Gelesen – Sarah Kirsch: Aenglisch

Ich mag ja, das darf man gar nicht laut sagen, die Prosa von Sarah Kirsch lieber als ihre Gedichte. Schlimm! Ich habe die Prosa-Bände mittlerweile alle verschlungen. Eine schwer zu erklärende Liebe, da passiert nämlich eher nichts in den Texten. Es gibt keine treibende Handlung, keine umwerfenden Erkentnisse, keine bewegenden seelischen Entwicklungen und der Stil ist zwar von einer schrulligen, liebenswerten Eigenart, aber auch nicht von einer stilistischen Brillanz, die einen als Leser umnietet und sprachlos beeindruckt zurücklässt. Sarah Kirsch geht einfach „spazoren“, in diesem Fall in England, an irgendeinem Tag im „Septembrius“, sie freut sich über Wasserkocher in Hotelzimmern, über das Wetter und immer äußerst kenntnisreich über Büsche und Bäume und nebenbei auch über excentric people. Ich könnte es stundenlang lesen, ich finde es ungeheuer entspannend, dabei aber überhaupt nicht belanglos. Die Seiten hätten auch als Blog gut funktioniert, denkt man bei der Lektüre so nebenbei. Ein Blog, das man gerne abonniert hätte.

Sie ist, das merkt man schnell, sehr eigen, aber auch recht oft sehr zufrieden, eine vermutlich gar nicht so häufige Mischung. Sie ist den Mitmenschen in der Erscheinungsform als Gesellschaft eher nicht zugewandt, aber sie wird nicht aggressiv. Das ist eigentlich schon ein beachtliches und feines Kunststück. Man möchte beim Lesen dauernd “Siehste, geht doch!” murmeln, denn man kann eben auch mit allem nicht einverstanden und eher auf der Flucht sein, ohne dabei dauernd Gift und Galle zu spucken, wie es gerade so en vogue ist.

Der Band enthält einige Abbildungen ihrer Handschrift, das ist immer interessant, so etwas zu sehen.

Ferner enthalten ein Nachwort von Frank Trende mit einer wunderbar passenden und ganz dezenten Spukgeschichte über ihre Beerdigung, das hat mich alles gefreut. Ein dünnes und schön gestaltetes Buch, das kann man in einem Bissen weglesen, vorzugsweise selbstverständlich in einem Garten oder in einem Park.

Vor dem Husumer Bad

Während ich heute völlig außerplanmäßig beim Zahnarzt in Husum war, ging die Familie mal eben ins Husumer Schwimmbad. Aus organisatorischen Gründen, die zu erklären jeden vernünftigen Rahmen sprengen würde, hatte die Herzdame sowohl meine Badehose als auch die Autoschlüssel mit hineingenommen, daher saß ich nach dem Zahnarztbesuch stundenlang vor dem Schwimmbad und wartete, dass die Familie irgendwann wieder herauskommen würden. Ich hätte natürlich auch irgendwohin gehen können, auf einen Kaffee oder so, aber einem bestimmten Zahn und mir war gerade nicht so und ich hatte einfach keine Lust. Auf gar nichts. Also saß ich da eben herum.

Das Schwimmbad von Husum ist ein flacher Betonklotz mit ein paar roten Dekomäuerchen daran, damit es nicht ganz so trostlos aussieht. Nicht sehr groß, nicht sehr klein, Schuhkartonarchitektur, die den Zweck erfüllt. Spiel, Spaß, Sport, Sauna, das steht da dran, in bunten Buchstaben auf einem Schild neben dem Eingang.

Vor dem Eingang stehen ein paar Bänke. Sonst ist da ein Parkplatz, auf dem einige Bäume stehen, am Rand gibt es noch Fahrradständer. Das war es. Da ist eigentlich überhaupt nichts, da ist auch nicht viel Verkehr, da ist es ruhig. Man kann von da aus die Stadt nicht sehen, man sieht auch sonst nichts, was irgendwie interessant oder reizvoll wäre. Ab und zu kamen Menschen mit nassen Haaren aus dem Bau. Der Himmel war mild und grau, die Bäume waren normalgrün, die Gehwegplatten sauber gesetzt, es war nicht warm und nicht kalt.

