Kurz und klein

Frage einer Leserin

Ich werde per Mail nach einem Buch gefragt und weiß leider keine passende Antwort, aber vielleicht weiß Sie jemand da draußen? Und könnte in den Kommentaren einen Tipp geben? Gesucht wird ein Buch für einen Neunjährigen, es muss darin um Monster gehen oder diese müssen zumindest eine prominente Rolle spielen. Hat jemand eine Idee?

Anmerkung zur Rechtschreibung

Christian Fischer, Lehrerinnenmann, hat etwas über die neue Rechtschreiblehrmethode geschrieben. Ich möchte da vieles unterschreiben, besonders was das Niveau der Kritik und was Martenstein betrifft. Für meine endgültige Meinung zum neuen System habe ich ja noch ein paar Jahre Zeit. Mir geht es ohnehin auf den Wecker, wie schnell gerade alle Meinungen zu allem haben. Ich gucke mir das erst einmal an. Sohn I ist seit drei Wochen in der Schule, er hat seinen ersten Satz geschrieben und kann auf Zuruf den Einkaufszettel wunschgemäß erweitern. Das finde ich so schlecht nicht. Da er gemerkt hat, dass bei vielen Begriffen verschiedene Schreibweisen denkbar sind (Laks, Lax, Lags, Lachs), hat er mich gebeten, die Erwachsenenschreibweise neben seine Variante zu schreiben. Das guckt er sich dann beides an – und das finde ich auch nicht schlecht.

Ich finde es aber auch erheiternd, dass die vehemente Kritik an der neuen Lehrmethode der Rechtschreibung in einem Medienumfeld geäußert wird, in dem kein Mensch mehr richtig schreibt, nirgendwo. In den Onlineausgaben der Zeitungen wimmeln die Fehler nur so herum, in Print ist es nicht besser. Im Business ist es ein einziges Trauerspiel, die Texte von Berufsanfängern sind in den Schreibweisen höchst überraschend, wenn man es noch nett ausdrücken möchte. Die Fehler in den Schreiben von Banken, Versicherungen, Finanzämtern könnte man alle mit dem Rotstift angehen, das wäre ein lustiges Gekritzel am Rand. Sogar die Papiere, die ich aus der Schule erhalte, könnte man mit ein paar belehrenden Anmerkungen zu Kommaregeln versehen, wenn man nur bösartig genug wäre. Dieses Blog enthält zweifellos in nahezu jedem Artikel irgendwelche Fehler, andere Blogs selbstverständlich auch. Das Lektorat bei einigen Verlagen arbeitet mittlerweile ohne Korrektorat oder beide arbeiten zu schnell, ich weiß es nicht, heraus kommen dabei jedenfalls Bücher, die eklatante und zahlreiche Fehler beinhalten. Währenddessen führen aber verblüffend viele Eltern die Diskussion um die Rechtschreibung, als würden sie vom Niveau der Topchecker aus urteilen. Ich habe da dann doch Zweifel – ohne mich selbst für einen Topchecker zu halten, versteht sich.

