Woanders – Der Wirtschaftsteil

Nachdem die Welt laut der Meldungen in der letzten Woche bald untergeht, freuen wir uns natürlich auch einmal über Meldungen, die einiges relativieren. Etwa das mit der Überbevölkerung. Da liest man erstaunliche Fakten, etwa die zum Sudan, achten Sie mal darauf. Wenn es denn Fakten sind, wer will das beurteilen, die wenigsten werden Ahnung haben.

Man muss es wohl einfach so hinnehmen, dass es anders gehen könnte. Und warum auch nicht, es ist ja ein netter Gedanke, damit lebt es sich gewiss besser als mit der Endzeitvision.  Man muss Schlagwörter lernen, wie etwa das von der Suffizienz und sich auch auf Diskussionen dazu einlassen, damit man nach vorne denken kann.

Man muss Studien misstrauen und sich eine eigene Meinung auch mal ganz ohne statistische Unterfütterung bilden. Und den Medien sollte man fragend begegnen, versteht sich. Und der Regierung, eh klar.

Allem misstrauen – und dennoch Spaß haben und kreativ sein, das ist doch ein Weg. Selber denken, das soll ja auch Spaß machen und manchmal zu Erkenntnissen führen. Oder Ideen haben und sie auch umsetzen. Weil der Mensch sich helfen kann, das zeichnet ihn aus. Wir sind und bleiben wohl auch erfinderische Wesen. Und weil man eben doch etwas ändern kann, und sei es nur dadurch, dass man vorweg radelt. Oder indem man das macht, was Sie auch gerade machen: am Computer sitzen und vor sich hin denken. Manchmal sogar mit Ergebnis,denn natürlich kann man auch am Schreibtisch die Welt verändern.

“Der Nutzer sucht den Nutzen”, ein schönes Zitat aus diesem Text hier, da geht es auch um das Umdenken am Schreibtisch. Bedarf daran gibt es fraglos, es geht schließlich nicht alles in die richtige Richtung.

Im Kulturteil erinnern wir kurz an einen sehr berühmten Erfinder, nachdem wir hier so viele Neuerungen erwähnt haben, das hat er sich verdient. Seinen Standardsatz “Muss noch dran gearbeitet werden” kann man gar nicht oft genug vor sich hinmurmeln. Und die Erkenntnis, dass man ab und zu ein Helferlein braucht, die ist natürlich auch wichtig.

GLS Bank mit Sinn

Anders lesen

Ich komme gerade gar nicht dazu, die Leseliste für den März zu bloggen, aber das Format hat vermutlich ohnehin wenig Anhänger, also ist das wohl egal. Aber etwas ist vielleicht dennoch interessant, ich habe nämlich beim Lesen etwas umgestellt – und das werde ich wohl auch beibehalten.

Eine Umstellung, auf die ich durch meinen eigenen Wirtschaftsteil kam, da war nämlich neulich ein Link drin, in dem es um einen Imbiss  in den USA geht, der nur Gerichte aus den Regionen anbietet, mit den sich die USA gerade herumstreiten. Also etwa Kimchi aus Nordkorea usw. Und das, dachte ich, kann man ja auch literarisch ganz ähnlich umsetzen. Ich warte allerdings nicht auf tatsächliche, diplomatische oder potentielle Kriegshandlungen zwischen Deutschland und anderen Staaten, ich achte einfach darauf, was in den Nachrichten vorkommt. Also jetzt etwa die Ukraine. Kenne ich Literatur aus der Ukraine? Keine einzige Silbe. Kurz recherchiert und ein Buch bestellt, reingelesen und ganz schnell ein interessantes, aufregend anderes Bild von Kiew im Kopf gehabt. Obwohl das kein ukrainischer Dichter war, sondern ein Russe aus Kiew, aber das passt natürlich in dem Fall schon. Andrej Kurkow, “Picknick auf dem Eis”, ein Roman aus der Ukraine in der Postsowjetzeit, übersetzt von Christa Vogel. Also ein Roman aus einer beinharten Zeit. Ukrainer würden evtl. bezweifeln, dass sie dort jemals andere Zeit erlebt haben, schon klar.

Ein Journalist schreibt in diesem Roman Nachrufe auf Vorrat für eine Zeitung. Als die Menschen passend zum Timing seiner Nachrufe zu sterben beginnen, eskaliert die Angelegenheit bemerkenswert schnell, fordert beträchtlich viele Menschenleben – und die ganze Zeit begleitet die Hauptfigur ein depressiver Pinguin als Haustier, den der Zoo mangels Futter irgendwann loswerden musste. Ein Pinguin, dessen seltsam niederschmetternde Anwesenheit in der Wohnung man nach den ersten 100 Seiten förmlich spüren kann. Und ja, das Buch lohnt schon wegen des Pinguins.

Ich weiß jetzt natürlich nicht mehr über die Lage in der Ukraine. Aber die Nachrichten sind doch anders geworden. Ich sehe andere Bilder zu Kiew, ich weiß ein paar Kleinigkeiten mehr aus dem Alltag dort, ich weiß, welche Szenen man sich dort als Autor vorstellen kann oder konnte. Das dreht dann doch ein wenig mehr Farbe ins Bild.

Parallel dazu lese ich weiterhin den Rumänen Panait Istrati, im Moment “Codin”, das ist ein schmaler Band aus seinem nicht ganz kleinen Erzählwerk. Aus dem Französischen von Elisabeth Eichholtz. Da geht es um wüste, wirklich wüste Lebensläufe aus einer Region Europas, in der einmal so viele Sprachen und Völker durcheinander lebten, dass man beim Lesen gar nicht mehr mitkommt. Man versteht aber doch, dass die Menschen damals, vor dem Zweiten Weltkrieg, ganz selbstverständlich miteinander und durcheinander lebten, auf engem Raum. Sie teilten Straßen, Häuser und Geschichten, natürlich auch Liebesgeschichten, und trugen doch ihre Aversionen gegen die jeweils anderen, gegen die Griechen, Juden, Rumänen, Türken, Armenier, Serben, Deutsche wie geladene Waffen mit sich herum, man ahnt die Gefahr auf jeder Seite.

