Woanders – Mit Helgoland, Schule, Lesen und anderem

Auf Deutschlandradio etwas Geschichtsunterricht, auch für den Freundeskreis Insel – die Sache mit der Hymne und Helgoland. So en detail war mir das nicht bekannt.

Kerstin Brune über ihren Beruf. Im weiteren Zusammenhang, die Kamera kurz ins Publikum geschwenkt: Besorgte Mütter.

Sehr nett finde ich die Idee mit den Spaghetti all’Amatriciana, ich werde mich mal umsehen, ob hier ein Restaurant mitspielt und dann da natürlich auch hingehen.

In der NZZ geht es um das Lesen, und zwar doppelt und weniger. Immer eine schwierige Abwägung, diese Grübelei zwischen Neukauf und Klassikerlektüre , das kenne ich gut. Da kann man auch einmal kurz überlegen, welche Autoren man denn tatsächlich bisher in größerem Ausmaß mehrfach gelesen hat. Ich komme bei der Prosa auf: Theodor Fontane, Theodor Storm, Joseph Roth, Heinrich Mann, Eduard von Keyserling, Kurt Tucholsky, Guy de Maupassant, Italo Calvino (Winternacht!), George Simenon, Evelyn Waugh (Brideshead!), Herman Melville (Bartleby!), als Jugendlicher auch Hemingway, eh klar, das war damals eben so, Hemingway lesen, eine rauchen, ein Bier trinken, sich am nicht vorhandenen Bart kratzen, an die Schreibmaschine setzen – und dann ü-ber-haupt keine Idee haben. Mehr rauchen, mehr trinken, hat bei ihm ja auch geholfen. Dachte ich. Na, die Buchauswahl ist jedenfalls eine eher krause Mischung. Keine Russen dabei, das fällt auf, aber den Oblomov müsste ich doch noch einmal lesen, der ist es sicher wert, “Väter und Söhne” bestimmt auch. Ansonsten ist der Osten bei mir eine einzige Bildungslücke, groß wie das Zarenreich.

Ganz übersehen habe ich, dass es ein neues Album von La Caravane Passe gibt, die stehen hier im Haushalt für Gute-Laune-Musik, zu der jeder herumtänzelnd vor sich hin eskaliert, das klappt ja längst nicht mit jeder Band. Aber La Caravane Passe, die zünden. Ziemlich verlässlich.

Die Zuneigung zur Gruppe entstand vor Jahren wegen “T’as la touche manouche”, wozu es auch ein Video gibt, sogar inklusive Lindy-Hop-Moves, wie ich gerade eben erst bemerke:

Und da ich im letzten “Woanders” “Those were the days” erwähnte, habe ich auch das einmal auf Youtube nachgesehen. Das ist ja so ein Lied, mit dem man groß geworden ist, aber tatsächlich hätte ich ohne Google nicht gewusst, wer es gesungen hat – und schon gar nicht, wie unfassbar jung die Dame bei der Aufnahme war (das kann man hier nachlesen) und wie vergnügt sie dabei aussah. Und, äh – schickes Kleid auch. Man sieht es allerdings erst am Ende des Clips.

Zu der neulich hier im Blog verhandelten Frage der Tarte-Bezeichnung – Quiche oder was auch immer – gab es noch einen Kommentar unter dem Artikel, da muss ich dringend noch etwas anlegen, nämlich den Großmeister Hüsch zur Frage, was wie heißt und warum man da so sicher ist:

Kurz und klein

Woanders – Mit dem postfaktischen Zeitalter, Experten, einer tickenden Uhr und anderem

Ich mag in diesem Text, es geht um das postfaktische Zeitalter und um Google und um die Wahrheit,  die Formulierung von der “Bewirtschaftung von Launen.” Sehr sogar. Ganz passend dazu ein Text in der Zeit über den Niedergang der Experten.

Eine Bildergeschichte, es geht um einen Fleischverkäufer.

