Südtirol – die Schuhfrage endgültig geklärt

Bevor ich zu unseren Erlebnissen in Südtirol komme, muss ich noch auf einen besonderen Aspekt eingehen, der sich mit einem gewissen Zwang aufdrängt, wenn man über diese Gegend spricht. Und zwar entsteht der Zwang aus den Gesprächen, die man im Vorwege mit anderen Leuten führt. Man erzählt so nebenbei, dass man da hinfährt – und dann passiert etwas, auf das man wetten kann. Sagen wir, einen dreistelligen Betrag. Sehr geringes Risiko. Denn der Gesprächstpartner, wer immer es sein mag, wird garantiert einen Satz sagen, der das Wortpaar “festes Schuhwerk” beinhaltet. Und zwar wird er es so sicher sagen, als gäbe ein Gesetz, das ihn bei Strafandrohung zu dieser Bemerkung verpflichten würde.

Ich: “Wir fahren ja nach Südtirol.”

X: “Oh! Festes Schuhwerk!”

Als würde das Reiseziel Südtirol jeden Menschen automatisch in einen leidenschaftlichen Wanderer verwandeln, als würde einem bei der Planung schon ein Rucksack wachsen, als würde man dort nur über steile Wanderwege vom Parkplatz zum Restaurant kommen. Das habe ich schon einmal erlebt, dieses seltsam zwanghafte Erwähnen eines Reisehinweises, das kam auch hier im Blog schon einmal vor, es ist Jahre her. Da ging es um Reisen nach Mallorca, denn wenn man Mallorca sagt, dann sagt irgendjemand Mietwagen. Immer.

Das feste Schuhwerk also. Dahinter steht die Grundannahme, Südtirolreisen seien ohne Wanderschuhe quasi ungültig, dahinter steht der Gedanke, man könne da nicht hin, ohne vorher im Outdoorgeschäft etwa ein Monatsgehalt für Spezialschuhe ausgegeben zu haben. Das ist Unsinn.

In dieser Familie bin ich der einzige Wanderschuhinhaber. Die Herzdame lehnt Wanderschuhe aus ästhetischen Gründen rundweg ab, ich lehne es kategorisch ab, Kindern Wanderschuhe zu kaufen, aus denen sie vermutlich schon nach der nächsten kräftigen Mahlzeit wieder herausgewachsen sein werden. Es hat natürlich keinen Sinn, als einziger in der Familie Wanderschuhe zu tragen, ich renne der Truppe ja nicht dauernd 20 Kilometer voraus und erkunde das Gelände. Übrigens schon deswegen nicht, weil ich nie wieder zurückfinden würde, aber egal. Es hat noch einen weiteren Grund, warum wir keine Wanderschuhe dabei hatten, einen ziemlich speziellen Grund, und der findet sich in der Geschichte der Beziehung von der Herzdame und mir und auf Madeira.

Die Herzdame ist nicht besonders nachtragend, aber der Vorfall, um den es hier gleich geht, ist noch keine zwölf Jahre her, der ist für eine Nordostwestfälin also noch recht präsent. Damals reisten wir als noch frisches Paar nach Madeira, so ein Last-Minute-Trip, den wir uns gerade eben leisten konnten. Der allererste gemeinsame Urlaub. Und erst auf der Insel stellte die Herzdame fest, dass ich keine Badesachen, sondern nur Anzüge mithatte, denn mir lag es damals fern, einen Strand oder eine Badestelle zu besuchen. Nein, auch nicht gemeinsam, geh mir weg mit Strandromantik, ich war da recht klar positioniert. Das führte zu so lebhaften Auseinandersetzungen, dass ich mir schließlich noch auf Madeira und unter Protest eine Badehose gekauft habe, die erste überhaupt nach der Travemünder Zeit. Und sogar mit ihr baden ging. Und mit dem Sonnenbrand meines Lebens schmollend am Ufer saß. Ich war einfach noch nicht reif für Badespaß. Travemünde war nicht lange genug her.

Und weil ihr dieses Reiseerlebnis noch so präsent war, stand für die Herzdame von Anfang an fest, dass sie mit Flipflops in die Berge fahren würde. Der Mann im Anzug am Meeresufer, die Frau in Sandalen auf dem alpinen Wanderweg, das klang für sie endlich nach einem fairen Ausgleich. Eine etwas spezielle Form von Auge um Auge, vielleicht aber doch auch nachvollziehbar.

