St. Georg hilft – ein ausgezeichnetes Update

Wer schon etwas länger hier liest, erinnert sich noch an die Spendenaktion “St. Georg hilft”. Zu dieser Hilfsaktion gibt es noch einmal etwas Neues, es ist erstaunlich und erfreulich. Und es ist nicht nur für die interessant, die großzügig gespendet oder sich sonst irgendwie beteiligt haben, es ist wohl am Rande auch für die interessant, die sich beruflich mit Blogkooperationen und dergleichen beschäftigen. Denn während man bei dem Reizwort Kooperation meist nur an Werbung und PR im kommerziellen Sinne denkt, ging es hier um eine Blogkooperation für einen guten und ziemlich klar definierten Zweck, es ging um eine Kooperation mit der Kirche.

Deswegen waren die Herzdame und ich gerade als Gäste der Synode in Travemünde, wir haben dort mit der Kirchengemeinde St. Georg-Borgfelde den Fundraisingpreis der Nordkirche gewonnen – von dem ich natürlich bis vor kurzer Zeit nicht einmal wusste, dass es den überhaupt gibt.

Im Herbst 2015 strandeten Hunderte, später Tausende Transitflüchtlinge am Hamburger Hauptbahnhof, die Lage der Leute war der Stadt in den ersten Wochen herzlich egal – und so lief es dann auch dort ab. Es gab keinen Strom, kein Wasser, keine Nahrung, Kinder schliefen nachts auf dem nackten Boden in der Bahnhofshalle, die Lage war ziemlich bedrückend. Im Stadtteil, dem hier immer so genannten kleinen Bahnhofsviertel, entstanden schnell Hilfsgruppen, etwa die außerordentlich erfolgreiche Welcome Soup, die den einzigen Zweck hatte, diesen durchreisenden Menschen wenigstens eine warme Mahlzeit zu geben. Tausende Portionen wurden ausgegeben, quasi über Nacht entstand eine erstaunlich leistungsfähige Infrastruktur der Hilfe, der Stadtteil vernetzte sich auf eine neue und bis dahin gar nicht gekannte Art und machte vieles möglich. Auch die Herzdame und ich fragten uns, wie wir am besten beitragen konnten.

Und dann kam es so: Die Herzdame hatte die Idee einer Spendenseite, hat diese “mal eben” aufgesetzt und “mal eben” die richtigen Leute kontaktiert, vor allem Joschi Neu vom Kirchenbüro. Denn wir dachten uns, dass es sinnvoll ist, die Spenden über eine seriöse und äußerst vertrauenswürdige Institution laufen zu lassen. Joschi hat das “mal eben” zu einem Projekt der Kirche gemacht, “mal eben” die Spendeninfrastruktur für genau diesen Zweck aufgebaut, die Herzdame hat das dann mit der Seite verdrahtet. Und ich habe das getan, was ich sowieso dauernd mache – ich habe gebloggt. Über die Situation am Hauptbahnhof, über die Möglichkeit, mit einer Spende zu helfen, über das, was mit den Spenden möglich wurde, in der Welcome Soup und anderswo. Über Helfer und Schicksale, über das, was hier los war. Ich habe also im Blog und in den sozialen Medien geschrieben und verlinkt, die Herzdame hat mit einem ernannten Spendengremium mit Bewohnern aus dem Stadtteil das Geld verwaltet, Joschi hat Spendenquittungen und Dankschreiben verschickt – und das lief. Es lief über Nacht an, es lief sensationell gut und es lief, solange es notwendig war, also bis zum dem sogenannten Türkei-Deal.

Das brachte erhebliches öffentliches Interesse, es kamen deutlich über 25.000 Euro an Spenden zusammen. Es trug dazu bei, dass die über 200 Helfer im Stadtteil monatelang ihre Arbeit machen konnten. Es machte natürlich auch deutlich, welche Weltklasseleserschaft hier mitliest, noch einmal vielen Dank an alle, die irgendetwas gespendet haben – es waren sehr viele von Ihnen.