Das lese ich abends und morgens sehe ich, wie die rumänischen Obdachlosen hier ihre Matratzen vor der Kirche einrollen und für den Tag wieder in den Büschen am Spielplatz verstecken. Wenn man diese Menschen nicht als Nachrichteninhalt sieht, sondern als Menschen, dann sind das die Hauptfiguren für einen Istrati von heute. Und das mit den geladenen Waffen, das würden sie vermutlich unterschreiben, wenn sie sich die Gesichter der Deutschen so ansehen. Panait Istrati ist ein großartiger Erzähler, das hat Kawumm und Druck, den kann ich sehr empfehlen, der ist viel zu vergessen.

Zu jeden Nachrichtenthema wird man nicht gerade ein Buch lesen können. Aber so ab und zu? Im Moment liest man viel aus der Türkei in den Nachrichten. Demnächst liegt dann also auch ein Roman von da auf meinem Nachttisch. Empfehlungen gerne in die Kommentare, ich kenne sehr wenig Bücher aus der Türkei.

 

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Die ersten zehn Jahre hat dieses Blog dann also geschafft, das ging ja verblüffend fix. Ich erzähle jetzt nicht zum hundertsten Mal, warum es ausgerechnet an einem 1. April gestartet wurde, das fällt allmählich sicher schon unter “Opa erzählt vom Krieg”, das will man nicht.

Vor zehn Jahren war die Herzdame noch meine Verlobte, vor zehn Jahren habe ich noch ganztags im Büro gearbeitet und zuhause haben keine Kinder auf mich gewartet, das kann ich mir alles kaum noch vorstellen.

Mittlerweile sind hier im Blog unzählige Geschichten über die Herzdame und die Söhne erschienen, mittlerweile finanziert das Schreiben für Magazine, Zeitungen und andere Kunden jeden Monat einen erheblichen Teil des Haushalts. Ohne das Blog würde ich einen ganz anderen Freudeskreis haben, eine ganz andere Freizeit, ein anderes Leben. Vielen Dank an die Leserinnen und Leser, die das begleitet haben, kommentiert haben, weiterempfohlen haben, ich freue mich nach wie vor jeden Tag darüber. Und Dank natürlich an die Herzdame, die es seit zehn Jahren aushält, Content zu sein, das ist ganz sicher auch eine Leistung. Und eine Frau, die nach zehn Jahren immer noch für Content sorgt, die war dann ganz sicher auch die richtige Wahl, um einmal eine neue, zeitgemäße Messeinheit dafür einzuführen. Dass ich mich nach zehn Jahren immer noch neu in sie verlieben kann, das ist dabei natürlich auch ganz praktisch.

Und ich denke übrigens immer noch nach jedem Eintrag, das mir jetzt aber sicher nie wieder etwas einfallen wird. Das scheint sich also dauerhaft nicht zu geben, zehn Jahre können dabei wohl als Langzeitversuch durchgehen, nehme ich an. Auch gleich, nach dem Absenden dieses Textes, wird es vermutlich wieder so sein.

Ich habe sehr viele Menschen durch das Blog kennengelernt, darunter auch solche, die ich im Grunde gar nicht treffen dürfte, wie etwa Isa. Mit Isa gemeinsam komme ich nämlich dauernd auf Ideen und Projekte, das ist wirklich schlimm und sehr zeitaufwändig. Aus reinem Selbstschutz vergessen wir die meisten Ideen gleich nach unseren Treffen wieder, wir würden sonst wirklich zu gar nichts mehr kommen.

Jetzt haben wir aber doch mal ein Projekt gemeinsam umgesetzt und festgestellt, dass wir auch noch toll zusammen arbeiten können, das verkompliziert die Sache leider erheblich. Jetzt haben wir nämlich noch tausend gemeinsame Termine mehr, nicht auszudenken, wohin das führen soll. Erst einmal führt es aber auf eine neue Seite, auf ein neues Projekt.

“Was machen die da” ist die Umsetzung einer unserer gemeinsamen Ideen. Wir befragen Menschen, die das gerne machen, was sie machen, zu dem, was sie gerade machen, fotografieren sie dabei und bloggen das. Auf einem brandneuen Blog, in wunderbarer Teamarbeit für uns aufgesetzt von Sylvia Oberstein und Christian Fischer.

Wobei wir auch der GLS Bank zu danken haben, die durch den regelmässigen Wirtschaftsteil bereits mit den Herzdamengeschichten als Sponsor kooperiert und sich auch nicht gescheut hat, ein Blog, das es bis heute nur als Idee und Skizze gab, zum Start zu unterstützen. Das wäre sicher vor ein paar Jahren so noch nicht möglich gewesen, das ist eine sehr schöne Entwicklung. Trotz des Datums ist auch das neue Blog übrigens kein Aprilscherz, falls jemand gerade querlesend nach der Pointe sucht.

Isa und ich erzählen drüben im neuen Blog nichts, wir lassen die Leute reden. Von ihren Berufen, Ehrenämtern, Hobbys, was auch immer. Wenn es dazu noch etwas zu erzählen gibt – und das wird ganz sicher so kommen – dann erzählen wir es wie gehabt in unseren Blogs, das wird also eine Art Dreiklang und gehört zusammen. Wir spielen uns dort jetzt erst einmal warm. Geplant ist, jeden Dienstag einen Text erscheinen zu lassen. Aber mit Plänen ist es manchmal so eine Sache, vielleicht werden es auch mehr Einträge. Oder weniger? Wir gucken mal, was geht.