Und es ist tatsächlich so – Südtirol ohne festes Schuhwerk ist überhaupt kein Problem. Zumindest im Meraner Land, wir haben nur diesen Teil von Südtirol besucht, ich kann über die anderen Täler nichts sagen. Es gibt überall, wirklich überall, gut ausgebaute Wege, die man genau so gut als Spazierweg wie als Wanderweg betrachten und nutzen kann. Es laufen überall Menschen in Heavy-Duty-Outdoorausrüstung neben Menschen in Sandalen und Shorts herum, das passt beides und stört sich nicht. Selbst auf zweitausend Metern Höhe, etwa bei Meran2000, kann man noch gelassen spaziergehend wandeln, es ist wirklich überhaupt kein Problem.

Wanderweg Südtirol

 

Festes Schuhwerk braucht, wer sportlich und hoch wandern möchte, was man aber ohnehin nicht macht, wenn es 35 Grad warm ist und man zwei kleine Kinder dabei hat. In Südtirol kann man gerade im Sommer ganz phantastisch Urlaub machen, ohne zu wandern. Wir haben es ausgiebig getestet, es funktioniert. Man kann dort auch einfach nur alle paar Meter herumstehen und Gegend ansehen, das geht sogar mit Kindern, so toll ist die Gegend da. Und die Kinder können dabei auch ruhig barfuß sein, das hat Sohn II eine ganze Woche lang fast komplett durchgehalten. Ohne Probleme. Na gut, einmal ist er auf eine Biene getreten, das war etwas anstrengend für alle Beteiligten. Aber man kann Südtirol tatsächlich auch einfach wegen des Essens bereisen, das Essen ist sensationell, ich berichte darüber später noch ausführlicher. Und es ist vollkommen latte, welche Schuhe Sie beim Essen anhaben.

Wenn Sie über Südtirol reden und jemand murmelt “festes Schuhwerk” – Sie wissen Bescheid. Geben Sie das Geld lieber für Essen aus. Und gehen Sie, wie Sie immer gehen.

Roter Hahn

 

 

Werbung, Marken, Interessen, Content

Dieses Blog hat, wie sicherlich bekannt, einen Hauptsponsor, mit dem ich inhaltlich bestens zurecht komme, das ist eine Marke, die ich sehr gerne vertrete, die GLS Bank, für die ich auch wöchentlich schreibe. In einem gewissen Sinne ist das hier also eine Dauerwerbesendung, und da die Bank nicht irgendeine Bank ist, finde ich das auch richtig so. Zumal sich die Interessen und Werte, die die Bank vertritt, mit meinen stark überschneiden, zu dem wöchentlichen Wirtschaftsteil kam es überhaupt nur wegen dieser gemeinsamen Interessen.

Es gibt weitere Firmen, denen ich sozusagen freundschaftlich verbunden bin, weil mich interessiert, was sie machen, auch wenn sie hier nicht als Sponsor auftreten. Etwa die Regionalwert AG Hamburg für den norddeutschen Raum, bei der wir gerade, im Rahmen äußerst bescheidener Möglichkeiten, Miteigentümer geworden sind. Die werden hier sicher noch öfter vorkommen. Das ist eine tolle Sache, das Thema interessiert mich sehr, das verdient Unterstützung. Isa und ich haben den Vorstand, den Regionalulf, vor einiger Zeit hier interviewt, wenn man das liest, versteht man das sicherlich.

Beim Thema Reise, mit dem ich mich künftig gerne etwas mehr beschäftigen möchte, ist es auf den ersten Blick nicht ganz einfach, geeignete Partner zu finden, die in dieses Muster wenigstens halbwegs hineinpassen. Für die Südtirolreise ist das allerdings gelungen, da hatte ich den Sponsor Roter Hahn – für die Kontaktvermittlung übrigens Dank an Petra von Foodfreak.

Der Rote Hahn ist eine Verbundmarke für den Urlaub auf dem Bauernhof in Südtirol, da werden etwa 1.600 Betriebe vertreten. Das klingt banal touristisch, ist es aber nicht nur, da geht es noch um etwas mehr.

Wie in Deutschland auch, können in Südtirol immer mehr bäuerliche Betriebe allein durch die Landwirtschaft nicht mehr bestehen, schon gar nicht die Biobetriebe. Wenn man sieht, dass dort auf jedem nur irgend nutzbaren Fleckchen Boden ein Apfelbaum steht, kann man sich vorstellen, dass das Angebot nach der Ernte über die Nachfrage hinausgeht. Es gibt zu viele Äpfel auf dem europäischen Markt, zumal der Konsum eher rückläufig und der Handelsweg nach Russland im Moment nicht offen ist. Auf meine Frage, warum die Apfelanbaufläche immer noch weiter erweitert wurde und wird, gab es eine interessante, ganz einfache Antwort: “Weil man es den Bauern nicht verbieten kann.” Alleine auf den Obstanbau zu setzen ist aber hier nicht mehr der richtige Weg.

