24
Feb

Neu auf dem Nachttisch

von Maximilian Buddenbohm

Ich lehne das Lesen von Sachbüchern ja kategorisch ab. Weil sie nämlich zu gefährlich sind. Wenn ein Sachbuch gut ist, will man womöglich etwas mehr zu dem Thema lesen, wenn das zweite Sachbuch dann auch gut ist, vielleicht sogar noch ein Buch und zack, ist man ein halber Experte.  Ein halber Experte mit dem dunklen Drang, zum ganzen Experten zu werden. Man liest Buch um Buch, verpaßt währenddessen den ganzen Fontane und stirbt als Experte für spätbyzantinische Töpferei. Das ist unschön und abzulehnen. Deswegen lese ich nur Literatur. Dann stirbt man als Experte für Liebesgeschichten, welcher Mensch bei Verstand würde das nicht vorziehen.

Alle paar Jahre mache ich mal eine Ausnahme, ich bin ja nicht verbohrt, ich kann auch anders. Das hat mich jetzt um eine wirklich verblüffende Leseerfahrung bereichert.

Christoph Neidhart: Ostsee- Das Meer in unserer Mitte. Das Buch erschien zuerst 2003 und beginnt so:

„Unsere Fähre, wuchtig wie ein Häuserblock, gleitet in den Morgen, ins glarende Weiß, lautlos, behäbig, an nackten Felsen vorbei, kleinen Inseln. Der Wind hat die felsigen Höcker blank gefegt, den Schnee vom Granit geputzt. Im Dieslicht huscht in der Ferne ein Skilangläufer davon, auf die Ostsee hinaus, übers Eis; nahe beim Ufer rumpelt ein Auto über die gefrorene Bucht. Wir fahren von Ost nach West, von Finnland nach Schweden. Oder von Lettland nach Deutschland, von Liepaja/Libau nach Rostock, von Riga nach Travemünde. Und morgen wieder zurück. Ventspils/Windau ist verbunden mit Västervik in Schweden, Liepaja mit Karlshamm, Litauen mit der Insel Gotland. Von Helsinki geht es direkt nach Travemünde, von Sankt Petersburg nach Stockholm und nach Deutschland. Über ein Dutzend Schiffe legen heute täglich von Tallinn, deutsch Reval, nach Helsinki ab.

Bis 1991 fuhr nur ein einziges.“

Wunderbar poetisch, leicht, farbig und ungeheuer kenntnisreich fügt sich in diesem Buch Reportage an Reportage, die Ostsee erschließt sich einem beim Lesen nach und nach als Ganzes, als Zusammenhang. Mir zumindest ging das erstmalig so, ein ganz erstaunliches Gefühl für einen von der Grenze. Die Ostsee als Kulturraum, als Geschichtsbühne, als Kriegsschauplatz, als geistiger Raum, hier wird nichts ausgelassen und so angenehm schreibt der Herr Neidhardt, ich fand sogar die paar Seiten mit geologischen Erklärungen spannend. Reiseliteratur vom Feinsten, ganz dringende Empfehlung. Mein innerer Atlas hat ein paar weiße Flecken weniger. Auch bestens als Geschenk für die unzähligen Menschen geeignet, die die Ostsee stereotyp als müde Pfütze bezeichnen. Was ja meistens jene Menschen sind, die dann bei Ebbe ratlos an der Nordsee stehen, einen Fuß im Schlick, einen in der Schafkacke. Na, mittlerweile komme ich an beiden Ufern zurecht, Friede den Strandkörben, mir soll’s recht sein.

Eines der besten Bücher der letzten Monate, gar keine Frage.

22
Feb

Kleine Pause

von Maximilian Buddenbohm

Wir amüsieren uns mal ein paar Tage mit bunten Kinderkrankheiten. Bald weiter im Unterhaltungsprogramm.

