Gelesen, vorgelesen, gesehen, gehört im März

Gelesen

Ted Thompson: Land der Gewohnheit. Deutsch von Susanne Höbel. Das hatte ich bereits in einem der Wirtschaftsteile kurz erwähnt, weil es in dem Buch auch um die Finanzkrise in Amerika geht, da wird sogar das Modell der Hypotheken erläutert – und es ist gar nicht so langweilig, wie es klingt, das hat er wirklich gut gemacht, der Ted Thompson. Der Roman handelt von einen Mann in schon fortgeschrittenem Alter, der aus seiner Ehe ausbricht, eine verblüffte Frau und ratlose Kinder zurücklässt, die längst selbst erwachsen sind. Nach kurzer Zeit kommt er zur Einsicht, einen Fehler gemacht zu haben, sucht einen Rückweg – und scheitert daran spektakulär. Die Frau ist bereits anderweitig bestens versorgt, die Kinder bleiben auf Distanz. Das ist erzählerisch feinstes Kunsthandwerk, durchkomponiert, genau richtig erzählt, da sitzt jedes Adjektiv, da passt jede Metapher, da wird jede Figur völlig angemessen in die Handlung eingeführt – und irgendwie ist es mir zu perfekt. Das ist so ein Schreibstil, der zweifellos gut ist, aber eher durch Fleiß als durch Ideen funktioniert, glaube ich. Wenn man dem Mann ein beliebiges Thema zuwirft und ein halbes Jahr wartet, dann macht er pünktlich einen Roman daraus, und an dem Roman wird dann auch noch alles richtig sein. So liest sich das. Ganz seltsam. Interessant, aber irgendwie auch befremdlich. Hier in der Zeit war eine längere Rezension.

Land der Gewohnheit

Mascha Kaléko: Das lyrische Stenogrammheft

Das lyrische Stenogrammheft

Sehr angenehme Lektüre, im Herbst wäre sie vielleicht noch eine Winzigkeit besser temperiert gewesen. Eines der Lyrikbücher, die man gerne als Hauptmahlzeit durchgehen lässt. Wer Kästners etwas ernstere Gedichte mag, der wird auf jeden Fall auch diese lieben.

Wenn ich allein bin, ist das Zimmer tot.
Die Bilder sehn mich an wie fremde Wesen.
Da stehn die Bücher, die ich längst gelesen,
Drei weiße Nelken und das Abendbrot.

So fängt das Gedicht “Melancholie eines Alleinstehenden” an, und es ist doch immer wieder faszinierend, wieviel Elend in vier Zeilen passt.

Robert Seethaler: Der Trafikant

Der Trafikant

Das habe ich wieder wegggelegt, was aber gar nicht gegen das Buch spricht. Nein, das Buch ist völlig in Ordnung, es interessiert mich nur thematisch nicht, ich habe, warum auch immer, eine Aversion gegen historische Figuren, die in Romanen vorkommen. Ich mag keine Mutmaßungen über Freud, ich weiß gar nicht, wie das kommt. Gegen Mutmaßungen über Freud ist eigentlich nichts einzuwenden. Aber nun, man hat eben so seinen Geschmack. Gleich das nächste Buch von Seethaler bestellt, dazu in Kürze mehr.

Alles frisch. Neue Erzählungen aus Finnland, herausgegeben von Stefan Moster.

Alles frisch - Erzählungen aus Finnland

Das ist eine Anthologie finnischer Erzählungen, die hat mir gefallen. Man wird beim Lesen irgendwie den Kaurismäki im Kopf nicht los, aber das macht auch nichts. Ziemlich überraschend fand ich, dass etwa 90% des Buchs im Sommer spielen. Man denkt doch bei Finnland immer sofort an den Winter, nicht wahr? Der kommt im Buch aber quasi nicht vor, im literarischen Finnland ist immer Sommer, es ist immer hell und ein paar Meter weiter ist immer ein See, in dem man spontan baden kann. Mit einem geliebten Menschen etwa, der es dann aber nur noch zwei bis drei Ansätze durch die Geschichte schafft, bevor er von seinem Charakter oder den Umständen er- oder auch gleich zerlegt wird, so ist das eben in Finnland. Ich mochte das Buch, aus Finnland könnte man glatt mal mehr lesen.

Sapphia Azzeddine: Mein Vater ist Putzfrau. Aus dem Französischen von Birgit Leib. Das habe ich mir zum Indiebookday gekauft, ohne das Geringste über das Buch zu wissen. Aber es ist eine Vater-Sohn-Geschichte, das ist natürlich passend und es fängt gut an. Mehr als drei Seiten habe ich allerdings noch nicht geschafft.