Die Bauern ergänzen den Betrieb seit Jahren immer öfter um Zimmervermietung, Hofläden, bäuerliche Schankbetriebe usw., man sucht überall nach weiteren Standbeinen. Im Grunde so, wie wir das hier auch von Höfen in halbwegs ansprechender Lage kennen. Allerdings sind die Kriterien in diesem Verbund so eng ausgelegt, dass die Bauern dabei immer garantiert hauptsächlich Bauern bleiben. Sie müssen also weiter Obst anbauen oder Tiere halten, sie müssen Produkte vom Hof anbieten können, sonst sind sie nicht mehr dabei. Sie dürfen nur eine begrenzte Anzahl von Zimmern haben (maximal fünf Wohnungen oder acht Zimmer), sie können nicht aus Scheunen große Hotels machen. Da geht es also nicht um Bauernhof-Attrappen, da geht es um den Erhalt lebendige Höfe und um die Frage, wie man die Region, die landwirtschaftlichen Produkte, die Landschaft, die bäuerlichen Berufe und den Tourismus unter einen Hut bekommt, ohne dabei eine Art Agrar-Disney-Land zu erschaffen. Oder den Disney-Faktor doch immerhin so gering wie möglich zu halten. Oder genau richtig, es ist, wenn man drüber nachdenkt, tatsächlich äußerst kompliziert.

Dafür muss man sich jedenfalls fragen, was bäuerliche Tradition in Südtirol eigentlich ist, da muss man regionale Güter und Besonderheiten definieren, da muss man sich auch mit der Bio-Frage auseinandersetzen, was nicht immer einfach ist. Ich habe mit einem Bauern gesprochen, der mir sehr überzeugt sagte “Jeder denkende Mensch landet irgendwann beim Bio-Anbau”, ein anderer, ein paar Felder weiter, hat mir genau so überzeugt vorgerechnet, wie wenig Pestizide auf seinen konventionell angebauten Äpfeln landen – das ist dort wie überall, die Sache ist nicht entschieden und Meinung steht gegen Meinung. Entschieden ist nur die Sache mit der Region, die Region soll hier vorgehen. Immerhin.

Und das scheint, auch abgesehen vom Roten Hahn, bestens zu funktionieren. Wenn man durch Südtirol fährt, sieht man enorm viele Hinweise auf regionale Produkte in handwerklicher Qualität, traditioneller Qualität, Bioqualität usw., das zieht sich durch. Für kulinarisch interessierte Reisende ist das eine sehr gute Nachricht, man bekommt selbst in kleinsten Betrieben, denen man von außen eher nur Imbissqualität zutraut, erstaunlich gutes Essen. Bestellt man Apfelschorle, ist die fast immer aus eigenem Anbau oder aus direkter Nachbarschaft, bei den Betrieben des Roten Hahns fragt man sogar vergeblich nach Cola oder Fanta, das gehört zum Prinzip – man bekommt aber ganz selbstverständlich so etwas wie selbstgemachte Holunder-Limo. Aus Früchten, die vermutlich im Umkreis von wenigen hundert Metern gewachsen sind. In diesem Regionalkonzept scheinen sich dort alle weitgehend einig zu sein.

Das Thema wird mich vielleicht noch etwas weiter umtreiben, da es mir gerade so vorkommt, als seien die Betriebe in Südtirol in dieser Hinsicht erheblich besser organisiert als z.B. die Betriebe an der Nordsee, das finde ich interessant, dem kann man auch noch weiter nachgehen. Wobei ich mehrfach gehört habe, dass die Südtiroler Bauern eine glänzende Tradition darin haben, sich gemeinsam zu organisieren, das sollen sie erheblich besser als andere können. Keine Ahnung, ob es stimmt, der flüchtige Eindruck nach nur einer Woche scheint es zu bestätigen.

Unter einigen Artikeln und Hinweisen zu unserer Südtirol-Reise wird man jedenfalls diesen Hinweis finden:

Roter Hahn

Ich habe mich in Südtirol mit Menschen vom Roten Hahn unterhalten, ich habe auch ein paar Betriebe besucht, die zu dieser Marke gehören, die werden hier in den nächsten Tagen zwischen den Reiseberichten als Reise-Tipp vorkommen und so ausgewiesen sein.

 

Seehamer See – Tscherms

Auf der weiteren Fahrt ist dann nicht mehr viel passiert. Abgesehen von einem kleinen Zwischenfall irgendwo zwischen dem Seehamer See und der Grenze zu Österreich. Da gab es plötzlich ein markerschütterndes Geschrei von der Rückbank. So ein Geschrei, bei dem man als Fahrer sofort zusammenzuckt, den Kopf einzieht und hektisch nach der Standspur sieht, nach dem Knopf für die Warnblinker und auch in alle verfügbaren Spiegel, um herauszufinden, worum es hier eigentlich gerade geht. Unfallgefahr? Wespenstich? Spinne auf dem Sitz? Monster? Marienerscheinung?

