Gelesen – Alex Capus: Fast ein bisschen Frühling

Das Buch spielt 1933. Zwei Arbeitslose aus Wuppertal möchten auf dem Seeweg nach Indien, überfallen zum Zwecke der Spesenregelung eine Bank, was nicht ganz ohne Opfer über die Bühne geht. Sie kommen auf ihrer Flucht nur bis Basel, das freie Reisen durch Europa und den Rest der Welt war auch damals nicht ganz einfach. In Basel ergibt sich eine kleine Liebeskomplikation mit einer Schallplattenverkäuferin, die zum Erwerb sehr vieler Tangoplatten und etlichen abendlichen Spaziergängen zu dritt am winterlichen Rheinufer führt. Bis die beiden mehr Geld brauchen. Ein Buch über das Scheitern und über das Schicksal, eine bittere Sache, sehr leicht erzählt, ein Tango von einem Roman. Kurz und gut und schön und ein wenig schmerzhaft.

Eine teils wahre Geschichte, was eigentlich vollkommen egal ist, bei Capus aber doch auch den Reiz ausmacht, diese Mischung aus Fakten und Hinzu- und Drumherumdichtung, da muss man ihn wohl als Großmeister betrachten. Ich habe sonst überhaupt keine Neigung zu historischen Themen in modernen Romanen, Capus würde ich aber jede Story abkaufen, selbst wenn es um wallonische Wanderbuchhalter im ausgehenden Spätmittelalter gehen sollte, er würde schon etwas daraus machen, da bin ich mir sicher.

Vielen Dank!

Ich weiß allerdings gar nicht, an wen der Dank zu richten ist, der Sendung an die Söhne lag kein Zettel, kein Brief, kein gar nichts bei. Herzlichen Dank also an X, die oder der den Söhnen “Weltraumkrümel” von Craig Thompson geschickt hat, ein wunderbar dicker Comic aus dem Reprodukt-Verlag. Deutsche Fassung von Matthias Wieland. Die Söhne sind schon komplett von der Vorstellung überwältigt, was so ein dicker Band für eine Arbeit gemacht haben muss, sie wissen ja, wie endlos lange sie selbst manchmal für ein großes, buntes und detailreiches Bild brauchen. Und dann so viele davon? Und auch noch mit Geschichte und Text? Und das hat alles ein Mensch gemacht? Völlig unfassbar.

Der Reprodukt-Verlag, das kann man ruhig noch einmal betonen, macht wirklich tolle Comics, auch für Kinder.

Woanders – Der Wirtschaftsteil

Wie in der letzten Woche angekündigt, es geht um die Ernährung. Und gleich vorweg empfehlen wir noch einmal nachdrücklich den wöchentlichen Newsletter von Patrik Stäbler, die Schmausepost. Jede Woche eine Fundgrube an interessanten Artikeln zum Thema Food, ein wirklich guter Service.

Low, slow and no: In der Zeit geht es um Ernährungsreligionen, die hauptsächlich von Verboten leben. “Lassen wir uns die Freude vermiesen?” Zu den Ernährungstrends, zu ihrer Aufladung und auch zu “digitalen Tattoos” noch mehr im Spiegel, in einem Interview mit einem Ernährungspsychologen. Und bei Quarkundso geht es um einen Fetisch beim Thema Essen, um das heilige Frühstück, also um die wichtigste Mahlzeit des Tages, wie man ebenso reflexartig wie falsch ergänzen möchte.

Um das Gegenteil von low, slow and no geht es beim Hashtag Foodporn auf Instagram. Das Thema hat sich auch jemand genauer angesehen und kommt zu einem nicht gerade naheliegenden Schluss, hier bei Heise. Wobei Foodporn bei Instagram schon veraltet ist, die neue Variante im Bewegtbild gibt es etwa bei Facebook, und bei den Krautreportern gibt es dazu einen Artikel. Der im Text verlinkte Wilmenrod-Film ist übrigens absolut sehenswert, ein kulturgeschichtliches Kleinod. Und weil das hier der Wirtschaftsteil ist, bitten wir außerdem um besondere Beachtung der Passage, in der es um nicht vorhandene Erlösmodelle geht.

