob Dosenmandarinen etwas im Kuchen zu suchen haben oder nicht. Ich aber glaube an Dosenmandarinen, mehr Diskussion dazu brauchen wir also gar nicht. That was easy!

Käsesahnetorte

Es gibt also Käsesahnetorte, und zwar nach einem für Eltern optimierten Rezept, denn weiter unten folgt ein Schritt, der nur für Menschen mit Kindern Sinn ergibt. Das bezieht sich auf die Art der Zubereitung, nicht auf die Zutaten. Die sind immer wie folgt, ob mit oder ohne Kinder in der Küche:

Für den Boden:

3 Eier

150 g Zucker

150 g Mehl

3 Pk Vanillezucker

1 TL Backpulver

Für die Käsesahne:

500g Quark

125 g Zucker

375 ml Sahne

1 Dose Mandarinen

4 TL von diesem Zeug (San-apart), das ist nun kein werbender Link, ich weiß nur nicht, wie das sonst heißt – alternativ nimmt man 1 Pk Gelatine weiß

Eier

Den Backofen auf 200 Grad vorheizen. Eine Springform einfetten und dünn mit Mehl bestäuben. Die Eier mit Zucker und Vanillezucker schaumig rühren.

Zucker

Mehl und Backpulver mischen, drüber sieben und unterheben. Den Teig in die Springform füllen und 10 bis 20 Minuten auf der mittleren Schiene backen.

Eier

Die Figur rechts hat mit den Eiern gar nichts zu tun. Wenn man Kinder hat, muss man auch mit sinnlosen Kombinationen im Dekobereich klarkommen können.

Herzdame an Herd

Wobei es übrigens gar nicht so einfach ist, hier Fotos ohne Kinder hinzubekommen. Die meisten Bilder sehen so aus:

Herzdame an Herd mit Sohn II

Stäbchenprobe

Während der Boden abkühlt, die Mandarinen abtropfen lassen, dann die Sahnefüllung anrühren.

Dosenmandarinen

Und zwar wie folgt:

Den Quark mit Zucker schaumig rühren oder rühren lassen.

Rührgerät mit Sahne

Wenn man dieses San-apart-Zeug hat, schlägt man die kalte Sahne eine halbe Minute auf, gibt dann 4 TL San-apart dazu und schlägt sie dann bis zur gewünschten Festigkeit. Anschließend die Sahne unter die Quarkmischung heben.

Herzdame und Sohn I

Gelatinevariante: Wenn man das seltsame Sahnesteifzeug nicht hat, schlägt man die Sahne steif und zieht sie unter die Quarkmischung. Dann die Gelatine quellen lassen, auflösen und auch unterrühren.

Kleid

Die Herzdame rührt Teig

Für Bilder dieser Art, um mal etwas Making-Of unterzubringen, hänge ich übrigens etwas aus dem Dachfenster, so groß ist die Küche gar nicht, dass diese Bilder einfach wären. Ich hänge rückwärtig in der Frischluft – und wenn ich mich etwas nach draußen drehe, sehe ich auf diese Art auch einmal die Stiefmüttchern in der Dachrinne. Wie auch immer die da hinkommen, egal.

Dachrinne

Bei beiden Varianten jetzt die Mandarinen vorsichtig unterheben – wenn man keine Kinder hat. Sonst erst einmal ohne Mandarinen weiter im Text.

Den abgekühlten Boden horizontal und mittig halbieren, so dass man zwei Böden bekommt, also einen Boden und einen Deckel (man sieht es dem Satz nicht an, aber alleine über diese schöne und präzise Formulierung haben die Herzdame und ich lebhaft und lange gestritten, bis sie endlich einen sinnvollen und allgemein verständlichen Satz ergab. Wir sollten definitiv keine Texte gemeinsam verfassen, das ist nicht gut für die Beziehung.)

Der Teig wird halbiert

Teigboden und Deckel

Teigboden

Um den unteren Boden einen Tortenring dengeln. (Das ist womöglich etwas nordostwestfälisch und rustikal formuliert, aber die Herzdame steht immer noch neben mir und diktiert, was soll ich machen. Es wird also gedengelt.) Dann die Quarkmasse auf dem Boden verstreichen.