19
Feb

Anderswo

von Maximilian Buddenbohm

Viele werden hoffentlich wissen, daß literarische Übersetzer nicht eben mit einem Traumverdienst gesegnet sind. Welche dramatischen Folgen es haben kann, wenn man von diesem Beruf leben möchte, lesen Sie bitte hier einmal bei Isa nach. Und denken Sie nicht, das sei ein Einzelfall.

Hier ein Ausgehtipp für die norddeutschen Leser, die am kommenden Wochenende erlebnisgierig und literarisch ausgehungert durch Hamburg strolchen.

Und Percanta ist in Buenos Aires und postet jeden Tag ein neues Bild. Gucken Sie sich diese Buchhandlung an! Wenn ich nicht eine grundsätzliche Aversion gegen das Reisen hätte, würde ich so etwas glatt verlockend finden.

18
Feb

Zur Kulturgeschichte der Umwelt und des Spielzeugs

von Maximilian Buddenbohm

Als ich geboren wurde, 1966, da gab es noch gar keine Umwelt, da nannte man das noch „draußen im Garten“ oder, wenn es um mehr ging, „Gegend“. Als ich Kind war, konnte man draußen noch alles verplempern, versauen, verdrecken, das hat keinen interessiert, es war anscheinend von allem genug da. Genug Wasser, genug Luft, genug Sommer, genug Winter. Umwelt begann für mich als Begriff erst am Bauzaun von Brokdorf, um meine Lieblingsveteranenphrase wieder einmal anzubringen. Ihr dürft das googeln, liebe Kinder.

Als ich Kind war gab es ein Spiel, bei dem man mit einer kleinen Angel bunte Pappfische, Hummer und anderes aus einem Karton-Aquarium angeln konnte. Für die kleinen Fische gab es Punkte, für die großen Fische gab es natürlich mehr Punkte. Für alte Stiefel, die man auch angeln konnte, gab es nichts. Pech gehabt.

Sohn I hat auch so ein Angelspiel, manche Sachen bleiben ja gleich. Oder fast gleich. Ich hatte damals Haken an den Angeln, er hat Magneten. Das macht das Spiel nicht lebensechter, aber egal. Auch bei seinem Spiel kriegt man Punkte für die kleinen Fische und mehr Punkte für die großen Fische. Am meisten Punkte kriegt man heute aber für die alten Stiefel, denn die gehören nicht ins Meer und der kleine Umweltengel muß für sein Aufräumen belohnt werden.

Ich bin ja gespannt, wenn Sohn I bald in das Alter für „Mensch ärgere dich nicht“ kommt. Ob man die Spielfiguren noch einfach wie damals rauswerfen darf – oder muß man erst einen Sozialplan aufstellen?

17
Feb

Neu auf dem Nachttisch

von Maximilian Buddenbohm

Ina Bruchlos habe ich schon mehrfach auf Lesungen erlebt, daher wußte ich schon vor der Lektüre ihrer Bücher, daß ich sie großartig finden werde. Zum Beispiel „Der Kampf der Mähdrescher – kurze Erzählungen“. Wunderbare kleine Texte mit vollkommen irrsinnigen Gedankengängen. Wenn man nach diesen Texten einschläft, träumt man besonders bunt, was will man mehr von einem Buch erwarten. Tröstlich auch, daß ich nicht der einzige Mensch bin, der sich vor vielen Jahren lange gefragt hat , was dieser seltsame, nach geplatzter Wurst aussehende Aufkleber auf Hamburger Autos eigentlich darstellen soll. Ich komme aus Lübeck, was geht mich da Sylt an, Ina Bruchlos kommt aus dem Hessischen, das ist natürlich noch schlimmer. Das sollten Sie am besten auch nachlesen, es lohnt sich.

Das Buch erschien zuerst 2008 und beginnt so:

„Als ich in einem unüberlegten Moment Chris fragte, ob sie eigentlich je überlegt habe, aus Hamburg wegzuziehen, sah ich in ein überraschtes Gesicht, dessen hanseatischer Mund die Frage formte Warum denn und wohin?