Über die Frage der vegetarischen Ernährung kann man selbstverständlich vor dem Hintergrund des Tierwohls debattieren, das ist die Argumentationskette, die am geläufigsten ist. Die andere, die von Umweltgesichtspunkten ausgeht, ist noch nicht so verbreitet, und daher immer wieder einen Link wert.

Wer dennoch tierische Produkte verzehrt, sollte sie wenigstens in Bioqualität kaufen. Nach dieser aktuellen Meldung ist das gerade wieder gesünder. Erfahrungsgemäß dauert es aber nur wenige Wochen, bis wieder das Gegenteil bewiesen wird, woraufhin dann nach ein, zwei Monaten eine anderslautende Studie … und immer so weiter. Man sollte allmählich meinen, dass man sich auch ohne diese Ergebnisse für Bio entscheiden kann. Und wer übrigens vegetarisch lebt, sich aber oft für Fleischersatzprodukte entscheidet, möchte vielleicht noch einmal durchdenken, wie und von wem sie hergestellt werden.

Und in Hamburg gibt es jetzt einen besonderen Brotladen, die Idee ist eigentlich ganz naheliegend, das ist sicher auch etwas für andere Städte.

Apropos Brot von gestern: Hier noch etwas zum Mindesthaltbarkeitsdatum.

Zum Schluss wie fast immer noch schnell ein Link für den Freundeskreis Fahrrad, ein wenig Sprachkritik. Denn auch Polizeimeldungen haben etwas mit Verkehrspolitik und gesellschaftlichen Trends zu tun.

GLS Bank mit Sinn

12 von 12 im April

Was 12 von 12 ist, das setze ich jetzt einfach mal als bekannt voraus, alle anderen Beiträge aus vielen, vielen Blogs gibt es wie immer hier drüben.

Ich stelle beim Anziehen fest, dass meine Lieblingsjeans etwas spannt. Das könnte daran liegen, dass ich den Söhnen bemerkenswert viele Schokoladenostereier gestohlen habe, was tut man nicht alles für die Gesundheit des Nachwuchses, die essen ja viel zu viel Zucker. Ich beschließe sofort, nicht mit der S-Bahn zur Arbeit zu fahren, sondern wieder täglich zu Fuß zu gehen, das fällt dann quasi unter Spocht.

Der Weg führt durch das Tier- und Pflanzenparadies Hamburg-Hammerbrook, hier im Bild ein Bürobautenpfau und darunter eine Brachfläche, die gerade von gewiss hochinteressanten Kräutern, Stauden und Büschen erobert wird. So geht es hier zu, hier ist es sehr schön.

Nicht im Bild, da auf der anderen Straßenseite, ist eine neue Reklametafel für ein Landbier, dessen Namen ich schon wieder vergessen habe. Irgendwas in einer historisierenden Buddel, im Hintergrund ist da ein lauschiges Fachwerkhaus am munteren Bächlein abgebildet. Das ist amüsant, so ein Plakat in Hammerbrook, denn es hängt hier vielleicht, weil es funktioniert. Kaum sitzt der Mensch in glitzernden Büropalästen, träumt er schon wieder von der Fachwerkbutze, in der er, säße er noch darin, von glitzernden Büropalästen träumen würde. Zur Überprüfung der These müsste man jetzt neben dem idyllischen Fachwerkhaus in ruhiger Lage nach dem Plakat für hypermoderne Büromöbel suchen, aber wer hat Zeit für so etwas.

Ich arbeite friedlich vor mich hin, bis mich eine Bildungseinrichtung wegen eines kranken Kindes anruft, was gefühlt zum 10. Mal in 14 Tagen passiert, der reale Wert kann etwas abweichen. Es ist alles nur eine Phase, und diese ist gerade etwas schwierig. Die Herzdame oder einer der Söhne, irgendwer schwächelt zur Zeit immer. Nur ich arbeite unentwegt vor mich hin wie ein Duracell-Hase. Ich verlasse also fluchtartig das Büro und bringe ein krankes Kind nach Hause, die Betreuerinnen geben mir “Sickness bags” für den Weg mit, sie wissen auch warum. Aber interessant, dass so etwas in Schulen vorrätig ist, wieder etwas gelernt.

