Terminhinweis – diese Woche

Am Freitag, 7. November lese ich zusammen mit Isabel Bogdan, Patricia Cammarata und Johannes Korten bei der GLS-Bank in Bochum.

Die Zugfahrt nach Bochum, das haben Isa und ich gerade festgestellt, wird die entspannteste Zeit seit Wochen, denn im Zug kommt man ja zu nichts, da hat man womöglich nicht einmal Internet. Was wir da alles machen können, so entspannt! Neue Projekte ausdenken! Romane entwerfen, Blogeinträge planen, Ideen entwickeln! Ach, wird das entspannt. Immerhin drei Stunden, dauert die Fahrt, da geht doch was.

Man darf sich für die Lesung in Bochum sogar Beiträge wünschen, das erleichtert die Angelegenheit ungemein. Also für mich jedenfalls. Ich war noch nie in Bochum, ich freue mich sehr auf die Lesung.

Die GLS bittet um Anmeldung. Beginn: 19:30, Eintritt frei.

Klingelstreich

Je älter man wird, desto öfter muss man sich fragen, ob das, was einem nicht passt, wirklich objektiv blöd ist – oder ob man nur ungnädig und bockig wird, ob man schon längst auf dem Weg zum Nörgelrentner ist. Das gilt natürlich besonders für Technik. Bleibt man offen und modern, oder schottet man sich ab, träumt von damals und verweigert die Gegenwart? Man hat vermutlich die Wahl.

Ich öffne die Tür zum Bürohaus, in dem ich arbeite, mit einer Chipkarte. Das ist praktisch, aber nicht praktischer als ein Schlüssel. Der Vorgang ist ähnlich. Eine Chipkarte ist modern, aber diese Moderne stört nicht, es sei denn, die Anlage fällt aus. Das tat sie aber noch nie. Chipkarten sind okay, das kann man machen. Wenn ich keine Chipkarte hätte, müsste ich im Büro klingeln. Es gibt aber gar keine Klingeln mehr. Es gibt jetzt einen Bildschirm an der Tür, auf dem „Anleitung Klingelanlage“ steht. Alle paar Sekunden wechselt die Anzeige ins Englische: „Door bell guidance.“ Berührt man diesen Bildschirm, wird dort erklärt, wie man mit Pfeil rauf und Pfeil runter aus den angezeigten Namen im langen, mehrseitigen Klingelmenü den richtigen auswählen kann, auf den man dann endlich drücken darf. Das dauert eine ganze Weile. Man steht als Anwender sprachlos davor und denkt sich: „Also früher hatten wir einfach so einen Klingelknopf. Mit einem Namen daneben. Das ging doch auch.“

Und da muss man sich schon fragen – steht man gerade vor einer völlig bescheuerten technischen Entwicklung, die sich nur Menschen ausgedacht haben können, die einen ganz eigenen Humor haben? Oder versteht man die sich ändernde Welt nicht mehr recht? Ist man schon abgehängt? Ich denke schon seit Tagen intensiv darüber nach. Und es sieht nicht gut für die Klingelanlage aus.

(Dieser Text erschien als Kolumne in den Lübecker Nachrichten und in der Ostsee-Zeitung)

Gelesen, vorgelesen, gesehen, gespielt und gehört im Oktober

Ilse Helbich: Grenzland Zwischenland. Zu Ilse Helbich, die sicher nicht allgemein bekannt ist, habe ich hier im Juli bereits etwas notiert. In diesem Buch geht es um das Älterwerden und um das Sehraltwerden. Sie beschreibt ihr Erleben und ihre Gedanken mit einer Klarheit, die man sich für sein eigenes Alter wohl erträumen möchte. Sie beschreibt, wie sich alles ändert, ihr Körper, ihre Sicht auf die Welt, die sie sich mehr und mehr nur noch denkend oder träumend erschließen muss, weil die Augen nicht mehr mitmachen und nur noch unklare Blilder liefern. Alles verschiebt sich, Ihr Denken, ihr Wollen, das Verhältnis der Jüngeren zu ihr, das Verhältnis zur Sexualität, zur Vergangenheit. Es ist ein Buch, das man kaum in einem Rutsch durchlesen kann, obwohl es nur ein schmales Bändchen ist. Zwischendurch wundert man sich vielleicht, wieso die Dame sich so gestochen scharf ausdrücken kann und manchmal in Formulierungen einsteigt, die nach ganz anderer Lektüre klingen – dann stellt man fest, dass sie zur Biografie Wittgensteins gearbeitet hat, vielleicht erklärt es das. Wer sich mit dem Alter beschäftigt, und wer würde das nicht irgendwann tun, wird das Buch mit Interesse lesen. Mit großem Interesse. “Der Dünkel allen Jüngeren gegenüber, das heißt, allen gegenüber: Wenn ich euch zusehe, weiß ich, was ihr gerade erlebt, auch ich habe dergleichen erfahren. Ihr jedoch wisst nichts von mir, von den Gegenden, in denen ich jetzt lebe.”

Gleich das nächste Buch von ihr bestellt, Vineta, da geht es um ihre Jugenderinnerungen. Da fehlt dann nicht mehr viel, um ihr Gesamtwerk gelesen zu haben, das ist der Vorteil bei den spät berufenen Autorinnen.