Das war wahnsinnig entspannend, da zwei Stunden zu sitzen. Mit Blick auf nichts, mit überhaupt nichts zu tun und mit nichts im Kopf. Das waren mit Abstand die erholsamsten zwei Stunden der letzten Tage.

Das Schwimmbad von Husum von außen: Gerne wieder.

 (Der Rest der Familie fand es innen auch gut. Wenn man auf Eiderstedt ist und unaufgeregt in ein Schwimmbad möchte, also nicht so schick, hip und irre teuer wie in Sankt Peter-Ording, Husum ist wirklich eine gute Wahl.)

 

Gelesen – Bram Stoker: Dracula

Deutsch von Stasi Kull. Auf dem Handy gelesen, daher kein Bild dazu, aber Bilder hat bei der Geschichte ohnehin jeder im Kopf, man kennt das. Ich kannte den Roman tatsächlich bisher nicht, wobei das Nichtkennen in diesem Fall etwas seltsam ausfällt, weil man natürlich etliche Versatzstücke kennen muss, das geht gar nicht anders. Aus Filmen, aus anderen, stark angelehnten Geschichten, aus Comics, Kinderbüchern usw., Dracula ist überall. Man weiß das mit dem Spiegelbild, mit dem Knoblauch, mit den Wölfen, mit den Karpaten und immer so weiter, man weiß ziemlich viel.

Ich habe nicht recherchiert, ob Bram Stoker die Methode als erster Bestseller-Autor bekannt gemacht hat, eine Romanhandlung komplett nur aus Tagebuchaufzeichnungen, Zeitungsausschnitten, Briefen, Telegrammen etc., aufzubauen, um der Leserschaft so den Eindruck zu vermitteln, die Handlung sei wirklicher als eine nur auf die gewöhnliche Art erzählte. Man kann sich jedenfalls mit etwas Phantasie vorstellen, wie gewaltig dieser Trick auf das damalige Publikum gewirkt haben muss. Das Buch hat dabei deutliche Schwächen, es wird vor allem nach hinten immer langweiliger, die besten Szenen werden alle weiter vorne verbraten, etwa die Landung Draculas in England, die macht bei der Lektüre dann doch Spaß. Der Tonfall der Briefe und Tagebücher der Hauptfiguren unterscheidet sich nicht, alle reden gleich, alles trieft vor Edelmut und Empfindsamkeit, das ist aus heutiger Sicht kaum zu ertragen. Wenn man die Stellen streichen würde, in denen sich die Figuren gegenseitig versichern, wie großartig sie sind, das Buch wäre erheblich dünner. Die Frauen sind selbstverständlich schwach und dürfen nur redselig kommunizieren, nicht aber handeln. Das Personal ist dumm, trunksüchtig und wird eigentlich nicht einmal als menschlich wahrgenommen, das ist nur Beiwerk und Ausstattung, menschliche Dreingaben. Da waren andere Autoren zu der Zeit in ihrem Weltbild doch schon ein wenig weiter.

Die sexuellen Anspielungen waren erheblich deutlicher, als ich es erwartet hatte, da weiß man dann vermutlich auch ein Argument mehr, warum das Buch so ein Erfolg war. Ich wusste z.B. auch nicht, dass eine der Opferdamen Draculas Blut trinken musste, wobei er ihren Kopf gewaltsam an seinen Körper und an eine aufgeschlitzte Ader drückte, so dass sie „schlucken oder ersticken“ musste, das hat sich als Bild erstaunlicherweise gar nicht so durchgesetzt, nanu.

Nun ja. Kann man mal gelesen haben. Die erste Hälfte reicht aber auch, danach kommt dann nichts mehr, was wirklich interessiert. Sie kriegen ihn selbstverständlich irgendwann nach einer schier endlosen Reise, das aber vollkommen unspektakulär, er zerfällt zu Staub, so wie das E-Book nach dem Löschen. Oder so.

