Was schön war

Die junge Frau vor mir an der Kasse des sehr großen Supermarktes hatte russische Süßigkeiten und Wodka auf das Förderband gelegt. Die Kassiererin zog die Packungen erst achtlos über den Scanner, sah dann doch noch einmal genauer hin, murmelte die Markennamen mit einem Anflug von Wehmut in der Stimme und nickte. Den Preis des Einkaufs nannte sie der Kundin in fließendem Russisch. Die Kundin sah sie irritiert an, die Kassiererin wiederholte die russischen Sätze etwas lauter und hängte auch gleich noch ein paar dran. “Nein”, sagte die Kundin und lachte, “ich bin nicht aus Russland. Ich kaufe das einfach nur so.”

Die Kassiererin schüttelte irritiert den Kopf, zog die Augenbrauen hoch, sah die Einkäufe an, sah die Kundin an. Und sagte dann freundlich auf Deutsch: “Na, aber Sie trinken Wodka, das ist doch … immerhin!”

 

Der Dalles und die Traditionen

Lese weiter in Erich Mühsams Tagebuch.Der ist übrigens, das ist vielleicht gar nicht so bekannt, auch der Autor eines der schönsten Schüttelreime überhaupt, alle paar Jahre muss ich den zitieren:

“Der ist ein großer Schweinehund,

dem je der Sinn für Heine schwund.”

Ein Genuss, nicht wahr. Und man ist nicht selbst draufgekommen, warum denn bloß nicht? Der beißt einen doch förmlich? Nach Lektüre der Mühsamschen Schüttelreime geht man mit einer seltsamen Reimwortgier durch den Tag und grast Werbeplakate und alle möglichen Hinweisschilder nach Möglichkeiten ab. Bei mir war in letzter Zeit kein sensationeller Treffer dabei, aber ich jage weiter.

Im Tagebuch geht es gerade viel um den Tripper, der die ansonsten übliche erotische Freizügigkeit in seiner Szene einschränkt. Wobei es anscheinend als Kavaliersdelikt galt, sich auch infiziert zu amüsieren und dann gespannt abzuwarten, wen es darauf folgend im Freundeskreis traf, das wurde dann lapidar im Tagebuch notiert: “auch angesteckt”. Das war immerhin etwas harmloser als in Zeiten von AIDS, aber es ist doch eine unschöne Vorstellung.

Und dann ist man bei der Lektüre wieder dankbar, wie leicht man heute Texte veröffentlichen kann. Noch ein paar Zeilen und ich stelle den Artikel hier schlicht auf “online”, das war es, Sie können es dann lesen oder ignorieren, wie es beliebt. In den Zeiten von Erich Mühsam musste man dafür erst eine literarische oder sonstige Zeitschrift finden oder schnell selber eine mit möglichst kryptischem Titel gründen, man musste deren Druck vorfinanzieren, einige handverlesene und vor allem auch zahlungsfähige Abonnenten finden, sich mit potentiell beitragenden Freundinnen und Freunden herumschlagen, sich mit nicht zuhörenden Druckern auseinandersetzen, nachts noch schnell eine Ballade schreiben, um eine plötzlich leere Seite aufzufüllen oder andersherum den bräsigen Essay eines ansonsten guten Freundes mal eben rabiat halbieren weil einfach kein Platz mehr war, man musste sich mit anderen Freunden überwerfen, deren hektisch hingeschluderten Textschrott man dann leider doch nicht bringen wollte, man musste den Postversand der Einzelexemplare organisieren, auf lässig herabsetzende Kritiken in den Zeitungen und giftige Bemerkungen in den Cafés warten, jede Nacht inständig um mehr Abos beten … Wir haben es schon leicht, was das angeht.

Die Frage, ob man mit irgendwelchen Zeilen auch Geld verdienen kann, die ist allerdings geblieben. “Der Dalles”, wie der chronisch bankrotte und stets hoch verschuldete Mühsam das Geld nennt, ist heute immer noch ein Problem für schreibende Menschen aller Art, das ging gerade wieder durch die Feuilletons. Manche Traditionen müssen eben unbedingt gewahrt werden, ganz egal, wie weit die Technik voranschreitet. Aber man hat heute immerhin mehr Möglichkeiten, von Spendenbuttons, Affiliate Links, Werbung, Tipeee, Flattr und ähnlichen Diensten bis hin zum Sponsoring. Man hat sogar viel, viel mehr Möglichkeiten, das kann man bei der Lektüre solcher Tagebücher auch einmal wieder begeistert zur Kenntnis nehmen.