Lars Gustafsson: Der Mann auf dem blauen Fahrrad – Träume aus einer alten Kamera. Deutsch von Verena Reichel. Das letzte Buch, das ich von ihm gelesen habe, “Frau Sorgedahls schöne weiße Arme” habe ich hier erwähnt, da ging es u.a. um Zimtbirnen. Beim Mann auf dem blauen Fahrrad kommen auf den ersten Seiten schon wieder Zimtbirnen vor und jetzt würde ich tatsächlich gerne wissen, was es mit Zimtbirnen auf sich hat. Offensichtlich ist es eine Sorte, gar kein Rezept, wie ich zunächst dachte. Google bestätigt das aber nicht, es ist seltsam. Weiß jemand, was schwedische Zimtbirnen sind?

Ansonsten fand ich den Anfang des Buches etwas schwerfällig, wenn nicht sogar sterbenslangweilig, das habe ich für einen zweiten Anlauf irgendwann sehr viel später weggelegt. Es geht in dem Buch allerdings auch um die Vermischung von Traum und Wirklichkeit, das ist leider eines der literarischen Themen, die ich geradezu lähmend uninteressant finde, da werde ich dann auch ungnädig. Dabei spricht das gar nicht gegen das Buch, das ist natürlich einfach Geschmackssache. Das hat man ja, solche Handlungsmuster, bei denen man Bücher sofort zuklappen möchte. Ich bin jedesmal hell empört, wenn sich irgendein Stück Handlung in einem Buch oder einem Film als Traum entpuppt. Was erlauben Autor! Gedächtnisschwund ist auch so ein unerträgliches, heillos abgenutztes Thema, geh mir weg, das kommt mir nicht ins Haus.

Franz Kafka: Der Verschollene. Ich habe etwa zwanzig Seiten gelesen, das Buch weggelegt, bin eingeschlafen und habe den Albtraum des Jahres, wenn nicht des Jahrzehnts gehabt. Ceterum censeo: Ich vertrage Kafka einfach nicht. Er ist dennoch großartig, gar keine Frage.

Werner Koch: Pilatus. Von Werner Koch mochte ich “Seeleben I”, der Pilatus hier sagte mir aber eher nichts, den habe ich nach der Hälfte weggelegt. Obwohl die Grundidee des Buches interessant ist, da sitzt ein sehr abgehalfterter und zudem schwerhöriger, früh gealterter Pilatus in Rom, am trüben Ende seiner Karriere. Er betrauert seine gerade verstorbene Frau und erinnert sich mitunter an Jerusalem, an die schwierigen Zeiten, an damals. Auch an diesen seltsamen und faszinierenden Barrabas denkt er gelegentlich. Kaum aber, nur hier und da in einem Nebensatz, an diesen Jesus.

Patrick Modiano: “Café der verlorenen Jugend”. Deutsch von Elisabeth Edl. Das habe ich mir nach der Vergabe des Nobelpreises als e-Book heruntergeladen. In meinen Timelines waren nicht gerade wenige, die die Vergabe des Preises an Modiano unter anderem deswegen kritisierten, weil sie ihn überhaupt nicht kannten, ein wirklich bemerkenswert blödes Argument. Ich kannte den Namen, hatte aber noch kein Buch von ihm gelesen. Eine gute Gelegenheit, ihn kennenzulernen, ich habe das auch nicht bereut, im Gegenteil, von ihm lese ich sicher noch mehr. Ich habe die Begründung der Jury nicht parat, aber das ist brillant erzählte, ganz leichtfüßig daherkommende Literatur, die flüchtige Erzählungen über Abgründe webt, das gefiel mir. In Frankreich gibt es übrigens gerade einen kleinen Skandal, weil die Kulturministerin anlässlich des Nobelpreises öffentlich bekannt hat, wegen ihres Jobs keine Zeit zum Lesen mehr zu haben. Mon Dieu!

In diesem Zusammenhang habe ich gegoogelt, wer in Deutschland für die Kultur zuständig ist, es ist die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien, sie heißt Monika Grütters und ich habe den Namen noch nie vorher irgendwo gesehen. Nanu.

Vorgelesen

Tomi Ungerer: Flix. Ein Zufallsfund im Wartezimmer eines HNO-Arztes, in dem ich mit Sohn I über eine Stunde warten musste, da ist man dankbar, wenn ein paar Kinderbücher herumliegen. Text und Bilder von Tomi Ungerer, ein Katzenpaar bekommt ein Baby und es ist ein Hund. Eine Geschichte über Integration und Verständigung, mit Happy End und selbstverständlich großartigen Illustrationen. Ein wenig drastischer, als man es im pinkfarbenen Einhornland mit Glitzer auf jeder Seite gewohnt ist, es ist eben Ungerer. Sohn I war begeistert, ich auch.

Und da wir in diesem Monat das Baby einer Freundin bestaunt haben, hat Sohn II Sehnsucht nach einem Geschwisterchen gehabt und wollte mehrfach das Buch vorgelesen haben, das hier Sohn I auf seine Rolle vorbereitet hat: Benny passt auf von Barbro Lindgren und Olof Landström, Deutsch von Kerstin Behnken. Da geht es um Schweine, ein großer Bruder muss aufpassen, dass sein kleiner Bruder nicht in den Teich fällt, an dem alle kleinen Schweine spielen, auch die anbetungswürdige Klara, auch der böse Rulle. Das Buch verschenken wir quasi reflexmäßig, sobald im Freundeskreis jemand schwanger wird. Gutes Buch. Und nach eingehender Schilderung aller Nachteile ist Sohn II auch zufrieden, wenn es kein Geschwisterchen gibt. Schwein gehabt, sowohl im Buch als auch im Leben.