Mittlerweile bin ich lange genug hier, um zu wissen, was den Hamburger in Hamburg hält. Man könnte vereinfacht denken: Hamburg. Nur, was unterscheidet diese Stadt von anderen großen Städten, warum ist es für den Hamburger so unvorstellbar, seine Stadt zu verlassen, und weshalb behauptet der Wetterdienst, die aufkommende Schlechtwetterfront ziehe ausschließlich über die schönste Stadt Deutschlands, so als ob es nirgendwo anders auch regne, als könne selbst der Regen einer so unbeschreiblichen Stadt wie Hamburg nichts ausmachen und selbst wenn es anderswo einmal nieseln sollte, die anderen Städte den Kampf gegen das Wetter verlören, nasser und trister würden, während die Hansestadt in einem Glanz, den nur der Hamburger zu erkennen vermag, erstrahlt.“

15
Feb

Sohn II übernimmt

von Maximilian Buddenbohm

Man kann sich als Erwachsener nicht richtig vorstellen, was im Kopf eines Kindes vorgeht, das nur sechs Monate alt ist. Es denkt noch ohne Sprache, es gibt sich jedem Affekt hin, die Stimmung schwankt alle paar Minuten und es guckt dabei mit unstillbarer Neugier in diese seltsame Welt, die es mit immer neuen Zauberdingen überrascht, deren Zusammenhänge ihm mehr als rätselhaft sind. In den Augen des Kindes ein immerwährendes Staunen, um den Mund herum eine unverkennbare Bereitschaft, diesen ganzen Irrsinnsbetrieb, den wir Alltag nennen, sehr, sehr lustig zu finden. Ob so ein Baby mehr als nur flüchtige Bilder denkt, ob es überhaupt Zusammenhänge bastelt, mit welchen Gedanken es den Personen und Abläufen ringsum begegnet – wer weiß. Bei einem Einjährigen kommt man allmählich dahinter, wie er tickt, bei einem jüngeren Kind hat man nicht viel Chance. Aber manchmal bekommt man doch einen kleinen Einblick.

Sohn II sitzt und guckt. Er sitzt, wo man ihn gerade hinsetzt und er guckt auf das, was da eben vor ihm ist, denn sonderlich mobil ist er noch nicht. Wenn da vor ihm zufällig sein großer Bruder sitzt, dann guckt er den an, wenn vor ihm eine Winkekatze steht, dann guckt er eben die Winkekatze an. Eine von diesen kleinen Katzenfiguren aus Plastik, die man aus asiatischen Restaurants oder Läden kennt, eine Pfote nach oben gestreckt, in unermüdlicher Bewegung, winkend, winkend, winkend. Rechte Pfote oben steht für Wohlstand, linke Pfote oben für viele Besucher. Falls Sie auch eine Winkekatze zu Hause haben -und wer hätte das nicht – und seit längerer Zeit auf den Geldsegen warten, während gleichzeitig immer mehr entfernte Verwandtschaft auftaucht – prüfen Sie doch einfach einmal, welche Pfote da winkt.

Sohn II sitzt vor der Katze, deren rechte Pfote winkt und winkt, der Sohn guckt zu. Die Augen des Sohnes sind halb geschlossen, er sieht ein wenig wie ein kleiner Buddha aus. Leerer Blick, sanftes Lächeln, entspannte Haltung, in seinen Augen spiegelt sich die Katze und winkt. Der Kleine sitzt ganz still davor und atmet sachte. Dann passiert, was eigentlich nicht passieren soll, die Katze hört auf. Die Pfote wird langsamer und langsamer, dann steht sie still. Die Batterie ist alle, der Schwung ist weg. Sohn II macht die Augen weiter auf und guckt jetzt ganz genau hin. Nichts. Die Katze rührt sich nicht. Dann hebt der Sohn den rechten Arm und fängt an zu winken, erst ein wenig ungelenk, dann immer flotter, nach wenigen Minuten macht er es schon wie ein alter Katzenprofi. Die Katze sitzt vor ihm und guckt zu.

