Seehamer See

Wir fuhren morgens von Reichertshausen aus los, Richtung Südtirol. Ich dachte während der Fahrt über ein Thema nach, dass mir kürzlich auf Twitter zugeworfen wurde, da hat nämlich jemand vorgeschlagen, ich finde leider gerade nicht wieder, wer es war, Isa und/oder ich sollten “White-Rabbit-Reisen” machen und darüber schreiben. Das bezieht sich natürlich auf Alice im Wunderland, es gibt hier im Urban Dicitonary eine schöne Erklärung der vermutlich ohnehin bekannten Phrase “Follow the white rabbit”. Man kann es natürlich für Reisezwecke ein wenig umdefinieren und deuten, was das weiße Kaninchen unterwegs sein könnte. Die Kinder können Hinweisgeber der besonders irrationalen Art sein, sie sollten es sicherlich auch sein, wenn man als Familie unterwegs etwas Spaß haben möchte. Die sozialen Medien können ebenfalls Spuren legen, das klappt übrigens auch faszinierend gut. Man schreibt auf Twitter “Meran” und Minuten später schreibt jemand, wo man da hingehen soll. Und alle Arten von mehr oder weniger absurden Zufällen und Bekanntschaften unterwegs sind natürlich auch genau richtig.

Man kann sich grundsätzlich entscheiden, solchen Hinweisen gegenüber aufgeschlossen zu sein, wir haben das in Südtirol, vor allem in Meran so gemacht – und es hat sich gelohnt, dazu später noch mehr. Man kann ausdrücklich offen für Zufälle und Ablenkungen sein, für Irrwege, Abbiegungen und Absonderliches. Je mehr ich darüber nachdenke, desto mehr gefällt mir dieser Gedanke des immer wieder zufallsgesteuerten Reisens, da muss ich noch mehr versuchen, ich bin viel zu organisationsbesessen. Und deswegen ärgert es mich immer noch, dass ich den kleinen weißen Kaninchen in Gestalt der Söhne am Autobahnparkplatz Seehamer See nicht gefolgt bin.

Wir haben von München an Stau gespielt, bis zur Grenze immer wieder in allen Versionen, kurz, lang, Stop-and-go, halbstündiges Rollen bei 30 km/h, was man sich nur an Fahrnichtvergnügen ausdenken kann, am Straßenrand ein Blechschaden nach dem anderen. Es war ein allgemeines Reisewochenende, das war uns vorher klar, Spaß machte es dennoch nicht, wie überhaupt Autofahren eher nie Spaß macht, finde ich.

Am Seehamer See, noch gar nicht weit von München entfernt, mussten die Kinder mal aus dem Auto. Wenn man dort etwas über den Platz geht, sieht man am unteren Ende des etwas abschüssigen Geländes einen Weg, der zu einer Straße führt. Und hinter der Straße ist ein See. Das sieht dort landschaftlich hübsch aus, da stehen Bootshäuschen am Rand, da gibt es freundlich begrüntes und bewaldetes Ufer – und badende Menschen. So etwas erwartet man nicht gerade an einem Autobahnparkplatz, meistens sind hinter Autobahnparkplätzen nichts als Leitplanken, Zäune und Gegend, ohne Wege und Attraktionen.

Es ist also so, dass man auf diesem Autobahnparkpatz hält und 100 Meter weiter in einen Badesee steigen kann. Einfach so, direkt hinter dem Parkplatz. Eine wirklich einladende Stelle, genau vor uns badete gerade ein Pärchen, das einen winzigen und sehr vergnügten Hundewelpen zwischen sich hin- und herschwimmen ließ, eine Szene, die für Sohn II Tage später noch ziemlich wichtig werden sollte, über dieses Bild hat er lange nachgedacht.

Natürlich, wir hätten da einfach baden sollen. Stundenlang, wenn es denn Spaß gemacht hätte, und keine Frage, das hätte es. Aber Herr Buddenbohm hatte ja einen Plan, der Plan beinhaltete ein Ziel und natürlich eine Tageszeit. Herr Buddenbohm wollte also weiterfahren. Die Herzdame war etwas unentschieden, die Söhne dann eher ziemlich bedröppelt, als wir sie wieder zum Auto zogen. Wir stiegen wieder in das glühende Auto und fuhren im Schneckentempo weiter nach Süden. Das war dumm. Ein, zwei Stunden hätten der Reise nicht geschadet, im Gegenteil.

Und ich kann mir jetzt Gedanken machen, wie wir noch einmal zum Seehamer See kommen. Schlimm.

 

Kloster Scheyern

Türklopfer Kloster Scheyern

 

Das Kloster Scheyern ist eine Benediktinerabtei im gleichnamigen Ort. Da kommen übrigens auch die Wittelsbacher her, die mit der Geschichte des Kloster viel zu tun haben. Für die Region und auch für Bayern also ein besonderer Ort und nicht nur ein Kloster unter vielen.

Es klingt vielleicht nicht so spannend, mit Kindern zu einem Kloster zu fahren, die Erfahrung zeigt aber, das kann man sehr gut machen. Besonders, wenn man norddeutsche Kinder dabei hat, die eine derartige Prachtentfaltung überhaupt nicht gewohnt sind. Denn die Anlage ist schon auf den ersten Blick reich, pompös, mächtig, riesig und beeindruckend – und zwar in einem Ausmaß, dass Sohn I nach einigen Minuten Bedenkzeit schon auf die Frage kam, wie denn bitte die Kirche so viel Geld haben könne, was den mit den Armen sei und überhaupt?

Kloster Scheyern

 

Kopfschütteln beim Nachwuchs, gleichzeitig fanden die Söhne das Bauwerk aber schon auch schön. Eine seltsame Sache, aber schön. Und so nett angemalt, das fanden sie auch gut, das mit der Farbe.

Kloster Scheyern

 

Das Kloster ist noch in Betrieb, gar kein Museum wie sonst immer alles aus dieser Zeit,das fanden sie höchst irritierend.

Kloster Scheyern

 

Kloster Scheyern

 

Das hebt so einen Bau auf eine ganz andere Dimension der Echtheit, das wird dann sofort mit anderen Augen gesehen. Kein Museum, keine Attrape, kein Plastik, keine Show!

Portal Kloster Scheyern

 

Und der Papst war auch schon da, singe ich im Geiste vor mich hin, denn das war er wirklich, zumindest der vorige, wie man auf den Schildern dort lesen kann, auf denen sogar stolz verzeichnet ist, welche Wanderwege er gegangen ist.