Briefe, Dramen, Damen

Ich lese weiter im Tagebuch von Erich Mühsam, er streitet sich da gerade mit Else Lasker-Schüler wegen einer jungen Dame herum, die sich von ihr verfolgt und belästigt fühlt. Nach gewissen höchst dramatischen Szenen in einem Café kündigt Mühsam der Lasker-Schüler aufgewühlt per Brief die Freundschaft, ganz Ritter, der das junge Ding beschützen möchte und sich an ihre Seite stellt. Ich habe schon wieder vergessen, ob er auch naheliegende Interessen an der jungen Dame hatte, es würde durchaus passen, in der Szene ging es insgesamt reichlich bunt zu, man kommt als Leser leicht durcheinander. Diesen empörten Freundschaftskündigungsbrief schickt Else Lasker-Schüler jedenfalls postwendend zurück – zerrissen.

Danach gehen sie aber weiter beide ins übliche Café, weil man da eben hingeht. Sie ignorieren sich dabei eine Weile dramatisch, er geht also abends hin, um im Tagebuch festzuhalten, ob sie da war oder nicht, und das beruht vielleicht sogar auf Gegenseitigkeit, ich weiß gar nicht, ob Tagebücher von ihr vorliegen. Die Szene mit den Briefen muss man sich jedenfalls einmal bildlich vorstellen, wie Mühsam da in flammender Wut spätnachts in ärmlicher Bude einen finalen Brief schreibt. Wie der schon am nächsten Tag zurückkommt, in Form von Papierfetzen, die aus einem Umschlag fallen, womöglich sogar auf einen Tisch in eben jenem Café, in dem die wütende Dame drei Tische weiter sitzt und mit größtmöglicher Selbstbeherrschung zornbebend in eine andere Richtung sieht, während die sehr junge und sehr attraktive Dame, um die es bei all dem geht, gerade zur Tür hereinkommt und unsicher zwischen den beiden hin- und hersieht. Papierschnipsel mit energischer Handschrift, die in halbleeren Kaffeetassen schnell zerläuft, ein schneller Griff und ein Blick in den Umschlag mit der Frauenhandschrift darauf, nein, da ist nichts weiter, da kommt nichts mehr, dann wird dieser Umschlag eben auch mit großer Gebärde zerrissen und ein stärkeres Getränk bestellt, so!

Das ist auch so etwas, das kriegen wir in dieser schicken und vermutlich irgendwie auch befriedigenden theatralischen Zuspitzung gar nicht mehr hin. Wir klicken im freundschaftlichen Krisenfall auf “unfollow”, das ist am Ende doch ein wenig stillos. Und böse blickende Emojis im Smartphonechat machen es nicht besser.

Keine Ahnung, wann ich den letzten Brief mit der Hand geschrieben habe, es muss viele Jahre her sein. Ein Freundschaftskündigungsbrief war es aber gewiss nicht.

Zwischendurch ein Dank …

… an den Leser Andreas K., der den Jungs eine CD vom Wunschzettel geschickt hat. Der kleine Drache Kokosnuss – ich hätte ja gedacht, aus dem Alter sind sie raus, aber das mögen sie tatsächlich beide noch, die Herzdame war da besser informiert. Man schätzt eben nicht immer richtig. Herzlichen Dank!

Beifang vom 07.01.2017

“Man muss tun, was getan werden muss.” Bei Read on geht es um Sexualaufklärung.

Wortschnittchen über den Tod, man beachte bitte unbedingt auch den dort verlinkten Text.

Frau Berg über den Menschen und seine Evolution und die Märkte. Tatsächlich ist mir übrigens ernsthaft nicht klar, warum es die fehlende Partei, die sie dort am Ende des Textes anspricht, nicht gibt. Wie konnte das denn nur kommen? Und nein, die aktuellen Oppositionsparteien sind es nicht, oh nein.

Ein Interview mit einem Buchhändler aus Ueckermünde. Wenn ich jemals in Ueckermünde bin, gehe ich da auch mal in eine Buchhandlung.

Ansonsten habe ich durch den Besuch der Bunbury-Vorführung einen Ohrwurm, aber er stört gar nicht, der ist irgendwie total in Ordnung. People are strange.

Beifang vom 06.01.2017

Ein Interview mit Reinhold Messner. Wird einige vielleicht inhaltlich überraschen.

Im vegetarischen Foodblog Kraut-Kopf gibt es nicht nur besonders schöne Bilder, es gibt auch (oben im Menü) einen Link zur Rezepte-App, die man für ziemlich kleines Geld erwerben kann. Aus dieser App habe ich das Winterrezept Bombay-Kartoffeln gemacht, das ist eine sehr feine Sache. Bratkartoffeln indisch, warum auch nicht.