Nach dem letzten Satz habe ich das Licht ausgeknipst und das Fenster aufgemacht, wo genau in dem Moment eine Fledermaus vor dem Mond vorbeiflog. Und das war dann doch recht gelungen, fand ich.

Woanders – Der Wirtschaftsteil

Wir nehmen uns heute das Thema Ethik vor, denn wenn es um Werte und Sinn und Richtung geht, um weiter nach vorne zu kommen, dann braucht man einen Kompass. Und vielleicht auch ein System, wobei man darüber schon streiten könnte.

Bei der Ethik geht es laut Wikipedia um die Bewertung menschlichen Handelns, und zwar nicht in einem merkantilen, sondern in einem philosophischen Sinne, versteht sich. Nils Markwardt schreibt über den Gegensatz zwischen Gesinnungsethik und Verantwortungsethik und über die moderne Politik. Man kann das sehr leicht auf Unternehmen oder auf die alltagsphilosophischen Betrachtungen übertragen, nach denen man sich selbst auszurichten meint, es ist ein recht interessantes Gedankenspiel, welcher Fraktion man wann und wobei mehr zuneigt. Manche Firmen kommen da auf ziemlich verblüffende Aussagen zu ihrer Daseinsberechtigung.

Die Frage, was man richtig machen kann, was überhaupt Sinn haben kann, sie treibt Menschen wieder und wieder um und sie führt zu immer neuen Ergebnissen. “Effektiver Altruismus”, das hat man so vielleicht noch nicht gehört. Etwas um die Ecke gedacht, so kommt es einem vielleicht auf den ersten Blick vor. Aber auch nicht uninteressant. Wobei man vermutlich auch bei noch so stabiler Ethik ab und zu den Hinweis braucht, dass all die Bemühungen auch etwas nützen.Denn das sehen wir oft nicht, weil wir es nicht können, nicht wollen, nicht gewohnt sind, warum auch immer.

Und es mag auch nützen zu wissen, wogegen man eigentlich ist, das lässt manchmal wieder schärfer hervortreten, wofür man ist. “Wir müssten uns wieder ernsthaft der Frage stellen, was für ein Leben wir leben wollen.” Wer kirchlich ausgerichtet ist, findet zumindest als Katholik auch interessante Quellen zur Frage “wogegen bin ich”. Und wenn man meint, dass das, wogegen man ist, zumindest teilweise am Kapitalismus liegt – nach Meinung einiger scheint sich da eh etwas zu ändern, man kann dabei zwischen Dystopie und Utopie im Moment frei wählen. Eine Utopie ist selbstverständlich die nettere Wahl (englischer Text).

Zum Schluss noch einmal der Bogen weg vom System zu unserem eigenen Handeln, gerade zum beruflichen Handeln, das uns so sehr prägt. Zur Sinnhaftigkeit der eigenen Berufswahl findet man gar nicht so oft Texte, die etwas tiefschürfender herangehen, hier dann aber doch einmal. ”Wir müssen den Interessen anderer dienen, indem wir auf einem speziellen Gebiet gut werden.” Wie der olle Kempowski gesagt hätte: Da mal drüber nachdenken!
GLS Bank mit Sinn

Tippeditipp

Ich sitze am improvisierten Schreibtisch im Ferienbauernhof und schreibe Seite um Seite. Ich schreibe zielstrebig auf den Punkt zu, an dem man sich wieder einmal fragt, ob man da eigentlich gerade totalen Schrott produziert oder einen halbwegs guten Text, an dem Punkt komme ich gerade öfter vorbei. Sohn II kommt vorbei, baut sich vor meinem Schreibtisch auf, zeigt mit dem Finger auf mich und ruft in wüstem Kassandra-Tonfall: “Du Narr!”
Ich: “Wie bitte?!”
Sohn II: “Ich weiß eigentlich nicht einmal, was das heißt. Ich hatte nur gehofft, es ist ein lustiges Schimpfwort. Hat ganz gut geklappt, ne?”