Ich bette den Sohn auf das Sofa, kranke Kinder liegen hier aus strategischen Gründen nie im eigenen Bett, da kommt man nämlich, Stichwort Hochbett, zu schlecht dran, ich erspare allen die schrecklichen Details, die sich daraus bei gewissen Krankheitsbildern ergeben könnten.

Zu diesem Zweck betrete ich das Wohnzimmer, was ich sonst eher selten tue, denn vor dem Wohnzimmer steht mein Schreibtisch, und an dem komme ich normalerweise nicht vorbei. Ich stelle überrascht fest, dass im Wohnzimmer hübsche Deko steht, dass es überhaupt ganz gefällig aussieht und dass überall Wohnzeitschriften herumliegen, da könnte eventuell ein Zusammenhang bestehen. Das erklärt auch, was die Herzdame abends so macht, ich hatte mich das neulich schon mal irgendwann gefragt, als ich sie ins Wohnzimmer gehen sah. Ich kam dann aber nicht dazu, ihr hinterherzugehen, man kommt ja eh zu gar nix.

Das Kind liegt also auf dem Sofa, ich brumme beruhigend, wie es nur Väter und Katzen können, und blättere nebenbei in einer dieser Wohnzeitschriften. Da gibt es einen Artikel über die allerbesten Einrichtungstipps. Einer bezieht sich auf Boxspringbetten, die neuerdings alle haben, nur wir wieder nicht. Schlimm! Die müsse man jedenfalls vor dem Kauf “beherzt” testen, steht da. Und zwar nicht wie Sie jetzt denken, nein, sondern durch, so wörtlich, “wütendes Herumwälzen” der potentiellen Käufer. Vielleicht sollte ich öfter Wohnzeitschriften lesen, sie sind schon irgendwie lustig. Ich werde mir noch tagelang vorstellen, wie sich Kunden in Möbelhäusern ebenso entschlossen wie wütend auf Boxspringbetten herumwälzen.

Das kranke Kind spricht nicht, das liegt entweder an den Gebrechen oder aber an den neben ihm liegenden Comicheften aus meinen Uraltbeständen, man weiß es nicht genau.

Daraufhin muss ich noch einmal los, das Notebook ist noch in der Firma, das andere Kind in der anderen Einrichtung, die Einkäufe noch in den Läden, ich renne also zwar nicht planlos, aber doch gefühlt endlos durch die Stadtteile und von Pontius zu Pilatus, wie meine Oma gesagt hätte.

Zur Beruhigung starre ich zwischendurch auf das psychedelische Spielzeug in der Vorschule, an die folgende halbe Stunde kann ich mich nicht mehr erinnern. Schlimm.

Ich bereite dem kranken Kind liebevoll ein Abendbrot zu.

Das kranke Kind bildet sich mit letzter Kraft weiter. So ist es recht.

Zwischendurch fragt er sich, wie es ist, wenn man über Kopf kotzt, da muss man als Vater sein robustes Mandat auch einmal nutzen, um das Kind von fragwürdigen Experimenten abzuhalten. Ich nutze seinen Bildungseifer aber, um wieder einmal an der Kenntnis der Uhr zu arbeiten, wobei wir praktischerweise die Kirchturmuhr vor dem Fenster als Anschauungsmaterial nutzen können. Auf dem Bild nicht zu erkennen, aber das Ziffernblatt hat römische Zahlen, was bedeutet, es gibt eine Uhrzeit erschreckenderweise in der Form 3 Uhr, 15 Uhr und III Uhr, das ist wirklich sehr, sehr kompliziert.

Ich gehe noch einmal einkaufen, weil ja immer irgendwas fehlt. An den Häuserwänden des Stadtteils spiegeln sich Themen der Weltpolitik.