Die Bedeutung der Rechtschreibung nimmt eindeutig ab. Ich halte es für unwahrscheinlich, dass das noch einmal zurückgedreht wird, ganz unabhängig davon, wie man das findet. Das ist einfach eine Tatsache. Ob daran auch das Abendland untergeht, das kann man mit Fug und Recht lange diskutieren. Ich denke, es ist eine Menge seltsame Bildungshuberei in der Diskussion. Es gehen noch sehr viele davon aus, dass der andere, der einen Rechtschreibfehler macht, den ich als Leser sofort als solchen erkenne, sich damit als Depp outet, den ich entsprechend verspotten darf, über den ich mich erheben darf, weil er mein himmelhohes Bildungsniveau leider nie erreicht hat. Ich weiß zwar gar nichts über diese Person, ich sehe nur den Rechtschreibfehler – es reicht aber doch für ein flottes Urteil über den Menschen, über den Text sowieso. Es liegt ein sehr billiger und zweifelhafter Triumph in der Lust am Rechtschreibspott, finde ich, ganz ähnlich dem Spott über die Englischkenntnisse der deutschen Zugbegleiter, der mir ebenfalls zutiefst zuwider ist. Ich habe mich als junger Mensch auch für schlauer als all die anderen gehalten, die mehr Rechtschreibfehler machten als ich, ich habe diese Meinung im Laufe der Jahre gründlich revidiert. Es ist kompletter Unsinn, so etwas anzunehmen. Wenn man erst von ausreichend vielen Menschen in den Themenfeldern abseits der Rechtschreibkenntnisse überholt worden ist, sieht man das irgendwann ein. Man kann auf mehr Arten intelligent sein, als sich an Kommafehlern erkennen lässt. Und wenn man heute über Kinder in Grundschulen spricht, sollte man sich genau ansehen, ob die aktuellen Jahrgänge nicht vielleicht gerade ganz andere Kompetenzen in anderen Lebensbereichen erwerben, von denen meine Generation etwa nur träumen konnte.

Und ja, ich finde es dennoch auch nett, wenn am Ende der Schulzeit eine regelkonforme Schreibweise steht, schon klar. Wir werden sehen.

 

Woanders – Der Wirtschaftsteil

Eigentlich erwähnen wir hier keine Meldungen, die schon in allen Medien waren, diesmal müssen wir aber. Denn wenn wir uns schon lauthals beschweren, dass es zu wenig erfolgreiche Projekte in Richtung anderer Wirtschaft in Deutschland gibt, dann muss man auch die Erfolgsmeldung aufgreifen, die gerade durchs Land zieht. Der Supermarkt ohne Verpackungen hat tatsächlich eröffnet, wir hatten sogar irgendwann die Meldung von der Idee hier verlinkt. Jetzt ist es also Wirklichkeit.

Das Geschäft passt in dieser Ausprägung ganz gut zu der bereits in der letzten Woche erwähnten Degrowth-Konferenz, in der es auch um sinnvolleres Wirtschaften geht. Bei Wiwo-Green hat man das Thema der Konferenz noch einmal leserfreundlich auf zehn Punkte eingedampft. Erhellend ist aber auch dieses Interview mit Verena Winiwarter, einer Umwelthistorikerin: ”Wir brauchen eine ökologische Ökonomie.” Wobei wir sie natürlich auch schon haben. In Teilbranchen, in Teilmärkten, dazu findet man immer wieder etwas. Zu Menschen, die Konzepte ganz neu denken und umsetzen. Etwa hier bei der bioveganen Landwirtschaft. Und man findet auch schöne Aktionen, die zum Umdenken anregen wollen und ganz auf das Positive setzen. Das geht manchmal mit einfachen Mitteln, etwa indem man einfach ein paar Quadratmeter Rasen ausrollt. Man muss es nur an der richtigen Stelle machen.

Wir erinnern noch an eine Meldung, die in den großen Medien eher kümmerlich gewürdigt wurde, auch wenn man ganz deutlich die Aufregung der Wissenschaftler herauslesen kann: “Die Westantarktis überschreitet den Kipppunkt.”

Aber wir bleiben heute tendenziell positiv und bringen noch weitere Beispiele für anderes Wirtschaften, etwa im Bereich der Drogeriemärkte. Die sind zwar sicher alle als ganz normale Marktteilnehmer zu betrachten, aber zumindest zwei davon sind etwas netter als andere, to say the least. Wie gehen die eigentlich miteinander um?

Es gibt “nette” Unternehmen, von denen man bestimme Meldungen auch erwartet, das überrascht dann keinen. Aber es gibt auch ganz klassische Unternehmen, die plötzlich in den Kontext dieser Kolumne rücken, da sieht man vielleicht zweimal hin, wenn man die Artikel überfliegt. Rügenwalder setzt auf vegetarische Wurst? Wie bitte!? Fängt so die Zeitenwende an? Na, zumindest wird ein Trend so noch deutlicher.