Gesehen

“Der kleine Nick macht Ferien” – der Film hat, um es gleich vorwegzunehmen, mit dem Humor der Bücher wenig bis gar nichts zu, was natürlich bedauerlich ist. Diverse Filmkritiker lobten den kindertauglichen Humor, man muss ausdrücklich bezweifeln, dass sie Kinder haben. Der Film ist vielleicht ab 10 aufwärts verständlich, ab 12 aufwärts womöglich sogar lustig, vorher eher nicht. Für Erwachsene aber immerhin eine opulente 50er-Jahre-Ausstattungsorgie. Mich kann man mit so etwas immer leicht zufriedenstellen, ich sehe mir wirklich gerne hübsche Kulissen und schicke Kleider an, und das ist überhaupt nicht ironisch gemeint. Sohn II, ganz entschieden zu jung für den Film, fragte zwanzig Minuten nach Beginn des Hauptfilms laut und deutlich verstimmt: “Hört diese Kackwerbung bald mal auf?”

Gespielt

Ich musste dauernd zwei Finger irgendwo hinhalten, weil irgendwelche Kinder, eigene oder Besuchsexemplare, daran Loom-Armbänder flechten wollten. Das ist auf die Dauer doch etwas lästig.

Ansonsten hatte ich zwar die überaus romantische Vorstellung, mit den Söhnen im Herbst viel zu spielen – aber hier war weiterhin größtenteils bestes Wetter und die Kinder jeden Tag bis zum Umfallen draußen auf dem Spielplatz. So wird das nie etwas mit den Brettspielen oder den Karten. Schlimm.

Gehört

Chopin von Pires. Das mit der klassischen Musik funktioniert bei mir bekanntlich nur ab und zu, diesmal blieb ich bei Chopin hängen, die Aufnahmen von Frau Pires. Zu der Dame hier ein Artikel in der Zeit, das ist eine etwas speziellere Pianistin, ich mag die Aufnahmen sehr. Wobei ich natürlich zu sinnigen Vergleichen mit anderen Pianistinnen gar nicht in der Lage bin, da fehlt mir jede Bildung.

Gregory Page. Spotify empfiehlt einem ja auf einer speziellen Seite Musik und zwar tut es das durch bemerkenswert schlechte Algorithmen, die entweder das vorschlagen, was man eh schon hört, oder aber etwas, das exakt genau so klingt – oder vollkommen abwegige Musik, z.B. xbeliebige Neuerscheinungen. Ein zielführendes Konzept steckt offensichtlich nicht dahinter, das kann z.B. das sehr, sehr große Onlinewarenhaus mit A vorne wesentlich besser. Gregory Page ist eine der ganz seltenen Spotify-Empfehlungen, die ich jemals tatsächlich interessant fand. Der macht Retrozeug in Richtung Grammophon, das klingt entspannt, gefällig bis kitschig, ein wenig überkandidelt, melodiös und goldoktobrig, das gefällt mir. Bei Vimeo findet man etliche Filmchen von ihm. Seine Seite ist hier.

White Horse Sessions: Gregory Page “That’s You” from White Horse Sessions on Vimeo.

Woanders – Der Wirtschaftsteil

Wir wollen in dieser Folge etwas mehr auf die soziale Seite der Arbeit sehen, auch auf die Umbüche im Arbeitsleben, die sich natürlich nicht nur durch erfreuliche Entwicklungen in Richtung Grün, Bio, Regio etc. ergeben.

Der Begriff “konzertierte Aktion” klingt irgendwie nach den Neunzigern, da gab es so etwas dauernd, dann hat man es länger gar nicht mehr gelesen, die Phrase hatte wohl Schonzeit. Jetzt fällt sie wieder auf, etwa hier in einem Artikel über intelligente Fabriken, Industrie 4.0 und das Internet der Dinge. Das klingt vielleicht nicht umwerfend spannend, aber der Artikel ist ganz gut geeignet, um die Begriffe zuordnen zu können und eine Ahnung von der Dimension zu bekommen. Und doch, es betrifft uns schon alle. Früher oder später. Wir leben in einem Industrieland, die Industrie ändert sich hier also nicht folgenlos.

Was uns auch betrifft: Big Data hat einen Einfluss auf die Preise, die wir zahlen, im Supermarkt und anderswo. Dazu ein ziemlich faszinierender Text in der Zeit.

“Die Branche der Informationstechnologie gilt mittlerweile als zweitgrößter industrieller Arbeitgeber Deutschlands.” Das ist einem gar nicht unbedingt bewusst, aber so ist es und das hat auch etwas mit Arbeitsrecht zu tun, wenn man drüber nachdenkt.

Nun ist Arbeitsrecht natürlich so ein Gähnkrampfalarmthema und die Meldungen dazu oft nicht wirkliche Hingucker. Manchmal aber doch, so wie hier, und dann stehen sie vielleicht stellvertretend für breite Entwicklungen. Und sie müssen einem auch nicht gefallen, diese Entwicklungen. In Blogs und in den sozialen Medien spielt das Thema Arbeitsrecht aber eher keine Rolle, es sei denn, man kann sich kollektiv über den Streik der Lokführer oder der Piloten echauffieren. Der Müllabfuhr und anderen würde es vermutlich nicht anders ergehen; Sympathien bringt man noch am ehesten streikenden Amazon-Beschäftigten entgegen. Es ist interessant, ab welchem Punkt  man einem Streik auch bei anderen Branchen wieder mit Verständnis begegnet. Vielleicht bei den Erzieherinnen? Wobei es auch dazu nicht gerade viel zu lesen gab. Aber etwas dann doch.