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Woanders – diesmal mit der Elternzeit, den Kammerspielen, Instagram und anderem

Notizen aus der Elternzeit. Der Zettel hätte hier so auch hängen können. Textgleich.

Ein nicht ganz so bekannter Aspekt der Hamburger Kammerspiele.

Darf man Essen im Restaurant fotografieren? Siehe dazu auch hier.

Pia Ziefle über Online-Banking.

Isa mit dem Service für Suchende.

Studenten und Rechtschreibung. Früher war alles besser. Wir bekamen ja bei einer Sechs im Diktat noch eine gelangt! Ach nee, war auch doof.

In Hamburg gründet sich die Regionalwert AG und sucht einen Laden. Sehr feine Sache, ich komme sicherlich noch darauf zurück.

Bilder: japanische Gullydeckel.

Bilder: Kinder in syrischen Flüchtlingscamps – keine Angst, keine Horrobilder. Oder doch, wie sollte es anders sein. Aber anders, als man zunächst denken könnte.

Service

In dem Coffee-Shop, in dem ich mir ab und zu einen Kaffee zum Mitnehmen besorge, ist das Personal bestens geschult. Ausgesucht höflich und hilfsbereit. Kein Dialog ohne “Guten Morgen”, ohne “Was darf es noch sein”, ohne “Schönen Tag”. Sie reichen dort den Kaffee über den Tresen, als hätten sie einem Kronjuwelen in den Becher gefüllt. Sie erinnern die Kaffee-Vorlieben, als wäre man der prominenteste Stammgast. Der Laden ist natürlich auch mit Liebe zum Detail eingerichtet. Der Kuchen in der Auslage sieht aus wie aus einem edlen Fotoband, die belegten Brötchen, als hätte sie eine italienische Großmama eben gerade auf Sizilien aus dem Ofen gezogen und mit frisch im Garten gepflückten Tomaten belegt.  Die Kaffeesorten werden auf einer schwarzen Tafel angepriesen, elegante Deko-Schrift in weißer Kreide, sehr kunstvoll.  Ist das nicht toll, das alles?

Und dann geht man mit dem offenen Pappbecher in eine Ecke des Ladens, in der alle Herrlichkeit endet. Da liegen Zuckertütchen auf einem Tisch,  Servietten, Plastiklöffel  und Deckel, denn man braucht ja einen Deckel für den Kaffee. Und den muss man selber draufmachen. Andere Kunden haben da schon Zucker verstreut, die Deckelstapel sind längst umgekippt, alles liegt wild durcheinander. Man muss selber herausfinden, welche der 3 Deckelgrößen auf den Becher passt. Man kleckert bei der Deckelprobe mit dem Milchschaum, niemand kümmert sich um die Pfützen, die andere vor einem hinterlassen haben. Weit hinten sieht man die freundlichen Verkäuferinnen andere Kunden bedienen, aber man steht jetzt in einer komplett service-freien Zone, von allem Personal verlassen. Und oben drüber über diesem Chaos hängt ein Schild, auf dem steht: “Service-Station”.

Ich liebe diesen feinen Humor.

(Dieser Text erschien als Sonntagskolumne in den Lübecker Nachrichten und in der Ostsee-Zeitung)

Kurz und klein

Hochgucken, Tag 5

Die Kinder treiben einen zu den seltsamsten Freizeitbeschäftigungen, so fahre ich neuerdings auch des öfteren Bus. Ich habe, das ist natürlich Zufall, in Hamburg bisher immer so gewohnt und gearbeitet, dass ich mit Bahnen auskam, Busse sind für mich eher exotisch. Ich staune immer, wenn Menschen wissen, welcher Bus hier wohin fährt, ich kenne nur den 5er und den 6er, der Rest ist mir rätselhaft. Angeblich komt man mit Bussen auch in Stadtteile ohne jede Bahnanbindung! Wenn mir einmal sehr langweilig ist, werde ich vielleicht darauf zurückkommen und es testen. Allerdings ist mir nie langweilig. Hm.

Nun ist Sohn I aber mittlerweile in einem Schwimmverein, und zum Training kommt man tatsächlich am besten mit dem Bus, quer durch die Stadt. Aufgrund einer Tradition, auf deren Anfänge ich gar nicht mehr komme, nimmt sich Sohn I mein Handy, sobald wir in einen Bus steigen, im Bus ist es nämlich seins. Immer. Dann macht er darauf irgendwelche Vorschulspiele, ich sehe mir die Leute an, das Hochgucken braucht in dem Fall also gar keinen Plan, das geht gar nicht anders. Wobei das Hochgucken im Bus oft eher ein Hochhorchen ist, im Bus hört man Gespräche nämlich viel besser als in der S-Bahn.

Ein Frühlingstag, die Sonne scheint und die Kulisse der Stadt wirkt ungewöhnlich angenehm. Erstes Grün an Büschen und Bäumen, bunte Blüten im Straßenbegleitgrün, erste Frühjahrsmode an den Menschen. Entspannte Gäste räkeln sich in Straßencafés, Touristen fotografieren irgendwas vor knallblauem Himmel, guck mal, das ist Hamburg, das war echt schön. Der Bus ist halbleer und sonnendurchflutet, der Fahrer pfeift leise vor sich hin. Weiter hinten erzählt ein junger Mann, stellen Sie sich einfach ein Erstsemester mit prächtigem Hipsterbart vor, es wird schon passen, was er im Fernsehen gesehen hat. Nämlich einen krassen Film über die Massentierhaltung. Da waren Szenen drin! Alter! Also das hat er natürlich alles schon mal gehört, ist ja klar, aber jetzt eben auch gesehen und dann wird es einem doch erst klar, sagt er. Also Szenen! Alter! Ey!