Die Wanderwege sind teilweise auch Pilgerwege, ein Zubringerweg zum Jakobsweg ist dabei, da hatten wir dann wieder viel zu erklären. Das Ziel des Pilgerns leuchtete den Söhnen nicht ganz ein, aber die Sache mit der Muschel als Wegzeichen, die fanden sie gut. Kinder lieben Geheimzeichen, das klappt immer. Und bis zur nächsten Muschel zu laufen, das klingt dann doch nachvollziehbar. Schnitzeljagd in ganz groß.

Kloster Scheyern

 

Im riesigen Hof des Klosters ein Springbrunnen, die Söhne waren natürlich sofort drin, das hört jetzt so leicht nicht mehr auf. Vor dem Eingang der Basilika eine Hochzeitsgesellschaft, so etwas ist natürlich auch immer interessant. Vom lautstarken Kommentieren des Hochzeitskleides konnten wir die Söhne gerade noch abhalten, es sagte ihrem Geschmack leider nicht zu.

Kloster Scheyern

 

Ebenfalls abhalten mussten wir sie vom naheliegenden Verlangen, diese Glocke mit größeren Steinen zu bewerfen, um den Klang zu erleben.

Kloster Scheyern

 

Zu dem Kloster gehört ein Gut von beträchtlicher Größe, das Gut ist in Betrieb, eine Versuchsanstalt für die nachhaltige Nahrungsproduktion. Man kann sich dort auch herumführen lassen. Das haben wir nicht gemacht, es war schon wieder zu heiß, interessiert hätte es mich aber schon.

Gut Kloster Scheyern

 

Gut Kloster Scheyern

 

Man sieht übrigens, dass es menschenleer war, die ganze Anlage kaum besucht.

Gut Kloster Scheyern

 

Vor dem Gutshof ein Skulpturenpark, der lohnt auch einen Abstecher (vom Kloster 10 Minuten zu Fuß), denn Skulpturen finden Kinder in aller Regel super.

Skulpurenpark Kloster Scheyern

 

Skulpurenpark Kloster Scheyern

 

Ist das schön, warum ist das schön – und wenn es nicht schön ist, warum macht das dann erstens jemand, warum stellt man es zweitens dahin, wo sich drittens jemand dann all das fragen muss? Kunst ist ein endloses Thema.

Skulpurenpark Kloster Scheyern

 

Und können sie irgendwann auch so gut schnitzen? Wenn sie viel üben?

Skulpurenpark Kloster Scheyern

 

Vor dem Kloster auch ein altes Brauhaus, ein Schild weist darauf hin, dass hier Solarbier gebraut wird – also die Anlagen nur mit regenerativer Energie betrieben werden. So ein Koster kann eine ziemlich moderne Angelegenheit sein.

Brauhaus Kloster Scheyern

 

Und zum Kloster gehört auch ein Biergarten. Der erste Biergarten, den die Söhne gesehen haben, das Prinzip kannten sie so überhaupt nicht. Stühle und Tische auf Schotter unter Bäumen, Kellnerinnen und Kellner in Tracht, Brezeln ungeheuerlichen Ausmaßes. Getränke gibt es nur in Übergröße und niemanden stört es, wenn sie neben dem Tisch weiter an ihren Stöckchen herumschnitzen oder wenn sie zwischen den Tischen herumlaufen. Das Prinzip Biergarten fanden sie sehr überzeugend, das dürfte gerne auch bei uns öfter vorkommen. Mit Tracht und allem.

Gegessen habe ich dort ein Brauburschenbrotzeit, schon weil “Buddenbohm isst Brauburschenbrotzeit” so einladend klang. Die Platte reichte für mich und die Kinder, Brauburschen müsssen sehr viel Hunger haben. Sohn II aß noch ein paar Weißwürste dazu, er ist schon lange ein großer Fan dieser Spezialität. Sehr gute Auswahl, sehr guter Preis, den Biergarten sollte man aufsuchen, wenn man dort in der Nähe ist, das lohnt auch einen Umweg – Klosterschenke Scheyern.

Brauburschenbrotzeit

 

Am nächsten Tag fuhren wir weiter nach Südtirol und haben unterwegs etwas ausgelassen, was mich immer noch ärgert.

 

Woanders – Der Wirtschaftsteil

Es gibt Themen, da helfen Reportagen viel mehr als die Nachrichtenlage auf den topaktuellen Seiten, da helfen lange, ruhige Texte mehr als all die Ticker und Eilmeldungen. Das ist vermutlich auch beim Thema Griechenland so. Zumindest kann man darauf kommen, wenn man diese Reportage liest.

Man kann das auch noch an einem anderen Thema verdeutlichen, noch einmal bei der Zeit, was natürlich auch kein Zufall ist, Ehre, wem Ehre gebührt. Lampedusa kennt man aus der Tagesschau als Schlagwort, man kennt die Insel etwas besser, wenn man diese Reportage gelesen hat.

Und wenn wir schon dabei sind, dann machen wir noch ein wenig mit längeren Stücken weiter. Und auch mit dem Ausland. Etwa mit dem Aralsee (englischer Text), man könnte allerdings auch von der Aralwüste reden, das passt genau so gut. Der Mensch und die Folgen, das war dort Kapitel 1, die Wüste und die Folgen, das ist nun Kapitel 2.

Noch weiter östlich gibt es auch etwas zu berichten. Das Ausland bringt uns hier also zu den Umweltthemen.

In der oben erwähnten Wüste ist es heiß und heiß ist es hier auch im Sommer. Manchmal. Immer öfter. Oder nicht? Jetzt gerade? Ist das eigentlich noch Wetter oder ist das schon der Klimawandel? Und wenn es Klimawandel ist, wie schlimm ist das denn nun wirklich? “Die Bedrohung durch den Klimawandel entspricht der Bedrohung durch einen Atomkrieg”. Welche hysterische Öko-Truppe hat das wohl wieder von sich gegeben? Ein britisches Ministerium (englischer Text). Sieh mal an.

Da wird die Wortwahl also deutlicher, da geht es zur Sache. Die Zeichen werden immer deutlicher – umso mehr muss man übrigens aufpassen, wer was warum berichtet.

Das betrifft selbstverständlich nicht nur das Klima und die Energiepolitik. Es gibt so viele Themen, bei denen Informationen untergehen, nicht recht gewürdigt werden, im alltäglichen Nachrichtenstrom nur maximal eine halbe Stunde lang aufflackern. 430.000 Europäer sterben jährlich an Feinstaub. Das ist nur eine Meldung nebenbei. Die Umweltthemen sind unerfreulich wie eh und je, man mag es gar nicht mehr zur Kenntnis nehmen. Das soll einfach weggehen – es geht aber nicht weg.