Und dass wir dafür jetzt diesen Preis gewonnen haben, liegt wohl vor allem daran, dass wir alle genau das gemacht haben, was wir eh schon konnten. Die Herzdame konnte Technik und Vernetzung, Joschi konnte Gemeindebüro, und ich habe eben einfach nur geschrieben, ich kann nämlich sonst leider nichts. Aber das ist wohl der richtige Ansatz – wenn niemand sich verbiegt, geht es am besten. Wobei ich vermute, dass es auch deswegen gut war, weil wir so schnell waren. Wir haben die erste Idee genommen, nichts zerredet und es bei genau einem Zweck belassen. Aus diesem Grund hat nämlich auch die Welcome Soup so gut funktioniert und das war eine wichtige Lehre aus dieser Zeit – sich auf die Sachen zu beschränken, die man vermutlich richtig gut hinbekommen kann. Und darin dann immer besser werden.

Durch den Preis der Nordkirche kommen jetzt noch einmal 2.500 Euro für die Aktion dazu, das Geld wird hier nach wie vor sinnvoll eingesetzt, Integrationsarbeit ist so leicht nicht fertig

Die Preisverleihung fand übrigens im Maritim Travemünde statt und Travemünde und ich – da war doch was. Dazu muss ich dann separat noch einen Beitrag schreiben, das war, wie soll ich sagen, in dieser Hinsicht ein sensationell bemerkenswerter Abend. Aufklärung in Kürze.

Joschi Neu (rechts), die Herzdame als Zeugsvorzeigerin und ich im Maritim Travemünde.

Beifang vom 04.03.2017

Hier hätte eigentlich ein Text über den gestern gewonnenen und in Travemünde entgegengenommenen Preis stehen sollen, der ist ja erstaunlich und seltsam genug, aber da die gesamte Familie heute sowohl im Park, im Kino und dann noch bei der Hamburger Großmutter war, verschiebt sich das dezent. Ich bin außerdem danach frühlingsbedingt und Krokusse zählend quer durch die Stadt zu Fuß nach Hause gegangen und habe daher einen schweren Frischluftschock, ich brauche Ruhe. Ein paar Links gibt es dennoch, eh klar.

Was Mensch und Mörderwal gemeinsam haben – das Thema ist die Rolle der Frauen in der Frühgeschichte der Menschheit.

Ein Artikel über den “Mann ohne Eigenschaften”, mit dem ich irgendwie nie warm geworden bin. Aber nach solchen Lobeshymnen gucke ich dann doch nochmal hinein. Das ist wie mit Wein – ab und zu probiere ich mal wieder. Vielleicht schmeckt er mir ja im Rentenalter endlich. Oliven habe ich auch erst mit etwa vierzig Jahren plötzlich gemocht, man weiß nie.

Geschichten per Crowdfunding. Das wird noch mehr aufleben, glaube ich.

Bei der GLS Bank habe ich wieder drei Links zum Wochenende. Beim mittleren Link geht es um das Arbeiten in der eigenen Wohnung, also um Varianten der Home-Office-Übung. Das betrifft mich auch persönlich gerade, da in meinem beruflichen Umfeld diskutiert wird, was denn nun richtig und angemessen und optimal oder gottweißwas ist. Wer wann wohin? Mit bisher unklarer Gemengelage im Ergebnis. Bis auf weiteres gilt – ich gehe ganz gerne ins Büro und mag den Wechsel zwischen den Orten, um im Kopf umzuschalten.

Bei der Suche nach Stücken für die neue Playlist mit Arbeitsmusik, Schreibmusik, Denkmusik habe ich gemerkt, dass es kaum Videos von Vince Guaraldi gibt, hier ist er mit dem Trio und Bola Sete zu sehen. Der Clip ist dann wohl eine Rarität. Das ist so überaus gepflegte Musik, man möchte sich direkt einen Anzug anziehen, sich nach einem Cocktail umsehen und dann mit einer Dame im Abendkleid ein hochgeistiges Gespräch anfangen, über Casual Jazz auf Playlists oder so.

Kurz und klein

Beifang vom 01.03.2017

Irgendeine Bushaltestelle irgendwo.