Zum Schluss werfen wir einen schnellen Blick auf die Keimzelle allen Handels, auf den Laden, auf den Verkaufsstand. Hier ein paar sehr kleine Beispiele aus aller Welt.

GLS Bank mit Sinn

Erntezeit

Das wird dann wohl zu einem netten Ritual, dass wir zur Apfelernte ins Alte Land fahren. Darüber habe ich im letzten Jahr schon für den Hamburg-Führer geschrieben, den Text findet man hier. Da muss ich mich jetzt also gar nicht weiter verausgaben, das stimmt noch alles, was da steht, da lege ich nur ein paar frische Bilder an, Äpfel sind ja verblüffend fotogen.

Und weise noch eben darauf hin, dass wir zum Obsthof “Im Apfelgarten” fahren, das ist ein Hof ohne großen Touristenrummel und ohne Event-Klimbim, das ist einfach ein Apfelhof mit tollen Äpfeln, wie man auf den Bildern vielleicht erkennt. Den kann ich empfehlen, der ist von der Innenstadt aus auch ziemlich fix zu erreichen.

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Woanders – diesmal mit Meta, Mathe, Maschinen und anderem

Meta: Felix Schwenzel über Linklisten. Kann ich alles unterschreiben.

Schule: Bei Claus Ast geht der Mathematik-Unterricht weiter.

Frankreich: Anne erklärt den Verkehr im Nachbarland. Wer einmal da war, wird die Richtigkeit sofort bestätigen können.

Feuilleton: Ein kurzer Text von Peter Glaser mit faszinierender Schlussfolgerung.

Feuilleton: Eine nicht gerade euphorische Besprechung des neuen Albums von Leonard Cohen. Mit so schönen Sätzen wie: “Die Geige spielt ein Solo und klingt, als habe der Geiger zu viel Handcreme genommen.” Isa wies mich darauf hin, dass der Konjunktiv in diesem Satz falsch sei, womit sie völlig richtig liegt. Korrekt wäre natürlich “hätte” gewesen, korrekt hätte er hätte geschrieben. Konjunktiv II. Wenn man darüber nachdenkt, dann kommt man auch drauf. Das haben Sie beim Lesen eben aber nicht bemerkt, ich übrigens auch nicht, weil den Konjunktiv in seinen verwirrenden Varianten nämlich kein Schwein mehr richtig bilden kann. Tja. Say Goodbye to Konjunktiv II. Das hätte wieder eine Textzeile von Erdmöbel sein können.

Hamburg: Oliver Driesen über das Flüchtlingsheim in Harvestehude, dass es noch nicht gibt und warum es das nicht gibt.

Familie: Das Nuf zu den Loom-Dingern und zu Youtube-Tutorials.

Politik: Da die “Das Boot ist voll”-Mentalität in Deutschland so überaus gruselig im Aufwind ist und sich verblüffend viele Menschen einig sind, niemanden mehr aufnehmen zu wollen, ein kleiner Hinweis am Rande: Dieses Boot hier ist wirklich voll.

Politik: Bei Novemberregen ein kleiner Exkurs zum multikulturellen Shopping. Sozusagen. Türkisch zählen kann ich übrigens auch bald, denn in der Schule von Sohn I sind alle Treppenstufen zweisprachig betitelt. Toll, manchmal ist es ja einfach. Nebenbei bei einem Elternabend zum Schreibunterricht gelernt: Im Türkischen gibt es für jeden Laut einen Buchstaben, im Deutschen gibt es etwa 40 Laute, aber viel weniger Buchstaben. Guck an.

 

Sätze aus der Kindheit

Ich habe hier gerade etwas gelesen über Sätze, die man in der Kindheit nie mochte und die man selbst nie sagen möchte und dann vielleicht doch versehentlich schon beim Nachwuchs angebracht hat. Da fällt mir sofort ein Satz ein, der mich heute noch aggressiv macht, so ein Satz, der für Instant-Missmut steht, für finsterste Laune.