In unseren Gewässern, in den bayerischen Seen und Flüssen z.B., mitten im Binnenland, treiben Plastikteile. Und im Norden ist auch was im Wasser, wenn auch etwas anders. Weltweit gesehen ist es nicht nur das Wasser, das ein kleines Problem hat, auch der Boden, der ganz normale Boden, ist am Limit.

Luft, Wasser, Boden. Klingt ziemlich komplett, hm? Umweltschutz bleibt ein wichtiges Thema. Man merkt es an den eben verlinkten Meldungen. Und womöglich merkt man es natürlich auch am Wettter.

Zum Schluss wie fast immer der Link für den Freundeskreis Fahrrad, diesmal mit einer guten Nachricht besonders für den Raum München – es geht um Radschnellwege, da mag man ja schon das Wort.

GLS Bank mit Sinn

Reichertshausen

Reichertshausen im Landkreis Oberpfaffenhoffen, das klingt als Reiseziel vielleicht etwas originell. Und tatsächlich wären wir da auch gar nicht gewesen, hätten wir dort nicht Verwandtschaft, die erstens supernett ist, die man zweitens viel zu selten sieht, und die drittens strategisch äußerst günstig wohnt, wenn man auf der Route nach Italien Station machen möchte. Und das wollten wir, denn Südtirol ist mit Kindern etwas schwierig zu erreichen, wenn man in Hamburg wohnt und einem der Kinder beim Autofahren immer schlecht wird. Wir wollten nicht tagelang mit dem Auto fahren, deswegen haben einen Teil per Zug gemacht. Wir wollten aber auch nicht mehr als sechs Stunden im Zug verbringen und vor Ort in Italien möglichst beweglich sein, deswegen haben wir den zweiten Teil der Strecke mit dem Auto absolviert. Und das würden wir vermutlich auch wieder so tun, auch wenn man recht lange braucht.

Wir fuhren von München aus bald über Landstraßen, es wurde ziemlich hügelig, wenn auch noch nicht ausgesprochen bergig, aber doch immerhin so hügelig, dass man stellenweise so etwas wie Fernblick hatte. Sagen wir einen mittelweiten Fernblick. Einen mittelweiten Fernblick über eine traumschöne Sommerlandschaft, in der natürlich bayerische Häuser standen, bayerische Kirchen in den Himmel ragten, rotbunte Kühe weideten. Die Söhne waren komplett hingerissen, die kannten so etwas nicht, es sind eben Kinder der norddeutschen Tiefebene.

Laut Sohn I, der förmlich am Autofenster klebte, war es um uns herum “schön wie in Nangilaja”, also wie im Heckenrosental aus den Brüdern Löwenherz von Astrid Lindgren, das war ein Kompliment von beträchtlicher Größe. Wir hielten Ausschau, wo Tengil wohnen könnte, wir stellten uns vor, das Auto sei eine Kutsche und am nächsten Hügel würden Reiter warten, wer weiß, von welcher Truppe. Es war eine spannende Fahrt.

Ich habe es nicht recherchiert, ob der Landkreis Oberpfaffenhofen sonst viel zu bieten hat, aber Landschaft können sie da. Und Hopfen, Hopfen können sie auch. Das weltgrößte (?) zusammenhängende Hopfenanbaugebiet, irgendein Superlativ in der Richtung war es. Wir haben den Hopfen am Abend selbstverständlich feierlich gewürdigt, denn man soll immer regional trinken, das ist ganz wichtig.

Hopfenschnaps

 

Die Verwandten haben einen Garten, im Garten war ein winziger Springbrunnen, in den sich die Söhne sofort gesetzt haben. Das haben sie in Berlin gelernt, da sieht man wieder, dass Reisen wirklich bildet. Ein kleiner Garten, ein kleiner Springbrunnen, ein Wasserschlauch  – genug für stundenlangen Kinderspaß. Das sind die Szenen, mit denen man bei der Urlaubsplanung gar nicht rechnet, weil man als Erwachsener auf Reisen immer nach Attraktionen sucht und versucht, möglichst viele einzuplanen, während die Kinder einfach welche finden. Überall. Und vermutlich reist man als Familie klüger, wenn man sich immer noch mehr nach dem richtet, was die Kinder da finden. Ich habe immer noch zu viel Planungsehrgeiz, das muss sich ändern.

Wir sind zwei Nächte bei den Verwandten geblieben, die Söhne hätten den Aufenthalt gerne noch verlängert.

Gefunden hat Sohn II dort in dem kleinen Garten allerdings auch eine schmale Treppe hinterm Haus. Und die hat er so überraschend gefunden, dass er sie im Steilflug hinabstürzte und dann kopfüber in dem Busch links unten landete. Aber Chuck Norris und Sohn II, die friemeln sich nach so einem Sturz einfach die Nadeln aus dem Körper und laufen dann weiter. Wobei er seit diesem Sturz aber konsequent oben ohne herumlief, weil er so coole Schrammen hatte. Man muss auf sein Image achten und es pflegen, auch mit fünf Jahren schon.

Gartentreppe

 

Von diesem Zwischenfall abgesehen waren die Söhne sehr zufrieden mit Bayern, sie fanden die Reise an diesem ersten Abend schon sehr lohnend und erfreulich. Nur als unsere Gastgeber nach dem stundenlangen Springbrunnenbad Handtücher mit FC-Bayern-München-Aufdruck reichten, mussten sie sich doch auf ihre norddeutsche Ehre besinnen – und ablehnen. Bevor man sich mit so etwas abtrocknet, geht man lieber nass und trotzig “Pauli!” murmelnd ins Bett, soviel Lokalpatriotismus muss schon sein.

Am nächsten Tag besuchten wir das Kloster Scheyern.Mehr dazu in Kürze.

 

 

Hamburg-München (2)

Der Zug hielt in Fulda und ich hatte also tatsächlich die Gelegenheit, den hier erwähnten Tweet zu posten, das kam dann doch wesentlich schneller als gedacht. Wobei ich gerne zugebe, dass er so ein Kracher nun auch nicht ist, aber er ist eben alles, was ich zu Fulda überhaupt habe.

 

Abgesehen von dieser Szene weiß ich von Fulda rein gar nichts mehr, es ist schon ein paar Jahrzehnte her. Es war da hügelig – mehr fällt mir nicht ein. Ich habe mir Bilder der Stadt angesehen, nichts kommt mir bekannt vor. Aber auf Klassenfahrten interessiert man sich auch nicht für Gebäude. Ich weiß natürlich noch gut, wie das Mädchen aussah, in das ich verliebt war. Ich sehe sie noch vor mir, schlafend im Bus, wie das Haar ein wenig über ihr Gesicht fiel, wie ihr T-Shirt an der Schulter etwas verrutscht war, wie ihre Finger beim Einschlafen an der ledernen Halskette spielten. Und ich erinnere mich noch an die Musik, an dieses damals dauerpräsente Vamos a la playa, an Everything counts von der Gruppe Depeche Mode, deren Mitglieder damals außerordentlich interessante Frisuren hatten, die allen Jungs sehr erstrebenswert schienen. Die Frisuren waren noch interessanter als die Musik, wenn ich so darüber nachdenke. Ich habe einen solchen Haarschnitt dann doch nie im Leben gehabt, das sind die kleinen Niederlagen.