Ein wenig später legen wir den Kleinen ins Bett, er sieht müde aus, so ein Dauerwinkebetrieb ist ja auch anstrengend. Nach einer Weile gehen wir noch einmal in das Kinderzimmer, um nachzusehen, ob er auch wirklich eingeschlafen ist und auch um zu prüfen, was das für ein leises Klopfen ist, das wir seit geraumer Zeit aus der Richtung des Bettes hören. Sohn II liegt auf seinen Kissen, er hat die Augen geschlossen. Sein rechter Arm klopft auf die Bettdecke, er winkt auch im Liegen weiter als wäre er jetzt batteriebetrieben, er winkt und winkt, unentwegt, rhythmisch, glückskatzenhaft.

Er ist erst sechs Monate alt, aber er hat es schon verstanden: Es gibt Jobs, die einfach gemacht werden müssen.

12
Feb

Wochenende

von Maximilian Buddenbohm

Model: J.

Und drüben im Westen ist wieder ein neues Wochenhoroskop von mir online. Viel Spaß damit.

11
Feb

Dialog des Tages

von Maximilian Buddenbohm

Ich renne meist mit meiner Kamera um den Hals herum, und obwohl es kein sehr edles Modell ist, werde ich doch gelegentlich darauf angesprochen. So auch vorhin von einem anderen Vater aus dem Stadtteil, nennen wir ihn P.

P: „Wo kaufst du deine Kameras?“
Ich: „Bei Amazon.“
P: „Ach?“
Ich: “Ja.“
P.: „Ich kaufe ja nur im Internet. Ist billiger.“

11
Feb

Ladylike

von Maximilian Buddenbohm

Vor einem Dönerladen am Hauptbahnhof steht eine Gruppe von Jugendlichen im schwer bestimmbaren Pubertätsalter, die Jüngsten sehen aus wie 12, die Ältesten wie 18, die Wahrheit wird irgendwo dazwischen liegen. Außer Form geratene Hormonbomben, die Jungs breitschultrig und verpickelt, die Mädchen aufgedonnert wie bei einer Miß-Feuerwehr-Wahl in irgendeinem unschönen Vorort.

Man streitet sich um Pommes, die einer von ihnen eben aus dem Dönerladen geholt hat, es wird ein wenig geschubst und gestoßen, lautes Lachen, Kreischen, ein paar Pommes landen im Schnee. Sie keifen sich jetzt etwas lauter an, die größeren Jungs stoßen die Kleinsten herum, einer tritt dem Mädchen, das die Pommesschale hält,  schließlich in den Hintern, schwer zu erkennen, ob es noch Spaß ist oder schon nicht mehr. Passanten bleiben stehen und gucken. Das getretene Mädchen weiß nicht recht, wer sie da gerade angegriffen hat, sie fragt ihre Freundinnen und sortiert deren widersprüchliche Aussagen. Dann schlägt sie ohne weitere Verhandlung dem Schuldigen mit einem verblüffend nach Preisboxer aussehenden Schlag so kräftig ins Gesicht, daß der mit Schwung auf dem Boden landet, sich die Nase hält und einen Augenblick stöhnend liegenbleibt. Die Freundinnen lachen beifällig und klatschen, die anderen Jungs gucken irritiert. Der Junge auf dem Boden, der sich langsam wieder aufrappelt, spricht aus, was sie wahrscheinlich alle denken: „Ey Scheiße, bist du verrückt, du bist ein Mädchen! Das kannste doch nicht machen!“

Das Mädchen geht zu dem jetzt Knienden hin, nimmt ihn am Kragen und stellt sehr laut klar: „Ich bin eine Dame, du Wichser!“

Und in dem unschönen Vorort sitzen wahrscheinlich die Eltern und fragen sich, ob es wirklich richtig war, die Kleine am Abend nach Hamburg zu lassen. Man hört ja so viel von aggressiven Jugendlichen, in letzter Zeit.

