Die Timelines als Milchvieh betrachtet

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Ich habe bei Christoph Kappes einen Text gelesen, über das Lesen von Printmagazinen. Da beschreibt er, wie fremd ihm einerseits Print geworden ist – und wie selbstverständlich ihm anderseits das Sharing geworden ist, das Weiterreichen von Links, das mit Print nun einmal nicht geht, wenn man nicht gerade Rundbriefe per Kopierer und Fax versenden möchte. Das kann ich bestens nachvollziehen, das geht mir genauso.

Ich gehöre zu den Leuten, die auch beruflich mit dem Sharing von Content zu tun haben, ich sammele die Links für den wöchentlichen Wirtschaftsteil gegen Honorar. Für mich ist daher ein Text zum Thema Wirtschaft, den ich nicht teilen kann, nichts wert – nicht einmal meine Aufmerksamkeit. Ich lese online verwertungsorientiert, ob das nun gut ist oder schlecht. Zum Vergnügen lese ich im Bett, im Bett lese ich Bücher. Wenn ich online lese, habe ich immer irgendwie die Frage nach dem ganz direkten Nutzen der Lektüre im Kopf. Wenn eine Seite hinter einer Paywall verschwindet, dann findet sie für mich nicht mehr statt, mir fällt auch beim besten Willen kein Beispiel einer Seite ein, die ich für unersetzlich halten würde. Weder im lokalen noch im überregionalen Bereich. Ich möchte damit gar nichts gegen Paywalls sagen, sollen sie bloß alle alles versuchen, was dem Journalismus dient und ihm weiterhilft. Ich stelle nur fest, dass ich da im Moment nicht mitspiele. Ich brauche keine Seiten hinter Paywalls, es gibt immer genug andere Quellen, die ich verlinken kann. Immer und zu jedem Thema.

Und da es vielleicht auch für andere interessant ist, wie ich gerade zu meinen Links kommen, schildere ich mal einen der Vorgänge dabei, nämlich die Auswertung der Timelines auf Twitter und Facebook. Da muss man vielleicht etwas vorwegschicken, was einigen nicht bewusst ist, dass man nämlich auf Twitter Accounts gar nicht folgen muss, um ihnen zu folgen. Man kann sie einfach in Listen packen, die man thematisch sortiert. Dann erscheinen ihre Tweets in diesen Listen, nicht aber in der eigentlichen Twitter-Timeline, in der man vielleicht nur die persönliche Kuschelgruppe haben möchte, die Online-Hood, die Heimatmannschaft. Ich habe z. B. Listen für Elternthemen, für das Feuilleton, für den Wirtschaftsteil, für das Regionalthema Hamburg und Nord, für Irgendwasmitmedien. Ich habe auch eine Liste “Südtirol”, weil ich da im Sommer hinfahre, da kann man sich schon im Social-Media-Bereich etwas für die Reise warmlaufen. Eine eigenartige Art der Urlaubsvorbereitung, aber übrigens gar nicht so schlecht, wie ich gerade merke. Wenn die Listen jemanden interessieren – die öffentlichen sind in meinem Twitterprofil verlinkt.

Listen liefern zum Teil überraschende Erkenntnisse, wenn man etwas Zeit investiert. So habe ich jetzt, nachdem ich mich ein paar Stunden mit meiner Twitter-Liste “Hamburg und Nord” beschäftigt habe, endlich mal den Eindruck, die Nachrichtenlage in der Stadt und aus dem mich interessierenden Umland halbwegs komplett mitzubekommen. Das ist mir vorher mit den einzelnen Medien nicht einmal annähernd gelungen, das ist über eine Twitterliste aber ziemlich gut möglich. Das gilt auch, und das ist gar nicht so unwichtig, für die Termine in der Stadt.

Man hat aber selbstverständlich gar nicht immer Zeit, die Timelines zu lesen, man will sie vielleicht einfach nur ausbeuten, man will sie nur melken, man will nur die Links. Also die Links zu den geteilten Artikeln pro Themengebiet. Welche Meldungen wurde von den diversen Hamburger Accounts am häufigsten geteilt? Welche von den Accounts, die ich für den Wirtschaftsteil beobachte, zu den Spezialthemen Nachhaltigkeit, grüne Landwirtschaft, Klimawandel, Radverkehr etc.?

Da gibt es den äußerst praktischen und kostenlosen Service Nuzzel (nein, keine bezahlte Werbung). Der wertet die Timelines (auch die Listen!) aus und sortiert einem die dort geteilten Links nach Häufigkeit. Wenn man das morgens aufruft, sieht man also auf einen Blick, was die eigene Onlinemannschaft gerade beschäftigt. Siebzehn “Freunde” teilen dies, zehn teilen das und so weiter. Das kann man sich für die gesamte Timeline ansehen, der man folgt – oder aber für die Twitterlisten, und da wird es immer noch praktischer.

Weil man dann, wenn man es als morgendliche Zeitungslektüe betrachten möchte, plötzlich wieder einen Lokalteil hat, einen Wirtschaftsteil, ein Feuilleton, einen Reiseteil und so weiter. Und den Sportteil muss man sich ja nicht basteln, das ist auch gut. Ich mache das jetzt seit Monaten so und es funktioniert ganz hervorragend.

Man kann übrigens, da man diese Linkfeeds öffentlich teilen kann (aber nicht muss), auch die am häufigsten geteilten Links der Freunde von anderen ansehen, etwa die Timeline-Ausbeute von Sascha Lobo oder von Felix Schwenzel, das kann ja eventuell aus guten Gründen interessant sein. Für den Wirtschaftsteil ist, um ein Beispiel zu nennen, der Feed des Urbanist-Mag interessant, hier zu finden. Und diese Feeds kann man dann noch als tägliche Mailzusammenfassung abonnieren, das kann auch manchmal hilfreich sein.

Wenn man online auf Content aus ist, auf Links, auf Futter, dann kann man sich mit Nuzzel die Arbeit deutlich erleichtern. Und wenn man wie ich einen kleinen Zähltick hat, dann kann man auch mal eine Weile festhalten, welche Medien da eigentlich jeden Tag in welcher Häufigkeit von den Timelines geteilt werden. Denn man spricht ja immer von seiner Filterblase, weiß aber vielleicht gar nicht genau, wie die eigentlich ist. Zumindest bezogen auf das, was sie teilt, kann man das aber ganz leicht messen. Ich habe eine Weile lang einfach jeden Morgen aufgeschrieben, welche Medien, wie oft unter den zehn am häufigsten geteilten Links waren. Da kommt dann ein Ranking heraus, das einem annähernd verrät, wie die Timeline in dieser Beziehung tickt. In meinem Fall ergibt das die irgendwie fast erheiternde Erkentnnis, dass sich das Leserverhalten der Bekannten und Freunde quasi seit meinen Schulzeiten nicht verändert hat. Am häufigsten geteilt werden die Zeit (weit, weit vorne) und die SZ, das waren damals schon die Zeitungen, die “man” gelesen hat. Auf Platz drei die FAZ, das kommt auch noch halbwegs hin, auf Platz vier, schon eine erste Überraschung, die Krautreporter.