Und der Satz ist verblüffenderweise überhaupt nicht schlimm. Er enthält keine abartige Drohung, er ist nicht abwertend oder übergriffig, er ist vollkommen harmlos. Ich kann ihn auch meiner Mutter nicht vorhalten, es war gar nicht verwerflich, diesen Satz zu sagen, immer wieder zu sagen, für mein Gefühl geradezu unendlich oft zu sagen, nein, es war wirklich keine schlimme Formulierung. Das Problem mit diesem Satz liegt ganz allein in meiner damaligen Aversion gegen die Schule begründet, auf die ich mich niemals so gefreut habe, wie es Sohn I heute tut.

Und deswegen war es mir zutiefst zuwider, wenn Tage mit dem immer gleichen Weckspruch meiner Mutter begannen, auf den sie nur in den Ferien verzichtete. In den Ferien, in denen man als Kind damals noch nicht in irgendeine Betreuung musste, sondern einfach tonnenweise freie Zeit hatte, ohne jede Aufsicht, “Los, geh spielen”. So viel freie Zeit, dass ganze Romane hinein passten. Romane, die man selbst erleben oder doch wenigstens stapelweise lesen konnte. Wenn man es recht bedenkt, besteht ein erheblicher Teil der Kinder- und Jugendliteratur aus Sommerferien, aus wochenlangen Gelegenheiten für alles, aus Tagen und Tagen und Tagen ohne jeden Termin. Das werden die Söhne in dem Ausmaß schwerlich erleben können, und das gehört übrigens zu den wenigen Umständen, die mir heute wirklich für die Kinder leid tun. Ferien werden sie nie so kennenlernen wie meine Generation. Aber so viel Urlaub, wie man nehmen müsste, um in allen Ferienwochen die Kinder zu Hause zu haben, wer könnte die nehmen, von Lehrern mal abgesehen? Wir sicher nicht.

Waren keine Ferien, begann damals jedenfalls jeder Tag für mich unweigerlich mit dem durch die Tür gerufenen Satz meiner Mutter: “Aufstehen, Schule gehen.” Und ich könnte immer noch spontan Kopfschmerzen bekommen, wenn ich nur an diesen Satz denke. Da kommt alles wieder hoch, die bleischwere Schulmorgenmüdigkeit der Teenie-Jahre, die komplett unverstanden gebliebene Vektorrechnung, die ungelösten Rätsel der lateinischen Grammatik, physikalische Formelketten aus der Hölle, lustlos geführte Endlosdebatten über Shakespeares “Is this a dagger which I see before me”, brechreizerregend endlos langweilige Brechtgedichtzergliederungen, Bundesjugendspiele im Regen, Lithium, Natrium, Kalium usw., was es da alles an Horror gab. “Aufstehen, Schule gehen”, und der Tag war im Eimer. So schnell ging das.

Im Moment wäre Sohn I allerdings sogar entzückt, wenn ich ihn mit diesem Satz wecken würde, er würde ganz begeistert aus dem Bett springen. Aber ich werde es sicher nicht tun.

 

Tinko

Ich nehme das hier mal aus der üblichen Monatsliste mit gelesenen Büchern heraus, der Text ist etwas zu lang geraten, der sprengt sonst das Format.

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Erwin Strittmatter: Tinko. Mit dem Buch hat es eine ganz seltsame Bewandtnis. Das war nämlich ein Wiederlesen nach etwa 38 Jahren, und das kam so: Als ich etwa zehn Jahre alt war, hat mir das Buch jemand geschenkt, ich weiß nicht mehr, wer das war. Vermutlich ein Mitbringsel von einer DDR-Reise, ich kriege die Umstände überhaupt nicht mehr zusammen. Ich weiß aber noch genau, wie das Buch aussah, ich sehe die Abbildung des Jungen auf dem Titel noch und den pinkfarbenen Schriftzug “Tinko”. Die Ausgabe auf dem Bild oben ist modern und natürlich ganz anders gestaltet. Das Buch war dick, es war viel dicker als die Kinderbücher, die ich sonst so las. Strittmatter war in der DDR ein großer, ein sehr großer Name, im Westen war er es damals nicht und ist es heute auch nicht. Er hat sich womöglich in gleich zwei Diktaturen zweifelhaft verhalten, sein Lebenslauf in der Wikipedia liest sich zumindest nicht wie ein einziges Ruhmesblatt, aber ich habe mich mit seiner Biographie auch nicht weiter beschäftigt. Er hat eine ganze Reihe bekannter Romane geschrieben.