Teigboden

Sahne einfüllen

Wenn man Kinder hat, können diese jetzt die Mandarinen liebevoll einzeln darin versenken, das ist bei den Söhnen quasi der Hauptspaß bei diesem Rezept. Wenn man keine Kinder hat, sind die Mandarinen schon drin, das ist sehr vernünftig und erwachsen.

Dann den Deckel vorsichtig aufsetzen und die Torte kaltstellen. Setzt man den Deckel nicht vorsichtig auf, sondern so energisch wie ein etwa achtjähriges Kind, dann wird die Torte womöglich schief. Siehe Bildbeweis.

Mandarinen versenken

Deckel auflegen

Torte von der Seite mit Tortenring

Puderzucker

Wenn die Masse erstarrt ist, den Ring abnehmen und den Deckel mit Puderzucker bestäuben. Zack, fertig ist die Torte, das ist im Grunde sehr einfach.

Torte von oben

Die Herzdame an Torte

Die Herzdame schneidet Torte

Ein Tortenstück

Torte von oben

Wir weisen, wie oben angekündigt, empfehlend auf den Shop von King Louie hin.

Kin Louie Onlineshop

 

Und hier zum Schluss noch ein Tortendekorationsvorschlag von Sohn II. Die anderen Familienmitglieder waren nicht überzeugt, aber wer wird Geschmacksfragen debattieren, siehe auch Dosenmandarinen.

Torte mit Deko von Sohn II

 

Woanders – Der Wirtschaftsteil

Ein Link zum Thema der letzten Woche wird noch eben nachgereicht, also noch einmal kurz zur Ernährung, genauer zu Superfoods. Ein Artikel aus der Zeit, ziemlich sicher der Spaß der Woche.

Ansonsten ist dies eine Ausgabe zum Thema Inklusion, das hatten wir vermutlich bisher noch gar nicht, dann wird es ja Zeit. Vorweg ein Verweis auf die Wikipedia, und zwar zum Artikel über das UN-Übereinkommen über die Rechte von Menschen mit Behinderungen. Das lohnt trotz des naturgemäß sperrigen Textes die etwas genauere Lektüre, weil vermutlich gar nicht allgemein bekannt ist, was da eigentlich beschlossen wurde. Und was damit auch eigentlich nicht mehr diskutiert werden muss, übrigens auch nicht nach deutschem Gesetz. Der Alltag sieht, wen wundert es, oft ganz anders aus.

Und jetzt wir lassen eine Expertin zu Wort kommen, mit einem Satz, der hier bewusst gewählt wurde: “Ich finde mich recht langweilig, wissen Sie, denn ich unterscheide mich mit keiner Eigenschaft von den mir bekannten Menschen!” Das ist ein Satz von Anastasia Umrik. Wer sich mit Inklusion und den Rechten und der Situation von Menschen mit Behinderungen beschäftigt, wird ihr vielleicht schon irgendwo zumindest online begegnet sein, sie hat z.B. auch etwas zu Mitarbeiterführung zu sagen.

Bei Heiko Kunert geht es um Behindertenpolitik und Gesetzgebung in Deutschland, und erfreulich ist das ganz und gar nicht – weswegen es in einigen Städten heute etwas laut wird. Heiko kam auch schon bei “Was machen die da” in einem längeren Interview vor, wer sich für die Lebenssituation blinder Menschen interessiert, wird dort viel Interessantes finden. Wie man überhaupt immer wieder zuhören oder lesen sollte.

Beim Deutschlandradio Kultur wird gefragt, ob Inklusion Banalisierung bedeutet, wenn es etwa darum geht, Gemälde für Blinde erfahrbar zu machen. Und der Guardian bemerkt eine besondere Legofigur, auch das hat natürlich mit Inklusion zu tun.Und apropos Spielzeug, bei Raul Krauthausen, vermutlich auch allgemein bekannt, gab es vor längerer Zeit einmal einen Text zu Kinderbüchern mit dem Thema Behinderung. Auch heute noch interessant. Und in den Kommentaren dort findet man weitere Hinweise.

Inklusion findet mittlerweile auch am Gymnasium statt, allerdings ist das noch so spektakulär, dass die Zeit ausführlich darüber berichtet.