Es waren dann aber nur die Berge. Die Söhne hatten am Horizont die ersten richtigen Berge ihres Lebens gesehen, die ersten Berge, die diesen Namen auch verdienten. Die ersten Grüße der Alpen. Und wenn man noch nie Berge gesehen hat, wenn man noch gar nicht verstanden hat, wie hoch die wirklich sein können, wenn man im Grunde den Hügel neben einer Kiesgrube immer schon im engeren Bergverdacht hatte, wenn einen so ein Steinriese also völlig unvorbereitet trifft – dann kann man schon mal ausflippen.

Sohn I hat spontan beschlossen, sich diesen Anblick lebenslang zu merken, weil ihn bis zu diesem Moment noch nie etwas landschaftlich so oder überhaupt beeindruckt hat: “Das will ich mir merken, genau so.” Mit ausgestrecktem Finger in die Ferne weisend, zur Zackenlinie des Gebirges. Sohn II saß mit offenem Mund und konnte bis Südtirol den Anblick nicht glauben, völlig verzückt auf Bergspitzen starrend, auf Burgen, Bergbauernhöfe, Almen, Brücken, Serpentinen, er wies mich auf alles kreischend vor Begeisterung hin.

An der Autobahn in Österreich steht ein großes Schild: “Grüß Göttin”, ich konnte im Vorbeifahren nicht so schnell erkennen, ob es per Hand übermalt worden ist oder tatsächlich so sein soll. Kann das offiziell sein?

Guck an. Tatsächlich.

Und sonst: Tempolimit in Österreich und Italien. Eine schöne Sache, es fährt sich so entspannt, ich mag das. Kann man meinetwegen gerne sofort auch hier einführen, aber damit macht man sich bekanntlich keine Freunde. Das ist in etwa so, als würde man in den USA das Waffenverbot durchsetzen wollen.

Dann kamen wir in Tscherms an. Tscherms in Südtirol, Meraner Land.

 

In der aktuellen Nido …

… gibt es erstens eine weitere Folge der Interviewreihe “Was machen die da” in gedruckter Version. Isa und ich haben Eleonore Gregori befragt, die Programmleiterin der Pixi-Bücher. Etwas mehr dazu hier.

Nido-Magazin

 

Zweitens habe ich für diese Ausgabe eine Wirtschaftskolumne geschrieben, oder zumindest etwas in der Art. Es geht um eine Frage, die immer interessanter wird, je länger ich darüber nachdenke – wieso erziehen wir eigentlich unsere Kinder zu Fairness und Gerechtigkeit, wenn wir doch alle akzeptieren, in einer unfairen, himmelsschreiend ungerechten Gesellschaft zu leben? Was läuft da eigentlich falsch?

Nido-Magazin

Woanders – diesmal mit Island, Italien, einem Interview und anderem

Feuilleton: Beim Deutschlandradio Kultur geht es um die Kultur in Island.

Feuilleton: Ein Interview mit Gerhard Polt: “Langeweile ist mir als Empfindung so fremd wie Hunger. Ich habe höchstens Appetit.”

Hamburg: Ein Interview mit Isabella David von HH-Mittendrin.  Sie haben den Goldschatz noch nicht gefunden, das überrascht selbstverständlich nicht, alles andere wäre auch ein Wunder. Aber schön, dass sie es ohne jedes Geschwurbel sagt.

Hamburg: In der Stadt werden wieder Zäune gegen Obdachlose errichtet. So meint man hier nämlich, soziale Probleme lösen zu können.

Hamburg: Patricia war im Miniaturwunderland und wirkt einigermaßen begeistert. Nachvollziehbar.

Fotografie: Der Herr Gommel sucht etwas, und ich hoffe sehr für ihn, dass er etwas findet.

Reportage: Hier geht es um das Leben nach Utøya, um das Weiterleben und Gedenken. Schweres Thema , ein Text, der einen mitnimmt, Vorsicht.

Reise: Ein sehr beeindruckender Reisebericht: Going North von Oliver Kucharski. Mit wahnsinnig tollen Bildern, bei denen man dann doch dezent neidisch wird. Man beachte die besten Vögel der Welt!