Über Sex und Treue und Bonobos und uns. Aber heute ist es eh zu warm für alles.

Niedersachsen kehrt zum Abi mit 13 Jahren zurück. Komplett. Was für ein grandioses Debakel der Schulpolitik. Irgendwo las ich neulich Gedanken zur Wiedereinführung der Wehrpflicht, alles schaukelt also hin und her und rauf und runter, wenn man lange genug wartet, wer weiß, sogar die soziale Marktwirtschaft kommt noch zurück. Man sitzt so am Fluß und wartet, was da alles vorübertreibt, oder wie war das?

Meine momentane Lieblingsmusik zur Arbeit, die polnische Gruppe Kroke mit “Time”. Da ist ein Uhrenticken im Song, das hat doch mal was. Wer Spotify nutzt, findet dort auch noch eine Aufnahme mit etwas mehr Bumms.

Ansonsten stromere ich gerade durch die Geschichte des US-amerikanischen Protestsongs, Folksongs etc., weil es dort neben den sattsam bekannten Größen auch Figuren wie Jackson C. Frank gibt, vor allem bekannt wohl durch das wunderbare “Blues run the game.” Es gibt keinen Film dazu, hier dennoch ein Clip bei Youtube. Das Lied wirkt noch etwas anders, wenn man sich einmal seinen Lebenslauf durchliest, das ist nun wirklich nicht irgendeine normale Story.

Ebenso beim auch nicht gerade breit bekannten Phil Ochs, bei dem man nicht umsonst über eine Verfilmung des Lebens munkelt, auch er hatte gravierende psychische Probleme. Alleine die Stelle mit dem Goldanzug in seinem Wikipedia-Eintrag, alleine die Stelle mit dem abgehängten Bob Dylan! Auch von Phil Ochs ein Clip ohne Bewegtbild, “When I’m gone”, der Herr muss live einigermaßen betörend gewesen sein.

Mir ist immer, als würden mich solche Lieder an etwas erinnern, ich komme aber nicht recht darauf, was es sein kann. Wenn es am Ende nicht sogar das nächtliche Gitarrengeschrammel langhaariger Studenten aus Hamburg am FKK-Strand von Travemünde ist, Anfang der Achtziger etwa, komplett mit Lagerfeuer und Sternenhimmel und Brandungsgeplätscher und allem, da sind wir damals als Kinder heimlich herumgeschlichen und haben den Liedern zugehört – und habe den Großen gelegentlich diskret eine Wurst vom Grill geklaut. Nun ja. Those were the days, my friend.

Wir fälschen eine Tarte und geben an

Ich erwähne auf Twitter manchmal nebenbei, was ich hier abends in der Küche produziere. Das führt gelegentlich zu Nachfragen, so geschehen etwa bei der Feigen-Ziegenkäse-Rosmarin-Honig-Tarte. Die, um es gleich vorwegzunehmen, keine Tarte ist, ich weiß, aber es klingt eben besser als das schnöde deutsche Wort Blätterteig. Eine Tarte ist per definitionem aus selbstgemachtem Mürbeteig, ja, ich weiß – und ich ignoriere.

Feigentarte

 

Es gibt auch eigentlich gar kein Rezept, wenn man die Zutaten aufgezählt hat, ist man fast schon fertig, dann riecht es schon gut aus dem Backofen, auch wenn die Kombination in dieser Folge irgendwie fast nach einer Bio-Eissorte in Berlin-Mitte oder angrenzenden Stadtteilen klingt. Eine Kugel Feige-Ziegenkäse-Rosmarin-Honig, bitte! Sehr gerne, der Herr.