Und die größte Magnolie des Stadtteils blüht. Oder, wie ein gewisses Kind sagen würde: “Jetzt biste wieder tagelang ergriffen, was?”

Danach höre ich mir mit Sohn I die Sprachnachrichten aus dem Whatsapp-Kanal von Martin Gommel an, der gerade auf dem Weg nach Idomeni ist. Martin spricht sehr ruhig und deutlich und erklärt viel, das kann man gut machen. Dazu gibt es kein Bild, aber einen Link. Nebenbei rühre ich Essen zusammen, das wird ein Curry, später. Natürlich für die Herzdame, die Herren Söhne rühren so etwas nicht an.

Und dann geht es zum Lindy-Hop. Danach bin ich dann vermutlich wieder zu fertig, um noch etwas fortzuschreiben, deswegen endet der Tag genau hier.

Gelesen: Christoph Peters – Kommen und gehen, manchmal bleiben

Genau genommen stimmt die Überschrift so nicht, das habe ich gar nicht gelesen. Ich habe nur die ersten drei Geschichten versucht, die waren mir etwas zu kryptisch, und ich mag keine kryptischen Kurzgeschichten. Damit liege ich nicht gerade im Trend der Zeit, ich weiß, aber was soll man machen. Ich mag einfache Geschichten, bei denen ich verstehe, worum es geht. Womöglich bin ich doch etwas schlicht, ich vermute es ja seit Jahren. Immer, wenn ich beim abendlichen Lesen nach drei Seiten “Hä?” denke, komme ich mir doof vor, und um mir doof vorzukommen, brauche ich wirklich keine Bücher. Das Buch mag dennoch gut sein, nur eben nicht für mich.

Ich habe es im Hotel auf den Hummerklippen auf Helgoland ausgesetzt, sollte jemand in der Nähe und bedürftig sein, es liegt im Raum Friedrich Hebbel.

Zugabe, Zugabe

Ich muss dringend mehr vorlesen, und zwar den Söhnen. Erwachsenen lese ich bekanntlich auch gerne vor, aber da gibt es überhaupt keinen Zeitdruck. Geschichten von mir kann ich irgendwem irgendwann vorlesen, wann immer ich irgendwo zu einer Veranstaltung eingeladen werde, das passt schon. Aber bei den Kinderbüchern im Regal, da gibt es erheblichen Zeitdruck, wie ich gerade gemerkt habe.

Die Söhne haben ein verblüffend großes und volles Bücherregal im Kinderzimmer, das liegt auch daran, dass sie zu Weihnachten in wunderbarer Tradition Geschenke von den LeserInnen dieses Blogs geschickt bekommen, und das sind oft Bücher. Außerdem schicken ihnen manchmal Verlage etwas zu, und in unserem Stadtteil werden oft Bücher verschenkt und liegen zum Mitnehmen am Straßenrand, da kommt mit der Zeit etwas zusammen. Als ich sechs oder acht Jahre alt war, da gab es in meinem Kinderzimmer nicht annähernd so viele Bücher, wir hatten ja nichts. (Das von obligatorischem Krückstockfuchteln begleitete “Hat es uns geschadet!?” werden Sie sich an dieser Stelle schon selber gedacht haben, nicht wahr. Recht so.)

Ganz unten im Kinderzimmerbücherregal gibt es einen Sockelbestand an Bilderbüchern, für die beide Söhne schon zu alt sind, die aber doch noch geliebt werden und zum gelegentlichen Durchblättern vorhanden sein müssen, etwa die hier schon oft behandelte Riesenbirne von Jakob Martin Strid. Darüber gibt es Sachbücher, Was ist was und dergleichen, dann die Leselernbücher von Sohn I, mit denen fängt Sohn II gerade an, wie für kleinere Brüder typisch startet er früh damit. Daneben viele klassische Geschichte, also Lindgren, Krüss und Konsorten, sowie auch modernere Autoren, die ich noch nicht näher kenne. Und auf dieses Regal bezieht sich das oben erwähnte Alarmsignal, denn auf meine Frage, ob ich vielleicht mal Urmel vorlesen sollte, murmelte Sohn I mit der ganzen Lässigkeit des Achteinhalbjährigen: “Nee, dafür bin ich doch zu alt.”