Und in der Zeit geht es schließlich auch um einen der Abgründe beim Thema Inklusion, um die Pränataldiagnostik und ihre Folgen: Alle reden von Inklusion, während behinderte Menschen zusehends aus unserer Gesellschaft verschwinden.” Ein Thema, bei dem man sich zwingend mit seinen Werten und Überzeugungen, seiner Philospohie, vielleicht auch seiner Religion auseinandersetzen muss, das ist mit ein paar flüchtigen Gedanken sicher nicht getan.

Nicht mehr um Inklusion, aber um Integration geht es zum Schluss beim üblichen Link für den Freundeskreis Fahrrad – wie geflüchtete Frauen in Berlin das Radfahren lernen.

GLS Bank mit Sinn

Gelesen – Alex Capus: Reisen im Licht der Sterne

Das muss man Literaturinteressierten einigermaßen dringend empfehlen, das ist ein großer Spaß um einen großen Dichter. Es geht um Robert Louis Stevenson, den man von der Schatzinsel her kennen kann und von Jekyll & Hyde unbedingt kennen sollte. Es geht also um einen alten Bekannten, genauer um den letzten Abschnitt seines Lebens.

Den hat er auf Samoa verbracht, angeblich wegen des Klimas, das so einladend allerdings gar nicht ist. Da wird etwas hinterherrecherchiert und auch etwas nachgereist, was hat dieser Stevenson wann und wo gemacht, wen könnte er wo getroffen haben, wovon hatte er Kenntnis, was hat er literarisch wie verarbeitet? Und was steht ausdrücklich nicht in seinen Büchern? Fügt sich das dann zu einem möglichen Bild, das in den bekannten Biographien bisher so gar nicht vorkommt?

Da geht es um verblüffend viel Geld in Stevensons Besitz, für das es keine rechte Erklärung gibt, vom Buchverkauf wird man bekanntlich eher nicht steinreich, auch damals wurde man das nicht. Da geht es auch um einen Flaschenkobold, der äußerst fragwürdige Geschenke verteilt und um die kleine Kokosinsel, die im Laufe der Jahrzehnte von zig Schatzsuchern aus aller Welt immer wieder und vergeblich um- und durchgewühlt wurde. Es geht um den sagenhaften Kirchenschatz von Lima und auch um andere berühmte Hinterlassenschaften der Piraten mit den bekannten Namen. Und es geht natürlich um den vielleicht wahren Grund, warum Stevenson sich ein riesiges Grundstück am eher unwirtlichen Rande der Welt gekauft hat.

Es ist einigermaßen faszinierend, dass Capus dieses Thema tatsächlich spannend hinbekommt, obwohl man das Thema Schatzsuche auf den ersten Blick vielleicht nicht mehr so spannend finden mag. Das wird es dann aber doch und man kann bei der Lektüre ein wenig über sich selber lachen, wie diese alten Mechanismen wieder greifen, aufgrund derer man schon einmal – lange, lange ist es her – die Story um Long John Silver wahnsinnig spannend gefunden hat. Und wie die wieder greifen, da kann man noch so erwachsen sein, man kann eben doch wieder die Strände von Südseeinseln und Schiffe im Sturm vor Augen haben und überraschend neugierig weiterblättern, auch wenn es schon recht spät ist.

In einem Rutsch durchgelesen, ein wunderbares kleines Buch.

 

Diese Farbe

Und überhaupt war ich ja noch gar nicht fertig mit Helgoland. Die Tage springen mir hier wie kalendarische Kastenteufel um die Ohren und zack, ist so eine Reise schon wieder eine gefühlte Ewigkeit her. Schlimm! Heute aber doch immerhin eine Kleinigkeit.

Wir kamen bei den Spaziergängen auf der Insel mehrfach an dem formschönen Gebäude auf dem folgenden Bild vorbei (es handelt sich um die rückwärtige Ansicht der Schwimmhalle) und wussten nicht recht, wie die Farbe im oberen Bereich zu benennen ist.

Helgoland

Die ansonsten nahezu allwissende Isa war bei “bordeauxgrau”, ich war eher bei “used pink”. Und irgendwie dämmerte mir, dass man den Ton auch aubergine nennen kann – aber warum eigentlich? Auberginen sehen doch ganz anders aus?