Die Freunde, drei andere junge Männer, die ihn umstehen, nicken mit leichter Panik im Blick und dann kommt, was kommen muss: der Erzähler fängt bei den ersten Szenen an, es geht um gekürzte Entenschnäbel, und berichtet detailliert, was da gezeigt wurde. Eine klare, junge, deutliche Männerstimme, die hört man ohne jede Konzentration ein paar Sitzreihen weit, zumal er sich beim Reden etwas aufregt und dadurch immer lauter wird. Auf den Gesichtern der anderen Fahrgäste ringsum sieht man erstaunliche und verblüffend wilde Bewegungen, als würde man neben ihnen sehr laut mit Kreide über eine Tafel quietschen. Köpfe sinken tiefer zwischen Schultern, Hände bewegen sich in Richtung der Ohren und der Bericht geht von Station zu Station unerbittlich immer weiter, er ist gerade bei den geschredderten Hähnchen angekommen und geht jetzt noch zu Ferkeln über, da ist ja das mit der Kastration, wisst Ihr das? Alter! Wisst ihr, wie man das macht? Nein? Also…

Eine Frau setzt sich Kopfhörer auf und wirkt danach deutlich erleichtert. Die ältere Dame mir gegenüber beugt sich zu ihrer Freundin, die ob des zwangsweise mitgehörten Themas mittlerweile etwas grünlich im Gesicht wirkt, und fragt, wo man denn heutzutage eigentlich noch Hähnchen kaufen könne. Na, wo denn? Hm? Die Freundin sagt, beim Aldi jedenfalls nicht, das könne sie mal glauben, und dann denken beide über Supermärkte nach. Ob Rewe denn besser sei? Oder der Edeka? Der habe ja doch bessere Sachen, oder? Hinter mir höre ich andere Damen diskutieren, da fällt gerade ein “Fisch geht ja auch nicht mehr”. So setzt sich die Erzählung des Erstsemesters in anderen Gruppen fort, hier ein Satzbrocken, dort eine Ergänzung. Jeder weiß etwas zu dem Thema, so ist es ja nicht. Es sind dann aber doch alle recht froh, als die jungen Männer aussteigen und man nur noch das vergnügte Pfeifen des Fahrers hört.

Die Mutter neben mir hat von all dem nichts mitbekommen, sie redete nämlich die ganze Zeit engagiert auf die Freundin neben ihr ein. “Die Frage ist doch”, sagt sie gerade zum wiederholten Male, “die Frage ist doch – wie kommt das Kind aufs Gymnasium? Das ist doch die Frage.” Dabei streicht sie ihrem Sohn durchs Haar und man fragt sich, ob er wohl mit der Frage gemeint ist oder ob er vielleicht noch größere Geschwister hat. “Das ist doch die Frage”, sagt sie noch einmal sehr energisch, und es muss wirklich eine wichtige Frage sein, so ernst, wie sie guckt.

Eine wichtige Frage, die das Kind aber überhaupt nicht interessiert. Es beschäftigt sich vielmehr konzentriert mit der Produktion von Spuckebläschen. Was man eben so macht, wenn man etwa ein Jahr alt ist.

#spring

 

 

Woanders – Der Wirtschaftsteil

Während wir hier jede Woche Meldungen zur allmählichen Verfertigung einer besseren Welt in die Öffentlichkeit streuen, hauen einem andere von hinten ganz andere Erkenntnisse in die Knie: es hat eh alles keinen Sinn. Da kann man ja mal drüber nachdenken. Vielleicht kommt man dann auch zu der Schlussfolgerung dieses Artikels und kümmert sich erst einmal um das Naheliegende. Das kann man ganz ähnlich natürlich auch in Büchern nachlesen, wie sollte es anders sein.

Vielleicht wird man erst später verstehen, ob Entwicklungen wie etwa die Gamification der Arbeit ein korrekter Zug in die richtige Richtung waren – oder doch ein modernes Pendant zur spätrömischen Dekadenz, ein Signal kurz vor dem Untergang. Wir denken über so abgedrehte Fragen wie die der Gamification ganz selbstverständlich nach, geben uns souverän und entwickeln vermeintliche Lösungen, dabei müssten wir immer noch viel mehr Energie in elementarere Fragen stecken. Etwa die, wie wir in einer Gesellschaft künftig arbeiten, in der Frauen und Männer Kinder und Jobs wollen. Wobei man über die Arbeit an sich und was sie mit uns macht sowieso mehr nachdenken sollte. Und manchmal findet man Artikel, die helfen dabei.

Da fiel eben das Wort Taktung, in dem letztverlinkten Artikel, da können wir zwanglos überleiten zu einem faszinierenden Artikel über Hochgeschwindigkeitszüge. Der Artikel ist lang, er ist sogar, da gibt es nichts, außerordentlich lang. Aber auch außerordentlich interessant, bleiben Sie ruhig dran. Zu Taktung schnell noch ein anderes Wort hinterhergeworfen, weil es sich so schön anschließt: Zeitwohlstand.