Seehamer See

Wir fuhren morgens von Reichertshausen aus los, Richtung Südtirol. Ich dachte während der Fahrt über ein Thema nach, dass mir kürzlich auf Twitter zugeworfen wurde, da hat nämlich jemand vorgeschlagen, ich finde leider gerade nicht wieder, wer es war, Isa und/oder ich sollten “White-Rabbit-Reisen” machen und darüber schreiben. Das bezieht sich natürlich auf Alice im Wunderland, es gibt hier im Urban Dicitonary eine schöne Erklärung der vermutlich ohnehin bekannten Phrase “Follow the white rabbit”. Man kann es natürlich für Reisezwecke ein wenig umdefinieren und deuten, was das weiße Kaninchen unterwegs sein könnte. Die Kinder können Hinweisgeber der besonders irrationalen Art sein, sie sollten es sicherlich auch sein, wenn man als Familie unterwegs etwas Spaß haben möchte. Die sozialen Medien können ebenfalls Spuren legen, das klappt übrigens auch faszinierend gut. Man schreibt auf Twitter “Meran” und Minuten später schreibt jemand, wo man da hingehen soll. Und alle Arten von mehr oder weniger absurden Zufällen und Bekanntschaften unterwegs sind natürlich auch genau richtig.

Man kann sich grundsätzlich entscheiden, solchen Hinweisen gegenüber aufgeschlossen zu sein, wir haben das in Südtirol, vor allem in Meran so gemacht – und es hat sich gelohnt, dazu später noch mehr. Man kann ausdrücklich offen für Zufälle und Ablenkungen sein, für Irrwege, Abbiegungen und Absonderliches. Je mehr ich darüber nachdenke, desto mehr gefällt mir dieser Gedanke des immer wieder zufallsgesteuerten Reisens, da muss ich noch mehr versuchen, ich bin viel zu organisationsbesessen. Und deswegen ärgert es mich immer noch, dass ich den kleinen weißen Kaninchen in Gestalt der Söhne am Autobahnparkplatz Seehamer See nicht gefolgt bin.

Wir haben von München an Stau gespielt, bis zur Grenze immer wieder in allen Versionen, kurz, lang, Stop-and-go, halbstündiges Rollen bei 30 km/h, was man sich nur an Fahrnichtvergnügen ausdenken kann, am Straßenrand ein Blechschaden nach dem anderen. Es war ein allgemeines Reisewochenende, das war uns vorher klar, Spaß machte es dennoch nicht, wie überhaupt Autofahren eher nie Spaß macht, finde ich.

Am Seehamer See, noch gar nicht weit von München entfernt, mussten die Kinder mal aus dem Auto. Wenn man dort etwas über den Platz geht, sieht man am unteren Ende des etwas abschüssigen Geländes einen Weg, der zu einer Straße führt. Und hinter der Straße ist ein See. Das sieht dort landschaftlich hübsch aus, da stehen Bootshäuschen am Rand, da gibt es freundlich begrüntes und bewaldetes Ufer – und badende Menschen. So etwas erwartet man nicht gerade an einem Autobahnparkplatz, meistens sind hinter Autobahnparkplätzen nichts als Leitplanken, Zäune und Gegend, ohne Wege und Attraktionen.

Es ist also so, dass man auf diesem Autobahnparkpatz hält und 100 Meter weiter in einen Badesee steigen kann. Einfach so, direkt hinter dem Parkplatz. Eine wirklich einladende Stelle, genau vor uns badete gerade ein Pärchen, das einen winzigen und sehr vergnügten Hundewelpen zwischen sich hin- und herschwimmen ließ, eine Szene, die für Sohn II Tage später noch ziemlich wichtig werden sollte, über dieses Bild hat er lange nachgedacht.

Natürlich, wir hätten da einfach baden sollen. Stundenlang, wenn es denn Spaß gemacht hätte, und keine Frage, das hätte es. Aber Herr Buddenbohm hatte ja einen Plan, der Plan beinhaltete ein Ziel und natürlich eine Tageszeit. Herr Buddenbohm wollte also weiterfahren. Die Herzdame war etwas unentschieden, die Söhne dann eher ziemlich bedröppelt, als wir sie wieder zum Auto zogen. Wir stiegen wieder in das glühende Auto und fuhren im Schneckentempo weiter nach Süden. Das war dumm. Ein, zwei Stunden hätten der Reise nicht geschadet, im Gegenteil.

Und ich kann mir jetzt Gedanken machen, wie wir noch einmal zum Seehamer See kommen. Schlimm.

 

Kloster Scheyern

Türklopfer Kloster Scheyern

 

Das Kloster Scheyern ist eine Benediktinerabtei im gleichnamigen Ort. Da kommen übrigens auch die Wittelsbacher her, die mit der Geschichte des Kloster viel zu tun haben. Für die Region und auch für Bayern also ein besonderer Ort und nicht nur ein Kloster unter vielen.