Helgoland

Laut dem Fachblatt für Schattierungen (Schöner Wohnen, die hatten damals auch etwas mit der Lagunen-Aktion in unserer Küche zu tun) ist die Farbe Aubergine übrigens etwas “für sinnliche Romantiker” und wird gerne kombiniert mit Nadelstreifen auf der Tapete. Hilft einem das weiter? Haben sinnliche Romantiker die Schwimmhalle auf Helgoland angestrichen? Und wieso gibt es überhaupt Tapeten mit Nadelstreifen? Sind denn wirklich alle bekloppt?

Egal. Morgen weiter mit der Farbe Blau. Warum auch nicht.

Gelesen – Alex Capus: Der Fälscher, die Spionin und der Bombenbauer

Da wird das, was ich beim letzten Capus schon geschriebe habe, noch einmal geradezu lehrbuchmäßig durchdekliniert, dieser fließende Übergang zwischen Geschichte im historischen Sinne und Geschichte im Sinne von Literatur. Es geht etwa um den Atomphysiker Felix Bloch, also um jemanden, der historisch sehr greifbar ist, es geht aber um auch um Stücke seines Lebensweges, die keineswegs für uns greifbar sind. Es geht um ein junges Mädchen (übrigens das Kopftuchmädchen auf dem Umschlag, man kann so etwas ja nicht oft genug betonen), das Sängerin werden möchte und Spionin gegen die faschistischen Mächte wird, es geht um einen Jungen mit Extrembegabung in der Kunst, der ein großer Fälscher wird, alle drei Personen sind historisch belegt. Sie leben zur selben Zeit, sie laufen sich nicht oder vermutlich nicht über den Weg, von einer winzigen Szene abgesehen, aber in der liegt es eben, dass es dieses Buch so geben kann. Capus hat einen Faible für Lebenswegschilderungen und er beschreibt sie so, dass man diese Leidenschaft am liebsten mit ihm teilen möchte, man bekommt direkt Lust, den Lebenswegen seiner Vorfahren oder anderer Figuren hinterherzudenken, das tut man vermutlich überhaupt viel zu selten. “Faktentreues Träumen” nennt das der Verlag, das ist eine ganz wunderbare Beschreibung von dem, was in den Büchern passiert.

Und die Lebenswege beschreibt Capus in einem Romandeutsch, das ich ganz wunderbar, ich möchte fast sagen vorbildhaft finde. Eine Erzählsprache, die ganz ohne Marotten auskommt, mit einem Maß an Deutlichkeit und Plastizität, das mir für solche historisch-erzählenden Zwecke ideal erscheint. Nie zu viele Details, nie zu wenig Information. Das muss man auch erst einmal können, ich bewundere das. Hier ein Video, in dem Alex Capus etwas über das Buch und seine Schreibweise erzählt.

Und der nächste Capus ist schon in Arbeit, es ist mir ein Fest. Da geht es dann um Herrn Stevenson, den mit der Schatzinsel.

Gelesen – Alex Capus: Fast ein bisschen Frühling

Das Buch spielt 1933. Zwei Arbeitslose aus Wuppertal möchten auf dem Seeweg nach Indien, überfallen zum Zwecke der Spesenregelung eine Bank, was nicht ganz ohne Opfer über die Bühne geht. Sie kommen auf ihrer Flucht nur bis Basel, das freie Reisen durch Europa und den Rest der Welt war auch damals nicht ganz einfach. In Basel ergibt sich eine kleine Liebeskomplikation mit einer Schallplattenverkäuferin, die zum Erwerb sehr vieler Tangoplatten und etlichen abendlichen Spaziergängen zu dritt am winterlichen Rheinufer führt. Bis die beiden mehr Geld brauchen. Ein Buch über das Scheitern und über das Schicksal, eine bittere Sache, sehr leicht erzählt, ein Tango von einem Roman. Kurz und gut und schön und ein wenig schmerzhaft.

Eine teils wahre Geschichte, was eigentlich vollkommen egal ist, bei Capus aber doch auch den Reiz ausmacht, diese Mischung aus Fakten und Hinzu- und Drumherumdichtung, da muss man ihn wohl als Großmeister betrachten. Ich habe sonst überhaupt keine Neigung zu historischen Themen in modernen Romanen, Capus würde ich aber jede Story abkaufen, selbst wenn es um wallonische Wanderbuchhalter im ausgehenden Spätmittelalter gehen sollte, er würde schon etwas daraus machen, da bin ich mir sicher.