Und selbstverständlich findet die Rettung der Welt auch weiterhin am eigenen Herd statt. Das ist übrigens ein Satz, den man ironisch verstehen kann oder nicht, er bleibt immer richtig. Katharina Seiser hat das schöne Projekt “Tierfreitag” initiiert, da geht es um Texte zu tierfreiem Essen aber auch zum Umgang mit den Tieren, die wir oder andere essen. Das ergibt eine große und lebendige Sammlung, die ständig aktualisiert wird, da findet man immer wieder interessante Anregungen für die Küche und fürs Hirn. Prädikat besonders wertvoll. Aus Gründen, wie man so schön sagt. Man findet aber noch mehr Gründe, es ist fast egal, wo man hinsieht. Man kann sich auch einfach an die Straße stellen und mal gucken. Wie hier etwa die Polizei in Oldenburg. Und übrigens finden das auch Metzger nicht mehr so toll, wie das alles läuft, das kann man etwa hier bei einem bloggenden Metzger nachlesen. Oder aber man lässt die Details, tritt ganz weit zurück und guckt auf die ganze Welt. Sieht aber auch nicht so toll aus.

Einen Nachtrag müssen wir noch schnell zur letzten Woche bringen, da ging es in dem einen Film um eine Favela in Spanien. So etwas gibt es aber auch in näher – etwa in Berlin.

Im Kulturteil verbinden wir den ersten Link einfach mit dem Thema Zeit und was haben wir dann? Ein langes Lied zum Ende. Ja, das dauert 13 Minuten. Ja, das muss so. Zum Ende ruhig nochmal Zeit nehmen! Sagt ja keiner, dass man in der Endzeit keine Kultur haben darf.

GLS Bank mit Sinn

Kinderfilme für feuchte Frühlingstage daheim

Ein Gastbeitrag von Rochus Wolff

In den Wochen und Monaten vor Weihnachten gibt es regelmäßig fast explosionsartig zunehmende Massen von Neuerscheinungen für jene Menschen, die nach Filmmaterial suchen, das sie mit ihren Kindern gemeinsam ansehen können. Da trifft sich, wie bei allen Dingen, die mit Kindern und Geldverdienen zu tun haben, die saisonale Kaufwut mit dem Angebot des Marktes, auch wenn natürlich – leider, leider – die wirklich feinen Angebote zu wenig beachtet werden.

Und wenn das Fest dann geschafft ist, die Lebkuchen verdrückt und das Feuerwerk abgebrannt, dann lassen die Filmverleiher ganz, ganz stark nach. Der Jahresanfang ist in Sachen Kinderfilm erst einmal eine sehr müde Angelegenheit. Im Kino hat sich die Flaute mittlerweile wieder ein wenig gefangen, da ist jetzt der großartige dänische Kindersuperheldenfilm Antboy zu sehen, und für kleinere Kinder bietet Pettersson und Findus – Kleiner Quälgeist, große Freundschaft mehr als solide, wirklich gelungene Unterhaltung.

Aber man kann es sich auch daheim gemütlich machen. Zwei Neuheiten sind da besonders zu empfehlen, beide Großproduktionen aber deswegen tatsächlich ja nicht unbedingt schlechter. Das wäre zum einen Wolkig mit Aussicht auf Fleischbällchen 2, (Cloudy With A Chance Of Meatballs 2) die Fortsetzung des Animationsfilms aus dem Jahr 2009, die vor allem ein wilder, sehr witziger Actionritt ist. Der noch ziemlich jugendliche Erfinder Flint Lockwood hatte im ersten Film eine Maschine erbaut, die aus Wasser Essen produzierte – so wurde aus seiner sehr verdrießlichen Heimatinsel irgendwo im Atlantik eine Art Schlaraffenland, erst als Sehnsuchts-, dann als Horrorphantasie. Nun muss er auf die Insel zurückkehren, denn dort leben mittlerweile aus Obst, Gemüse und anderen Speisen entwickelte Tiere, deren genetischer Code vor allem in Sprachwitz besteht (vom Wassermelofant über die Schrimpansen bis zu den Nilpfertoffeln). Die Tiere drohen, die Welt zu übernehmen – oder sind sie vielleicht doch nur freundliche Wesen? Der Fortsetzung fehlt ein wenig die Originalität und vor allem der emotionale Drive des ersten Films, aber sehr, sehr vergnüglich ist das allemal.

Wolkig mit Aussicht auf Fleischbällchen

Foto: Sony Pictures

Zum anderen kommt Anfang April Die Eiskönigin – Völlig unverfroren (Frozen) auf den DVD-Markt, Disneys Weihnachtsfilm aus dem vergangenen Jahr, den zumindest an unserer Grundschule die meisten Kinder schon gesehen haben – ein spannender und witziger Abenteuerfilm, der am Ende sogar ein wenig von den üblichen Disney-Prinzessinnen-Standards abweicht. Mainstream ist das natürlich schmalziger, aber schöner, sehr gut gemachter Mainstream.

Aus dem Hause Disney kommt auch die zweifellos wichtigste Klassikerneuerscheinung der letzten Wochen: Mary Poppins ist endlich hochauflösend auf Blu-ray erhältlich. Man muss den Film wahrscheinlich kaum vorstellen, viele heutige Eltern haben ja ihre eigenen Kindheitserinnerungen an tanzende Pinguine, Schornsteinfeger oder „Superkalifragilistikexpialegetisch“. Robert Stevensons Film gehört zu den Filmen, die trotz für damalige Verhältnisse (der Film entstand 1964) umfangreicher (und preisgekrönter) Spezialeffekte sehr gut gealtert ist und nie albern wirkt. Gewiss, man kann an weltanschaulichen Details herumkritteln, wie ich das vor einiger Zeit ausführlich getan habe; aber insgesamt ist das punktum halt einer der schönsten, wichtigsten Musicalfilme des 20. Jahrhunderts, den jedes Kind einmal gesehen haben sollte. (Und, versprochen, sie reden dann noch tagelang davon.)