Und vom Gehalt der Erzieherinnen kommen wir zur Gentrification oder allgemeiner zur Entwicklung der Städte. Die findet nämlich zusehends ohne Erzieherinnen statt, das regelt sich ganz von selbst, einfach durch das Verhältnis Gehalt/Miete. Eine nicht ausgesprochene, nicht verordnete, vielleicht nicht einmal gewollte Ausgrenzung – aber es ist eine Ausgrenzung.  Und Ausgrenzung ist immer wieder ein Thema, wenn es um Arbeit und Arbeitsrecht geht, das betrifft übrigens auch die Branchen, mit denen wir uns hier sehr oft beschäftigen. Da kann man sich etwa fragen: “Warum ist die Energiewende eigentlich so männlich?

Ausgegrenzt sind auch die Empfängerinnen geringer Renten und andere Menschen mit sehr wenig Geld, und es ist bezeichnend, dass zu diesem Thema satirische Meldungen erscheinen, bei denen man sich irgendwie überhaupt nicht wundern würde, wenn sie wahr wären. Kein Einzelfall übrigens, diese Pointe bietet sich wohl gerade an – und das sagt doch auf jeden Fall etwas aus.

Zum Schluß ein Link, der Technik und Innovation mit Kultur verbindet, ob gelungen oder nicht, das wird sich noch zeigen. Charmant ist die Idee des Verlages Voland & Quist aber allemal, Kurzgeschichten einfach per Abo und per App zu verkaufen. Dazu ein Text im Börsenblatt.

GLS Bank mit Sinn

Keiner weiß, wie es geschah…

… plötzlich war sie nicht mehr da. Die Zeit nämlich. Ich frage mich schon seit Wochen, wie genau es passieren konnte, ich habe tatsächlich schon mit der Herzdame sinnend vor dem Familienkalender gestanden und nachgegrübelt, was da genau wann passiert ist, aber so ganz verstehen wir es auch im gemeinsamen Bemühen nicht. Tatsache ist aber, dass wir, seit Sohn I auf der Schule ist, also in einer anderen Institution als Sohn II, viel weniger Zeit für alles haben. Vielleicht ist es auch gar nicht viel weniger, aber doch genau so viel weniger, das nichts mehr zusammenpasst. Ich habe es selbst in den Babyzeiten geschafft, regelmäßig zu schreiben, im Moment passt das aber nirgendwo mehr hin. Ich habe angefangene Blogeinträge von vor drei Wochen, bei denen ich schon nicht mehr weiß, was ich einmal sagen wollte, so etwas kenne ich gar nicht. Ich müsste dringend mehr Sport machen, ich möchte dringend wieder Geschichten schreiben – es klappt einfach nicht und ich habe das obskure Gefühl, mir selbst und meinen Plänen hinterher zu laufen wie der Hund seinem Schwanz.

Die Söhne haben natürlich zusehends mehr getrennte Wege, Termine und Pläne, das erfordert immer öfter den gleichzeitigen Einsatz von Mutter und Vater, womöglich sogar in verschiedenen Stadtteilen, das ist ein Tel des Problems. Andererseits ist aber Sohn I jetzt jeden Tag bis 16 Uhr in der Schule, schönste Verlässlichkeit. Ich hatte angenommen, das würde alles etwas erleichtern. Aber denkste. Es liegt nicht an unseren Berufen, es liegt auch nicht an den Projekten, nicht an “Was machen die da” oder dem Wirtschaftsteil, es ist eher ein wenig so, als wäre ein ökologisches System komplett aus den Fugen geraten, weil etwas Neues hinzugekommen ist, nämlich die Schule. Oder es gibt tatsächlich Zeitdiebe und ich lebe ein Kinderbuch, das kann natürlich auch sein. Gestern abend wollte die Herzdame “nur mal kurz” über anstehende Termine reden, dann saßen wir ganze zwei Stunden lang angestrengt nachdenkend vor dem organisatorischen Gesamtkunstwerk der nächsten Woche, das kann doch so nicht richtig sein?

Mit den Terminen ist es wie mit der Gierschbekämpfung im Garten, je mehr man wegrodet, desto mehr wächst nach, das ist eine der Horrorerinnerungen an meine Zeit auf dem Land. Damals haben meine erste Frau und ich nach Jahren des sinnlosen Unkrautabwehrkampfes beschlossen, den verdammten Giersch einfach wachsen zu lassen, Naturgarten ey, wird schon passen, wir passten eh nicht zu den Nachbarn mit dem raspelkurzen Rasen. Und das Zeug wuchs und wuchs wie verrückt, es waren starke, vitale Pflanzen, es war beeindruckend. Der Garten sah dann aber gar nicht nach lauschigem Naturgarten aus – sondern nach kommerziellem Gierschanbau. Und so ist es mit den Terminen auch, wenn man sie wachsen lässt, entsteht kein brauchbarer Alltag, sondern eine Art fortgeschrittener Timeslotwahnsinn. Und weil solche Vergleiche manchmal auch zielführend sind, habe ich nachgelesen, wie man Giersch heutzutage erfolgreich bekämpft, das ist ja womöglich auf Termine übertragbar. Und tatsächlich! Es ist pappeinfach. Giersch wird bekämpft, in dem man kein Licht an die Erde kommen lässt. Einfach alles abdunkeln, dann ist es um ihn geschehen.

Zur Bekämpfung des Terminwahnsinns also einfach im Bett bleiben, womöglich mit der Decke über dem Kopf und geschlossenen Vorhängen, das ist doch eine Maßnahme, auf die man sich einlassen kann, das klingt auch ganz logisch. Wer schläft, terminiert nicht! Fast hätte ich mich gefreut, allerdings steht im nächsten Absatz auf der Gartenratgeberseite, dass man die Verdunkelung etwa zwei Jahre durchgehend anwenden soll. Und das ist dann doch etwas problematisch.