Mein Vater ist Putzfrau

April – Gedichte. Ausgewählt von Evelyne Polt-Heinzel und Christine Schmidjell. Die Erklärung des Aprils überlasse ich Karl Krolow:

Uns gehören
die Tauben auf dem Dach.
Die Dose Bier
schmeckt wieder im Freien.
Nun muss sich alles, alles
wenden.

Wissen Sie noch früher, als wir Bier noch aus Dosen getrunken haben? Man merkt sogar an der Lyrik, wie man alt wird!

April Gedichte

Urs Widmer: Reise an den Rand des Universums

Urs Widmer Reise an den Rand des Universums

Das ist Urs Widmers Autobiographie. Mit dem jetzt schon berühmt gewordenen ersten Satz: “Kein Schriftsteller, der bei Trost ist, schreibt eine Autobiographie.” Widmer gehört zu den Autoren, von denen ich fast alles im Regal stehen habe und Widmer kann man schwer erklären, den muss man einfach mögen. Bei Widmer ist es immer irgendwie egal,. worum es geht, es ist so ein überaus freundliches, angenehm langsames Erzählen, bei dem man gar nicht recht merkt, wie es zugehen kann, dass es nicht banal ist. Wie macht er das? “Seine Sprache lässt uns mitschweben” steht auf dem Schutzumschlag. Und so ist es auch tatsächlich.

Christian Ankowitsch: Warum Einstein niemals Socken trug. Wie scheinbar Nebensächliches unser Denken beeinflusst. Das lese ich als Ebook auf dem Handy zwischendurch. Sehr kurzweilig, sagt man das überhaupt noch? Kurzweilig? Klingt komisch, merke ich gerade. Ein angenehmer Stil für ein Sachbuch, in so einem Stil würde man sich gerne die ganze Welt erklären lassen. Und es sind ein paar Kapitel drin, bei denen es zu einem fetten “Ha! Hab ich es doch immer schon geahnt!” reicht, und das ist natürlich angenehm, sich so bestätigt zu sehen. Die anderen Kapitel sind zwar ebenfalls lesenswert, aber so ein kleiner Triumph ist schon ganz nett. Man gönnt sich ja sonst nichts.

Vorgelesen

Erhard Dietl: Mein Bilderbuchschatz

Mein Bilderbuchschatz

Das war die große Geschichtenliebe von Sohn II in diesem Monat, das Buch kann ich jetzt auswendig.

Victor Caspak & Yves Lanois: Die Kurzhosengang. Mit Bildern von Ole Könnecke, übersetzt und mit Anmerkungen versehen von Andreas Steinhöfel. Das liest die Herzdame gerade vor, ich habe es schon vor einiger Zeit mit erheblichem Spaß selbst gelesen. Das Buch wird empfohlen ab 10, bei uns kommt es auch mit 5 und 7 gut an, obwohl Sohn II vermutlich nicht alles versteht, aber das muss auch nicht unbedingt stören. Eine wilde Abenteuergeschichte, spannend, witzig, rasant, auch für den vorlesenden Erwachsenen höchst vergnüglich.

Die Kurzhosengang

Gesehen

Nichts. Macht nichts. Die Herzdame war aber mit den Söhnen in “Shaun das Schaf” im Kino und war sehr begeistert. Das ist natürlich toll, führt aber zu einem Problem, denn kleine Kinder, die im Kino waren und danach auf Personen stoßen, die nicht dabei waren, kommen auf die grandiose Idee, diesen Personen den Film zu erzählen. Und Fünfjährige können vieles, aber Filme erzählen – nein. Eine Filmszene, die von einem Fünfjährigen nacherzählt wird, verlängert sich mindestens um den Faktor 2. Und so ein Film hat verdammt viele Szenen.

Gehört

Die Herzdame hat einen Balboa-Tanzkurs gemacht. Und wenn ich schon nicht mitmache, möchte ich dennoch verstehen, was sie da so macht, also hab ich mir dazu ein Video angesehen. Das ist, wie man deutlich sieht, ein Tanz auf wenig Raum, der wurde in überfüllten Tanzsälen erfunden, man kann das ganz gut erkennen, finde ich. Viele Schritte, kein Platz.

Dass der Tanz überhaupt nicht einfach ist, erkennt man vielleicht besser in diesem Video:

Zwischendurch habe ich die Herzdame von einem ihrer Tanzkurse abgeholt, wo sie gerade mit Sohn II übers Parkett wirbelte, der diesen Sport sehr spannend findet. Da gab es Livemusik der Band von Ole, den wir einmal für “Was machen die da” in seiner Eigenschaft als Swing-Trainer interviewt haben. Und ich habe dabei wieder gemerkt, dass mir die Musik gut gefällt. Weswegen ich jetzt, wenn ich am Schreibtisch sitze, gerne in einem Browsertab diese Folge von Filmchen auf Youtube anmache, in der vergnügte Menschen zu ansprechender Musik durch fremde Städte tanzen. Ab und zu klicke ich dann beim Schreiben da hin und gucke ihnen kurz zu, wie sie durch Nashville, Sibirien oder Wien tänzeln – das hebt die Stimmung. Meine jedenfalls.