Einradfahren durch Südtirol. Warum auch nicht. Aber doch immer wieder seltsam, was alles geht und was Menschen Spaß macht.

Bei Read on gibt es eine Begegnung mit einer Schaffnerin. Zugbegleitpersonal oder wie immer sie gerade korrekt heißen.  

Es gibt jetzt eine Ausgabe der poetischen Texte von Hanns Dieter Hüsch.

Ein Interview mit Jan Wagner über den Iran, er war dort auf Lesereise.

Bei der GLS Bank habe ich drei Links zu eher ungewohnten Sichtweisen veröffentlicht. Das erste Thema, bei dem es um die Frage geht, ob wir die Wirtschaft der Familie oder die die Familie der Wirtschaft anpassen, es treibt mich immer mehr um, und was meine Meinung zum Ganztag an Schulen und zu anderen, eng verwandten Aspekten betrifft – ich muss nachdenken. Viel.

Ansonsten bastele ich gerade an einer neuen Spotify-Playlist, bei der es ausschließlich um Instrumental-Musik geht, die mir geeignet erscheint, um beim Hören auf Gedanken, wenn nicht sogar auf Geschichten oder andere Texte zu kommen. Die Kriterien, die ein Stück dafür erfüllen muss, könnte ich nicht einmal vernünftig in Worte fassen. So etwas etwa (das kann man gut über Kopfhörer etwas lauter hören, es wirkt dann wirklich gut, sieben Minuten, die sich lohnen):

Beifang vom 28.02.2017

Anne Schüßler über die Benachrichtigungen auf dem Handy. Ich habe da vor einiger Zeit fast alles abgestellt, ich bekomme nur noch Blogkommentare von WordPress und Mitteilungen über Naturkatastrophen und Großbrände angezeigt, das kommt alles nicht so wahnsinnig häufig vor. Alles andere schweigt – und das war tatsächlich eine erstaunlich große Befreiung, das hätte ich viel früher so einstellen sollen. Es gibt überhaupt keinen Grund, auf irgendetwas sofort zu reagieren.

Es gibt jetzt eine Ausgabe “Sämtliche Gedichte” von Peter Rühmkorf.

Ich lese gerade “Alle Eulen” von Filip Florian. Aus dem Rumänischen von Georg Aescht. Es gibt hier eine wunderbare Rezension dazu. Ich bin noch im ersten Drittel, es kommt mir aber jetzt schon empfehlenswert vor.

Ein Interview mit Madeleine Albright über ihren Lebensweg und natürlich auch über den so-called President.

Ein Nachruf kann auch lesenswert sein, wenn man die Person überhaupt nicht kennt (via Claudine auf Twitter).

Außerdem habe ich gestern etwas gelernt, und Sie wissen das ja vielleicht auch nicht, deswegen breite ich das mal kurz aus. Der Song “Killing me softly”, den man vermutlich am ehesten in den legendären Versionen von Roberta Flack und The Fugees kennt, bezieht sich auf den Sänger Don McLean. Die Sängerin Lori Lieberman, die die Idee zum Song hatte, hat ihn das folgende Lied singen hören, das man unten im Clip sieht. In Zusammenarbeit mit dem Texter Norman Gimbel, der wiederum auch “The girl from Ipanema” geschrieben hat, entstand dann daraus “Killing me softly”.
Das Stück von Don McLean klingt zwischendurch manchmal so, als würden seine großen Erfolge darin anklingen, “Vincent” (das Lied über Van Gogh) und natürlich “American Pie”, es sind sehr ähnliche Tonfolgen darin. Und wenn man erst einmal soweit ist, kann man sich auch gleich das ganze Album “American Pie” noch einmal anhören, das ist dann ziemlich interessant.

Und jene Lori Lieberman, die erste Interpretin und Ideengeberin von “Killing me softly”, ist diese Dame hier.