Johannes Korten 1974 – 2016

Manche Nachrichten erwischen einen so, dass man auch als einigermaßen routinierter Schreiber weder geistreich noch sinnig-stimmig noch auch nur halbwegs sortiert darauf reagieren kann. Die Nachricht von seinem Tod erreichte uns direkt am Leuchtturm Westerhever, wo einem ohnehin ein scharfer Wind von der Nordsee in die Augen kommt, da fällt es gar nicht öffentlich auf, wenn man so etwas auf dem Handy liest. Am Leuchtturm von Westerhever steht man mitten in den Salzwiesen vor dem Wattenmeer, da hat man eigentlich nie Empfang, da kann man solche Nachrichten gar nicht bekommen, die man auch gar nicht bekommen will. Denkt man.

Das ist dieser Leuchtturm, den alle kennen, der rotweißgestreifte Leuchtturm schlechthin, das weithin sichtbare Signal für Schiffe auf dem Meer und auch für die Touristen an Land, und aus dem Leuchtturmbild könnte man eigentlich etwas machen, was recht gut zu Johannes gepasst hätte. Ich kann aber gerade nicht. Man kann nämlich nicht immer können, man muss es wohl nicht einmal, das ist auch so etwas, was man irgendwann lernen muss.

Isa, Kiki und Liisa haben schon geschrieben, da ist auch alles dabei, da wurde nichts ausgelassen, was wichtig war. Ach, es ist ein furchtbares Elend, und er wird mir fehlen. Er war online ganz selbstverständlich immer dabei, seit vielen Jahren. Wir hatten auch noch eine Verabredung offen, er wollte mir in Sachen “Ruhrgebiet mit Kindern” einiges zeigen, er mochte seine Heimat. Das wird seltsam und traurig sein, wenn ich dort wieder einmal bin.

Ich kann nur noch die Geschichte ergänzen, wie ich vor ein paar Jahren mit Johannes telefoniert habe, als ich die Idee zum Wirtschaftsteil für die GLS Bank hatte, denn wir hatten auch eine geschäftliche Beziehung. Das Telefonat führten wir beide in unseren jeweiligen Mittagspausen, es dauerte etwa zwanzig Minuten. Ich habe die Idee geschildert, er hat sich das angehört und war sofort begeistert. Dann haben wir kurz – wirklich sehr kurz – die Inhalte umrissen, die dafür in Frage kamen, haben ein paar Worte über den Stil und den Ton gewechselt. Ich habe eine Zahl genannt und er hat okay gesagt. Und in der darauf folgenden Woche haben wir schon mit der regelmäßigen Kolumne angefangen. Einfach so.

Und dieses erste Gespräch war so, dass wir danach nie wieder über den Wirtschaftsteil an sich reden mussten. Weil wir in diesen zwanzig Minuten alles besprochen hatten, weil wir uns völlig einig waren, weil wir uns verstanden haben. Es war zu dem Zeitpunkt eine durchaus unübliche Vereinbarung und Kooperation zwischen einem Unternehmen und einem Blogger, vermutlich hätte jedes andere Unternehmen, hätte jeder andere Online-Redakteur tagelang, wochenlang, monatelang nachgedacht, Bedingungen verhandelt, Preise geschraubt, Verträge aufgesetzt, Sicherheiten eingebaut, Pflichten nachverhandelt, ich bin da ziemlich sicher. Mit Johannes und der GLS Bank habe ich einfach gemacht. Und wenn es darum geht, sich an seine helle Seite zu erinnern – etwas einfach zu machen, das ist eine charakterliche Stärke, die man gar nicht so oft trifft, wie mir scheint,

Das hat sich später bei “Was machen die da” wiederholt, das war auch bei “Ein Buch für Kai” und anderen Aktionen von ihm oder mit seiner Beteiligung nicht zu übersehen. Einfach machen, das konnte er wirklich gut. Das wird der deutschen Online-Szene fehlen, da werden wir uns alle etwas Mühe geben müssen, um das zu ersetzen, nicht wahr. Einfach machen, das ist längst nicht jedermanns Sache.