Vielen Dank!

Ich weiß allerdings gar nicht, an wen der Dank zu richten ist, der Sendung an die Söhne lag kein Zettel, kein Brief, kein gar nichts bei. Herzlichen Dank also an X, die oder der den Söhnen “Weltraumkrümel” von Craig Thompson geschickt hat, ein wunderbar dicker Comic aus dem Reprodukt-Verlag. Deutsche Fassung von Matthias Wieland. Die Söhne sind schon komplett von der Vorstellung überwältigt, was so ein dicker Band für eine Arbeit gemacht haben muss, sie wissen ja, wie endlos lange sie selbst manchmal für ein großes, buntes und detailreiches Bild brauchen. Und dann so viele davon? Und auch noch mit Geschichte und Text? Und das hat alles ein Mensch gemacht? Völlig unfassbar.

Der Reprodukt-Verlag, das kann man ruhig noch einmal betonen, macht wirklich tolle Comics, auch für Kinder.

Woanders – Der Wirtschaftsteil

Wie in der letzten Woche angekündigt, es geht um die Ernährung. Und gleich vorweg empfehlen wir noch einmal nachdrücklich den wöchentlichen Newsletter von Patrik Stäbler, die Schmausepost. Jede Woche eine Fundgrube an interessanten Artikeln zum Thema Food, ein wirklich guter Service.

Low, slow and no: In der Zeit geht es um Ernährungsreligionen, die hauptsächlich von Verboten leben. “Lassen wir uns die Freude vermiesen?” Zu den Ernährungstrends, zu ihrer Aufladung und auch zu “digitalen Tattoos” noch mehr im Spiegel, in einem Interview mit einem Ernährungspsychologen. Und bei Quarkundso geht es um einen Fetisch beim Thema Essen, um das heilige Frühstück, also um die wichtigste Mahlzeit des Tages, wie man ebenso reflexartig wie falsch ergänzen möchte.

Um das Gegenteil von low, slow and no geht es beim Hashtag Foodporn auf Instagram. Das Thema hat sich auch jemand genauer angesehen und kommt zu einem nicht gerade naheliegenden Schluss, hier bei Heise. Wobei Foodporn bei Instagram schon veraltet ist, die neue Variante im Bewegtbild gibt es etwa bei Facebook, und bei den Krautreportern gibt es dazu einen Artikel. Der im Text verlinkte Wilmenrod-Film ist übrigens absolut sehenswert, ein kulturgeschichtliches Kleinod. Und weil das hier der Wirtschaftsteil ist, bitten wir außerdem um besondere Beachtung der Passage, in der es um nicht vorhandene Erlösmodelle geht.

Über die Frage der vegetarischen Ernährung kann man selbstverständlich vor dem Hintergrund des Tierwohls debattieren, das ist die Argumentationskette, die am geläufigsten ist. Die andere, die von Umweltgesichtspunkten ausgeht, ist noch nicht so verbreitet, und daher immer wieder einen Link wert.

Wer dennoch tierische Produkte verzehrt, sollte sie wenigstens in Bioqualität kaufen. Nach dieser aktuellen Meldung ist das gerade wieder gesünder. Erfahrungsgemäß dauert es aber nur wenige Wochen, bis wieder das Gegenteil bewiesen wird, woraufhin dann nach ein, zwei Monaten eine anderslautende Studie … und immer so weiter. Man sollte allmählich meinen, dass man sich auch ohne diese Ergebnisse für Bio entscheiden kann. Und wer übrigens vegetarisch lebt, sich aber oft für Fleischersatzprodukte entscheidet, möchte vielleicht noch einmal durchdenken, wie und von wem sie hergestellt werden.

Und in Hamburg gibt es jetzt einen besonderen Brotladen, die Idee ist eigentlich ganz naheliegend, das ist sicher auch etwas für andere Städte.

Apropos Brot von gestern: Hier noch etwas zum Mindesthaltbarkeitsdatum.

Zum Schluss wie fast immer noch schnell ein Link für den Freundeskreis Fahrrad, ein wenig Sprachkritik. Denn auch Polizeimeldungen haben etwas mit Verkehrspolitik und gesellschaftlichen Trends zu tun.

GLS Bank mit Sinn