Beifang vom 27.02.2017

Bereits am Wochenende hatte ich bei der GLS Bank vier Links, darunter der älteste, den ich überhaupt noch  auf Vorrat hatte. Das ist der über die Straßenbäume und ich finde das Thema großartig. Ein wunderbares Beispiel für völlig unerwartete Komplikationen.

Hier geht es ausführlich um die erste LP von George Harrison nach dem Ende der Beatles. Ich mag solche gründlichen Besprechungen historischer Platten, ich mag sie sogar dann, wenn mir die Namen der Beteiligten reihenweise gar nichts sagen, was hier allerdings gar nicht der Fall ist. Das Album “All things must pass” ist auch auf Spotify verfügbar. Ich mochte das eher schlichte “Beware of darkness” und glaube, ich kannte es überhaupt nicht.

Noch einmal eine ganze Reihe Podcastempfehlungen. Ich mache fleißig Bookmarks – für was weiß ich wann.

Elisabeth Rank über das Herumliegen

Frédéric Valin über das Herumfahren in Taxis .

Bei Kiki wird es Frühling.

Ich habe neulich über ein Stück von George Michael geschrieben, danach habe ich natürlich, Junkie der ich bin, auf Youtube weiter herumgeklickt und das hier gefunden. George Michael covert Roberta Flack, deren Version, eh klar, auch schon ein Cover war. Die erste Version des Liedes war von Peggy Seeger und ist, wenn man die Coverversionen kennt, nicht mehr gut zu ertragen. Wobei das Stück wohl keiner jemals so endgültig gesungen hat wie Johnny Cash, aber das war eben auch eine Frage des Alters. Hier jedenfalls die Version von George Michael.

Was schön war

Ich war mit den Söhnen im Kino, bzw. im und doch nur vor dem Kino. Denn mittlerweile sind sie so groß, dass man nicht mehr zwingend mit reingehen muss. Man kann sie einfach hinbringen, ihnen Karten kaufen und Popcorngeld geben und sie dann später wieder abholen. Das ist bei manchen Filmen auch sehr gut so, diese Lego-Filme etwa interessieren mich überhaupt nicht. Demnächst gehen wir in die neue Verfilmung von Timm Thaler, da gehe ich dann auch gerne wieder mit rein, aber es ist doch befreiend, es nicht mehr in jedem Fall zu müssen. Die Interessen, sie sind eben verschieden.

Allerdings schien mir Sohn II vor Beginn der Vorstellung etwas müde zu sein, und bei müden Kindern weiß man nie. Ich fand es daher sicherer, direkt vor dem Kinosaal zu warten und mich nicht allzu weit zu entfernen. Das war in einem großen Kino mit -zig Sälen. Direkt vor dem Raum, in dem der Film für die Söhne lief, war der Einstieg zur großen Röhrenrutsche, durch welche die zahllos herumwuselnden Kinder etliche Meter abwärts rutschen konnten, um dann laut johlend die Treppen wieder hochzurasen, noch einmal zu rutschen und immer so weiter, bis auch ihr Film irgendwann anfing und sie so viel Sport getrieben hatten wie ich in einem Monat. Ich saß da also auf einem Barhocker, ich kaufte mir kein Getränk, ich kaufte mir kein Popcorn. Ich stand nur eine Weile kopfschüttelnd vor den Preisen und fühlte mich alt, das war doch früher alles nicht so flughafenbaselmäßig teuer? Und dann saß ich da eben einfach herum, so ein Spielfilm dauert eine Weile, mit der ganzen Werbung davor und all den Trailern.

Ein paar Meter weiter bedrängten Kinder ihre Eltern, weil sie unbedingt die allergrößten Popcorneimer haben wollten, noch eine Limo, noch mehr Weingummi, noch ein Eis. Direkt neben mir versuchten Mütter und Väter den Rutschverkehr zu regeln, Schuhe an- und auszuziehen und Kinder zu trösten, die auf der Rutsche mit anderen Kindern kollidiert waren. Überall verstreutes Popcorn in rauen Mengen auf der Auslegeware, darüber jagten ab und zu Kinder, die aus einem der Kinosäle geschossen kamen und zu den Toiletten rannten, so schnell es nur irgend ging. Bloß nichts verpassen! Nach kurzer Zeit, nach einer Minute allerhöchstens, jagten sie schon wieder zurück in die Filmvorführung. Die Söhne waren nicht zu sehen, kamen nicht heraus, ich wurde nicht gebraucht.