Und von dem Swing kam ich dann zu Johnny Hartman, den ich überhaupt nicht kannte. Ein Jazz-Sänger, hier ein Clip mit ihm. Keine Musik, die man gut nebenbei hören könnte, eher Stücke, bei denen man mal in Ruhe zuhören sollte. Es gibt ein berühmtes Album von ihm mit John Coltrane, sehr empfehlenswert.

Woanders – Der Wirtschaftsteil

Zum Anfang diesmal gleich die Wirtschaftsnachricht schlechthin. Und zwar eine, die ganz hervorragend in eine Woche passt, in der die Medien, Blogs, Twitter-Timelines etc. zu gefühlten fünfzig Prozent nur noch aus Medienkritik bestanden, oder aus der Kritik an der Kritik und immer so weiter. Hier gibt es einen Film (englisch), der grundsätzlich und ein für allemal erklärt, wie Wirtschaftsnachrichten im Fernsehen funktionieren. Das kann man leicht und gleich heute bei den abendlichen Nachrichtenmagazinen verifizieren. “It’s been hard because of the numbers.” Genau so. Den Satz kann man nach einem Tag im Büro ruhig öfter mal anwenden.

In dieser Kolumne verlinken wir nach Möglichkeit aber keine Standardmeldungen, wir suchen lieber nach Meldungen, die noch irritieren können. Und das können manche selbst dann, wenn man das prinzipiell schon einmal gehört hat, was da drinsteht. Etwa wenn es um das Ichbewusstsein des Schweins geht, dazu hat die Zeit einen faszinierenden Artikel.

Wenn man das Tier aus der Masse löst, in der es bei der Massentierhaltung so überaus praktisch verschwindet, fragt man sich immer wieder, ob man nicht doch weniger Fleisch essen könnte. Das klappt auch dann, wenn man es etwas romantischer angeht und dem Tier mal eben etwas Persönlichkeit zubilligt, dafür kann übrigens schon ein Foto reichen. Und dann sieht man kein Schwein – sondern Mary Jane. So einfach.

Wenn man dennoch weiter Landwirtschaft mit Tieren betreiben möchte, dann braucht man dazu womöglich erst einmal andere Tiere. Und auch sonst muss einiges anders werden, dazu gibt es gerade ein Gutachten im Auftrag des Bundes -selbstverständlich ist die Lage sehr kompliziert. Aber wiederum nicht so kompliziert, dass man sich versehentlich für die Massentierhaltung begeistern könnte. Es spricht einfach zu viel dagegen. Hier die Meinung eines Tierarztes, der wohl weiß, wovon er spricht.

In der nächsten Folge dieser Kolumne wird es u.a. einmal wieder um Ernährung gehen, da können wir an dieser Stelle schon einmal etwas vorgreifen und die beiden Themen verbinden, nämlich den Verzicht auf das Fleisch in der Produktion und auf dem Teller einerseits, das Ernährungsverhalten andererseits. Denn man möchte künftig vielleicht etwas “beyond meat” essen – und dazu hat die brandeins recherchiert.

Aber weil sich der normale Städter ja gar nichts mehr bildlich vorstellen kann, was mit Ackerbau und Viehzucht zu tun hat, sind auch Projekte interessant, bei denen man etwas begreifen und sehen kann. Darum geht es bei einem Acker von 2000 Quadratmetern in Berlin, dessen Größe ganz und gar kein Zufall ist. Es handelt sich um eine Größe, die einem zu denken gibt, wenn man sie vor sich sieht.

Der Mensch züchtet nicht nur essbare Pflanzen, manche sind einfach nur dekorativ. Und auch dazu kann man abgründige Geschichten finden, die hervorragend in diesen Wirtschaftsteil passen, etwa hier zu der in Deutschland so überaus beliebten Geranie.

Und zum Schluss wie fast immer noch der Link für den Freundeskreis Fahrrad. Da geht es diesmal um das Radeln im Alter und um eine liebenswerte Idee dazu, die – woher auch sonst – aus Dänemark kommt.