Über das Urmel ist er schon weg, na klar. Wenn man bei Harry Potter und Superheldencomics und Starwars angekommen ist, dann zieht Urmel wohl nicht mehr richtig. Und wenn Sohn I schon darüber steht, dann will Sohn II das auch nicht, das ist naheliegend. Es sind aber noch eine ganze Menge Bücher ungelesen übrig, die ziemlich genau auf eine etwa sechs- bis achtjährige Zielgruppe passen, die müssen jetzt zügig abgearbeitet werden, bevor die Herren Söhne schon sieben und neun Jahre alt sind, was für sie dann gefühlt schon acht und zehn sein wird, also quasi fortgeschritten jugendlich, so läuft das heute doch.

Deswegen saß ich gestern mit den Jungs auf dem Bett und las gleich ein halbes Buch am Stück vor, manchmal muss man eben Strecke machen. Es gab “Angstmän” von Hartmut El Kurdi, mit Illustrationen von Karsten Teich. Ein Buch über die neunjährige Jennifer, die zum ersten Mal einen ganzen Abend und sogar eine Nacht allein zuhause verbringen muss, was eine prima Gelegenheit ist, um alle verbotenen Sachen zu machen, zu denen sie bisher noch nicht gekommen ist. Dummerweise bekommt sie etwas Angst, so ganz alleine in der Wohnung ist es doch seltsam, und das wird auch nicht besser, als sie jemanden im Wohnzimmerschrank husten hört. Das ist Angstmän, der größte Superheldenschisshase um Universum, der nur durch einen Fehler bei der Bedienung seines Teleporters im Schrank gelandet ist. Angstmän hat quasi vor allem Angst, am meisten aber vor Pöbelmän – und der ist leider auch nicht weit.

Die Geschichte ist perfekt für die Altersgruppe der Söhne, das macht Spaß und man kann zwischendurch hervorragend abschweifen und etwa selbst über verbotene Dinge nachdenken, die uns wirklich Spaß machen würden, so etwas gehört beim Vorlesen auch dazu. Wir wissen noch nicht, wie das Buch ausgeht, nach etwa der Hälfte können wir es aber alle drei eindeutig empfehlen.

Als ich das Buch zuklappte, rief Sohn I begeistert “Zugabe! Zugabe!”, Sohn II stimmte sofort ein. Ich saß minutenlang vor klatschenden und schreienden Kindern, die immer lauter Zugabe riefen. Das ist schon schön, so ein euphorisches Publikum zu haben, denn das hat man im Alltag leider nicht dauernd, dass so freudig aufgenommen wird, was man gerade anbietet. Solche Momente muss man sich ab und zu bewusst machen, dann mag man seine Familie gleich noch mehr. Ich habe mich darüber jedenfalls so gefreut, ich werde heute gleich den Rest des Buches vorlesen.

Und es hat meiner Freude auch nicht geschadet, dass Sohn II seinen großen Bruder irgendwann mitten im Jubel leise nebenbei fragte: “Sag mal, was ist eigentlich ne Zugabe?”

Gelesen: Tove Jansson – Das Sommerbuch

Deutsch von Birgitta Kicherer.

Tove Jansson kennt man vielleicht von den Mumins, das hier ist aber ein ganz anderes Werk. Das habe ich an den ersten beiden warmen Tagen des Jahres ziemlich schnell gelesen, quasi als literarischen Sommer-Trailer, kurz bevor es wieder aprilhaft abkühlte.

Ein Buch über eine Großmutter und ihre Enkelin auf einer kleinen, einer sogar sehr kleinen Insel mit einem natürlich auch kleinen Haus darauf. Es passiert nicht allzu viel, es wird ein wenig geredet, es wird ein wenig von Insel zu Insel gerudert, es wird ein wenig herumgegangen. Es findet viel Natur und Alltag statt, es sommert betont finnisch. Die Großmutter ist dabei keine übermäßig idyllische Person und auch schon ein wenig gebrechlich, die Enkelin kommt fast ohne kindliche Süße aus, daraus entsteht eine sehr wahrhaftig anmutende Konstellation, alle Kitschrisiken, die sich aus dieser Paarung ergeben, werden souverän umgangen. Am Ende ist man dann dennoch gerührt von dem Ganzen, das ist auch eine Kunst.