Ich hatte ein Buch dabei, ich las ein paar Seiten. Ich guckte kurz aufs Handy, dann steckte ich Handy und Buch doch wieder weg. Draußen fing es an zu regnen, die Passanten wurden schneller. Die Schillerstatue vor dem Kino wurde nass und verfärbte sich. Sohn II hatte vor Beginn der Vorstellung zu Füßen des Dichters die Schätze versteckt, die er auf dem Weg zum Kino gefunden hatte: Kastanien, eine große Schraube, ein altes eisernes Türscharnier, den Holzstab einer Feuerwerksrakete. Schiller sah stoisch darüber hinweg, dass da einer vor ihm im Grünzeug herumwühlte.

Ab und zu leerte sich das Foyer des Kinos und alle verschwanden nach und nach in Vorführungen, aber dann kam bald schon wieder eine neue Welle von Besuchern. Rutschende Kinder, kauende Kinder, kreischende Kinder, weinende Kinder, lachende Kinder. Bezahlende Eltern, herumkommandierende Eltern, scheuchende Eltern, da rein, hier entlang, weg da, komm her, was hast du denn jetzt schon wieder?

Das ging mich alles nichts an. Das störte mich auch nicht. Neun Jahre mit Kindern haben auch Vorteile, ich kann so etwas mittlerweile gut ausblenden. Ich saß da einfach nur, guckte in die Gegend und machte überhaupt nichts. Ich machte mir nicht einmal schlau sein sollende Gedanken, ich sah auch nicht genau hin, um irgendetwas mitzubekommen und später vielleicht darüber zu schreiben. Ich sah einfach nur in die Gegend, durch das Fenster und auf den unfassbar vollgekrümelten Boden, ich wartete darauf, dass die Zeit sich ein wenig ausbeulte. Das tat sie nach einer Weile tatsächlich, wenn auch nicht mehr so deutlich wie früher. Wenn man sich  an die lähmende Kinderlangeweile erinnert, die meine Generation ja noch gründlich kennt – wie unfassbar lang, grau und betondick die Zeit damals manchmal wurde! Wie unüberwindlich ewig mir da manchmal eine Schulstunde schien, in der ich vor den Blicken der Chemielehrerin in Deckung ging. Und wie grotesk lang erst ein vollkommen ereignisloser Sonntag im November an der menschenleeren Ostseeküste war. So lang, dass ich alle Schallplatten im Regal der Mutter gleich mehrfach durchhören konnte, von Percy Sledge zu Degenhardt und Elvis und zurück, und jedes verdammte Lied dauerte endlos lange. Solche fantastischen Längen bekomme ich heute natürlich nicht mehr hin, das ist auch eine Frage des Alters.

Aber ein ganz wenig langsamer wurde die Zeit dann doch endlich, nach etwa einer Stunde. Ich brauche heute etwas Anlaufzeit dafür, ich bin etwas ungeübt, und natürlich wirkte das auch nur eine halbe Stunde, wenn überhaupt so lange, vielleicht waren es nur magere zehn Minuten. Das war aber immerhin ein schönes Gefühl, kurz mal die Zeit anzuhalten. Ich habe mich nicht vom Fleck bewegt und sicherheitshalber gleich überhaupt nicht mehr gerührt, auf diesem Kinofoyerbarhocker direkt vor dem Riesenfenster, über das quer Tausende Regentropfen liefen, neben der rege genutzten Rutsche, hinter der Ausgabestelle für maßlos teures, zu süßes oder zu salziges Popcorn und neben dem Kinosaal, in dem sich die Söhne vermutlich prächtig amüsierten.

Dieser Moment hat mich jedenfalls wieder daran erinnert, dass ich schon seit geraumer Zeit gerne mal einen ganzen Tag lang nichts machen möchte. Also nichts im Sinne von gar nichts. Höchstens zugucken, wie sich das Tageslicht verändert, mehr wirklich nicht. Wie seltsam schwer das einzurichten ist.