10
Feb

Winter und Winter und Winter

von Maximilian Buddenbohm

Wie man hört, geht es noch etwa drei Wochen so weiter. Na, man gewöhnt sich an alles. Auch an Platz.

9
Feb

Viertel vor Valentinstag

von Maximilian Buddenbohm

Ich: „Oh, da hat ja jemand auf meine Mailbox gesprochen.“
Herzdame: „Ach ja, das war ich vorhin.“
Ich: „Du? Was hast du gesagt?“
Herzdame: „Das waren nur wüste Beschimpfungen.“
Ich: „Warum das denn?“
Herzdame: „Weiß ich jetzt doch nicht mehr. Ist schon eine Stunde her.“
Ich: „Dann kann ich das also löschen?“
Herzdame: „Ja, mach ruhig. Ich wiederhol das dann bei Gelegenheit.“

7
Feb

Veränderungen

von Maximilian Buddenbohm

Die Herzdame war mit den Söhnen übers Wochenende im Heimatdorf, ich bin in Hamburg geblieben und habe gearbeitet. Von Freitag bis Sonntag ist es eine lange Zeit ohne Kinder, wenn man das gar nicht mehr gewohnt ist. Es fällt mir tatsächlich schwer, mich längere Zeit zu konzentrieren, wenn ich mich dabei gegen gar nichts wehren muß, wenn da keine am Ärmel zerrende Kinderhand ist, keine schräge Xylophonmusik, kein schreiendes Baby.

Nichts als Ruhe. Ab und zu die Kirchenglocken, sonst nichts. Unheimlich. Ich habe irgendwann die CDs mit der Kindermusik aufgelegt, die Sohn I immer hört, dann ging es.

Sohn I nimmt natürlich bei den Besuchen im Heimatdorf immer mehr wahr, er versteht die Unterschiede zwischen der großen Stadt hier und dem kleinen Dorf da immer besser. Allmählich lernt er auch die sprachlichen Unterschiede, ein Schlafanzug zum Beispiel heißt nur in Hamburg so, in Nordostwestfalen sagt man Pölter dazu. „Bin ich im Pölter“, sagte er mir abends am Telefon, als wäre er zweisprachig aufgewachsen. Er hat sich verändert, in diesen drei Tagen, und das nicht nur, weil die Großmutter ihm die Haare geschnitten hat. Ich stelle kleine Unterschiede in der Art, in der er sich ausdrückt fest, in diesem Alter können drei Tage viel auslösen. Das Nordostwestfälische, jene schwer zu beschreibende, erdverbundene und direkte Lebensart färbt schnell auf ihn ab, wie mir an kleinen Beispielen auffällt.

Vor der kurzen Reise sagte er etwa, wenn er mal mußte und mich in Richtung Toilette zog: „Papa, muß ich Pipi, bitte.“

Heute abend sagte er: „Pinkeln, los jetzt.“

5
Feb

Wochenende

von Maximilian Buddenbohm

“Und, wie ist das Eis?” “Ach, es geht noch. Aber es knirscht bei jedem Schritt ein wenig.”  Nun ja.

Und drüben im Westen ist übrigens wieder ein neues Wochenhoroskop von mir online. Viel Spaß damit.

4
Feb

Die wichtigste Mahlzeit des Tages

von Maximilian Buddenbohm

Es ist immer interessant, was Kinder tun, wenn sie sich unbeobachtet fühlen. Man wirft einen Blick auf das echte Wesen des Kindes, das sich gerade nicht irgendeiner erzieherischen Anforderung beugen muß oder jemanden gefallen will, das seine Handlungen nicht auf Aufmerksamkeit ausrichtet und nicht aus Trotz agiert. Es ist einfach so, wie es ist. Pur.