GLS Bank mit Sinn

Elf Jahre Herzdamengeschichten, ein Jahr “Was machen die da”

Der Bloggeburtstag ist also ein Doppelgeburtstag geworden, denn “Was machen die da” produzieren wir jetzt auch schon ein Jahr und nein, das ist wirklich kein Aprilscherz. Das letzte Jahr war besonders lehrreich für mich, weil Isa, die großartigste Projektpartnerin aller Zeiten, und ich uns an “Was machen die da” noch einmal auf ganz neue Art abgearbeitet haben, weil wir überhaupt zum ersten Mal dieses Online-Teamarbeit-Ding versucht haben. Und weil wir ungeheuer viel Zeit investiert haben, um zu sehen, was man schaffen kann. Es ist immer wieder großartig, was man online alles versuchen und einfach machen kann, das hat in den letzten elf Jahren übrigens kein bisschen Reiz verloren.

Die Herzdamengeschichten haben sich in ihrem elften Jahr etwas verändert. Dass Jojo, bzw. Sohn I jetzt mitlesen und auch mitschreiben kann, hat Einfluss auf die Inhalte, auch wenn es noch nicht so auffällt. Aber es ist doch eine Person mehr in der Familie, mit der ich über die Inhalte manchmal reden kann, manchmal auch reden muss. Das ist auch eine Person mehr, die Ideen für Inhalte hat: “Guck mal auf dem Plakat, da könnten wir doch hinfahren, kannste dann drüber schreiben, Papa.” Sein Mitlesen wirft ein ganz neues Licht auf manche Texte, und da muss man gar nicht nur an die typischen Familiengeschichten denken. Er lässt sich manchmal auch die Artikel im Wirtschaftsteil für die GLS Bank erklären, was wiederum nicht ohne Wirkung auf mich und mein Schreiben ist. Man denkt über Inhalte ganz anders nach, wenn man sie Kinder erklären und mit ihnen diskutieren muss. Ich kann das übrigens sehr empfehlen. Es erdet ganz ungemein.

Jojo hat mittlerweile seine erste Kolumne geschrieben, er bastelt an der zweiten, ich bin gespannt, was daraus noch wird. Ich dränge ihn natürlich zu gar nichts, ich werde ihn von machbaren Sachen aber auch nicht abhalten. Sohn II kann noch nicht lesen, versteht das Prinzip des Blogs aber auch immer besser und passt natürlich genau auf, was sein Bruder da macht. Er meldet bereits vehement Interesse an Veröffentlichungen an. Neulich hat er vorgeschlagen, meine Artikel mit selbstgemalten Bildern zu illustrieren. Das kann man niedlich finden, das ist aber in diesem Haushalt ein naheliegender und auch konstruktiver Gedanke, eine Möglichkeit, sich einzubringen. Das Blog entwickelt sich so immer weiter zum Familienbetrieb, das finde ich erfreulich, denn “Buddenbohm und Söhne” steht ja nicht nur als Scherz hier oben drüber.

Da passt es natürlich, dass nicht nur Sohn I, sondern auch die Herzdame in den Vordergrund getreten ist und mit “Die Herzdame backt” ein ganz neues Format erfunden hat. Vielleicht kommen noch weitere dazu – bei der Intensität, mit der sie immer noch in der Wohnung Möbel herumschiebt, dekoriert und ihren überbordenden Inneneinrichtungsphantasien nachhängt… wer weiß.

Ich habe für dieses Blog nie Pläne gemacht, die meisten Entwicklungen haben sich erfreulich einfach ergeben. Ab und zu habe ich mir etwas gewünscht, denn das hilft ja manchmal. Im Moment treibt mich der Wunsch um, etwas mehr heraus- und herumzukommen, was sicherlich einigermaßen überraschend für alle klingt, die mich als überzeugten Stubenhocker kennen. Aber tatsächlich reizt mich ein Wechsel der Umgebung immer mehr. Ich möchte viel öfter an die Küste, aufs Land, in andere Städte oder Gott weiß wohin. Ich war mein ganzes Leben nicht reiselustig, aber in bescheidenem Ausmaß scheint es mich jetzt doch noch zu ereilen, vermutlich werde ich schon schrullig. Ich würde gerne mehr über Erlebnisse unterwegs schreiben, ich würde gerne öfter Gegenden und Szenen fotografieren, die nicht direkt vor der Haustür liegen, womöglich nicht einmal im Stadtteil. Ich suche noch nach Möglichkeiten, das im Alltag unterzubringen. Bisher habe ich noch nicht die leiseste Idee, wie das gehen kann, es spricht alles eher dagegen. Aber wenn ich doch auf etwas komme – ich werde berichten.

Vielen Dank, dass Sie hier lesen! Denn das sind weiterhin die Konstanten dieses Blogs – ich denke immer noch nach jedem Eintrag, dass mir sicher nie wieder etwas einfallen wird, und ich freue mich immer noch jeden Tag, dass das gelesen wird, was mir dann doch eingefallen ist.