Paolo Conte zum Geburtstag, der Herr ist jetzt 80 Jahre alt. Mein Lieblingsstück von ihm ist “Max”, das mich sozusagen direkt anspricht. Der Text ist kryptisch, aber das macht ja nichts.

Die Herzdame und ich waren gestern im Theater, und seltsamerweise war es kein Kinderstück. Um uns den Umstieg nach all den Jahren einigermaßen leicht zu machen, haben wir aber ein betont lustiges Stück ausgesucht, in dem die Schauspieler gelegentlich aus ihren Rollen ausbrechen und außerdem ab und zu völlig unvermittelt Musik gemacht wird, das kam uns also ganz vertraut vor. Falk Schreiber hat das Stück hier äußerst treffend rezensiert. Wir hatten eine feinen Abend und die Herzdame war nur ganz knapp nicht die Jüngste im ganzen Theater. Auch erstaunlich.

Noch eine musikalische Entdeckung mit bemerkenswertem Lebenslauf: Mary Gauthier. “I drink.” Aber auch einige andere Titel von ihr sind unbedingt hörenswert, etwa “Falling out of love” oder “Mercy now”. Alle sind bei Spotify verfügbar.

 

Es ist Donnerstag …

… es gibt den 195. Wirtschaftsteil, und zwar hier. Da geht es um das Thema Verkehr und um damit um eines der politischen Themen, die es gerade nicht in die Hauptschlagzeilen schaffen, obwohl da durchaus etwas passiert.

Wenn z.B. die Söhne oder andere Kinder aus unserer Nachbarschaft, Stadtkinder also, den Wirtschaftsteil zusammenstellen würden, das Thema käme viel häufiger und mit viel deutlicherer Empörung vor. Weil gerade der Stadtverkehr eines dieser Themen ist, die sie wirklich nicht fassen können. Wie doof können Erwachsene denn bitte sein? Wieso kriegen die das nicht auf die Reihe, dass hier bessere Luft ist, weniger Lärm, mehr Sicherheit für Radfahrer und Fußgänger? Wieso ist die halbe Stadt unbrauchbar, weil sie nur aus Verkehr besteht? Wieso ist die S-Bahn so teuer, was sollen diese riesigen SUVS überall und warum zum Teufel fahren die alle bei Rot, obwohl man das doch nicht darf? Wieso ist die Zone 30 eigentlich jedem egal? Das wird man ja noch fragen dürfen, wenn man gerade sieben oder neun Jahre alt ist.

Wenn ich raten müsste, bei welchen Themen diese Generation mit den Vorgaben der Älteren in ein paar Jahren wirklich gründlich aufräumen möchte – Verkehr wäre unbedingt eines davon. Eine Autogeneration wird das nach jetzigem Stand nicht.

GLS Bank mit Sinn

Die Kaffeehörerin

Ein paar Kategorien können hier etwas Wiederbelebung vertragen, beispielsweise die mit dem Titel “Hochgucken”.Da ging es um das, was man sieht, wenn man nicht auf sein Handy sieht, was sich besonders in Kassenschlangen, an Ampeln, auf Rolltreppen oder in der S-Bahn anbietet. Weswegen ich also morgens auf der Fahrt zur Arbeit wieder öfter Leute anstarre, nicht die Timelines. Gestern morgen hat die Dame, die mir in der S-Bahn gegenüber saß, ihren Coffee-to-go-Becher hochgehoben, an ihr Ohr gehalten, eine Weile gelauscht und dann lächelnd genickt. Das war eine ganz normale Dame, Business-Outfit, Notebooktasche, Handtasche, alles eher etwas schicker als der Durchschnitt. Ich selbst hatte keinen Kaffeebecher zur Hand, ich kaufe ja seit einer Weile keinen Mitnehmkaffee mehr, weil Umwelt. Stimmt gar nicht, zwischen den Jahren habe ich mir doch einmal einen gekauft, aber das war nur ein kleiner Rückfall, so etwas kommt vor, Raucher und Trinker verstehen das. Im Grunde bin ich clean.