Die Krautreporter haben für ihren Auftritt viel Kritik einstecken müssen, aber ihre Links werden enorm stark geteilt – auch ein Erfolg, und kein kleiner, denke ich. Das erfolgreichste Blog in dem Ranking ist das von Stefan Niggemeier, das in diesem Sinne erfolgreichste norddeutsche Medium ist der NDR – und so kann man sich das Ergebnis der Zählung nach vielen Kriterien gruppieren und ein wenig darüber nachdenken, was die persönliche Filter- und also Timeline-Auswahl eigentlich ausmacht. Schon interessant. Buzzfeed ist viel erfolgreicher als ich dachte, Wired Deutschland ist, wenn man bedenkt, wie jung das Angebot ist, sehr weit oben eingestiegen. Man sieht auch, welche privaten Blogs besonders gut verteilt werden, im Fall meiner Auswahl sind das Das Nuf und Frau Novemberregen.

Alle zwei Tage habe ich einen Link in der Liste, dessen Seite ich noch nie hatte, in einem Monat wächst die Liste also im Schnitt um 15 Blogs/Medien/Seiten, die mich vielleicht auch noch interessieren können. 180 neue Quellen im Jahr. Ich finde es interessant, sich diese Mengengerüste einmal anzusehen. Natürlich bleibt einem nur ein Bruchteil dieser Quellen erhalten, aber es lohnt doch, auch immer nach noch unbekannten Seiten zu suchen.

Es hat Folgen, die Timelines als Milchvieh zu betrachten, keine Frage. Man baut sie anders zusammen, man fängt an themenbezogen zu basteln und zu justieren, es hat etwas Spielerisches. Wenn ich Journalisten in eine Liste werfe, immer mehr und mehr, was sind die häufigsten Themen, die sie teilen? Da ist schon der Plural in der Frage falsch, denn Journalisten teilen, wenn man sich die häufigsten Links ansieht, ganz offensichtlich ausschließlich Medienthemen – und das ist ist nur dezent polemisch überzogen. Wobei einen diese Meta-Medienthemen natürlich auch lebhaft interessieren können, schon klar.

Wenn man Medien in eine Liste sortiert, die großen Zeitungen etc. – kommt dabei etwas Spannendes raus? Nein. Dabei kommt nur raus, dass alle großen Medien nach wie vor nur sich selbst verlinken, das kann man gleich lassen.

Aber wenn man die Wirtschaftsexperten verschiedener Redaktionen und Blogs etc. zuammen in einer Liste gruppiert, die Feuilletonisten, die Journalisten der norddeutschen Medien oder die aus der eigenen Stadt, aus dem Stadtteil – dann wird es doch sehr, sehr interessant.

Nachtrag: Wenn das jemand nachspielt und sich dafür Listen in Twitter anlegt – es dauert etwa einen Tag, bis diese von Nuzzel aufgegriffen werden.

 

Woanders – diesmal sehr norddeutsch mit Streaming, Plattdeutsch, Sylt und anderem

Hamburg: Was ich bisher gar nicht wusste – als Mitglied der Hamburger Bücherhallen kann man auch Musik streamen. Kostet nix extra und klappt. Guck an.

Norddeutschland: In meinem immer schon multikulturellen Heimatland Schleswig-Holstein gibt es vielleicht bald ein paar Amtssprachen mehr. Un denn heet dat Sleswig-Holsteen. Man beachte bitte, dass die Wikipedia in der plattdeutschen Version Nakieksel heißt. Ist das schön? Das ist wunderschön.

Norddeutschland: Es geht gleich mit den Sprachen weiter, bei kwerfeldein geht es um die Ureinwohner der Insel Sylt. Im eingebetteten Video kann man die Sprache auch hören.

Norddeutschland: In der FAZ geht es um den noch zu bauenden Fehmarnbelttunnel. Warum war ich eigentlich noch nie auf Fehmarn? Und muss man da überhaupt hin?

Feuilleton: Antje Schrupp über salziges Essen und Buchpreise. In den Kommentaren kollabieren einige geistig, aber ich finde die Basisforderung, dass eine Jury mit Menschen unterschiedlicher Herkunft, Perspektive etc. besetzt sein sollte, doch ziemlich einleuchtend und logisch.

In eigener Sache: Im Mindener Tageblatt ist ein Artikel über die Herzdame und mich erschienen. Der Text ist so nett, dass ich nie wieder über die Stadt lästern kann, das ist also ein klarer Fall von “Print wirkt”. Online wirkt das allerdings nur begrenzt, der Artikel ist nämlich größtenteils hinter einer Paywall. Wer es dennoch sehen möchte – bitte hier entlang.

 

Gelesen, vorgelesen, gesehen, gehört im April

Uwe Timm: Montaignes Turm. Essays. Das habe ich als eBook gelesen, daher ohne schickes Bild. Dabei fiel mir auf, dass sich Essays ganz hervorragend als eBooks eignen, das fühlt sich viel besser an als Romane, die Sachlichkeit der Gedanken harmoniert so nett mit der Technik. Vermutlich entwickelt man bei der Wahl der Medien irgendwann drollige Ticks, es gibt dann eben Bücher, die müssen gedruckt sein, die passen auf das iPad, die passen auf das Handy usw. Und warum auch nicht.

Essays also, es geht in dem Band hauptsächlich um Literatur und dabei wiederum um ältere. Da habe ich wieder gemerkt, dass ich, ohne recht zu wissen warum, Sekundärliteratur manchmal wahnsinnig gemütlich finde. Ja, gemütlich. Es fühlt sich seltsam heimelig an, über den Konjunktiv bei Kleist zu lesen, obwohl mich der wirklich nicht brennend interessiert. Ich habe auch nicht den Eindruck, mir besonders viel vom Inhalt zu merken, als Bildungsarbeit geht das also kaum durch, aber ich finde es irgendwie beruhigend und erbaulich. Die Raumform bei Montaigne, das nationale Identitätsgefühl bei Kafka, das klingt doch schon alles so herrlich unaufgeregt. so bibliothekslastig, so ruhig und ungestört erarbeitet in einem stillen Akademikerzimmer. Und das kann einem auch einmal guttun, sich in eine solche gelassen-gelehrte Stimmung zu begeben. Oder mir jedenfalls.