 

Woanders – diesmal mit Architektur, Helgoland, Ostwestfalen und anderem

Hamburg: Ein Verriss der im Moment in Hamburg üblichen Neubauten. Ich hätte es vermutlich ganz ähnlich ausgedrückt, nur mit mehr Schimpfwörtern. Und ich hätte noch die Verwunderung darüber betont, dass man hier mehr und  mehr Wohnheinheiten baut, ohne wenigstens ein bisschen Gewerbe dazwischen zu setzen. Kein Kiosk, kein Laden, kein Café, nix.  Nur Schlafschuhkartons nebeneinander, immer noch einer und noch einer. So werden nie wirklich beliebte Gegenden entstehen, ich halte das für geradezu ausgeschlossen. Und ich begreife es einfach nicht. Die Hafencity ist natürlich eine bekannte Ausnahme, aber da kosten die Kartons auch etwas mehr. Bis das ein beliebtes Viertel wird, muss man es noch sehr gründlich runterrocken.

Norddeutschland: Helgoland wird die erste Gemeinde Deutschlands mit flächendeckendem Gratis-WLAN. Da müsste man sowieso mal wieder hin, aber man kommt ja zu nix.

Norddeutschland: In Wilhelmshaven sprühen die Senioren. “Das ist ja ‘ne Wissenschaft für sich.”

Fotografie: Bilder aus einem Dorf in Ostwestfalen. Es geht um die Versöhnung mit der Provinz, das ist immer ein gutes und dankbares Thema. In Nordostwestfalen, wo ich mich ein wenig besser auskenne, sieht es übrigens nicht viel anders aus. Link gefunden via Kwerfeldein.

Familie: Bei Frau Novemberregen können Eltern etwas über das Grüßen lernen.

Familie: Ein junger Vater kauft Äpfel.

Feuilleton: Falk Schreiber versteht die Welt nicht mehr. In der alternden Gesellschaft liegt er damit natürlich voll im Trend.

In eigener Sache: Bei Frau Gröner kann man eine ihrer Hausarbeiten nachlesen, in der es um den Heimatbegriff in Blogs und auf Instagram geht, auch übrigens ein wunderbares Thema. Darin wird auch dieses Blog aufgeführt, mit der Sammlung “Der Rest von Hamburg”.

 

Zwischendurch ein Dank

… und zwar erstens an die Leserin Tamara K., die den Jungs einen Film vom Wunschzettel geschickt hat. Ganz herzlichen Dank!

Und zweitens an Bettina H. und Sohn Moritz, die uns doppelte Fußballsammelkarten  geschickt haben, was Sohn I übrigens Anlaß zur Vermtung gab, dieser Moritz könnte womöglich das netteste Kind der Welt sein. Rückpost folgt!

 

 

 

 

 

Der Lenz ist da

Sohn II ist verliebt. Das ist bei ihm keine dezente romantische Wallung, das ist ein Naturereignis.  Es ist spannend zu beobachten, viel spannender als etwa eine Sonnenfinsternis. Der Sohn  strahlt und  leuchtet, er schwebt zum Kindergarten. Er spricht nicht mehr, er säuselt. In der Kita baut er Höhlen aus Kissen und Decken, damit sich das Traumpaar in aller Ruhe küssen kann. Er ist entschieden heiratswillig und denkt über die passende Anzahl von Kindern nach, wobei er gerade Zahlen bevorzugt. Sechs oder acht oder so. Meinen leisen Hinweis, dass er nicht noch in diesem Jahr heiraten kann, den will er gar nicht gerne hören. Wann darf er heiraten? Als Erwachsener erst? Bitte?!

Geduld ist nicht seine Stärke, das hat er von  mir. Und auch in der Verliebtheit erkenne ich mich wieder. So gehört das nämlich, wenn schon, dann ganz. Und sofort und für immer.  Aber er ist noch nicht routiniert in der Liebe, es kommt noch zu Zwischenfällen. So ist es ihm nicht ganz gelungen, die Angebetete auf Händen zu tragen. Er hat sie nach einem kurzen Moment wirklich heldenhafter Anstrengung leider fallen lassen, was zu Beulen und Tränen führte und ihn etwas verunsichert hat. Ist das mit der Liebe etwa doch schwerer als gedacht?

Ich habe ihn natürlich getröstet. Denn gerade bei solchen Themen muss man als Vater präsent sein und Erfahrung weitergeben. „Das kann vorkommen“, habe ich gesagt, „wenn ich deine Mutter auf Händen tragen müsste, sie würde auch nach ein paar Schritten auf dem Boden liegen.“   Das fand der Sohn super, diese Erklärung, er war sofort getröstet, hat sich seinen Fehler verziehen und wieder neuen Mut gefasst. Da habe ich doch glatt mal eben eine Beziehung gerettet.