Jedenfalls war ich damals in einem Alter, in dem das Buch nicht recht passte. Der Roman ist zwar fast durchgehend aus der Perspektive eines Jungen erzählt, aber es ist ziemlich harter Stoff und auch nicht kindgerecht erzählt, das ist definitiv kein Kinderbuch. Es wird offiziell als Jugendbuch gehandelt, das habe ich erst jetzt nach der erneuten Lektüre gemerkt und war etwas überrascht, es würde auch ohne den Zusatz “Jugend” ganz gut auskommen. Das ist ein Buch über gewaltig durchgerüttelte Schicksale, über Kriegsfolgen, über knorrige Charaktere, die ihr Leben mit Grandezza, wenn nicht sogar mit griechischer Tragödienhaftigkeit an die Wand fahren. Und es ist ein Buch über Landleben, Landarbeit und Landbewohner, man versteht die Zusammenhänge zwischen den Begriffen ganz anders, wenn man das Buch gelesen hat. So eine endlose körperliche Qual wie die Kartoffelernte per Hand, das kannte ich natürlich nicht ansatzweise. Aber es wurde für mich vorstellbar durch diesen Roman, es wurde sogar sehr deutlich. Die tagelange Suche nach Kartoffelkäfern, das Binden von Getreidegarben in brutaler Sommerhitze, das Schärfen der Sensen, die Saat, das Herumsitzen und tatenlose Warten im Winter, das war mir alles neu und wunderlich, darüber wusste ich bis zu diesem Buch gar nichts oder wenig.

Die Geschichte spielt in der frühen Nachriegszeit, in den ersten Jahren der DDR. Es geht um ein Dorf in der Niederlausitz. Die Hauptfigur, der kleine Tinko, lebt elternlos bei seinem jähzornigen Großvater und dessen niedertyrannisierter Frau. Der Großvater hat sich auf nicht ganz astreine Art und mit loderndem Ehrgeiz von einem kleinen Arbeiter zum etwas größeren Bauern aufgeschwungen, ohne aber jemals mit den wirklich großen Bauern im Dorf mithalten zu können. Und er ist überhaupt nicht begeistert, dass die neue Gesellschaft um ihn herum jetzt vom Kollektiv faselt, von lärmenden Landmaschinen statt von stolzen Pferden, von Reformen aller Art, von neuer Ordnung. Seine Söhne kehren beide aus der russischen Gefangenschaft zurück, sie sind aber nicht von seiner Art. Sie kooperieren gerne mit dem neuen Staat. Tinko nennt den Vater nur “Heimkehrer”, man bleibt sich fremd, es bahnt sich also schnell ein Familiendrama gewaltigen Ausmaßes an.

Das Buch ist ganz hervorragend erzählt, die Figuren aus dem Dorf so lebendig, wie man es bei deutschen Erzähler aus der Zeit nicht gerade gewohnt ist. Naturbeschreibungen vom Feinsten, die Wechsel der Jahreszeiten kann man jeweils glatt mehrmals lesen, so wunderbar sind die dargestellt. Strittmatter braucht nur eine Seite, damit es wieder Frühling wird, aber nach der Seite merkt man die Sonne. In ganz einfacher Sprache macht er das und in umwerfenden Bildern. Das Buch ist sprachlich ein großes Vergnügen, gar keine Frage – und politisch einigermaßen platt. Das wusste ich als Kind aber natürlich nicht. Ich merkte nur, diese Geschichte ist fremd, gewaltig, beeindruckend. Das war das erste Mal, dass mir überhaupt etwas aus der DDR begegnete, es war das erste Mal, dass mir Schicksale von dort wie normale Menschenschicksale vorgestellt wurden. Die DDR kam ansonsten bei uns nicht vor, die gab es zwar, das war nicht zu leugnen, ich bin ja grenznah aufgewachsen – aber was in ihr war, das war unerfindlich, das war kein Gesprächsgegenstand, das war ein Tabu. Und mir war klar, dass Bücher oder Filme und Fernsehsendungen aus der DDR voller Lügen waren, voller Propaganda und Verdrehungen, das immerhin wurde dann doch auch in der Familie besprochen und daran zweifelte niemand. Ich musste beim Lesen also höllisch aufpassen, um bloß nicht irgendwie eingewickelt zu werden.