Und Uwe Timm ist natürlich ein ausgezeichneter Stilist, an seinen Sätzen denkt man gerne entlang, zumal er immer wieder so faszinierend wort- und detailverliebt ist. Wer ihn einmal auf der Bühne erlebt hat, der weiß, wie sich das auf die Zuhörer überträgt, diese Liebe zum Wort, zum Satz, zum Klang, zur Kleinigkeit. Und weil ich das so nett fand, diese Essays zu lesen, habe ich, ebenfalls als eBook, gleich darauf noch ein Sachbuch angefangen:

Karl-Markus Gauß: Lob der Sprache, Glück des Schreibens. Das sind kleine Stücke, irgendwo zwischen Glosse, Kolumne und Essay. Glänzend geschrieben und gedacht, es liest sich ein wenig so, als hätte man ein sehr, sehr gutes Blog entdeckt. So thematisch wild durcheinander, teilweise auch so kurz, meistens aber doch interessant. Ein ausgezeichnetes Zwischendurchbuch, von diesen Texten passen manchmal auch drei zwischen bei S-Bahnen. Im Freitag eine schöne Rezension zum Buch.

Gleich noch ein paar mehr Essaybände vorgemerkt, denn mit anderen Leuten quasi gemeinsam herumzudenken, das hat ja den Vorteil, dass man sich mal wieder fragt, ob man selbst eigentlich genug denkt. Gründlich genug denkt. Elegant genug denkt. Und die Fragen schaden ja nicht.

Karen Köhler: Wir haben Raketen geangelt
Wir haben Raketen geangelt

Das habe ich in Wahrheit noch gar nicht angefangen, das wollte ich nur anfangen. Ich habe Karen Köhler aber schon mehrfach daraus lesen hören und war jedesmal komplett hingerissen, ich fand die Geschichten wirklich außerordentlich gut. Und, weswegen ich das Buch auch schon erwähne, die Herzdame hat es bereits komplett durchgelesen und mir dann mehrfach Vorträge darüber gehalten, was das für ein tolles Buch sei. Und ich glaube fast, dass hat sie noch nie bei irgendeinem Buch gemacht.

Robert Seethaler: Die weiteren Aussichten

Die weiteren Aussichten

Bei Robert Seethaler reden alle vom Trafikanten und vom ganzen Leben, die beiden Titel scheinen ja gerade auf jedem Nachttisch zu liegen. Und bei mir ist es nun so – ich fand das hier noch besser. Das ist eine höchst spezielle Liebesgeschichte, ein abgedrehtes Road-Book, eine Hymne auf das Anderssein, ein durchgeknalltes Provinzstück, das ist ganz wunderbar und außerdem ein enormer Spaß. Zwischendurch klingt der Seethaler streckenweise wie Wolf Haas, das ist ein wenig irritierend, passt aber hervorragend zur Story und man möchte überhaupt nicht, dass das Buch aufhört. Ich weiß nicht, ob es bereits verfilmt wurde, es müsste aber ganz dringend verfilmt werden, ich würde dafür sogar ins Kino gehen. Es ist ja gar nicht selbstverständlich, dass man ein Buch beim Lesen so komplett als Film vor sich sieht, mit allen Details, aber hier ist das der Fall. Wirklich dicke Empfehlung! Grandioses Buch!

Nebenbei habe ich bemerkt, dass die drei Seethaler-Bücher, die ich jetzt kenne, jeweils einen vollkommen anderen Sound haben, als wären sie von drei Autoren geschrieben worden. Ich weiß nicht, ob mir das schon jemals bei einem Autor so aufgefallen ist. Wie isses nun bloß möglich?

Mai – Gedichte. Ausgewählt von Evelyne Polt-Heinzl und Christine Schmidjell.

Mai-Gedichte

Im Mai kriegen sich die Damen und Herren der Lyrikbrigade vor Freude natürlich gar nicht mehr ein, das ist auch nicht anders zu erwarten, das soll auch so sein. Sogar der olle Karl Krolow in “Neues Wesen”:

[…]
Frühling, ja, du bist’s!
Man kann das nachlesen.
Die grüne Hecke ist ein Zitat
aus einem unbekannten Dichter.
Die Leute streichen auch
ihre Familien an, die Autos,
die Boote.
Ihr neues Wesen
gefällt allgemein.

Der Satz mit der grünen Hecke, der hätte mir auch gerne einfallen dürfen. So schön.

Vorgelesen

Jutta Richter: Das Tontilon

Das Tontilon

Das ist ein Buch aus der Kindheit der Herzdame, sie hat noch eine ganze Menge der alten Kinderbücher, die auf die Söhne sehr anziehend wirken. Beim Wiederlesen kommt einem das Buch dann gar nicht mehr so toll vor, sagt sie, die Zielgruppe war aber gleichwohl sehr angetan. Und darum geht es ja.

Arnhild Kantelhart (Hrsg.): Es war eine dunkle und stürmische Nacht. Vorleseklassiker. Mit Bildern von Jutta Bauer,

Es war eine dunkle und stürmische Nacht

Es war eine dunkle und stürmische Nacht

Das habe ich tatsächlich wegen des Titels aus der Bücherei mitgenommen, weil gerade Sturm aufkam und es draußen dunkel wurde, als ich das Buch in die Hand nahm. So etwas kann man ja nicht ignorieren, da muss man den Zeichen folgen. Ich fand die Auswahl sehr ansprechend, in dem Buch findet man u.a. Brecht, Calvino, Krüss, Kipling, Tolstoi, eine wilde Mischung mit Geschichten, die auch dem vorlesenden Elternteil Unterhaltung bieten, weil sie manchmal etwas neben dem Erwartbaren liegen. Und Gott sei Dank tun sie das. Es ist nämlich gar nicht so leicht, gute Vorlesebücher mit vielen möglichst verschiedenen Geschichten zu finden. Wenn man die Regalmeter in Buchhandlungen und Büchereien entlangguckt, werden gerade immer mehr Bände nach Themen zusammengestellt, Jungsgeschichten, Mädchengeschichten, Mutgeschichten, Lachgeschichten, Schulgeschichten, Piratengeschichten und immer so weiter. Bei uns funktioniert Abwechslung aber viel, viel besser.

Und apropos Piratengeschichten, da muss ich auch einmal erwähnen, dass diese ganzen Reihen für Erstleser, diese Leselernbücher für Erstklässler – dass die allermeisten von denen ganz furchtbar sind. Die Geschichten sollen einfach sein, versteht sich, sie sind aber meist auch noch witzlos und bieder bis zum Anschlag, wirklich, das ist ein einziges Desaster. Ich verstehe auch gar nicht, wieso es in diesen Büchern immer noch dauernd um Indianer und Piraten und Ritter geht, die Erstklässler hier interessiert das gar nicht mehr, das ist doch Kindergartenkram, sagen sie. Sohn I und ich lassen diese Bücher jetzt wieder weg und lesen lieber ganz normale Geschichten.