Wir rollen heute also nichts zu Kugeln, es geht weder um Eis noch um ein Rezept aus Österreich. Wir rollen vielmehr aus und belegen flach. Dazu brauchen wir:

Blätterteig aus dem Kühlregal

Ziegenfrischkäse in der Rolle

Feigen (zwei, drei)

Rosmarin, frisch

Honig in geringer Menge

Schmand in geringer Menge

Sehr schnell erklärt, sehr schnell gemacht. Den Blätterteig dünn mit Schmand bestreichen, man soll davon nicht satt werden, es geht nur um diese leichte und dezente Frische im Geschmack. Den Ziegenkäse in Scheiben schneiden und die Scheiben auf den Teig legen. Ich bevorzuge dabei eine Rolle, die nicht ungeheuer aromatisch ist, das findet man so meist bei den eher günstigen Produkten. Eine Rolle ist dabei überhaupt nur aus praktischen Gründen erforderlich, Scheiben sehen eben nett aus. Bei mir können die Scheiben ruhig etwas dicker sein.

Die Ziegenkäsescheiben mit dünnen Feigenscheiben belegen, wobei es zweckmäßig ist, keine überreifen Feigen zu kaufen, die kann man nicht schneiden, weder dünn noch überhaupt, man matscht nur sinnlos herum, das verdirbt die Stimmung.

Rosmarin, der bei uns nur noch Großmarin heißt, weil wir ihn in Südtirol in unfassbarer Größe gefunden haben, geradezu baumgleich, ich hatte tatsächlich keine Ahnung, dass der so groß werden kann. Zerhacken und locker über die Scheiben streuen, das kann ruhig etwas mehr sein und ich habe den begründeten Verdacht, dass Thymian auch gut funktionieren würde, mir fehlt da aber die Erfahrung. Den Honig in Tröpfchen über alles schlenkern, wirklich wenig, wirklich zurückhaltend, das wird sonst dramatisch zu süß, aber eine Ahnung von Honig ist schon nett.

Nach Packungsangabe in den Ofen, also vermutlich zwanzig Minuten bei 200 Grad, zack, fertig. Sieht gut aus, schmeckt großartig, macht deutlich etwas her, ist in gesamt 25 Minuten zu schaffen. Ein Blech für zwei Normalhungrige, das gehört für uns genau so zur Feigensaison.

That was easy! Und jetzt, wo ich schnell noch etwas im Internet nach ähnlichen Rezepten herumsuche, sehe ich gerade das hier. Eventuell war das einmal die Originalquelle? Das kann durchaus sein. Und da heißt es Quiche. Na, Hauptsache edel.

Woanders – Der Wirtschaftsteil

Die Ferienzeit endet fast überall, die Leute sind zurück in den Städten und in den Staus und träumen von Freiheit und Fahrt. Da machen wir doch mal eine Ausgabe zum Thema Verkehr und Auto. Passend zu diesem Einstieg titelt die SZ: “Das Auto als Freiheitsmaschine hat keine Zukunft”. Man beachte bitte auch die Stelle mit den Schreibmaschinen, diese Meinung findet man im Moment in vielen Artikeln.

Die Firmen können nicht, die KonsumentInnen wollen nicht, das klingt nicht wie eine günstige Ausgangslage für einen Markt. ”Es ist ziemlich wahrscheinlich, dass wir in Zukunft nicht mehr nur Fahrzeuge der heute großen Marken fahren. Die müssen sich umstellen.” In der taz wird man auch noch einmal grundsätzlich. Das klingt sicher gut, wenn man sich auf die Verkehrswende freut, das klingt vielleicht nicht ganz so gut, wenn man in der einen oder anderen Form von der deutschen Automobilindustrie lebt. Die hat gerade noch andere ziemlich bekannt gewordene Probleme, Stichwort Zuliefererstreit. Das klang in den Hauptnachrichten und Schlagzeilen vielleicht gar nicht so spannend, das ist es aber doch, wenn man nur etwas tiefer einsteigt. In der brand eins macht man das in einem alten, aber immer noch lesbaren Artikel (gefunden hier) und landet selbstverständlich auch wieder bei Zukunftsprognosen.