Allerdings fand ich es dann gar nicht so schlimm, was da im Buch erzählt wurde, es war fast ein wenig enttäuschend. Das Menschliche, das war schlimm, das Schicksal des Kindes war furchtbar tragisch und hatte eine Härte, die meine Vorstellungskraft glatt überforderte. Aber das Politische, das schien mir alles recht logisch und naheliegend, das war auch gar nicht so verherrlichend, wie ich angenommen hatte. Man konnte schon klar herauslesen, dass nicht alles gut und reibungslos lief beim großen und etwas später auch kompromisslosen Umbau des Landlebens. Man konnte aber auch nicht überlesen, das vorher auch nicht alles gut gelaufen war auf dem Land, dass die gute alte Zeit den Namen ganz und gar nicht verdient hatte, und das klang auch durchaus glaubwürdig. Das Leben auf dem Land war hart, brutal, streng hierarchisch und übel verkrustet. Was Strittmatter da beschrieb, das war plausibel und klang vollkommen richtig. Konnte das denn nun dennoch alles falsch sein? War das der Trick? Alles Lüge? Das wusste ich nicht und ich habe auch niemanden gefragt. Das löste sich einfach nicht auf.

Ich fand bei der Lektüre als Kind schrecklich, dass die Hauptfigur sich zwischen dem Großvater und dem Vater entscheiden musste, da beide für verschiedene Systeme standen. Ich habe natürlich nicht verstanden, dass genau darin der parteikonforme Ansatz versteckt war, so etwas liest man mit zehn Jahren noch aus keinem Roman heraus. Oder ich tat es zumindest nicht. Ja, das Buch ist linientreu, je weiter man sich dem Ende nähert, desto schöner tirilieren die Kinderchöre von der Zukunft, der sie strahlend zugewandt sind, herrje. Ja, es ist dennoch über weite Strecken ein sehr gutes Buch.

Das war jedenfalls vermutlich mein erster “richtiger” Roman. Und der fiel mir aus irgendeinem Grund gerade bei einem Spaziergang wieder ein, wie aus heiterem Himmel, als ich erstes Herbstlaub an der Alster sah. Vielleicht eine ganz ferne Erinnerung an eine Naturbeschreibung aus dem Buch, mag sein, ich kann sie aber nicht greifen. Ich habe das Buch gleich gekauft und noch einmal gelesen – und ich habe es nach all den Jahren wieder mit Begeisterung gelesen. Das ist sprachlich wirklich gut, das hat auch eine gute Geschichte, auch wenn sie selbstverständlich systemkonform endet und die wonnige Zukunft der Jungen Pioniere einem etwas auf den Wecker geht. Da ist plötzlich doch arg viel Rosa im Bild. Aber der Mann konnte erzählen, und wie er das konnte. Ich hatte sogar die Namen der Hauptfiguren noch parat, ich wusste noch grob, wie die Handlung lief, ich hatte das Dorf immer noch vor Augen. Nicht schlecht, für 38 Jahre nicht gelesen, das muss mich damals wirklich beeindruckt haben. Ich glaube, ich habe es mehrmals gelesen, das Buch hat mich ziemlich gründlich verwirrt.