Es ist noch sehr früh am Morgen, Sohn I vermutet mich gerade im Badezimmer. Er stromert durch die Wohnung und betritt schließlich die Küche. Er ahnt nicht, daß ich im dunklen Flur stehe, von wo aus ich ihn gut sehen kann. Der Sohn geht zum Kühlschrank, öffnet die Kindersicherung und macht die Tür auf. Er nimmt eine Packung Jagdwurst und reißt sie mit den Zähnen auf, zerrt drei Scheiben Wurst aus der Packung und wirft sie auf den Küchentisch. Dann tritt er die Kühlschranktür zu und schließt sorgsam die Kindersicherung. Schiebt sich einen Stuhl an die Arbeitsplatte, klettert hinauf und steckt eine Scheibe Brot in den Toaster. Guck an, denke ich erfreut, ist die tausendfach gepredigte Botschaft „keine Wurst ohne Brot“ doch tatsächlich bei ihm angekommen, wer hätte das gedacht. Der Sohn klettert wieder runter, geht zum Küchentisch und stopft sich die drei Scheiben Wurst auf einmal in den Mund. Klettert dann noch einmal zum Toaster, der gerade das Brot ausspuckt, nimmt die Scheibe, steigt ab, geht zum Müll und wirft sie weg. Fegt mit dem Zeigefinger zwei Krümel vom Mülleimerrand und bleibt einen Augenblick stehen, denn das Kauen der Wurstmenge erfordert seine ganze Konzentration.

Dann geht er aus der Küche, um nachzusehen, was der Rest der Familie so treibt. Sieht mich im Flur, schluckt den letzten Wurstrest und sagt freudestrahlend: „Hab ich gefrühstückt. Mit Brot!“

3
Feb

Neu auf dem Nachttisch

von Maximilian Buddenbohm

Somerset Maugham schreibt in „Die halbe Wahrheit“, daß er immer gedacht habe, die französische Schriftstellerin Colette verfüge über einen besonders leichten und eleganten Stil – und er nahm an, daß sie auch so schrieb, quasi aus dem Handgelenk, ein Schrift gewordenes Geplauder in edelster Form. Das glaubte er, bis er von ihr selbst erfuhr, daß sie eher eine gequälte Schreiberin war, die Tage für eine Seite brauchte und wahren Umschreibexzessen frönte. Da lese ich doch gleich einmal nach, weil sie zufällig gerade in Reichweite liegt.

Colette: La Vagabonde – Renée Neré. Aus dem Französischen von Rosa Breuer-Lucka. Der Roman erschien zuerst 1910 und beginnt so:

„Halb elf… Schon wieder bin ich zu früh fertig. Brague, mein Partner, der mir zur Seite stand, als ich das erstemal in der Pantomime auftrat, wirft es mir immer sehr drastisch vor: „Eine verwünschte Dilettantin! Nie kannst du es erwarten! Wenn es nach dir ginge, wäre schon um halb acht alles fertig geschmückt!“ Die drei Jahre, die ich jetzt im Varieté und beim Theater bin, haben mich nicht geändert, immer bin ich zu früh fertig. Fünf Minuten nach halb elf – wenn ich nicht das oft durchgelesene, auf dem Toilettentisch herumliegende Buch durchblättere oder den „Paris-Sport“, in den die Garderobiere vorhin Zeichen mit dem schwarzen Schminkstift gemacht hat, werde ich mit mir allein sein, allein mit der geschminkten Richterin, die mir aus dem Spiegel entgegenblickt. Ihre Augen liegen tief in den Höhlen und die Lippen sind mit einer bläulichen Creme eingerieben. Die Wangen leuchten wie in unnatürlicher Röte, die Lippen sind dunkelrot und glänzen, als wären sie lackiert… Sie sieht mich lange an, und ich weiß, daß sie jetzt sprechen wird…“