Die Produzenten, die Konsumenten, wer spielt  noch mit? Die Stadtplanung hat natürlich auch etwas zu bieten, etwa Forderungen. Und immer öfter liest man, dass da nicht mehr Spuren, mehr Parkplätze, mehr Straßen gefordert werden – sondern weniger. Die Rede ist sogar von einer radikalen Abkehr vom motorisierten Individualverkehr.

Als in einer Stadt lebender Mensch kann man im Moment einerseits hier und da Fahrradspuren und ein paar E-Ladesäulen und umgewandelte Parkplätze zur Kenntnis nehmen und sich über ein wenig Wandel freuen, man kann aber auch Science-Fiction mitdenken, das macht Spaß und wer weiß, man erlebt es womöglich noch. Das in den Meldungen zur Zeit häufig vorkommende Problem mit den fehlenden Ladestationen, es lässt sich womöglich auch noch mit etwas Fantasie lösen.

Und der Freundeskreis Fahrrad spielt selbstverständlich bei all dem auch eine Rolle, in diesem Artikel hier wird ihm eine fantastische Zukunft vorhergesagt. Und immer wieder ist es übrigens interessant, wenn deutsche Projekte in Richtung nachhaltiger Wirtschaft auch einmal im Ausland zur Kenntnis genommen werden – bei den Radschnellwegen etwa ist das so. Auch so eine Ironie der Geschichte, dass dieses Land bei beiden Verkehrsmitteln, bei dem Auto und dem Rad, mit Schnellwegen verhaltensauffällig wird. Zufall oder Zusammenhang?

GLS Bank mit Sinn

Südtiroler Ergänzung zum Wirtschaftsteil, zum Konsumenten an sich und zur wichtigen Frage, ob alle bekloppt sind

Mittlerweile habe ich doch etwas Training darin, Bemerknisse aller Art sofort handschriftlich zu notieren, und sie haben sich dadurch tatsächlich vervielfacht. Man muss nur im Laufe eines Tages oft genug Shakespeare zitieren (“Mein Buch! Nur schnell mein Schreibheft her!” – der olle Hamlet ruft das), dann läuft das schon. Es kommt noch vor, dass ich es tagelang vergesse irgendwas aufzuschreiben, aber es wird doch seltener.

Manche Notizen wandern ins Manuskript, manche Notizen kommen mir nach zwei, drei Tagen eher sinnlos und viel zu banal vor, was natürlich daran liegt, dass ich meist nur furchtbar banales Zeug denke. Schlimm, aber was soll man machen. An manche Notizen kann ich nach einer Weile mit etwas Glück einen anderen Gedanken anlegen, das wird dann so ein Assoziationsdomino, ein immerhin recht unterhaltsames Spiel. Das wird übrigens eher besser, wenn man älter wird. Oder zumindest kann man sich das immer erfolgreicher einbilden, das ist auch recht, längst nicht jeder Selbstbetrug ist schädlich.

Manche Notizen sind nach ein paar Tagen noch gut oder seltsam oder interessant genug, die werden dann ein Blogeintrag oder eine Kolumne für die Zeitung. Wie der folgende sehr kurze Dialog, den ich fast wortgleich zweimal in Südtirol geführt habe. Ein ganz banaler Wortwechsel, und doch so irre, so verkehrt … Ich meine, ich schreibe hier dauernd über die Themen Ernährung, Bio, Regio, Öko, Trallala, Slowfood und Schnickschnack, ich mache mir – wie so viele! – gar nicht wenig Gedanken, was ich wann wo einkaufe und wie ich was finde und verarbeite, und ich freue mich, wenn ich etwas auftreibe, das ich gut und vertretbar und dann womöglich auch noch bezahlbar finde, das ist ja selten und kostbar und lobenswert – und dann fahre ich also in die Berge, auf eine Alm, und führe diesen Dialog:

“Haben Sie Eis?”

“Ja, aber nur aus eigener Herstellung, tut mir leid.”