Jetzt reicht mir das einmalige Wiederlesen – aber höchst interessant war es allemal.

 

Woanders – Der Wirtschaftsteil

Wir können auch einmal etwas ernsthafter nachdenken, etwa mit Sascha Lobo, der bei Spiegel Online über die Sharing Economy schreibt und sich fragt, ob wir nicht vielleicht auf dem Weg in eine Dumpinghölle sind. Je nach Branche werden sich manche beim Lesen fragen, ob sie da nicht vielleicht schon sind. Und in der Zeit ist bei Günther Hack gerade die Rede vom Datenproletariat, es ist anscheinend die Woche der Grundsatzartikel. Wie bei Texten üblich, in denen Marx erwähnt wird, ist der Text von Hack nur bedingt fluffig zu lesen. Wer sich nicht mühen mag, lese einfach gleich den letzten Absatz.

Da stehen also wieder Rufer in der Wüste – und wir müssen entscheiden, ob im Neuen das Gute oder der Horror liegt. In der SZ dazu – passend oder nicht – ein Artikel über deutsche Bedenkenhaftigkeit. Haben wir Bedenken oder Fortschrittsangst?

In Leipzig gab es eine Degrowth-Konferenz, auch dabei kann man sich fragen, ob es um Bedenken oder um Pioniertaten geht – oder irgendwie um beides, versteht sich. In der FR schreibt Jörg Schindler passend dazu über “Stadt, Land, Überfluss.”

Wobei wir nach etlichen Ausgaben dieser Linksammlung feststellen konnten, dass es zwar sehr leicht ist, tiefschürfende Texte zu wirtschaftlichen Themen in deutscher Sprache zu finden, aber vergleichsweise doch schwer, Berichte über halbwegs spektakuläre Aktionen, Projekte, Programme aus Deutschland aufzutreiben. Wobei natürlich nichts dagegen spricht, erst einmal Ideen zu entwickeln, zu träumen, Visionen zu haben. Hier ein Beispiel aus Österreich, es geht um Stadtentwicklung der ganz besonderen Art. Das ist ansprechend und faszinierend, eine reizvolle Idee, keine Frage. Aber umgesetzte Projekte hätten vielleicht noch mehr Reiz. Oder zumindest angefangene Projekte, wie etwa in dem folgenden Beispiel, es geht um die Stadtplanung in New York und um die bekannte Forderung “Reclaim the city”. Und es geht um Badeschiffe. Mit irgendwas muss man ja anfangen.

In einem anderen Beispiel aus Holland geht es, wie schon im ersten Link, wieder um das Sharing, und es geht auch um die Probleme dabei (englischer Text). Und um die Frage, wer dabei eigentlich Geld verdient.

Wobei Sharing gar nicht nur etwas für Konsumenten ist, das Prinzip ist auch für Konzerne interessant, sogar ganz ohne jede  Konsumentenbeteiligung.

Zu TTIP haben wir natürlich auch noch etwas, wie könnte es anders sein, das Thema ist noch lange nicht durch. Diesmal einen Filmbeitrag bei 3Sat: “Gefährliche Geheimnisse”. Wer das Thema bisher ignoriert hat, kann das hier auch ganz gut als Einführung ins Thema betrachten, das passt. In aller Deutlichkeit kann man eine mögliche Folge der so harmlos klingenden Schiedsgerichte, um die es in dem Abkommen u.a. geht, auch in der taz nachlesen.

Zum Schluß ein Link, der uns aus dem Publikum geschickt wurde (vielen Dank!), ein wirklich wunderbarer Beweis, dass man aus jedem Dreck Geld machen kann. Ein Urprinzip der Wirtschaft sozusagen. Wie das funktionieren kann, das sieht man hier ganz gut.

GLS Bank mit Sinn

Das Dienstags-Update

Drüben bei “Was machen die da” haben wir heute jemanden mit einem etwas speziellen Beruf, der bei vielen hochspezielle Assoziationen auslöst. Aber auch mit ihm kann man natürlich ganz friedlich über seinen Beruf reden, und das haben wir dann auch getan.