Ähnlich wie bei Brakker ist die Sprache klar und leicht, auch dieses Buch hat man schnell durch. Für den nächsten Inselurlaub unbedingt zu empfehlen.

Gelesen: Gerbrand Bakker – Birnbäume blühen weiß

Deutsch von Andrea Kluitmann.

Wenn man eines nicht sein möchte, dann Romanfigur bei Gerbrand Bakker. Was nicht gegen das Buch spricht, ich mag seine Bücher alle sehr. Aber man weiß, es wird in der Regel nicht gut gehen, man weiß, da wird wieder jemand in bemerkenswert klarer Sprache gen Untergang geführt, wie auch immer der genau aussehen wird. Griechische Tragödienkonstellationen im Alltag der Neuzeit, nein, das kann nicht gut ausgehen. Aber man kann vielleicht etwas lernen, dazu sind Dramen ja da. Na, zumindest im früheren Theater. Es geht um den Umgang mit Schicksalsschlägen, die Mutter verschwindet, der Vater hat mit den Söhnen einen selbstverschuldeten Autounfall, der nicht ohne fatale Folgen bleibt. Das ist harte Kost in einem ganz schmalen Band. Ich finde Bakkers Themen ganz furchtbar und sein Schreiben so gut, dass ich kein Buch von ihm auslassen kann.

Und, das ist auch bemerkenswert, ich habe erst nach der Lektüre mitbekommen, dass das ein Jugendbuch sein soll. Weder ist mir das ausgefallen, noch wäre ich je darauf gekommen. Ich finde es jetzt immer noch eher abwegig, aber das spricht am Ende auch für das Buch. Wirklich ein gutes und hartes Buch. Jugendbuch hin oder her. Und als Wartezimmerlektüre beim Kinderarzt vollkommen ungeeignet, by the way. Sohn I saß neben mir und las ein Lustiges Taschenbuch mit den Erlebnissen von Donald Duck, das war für Stimmung klar besser. Vorsicht bei der Buchauswahl!

Woanders – Der Wirtschaftsteil

Vorweg ein Artikel aus der Zeit, da geht es ausführlich um die weitgehend folgenlose Durchdringung der Gesellschaft mit ökologischem Bewusstsein, was ein wenig seltsam klingt, aber gerade für ein wenig ältere LeserInnen vermutlich viel mit der eigenen Lebensgeschichte zu tun hat. Außerdem passt es hervorragend zum Rest der gleich verlinkten Artikel.

Es geht ansonsten in dieser Woche nämlich um die Landwirtschaft, bzw. um die Ernährungsindustrie, um jegliche Romantik gleich im ersten Satz abzuwürgen. In der nächsten Woche kommt dann eine Folge zur Ernährung, denn erst wird produziert, dann wird gegessen, an die Reihenfolge halten wir uns auch.

Bei WiWo-Green geht es um zum Einstieg um vergessene Genüsse und fast ausgestorbene Nutztierrassen, um das Wissen, das wir durch die Industrialisierung der Ernährung verlieren oder auch schon verloren haben. Währenddessen wird es am vorderen Ende der Modernisierung immer seltsamer – Algen für Rinder? Bitte?

In der NZZ geht es ausführlich um das moderne Schlachten an sich und um die De-Agrarisierung, für empfindliche Menschen ist das vielleicht keine geeignete Lektüre, bitte Vorsicht. Und wir müssen diesen Text  selbstverständlich in Verbindung mit dem Billigfleisch-Weltmeister Deutschland bringen, das geht gar nicht anders.