Das Eis aus eigener Herstellung war dann in beiden Fällen ganz wunderbar, in einem Fall war es Apfeleis, und die Äpfel wuchsen vermutlich ein paar Meter weiter, wie man sich das auf einem Berg in Südtirol ganz idyllisch vorstellt, aber hey, die Gäste fragen vermutlich einfach zu oft nach Eis am Stil oder nach Cornetto oder nach Monster-Slush oder was weiß ich. “Nur aus eigener Herstellung, tut mir leid.”

Es gibt Notizen, da kann man sich nach Wochen noch aufregen. Aber wenn man es verbloggt hat, dann geht es bald wieder. Hoffentlich.

50

Und tatsächlich fühlt es sich dann nicht wie irgendein Geburtstag an, man kommt an der Wirkung der runden Zahl doch nicht recht vorbei. Man bilanziert also ein wenig, man wägt ab, man denkt an alte Pläne und überlegt deren Verfallsdatum, man stellt sich ein gemischtes Zeugnis aus, guckt noch strenger als sonst in den Spiegel und skizziert versuchsweise neue Pläne, denn man könnte ja noch dieses oder jenes, warum denn nicht, die Fünfzig ist ja nun wirklich keine Hundert. Aber man müsste dann auch mal.

Und man denkt unwillkürlich auch auf dem Großen und Ganzen herum, es ist wohl ein Alter, in dem man das ohnehin wieder einmal tun sollte, und die Nachrichtenlage das Jahres bot dazu bisher auch weiß Gott Grund genug. Man denkt hin und her, an gestern und morgen, an Liebe und Zeit und Sinn und an die Kinder und was man morgen nun wieder kochen soll und dass gleich schon wieder Weihnachten ist. Und mit fünfzig Jahren weiß man allmählich auch, welche Richtung beim Denken über wirklich wichtige Dinge zu bevorzugen ist, welches Muster nach vorläufig bestem Wissen und Gewissen der Weisheit letzter Schluss ist, was vergeht und was wiederkommt.

“Nichts bleibt, mein Herz. Und alles ist von Dauer”, so hat das Erich Kästner in seinem August-Gedicht gesagt, in dem Buch “Die dreizehn Monate”. Ein ganz schmales, sehr durchdachtes Buch, ein wenig bitter vielleicht, weit fortgeschritten melancholisch in jedem Fall, dabei außerordentlich nett und mitfühlend, als berührte einen ein guter Freund leicht und aufmunternd im Vorbeigehen an der Schulter. Ein Buch über die Monate und die Zeit und die Wiederholungen, ein Buch über das Älterwerden, fast jede Seite ist großartig, nur beim April hat er keine Lust oder keine Idee gehabt. Na, das macht nichts. Wer hat schon Lust auf alle Monate, mir wäre vermutlich zum Februar nichts Nettes eingefallen.

Wie denkt man nach der wiederholten Lektüre des Buches, wie denkt man, wenn man fünfzig Jahre alt wird, welche Richtung ist die richtige – oder doch immerhin die einzige zu der man immer wieder findet? Es gibt da eine ganz einfache Antwort, und sie ist sicher nicht die schlechteste, wie ich mittlerweile glaube, sie klingt nur so: Im Kreis. Man muss sich damit anfreunden, dann geht es. Sehr gut sogar. Flott durch die Kurven sozusagen.

Wenn Sie im Laufe des Tage ein passendes Getränk in die Finger bekommen sollten, wir können hier jederzeit gerne virtuell anstoßen. Auch wenn ich heute noch durch Berlin laufe und mir die Stadt ansehe. Es ist ja mittlerweile schon wieder uncool, aber ich mag Berlin doch sehr, ich finde es anregend und belebend. Die Reise war ein äußerst sinnvolles Geburstagsgeschenk der Herzdame, manchmal hat sie ziemlich gute Ideen.

Prost! Sehr schön, dass Sie hier sind, vielen Dank fürs Lesen! Es ist mir ein Fest und eine Freude, immer wieder.