Man kommt drüber weg, ich bin mit meiner Frisur heute ganz zufrieden. Und habe jetzt nach all der Zeit wieder einen gepflegten “Vamos a la playa”-Ohrwurm, das ist auch nicht schön.

Ansonsten wirbt Fulda heutzutage mit dem “Slogan “Barock & Business”, da fallen einem viele schöne Bilder ein, wenn man über diese Begriffskombination nachdenkt. Nach Burnout klingt das gewiss nicht, aber nach Potentaten in Konferenzraumsesseln, Durchlaucht in der Telco und absolutistischen Hierarchien.

Business Punk gibt es als Magazin für eher junge Menschen im Business, Business Barock könnte das Coffeetablemagazin für die älteren und erfolgreichen, die sogar sehr erfolgreichen Player sein. Hemmungslos herumprotzen, Vasallen herumscheuchen, sich gigantische Denkmäler bauen, in goldenen Kutschen fahren! Da geht doch was. Und wenn der Businessbarock dann irgendwann in ein neues Rokoko mündet und Schäferspiele im Großraumbüro aufgeführt werden – das könnte wirklich interessant werden. Aber so ist das natürlich nicht gemeint, schon klar.

Der Zug hielt dann noch außerplanmäßig in Ansbach, ich schrieb schnell einen Ansbach-Tweet – und konnte ihn nicht senden. Der Zug rollte schon wieder an, es waren nur noch Sekunden, bis das Netz vollkommen weg sein würde, wie bei jeder verdammten Zugfahrt in Deutschland, ich bekam schon etwas Panik. Da hatte ich gerade das Problem mit dem Fulda-Tweet gelöst, nur um einen mit Ansbach auf ewig in meinen Entwürfen zu haben? Was für eine Vorstellung! Er ging aber doch noch raus. In der allerletzten Sekunde. Ich weiß nicht, wie ich es sonst jemals wieder nach Ansbach geschafft hätte, um ihn loszuwerden, man will so etwas doch nicht lebenslang im Speicher haben.

Muss man zu Ansbach irgendwas wisssen? “Ansbach ist in Westmittelfranken”, das klingt fast so schön wie Nordostwestfalen. Immerhin!

Nach Ansbach wurde es minütlich immer wärmer im Zug, vielleicht war das doch noch das legendäre Klimaanlagenproblem im ICE, von dem man immer hört. Ein allgemeines Wegdämmern setzte ein, sinkende Augenlider wohin man auch sah, bis der Zug endlich München erreichte und schon ab dem Stadtrand nur noch in Schrittgeschwindigkeit fuhr, man konnte sich innerlich wirklich gründlich auf das Aussteigen vorbereiten. Den Teil mit der Gluthölle in der Stadt und den ähnlichen Beschreibungen lasse ich weg, das kann sich mittlerweile jeder denken. Heiß eben. Wie neuerdings fast immer. Die Familienkarawane zog mit den Gepäckstücken, die vermutlich immer noch sieben waren, sich aber so anfühlten, als hätten sie sich während der Fahrt vermehrt, durch den Bahnhof und suchte die Autovermietung. Die kann man in München lange suchen, die ist bemerkenswert gut versteckt und sicherheitshalber auch nicht ausgeschildert, da ist die Freude riesig, wenn man sie endlich findet. Klimatisiert ist sie, wer an heißen Tagen in München Abkühlung sucht, sollte einfach mal so tun, als würde er am Bahnhof ein Auto mieten wollen. Das erfrischt.

Wir wühlten uns durch den Papierkrieg und die Anmeldeprozedur, dann mussten wir weitergehen, nach “gleich da vorne”, wie die freundliche Dame von der Autovermietung so einladend sagte und vage in die Gegend vor dem Bahnhof zeigte. “Gleich da vorne” ist aber für schwer bepackte Familien ganz schön weit, ganz schön heiß, ganz schön anstrengend. Das gilt übrigens generell auf Reisen mit Kindern, all diese Wegbeschreibungen und Zeitangaben sind Unfug und unbrauchbar, man braucht für alles viel mehr Zeit als in den Reiseführern steht. Immer. Dramatisch viel mehr Zeit. Es ist nie etwas “gleich da vorne”, es sind nie “nur 5 Minuten”, man macht nie etwas “mal eben”.

Wir suchten das Parkhaus, wir suchten im Parkhaus das Auto, wir luden alles ein. Das dauerte erstaunlich lange, zumal wir auch noch Kindersitze einbauen mussten, es war ein endloses Gefummel. Als endlich alles fertig war, haben wir erst gemerkt, dass es das falsche Auto war, es war nämlich kein Automatikwagen. Ich bin in den letzten 30 Jahren nur Automatikwagen gefahren, ich habe nicht vor, im Urlaub wieder Getriebe zu studieren, womöglich noch am Berg. Automatik ist super. Ich habe nie verstanden, warum alle Deutschen so gerne schalten, ich halte das ja für einen seltsamen Kollektivklaps, aber egal.

Wir haben also alles wieder ausgeladen und die Situation mit der Autovermietung geklärt, zu der man natürlich erst zurückgehen musste, was noch einmal eine Dreiviertelstunde dauerte, in der die Kinder größtenteils etwas apathisch, hungrig und durstig im Parkhaus auf dem Boden saßen und München tendenziell ziemlich doof fanden.

Dann wurde uns ein anderes Auto zugewiesen – und das Auto, das einzige, das wir überhaupt noch bekommen konnten, war dann wohl der kleine ironische Schlenker des Schicksals, den ich mir durch meine Idee verdient hatte, einmal etwas umweltfreundlicheren Urlaub zu machen. Also ohne Flugreise. Auf einem Biohof. Mit Besichtigung von weiteren Biobetrieben, regionalem Handwerk usw., ich wollte einmal etwas ganz anderes machen, als Pauschalreisen mit Flug und Halbpension. Und das Auto für uns war dann kein sparsam-sinnvolles Familienauto, sondern ein fetter SUV. Denn die Götter haben bekanntlich Humor.

Wir fuhren durch München nur durch, ganz ohne etwas anzusehen, wir wollten schnell weiter nach Reichertshausen. Bericht dazu in Kürze.