Nach dem Blick der Herzdame zu urteilen, muss  ich an meiner eigenen aber wieder etwas arbeiten.

(Dieser Text erschien als Sonntagskolumne in den Lübecker Nachrichten und in der Ostsee-Zeitung)

Terminhinweis

Wir haben kürzlich auf “Was machen die da” die Deutsch-Türkeistämmigen Biografiegespräche vorgestellt, hier noch einmal der Link zum Interview mit Christiane und Metin, die diese Wochenenden im Raum Norddeutschland moderieren.

Am 25. und 26. April finden die nächsten Gespräche statt – und zwar in Hamburg. Es sind noch einige Plätze frei, wer sich für dieses äußerst sympathische Projekt interessiert, kann sich gerne noch melden. Alles weitere, Kontaktformular etc., findet man hier.

 

Ostern naht: Diese DVDs für Kinder müssen sich nicht verstecken

Es folgt ein Gastbeitrag vom Kinderfilmexperten Rochus Wolff:

Die ersten Wochen nach Weihnachten sind für’s Kinderkino gerne einmal ein wenig Saure-Gurken-Zeit; die Produzenten haben im Weihnachtsgeschäft auf DVD und ins Kino rausgehauen, so viel es ging, um jeden Cent aus dem Publikum zu pressen, dass sich vor der Kälte in Lichtspielhäuser und vors heimische Lagerfeuer der Neuzeit flüchtet… Aber lassen wir das, bevor die Bilder allzu bemüht werden.

In diesem Jahr war die Klage eh nur fürs Heimkino berechtigt, denn mit Baymax – Riesiges Robuwabohu und Manolo und das Buch des Lebens gab es immerhin zwei leuchtende Beispiele dafür, warum man sich auch im Januar und Februar mit seinen Kindern in den Kinosessel kuscheln kann. Und jetzt läuft gerade Shaun das Schaf – der Film an, den ich wirklich (ab sechs Jahren) nur wärmstens und eindringlichst empfehlen kann. Zumal jenen Kindern, die das Knetschaf aus dem Hause Aardman eh schon in ihr Herz geschlossen haben: Der Film bleibt den kurzen Episoden aus der Sendung mit der Maus, ihrem Ton und Gestus weitgehend treu, und macht sich doch auf zu neuen Ufern bzw. Stadtgrenzen. Sehr gelungen.

Mit nahendem Frühlingsanfang sprießen aber nun auch wieder die ersten schönen Neuerscheinungen auf DVD und Blu-ray, und da sind bis Mitte April einige dabei, die ich hier gerne empfehle: mal laut, mal leise, mal schnell, mal eher gemächlich. Und sicherheitshalber fangen wir gleich mal mit dem mächtigsten (nicht dick!) Brummer in der Reihe an, Die große Asterix-Edition, sieben der seit neuestem neun Asterix-Animationsfilme in einer sogar recht bezahlbaren Box; und wer wissen möchte, ob sich das Paket lohnt, bzw. wer meiner Empfehlung allein keinen Glauben schenkt, darf sich gerne den tollen Rückblick auf 50 Jahre Asterix-Filme zu Gemüte führen, den Alexander Matzkeit für mein Blog verfasst hat.

AsterixGallier

(Foto: Studiocanal)

Noch so ein Klassiker, eher der belehrenden Art: Die Studio Hamburg Enterprises komprimieren derzeit nach und nach die Reihen „Es war einmal…“ in handliche Boxen – wer jetzt Kinder im Grundschulalter hat, wird die Serien wohl aus der eigenen Fernseh-Sozialisation in der einen oder anderen Form kennen. Da kann man sich also nostalgisch drin wälzen und wird womöglich die Erfahrung machen, dass die eigenen Kinder damit nur bedingt viel anfangen können… ein hervorragender Anlass also, sich einmal richtig alt zu fühlen. Aktuell erscheint Es war einmal… der Weltraum, im Mai kommt dann das besonders von mir heiß herbei gesehnte Es war einmal… das Leben. Darüber dann noch einmal ausführlicher.

Genug mit DVD-Boxen; frisch erschienen sind auch ein paar reizend kastenförmige Gesellen, Die Boxtrolls aus den Laika-Studios. Dort hat man sich – ähnlich wie im britischen Hause Aardman – noch ganz der Stop-Motion-Animation verschrieben, mit einem ganz eigenen visuellen Stil, der irgendwo zwischen Hyperrealismus und Expressionismus liegt. Die Geschichte, die Figuren sind für kleinere Kinder wohl noch zu düster: Das menschliche Findelkind Eggs lebt bei den titelgebenden Trollen im Untergrund der Stadt Cheesebridge; bei den Menschen oben trifft sich die Elite zu geheimen Käseverkostungen, die Boxtrolls aber gelten dem Volk als kinderfressende Monstren und werden deshalb massiv gejagt. Ihre Herzensgüte und Ängstlichkeit hindert sie daran, sich zu wehren, als es ihnen gänzlich an den Kragen gehen soll – erst Eggs reißt sie aus ihrer Lethargie.