Ich denke weiter über das Problem nach. Wenn ich dazu komme.

 

Woanders – diesmal mit Schiefertafeln, beweglichen Kindern, Vögeln und anderem

Schule: Herr Larbig denkt über “Bring your own device” in Schulen nach. Das hat was, was er da zusammenträgt, aber der Vergleich mit den Heften und Schiefertafeln, den er im Text bringt – ich weiß ja nicht.  Es gibt in der Elternschaft so eine massive antimoderne Strömung, vermutlich würden sie reihenweise Schiefertafeln begeistert begrüßen. Zumindest in Hamburg.

Hamburg:  Natürlich klagen die Anwohner in Harvestehude gegen  das neue Flüchtlingsheim. “Insbesondere Kinder mit ihrem Bewegungsdrang werden zu einer erheblichen Unruhe führen.“ Natürlich.  Außerdem werden sich die einquartierten Menschen dort evtl. auch außerhalb des Gebäudes aufhalten. Muss man sich mal vorstellen. Ts. Dazu ein Text von Oliver Driesen, der alles aufgeschrieben hat, was mir so oder ähnlich auch durch den Sinn ging.

Feuilleton: Ich bin nicht gerade der leidenschaftlichste Naturfreund, ich gehe ja nicht einmal gerne raus, aber diese Rezension zu einem Buch über Vögel klingt so, als würde es auch mir gefallen. Man beachte den Spaß mit den Seitenzahlen – sehr schöne Idee.

Feuilleton: Wie der Herr Gutenberg aussah.

Feuilleton: Ein beeindruckender Text über Holly Johnson. Doch, den kennen sie.

Lübeck: Ja, Lübeck. Meine Heimatstadt. Da hat jemand von der AfD sich in Wort und Meinung vergriffen, das kam nur an die Öffentlichkeit, weil die LN, die Lübecker Nachrichten darüber geschrieben haben. Das ist eine Zeitung, die ich schon mein ganzes Leben lang kenne, das ist eine Zeitung, für die ich auch zu schreiben die Ehre habe. Diese Zeitung wird von der AfD jetzt als “linkes Kampfblatt” bezeichnet, weil sie das aufgedeckt hat. Und mein innerer Achtzehnjähriger, der liebend gerne für linke Kampfblätter geschrieben hätte, er jubelt und seufzt: “Das ich das noch erleben darf!” Manchmal dauert es eben länger. Es ist so schön.  Hier die taz zu der Story und hier die Original-Meldung in den Lübecker Nachrichten.

Irgendwasmitmedien: Bei Borrowfield wird der Onlinekauf einer Zeit durchgespielt. Fast.

Irgendwasmitsozialenmedien: Falk erklärt, warum er seine Kontakte nicht kategorisieren kann. Nur eine Frage der Zeit, bis jeder sich diese Frage einmal gestellt hat oder weiterhin dauert stellt.

Mode: Eine Bloggerin näht das Kleid, das die Herzdame neulich bei den Double Choc Muffins getragen hat, einfach mal nach. Das muss toll sein, so etwas zu können.  Wäre der Artikel mit dem Kleid bei mir bezahlte Werbung gewesen, ich würde ihn als den Erfolg schlechthin feiern, da mittlerweile doch etliche Leserinnen dieses oder andere Kleider des Herstellers gekauft haben und das Thema sich immer noch in den Timelines hält. Es war aber gar keine bezahlte Werbung, ich habe mit der Firma nicht einmal jemals Kontakt gehabt. Und wer weiß, hätte “Werbung” drüber gestanden, das wäre so vielleicht gar nicht eingetreten. Es ist wirklich kompliziert.

Fotografie: “Fifty Shrinks” – man denkt, es sind Kinokulissen, aber die Praxisräume von Therapeuten in New York scheinen wirklich so auszusehen.

Fotografie: Menschen hinter Busscheiben. So einfach, so großartig. Gefunden via Kwerfeldein.

 

 

Bagel mit gegrilltem Lachs, Frischkäse & Senf-Honig-Sauce

Die Fortsetzung zu diesem Artikel.

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Wir haben dann tatsächlich beim ersten Lesezeichen im Buch “Auf die Hand” angefangen, auch wenn es nicht von Sohn I, sondern von der Herzdame kam. Und wenn man schon beschließt, dass man weniger Zeit am Schreibtisch verbringen möchte, dann kann man auch Bagels selber machen. Mal eben. Quasi.

Die Herzdame musste arbeiten, die Söhne und ich standen wild entschlossen in der Küche. Bagels selber zu machen, das kam beiden ziemlich großartig vor, da Bagels zu diesen Produkten gehören, die man immer nur fertig belegt in Coffeeshops sieht, wo sie in Gold aufgewogen über die Theke gehen. Es war ihnen tatsächlich nicht klar, dass man überhaupt auf die Idee kommen kann, so etwas am eigenen Herd herzustellen. Man kann aber. Und nach einem einigermaßen spektakulären Erfolg kann ich auch gleich sagen, dass man das sogar öfter machen kann.