Von dem Fischer und seiner Frau. Ein Märchen von Philipp Otto Runge, nacherzählt von Uwe Johnson, illustriert von Katja Gehrmann.

Von dem Fischer und seiner Frau

Das Buch hat Sohn II ausgesucht, der gerade strikt darauf aus ist, dass Bücher möglichst dünn sein müssen und gerne auch nur EINE Geschichte enthalten. Da bieten sich zahlreiche Märchenbände an. Die Herzdame und ich waren, Johnson hin oder her, etwas pikiert, denn das Märchen gehört doch eigentlich plattdeutsch erzählt, zumindest an einigen Stellen, aber nun gut. Wir sind hier ja tolerant und weltoffen. Die Illustrationen sind aber auf jeden Fall super.

Und weil Sohn II so besonders an kurzen Geschichten interessiert ist, gab es noch, ebenfalls aus dem Altbestand der Herzdame:

Ursula Wölfel: Siebenundzwanzig Suppengeschichten. Mit Bildern von Bettina Anrich-Wölfel. Das sind Geschichten, die so kurz sind, dass man sie vorlesen kann, während die noch zu heiße Suppe etwas abkühlt. Also ultimativ kurze Geschichten und das begeistert den Sohn wirklich sehr. Vielleicht sollten wir demnächst zu getwitterten Geschichten übergehen? Die eigentlich angepeilte Zielgruppe liegt vermutlich eher bei drei, vier Jahren, die Geschichten sind auch sehr einfach zu verstehen. Um nicht zu sagen sehr schlicht.

Gesehen

Nichts. Macht nichts. Ich habe den ungenutztesten Netflix-Account, den man sich vorstellen kann, immer wieder denke ich, ich könnte doch mal. Irgendwann. Bei Gelegenheit. Tja.

Gehört

Liebe, Schaps und Tod: Wader singt Bellmann. Ein Album, das eine eigene Wikipedia-Seite hat, wie praktisch. Bellmann ist vielleicht nicht so bekannt, mehr zu dem schwedischen Dichter kann man hier nachlesen. Er gehörte zu den Leuten, aus denen druckreife Lyrik nur so herausperlte, man kennt das z.B. von Goethe, der konnte das als junger Mensch auch schon. Bellmann ist von vielen, vielen deutschen Künstlern aufgenommen worden, wenn man etwas sucht, findet man die erstaunlichsten Stücke, etwa “Juhnke singt Bellmann”, das ist allerdings ziemlich schrecklich. Ich neige ja immer wieder zu schwerem Ohrwurmbefall und in diesem Monat bin ich “Weile an dieser Quelle” einfach nicht mehr losgeworden, das fiel schon unter zwanghaftes Nachsingen, kurz vor Behandlungsbedarf. Allmählich lässt es aber doch nach, ich habe die Hoffnung, im Mai wieder anderes hören zu können. Und beim Frühstück nicht mehr von Bekassinchen trällern zu müssen, die man ohnehin nicht mehr essen darf.

 

Woanders – Der Wirtschaftsteil

Es geht um das, was Sie vielleicht gerade beiseite geschoben haben, um diese Kolumne zu lesen, es geht um die Arbeit. Und da fangen wir gleich mit einem besonders schwierigen Aspekt an. Zumindest ist es ein Aspekt, der uns in den Medien immer wieder begegnet, es ist eine Frage, die offensichtlich viele Menschen umtreibt, die Frage der Vereinbarkeit.

Die Vereinbarkeit ist manchmal schon schwierig, bevor überhaupt ein Kind geboren wird, dazu ein Text in der Zeit. Und wenn die Kinder da sind, dann geht die Sache mit dem Nichtfinden los. Zum einen finden Eltern keine Kitaplätze, zum anderen finden die Kitas kein Personal, wobei der letzte Aspekt etwas seltener in den Nachrichten vorkommt. Dabei sind Erzieher mittlerweile so gefragt wie früher Informatiker – es hat nur leider keine vergleichbaren finanziellen Folgen.

Und während man so allerseits nichts findet, kommen einige Eltern auf die Idee, nicht mehr zu suchen. Sie gründen selber einen Coworking-Space mit Kinderbetreuung. Und das ist dann vermutlich so ein Fall, wo eine ganz neue Idee ganz weit zurückweist, denn was stellt man da her? Ist das nicht eine Art Großfamilienbetriebssituation? Die Kinder sind in der Nähe der Erwachsenen, quasi auf dem Hof, und sie haben immer eine Bezugsperson greifbar. Die Eltern machen, was sie machen müssen, um von irgendwas zu leben, sie sehen zwischendurch nach dem Kinderrudel und trösten, wenn es aufgeschlagene Knie gibt. Zu den Mahlzeiten kommen alle zusammen… das kommt einem doch bekannt vor? Es fehlt eigentlich nur noch die angeschlossene Seniorenbetreuung und etwas Urban Gardening. Haben wir nicht die letzten hundert Jahre damit zugebracht, genau dieses an ein Dorf erinnernde Idyll Stück für Stück und ziemlich gründlich abzuschaffen? Womöglich war es ein Irrweg? Vielleicht sollten wir es einfach wieder herbeibasteln – nur ohne die ganzen Nachteile von damals, versteht sich. Und natürlich mit WLAN.

Aber man muss bei Vereinbarkeit gar nicht immer nur an Kinder denken, man kann auch anderes mit der Arbeit vereinbaren oder eben nicht, beispielsweise schlicht das eigene Leben. Also den Teil davon, den man traditionell schöner findet als die Arbeit. Die FAZ vermisst in diesem Zusammenhang eine Teilzeitkultur in Deutschland.

Im Text über die Teilzeitarbeit werden die Niederländer erwähnt, die im Schnitt viel stärker von der Vollzeit abweichen als wir, in den Niederlanden ist aber auch sonst einiges anders. Zum Beispiel die Sache mit dem Home-Office.

Unter uns Effizienzmicheln arbeitet man aber lieber die volle Zeit und beim Arbeitgeber, versteht sich, in Deutschland neigt man zum – und wir haben da gleich ein besonders schönes Wort für den Smalltalk auf der Arbeit – Präsentismus. Wir gehen auch krank zur Arbeit, wir denken wie Unternehmer, wir opfern uns auf. Das sagt jemand, der in der Zeit als “Stressexperte” vorgestellt wird, ein Begriff, der zweifellos auf sehr vielen Visitenkarten stehen könnte.