In seinem letzten Blogeintrag hat er Wünsche geäußert, da geht es um Achtsamkeit, Gemeinsamkeit, um das Gute im Leben und auch um den Sinn. Das sind Schlagworte, die man in Richtung Kalenderspruchweisheit ausdeuten kann, es sind aber auch Schlagworte, wie sie ganz selbstverständlich im Wirtschaftsteil vorkommen, denn dort geht es ja um die seltsame Spannung zwischen wirtschaftlichem und sinnvollem Handeln. Was machen wir warum, welche Folgen hat das. Warum machen wir das eigentlich nicht gemeinsam, statt immer gegen andere  – und ist das alles eigentlich gut?

Das hatten wir damals so gemeint, und das hat er in seinem Beruf übrigens immer so gemeint. Das war etwas, worum ich ihn immer sehr beneidet habe, um diesen Sinn im Beruf.

Aber letzte Wünsche soll man nicht nur lesen, man soll auch nach Möglichkeit etwas damit anfangen. Dann will ich in meinen gesammelten Links mal nachsehen, ob ich etwas zu Achtsamkeit, Gemeinsamkeit und Sinn finde. Und mich an den nächsten Wirtschaftsteil machen. Denn solche Wünsche muss jeder bei sich einbauen, wo es eben gerade passt.

Woanders – Mit allen Büchern, Kafka und anderem

Bei Rike gibt es Bücher für Erstleser – und tatsächlich kennen wir bisher keines aus dieser Auswahl, davon kann Sohn II also noch profitieren.

Alle Bücher der Welt auf einem Chip.

Eine Buchhändlerin auf Sylt.

Warum sich literarisch interessierte Menschen auch einmal irgendwo in ein Treppenhaus setzen und lauschen. (Mit Teil 2)

Den Text über den Duisburger Bücherbus von Hatice Akyüun haben schon alle verlinkt, der ist aber auch wirklich gut.

Jonas Schaible zur Frage, die uns vermutlich alle umtreibt, nämlich ob die Welt nun aus den Fugen ist oder nicht. In diesem Zusammenhang auch der Hinweis: Angst essen Gehirn auf.

Leg den Text von damals auf

Seltsam auch, in alten Notizbüchern aus irgendwelchen Gründen unverbloggtes, aber fix und fertig ausformuliertes Zeug zu finden, was macht man denn damit? Das fühlt sich ganz merkwürdig an, als würde man heute merken, dass man vor einem Jahr eine angefangene Arbeit nicht beendet hat. Oder als würde man noch längst vergessene Schulden bei jemandem haben, der man in dem Fall vermutlich selbst ist. Da merkt man dann auch, wie tief sich das im Laufe der Jahre in einem verankert hat, eine Idee auch ja zu verbloggen, das ist bei mir doch glatt ins protestantisch geprägte Arbeitsethos übergegangen. “So etwas verbloggt man doch!” Nicht auszuschließen, dass ich das genau so schon von mir gegeben habe, wer immer strebend sich bemüht und so, Sie kennen das.

Einen Text immerhin kann ich vielleicht reaktivieren und so die Schreibschulden bei mir selbst begleichen. Die ziemlich genau ein Jahr alten Zeilen beschreiben die Zugfahrt von München nach Hamburg auf der Rückreise von Südtirol. Eine spätabendliche Zugfahrt, auf der nach und nach alle einschlafen und es im Abteil immer ruhiger und ruhiger wird, das könnte klappen, das machen wir nämlich in diesem Jahr genauso, in wenigen Wochen schon. Und vermutlich wird die Szenerie halbwegs gleich sein, so ein hochsommerabendlicher Zug eben, also ein Zug mit nur mehr oder weniger funktionierender Klimaanlage, das wird sich ziemlich sicher so wiederholen. Die Kinder werden hitzemüde sein, die Erwachsenen auch, und nicht nur die Familie Buddenbohm wird dann schon wieder an einen vergangenen Urlaub denken, während vor den Fenstern die Landschaft immer flacher und flacher wird.