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Wir haben acht Bagel gemacht, die machen mit dem Frischkäse und dem Lachs ziemlich satt, die haben für vier hungrige Personen gereicht, mehr ist nicht zu schaffen und es blieb etwas übrig. Man braucht:

450 g Mehl
½ Würfel Hefe
250 ml lauwarmes Wasser
1 EL Zucker
2 EL Olivenöl
1 Eigelb
1 EL Sahne
2-3 TL Sesamsamen
Salz

Wir haben das Rezept ohne Sesam gemacht, ich gebe hier dennoch die Originalversion wieder. Das Mehl wird in eine Schüssel gesiebt, keine Ahnung warum. Mehl macht auf mich immer einen ohnehin ziemlich gesiebten Eindruck, aber ich bin kein Experte. Aber da ich tief in mir drin auch ein Revoluzzer bin, habe ich das Mehl in Wahrheit gar nicht gesiebt. Hat nichts ausgemacht, aber sieben Sie ruhig, wen sich das für Sie besser anfühlt. Die Hefe wird mit Wasser und Zucker glatt gerührt. Dann soll man eine Mulde in das Mehl drücken und die Mischung dort hineingießen. Ich musste aber erst mit zwei Sandburgbauspezialexperten den Begriff Mulde diskutieren. Mulde in Abgrenzung zum Loch, zur Höhle, zur Delle, was ist da was? Steht das nicht im Buch, nein? Wie tief ist eine Mulde? Und wo ist der Bezug zum Muldenkipper und macht man Mulden mit dem Finger, mit der Faust, mit dem Ellenbogen? Und nimmt Sohn II wohl bitte sofort den Fuß aus der Schüssel? Es ist komplizierter, als man denkt.

Im Rezept steht, man soll die Flüssigkeit in die Mulde gießen, in der Mulde dann einen kleinen Vorteig anrühren und mit dem Mehl von der Seite bedecken. Das ist die schöne Theorie, bei uns war nach dem Gießen alles komplett geflutet, so dass wir aus dem ganzen Zeug einen Vorteig angerührt haben, das ging gar nicht anders – aber das hat der Sache auch nicht geschadet, die scheint tatsächlich einigermaßen idiotensicher zu sein. Die Schüssel soll dreißig Minuten an einem warmen Ort stehen. Also Heizung in der Küche anmachen und ab ins Kinderzimmer.

Olivenöl und Salz in die Schüssel geben und alles wird mit dem Knethaken fünf Minuten durchgearbeitet. Das geht nicht ganz leicht, für die Söhne war das eher nichts, der Teig ist etwas schwergängig. Dann macht man, großes Kinderglück, mit bemehlten Händen eine Kugel aus dem Teig und lässt schon wieder alles dreißig Minuten lang gehen, den Teig, sich und den Tag. Ab ins Kinderzimmer oder aufs Sofa.

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Die Kugel wird auf einer bemehlten Fläche in acht gleichgroße Portionen zerteilt, eine schöne Aufgabe für Erstklässler und Kitakinder. Dabei zeigt sich, dass die Teilung durch acht überhaupt kein Problem ist, die Variante gleichgroß aber vollkommen unerreichbar. Egal.

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Jetzt kommt der eigentlich spannende Teil, man durchstößt eine Teigkugel mit einem bemehlten Kochlöffelstiel und lässt sie um den Stiel wirbeln, wobei sie auf dem Tisch liegenbleibt. So aus dem Handgelenk. Womöglich geht das auch in der Luft, ich fand es auf dem Tisch ganz einfach. Die Söhne konnten das nicht, diesen Dreh aus dem Handgelenk, den bekamen sie nicht hin. Ich konnte das sehr, sehr gut, quasi Naturtalent. Ich mache jetzt öfter Bagel, es ist doch immer schön und beruhigend, wenn man in meinem Alter noch Begabungen an sich entdeckt. Und dann gehen die Kugeln schon wieder dreißig Minuten, das Rezept ist ein klein wenig zeitaufwändig, wie vielleicht allmählich auffällt. Aber im Grunde doch simpel. Ab ins Kinderzimmer oder aufs Sofa, der Teig geht vielmehr als man selbst an diesem Nachmittag.

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In einem großen Topf Salzwasser aufkochen und die Bagels auf jeder Seite dreißig Sekunden brühen, ich habe das mit einem Schaumlöffel einzeln gemacht. Dabei riecht es schlagartig nach Coffeeshop und Snacktheke, ein schöner Effekt, das fühlt sich an, als sei man auf dem richtigen Weg.

Eigelb und Sahne verrühren, die Bagels damit anpinseln und mit Sesam bestreuen. Das haben wir zwar nicht gemacht, wir haben die Bagels aber dennoch mit Eigelb angepinselt, weil das nämlich Spaß macht. Fand Sohn II. Danach müssen die Bagels wider Erwarten nicht schon wieder dreißg Minuten gehen, nein, danach kommen sie in den Ofen, bei zweihundert Grad fünfundzwanzig Minuten auf der zweiten Schiene von unten. Da geht man aber nicht ins Kinderzimmer oder aufs Sofa, da macht man den Rest fertig.

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Währenddessen also schnell genug Lachsfilet für vier Personen grillen oder braten, das geht sehr schnell. Ein halbes Bund Schnittlauch kleinteilig zerlegen und mit vier EL Honig und 4 EL grobem Senf verrühren, fertig ist die Sauce, das kann man den Kindern überlassen, gar kein Problem.

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Einen fertigen Bagel aufschneiden, mit Frischkäse bestreichen, mit ein wenig Salat belegen, zerteilten Lachs drauf, Sauce drauf, zusammenklappen. Das geht alles sehr flott. Restlicht suchen, Fotos machen, essen.

Wobei das Verspeisen der Bagels nicht ganz einfach ist, aber das ästhetisch annehmbare Essen eines Bagels ist womöglich eine hohe Kunst, die wir hier einfach nicht beherrschen. Oder, wie die Herdzame sagte: “Es müsste eher “Runter von der Hand” heißen.” Aber es blieb ja in der Familie, da konnten wir ruhig ein wenig herumsauen. Die Bagels sind unfassbar lecker, das ist hervorragend gutes Essen, das hat hier alle positiv überrascht: “Das ist ja RICHTIG gut, Papa!” Ich denke noch darüber nach, was das über meine Küche an anderen Tagen aussagt. Besser als im Coffeeshop war das allemal, schon weil die Zutaten noch warm sind und weil selbstgeformte Bagels nun einmal besser schmecken.