Auch in dem italienischen Unternehmen Loccioni werden die Mitarbeiter als Unternehmer im Unternehmen bezeichnet, in dem folgenden Artikel aus der brandeins ist genau dieser Aspekt aber positiv belegt. Denn in dem Betrieb läuft einiges anders als üblich. Und wenn man sich etwas umsieht, findet man selbstverständlich noch mehr Betriebe, auch in Deutschland, in denen man die Struktur der Organisation aufbricht und ganz anders wieder zusammenbaut, als wir es gewohnt sind. Vielleicht sind neue Antworten zur Frage der Vereinbarkeit auch ein Nebenprodukt dieser Veränderungen, wer weiß.

Und in der FR gibt es gerade ein üppiges und lesenswertes Special zum Thema Arbeit, darauf weisen wir noch eben hin und beenden damit den Schwerpunkt: Arbeit – unsere Religion.

Zum Schluss wie fast immer noch der Link für den Freundeskreis Fahrrad. Diesmal ein englischer Text aus der New York Times, den wir unbedingt schon wegen der Schlagzeile zitieren müssen: “Families ditch cars for cargo bikes”.

GLS Bank mit Sinn

Woanders – diesmal mit Kinderbildern, Umgangsformen, Erdmöbel und anderem

Familie: Es gab und gibt wildeste Diskussionen zum Thema Kinderbilder im Netz. Einige Artikel sind bei Johnny verlinkt , der selbst wiederum einen der besten Texte zum Thema schreibt. Ein anderer guter Text beim Nuf, sogar mit vielen interessanten Kommentaren, das ist auch mal erfreulich. Und dann gibt es noch einen wichtigen Artikel beim Leitmedium, dort geht es auch um Texte, nicht nur um Bilder, das finde ich richtig so. Ich wurde anderweitig nach meiner Meinung gefragt, wobei ich ja bekanntlich der Meinung bin, gar nicht immer eine Meinung haben zu müssen. Oder zumindest keine felsenfeste. Tatsächlich entscheide ich das mit den Bildern zwar nicht nach Tagesform, wohl aber nach so etwas wie Jahresform und aktuellem Erkenntnisstand. Es gab hier lange überhaupt keine Bilder, bis ich einmal einen Auftragstext geschrieben habe, der ohne ein Bild der Söhne einfach keinen Sinn ergeben hätte. Der erschien dann tatsächlich mit Bild, das war bisher allerdings ein einmaliger Fall. Sohn II war gerade vor ein paar Wochen in einer Zeitschrift, von beiden Söhnen gab es auch einmal Babybilder online, wenn auch sehr wenige. Ich weiß nicht recht, was richtig ist. Oder ich weiß es nur für jetzt gerade – jetzt gerade erscheinen hier in der Regel keine Bilder von ihnen, es sei denn von hinten oder zumindest nahezu völlig unkenntlich. Wenn mir morgen ein guter Grund für eine andere Regelung einfällt, dann wird das eben so sein. Jede Familie hat ihre eigene Logik und ihre ganz eigene Situation, ich glaube bei solchen Themen generell nur bedingt an die Übertragbarkeit.

Wobei ich es immer deutlicher als Problem sehe, wenn Kinder in Bloggerhaushalten Eltern haben, die dauernd irgendwie auf Sendung sind, sie selber aber quasi unsichtbar sein sollen. Aus Gründen, die sie tendenziell eher nicht verstehen werden. Das ist nicht ganz einfach, und ich habe noch keinen perfekten Plan für diese Situation. In angemessener Form online zu erscheinen ist am Ende eben auch ein wichtiger Teil der Onlinekompetenz, die sie nach meiner Vorstellung irgendwann zu erlernen haben, womöglich von mir, wahrscheinlich sogar von mir, denn die Schule leistet das vermutlich nicht. Ich bin online nicht nur Konsument, ich bin online Produzent. Und mit oder ohne Absicht, ich bin damit evtl. ein Vorbild für die Kinder. Sohn I bloggt bereits mit, das wird vermutlich eher mehr als weniger. Wie weit darf er dabei eigentlich er sein? Oder, wie ich es auf Twitter formuliert habe – wann wächst den Kindern denn ein Gesicht? Mit sieben Jahren ist man dafür ganz sicher nicht alt genug, finde ich, aber ich weiß nicht genau, wann man das ist. Mit 12? Mit 14? Im besten Fall merke ich, wenn es soweit ist.

Nein, ich habe wirklich keine feste Meinung zu dem Thema, ich muss das immer wieder neu entscheiden. Die Onlinewelt ändert sich, die Kinder ändern sich – und im besten Fall bleibe ich auch flexibel. Wir teilen alle diese Artikel von den Achtjährigen aus den USA, die auf Youtube Unmengen Dollars mit Spielzeugtestvideos verdienen, wir klicken auf Tumblr-Postings mit lustigen Kinderbildern, aber die eigenen Kinder sollen um Gottes willen nicht stattfinden. Hm. Es ist wirklich kompliziert, ist es nicht? Ich finde auch die Argumente, die betonen, dass die Gesellschaft immer kinderloser wird, auch optisch, überhaupt nicht abwegig. Das stimmt durchaus – und das ist nicht gut so.

Im Moment meine ich, dass es keinen Grund für zahllose Kinderbilder im Netz gibt, ich finde aber ohnehin die ganze Bilder- und Selfie-Flut der Teenies und Erwachsenen vollkommen gruselig und abwegig, das ist alles nicht meins. Ich sehe das eher wie hier dargestellt, aber bitte, das soll jeder machen, wie er will und sich mein sinnloses Krückstockgefuchtel dazu einfach vorstellen. Ich finde es nicht tragisch, wenn ab und zu ein gutes Foto von einem Menschen egal wechen Alters erscheint, so eines, mit dem man mutmaßlich auch weiterhin noch gut leben kann. Aber die Wahrscheinlichkeit, dass die Kinder später blöd finden, was die Eltern zu dem Thema einmal entschieden haben, sie liegt eh bei vermutlich 90%, ganz egal, wie viele Gedanken man sich jemals gemacht hat.

Also, ich habe heute wohl doch eine Meinung, aber ich gebe gar nicht viel darauf. Ich kann morgen einen anderen Beschluss fassen. Man muss sich eh immer wieder fragen, ob die Konsequenz, mit der man gerade eine Meinung vertritt, wirklich eine charakterliche Heldentat ist, oder vielleicht doch nur eine Sparmaßnahme im Denkprozess. Zu dem Stil übrigens, in dem auch beim Thema Kinderbilder manchmal argumentiert wird, siehe Don Dahlmanns “Fuck-off-Text” über rabiate Umgangsformen.

Familie: Der Titel klingt, als würde es noch einmal um die Medien und die Kinder gehen, das tut es dann auch, aber doch ganz anders, denn der Sohn von Frau Modeste ist selbst Instagram.