Irgendwas in München

 

Nachtrag zu gestern: Hier eine Rezension zu Vea Kaisers Blasmusikpop, das ich während der Zugfahrt sehr zufrieden gelesen habe.

 

Hamburg-München

Bozen-Krimi

 

Der Urlaub begann mit einem Kraftakt. Und damit ist noch gar nicht die sechsstündige Zugfahrt nach München gemeint, es ging schon vorher los. Denn da wir quasi direkt neben dem Hamburger Hauptbahnhof wohnen, können wir da nicht mit dem Auto oder mit der S-Bahn hinfahren, wie es normale Leute tun, nein, wir müssen da hingehen. Das ist ein kurzer Weg,  der sich aber faszinierend in die Länge zieht, wenn man auf ihm sieben Gepäckstücke und zwei Kinder trägt, hinter sich herschleift, vor sich herschiebt, rollt, zieht, was auch immer. Und, versteht sich, dazu noch eine Provianttasche ungeheuerlichen Ausmaßes. Denn aufgrund eines historisch vermutlich noch gar nicht so lange überholten Schutzinstinktes gehen Menschen – und vor allem Eltern – bekanntlich heute noch davon aus, dass man gerade auf Reisen schnell verschmachtet, und dem ist entschieden und kalorienreich vorzubeugen. Bordbistro im ICE hin oder her. Auf unserem Weg zum Bahnhof gingen wir an betenden Moslems vor einer Moschee vorbei, es war gerade der Morgen des Fastenbrechens, da war fröhliche Feststimmung am Straßenrand. Männer in arabischen Gewändern  steckten uns und den Söhnen noch mehr Proviant zu, Dattelgebäck, Mandeln und Süßigkeiten. Ich mag Multikultiviertel.

Es war am frühen Morgen schon beeindruckend warm in Hamburg, es ist überhaupt gerade dauernd so warm um mich herum, dass mir bald die Adjektive und Metaphern ausgehen. Womöglich nenne ich das Wetter dann einfach nur noch sommerlich. Früher haben wir heiße Tage ja auch nur schlicht Sommer genannt, ganz ohne jeden Beschreibungsbarock, wir hatten ja nichts! Wobei ich allerdings „es war Sommer“ nicht denken kann, ohne dass eine Maffay-Stimme in meinem Kopf „zum ersten Mal im Leben“ weitersingt, das ist auch schlimm.

Wir kamen also schon schweißgebadet am Bahnhof an, wo wir uns dann dank des beliebten Gesellschaftsspiels „abweichende Wagenreihenfolge“ in einer hysterischen Meute schwerstbepackter Reisender wiederfanden, die hektisch am Zug auf- und abliefen. Das Spiel wurde noch lustiger durch die Spaßvögel, die meinen, dass man in eine sich öffnende Zugtür immer SOFORT einsteigen muss, ganz egal , ob da noch jemand aussteigen möchte oder nicht. Es gab also in den Zugtüren gleich mehrere Knäuel verkeilter Menschen mit Koffern, Rucksäcken, Taschen – und ein allgemeines Aggressionspotential, das man so eigentlich gar nicht mitbekommen möchte, schon gar nicht am frühen Morgen. Der Kalorienverbrauch beim Einsteigen entspricht auf diese Art in etwa einer Schicht bei Blohm & Voss, und man braucht bis Hannover, um sich davon zu erholen. Wo man dann auch etwas überrascht feststellt, dass der Proviant allmählich bedenklich zur Neige geht.

Weingummi

 

Aber egal. Es gab die reservierten Plätze, es gab eine Klimaanlage, es gab einen Tisch, ich mag Zugreisen nach wie vor gerne. Der Zug war nicht pünktlich, Weichenstörungen, Baustellen, herumhängende andere Züge, aber das macht ja nichts, wenn man schon drin sitzt, das stört immer nur, wenn man draußen steht und auf den Zug wartet. Ich würde eine Zugreise jederzeit einer Autofahrt vorziehen. Zumal Sohn II im Zug nicht schlecht wird, das ist auch einen gewissen Aufpreis wert. Noch logischer würde ich es allerdings finden, wenn eine Zugfahrt deutlich billiger als eine Autofahrt wäre, soviel Öko muss schon sein.

Sohn I hatte ein Heft mit Übungsaufgaben für die Schule dabei, so eine Art Rätselblock. Das ist auch interessant, weil man heutzutage als Ganztagsschulkindvater gar nicht mehr mitbekommt, an welchen Aufgaben die Kinder gerade arbeiten. Ich führe mit Sohn I während des Schuljahrs täglich den Routinedialog auf, den Tausende anderer Eltern auch kennen werden:

Ich: „Wie war es in der Schule?“

Sohn I: „Gut.“

Ich: „Was habt ihr gelernt?“

Sohn I: „Nichts.“

Viel mehr Informationen sind ihm nicht so leicht zu entlocken, es ist eher zufällig, dass ein Gespräch zuhause doch einmal auf schulische Inhalte kommt und man dann merkt, aha, die machen da gerade was mit Blumennamen und so. Das ist ein wenig schade, weil ich doch denke, man könnte noch ein wenig mehr darauf eingehen, was sie da so treiben, aber wirklich schlimm ist es auch nicht.

„Woraus kann man Marmelade machen?“ Das war eine der Fragen in diesem Rätselblock, daneben dann Abbildungen von goldrichtigen Früchten, wie etwa Erdbeeren, und von offensichtlich falschen Gemüsesorten, wie etwa Weißkohl. Zu den richtigen Lösungen zählten allerdings auch Tomaten. Tomatenmarmelade? Bitte? Also rein technisch wird man aus Tomaten schon Marmelade machen können, keine Frage, aber dennoch – richtig fühlt sich die Antwort für mich nicht an. Und es ist vielleicht doch ganz gut, mit diesen Aufgaben normalerweise keinen Kontakt zu haben. Man würde ja aus dem abendlichen Diskutieren im Familienkreis gar nicht mehr herauskommen.

Ansonsten, keine Frage, ziehen sich sechs Stunden im Zug ganz beträchtlich. Es ist dann doch ein wenig langweilig, vor allem im norddeutschen Flachland. Eine Wiese, ein Acker, ein Busch, eine Schweinemastanlage. Repeat until Göttingen, ab da dann immerhin ein paar Hügel. Das Bordbistro ist auch nur beim ersten Besuch interessant und sich Bücher anzusehen ist nett, aber auch nicht die ganze Fahrt über. Ich mache die Augen zu und höre, was um uns herum gesprochen wird. Von links ein helles, leicht knarzendes Geräusch, mehrfach in schneller Folge, dann eine kleine Pause, gefüllt von einem erstaunten: „Hä?“. Das war ein etwa zehnjähriger Junge mit einem Rubik’s Cube, das habe ich auch lange nicht mehr gehört und gesehen. Und was ich dann auch gar nicht sehen wollte, das war die Mutter des Jungen, die irgendwann nach dem Spielzeug griff und ihrem Nachwuchs sehr souverän vorführte, wie man den Würfel zur Lösung dreht. Einfach so. Ganz fix. Ein paar Handgriffe. Das haben die Söhne nämlich auch staunend gesehen, und ich glaube, so ein Rubik’s Cube kommt mir lieber nicht ins Haus.