Von Negativ-Boni und Ausstiegsprämien, das ist ein Artikel über die immer absurdere Milchwirtschaft und die nicht zu drosselnde Produktion, die eigentlich in dieser Menge niemand haben möchte (siehe dazu auch in der SZ). Es ist wirklich kompliziert. Ein anderes damit zusammenhängendes Thema, das übrigens selten vorkommt – die Arbeitsbedingungen in der (Bio-)Landwirtschaft. Hier dann doch einmal in der Zeit.

Zu den vorhin in einem der Texte erwähnten Antibiotika-Verwendungen nebenbei noch diese Meldung hier. Und dann noch diese, nur zur allgemeinen Beunruhigung, das muss manchmal wohl auch sein.Und an beunruhigenden Meldungen ist selbstvertändlich überhaupt kein Mangel.

Es gibt viel zu viel Milch, es gibt viel zu wenig Ertrag im ökologischen Landbau – behaupten zumindest die, die ein Interesse an dieser Meldung haben. In der FR geht es um Spielchen mit Statistik und um Lobbyismus. Im Spiegel gibt es dazu noch ein Special über die Bio-Industrie. Und in der SZ geht es um die Einführung oder Neubelebung einer am Gemeinwohl orientierten Landwirtschaft in Südtirol, also in einer Gegend, die man gemeinhin eher mit dem nicht unbedingt ökologischen Höchtstleistungsobstbau in Verbindung bringt.

“Und danke für den Fisch” – die Menschheit raubt die Meere aus und auf gute Nachrichten wartet man auch bei diesem Thema vergeblich Sehr viele erhellende Ergänzungen dazu, ganz besonders zur Fischzucht in der Effilee.

In der nächsten Woche geht es dann um das, was auf unseren Tellern ankommt.

GLS Bank mit Sinn

Helgoland – Die Häuser

Helgoland

Man besucht Helgoland wegen des Meeres, wegen der Vögel, wegen der Robben und Seehunde, wegen der Ruhe, wegen der Luft. Man fährt vermutlich eher nicht wegen der Architektur hin, dabei ist das für Menschen mit Interesse an Kulturgeschichte und Städtebau absolut zu empfehlen.

Helgoland

Helgoland

Man sieht es beim ersten Besuch vielleicht gar nicht, weil man eben dauernd auf das Meer guckt, auf die Vögel, auf die Robben und Seehunde, in die Luft. Oder, wenn man es doch sieht, fällt es einem vielleicht gar nicht auf. Man übersieht es so leicht, dass man da durch eine Art Zeitkapsel geht, dass man auf einmal mitten in den 50er Jahren steht, in der Wiederaufbauphase der alten Bundesrepublik. Dass fast jedes Gebäude noch aus dieser Zeit kommt, weil die ganze – komplettt verwüstete – Insel damals in einem Gesamtverfahren neu bebaut wurde, dass es sich dabei um eine bis in jede Farbschattierung durchdachte Angelegenheit handelte (durchdacht übrigens von Georg Wellhausen). Eine Mustersiedlung nach historischem Straßenplan, fast ohne jeden Autoverkehr, ohne große Erweiterungsmöglichkeiten, mit ziemlicher spezieller Versorgung, unter extremer Windbelastung. Und das alles auch noch als sozialer Wohnungsbau – was für eine faszinierende Aufgabe.

Helgoland

Helgoland

Helgoland

Wenn man öfter auf der Insel ist, sieht man das bei jedem Besuch besser. Man sieht, was gemeint war, was daraus geworden ist, was geblieben ist. Wenn man Zeit hat, sollte man auch einmal abseits der Haupteinkaufsstraße durch die Gassen gehen und dem Plan ein wenig nachspüren. Das geht auch sehr gut bei schlechtem Wetter.

Helgoland

Helgoland

Helgoland

Helgoland

Helgoland

Helgoland

Helgoland

Helgoland

Helgoland

Helgoland

Helgoland

Hier ein alter Film aus den 60ern (übrigens voller deutscher Kopftuchfrauen), das ist schon beeindruckend, wie viele Häuser und Ansichten sich nahezu unverändert erhalten haben. Dank an Friedemann für den Fund.