Hätte ich aber einen Kaffeebecher in der Hand gehabt, ich wäre sehr in Versuchung gewesen, auch einmal kurz zu lauschen, man muss doch immer neugierig bleiben. Macht Kaffee im Becher überhaupt irgendein Geräusch? Platzen die feinen Milchschaumbläschen vielleicht leise ploppend, als würden winzigkleine Wesen genüsslich winzigkleine Luftpolsterfolienbläschen zerdrücken? Spricht der Kaffee auf diese Art flüsternd zu uns, wenn wir nur offen genug sind? Letztlich ist unsere Wahrnehmung bei so etwas eh nur ein Zucken des Unterbewusstseins, genau wie bei allen anderen Orakeln. Das funktioniert auf viele Arten, Kristallkugeln folgen auch nur diesem banalen Prinzip, man starrt ins Ungewisse und sieht irgendwann irgendwas, weil das Unterbewusstsein sich langweilt. Das wusste die Dame vielleicht, das gehört ja auch zur Allgemeinbildung. Und verrückt sah sie wirklich nicht aus, sie wirkte im Gegenteil ziemlich sortiert, wach und zurechnungsfähig.

Vielleicht brauchte sie nur gerade dringend eine Antwort auf etwas und hatte keine Münze, um sie zu werfen. Außerdem ist Münzenwerfen in der S-Bahn auch so eine Sache für sich, am Ende ruckelt die Bahn im falschen Moment, die Münze rollt durch den Wagen und man erregt unfreiwillig Aufsehen, dabei wollte man nur ganz simpel ein Ja oder ein Nein. Vielleicht war ihre Frage komplexer und nicht einfach mit zwei Möglichkeiten zu beantworten, so eine Münze ist eine Entscheidungshilfe mit begrenzten Möglichkeiten. Ein Becher, der irgendwas murmelt, wie früher die Bäche oder die raunenden Brunnen, der ist da schon ergiebiger, das kann man sich doch gut vorstellen. Und dass man am ersten Werktag des Jahres auf dem Weg ins Büro die eine oder andere nagende Frage in sich verspürt, das kann man sich auch gut vorstellen, das kann ich mir sogar sehr gut vorstellen. Als halbwegs phantasiebegabter Mensch verstand ich also die Dame nach einer Weile recht gut, man muss sich manchmal nur ein wenig einfühlen. Ich habe es jedenfalls bedauert, nicht auch spontan an einem Becher lauschen zu können.

Andererseits hätte es die Dame vielleicht gekränkt, wenn ich sie so mit dem Becher am Ohr nachgemacht hätte, das hätte auch wieder unangenehm werden können. Obwohl ich sie mit meinem eigenen Becher am Ohr natürlich nur in bester Absicht ausdrücklich ernstgenommen hätte, aber ach, das wäre alles kompliziert gewesen. Auch in dieser Hinsicht hat es sich bewährt, keinen Coffee-to-go mehr zu kaufen, das war ein guter Entschluss, der sei hier noch einmal zur Nachahmung empfohlen.

Neulich habe ich übrigens, jetzt folgt eine Erzählung, die sehr ausgedacht klingt, aber vollkommen wahr ist, irgendwo etwas über die Bibliomantie gelesen (in dem verlinkten Wikipedia-Artikel kommt das schöne Wort Homeromantie vor, ist das nicht toll? So ein großartiger Begriff.). Ich weiß gar nicht mehr, wie ich darauf kam, vermutlich durch die Bücher von Alberto Manguel, es fällt mir jedenfalls bei Orakeln gerade wieder ein. Bibliomantie, also das Wahrsagen oder Orakeln mit Büchern, ist im letzten Jahrhundert aus der Mode gekommen, das macht man heute nicht mehr.

Ich habe es nach der Lektüre natürlich dennoch sofort gemacht, ich funktioniere da verlässlich, ich mache jeden Unsinn mit, wenn ich dafür nicht vor die Tür muss. Da nichts anderes in der Nähe lag, schon gar kein Homer, habe ich einfach einen der hier überall herumfliegenden Comics von Sohn I an beliebiger Stelle aufgeschlagen, meinen Finger ohne hinzusehen auf die Seite gelegt und dann gelesen, was da stand. Und da stand, meine Damen und Herren, es ist wirklich wahr: “Die Bewegung zur Herstellung der Harmonie ist gescheitert.” Das war noch im Jahr 2016, an das wir uns alle so ungern erinnern, und es war ein wirklich passender Orakelspruch für dieses elende Jahr, wenn auch kein wahnsinnig hilfreicher. Aber damit gab es damals in Delphi auch schon immer Probleme.

Das mache ich 2017 jedenfalls nicht noch einmal, wollte ich sagen, so genau will ich es vorher gar nicht wissen. Sonst ist der Comic, den ich dann greife und aufschlage, nachher zufällig ein Lustiges Taschenbuch mit Donald Duck oder so, und in der Sprechblase,, auf die der Finger zeigt, steht nur irgendwas wie “Ächz” oder “Würg”. Und dann steht man schön blöd da mit seinem Orakelspruch für 2017.

Egal. Jetzt Brandsalbe aufs Ohr.