Weiter hinten erzählt ein Jugendlicher aus einer Klassenfahrttruppe seinem Freund, dass sein Passwort überall „falsch“ sei, denn dann würde ihn die Software bei Fehleingabe ja automatisch daran erinnern: „Ihr Passwort ist falsch.“ Perlen der Comedy, einfach so unterwegs aufgesammelt.

Ein junger Bayer drückt die Naturverbundenheit und Direktheit seiner Gegend sehr schön durch den bemerkenswerten Satz aus, den er seiner Freundin über den Gang hinweg zurief, ich bitte die eventuell nicht korrekte Schreibweise zu entschuldigen: „Wann i dahoam bin, muass i erst amoal kackn.“ So sind sie wohl, die Bayern.

Die Herzdame bereitete sich währenddessen lesend auf Südtirol vor. Ich habe im Klappentext gesehen, dass diese Kriminalromane, es gibt von dem Herrn mehrere, auch als Reiseführer geeignet sind, das wird dann vor Ort noch zu prüfen sein.

Bozenkrimi

 

Ich las, nicht ganz zu Südtirol passend, aber doch fast: „Blasmusikpop – oder wie die Wissenschaft in die Alpen kam“ von Vea Kaiser. Das habe ich auf dem Handy gelesen, das gefällt mir bisher sehr, und das kann ich auch jetzt schon empfehlen. Hervorragende Urlaubslektüre für Reisen in die Bergregion.

Direkt neben uns eine Familie, die Kniffel spielte, was mich unweigerlich an meine Jahre in Travemünde erinnerte. Wo ich im Winter Nachmittag um Nachmittag mit meiner Mutter und Hilde, der alkoholkranken Nachbarin, Kniffel spielte, wobei Hilde im Laufe der Stunden immer ordinärer und wüster fluchte, wenn die Würfel ihr nicht gefällig waren. In einer komplett verräucherten Wohnung, dicke und blaue Luft, der lederne Würfelbecher knallte immer wieder zwischen Sekt-, Bier- und Schnapsgläser auf dem Tisch, überquellende Aschenbecher daneben und jeder Punkt auf dem Blöcken immer ein Pfennig. Auf dem Sofa daneben Hans, der Mann von Hilde, mit dem immer gleichen Buch über den U-Bootkrieg auf dem Schoß, in das er allerdings kaum guckte. Ab und zu schlug er es dann doch einmal auf und sah auf ein Bild, ansonsten besah er sich stumm die Rauchschwaden, die er selbst auch ergänzte, mit unzähligen Reyno Menthol.

Das klingt nicht beeindruckend, ein Pfennig pro Punkt, das brachte aber manchmal erstaunlich viel Geld, wenn wir nur genug Stunden mit dem Spiel zubrachten. Es war auch nicht gerade schwer, gegen Erwachsene zu gewinnen, deren Konzentrationsfähigkeit irgendwann sichtlich unter Dimple oder Deinhardt litt. Aber eigenartig, aus heutiger Sicht ist das alles kaum noch vorstellbar. Es war doch eine seltsame Zeit, wenn man das jetzt so aufschreibt. Wie jede Zeit seltsam ist, wenn man sie mit ausreichend Distanz betrachtet, und sei es nur wegen der Mode. Irgendwas war immer absurd.

Dann fuhr der Zug in Fulda ein.

(Fortsetzung folgt)

Kurz und klein

Woanders – Der Wirtschaftsteil

In dieser Kolumne geht es oft um den Sinn, wenn es aber um Reisen geht, dann stellt sich die Sinnfrage irgendwie nicht. Reisen will man, reisen muss man, Reisen finden alle sinnvoll. Die Reise hat den Sinn in sich, da ist sich das reisewütige Volk vollkommen einig. Da fragt man dann eher nach der Authentizität. In dem Text der Zeit geht es auch um das Sharing und um den Kein-Tourismus-Tourismus, von dem es gar nicht weit ist zum hier öfter vorkommenden Kein-Konsum-Konsum. Massentouristen und Massenkonsumenten, das sind immer die anderen. Authentisch ist richtig – und bewusster und klüger und sinnvoller und besser und individueller. Oder so.

Bei solchen Themen kann es hilfreich sein, sich das Extrem anzusehen. Den Inbegriff des Nichtauthentischen, bei dem es nur noch um Plastik und Geld geht. Das funktioniert nämlich wirtschaftlich auch, und sehr gut sogar. Das ist dann wohl authentisch künstlich. Auf Facebook gab es zu dem Artikel eine spannende und ausführliche Diskussion – ist dieser Text also arrogant, vermessen, herablassend? Werden da andere Menschen verurteilt? Oder ist das einfach nur beobachtend und humorig? Was unterscheidet die beschriebene Plastikwelt denn eigentlich von den anderen Plastikwelten, in denen man dauernd lebt, vermutlich doch auch in der FAZ-Redaktion? In der taz gibt es dazu noch eine lesenswerte Gegenkolumne. Verblüffend, wenn das Thema Reisen plötzlich so emotional wird, als ginge es um vegane Ernährung oder um die Pflicht zur Masernimpfung. Der Wunsch, etwas richtig oder wenigstens peergroupkompatibel zu machen, damit man bloß nicht zu den falschen Leuten gehört, er treibt uns eben bei jedem Thema um – und vielleicht mehr, als wir denken. Und dazu gehört auch, dass andere etwas falsch machen. Oder nicht? Weiterlesen

Berlin (6)

Knut im Naturkundemuseum

 

Die Fortsetzung von diesem Text.

Ich muss es abkürzen, der zweite Tag Berlin überschneidet sich sonst im Blog noch mit der nächsten Station meines Reiselustsommers, also mit München. Und das klingt doch einigermaßen unverträglich.

Wir haben am Sonntagmorgen im Hotel gefrühstückt, was allmählich auch ohne größere Desaster abläuft, die Söhne erreichen da ein ganz angenehmes Alter. Sie können sich selber nehmen, sie drehen nicht mehr jeden Obstsafthahn auf, bis der ganze Frühstückssaal schwimmt, sie füllen sich nicht mehr zwei Kilo Müsli auf, sie werfen nicht mehr alles um, die Entwicklung ist erfreulich. Sohn I liest beim Esssen und möchte morgens nicht reden, das ist doch grundsympathisch.