Familie: Und dann noch Frau Novemberregen über die Medienerziehung und wie lange ein Kind was darf. Man beachte den Abschnitt mit dem Zeitfenster – das ist sehr richtig und wird ganz merkwürdig wenig bedacht.

Feuilleton: Bei Rollingstone geht es sehr schön und liebevoll um einen Song von Erdmöbel.

Feuilleton: Es gibt ein neues Video von Katzenjammer. Katzenjammer ist super.

Feuilleton/Gesellschaft: Falls die Kolumne jemand nicht kennt, in der Zeit kann man mit dem Bundesrichter Thomas Fischer nachdenken. Über Recht und Gesellschaft, Literatur und Philosophie und Verbrechen – und das ist unbedingt empfehlenswert, auch die älteren Ausgaben.

Feuilleton: In der FAZ geht es um den Hörbuchmarkt in Deutschland. Ich würde eigentlich auch gerne ab und zu ein Hörbuch konsumieren, ich weiß nur nicht, wann ich das könnte. Ich glaube, Hörbücher sind eher was für Jogger. Oder für Privatiers mit reichlich Zeitguthaben? Für Menschen, die im Auto täglich eine Stunde zur Arbeit pendeln? Oder wie machen das die Leute denn bloß alle?

Hamburg: Ein Farbfilm aus Hamburg, gedreht 1945.

 

Bei Wind und Wetter

Die Balkonsaison ist eröffnet. Wie in jedem Jahr verbringt die Herzdame Stunden und Stunden auf den paar Quadratmetern, immer mit verblüffendem Einsatz bestrebt, noch mehr und noch schönere Blumen dort unterzubringen. Und Johannisbeeren. Und Erdbeeren und Tomaten. Und Kräuter, eh klar. Und Balkonmöbel und Deko und überhaupt, es ist erstaunlich, wie viel Liebe, Zeit und Mühe diesem winzigen Plätzchen gewidmet werden. Ich bin da nur Zuschauer, nein, ich bin nicht einmal das. Aufgrund langer ehelicher Tradition ist der Balkon nämlich komplett ihr Ding. Ich halte mich da raus.

Erstens habe ich von Blumen überhaupt keine Ahnung, zweitens finde ich, dass man da so selten sitzen kann. Es ist immer zu heiß oder zu kalt. Oder es regnet. Oder die Sonne blendet, der Wind stört, und aus den Blumentöpfen krabbeln lästige Insekten. Ich bin ein eher seltener Gast auf dem Balkon. Ich warte immer auf den perfekten Moment, auf das exakt passende Wetter und die genau richtige Stimmung – und manchmal kommt das sehr lange nicht zusammen. Dennoch stehen auf dem Balkon vier Stühle, theoretisch könnte jederzeit die ganze Familie dort sitzen. Zumindest war das bis gestern so. Als ich gestern kurz nach dem vielleicht doch einmal perfekten Balkonwetter sehen wollte, konnte ich mich gar nicht mehr auf meinen Platz setzen. Auf dem steht jetzt nämlich eine Laterne. Eine schicke, riesige Gartenlaterne mit Glasscheiben und Metallrahmen und dicker Kerze drin.

Und die Herzdame hat mir erklärt, die Laterne sei dekorativer als ich, könne sowohl Regen als auch Sonne ab und sei abends ein großes Licht, wenn ich schon müde werde. Womöglich findet Sie meine Haltung beim Thema Balkon etwas anstrengend? Doch, könnte sein.

Aber das macht eigentlich auch nichts, es war eh ein wenig zu windig auf dem Balkon.

(Dieser Text erschien als Kolumne in den Lübecker Nachrichten und in der Ostsee-Zeitung)

Woanders – Der Wirtschaftsteil

In der letzten Ausgabe hatten wir gar keinen Link zu Fahrradthemen, so geht es natürlich nicht. Also nehmen wir uns in dieser Folge gleich ein paar mehr davon vor.

Wir fangen an mit einer Betrachtung zur Frage, warum man eigentlich Rad fahren sollte. Da werden die gängigsten Argumente erst einmal aussortiert, der Text bleibt dennoch nachvollziehbar und wir sind schon mitten in der Verkehrspolitik. Und wenn wir dann also alle mit dem Rad fahren, weil es nun einmal schneller geht, wo fahren wir dann? In der Fahrbahnmitte? Ist das auch noch nachvollziehbar? Oder schon allgemeines Kopfschütteln?

Beim Deutschlandradio Kultur wirft man einen Blick auf die Fahrradsituation in Europa, da ist die Rede von einem Boom des Rades. In manchen deutschen Städten muss man dem Text einfach glauben, erleben kann man es wohl eher schlecht. Wobei in dieser Infografik immerhin zwei deutsche Städte recht prominent dastehen, Kenner des Themas werden sie kaum überraschen. Die gleichen europäische Städte wie beim Deutschlandradio werden auch bei den Krautreportern erwähnt, dort geht es ausführlich um ein Berliner Start-Up, das hier übrigens schon einmal vor längerer Zeit vorkam. Velogista, ein Unternehmen, dessen Idee vielleicht ein wenig ändern kann. Ein klein wenig, denn wir reden immer noch nur über kleine Schritte, wenn wir von Deutschland reden, wenn wir von Verkehrspolitik in Deutschland reden.

“In Rostock tagen die Verkehrsminister. Es geht mal wieder nicht ums Fahrrad.” So negativ fängt ein Artikel in der taz an, man beachte beim Lesen bitte die Zahl 82.

Verkehrspolitik heißt bei uns bis auf weiteres eben nicht Fahrradförderung, heißt immer noch Straßenbau und Regelungen für Autos, eine Wende ist noch nicht recht zu erkennen. Ob Verkehrsminister eigentlich das Braess-Paradoxon kennen? Egal, Sie kennen es jedenfalls gleich. Das wertet jeden Smalltalk zum Thema Verkehr ungemein auf, das müssen Sie sich unbedingt merken, das kann man auch am Stadtplan der Gemeinde mal durchgrübeln. Ebenfalls smalltalktauglich ist sicher die Anekdote vom Ausbruch des Tamboras, der das Fahrrad auf den Weg gebracht haben soll.

Wem das an Fahrradlinks immer noch nicht reicht – beim Zukunftsinstitut wurden noch ein paar zusammengestellt, da fehlen auch die Blogs zur zeitgemäßen Fahrradmode nicht.

Zum Schluß nur noch etwas Musik, leichte Fahrradmusik. Natürlich nicht zum effizienten Herumrasen, eher zum heiteren Radeln auf besonnten Parkwegen, zum sachten Rollen durch den Frühling. Wenn man dieses Lied dabei pfeift, wird alles gleich noch entspannter.