Was schön war

Ich habe den Verdacht, dass dieses Format auf mittlere Distanz am besten funktioniert. Wenn ich an den Tag denke, an dem ich gerade schreibe, fällt mir nichts ein, das ist zu dicht, das muss sich alles erst setzen. Wenn ich an Tage denke, die sehr lange her sind, ist es wieder ein Fall von “Opa erzählt vom Krieg”, das will ja auch keiner. Aber wenn ich ein paar Tage zurückdenke, dann fallen mir sofort Szenen oder Bemerknisse ein, die ich schön fand, und die ich auch nicht schon zehnmal erzählt habe.

Ohne Titel

In Südtirol, oberhalb von Lana, weit oberhalb sogar, auf einem Wanderweg entlang der Hänge voller Obstbäume. Es ist heiß und irgendwo sitzt eine einsame und vermutlich deswegen sehr laute Grille. Es ist nur eine, aber sie ist weit zu hören, weiter jedenfalls, als ich es bei Grillen überhaupt für möglich gehalten hätte, weiter, als ich es je bei einer Grille gehört habe. Schmetterlinge schaukeln durch die Hitze. Äpfel, viele Äpfel, manchmal Pflaumen, selten Birnen, warum essen die Menschen eigentlich so wenig Birnen? Oder wachsen die in Südtirol nur nicht so gut? Sie stehen hier jedenfalls ganz dicht neben den Äpfeln, man könnte sie fast damit vergleichen, aber das darf man ja nicht. Eidechsen auf den Mauern am Wegesrand, kaum hat man sie gesehen, sind sie auch schon wieder weg, ein Huschen im Augenwinkel. Die Söhne laufen durch die Reihen der kleingehaltenen Bäume und pflücken unter Absingen einer der vielen Hamburger Hymnen ein paar Äpfel. Und das macht einen als Norddeutschen dann doch etwas heidikabelnostalgisch – so wollte man früher auch nie werden! -, was soll man machen. Wenn die eigenen Söhne “Klauen, klauen, Äppel wolln wir klauen, ruckzuck übern Zaun” singen und in die Äste greifen und “ein jeder aber kann das nicht, denn er muss aus Hamburg sein” mit fröhlichem Lokalpatriotismus schmettern, die Hosentaschen voller Äppel, das hat schon was, das kann man ja auch einmal zugeben.

Wie es übrigens auch etwas hatte, als dieses Lied vor ein paar Wochen auf einem Straßenfest in unserem kleinen Bahnhofsviertel gesungen wurde, von einem Kinderchor aus einer Kita und einer Vorschule hier. Da standen zehn, zwanzig Kinder auf der Bühne, alle etwa fünf Jahre alt. Kinder aus etlichen Nationen, mit verschiedenen Hautfarben und verschiedenen Hintergründen (“Ach was”, möchte man da als literaturaffiner Mensch kurz und loriotsicher zwischenrufen, schon klar). Und wo auch immer die Kinder oder ihre Eltern oder Großeltern herkamen, aus München, Rio, Danzig oder sogar aus Bremen, jetzt sind sie eben aus Hamburg und singen auf Plattdeutsch das Lied von dem Jung mit dem Tüdelband und von der Deern mit dem Eierkorv, weil das hier nun einmal dazugehört. Es gibt auch schlechtere Traditionen in der Stadt.

Das Lied wurde 1917 im Bieber-Café zuerst aufgeführt, das war bei uns um die Ecke, im Bieber-Haus gleich neben dem Bahnhof. Die Gebrüder Wolf wurden später von den Nazis verfolgt, einer starb im Lager, einer floh nach Shanghai. Das Bieber-Café, meines Wissens war es ein Tanzcafé, gibt es längst nicht mehr, aber im Bieber-Haus wurden bis vor einiger Zeit die vielen Menschen betreut, die in den letzten Monaten vor anderen Regimen und vor Kriegen wiederum zu uns geflohen sind. Und die Kinder neulich sangen das Lied nur ein paar Meter weiter. Man merkt manchmal, wie die Geschichte Pointen setzt und Fäden durch die Jahrzehnte spinnt.