Danach gingen wir ins Naturkundemuseum Berlin, das uns mehrfach empfohlen worden war. Es war nach wie vor zu heiß, um draußen herumzulaufen, es war, was uns gar nicht mehr vorstellbar erschien, sogar noch wärmer als am Vortag. Auf dem Weg zum Museum, beim Hotel gleich um die Ecke, sahen wir auf die Sandsteingebäude um uns herum, auf die Stromkabel der Straßenbahn, die gerade repariert wurden und teilweise etwas improvisiert von oben herabhingen – und Berlin sah aus und fühlte sich an wie in Barcelona. Sogar ziemlich überzeugend. Eine südliche Metropole am katholischen Sonntag, menschenleer und verschlafen, staubig und heiß, voller halbfertiger und verlassen wirkender Baustellen, die Gott weiß wann wieder von Arbeitern besucht werden würden. Am Bildrand alte Menschen, die zu einer Bank unter einem Baum schlurfen.

Ein Museum, dachte ich, das ist doch bestimmt halbwegs kühl. Das war allerdings nur partiell richtig.

Denn im Museum kommt man zuerst in einen großen Saal unter einem ebensolchenGlasdach, in dem das weltgrößte Dinosaurierskelett ausgestellt wird. Wenn man also am heißesten Tag des Jahres in ein Treibhaus möchte, dann ist man in diesem ersten Saal goldrichtig. Man kann ihn dennoch nicht fluchtartig verlassen, es ist nämlich ziemlich großartig, was man da sieht. Man steht und staunt und tropft. Man zerschmilzt vor den Riesen der Vergangenheit, die da stoisch bei jeder Temperatur herumstehen, unfassbar groß, unheimlich und ausdauernd. An den Wänden des Saals Bildschirme mit Computeranimationen, in denen die Skelette belebt werden, das ist alles sehr kindgerecht und begeisternd, das hat bei den Söhnen ganz wunderbar funktioniert. Und bei uns auch.

Naturkundemuseum Berlin

 

Es gab sogar ein Hinweisschild, das dem schönen Spiel “Gib mir Tiernamen” für mich ganz neue Dimensionen eröfffnet hat. Ich war wirklich begeistert.

Langschwanz-Schnabelechse

 

Danach in den Rest des Museum, wobei es sich um ein begehbares Wimmelbuch handelt, die gesammelten Werke von Ali Mitgutsch sind nichts dagegen. Eine Sammlung, die allein durch ihre unbegreifliche Größe schon beeindruckt, auch und ausdrücklich Kinder. Ein Saal und noch ein Saal, immer mehr und mehr, eine schier endlose Folge von “Guck mal” und “HAST DU DAS GESEHEN?” Und irgendwo dann der Saal mit den eingelegten Tieren. Kreaturen aller Art in Alkohol, runtergekühlt auf erfrischende 15 Grad. Und um die Regale herum lauter ekstatische Besucher, die “Schön! Schön!” riefen. Wegen der Temperatur, nicht wegen der Exponate, obwohl die auch absolut sehenswert waren.  Tiere, Steine, Nester, Muscheln, Planeten, Modelle, Filme, Vergrößerungen und Miniaturen, das Museum hat alles und von allem irre viel.

Antilope im Naturkundemuseum

 

Das ist so ein Museum, da beschließt man sofort, dass man gut noch einmal hingehen könte – und das denkt man sicher nicht in jedem. Wirklich große Empfehlung für Berlinbesuche. Auch ohne Kinder – aber mit Kindern geradezu Pflichtübung.

Skelett im Naturkundemuseum

 

Danach der letzte Spaziergang durch Berlin, immer auf der Schattenseite der Straße, dicht an der Wand entlang, bloß nicht mit dem Kopf in die Sonne geraten. Nebenbei noch zwei Phänomene festgestellt – in Berlin ist gar nicht alles voller Hundekacke, wie alle immer behaupten, zumindest nicht in Mitte. Und, noch ein Bemerknis mit Tier, in Berlin gibt es noch massenhaft Spatzen, die man in Hamburg gar nicht mehr sieht. Wie kommt das? Ich habe nicht die leiseste Ahnung. Berlin ist Spatzenstadt, da kann man kein Brötchen ohne diese Gesellschaft essen, die hüpfend und tschilpend den Krümeln nachjagt. Das ist noch wie früher und da merkt man erst, dass anderswo etwas verschwunden ist, besonders tatsächlich in Hamburg. Der Spatz kann nicht nisten und leben, wo es nur noch glatte Fassaden und Glasflächen gibt, da müsste man in Hamburg mal mit Herrn Teherani ein ernstes Wort reden.

Wir gingen im Gänsemarsch durch die schmale Schattenzone dicht an den Häuserwänden entlang zu Clärchens Ballhaus, das uns auch mehrfach empfohlen worden war. Da saßen wir dann wieder an einer Stelle, bei der man in den Gesprächen noch einmal beim Zweiten Weltkrieg landet, denn wenn man da im Freien sitzt, dann sitzt man dort, wo früher ein Haus stand – und das kann man noch ganz gut erkennen.

Clärchens Ballhaus

 

Da fehlt etwas, mitten in der Stadt, da ist ein Loch. Ein zugeschüttetes Loch, auf dem man sitzt und Kuchen oder Eis isst. Wie lange ist der Krieg noch einmal her? Sohn fragte nach. Reisen bildet, es ist schon richtig. Das Ballhaus gab es damals schon, die brüchige Fassade sieht aus, als hätte sie seit dem Krieg keiner angerührt, als könne man durch diese Fenster einfach noch in die Vierziger oder noch weiter zurück sehen, in eine Parallelwelt mit verschobener Zeit. Ab und zu kann man da auch heute noch Swing tanzen, es muss sich äußerst seltsam anfühlen. Wobei die Herzdame zu bemängeln hatte, dass man da eher selten Swing und andere Tänze aus der Vergangenheit tanzen kann, meistens nur so “normales Zeug.” Sie möchte Berlin dann doch eher so:

Danach gingen wir zum Bahnhof. Mehr Zeit war nicht. Der Weg fiel uns mit jedem Schritt schwerer, nach zwei Tagen hatten wir dann doch genug von der Hitze. Sohn II trug sehr tapfer zwei Sachen, die er hinter unserem Rücken an einer Baustelle entwendet hatte, ein ziemlich großes Brett und eine kaputte Dachschindel. Die waren nicht leicht zu schleppen, aber meine Bereitschaft, seine Schätze zu tragen, richtet sich manchmal doch nach der Größe der Gegenstände. Ein Brett und ein Steintrumm, was man als Kind eben so mitnimmt, wenn es einladend irgendwo herumliegt. Und er wäre nicht Sohn II, wenn er sich dazu nicht noch weitere Gedanken gemacht hätte: “Wenn wir öfter nach Berlin fahren, dann nehme ich immer ein Brett mit. Jedesmal. Daraus kann ich dann in Hamburg ja eine Hütte bauen. Und etwas drin aufbewahren, tote Tiere und Kronkorken oder so. Das nenne ich dann die Berlin-Hütte.”