GLS Bank mit Sinn

 

Lange Nacht der Museen

Am letzten Wochenende war in Hamburg die Lange Nacht der Museen, das ist dieser Abend, an dem alle Hamburger Museen bis weit in die Nacht geöffnet sind und ein unfassbar vielseitiges Programm anbieten. Mit Performances, Shows, Führungen, Konzerten, Vorträgen, Events und Bespaßungen aller nur vorstellbaren Art. Das Programm des Abends ist ein Taschenbuch von respektabler Dicke, und auch wenn man schon etliche Museen in Hamburg kennt – man entdeckt immer noch welche, in denen man nie war. Es gibt wirklich sehr viele in dieser Stadt. Die Veranstaltung hat mittlerweile etliche Ableger, es gibt die Lange Nacht der Theater, der Kirchen, der Industrie, womöglich gibt es längst auch die Lange Nacht der Blogs und ich habe nur wieder nichts mitbekommen. Das Prinzip scheint sich jedenfalls bewährt zu haben.

Früher waren die Herzdame und ich in jedem Jahr an diesem besonderen Abend in den Museen, das war eine Veranstaltung, die wir immer sehr genossen haben. Es gab wunderschöne und sommerlich anmutende Abende mit grandioser Live-Musik, bei denen wir gleich bei der ersten Band hängengeblieben sind. Es gab geradezu grotesk verregnete Abende mit klitschnassen und durchgefrorenen Besuchermassen, die sich in schlecht beheizte Hallen drängten, weil irgendwo irgendwer etwas vorlas, mit dem man nicht gerechnet hat. Es war immer spannend und sehr unterhaltsam. Dann haben wir Kinder bekommen und kurz Pause gemacht. Und zack, waren ganze sieben Jahre um, manchmal ist es ja erstaunlich. Nach sieben Jahren war es natürlich höchste Zeit, endlich wieder mitzumachen – und zwar mit den Kindern. Kann man da gut mit Kindern hingehen? Das haben uns andere Eltern mehrfach gefragt, und bevor ich das gleich en detail beantworte, schnell die Kurzfassung für Eilige: Jo!

Man kann da tatsächlich sehr gut mit Kindern hingehen. Man muss nur auf zweierlei unbedingt verzichten – auf einen Plan und auf jeden Ehrgeiz, irgendwas zu schaffen.

Statue vor der Kunsthalle

 

Wir haben mit der Kunsthalle und der Galerie der Gegenwart angefangen, weil sie so überaus praktisch vor unserer Haustür liegen. Aus nicht ganz nachvollziehbaren Gründen fanden beide Kinder das Treppenhaus dort spannend und mussten erst einmal ganz rauf und ganz runter laufen. Da es selbstverständlich brechend voll war, dauerte das ziemlich lange und brachte die umwerfende Erkenntnis, dass man von oben runter gucken konnte. Toll!

Danach fanden wir das “Kinderzimmer”, einen Raum speziell für die kleineren Gäste. Dort liegt ein von einem Künstler entwickeltes Konstruktionsspielzeug aus, ich habe den Namen leider nicht parat. Die Kinder können zugreifen und einfach bauen.

Konstruktionsspielzeug

 

Fertig gebaute Exponate stehen überall herum, es ist nicht ersichtlich, ob von Besuchern oder von Künstlern montiert und es ist ja auch vollkommen egal. Teils fortgeschritten kunstvolle Modelle, teils wildeste Konstruktionen. Man steckt eben so vor sich hin. Oder man lässt die Kinder stecken und basteln, dann kann man in Ruhe Besucher beobachten, das ist ja in Museen oft mindestens ebenso interessant wie die Ausstellung. Der Vater als solcher, das zeigte die Beobachtung in dem Raum dort wieder, der Vater als solcher hat ja doch bedeutende Schwierigkeiten, den Nachwuchs einfach irgendwas basteln zu lassen. Denn der Durchschnittsvater kann, selbst wenn er als Bildungsbürger im Museumsbesucherlook daherkommt, seinen inneren Funktionswestenträger und Dremelinhaber so wahnsinnig schlecht verleugnen. Also erklärt der Vater dem Kind wie man richtig baut – und nicht etwa nur irgendwas.

Konstruktionsspielzeug

 

Ich habe die Jungs dennoch irgendwas bauen lassen, mir fehlt da jeder pädagogische Ehrgeiz. Ich neige ohnehin nicht zu ungefragter Einmischung, ich glaube eher an das Bestellerprinzip – wenn die Kinder etwas brauchen, dann melden sie sich schon. Und wenn sie sich nicht melden, dann kann man sie auch machen lassen. Das gilt auch dann, wenn sie am Wochenende einen ganzen Tag lang im Kinderzimmer versonnen Legosteine herumschieben oder im Sommer stundenlang draußen Fussball spielen. Ich dränge mich nach Möglichkeit eher nicht auf.

Konstruktionsspielzeug

 

Die Kinder haben fast eine Stunde mit diesem Steckspielzeug zugebracht und fanden das immerhin so toll, dass sie am nächsten Tag sogar noch einmal in dieses Museum gehen wollten. Mit dem Zeug mussten sie ganz dringend noch mehr machen. Vom Rest der Ausstellungen im Haus haben wir tatsächlich kein Stück gesehen.

Dann sind wir in das Museum für Kunst und Gewerbe und haben uns die große Tattoo-Ausstellung angesehen, jedenfalls so viel davon, wie man bei den Besuchermassen wahrnehmen konnte, es war wirklich enorm voll, das folgende Bild täuscht etwas.

Die Söhne im Museum

 

Die Söhne werden vor allem Besucherbeine gesehen haben. Die ausgestellten Tattoos haben die Kinder teils begeistert, teils verwirrt, teils abgeschreckt, das wird für die meisten ausgewachsenen Besucher ähnlich gültig sein. Künstler malten Besuchern Fake-Tattoos auf die Haut, Sohn II hat sich sofort angestellt, geduldig gewartet und sich dann ein prachtvolles Herz mit Flügeln auf den Hals zeichnen lassen. Schon diese Aktion war für ihn den ganzen Abend wert, so ein geflügeltes Herz ist doch etwas ganz anderes als die niedliche Tierschminke in der Kita. Sohn I hat (leider erfolglos) versucht, das frische Tattoo des Bruders instagramgerecht zu fotografieren, so konnte jeder seinen Neigungen nachgehen.