Boxtrolls

(Foto: Universal)

Das ist in letzter Konsequenz in seiner Erzählstruktur ein wenig bekannt; aber die Boxtrolls und ihre Welt sind so schön schräg anzuschauen, da lässt sich das leicht ertragen.

Wesentlich gefälliger kommt natürlich Paddington daher, dem man um Weihnachten herum praktisch nicht aus dem Weg gehen konnte; und in der Tat ist die Realverfilmung um den kleinen Bären, den einst der Brite Michael Bond aus dem dunkelsten Peru nach London schickte, samt computeranimierter Titelfigur erstaunlich gut gelungen. Sowohl der Bär als auch seine englische Adoptivfamilie wurden elegant in die Gegenwart modernisiert, Paddingtons Herkunft wird ein wenig beleuchtet, und die Rahmenhandlung des Films macht daraus einen fröhlichen Aufruf, Immigrant_innen selbst aus dem dunkelsten Peru bitteschön freundlich gegenüberzutreten.

Paddington

(Foto: Studiocanal)

Dass der streng episodische Charakter von Bonds Geschichten (und den Animationsserien, die daraus entstanden) etwas verloren geht, ist für einen Spielfilm grundsätzlich nicht schlecht. Die einzige echte Schwäche von Paul Kings Verfilmung ist, dass er sich auf eine wirklich bedrohliche Antagonistin einlässt (eine Tierpräparatorin, die Paddington töten und ausstopfen will) und diese (in der Gestalt von Nicole Kidman) so effektvoll in beängstigende Szene setzt, dass der Film für sensiblere Kinder unter zehn Jahren eigentlich nicht zu empfehlen ist. Daheim, wo der Bildschirm nicht ganz so überwältigend ist wie die Kinoleinwand, mag sich das etwas weniger dramatisch darstellen. (Ab 4. April erhältlich.)

Wesentlich leichtfüßiger, aber auch völlig unbritisch-frenetisch geht es bei Die Pinguine aus Madagascar zu. Die eine oder der andere werden die Vögel schon aus den (der Titel sagt’s) Madagascar-Filmen kennen, in denen sie, obgleich eigentlich Nebenfiguren, mit ihrem sarkastischen und sehr selbstbewussten Auftreten zu kleinen Stars entwickelten. Nun haben Skipper, Private, Kowalski und Rico (die heißen so, fragen Sie gar nicht erst) nach einer Fernsehserie auch einen eigenen Spielfilm verpasst bekommen. Das klingt sehr nach im voraus berechnetem Franchise-Kino, ist aber zumindest in seiner ersten Hälfte so respektlos und vor allem gaga, dass man das gerne in Kauf nimmt. Die vier Pinguine verstehen sich selbst als Top-Agenten-Truppe, allerdings nur im Auftrag für sich selbst, und es kratzt nur kurz an ihrem Selbstbewusstsein, als sie von dem Superschurken Dave gefangen genommen werden, der sich an ihnen rächen will, indem er alle Pinguine der Welt in unansehnliche Monster verwandelt…

Pinguine

 

(Foto: 20th Century Fox)

Das ist bizarrer Hochgeschwindigkeits-Animationsklamauk mit vielen James-Bond-Referenzen und noch mehr Quatsch. Als Erwachsener muss man jedoch höllisch aufpassen, sonst versteht man schon nach ein paar Minuten nicht mehr, worum es geht; der Film schreitet in einem bemerkenswerten Tempo voran und legt dieses bis zum Schluss auch nicht mehr ab. (Ab 26. März, FSK 0, empfohlen ab 6 Jahren)

Zum Runterkommen noch ein etwas ungewöhnlicherer und wesentlich ruhigerer Vorschlag. Aus Spanien kommt eine sehr jugendliche Variation auf diverse Indiana-Jones-Motive: Das Geheimnis der Murmel-Gang. Der lief im vergangenen Jahr auf dem wunderbaren Kinderfilmfestival „Schlingel“ in Chemnitz: zwei Brüder landen für die Sommerferien in einer recht altertümlichen Erziehungsanstalt und kommen bald darauf, dass sich in dem Gemäuer ein Geheimnis verbirgt. Der autoritäre Schulleiter will aber wohl nicht, dass jemand dieser Sache auf die Spur kommt… und so nimmt das Abenteuer seinen Lauf. Mit Geheimtüren, ein wenig kindertauglichem Grusel und einer Freiheitsbotschaft am Schluss wird daraus zwar kein Meisterwerk, aber ein wirklich solider kleiner Abenteuerfilm für Kinder, sechsmal besser als die ganze furchtbare Fünf-Freunde-Franchise zusammen. (Ab 17. April und 11 Jahren; FSK 6.)