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Das kann ich jedenfalls zur Nachahmung sehr empfehlen. Von der Schweinerei beim Essen abgesehen, ist es auch ein betont gästetaugliches Essen, das macht schon etwas her. Und man kann beim nächsten Coffeeshopbesuch nebenbei darauf hinweisen, dass die eigenen Bagels doch um Längen besser… doch, darauf freue ich mich.

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Auf die Hand

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“Auf die Hand – Fingerfood und Abendbrote” ist das neue Kochbuch von Stevan Paul, den kennt man von da, ich habe hier im Blog auch diverse Gerichte aus seinem “Deutschland vegetarisch” nachgekocht. Die Fotografien im Buch sind von Daniela Haug. Ein prachtvoller Wälzer, ich mag es ja sehr, wenn Kochbücher ordentlich dick sind. Dieses Buch, das kann man gleich vorweg sagen, macht etwas her, ein schön gestalteter Brocken, der eignet sich bestens als Weihnachtsgeschenk für Menschen mit Interesse an Food-Themen. Oder auch für Menschen mit periodisch auftretendem Hunger.

Ein Kochbuch zur neuen Brotkultur, so steht es hinten drauf, es geht also um Burger, Bagels, Sandwiches usw., da kommt eine Menge, eine wirklich beeindruckende Menge an Möglichkeiten zusammen. Snacks und Mahlzeiten aus aller Welt zum Nachbauen, Nachkochen, Nachbasteln. Also dieses ganze Zeug, das man in den hippen Vierteln der Millionenstädte jetzt immer öfter an Foodtrucks kaufen kann, quasi Slow-Fast-Food. Das klingt fast so sinnvoll wie Nordostwestfalen, es trifft aber doch den Kern.

Vom Kochen abgesehen ist das Buch aber auch äußerst lesbar, da kann man prima kurz reinblättern, etwas hängenbleiben und zack, sind zwei Stunden vorbei und man hat sowohl etwas gelernt als auch ein massives Hungerproblem. Da werden nämlich zu den Rezepten auch jeweils kurz die Geschichten erzählt, wie kam es eigentlich zu Pommes, wie zu Bagels, zur Currywurst oder zum strammen Max. Das unterhält bestens, selbst wenn niemand im Haushalt die Absicht hat, einen Burger zu bauen. Zum Buch gibt es übrigens auch ein Blog, das findet man hier.

Bei uns hat das Buch außerdem für eine besondere Premiere gesorgt. Und das kam so.

Als das Buch ankam, hat Sohn I die Post aufgemacht und sich das dicke Buch also als Erster angesehen. “Aaaaauuuuf – d d iiiiiiii Haaaaan – d” – so klingt es in etwa, wenn Erstklässler nach wenigen Wochen Schule lesen, das klappt ganz gut und niemand wundert sich mehr über das Ergebnis , als die Schüler selber. “Auf die Hand! Da steht auf die Hand! So heißt das Buch! Hab ich gelesen! Ha!” Dann hat er etwas nachgedacht und irritiert gefragt: “Man kann doch aber auch Teller nehmen?” Am Ende haben wir ihm also doch so etwas wie Tischkultur vermittelt, es ist faszinierend und überraschend.

Kurz darauf kam aber Besuch und das Buch war erst einmal wieder vergessen. Bis ich ihn abends in Bett brachte, er noch einmal in die Küche ging, um sich ein Getränk zu holen und einfach nicht wieder kam. Sehr, sehr lange nicht. Ich hörte nur ab und zu so etwas wie “Oh!” und “Au ja” und “Ja, das auch noch” und “yessss” aus der Küche. Dann kam er irgendwann zurück ins Kinderzimmer, hatte “Auf die Hand” unterm Arm und sagte sichtlich beeindruckt: “Papa, das ist ein tolles Kochbuch, das ist wirklich, wirklich gut. Da sind sogar Pommes drin.” Dann hat er Zettelchen und Postkarten ins Buch gesteckt, bei all den Gerichten, die er probieren möchte. Das sieht jetzt so aus und könnte in der Gesamtheit zeitlich etwas anspruchsvoll werden:

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Allerdings hat er die Zutatenlisten zu den Rezepten dann doch nicht durchgelesen, da werden sich etliche Rezepte wieder von selbst erledigen, wenn er erst erfährt, was jeweils alles an Gemüse und anderen Schrecknissen dazu gehört. Aber egal, das Interesse war geweckt, schon am nächsten Tag wollte er mir unbedingt beim Kochen helfen, obwohl es gar nichts aus dem neuen Kochbuch gab. Und weil er helfen wollte, half auch Sohn II, der nicht umsonst immer hofft, bei den Aktionen von Sohn I etwas lernen zu können. Ich habe ihnen an diesem Abend gezeigt, wie man Fischfilet paniert, nachdem Sohn I nachgesehen hatte, ob auf der Packung auch wirklich “bio” stand. Er ist da gerade sehr kritisch, nachdem ich ihm neulich das mit meinem Wirtschaftsteil erklärt und ein paar Texte daraus teilweise vorgelesen habe.