Gelesen – Roger Willemsen: Deutschlandreise

Roger Willemsen fährt mit dem Zug durch Deutschland, steigt hier und da mal aus und stellt sich in die Gegend oder setzt sich in die Bahnhofskneipe, ins Bordell oder sonstwohin. Guckt zu und schreibt mit, denkt herum und fährt weiter. Das Buch erschien zuerst 2002, ist also mittlerweile als historisch zu betrachten. Und wenn man z.B. die Passagen liest, die im Osten oder in Bayern spielen, dann merkt man, dass Roger Willemsen verblüffend genau hingesehen hat und man merkt auch, wie vieles abzusehen war. Die Geschichte gab ihm Recht, und zwar geradezu unangenehm gründlich.

Wirklich schlimm ist aber, dass man bei der Lektüre allzu leicht eine Art Fernweh für den Nahbereich bekommt. Man möchte auch so in einen Zug steigen, in irgendeinen, losfahren, irgendwo mal irgendwas nachsehen, ohne den geringsten Plan zu haben. Leute, Orte und Zeugs ansehen, denken, träumen und vielleicht schreiben. Heute aus der Innenstadt von Mannheim, morgen von den Kreideklippen, den Zusammenhang suchen oder verneinen. Beobachten, was die Leute anziehen und was sie machen, zuhören, wie sie reden. Heimat erkunden oder verdrängen, neu lernen oder ignorieren – jedenfalls aber hinsehen. Doch, dazu bekommt man wirklich große Lust, wenn man dieses Buch liest. Aber man kommt ja zu nix.

Ich kaufe Bücher gerne gebraucht, ein Folgeschaden meiner Zeit als Verkäufer im Antiquariat. In diesem Exemplar hat jemand auf den ersten zwanzig Seiten schwierige Wörter angestrichen, “Pykniker” und “Promiskuität” etwa. Dann noch ein zaghaft-dünner Bleistiftstrich bei “makadamisiert”, dann keiner mehr. Aufgegeben? Ob das Schullektüre war? Man weiß es nicht. Ich fand die Lektüre jedenfalls lohnend und erhellend.

Beifang vom 23.02.2017

Fillon, Macron und die anderen” – es gibt ein Update aus Frankreich, nein, es gibt sogar zwei! Ich finde das dort immer sehr gelungen beschrieben. Dass Fillon aber wieder Chancen haben soll, dass er überhaupt weitermacht, ist es nicht einigermaßen erstaunlich?

Eine weitere Folge von “Was schön war” aus Köln. Da war ich auch schon verblüffend lange nicht mehr, es ist eigentlich schlimm, ich mag Köln. Aber im Moment möchte ich auch gar nicht hin, aus saisonalen Gründen.

In der Zeit geht es um Lindenberg, aber diesmal nicht um meinen Nachbarn, sondern um den Ort in Brandenburg. Diese Reihe in der Zeit war überhaupt eine gute Idee.

Und ich glaube, ich möchte jetzt eine Kuckucksuhr haben (Dank an Rebekka für den Link).

Hier einmal eine amüsante Variante der Folgen eines Copyright-Streits – ein Radiosender spielt nur noch Musik von vor 1946.

Aber nun noch ein wenig Musik von jungen Leuten. Ein höchst seltsamer Clip.

So war das

Neulich habe ich Roger Willemsens “Der Knacks” gelesen, neulich ist George Michael gestorben. Und manchmal dauert es ja länger, bis zwei Gedanken so lange auf seltsamen Bahnen im Hirn herumgekreist sind, dass sie endlich einmal unerwartet zusammenstoßen und man so dasitzt und plötzlich denkt: “Ach guck. So war das. Das habe ich ja noch nie bewusst gedacht.”