Murmelgang

(Foto: Capelight)

Wer sich die kommenden Feiertage übrigens so richtig versauen möchte, kann zur Neuerscheinung Der kleine Medicus – Bodynauten auf geheimer Mission im Körper greifen, der ich seinerzeit einen tief empfundenen Verriss gegönnt hatte: ein in jeder Hinsicht enttäuschendes Häufchen Film, an dem die „Deutsche Film- und Medienbewertung“ (FBW) nun ihre ganze Ahnungs- und Bedeutungslosigkeit bewies, indem sie ihm das Prädikat „Wertvoll“ verlieh. In der Begründung dazu steht unter anderem: „Das ist bunt, das ist poppig“. So dient diesem seltsamen Gremium als ein Kriterium für filmische Qualität, was schon bei der Auswahl von Ostereiern allenfalls fragwürdige Entscheidungskraft haben sollte.

In diesem Sinne: Frohe Ostern!

Rochus WolffRochus Wolff ist Filmkritiker, Feminist und Vater, nicht unbedingt in dieser Reihenfolge. Im Kinderfilmblog sucht er nach dem schönen, guten, wahren Kinderfilm. Er lebt mit seiner Familie in Berlin und arbeitet hauptberuflich als PR-Mensch und Konzepter für eine Online-Agentur in Süddeutschland.

 

Woanders – Der Wirtschaftsteil

Vielleicht lesen Sie diese Kolumne am Arbeitsplatz, vielleicht ist sie eine kleine Pause?  Das ist vermutlich ganz gut so, denn Pausen kommen zu kurz. Und Sie wollen ja nicht Ihre Gesundheit durch Stress im Beruf gefährden?

Aber vielleicht sind Sie ja auch stolz darauf, Druck auszuhalten? Oder sind gar, wie es in der SZ heißt, schon für das Büro dressiert?

Wobei man bei dem Thema Arbeit, Stress und Arbeitsverteilung auch schön mit Statistik herumspielen kann. Es gibt z.B. immer mehr Teilzeitarbeitsplätze – weil die Leute am nachmittag lieber im Café sitzen, weil sie die Familie betreuen wollen – oder weil sie einfach keine Vollzeitstellen bekommen?

Für den Smalltalk nehmen wir an dieser Stelle noch schnell den Begriff Mikrojobbing mit, da hat die brandeins etwas recherchiert.

Aber einige müssen auch gar nicht arbeiten, einige haben einfach Geld. Nicht wenige erben z.B. gar nicht so kleine Vermögen, darüber spricht man eher nicht – sollte man aber vielleicht doch. Es hilft ja manchmal weiter, ehrlich über Geld und Werte und Interessen zu reden. Dann sieht man manches anders – die Autorin des folgenden Beitrags wirft nach solchen Überlegungen etwa einen deutlich irritierten Blick auf das Sharing.

Da sind wir im Themenfeld 2.0, Digital-Irgendwas. Da kann man auch ganz ohne Arbeit zu Geld kommen, etwa indem man seine Wohnung via Airbnb vermietet. Hier ein faszinierendes Datenprojekt von Studenten zur Situation von Airbnb in Berlin.

Wobei man vielleicht auch bedenken muss, gerade wenn man die Situation in Deutschland betrachtet, dass wir bei dem Thema Internet einfach nicht sehr weit vorne sind. Das ist hier keine führende Internetnation, das ist nicht der modernste Staat der Welt, das ist keine digitalisierte Gesellschaft, die wirklich große Veränderungen bereits hinter sich hat. Das kommt erst noch. Die Zukunft findet in dieser Hinsicht vielleicht gerade eher in Staaten wie Estland statt.

Und einen Kulturlink haben wir auch wieder, es geht um das Bankgeschäft – wenn auch ganz und gar nicht im ökosozialen Kontext. Schillers Räuber in die Finanzbranche in Luxemburg versetzt – am Ende ist das gar nicht so abwegig?

Und für den Freundeskreis Fahrrad haben wir mal etwas anders als sonst – nichts zur Verkehrspolitik, Radwegen oder zu ganz besonderen Fahrrädern. Sondern reichlich Zahlen und Fakten zum Markt und auch Informationen zur Frage, was ausgerechnet Cloppenburg mit der Fahrradbranche zu tun hat.

GLS Bank mit Sinn