Mary Poppins

Foto: Disney

Auch Mary Poppins freilich hat ein Manko, das zumindest in unserer heimischen Filmschaupraxis eine große Rolle spielt: Der Film ist eigentlich zu lang. Der Alltag unter der Woche erlaubt es eigentlich nie, mal eben neunzig Minuten Film noch unterzubringen (wir schauen aber auch generell im Alltag kein „normales“ Fernsehen, und die Kinder schauen nie allein – wir wollen sofort über das Gesehene sprechen können, und außerdem wollen wir die Filme ja auch sehen!). Und an den raren Wochenenden muss das Wetter schon sehr schlecht sein, bis wir uns die anderthalb Stunden für einen Langfilm an einem Tag nehmen. Wir teilen Filme deshalb meist in zwei oder drei Teile, was aber regelmäßig zu Unzufriedenheit führt; es fehlt eigentlich vor allem an geeigneten kürzeren Formaten.

Bestens geeignet dazu sind natürlich Fernsehserien, die für Kinder meist noch nicht zu lang angelegt sind und deren einzelne Folgen sich wiederum leicht in einen Abend einpassen lassen. Luzie, der Schrecken der Straße werden auch viele Eltern noch kennen – eine perfekte Serie für Regentage im Sommer vor der Einschulung. Neu herausgebracht wurde jetzt aber auch die klassische Serie Die schwarzen Brüder, die in den 1980ern nach einem Roman von Lisa Tetzner entstand. Am 17. April wird dazu ein Film in die Kinos kommen, der Serie – die ich leider selbst noch nicht habe sehen können – eilt aber der Ruf einer sehr sehenswerten Umsetzung um die Erlebnisse Mailänder Kaminkehrerjungen voraus.

Gleich eine ganze Reihe solcher Klassiker gräbt derzeit More Entertainment aus, die für die Reihe The Children’s Film Foundation Collection mittlerweile schon sechs in den 1950er und 1960er Jahren in Großbritannien entstandene Miniserien aufgestöbert hat. Filmpuristen werden sich dabei womöglich an der Form stoßen – der fünfte Beitrag der Reihe etwa, Geheimsache fünf (im Original The Treasure of Woburn Abbey oder Five Clues to Fortune) wurde 1957 als Mini-Serie mit 8 Episoden produziert. Für die erste Ausstrahlung in der ARD wurde daraus in den sechziger Jahren ein zweiteiliger Fernsehfilm; auf der DVD ist nun jedoch die vierteilige Schnittfassung zu sehen, die 1975 im WDR zu sehen war.

Dafür bekommt man in diesem Fall eine höchst klassische Abenteuergeschichte zu sehen: Drei Kinder stoßen auf Spuren zu einem alten Klosterschatz, aber natürlich heftet sich auch ein Bösewicht an sie dran und will ihnen den Fund streitig machen. Ein Hirschgeweih und Tonsplitter bilden den Anfangspunkt, es folgen dann unwahrscheinliche, aber für Kinder höchst nachvollziehbare Indizien, die immer näher auf die Spur führen. Das ist alles sehr aufregend und spannend, obgleich es für heutige Kinderfilme fast schon betulich zuzugehen scheint, und für den nötigen Humor sorgen die ungeschickten Gehilfen des Bösewichts. Wie sich das gehört.

Wer noch lieber einen neueren Kurzfilm genießen will, ist schließlich mit Für Hund und Katz ist auch noch Platz (Room on the broom) gut versorgt, der dieses Jahr auch für einen Oscar als bester animierter Kurzfilm nominiert war. Man sieht dem 25-Minüter sofort an, dass er aus dem gleichen Hause stammt wie der sehr großartige Kurzfilm Der Grüffelo, und auch das gleich Autor/innengespann hinter dem zugrundeliegenden Kinderbuch steckt: Axel Scheffler und Julia Donaldson. Für Hund und Katz ist eine im Grunde klassische Geschichte, eine Handvoll Außenseiter finden sich und raufen sich zunächst eher widerwillig zusammen, und sind am Ende gemeinsam natürlich nicht mehr Außenseiter, nicht mehr allein.

Hund und Katz

Foto: Concorde Home Entertainment

Der Film kombiniert Computeranimation und Zeichentrick, vor allem aber trifft er genau Tonfall, Spannungsmaß und Filmlänge, die man für jüngere Kinder braucht, wenn sie so ab etwa vier Jahren mehr als nur Fünfminutenclips von Molly Monster, Shaun das Schaf oder Tom und das Erdbeermarmeladebrot mit Honig ansehen können, wollen und womöglich auch sollten.

Wobei, Shaun geht für jedes Alter.

Rochus Wolff

Rochus Wolff ist Filmkritiker, Feminist und Vater, nicht unbedingt in dieser Reihenfolge. Seit Januar 2013 beschäftigt er sich im Kinderfilmblog am liebsten mit dem schönen, guten, wahren Kinderfilm. Er lebt mit seiner Familie in Berlin und arbeitet hauptberuflich als PR-Mensch und Konzepter für eine Online-Agentur in Süddeutschland.

 

Woanders – diesmal mit Monstern, Beppo, Thüringen und anderem

Wo die müden Monster wohnen.

Die zwei Geschwindigkeiten von Beppo.

Über eine Jugend in Thüringen.

Ein Vater, der nicht fegen kann.

Eine dörfliche Soundcollage.

Herr Kid denkt über Perlhühner nach.

G8/G9, ach wie scheun. Und hin und her und hopsassa, ist das Abi endlich da. So geht Schulpolitik in Deutschland, kurzgefasst. Hier steht die Langversion.

Wie unterschiedlich die Sternzeichen mit der Buchhaltung umgehen, habe ich für die Firma lexoffice hier erklärt.

Und hier noch ein äußerst interessanter Text zur Zombie-Apokalypse. Na, oder so ähnlich. Aber wirklich lesenswert.

Bilder: Palästina.