Das, was da war, ist schon länger her. Ich lebte damals auf dem Land. Frau, nein, sehr schöne Frau, Haus, Garten, Karriere, nein, steile Karriere. Ein unsinnig weiter Arbeitsweg, den nahm ich für diese Frau gerne auf mich, das war ein kleiner Preis, und zwar ein ganz kleiner. Ich stand früh auf und kam spät nach Hause, im Sommer gingen wir abends noch mit dem Hund über die Felder und am Waldrand entlang, das war dann die Freizeit. Die Nachbarn grillten und hörten zu laut schlechte Musik zum Mitklatschen. Ein Idyll wie aus amerikanischen Suburbia-Romanen, da weiß man dann schon nach zehn, zwanzig Seiten, hier stimmt etwas nicht. Aber ich wusste das natürlich nicht, die Hauptfiguren verstehen ja immer alles viel zu spät, davon leben die Geschichten schon seit den Lagerfeuern. Die Hauptfigur sieht immer nur die besonders schöne Frau.

Im Garten wucherte der Giersch, wir hatten beide kein Interesse an Gartenarbeit, sollte er doch wachsen. Gartenarbeit! So trivial. Es sah im Sommer so aus, als würde das Haus schier im Giersch verschwinden, es war ohnehin nur ein sehr kleines Haus, ein kleines, enges Häuschen eigentlich. Die Pflanzen wuchsen, die Probleme wuchsen, wir sahen entschlossen weg, wir wollten nicht an die Wurzeln. Erst hinterher durchschaut man immer die Metaphern einer Lebensphase und begreift dann nicht, was man alles übersehen hat, es war doch so überdeutlich arrangiert.

Es gab einen Videoclip, damals liefen noch Videoclips im Fernsehen, von George Michael: “Spinning the wheel.” Den sah ich gerne, wenn der lief, drehte ich lauter und sah genau hin. Zum einen wegen der jazzigen Retro-Stimmung, zum anderen auch wegen der einen Backgroundsängerin. Außerdem war die Melodie gut und ganz anders als bei den sonstigen Songs zu der Zeit, diese fingerschnippende Lässigkeit war eher unüblich. Ich habe nicht gemerkt, dass da noch etwas in dem Videoclip war. Da wurde, heute ist das lächerlich deutlich, etwas gezeigt, was ich nicht hatte, aber doch dringend haben wollte: Nachtleben. In dem Clip gab es unklare Liebesbeziehungen, Verwicklungen, Andeutungen, Rausch. Halbseidene Szenen in einem dunklem Schwarzweiß, in dem man nicht alles sah, schon gar nicht alles verstand, in dem man aber überall mal eben seinen Verstand ablegen konnte. Das wollte ich auch. Ich habe es nur nicht gleich gemerkt.

Es dauerte noch ein paar Jahre, dann habe ich dieses Nachtleben nachgeholt. Ich habe mich mit einem mir heute gar nicht mehr begreiflich erscheinenden Mut in eine mir reichlich fremde Welt gestürzt, einfach weil das so sein musste und auch nicht mehr anders ging, das war alternativlos, wie man heute sagt. Und ich habe mich da ein, zwei Jahre auf eine Weise amüsiert, die mir vorher nicht bekannt war, die wohl auch nicht wiederholbar ist. Jahre mit Szenen, über die ich mich heute noch manchmal freue, wenn sie mir wieder einfallen. Jahre mit Menschen, von denen ich nicht wusste, wie sehr sie mir immer schon gefehlt hatten. Man hat vermutlich unverschämtes Glück, wenn es eine solche Phase überhaupt im Leben gibt, so eine Phase, über die man immer noch leise lacht, wenn man sich plötzlich erinnert, auch nach Jahren noch. So gründlich habe ich mich da amüsiert, dass diese Zeit bis heute in keinem Buch vorkommt, in keinem einzigen Blogeintrag, in keinem Artikel.

Irgendwann habe ich dann die Herzdame am Rande einer dieser Nächte kennengelernt, und es begann eine ganz andere Geschichte. Das Rad drehte weiter und alles war sehr gut, so wie es war. Spinning the wheel. Ein gar nicht mal so unwichtiger Song für mich. So im Nachhinein betrachtet.