Der ganze Text findet sich hier, es geht in dieser Woche um einen Zahnarzt. Die Bebilderung ist etwas unterkühlt, aber das bringt dieses Gewerbe nun einmal so mit sich. Mitlesende Eltern wollen vielleicht ganz besonders den letzten Satz beachten, noch unter dem Porträtbild ganz unten.

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Und ein Dank an…

… den Leser C.K., der den Jungs “11 Freunde müsst ihr sein” von Sammy Drechsel geschickt hat. Das kommt auf den Vorlesestapel für den Winter und wird besonders Sohn I freuen, wobei das Fußballinteresse von Sohn II momentan auch verblüffend ausgeprägt ist. Und ich bin ja sowieso sehr für das Lesen von Klassikern. Herzlichen Dank!

Suppe. Gute Suppe.

Sie werden es vermutlich bereits aus den Augenwinkeln bemerkt haben, es herbstelt heran. Das eine oder andere verfärbte Blatt, gemästete Kreuzspinnen vor abendlich beleuchteten Schaufenstern, Laternen kann man auch schon kaufen, wer würde die Zeichen nicht erkennen. Und vor den Geschäften stehen auch schon wieder die Körbe mit Kürbissen, da erinnert man sich doch gleich an die Versuppung des Hokkaidos im letzten Jahr, die war doch immer so schön, war sie nicht?

Und ob sie das war. Und weil wir ja in der Küche experimentierfreudig bleiben, gab es heute “indianische Kürbissuppe”, gekocht denkbar simpel nach diesem Rezept hier. Und dabei stellt sich raus: Das kann man sehr gut so machen, überraschend gut sogar, ganz erstaunlich gut. Theoretisch müsste das durch die Süße des Ahornsirups auch Kindern schmecken, wenn die beiden renitenten Banausen hier probieren würden, sie würden es sicher merken. Über dieses “wenn” kommen wir allerdings heute wohl nicht mehr hinüber, man kann nicht immer gewinnen. Aber egal, die Suppe ist natürlich auch für Erwachsene empfehlenswert.

Im Bild hier dennoch eine Kinderschale, gut sichtbar das Einschlagloch des Sirups. Um diese Stelle herum schmeckt der Herbst in diesem Jahr besonders gut.
Indianische Kürbissuppe

Woanders – diesmal mit viel Schule und etwas Rest

Ich hatte am Anfang des Jahres bereits gewarnt, dass der Schulcontent hier zunehmen könnte, das tritt jetzt auch ein. Denn nicht nur ich, auch erhebliche Teile meiner Timelines haben jetzt Kinder im schulpflichtigen Alter, das wird uns also eine Weile umtreiben. Die Links sind jeweils mit “Schule” gekennzeichnet, das kann man also auch leicht ignorieren, wenn es nicht interessiert.

Schule: Allenthalben um mich herum wird diskutiert, ob Grundschulkinder alleine zur Schule gehen können oder nicht. Hier ein paar passende Bilder zur Diskussion. Ist alles relativ, ne.

Bei Journelle geht es auch um Schulwege: Wege gehen.

Schule: Bei “Mama arbeitet” gibt es das “Schulheftekaufbingo.”  Wir habe schon ankreuzen können.

Schule: Ein Interview mit einer Neunjährigen zur Inklusion.

Schule: Eine sehr erhellende Einführung in die Geometrie. Und verblüffend kurz ist sie auch noch.

Erziehung: Das Nuf sehr lesenswert über Genderfragen beim Shopping.

Erziehung: Bei Cloudette dazu noch ein passendes Klassenbild.

Eltern: Wie man als Mutter von Zwillingen angesprochen wird.

Panorama: Bei Herrn Larbig gibt es kleine Geschichten von großartigen Menschen

Irgendwasmitmedien: Ein wunderbarer Text zum Twitterstreik neulich, den Sie sicher alle bemerkt haben, so etwas ist ja hinderlicher als ein Streik der Müllabfuhr. Haha.