 

Konzertempfehlung

Ich war, wo ich sonst nie bin, ich war auf einem Konzert. Da steht man als Familienbetreiber einigermaßen verblüfft im satten Sound, fragt sich, ob man das nicht öfter machen sollte und weiß doch die Antwort schon: man kommt sowieso zu nix. Schlimm.

Aber ab und zu eben doch. Reinhardt Repkes Club der toten Dichter, das war eine sehr feine Angelegenheit, mir ist auch Tage später noch ganz schwärmerisch. Das sind Schiller-Neuvertonungen, was womöglich nicht nach dem Highlight des Monats klingt, das ist aber doch wirklich großartig. Reinhardt Repke hat sich bereits an Busch, Heine und Rilke abgearbeitet, das findet man z.B. auf Spotify und kann da mal reinhören. Jetzt also Schiller, Gedichte vertont als perlende Popsongs, so süffig hat man Schiller noch nie erlebt. Das geht so dermaßen gut zusammen, ich hätte das noch stundenlang weiter hören können. Habe ich natürlich auch, die CD haben wir mitgenommen.

Eine Band aus Musikern, die größtenteils schon Tausende Popkilometer hinter sich haben. Leadsänger ist diesmal Dirk Darmstädter, der ist ohnehin immer sehenswert. Er ist der Gründer von Tapete Records, das kennt man vielleicht? Es gibt bei Musikern so eine Lässigkeit in der Routine, da möchte man sich noch nach Jahrzehnten dafür ohrfeigen, dass man damals als pickeliger Jüngling nicht etwas engagierter auf der Gitarre herumgeklampft hat, dass man so gar nichts kann, dass man nur zuhören kann und sich dabei irgendwie unbeholfen fühlt. Das denke ich öfter, das diejenigen aus meiner Generation, die dem Rock oder dem Pop, wie auch immer, halbwegs treu geblieben sind, doch etwas Grundlegendes richtig gemacht haben im Leben. 50-Jährige mit Gitarre sehen oft so aus, als gehöre das so, als müsse man so ein Instrument dabei haben, als sei das so selbstverständlich wie ein Anzug. Na, das passt zumindest dann, wenn sie in der Schule nicht gerade die Physikstreber waren, sondern normale, sympathische Leute. Hätte man damals doch mehr im Peter Bursch gelesen, statt in der Düsterlyrik aus der Romantik! Schlimm.

Jetzt laufen die Lieder hier in heavy rotation. Der Refrain des Räuberlieds: “Stehlen, morden, huren, balgen, heißt bei uns die Zeit zerstreun – morgen hangen wir am Galgen, drum lasst uns heute lustig sein” ist womöglich gar nicht so kinderkompatibel, aber was soll man machen. Sie merken sich die Texte so schnell, die lieben Kleinen und hey, es ist Schiller. Man muss die Zugänge zur Klassik nutzen, wo immer man sie findet. Und es ist wirklich ein besonders eingängiger Titel, muss es auch sein, logisch.

Hier ein Video meines Lieblingsliedes, die Antiken zu Paris, das ist ein Gedicht über eine Raubkunstausstellung, um es mal sehr profan zu beschreiben.

Den Konzertplan findet man oben unter dem Link zum Club der toten Dichter, ich kann das sehr empfehlen, gehen Sie da hin, das ist feine wirklich feine Unterhaltung. Im Plan sind faszinierende viele Orte gelistet, die ich noch nie gehört habe, vielleicht wohnen Sie ja auch in so einer seltsamen Gegend? Dann nehmen Sie sich das mal vor.

Hochgucken, Tag 4

Mir gegenüber ein älterer Herr, für den man extra man die hübsche Vokabel soigniert wiederbeleben müsste. Lange nicht mehr gehört, das Wort.

Nadelstreifen, aber keine geckenhafte 30er-Jahre-Verschnitt-Variante, nur einfach ein guter Anzug. Blankgeputzte Schuhe, Krawatte mit Nadel, daran etwas, das ein Clubabzeichen sein könnte, ganz klein. Man müsste schon sehr nah herangehen, um es genau zu erkennen. Weißes Hemd, dezente Manschettenknöpfe, mattes Silber. Keine Outdoorjacke, wie sie sonst alle tragen, sondern ein Kleidungsstück irgendwo zwischen Mantel und Jacke. So etwas wie Loden vielleicht, aber nicht in grün, sondern in grau und ohne jeden volkstümlichen Schnickschnack. Herrenausstattermode. Der Stoff sieht weich und teuer aus. Walkstoff, auch so ein Wort, das mir kaum je begegnet. Randlose Brille, graue Haare, im gleichen Ton wie die Jacke.

Er sieht ein wenig zu alt aus, um noch in ein Büro zu fahren, zumindest tut er das nicht mehr als Angestellter. Als Inhaber ist es vielleicht etwas anderes, als Berater, als Seniorchef, als wissenschaftlicher Beirat, als Aufsichtsrat. Fährt ein Aufsichtsrat mit der S-Bahn? Er hat es nicht eilig, er sitzt da sehr entspannt. Keine Zeitung, kein Buch, kein Handy, er sieht einfach aus dem Fenster. Nicht interessiert, sondern so, wie man eben aus dem Fester sieht, wenn da draußen irgend etwas vorbeizieht, das einem völlig egal ist. Hammerbrook ist das in diesem Fall, ein Stadtteil, der den meisten Hamburgern völlig egal ist. Der Herr sitzt und guckt, seine Mimik ist leicht, ganz leicht bewegt. Ab und zu gehen die Augenbrauen ein klein wenig nach oben, ab und zu ahnt man ein Nicken,ein Kopfschütteln, eine kaum wahrzunehmende, wiegende Bewegung. Dann ein etwas rhythmischeres Nicken, auch das sehr zurückhaltend. Seine Finger tippen manchmal sachte auf die Knie. Er hört Musik .