Paniert habe wir den Fisch also, mit Mehl, Ei und Semmelbröseln, ganz klassisch. Das fanden die Söhne sehr interessant und sie haben sich auch wirklich Mühe gegeben. Sie haben erst die Fische paniert, dann erstaunlich viel von sich selbst und leider auch verblüffend viel von der Küche. Aber das ist es vermutlich wert. Sie haben die Fische hinterher mit mir gewürzt und gebraten und gesehen, was dabei aus der Panade wird, wie das alles zusammenhängt, vom Mehl bis zum Teller. Und damit verstehen sie vermutlich schon mehr vom Kochen als heutzutage einige Erwachsene. Und zum allerersten Mal trat auch bei uns endlich, endlich der Effekt ein, von dem alle immer reden, der in jedem Kinderkochbuch steht und der sich bis jetzt noch nie bewahrheitet hatte – die Kinder wollten unbedingt essen, was sie zubereitet haben. Ich hoffe, dieses Interesse hält an, dann wird hier jetzt öfter zu dritt gekocht.

Es ist eine Riesensauerei, der Anblick der Küche hinterher greift mir ans Herz, es dauert viel zu lange – aber es macht Spaß. Und da ich schon wieder in den letzten Monaten viel zu viel Zeit am Schreibtisch verbracht habe und es dort allmählich nicht mehr ertrage, stelle ich mich jetzt gerne auch einmal länger in die Küche.

Sohn I: “Papa, morgen kochen wir aber was aus dem neuen Buch!”
Ich: “Gerne, machen wir. Was denn?”
Sohn I: “Warte, ich suche was heraus, Moment – da steht: GRA…VED…LACHS… MIIIIIIIIT GIN. Hä, das ergibt doch gar keinen Sinn? Was soll denn das sein?”
Ich: “Na, vielleicht geht auch etwas anderes.”

Und das andere gibt es dann morgen auch hier im Blog. Es sieht in etwa so aus:

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Woanders – Der Wirtschaftsteil

Die Textilwirtschaft ging wieder durch die Medien. Nicht mit Mode, nein, mit einem Nein. Nein, wir können nicht, nein, wir wollen nicht, nein, wir mögen lieber nicht – etwas für die Textilarbeiterinnen in Bangladesch und anderen Staaten verbessern. Passt gerade nicht, das muss man verstehen. Bei einigen passt es dann aber doch, Vaude z.B. ist mit an Bord, aber die sind auch sonst etwas anders. Man würde gerne noch mehr und noch größere Beispiele finden. Im erstverlinkten Text findet man auch eine Liste der teilnehmenden Hersteller.

Der Textilkonsum bei den Billiganbietern, das massenhafte Kaufen von immer neuen Stücken, es wirkt übrigens nach dem Kauf wieder zurück in schwächer entwickelte Länder, etwa wenn die abgelegte Kleidung von uns auf Märkten in Afrika landet. Es ist kompliziert, die Kausalketten des Konsums enden bei Kleidung keineswegs in der Einkaufstüte.

Ein Textilbündnis geht den Konzernen also schon zu weit, gegen TTIP haben viele Unternehmer aber nichts. Nur hin und wieder liest man Meldungen, in denen es um Widerstand gegen TTIP aus der Wirtschaft heraus geht – etwa hier beim Buchhandel.

Ein großer Name in der Geschichte der Konzerne und großen Firmen ist sicherlich John D. Rockefeller. Ein Mann, der heute aus dem Ölgeschäft aussteigen würde – das behaupten zumindest seine Erben und wenden sich erneuerbaren Energien zu. In diesem Zusammenhang ist auch Desmond Tutu interessant, an den man sich vielleicht noch aus ganz anderen Zusammenhängen erinnert. Auch er denkt über Öl nach.

Da passt ein neuer Smalltalk-Begriff, den wir schnell einbauen: Die Positiv-Maut. Da ist keine orwellsche Wortverdrehung aus Bayern, wie man zunächst annehmen könnte, das ist ein verkehrspolitisches Experiment aus einer Kleinstadt in Norwegen. Und wenn wir schon bei Vokabeln sind, werfen wir gleich noch ein neues Wort aus dem Englischen hinterher – to copenhagenize. Man ahnt es gleich, da geht es um Radwege und die Stadt, aus der das kommt, ist Pittsburgh (englischer Text) .

Über Verkehr denkt auch der Herr Dueck nach, einer der Menschen, die beruflich unentwegt über Wirtschaftsthemen grübeln. Er schreibt einen lesenswerten Rant gegen das Lachen über Google – das klingt zwar nicht so, aber da geht es um Autos und Verkehr. Aber auch um den ganzen Rest. Um den ganzen Rest im Management, der disruptive Innovation nicht versteht (wer den Begriff nicht kennt: bitte kurz hier entlang) und deswegen vielleicht mit seiner Firma, seinem Produkt, seiner Marke grandios an der Gegenwart scheitert.

Diesen Scheiternden kann man immerhin einen wertvollen Tipp mitgeben. Sie sollten sich in Kürze nach Berlin begeben, weil Berlin “so eine großartige Scheiter-Infrastruktur hat”. Das sagen nicht wir, das sagt Regine Heidorn, die das Barcamp des Scheiterns erfunden hat, eine ganz wunderbare Idee. Hier ein kleines Interview mit ihr, das Barcamp findet schon in wenigen Tagen statt – natürlich in Berlin.

Zum Schluss auch einmal etwas Nettes zu einem Thema, das hier immer wieder vorkommt. “Wie kann ich helfen?” ist ein Blog, das Hilfsangebote und unterstützende Projekte für Flüchtlinge in ganz Deutschland listet und wenn man da so runterscrollt, ist das doch etwas erfreulicher, als immer wieder die Nachrichten zur anwachsenden Fremdenfeindlichkeit, zu nicht vorhandenen Unterkünften und zu schlechter Behandlung zu lesen.

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