Tom Sawyer lebt, denkt man in solchen Momenten. Er lebt und steht jetzt gerade grübelnd vor einem Stück Schnur oder dreht einen rostigen Nagel in der Hand oder stößt mit dem Fuß vorsichtig eine toten Katze an. Am Mississipi, an der Elbe, an der Spree. Egal.

So war das mit Berlin.

 

Berlin (5)

Die Fortsetzung von diesem Text.

Wir gingen zum Alexanderplatz, den kann man wegen des Fernsehturms immerhin auch als Ortsunkundiger gut finden. Auf dem Alexanderplatz die Weltzeituhr, die ich den Söhnen nicht erklären konnte, das hätte ich vorher nachlesen müssen, um mal wieder Eindruck als allwissender Vater zu machen. Sie fanden sie aber ohnehin gänzlich uninteressant. Mitten auf dem Platz standen jungen Menschen neben Boxen mit beachtlicher Leistung und machten Musik, wobei die musikalische Leistung nicht ganz so beachtlich war, das war eher vollkommen beliebiges Eckengeschrammel. Dennoch saßen zu Füßen der Musiker ausgesprochen freundlich gesonnene Zuhörer, hörten interessiert zu und klatschten aufmunternd nach jedem Stück. Wie ich bereits schrieb, in Berlin waren alle auffällig nett, sogar das Publikum der Straßenmusiker.

Currywurst

 

Am Rand des Platzes eine Currywurstbude. When in Rome, do as the Romans do, wir wollten also als gute Touristen selbstverständlich auch in Berlin Currywurst essen. Während wir in der Schlange standen, fiel Sohn II auf, dass zwischen den Holzplanken vor der Wurstbude Geld steckte, und er bückte sich, um die Münze herauszufummeln. Wobei er merkte, dass daneben noch eine andere Münze steckte, daneben noch eine weitere – und dann dauerte es nur noch wenige Sekunden bis zur begeisterten Feststellung: “Hier ist alles voll!” Woraufhin auch Sohn I vor der Bude in die Knie ging und die beiden waren erst einmal eine halbe Stunde damit beschäftigt, mit Feuereifer Münzen zu bergen. All die Münzen, die den Erwachsenen da oben beim Bezahlen der Würste und Buletten abgestürzt waren, nach denen sich dann keiner mehr gebückt hat. Oder die von Erwachsenenfingern nicht mehr aus den schmalen Ritzen geholt werden konnten. Centmünzen, Fünfzigcentmünzen, Euromünzen, da war alles dabei. Die Söhne konnten sich von der Beute zwei Currywürste holen, die sie dann mit unfassbar dreckigen Fingern aßen, und sie konnten auch noch an einer am Rand des Platzes stehenden Rummelbude Bälle auf Dosen werfen. Wobei sie dann Plastikhandschellen gewannen und sich zusammenketteten. Das sieht man auf Reisen als Eltern auch ganz gerne, dann gehen sie nämlich nicht so schnell verloren, so im praktischen Zweierpack.

Im Moment lohnt sich das Absuchen dieser Currywurstbude übrigens nicht mehr, die Söhne waren wirklich gründlich.

Oranienburger Straße

 

Zurück zur Oranienburger Straße, es wurde allmählich spät. Dort dann endlich auch einmal metropoliges Gedränge, auf der Ausgehmeile saß man dicht an dicht, vor den weit geöffneten Fenstern und Türen der Restaurants und Kneipen. An den Häusern war wirklich alles geöffnet, was nur geöfffnet werden konnte, weit aufgerissene Häusermäuler schnappten nach Luft und nach Touristen. Irritierend, dass einige Restaurants sich zum Verwechseln ähnlich sehen, als würde man im Kreis immer um denselben Block laufen, oder als würden Kulissen immer wieder an einem vorbeigeschoben – guck, da kommt das indische Restaurant schon wieder.

Es war immer noch unsinnig warm, wir gingen in einen Kiosk, um Eis zu kaufen. In dem Kiosk zwei junge Männer, die die Verkäuferin nach einem Putzeimer und Wasser fragten, sie müssten was sauber machen. Sie würden das auch bezahlen, fünf Euro, okay? Zehn? Und die Verkäuferin, schon deutlich im Rentenalter, drahtig und mit energischer Ausstrahlung, verschränkte die Arme vor der Brust, sah die beiden jungen Männer lange und ernst an und fragte dann, ob sie vielleicht nicht ganz dicht seien. Bei der Hitze und am späten Abend putzen zu wollen? Noch bei Trost, die Herren? Und die Herren bestanden weiter höflich auf ihrem Eimer, denn das musste nun einmal sein, wirklich. Sie bekamen aber nur eine leere Plastikdose für 10-Cent-Süßigkeiten, mit der sie dann sichtlich unzufrieden, aber doch dankend abzogen. Die Jugend von Berlin, so höflich und reinlich.

Und damit endete der erste Tag in Berlin, denn ein paar Meter weiter fielen wir in die Hotelbetten. Das waren bis dahin etwa elf Stunden Berlin, genug für fünf Blogeinträge. So ist das, wenn man mal kurz die Umgebung wechselt, man sieht einfach wieder mehr. Und wir hatten tatsächlich diesen wunderbaren Effekt, den man den Texten im besten Fall anmerkt, die elf Stunden fühlten sich länger an, viel länger. Der Tag sauste nicht vorbei wie die Werktage in Hamburg, der Tag ließ sich Zeit, viel Zeit. Das ist ein banaler und bekannter Effekt, dass die Stunden langsamer fließen, wenn man aus dem Alltag raus ist, aber je älter man wird, desto schöner ist es. Es ist wunderbar, wenn man ins Bett geht und der Tag lang und voll war, wenn nicht alles immer im Handumdrehen vorbei ist. Es ist angenehm, wenn das morgendliche Aufwachen und Aufstehen nicht erst nur gefühlte Minuten her ist, wenn man wieder ins Bett geht. Sondern tatsächliche und echte sechzehn Stunden, die einem auch wie sechzehn anständige, üppig portionierte Stunden vorkommen. Mit allem und scharf.

Ich muss das wieder öfter so hinbekommen.

Fortsetzung folgt.