Es klingt vielleicht nicht so spannend, mit Kindern zu einem Kloster zu fahren, die Erfahrung zeigt aber, das kann man sehr gut machen. Besonders, wenn man norddeutsche Kinder dabei hat, die eine derartige Prachtentfaltung überhaupt nicht gewohnt sind. Denn die Anlage ist schon auf den ersten Blick reich, pompös, mächtig, riesig und beeindruckend – und zwar in einem Ausmaß, dass Sohn I nach einigen Minuten Bedenkzeit schon auf die Frage kam, wie denn bitte die Kirche so viel Geld haben könne, was den mit den Armen sei und überhaupt?

Kloster Scheyern

 

Kopfschütteln beim Nachwuchs, gleichzeitig fanden die Söhne das Bauwerk aber schon auch schön. Eine seltsame Sache, aber schön. Und so nett angemalt, das fanden sie auch gut, das mit der Farbe.

Kloster Scheyern

 

Das Kloster ist noch in Betrieb, gar kein Museum wie sonst immer alles aus dieser Zeit,das fanden sie höchst irritierend.

Kloster Scheyern

 

Kloster Scheyern

 

Das hebt so einen Bau auf eine ganz andere Dimension der Echtheit, das wird dann sofort mit anderen Augen gesehen. Kein Museum, keine Attrape, kein Plastik, keine Show!

Portal Kloster Scheyern

 

Und der Papst war auch schon da, singe ich im Geiste vor mich hin, denn das war er wirklich, zumindest der vorige, wie man auf den Schildern dort lesen kann, auf denen sogar stolz verzeichnet ist, welche Wanderwege er gegangen ist.

Die Wanderwege sind teilweise auch Pilgerwege, ein Zubringerweg zum Jakobsweg ist dabei, da hatten wir dann wieder viel zu erklären. Das Ziel des Pilgerns leuchtete den Söhnen nicht ganz ein, aber die Sache mit der Muschel als Wegzeichen, die fanden sie gut. Kinder lieben Geheimzeichen, das klappt immer. Und bis zur nächsten Muschel zu laufen, das klingt dann doch nachvollziehbar. Schnitzeljagd in ganz groß.

Kloster Scheyern

 

Im riesigen Hof des Klosters ein Springbrunnen, die Söhne waren natürlich sofort drin, das hört jetzt so leicht nicht mehr auf. Vor dem Eingang der Basilika eine Hochzeitsgesellschaft, so etwas ist natürlich auch immer interessant. Vom lautstarken Kommentieren des Hochzeitskleides konnten wir die Söhne gerade noch abhalten, es sagte ihrem Geschmack leider nicht zu.

Kloster Scheyern

 

Ebenfalls abhalten mussten wir sie vom naheliegenden Verlangen, diese Glocke mit größeren Steinen zu bewerfen, um den Klang zu erleben.

Kloster Scheyern

 

Zu dem Kloster gehört ein Gut von beträchtlicher Größe, das Gut ist in Betrieb, eine Versuchsanstalt für die nachhaltige Nahrungsproduktion. Man kann sich dort auch herumführen lassen. Das haben wir nicht gemacht, es war schon wieder zu heiß, interessiert hätte es mich aber schon.

Gut Kloster Scheyern

 

Gut Kloster Scheyern

 

Man sieht übrigens, dass es menschenleer war, die ganze Anlage kaum besucht.

Gut Kloster Scheyern

 

Vor dem Gutshof ein Skulpturenpark, der lohnt auch einen Abstecher (vom Kloster 10 Minuten zu Fuß), denn Skulpturen finden Kinder in aller Regel super.

Skulpurenpark Kloster Scheyern

 

Skulpurenpark Kloster Scheyern

 

Ist das schön, warum ist das schön – und wenn es nicht schön ist, warum macht das dann erstens jemand, warum stellt man es zweitens dahin, wo sich drittens jemand dann all das fragen muss? Kunst ist ein endloses Thema.

Skulpurenpark Kloster Scheyern

 

Und können sie irgendwann auch so gut schnitzen? Wenn sie viel üben?

Skulpurenpark Kloster Scheyern

 

Vor dem Kloster auch ein altes Brauhaus, ein Schild weist darauf hin, dass hier Solarbier gebraut wird – also die Anlagen nur mit regenerativer Energie betrieben werden. So ein Koster kann eine ziemlich moderne Angelegenheit sein.

Brauhaus Kloster Scheyern

 

Und zum Kloster gehört auch ein Biergarten. Der erste Biergarten, den die Söhne gesehen haben, das Prinzip kannten sie so überhaupt nicht. Stühle und Tische auf Schotter unter Bäumen, Kellnerinnen und Kellner in Tracht, Brezeln ungeheuerlichen Ausmaßes. Getränke gibt es nur in Übergröße und niemanden stört es, wenn sie neben dem Tisch weiter an ihren Stöckchen herumschnitzen oder wenn sie zwischen den Tischen herumlaufen. Das Prinzip Biergarten fanden sie sehr überzeugend, das dürfte gerne auch bei uns öfter vorkommen. Mit Tracht und allem.