Woanders – Mit einer Zeitschrift, Textauswertung, Angst und anderem

Michalis Pantelouris über die Zeitschrift Mare.

Als Mensch, der gerne mal Sachen in Excel zählt, kann ich Distant Reading ziemlich interessant finden.

Ein Artikel über Angststörungen. Man beachte den kleinen Satz mit der Angabe “100 Prozent”. Been there, done that, got the t-shirt.

Zahlen zu Elektroautos in Hamburg. Sehr kleine Zahlen. Man muss sich dazu vielleicht ergänzend vorstellen, wie intensiv z.B. Kinder wie unsere Söhne das Aussterben der Benziner herbeisehnen, weil sie eine Stadt ohne Lärm und Gestank für ziemlich erstrebenswert halten. Sicher sieht die Lage auf den Straßen schon ganz anders aus, wenn sie in das Führerscheinalter kommen. Na, man hofft so vor sich hin.

Aljoscha Brell über Lychen. Von Lychen habe ich noch nie etwas gehört, aber vielleicht sollte man da mal in diesen Gasthof. Oder in den See. Schon der Begriff Flößerstadt ist doch ausgesprochen anziehend.

Ein Text über die Swing-Jugend in Hamburg. Die Herzdame und ich gehören ja zu den Leuten, die an den Schauplätzen von damals wieder Swing tanzen. Die alten und sehr alten Leute, die da ab und zu stehenbleiben und gucken, die haben in ihrer Jugend mittlerweile vermutlich eher Rock’n Roll als Swing getanzt, aber es bleibt doch so eine Tanzerinnerungslinie in der Stadt, wenn man öffentlich und draußen tanzt. Wie mir gerade eine Dame am Rande eines Tanzabends in Planten & Blomen zuflüsterte, als sie sich die Paare ansah: “Das konnte ich auch alles. Mit so Überschlag, wissen Sie? Und ganz schnell. Ach, man kriegt gleich wieder Lust.”

Wo wir schon beim Tanzen sind: Alice und Ellen Kessler werden 80.

Rufus Wainwright singt Shakespeare. Beim ersten Hören fand ich es nicht überzeugend, aber nach zwei, drei Versuchen – was für ein schönes Stück.

Gelesen – Petra Gust-Kazakos: Ganz weit weg – Leselust und Reisefieber

Petra Gust-Kazakos ist vielleicht von ihrem Blog bekannt, es ist dieses hier. Sie hat ein Buch über Reisen und Bücher geschrieben, ich habe es auf der Zugfahrt von Hamburg nach München gelesen, was natürlich, bei aller Bescheidenheit, ein äußerst cleverer Schachzug von mir war. Denn besser kann ein Buch für so eine Zugfahrt in Länge und Inhalt kaum passen, machen Sie das also ruhig nach.

Allerdings hatte die Lektüre auch Nachteile, die sollen hier nicht verschwiegen werden. Denn es geht in dem Buch um andere Bücher, und ich bin leider äußerst anfällig für die bei solcher Lektüre entstehenden Wünsche. Weswegen jetzt noch rund zehn weitere Titel auf meiner ohnehin ellenlangen Buchwunschliste stehen, es ist wirklich schlimm.

Und wieder gemerkt: Ich habe eine seltsame Schwäche für Sekundärliteratur. Ich lese ausgesprochen gerne, was andere über Bücher schreiben und an ihnen herumerklären, wenn sie Geschichten dazu erzählen und Hintergründe schildern. Ich habe dabei gar keinen Ehrgeiz, etwas zu lernen, ich finde es tatsächlich einfach unterhaltsam. Und ich lese so etwas sogar so gerne, dass ich es so gut wie nie dazu kommen lasse, weil ich sonst vermutlich gar keine Romane und Erzählungen mehr lesen würde, um die es doch eigentlich immer geht. Romanführer und dergleichen fallen für mich klar unter Suchtmittel.