Anschließend irrten wir des längeren durchs Museum, weil sich Sohn I vage an einen schiefen Stuhl erinnerte, den er dort einmal vor Jahren gesehen hatte, den wollte er gerne noch einmal sehen. Weder er noch ich wussten noch, wo der Stuhl war und wie er genau aussah, das dauerte daher etwas und wir haben auf diese Art ziemlich viele Exponate gesehen. Ohne jeden Erklärdruck, einfach vorbeigehen, gucken und staunen und weiterrennen. Wenn man sich ganz zurücknimmt und die Kinder machen lässt, dann geht das sehr gut. Es ist vollkommen unkalkulierbar, was sie interessant finden. Sohn II dachte plötzlich über Holztäfelungen nach (“Das ist wie bei Jesus in der Krippe, da war auch alles mit Holz”), Sohn I grübelte über barocke Stühle (“Die konnte man gar nicht drehen? Wann hat man denn Drehen erfunden?”). Wir fanden nach schier endlosen Wanderungen durch die Flure endlich den schiefen Stuhl wieder, der den Sohn sofort nicht mehr interessierte: “Is’ auch egal, wir können weiter.” Der Weg ist das Ziel und so, schon klar. Wobei Wege auch etwas ermüden können.

Sohn I schläft im Museum

 

Dann fuhren wir mit einem der Sonderbusse zum Museum der Arbeit, weil dort Ole mit seiner Band auftrat. Sohn II war glücklich, weil er Swingmusik hören und dazu tanzen konnte, Sohn I war glücklich, weil es Limo und Crêpes gab, denn mit Limo in der Hand kann man gut Tanzenden zusehen und muss selbst nichts machen. Die Kinder fallen in Bezug auf das Mitmachen etwas verschieden aus, genau wie die Eltern. Während ich mit Sohn I eher am Rand der Veranstaltung stand und mir alles aus sicherer Entfernung ansah, gingen Sohn II und die Herzdame näher an die Band und ins Getümmel, bei so etwas teilt sich die Familie ganz friedlich und stimmig auf. Es war bereits neun Uhr, die Kinder waren dezent müde, aber die Aufregung hielt sie noch wach.

Im Museum der Arbeit kamen wir etwa zehn Meter weit, dann fand auf unserem Weg eine Vorführung zum Thema Bonbonherstellung statt. Die Bonbons wurden da auf alten Pressen geformt und hinterher verteilt, wir hatten also nicht die leiseste Chance, die Kinder daran vorbei zu bekommen. Nun dauert die Bonbonherstellung aber eine ganze Weile, denn das Zeug muss ja erst schmelzen, aromatisiert werden, geknetet werden, wieder fest werden… Die Söhne lehnten an der Wand und lauschten den Erklärungen der Dame, die den Herstellungsprozess und auch in epischer Breite die Geschichte des Zuckers in Deutschland erklärte. Und allmählich rutschten die beiden immer tiefer und tiefer, die Augen wurden kleiner und kleiner, es ging auch schon auf zehn Uhr zu. Als die Bonbons endlich ausgeteilt wurden, klaubten wir die Söhne vom Boden und trugen sie halb schlafend nach Hause.

Machen wir das wieder? Unbedingt. Hat es den Kindern gefallen? Und wie. Schon diese wimmelnde Bienenstockatmosphäre der überfüllten Museen, die überall heranwehende Musik, die Museumsangestellten mit den aufgeregt roten Bäckchen, diese Ahnung, dass überall etwas geboten wird, da vorne, da auch, und guck mal da… Man braucht wirklich keinen Plan. Man geht einfach irgendwo hin, fängt irgendwo an und lässt die Kinder mal gucken. Die finden dann schon was. Ich kann das sehr empfehlen.

 

Elektrospielzeug: Apps

Hier ist wieder Sohn I oder jetzt Jojo, ich schreibe heute  mal über Apps.  Als erste stelle ich Knard vor, eine App von Christoph Minnamaier.

Knard Illustration

Das ist eine Bilderbuchgeschichte für Vier- oder Fünfjährige. Die wird sehr gut erzählt, das ist gereimt und besonders schön vorgelesen. Mein kleiner Bruder mag das sehr gerne. Knard ist ein Waldgnom, der mit seinem Freund, einer Eule, viele Abenteuer in mehreren Kapiteln erlebt. Man kann so umblättern wie in einem Buch. Auf den Seiten sind auch bewegliche Figuren, die man antippen kann, dann machen die was. Die Geschichte hat eine gute Länge, wie eine mittlere Vorlesegeschichte am Abend. Knard kostet 1,99. Mein Bruder hat das schon ziemlich oft durchgespielt.

Knard Illustration

Zweitens die Sesamstraßen-App. Dabei gibt es verschiedene Möglichkeiten, die man sich aussuchen kann, Spiele und Filme. Bei den Filmen ist es meistens “Eine Möhre für zwei”, die Hauptfiguren sind dabei Wolle und Pferd. Die Filme finde ich ziemlich gut, wir gucken die gerne. Bei einem Spiel muss man Grobi verkleiden, indem man ihm über Kopf, Bauch oder Füße wischt, wenn alle Sachen zusammenpassen, wechselt auch der Hintergrund entsprechend.

Sesamstrasse Illustration

Bei dem zweiten Spiel mit Ernie kann man eine eigene Musik erfinden. Ernie hat ein großes Blumenfeld mit vielen Blumentöpfen, wenn man auf einen draufgeht, kommt die Blume raus und macht einen Ton. Jede Blume macht einen anderen Ton, das ist dann eine Melodie.

Sesamstrasse Illustration

Die Spiele in der App sind auch gut. Diese App macht auch meinem Bruder und mir Spaß. Sie kostet nichts.

Drittens Monument Valley. Den Tipp hatte mein Vater von Heiko aus der Nido. Da ist eine kleine, weiße Prinzessin, die nicht redet.

Screenshot Monument Valley

Es gibt viele verschiedene Levels, verschiedene Burgen, durch die sie einen Weg finden muss. Das macht sie, indem man irgendwo hintippt, dann geht sie dahin, jedenfalls wenn der Weg frei ist. Das ist er aber meistens nicht, da muss man nachdenken und probieren, etwas verschieben oder ganz andere Wege gehen. In jedem Level gibt es Zielpunkte, die sie erreichen muss. Es gibt Hindernisse und die Wände, die Burgen, die Gegenden bewegen sich auch noch. Manchmal ist es ganz leicht, manchmal ist es richtig schwer, den Weg zu finden. Am Ende eines Levels muss die Prinzessin immer durch eine Tür, dann ändert sich die ganze Umgebung. Das ist die beste App, die ich habe, das findet auch mein Bruder.

Screenshot Monument Valley

Manche Level sind länger und farbiger als andere, es gibt auch Geister, aber es ist nicht unheimlich. Monument Valley kostet 3,99, das ist ein wenig mehr als sonst, aber das ist echt richtig gut gemacht und cool. Auch für Erwachsene!