Gegessen habe ich dort ein Brauburschenbrotzeit, schon weil “Buddenbohm isst Brauburschenbrotzeit” so einladend klang. Die Platte reichte für mich und die Kinder, Brauburschen müsssen sehr viel Hunger haben. Sohn II aß noch ein paar Weißwürste dazu, er ist schon lange ein großer Fan dieser Spezialität. Sehr gute Auswahl, sehr guter Preis, den Biergarten sollte man aufsuchen, wenn man dort in der Nähe ist, das lohnt auch einen Umweg – Klosterschenke Scheyern.

Brauburschenbrotzeit

 

Am nächsten Tag fuhren wir weiter nach Südtirol und haben unterwegs etwas ausgelassen, was mich immer noch ärgert.

 

Woanders – Der Wirtschaftsteil

Es gibt Themen, da helfen Reportagen viel mehr als die Nachrichtenlage auf den topaktuellen Seiten, da helfen lange, ruhige Texte mehr als all die Ticker und Eilmeldungen. Das ist vermutlich auch beim Thema Griechenland so. Zumindest kann man darauf kommen, wenn man diese Reportage liest.

Man kann das auch noch an einem anderen Thema verdeutlichen, noch einmal bei der Zeit, was natürlich auch kein Zufall ist, Ehre, wem Ehre gebührt. Lampedusa kennt man aus der Tagesschau als Schlagwort, man kennt die Insel etwas besser, wenn man diese Reportage gelesen hat.

Und wenn wir schon dabei sind, dann machen wir noch ein wenig mit längeren Stücken weiter. Und auch mit dem Ausland. Etwa mit dem Aralsee (englischer Text), man könnte allerdings auch von der Aralwüste reden, das passt genau so gut. Der Mensch und die Folgen, das war dort Kapitel 1, die Wüste und die Folgen, das ist nun Kapitel 2.

Noch weiter östlich gibt es auch etwas zu berichten. Das Ausland bringt uns hier also zu den Umweltthemen.

In der oben erwähnten Wüste ist es heiß und heiß ist es hier auch im Sommer. Manchmal. Immer öfter. Oder nicht? Jetzt gerade? Ist das eigentlich noch Wetter oder ist das schon der Klimawandel? Und wenn es Klimawandel ist, wie schlimm ist das denn nun wirklich? “Die Bedrohung durch den Klimawandel entspricht der Bedrohung durch einen Atomkrieg”. Welche hysterische Öko-Truppe hat das wohl wieder von sich gegeben? Ein britisches Ministerium (englischer Text). Sieh mal an.

Da wird die Wortwahl also deutlicher, da geht es zur Sache. Die Zeichen werden immer deutlicher – umso mehr muss man übrigens aufpassen, wer was warum berichtet.

Das betrifft selbstverständlich nicht nur das Klima und die Energiepolitik. Es gibt so viele Themen, bei denen Informationen untergehen, nicht recht gewürdigt werden, im alltäglichen Nachrichtenstrom nur maximal eine halbe Stunde lang aufflackern. 430.000 Europäer sterben jährlich an Feinstaub. Das ist nur eine Meldung nebenbei. Die Umweltthemen sind unerfreulich wie eh und je, man mag es gar nicht mehr zur Kenntnis nehmen. Das soll einfach weggehen – es geht aber nicht weg.

In unseren Gewässern, in den bayerischen Seen und Flüssen z.B., mitten im Binnenland, treiben Plastikteile. Und im Norden ist auch was im Wasser, wenn auch etwas anders. Weltweit gesehen ist es nicht nur das Wasser, das ein kleines Problem hat, auch der Boden, der ganz normale Boden, ist am Limit.

Luft, Wasser, Boden. Klingt ziemlich komplett, hm? Umweltschutz bleibt ein wichtiges Thema. Man merkt es an den eben verlinkten Meldungen. Und womöglich merkt man es natürlich auch am Wettter.

Zum Schluss wie fast immer der Link für den Freundeskreis Fahrrad, diesmal mit einer guten Nachricht besonders für den Raum München – es geht um Radschnellwege, da mag man ja schon das Wort.