Er hört Musik aus Kopfhörern, wie sie jetzt aktuell sind, groß und voluminös. Es ist gar nicht lange her, da hätte man so etwas von der Form her noch für Lärmschutz gehalten und nur in Fabrikhallen aufgesetzt. Heute tragen das aber alle auf dem Weg in die Fabrikhallen, die natürlich nur noch Büros sind. Die Kopfhörer des soignierten Herrn sind, das kann man auch bei freundlicher Betrachtung kaum anders ausdrücken, in einer Farbe gehalten, die man als Brüllpink-Metallic wohl annähernd korrekt bezeichnet. Er trägt mit der größten anzunehmenden Würde ein Accessoire, das an ihm genau so falsch und grotesk aussieht, wie ein Hello-Kitty-Rucksack oder ein Lillifee-Krönchen. Es glitzert schrill an seinem Kopf.

Und er hört damit, man kann das natürlich nur ahnen und raten, klassische Musik. Dieses ganz leichte Wiegen des Kopfes, die Augenbrauen, die ab und zu sachte in die Höhe gezogen werden und dort oben leicht schaukelnd einen kleinen Moment verweilen… die folgen doch Violinen, möchte man annehmen.

Ich stehe auf und steige aus, der Mann sieht mich an, lächelt und nickt. Ein verbindliches Nicken, als hätte ich eben bei ihm einen Bausparvertrag unterschrieben oder einer Firmenfusion zugestimmt. Er ist es gewohnt, höflich zu sein. Ein kultivierter Typ, gar keine Frage.

Dann sieht er wieder aus dem Fenster, wo Zimmerleute auf einem Fleet an Hausbooten bauen. Sie tragen gerade Latten vom Ufer auf die Schiffe. Aber der Herr sieht nicht so aus, als würde er das wahrnehmen. Er hört einfach nur konzentriert Musik. Aus pinkfarbenen Kopfhörern. Mit Glitzer.

#hamburg #hammerbrook

Woanders – Der Wirtschaftsteil

Fangen wir gleich mit der Wahrheitsfindung an – und mit einem grandiosen deutschen Wort, mit der “Lebensmittelbuchkommission”. Es geht um das, was auf Etiketten steht, auf den Etiketten von dem Zeug, was etwa bei Discountern so als Lebensmittel verkauft wird. Womit man dann natürlich ganz zwanglos zum Etikettenschwindel überleiten kann, den es nicht nur in der Lebensmittelindustrie gibt, nein,das können andere Branchen auch ganz gut.

Wobei natürlich gerade beim Thema Energie die Sachlage so dermaßen kompliziert ist, dass jeder mutmaßliche Experte jeden Verbraucher leicht an die Wand spielen kann. Ob es da hilft, wenn die großen Medien Beiträge zum Thema Energie in nett animierten Specials aufbereiten? Ist das nun die strahlende Zukunft des Journalismus – oder ist das nur eine unselige Kreuzung aus Powerpoint und Peter Lustig? Schwer zu sagen.

Wenn es beim Thema Energie um neue Technologien und Lösungen geht – was soll man da überhaupt glauben? Geht es um Risiken oder um Lösungen? Na, einige Neuheiten wirken zumindest so, als seien sie harmloser für die Umwelt als andere.

Es gibt, das liegt sicher ganz am Rande des Themas, passt aber doch noch irgendwie, auch in Europa übrigens Menschen, die für Strom gar nichts bezahlen. Weil sie in einer Gegend wohnen, in der Strom einfach illegal abgezapft wird. Aus Gründen, wie man so schön sagt.

In der Cañada Real leben auch Flüchtlinge. Eine soziale Gruppe, zu der man nicht oft gute Nachrichten findet, umso dringender müssen sie dann hier vorkommen. Das ist schön, nicht wahr, wenn die Menschen so aufeinander zugehen, das leuchtet unmittelbar ein, dass das wertvoll ist. Man kann auf viele Arten aufeinander zugehen, man kann dabei auch einfach mit Kimchi anfangen. Warum nicht?

Aber wir reiten immer wieder auf den selben Branchen herum, das muss aufhören. Wir wollen auch endlich auf andere Bereiche sehen, die sind bestimmt auch spannend. Andere Branchen z.B., in denen Deutschland noch prächtigen Erfolg hat. Und auch bei diesen Geschäften lohnt selbstverständlich ein Blick auf die Details.

Wobei unter uns sittlich bemühten Menschen der Waffenhandel natürlich sowieso kein Thema ist, was hat das schon mit unserer Lebenswirklichkeit zu tun? Nichts. Wenn wir etwas aus dem Holster ziehen, dann ist es sicher keine Pistole, sondern etwas ganz anderes. Eh klar.

Und in den Blogs? Dort denkt man derweil weiter über das Richtigmachen nach. Und zwar intensiv. Manche überkommt es plötzlich beim Backen, aber ganz egal wobei – es überkommt immer mehr. Mit immer anderen Ergebnissen. Und wenn man das Richtigmachen dann versucht, dann ist es manchmal gar nicht so einfach, wie es klingt. Kann man hier in der SZ nachlesen. Die Autorin, so liest man in ihrer Bio, hat eine Schwäche für Subkulturen. Da weiß man dann wieder, wo man hingehört, wenn man sich mit so schrägen Themen wie Foodsharing abgibt.

Im Kulturteil sehen wir uns schließlich noch das an, was wir uns im Job sowieso jeden Tag ansehen, sei es nun von außen oder von innen. Es wird hier nur etwas anschaulicher präsentiert. Das gute alte Hamsterrad.

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