Doch, ich bewahre die Seiten aus dem Notizbuch des letzten Jahres einfach mal auf, baue auf der Zugfahrt noch ein paar Details aus dem aktuellen Jahr ein und verblogge das dann. Wer weiß, vielleicht sitzt dann am Nebentisch sogar wieder jemand, der in Powerpoint eine Präsentation über Schlagbohrmaschinenmarketing erstellt, wer weiß. Let’s talk about Déja-vu.

Oder das hier: “… die neongrünen Badehosen der Söhne und die grellorangefarbenen Bojen leuchten in den Sonnenstrahlen auf, während der Himmel westlich von Husum wie blaues Glas über dem Meer steht, das von unten im Spätnachmittagslicht zurückleuchtet. Ein älteres Paar geht baden. Die auflaufende Nordsee ist kalt, die sieht nur so einladend aus, das täuscht. Sie geht vor und spritzt ihn ein wenig nass, er wird sofort böse, brüllt sie an und zieht schimpfend an Land, wo er sich sofort wieder anzieht, immer weiter lauthals fluchend. Sie dagegen wirft sich lachend und prustend ins Wasser …”

Das bekommen wir vermutlich auch wieder hin. So oder so ähnlich.

Die Herzdame packt gerade Koffer, meiner ist schon seit Montag gepackt und ja, ich bin noch bei Trost. Der Urlaub war nur etwas überfällig.

Woanders – Der Wirtschaftsteil

Nach der Ernährung in der letzten Woche nun die Produktion der Lebensmittel. Die Landwirtschaft in Deutschland wird in der Welt als Branche zwischen Nostalgie und Globalisierung dargestellt, ein etwas längerer Überblick. Man könnte vielleicht ergänzen, dass sich enorm viele Berufe genau in dieser Spannungssituation befinden, keineswegs nur Landwirte. Da kann jede Tischlerei mitreden, jede Druckerei, jede Taxiunternehmen etc. Und der im Text erwähnte geizige Verbraucher – er taucht je nach Medium mal auf, mal wird er vehement bestritten. Es scheint kompliziert zu sein.

Bei der Milch redet man auch über ein wirtschaftlich absonderliches Phänomen, bei dem einige Grundregeln auf den Kopf gestellt werden, nämlich um bezahlte Nichtproduktion – dazu Jakob Augstein auf SPON. Und gleich noch ein Kommentar, diesmal im Tagesspiegel: “Weiter so kann nicht die Antwort sein.”

Man kann bei dem Thema zwischendurch einen Blick nach Afrika werfen, dort gibt es ebenfalls Milchmärkte, und die haben mit europäischen Kühen durchaus etwas zu tun. Im Freitag sieht man sich das genauer an.

Ein positiver Ausblick bei der Deutschen Welle, da wird die Solidarische Landwirtschaft erläutert: “Es ist wieder Zeit, solidarisch zu denken.” Mehr dazu im Schweizer Bilanz-Magazin. Und wenn man schon dabei ist, kann man bei der Landwirtschaft auch einmal über Größe nachdenken, das passt schon. Oder über die Umstellung auf Bio, eh klar.

Und selbstverständlich kommen wir bei dem Thema ohne einen Link zu einem Text über das Schicksal der Tiere nicht aus. Die Überschrift ist so deutlich, wie sie nur sein kann (englischer Text): “Industrial farming is one of the worst crimes in history.” Wie bekommt man von da aus wieder die Kurve zu einem positiv besetzten Thema wie etwa, nun ja, Sex? Das kann man bei Sibylle Berg nachlesen.

Zum Schluss aber ein richtig unterhaltsamer Link, in dem es um Eier geht, ganz abseits der agrarindustriellen Massenproduktion. Es geht nur um ein paar Eier, die sind sogar umsonst. Fynn Kliemann baut eine Eierverschenkmaschine, das ist ein Film über das Verschenken, über Eier, über das Heimwerken. Vorsicht, da das Heimwerken gerne eine bestimme Dynamik entfaltet, enthält der Film etliche nicht jugendfreie Ausdrücke, und Hedge-Fond ist da noch einer der harmlosen.

GLS Bank mit Sinn