GLS Bank mit Sinn

Reichertshausen

Reichertshausen im Landkreis Oberpfaffenhoffen, das klingt als Reiseziel vielleicht etwas originell. Und tatsächlich wären wir da auch gar nicht gewesen, hätten wir dort nicht Verwandtschaft, die erstens supernett ist, die man zweitens viel zu selten sieht, und die drittens strategisch äußerst günstig wohnt, wenn man auf der Route nach Italien Station machen möchte. Und das wollten wir, denn Südtirol ist mit Kindern etwas schwierig zu erreichen, wenn man in Hamburg wohnt und einem der Kinder beim Autofahren immer schlecht wird. Wir wollten nicht tagelang mit dem Auto fahren, deswegen haben einen Teil per Zug gemacht. Wir wollten aber auch nicht mehr als sechs Stunden im Zug verbringen und vor Ort in Italien möglichst beweglich sein, deswegen haben wir den zweiten Teil der Strecke mit dem Auto absolviert. Und das würden wir vermutlich auch wieder so tun, auch wenn man recht lange braucht.

Wir fuhren von München aus bald über Landstraßen, es wurde ziemlich hügelig, wenn auch noch nicht ausgesprochen bergig, aber doch immerhin so hügelig, dass man stellenweise so etwas wie Fernblick hatte. Sagen wir einen mittelweiten Fernblick. Einen mittelweiten Fernblick über eine traumschöne Sommerlandschaft, in der natürlich bayerische Häuser standen, bayerische Kirchen in den Himmel ragten, rotbunte Kühe weideten. Die Söhne waren komplett hingerissen, die kannten so etwas nicht, es sind eben Kinder der norddeutschen Tiefebene.

Laut Sohn I, der förmlich am Autofenster klebte, war es um uns herum “schön wie in Nangilaja”, also wie im Heckenrosental aus den Brüdern Löwenherz von Astrid Lindgren, das war ein Kompliment von beträchtlicher Größe. Wir hielten Ausschau, wo Tengil wohnen könnte, wir stellten uns vor, das Auto sei eine Kutsche und am nächsten Hügel würden Reiter warten, wer weiß, von welcher Truppe. Es war eine spannende Fahrt.

Ich habe es nicht recherchiert, ob der Landkreis Oberpfaffenhofen sonst viel zu bieten hat, aber Landschaft können sie da. Und Hopfen, Hopfen können sie auch. Das weltgrößte (?) zusammenhängende Hopfenanbaugebiet, irgendein Superlativ in der Richtung war es. Wir haben den Hopfen am Abend selbstverständlich feierlich gewürdigt, denn man soll immer regional trinken, das ist ganz wichtig.

Hopfenschnaps

 

Die Verwandten haben einen Garten, im Garten war ein winziger Springbrunnen, in den sich die Söhne sofort gesetzt haben. Das haben sie in Berlin gelernt, da sieht man wieder, dass Reisen wirklich bildet. Ein kleiner Garten, ein kleiner Springbrunnen, ein Wasserschlauch  – genug für stundenlangen Kinderspaß. Das sind die Szenen, mit denen man bei der Urlaubsplanung gar nicht rechnet, weil man als Erwachsener auf Reisen immer nach Attraktionen sucht und versucht, möglichst viele einzuplanen, während die Kinder einfach welche finden. Überall. Und vermutlich reist man als Familie klüger, wenn man sich immer noch mehr nach dem richtet, was die Kinder da finden. Ich habe immer noch zu viel Planungsehrgeiz, das muss sich ändern.

Wir sind zwei Nächte bei den Verwandten geblieben, die Söhne hätten den Aufenthalt gerne noch verlängert.

Gefunden hat Sohn II dort in dem kleinen Garten allerdings auch eine schmale Treppe hinterm Haus. Und die hat er so überraschend gefunden, dass er sie im Steilflug hinabstürzte und dann kopfüber in dem Busch links unten landete. Aber Chuck Norris und Sohn II, die friemeln sich nach so einem Sturz einfach die Nadeln aus dem Körper und laufen dann weiter. Wobei er seit diesem Sturz aber konsequent oben ohne herumlief, weil er so coole Schrammen hatte. Man muss auf sein Image achten und es pflegen, auch mit fünf Jahren schon.

Gartentreppe

 

Von diesem Zwischenfall abgesehen waren die Söhne sehr zufrieden mit Bayern, sie fanden die Reise an diesem ersten Abend schon sehr lohnend und erfreulich. Nur als unsere Gastgeber nach dem stundenlangen Springbrunnenbad Handtücher mit FC-Bayern-München-Aufdruck reichten, mussten sie sich doch auf ihre norddeutsche Ehre besinnen – und ablehnen. Bevor man sich mit so etwas abtrocknet, geht man lieber nass und trotzig “Pauli!” murmelnd ins Bett, soviel Lokalpatriotismus muss schon sein.

Am nächsten Tag besuchten wir das Kloster Scheyern.Mehr dazu in Kürze.