Szenen aus Sankt Georg (3): Mach mal Hymne

Nach dem Spiel Deutschland gegen Frankreich bin ich mit Sohn II zum Park gegangen, um die Herzdame und Sohn I vom Public Viewing abzuholen. Die Familie ist, was Fußball angeht, im Moment etwas geteilt. Vor den Kneipen und Cafés saßen noch Menschentrauben mit Blickrichtung auf die großen Fernseher, auf denen teils gar nichts mehr lief oder nur noch Sportlerinterviews ohne Ton zu sehen waren. Bei dieser WM ist es so, dass nahezu jeder Laden einen Fernseher aufstellt, auch die kleinen Imbisse und die Kioske, alle paar Meter kann oder muss man Fußball sehen. Es sind so viele Fernseher, dass man hier und da sogar noch einen Platz vor einem bekommen könnte, einfach so. Das hat sich nach der letzten EM noch einmal deutlich gesteigert. Man könnte die Spiele jetzt auch bequem verfolgen, während man einfach die Straße auf und ab geht.

Erregte Bienenstockstimmung, ein wildes Gesumme von Stimmen, Expertenmeinungen überall. Verschmierte schwarzrotgoldene Schminkspuren und reichlich leere Gläser, die Runden für den gemütlichen Teil des Abends wurden gerade geordert. Jetzt hatten alle gewonnen, da konnte man doch noch einen? Oder zwei? Na sicher doch. Drei Männer mit Bierbäuchen in den Trikots der deutschen Mannschaft saßen schunkelnd auf ihren Stühlen, vor ihnen ein Akkordeonspieler vom Balkan: Que sera, sera.

Die Männer in kurzen Hosen, Sandalen und durchgeschwitzten T-Shirts, der Akkordeonspieler in Wollpullover und Lederjacke, eine Cordmütze auf dem Kopf. Wie warm mag es da sein, wo er herkommt?

Die Männer sangen laut mit, “what will be, will be”. Sie kramten in ihren Taschen nach Kleingeld und steckten dem Musiker Münzen zu, klopften ihm auf die Schultern. “Warte mal”, riefen sie ihm dann hinterher, als er weiterziehen wollte, “warte mal, warte mal.” Ein Zeigefinger wies auf den Boden vor ihrem Tisch, der Akkordeonspieler ging zurück und stellte sich gehorsam dort hin. Fragende Blicke. “Kannst du Hymne?” fragte einer der Männer und beugte sich vor, “kannst du unsere Hymne?” Er sah die anderen Männer zwinkernd an. “Deutsche Hymne, weißt du? Na? Deutschland?”

Er kramte noch einmal in seinen Taschen und suchte nach Münzen, die anderen machten es ihm nach. Der Akkordeonspieler nickte lächelnd, schob seine Mütze hoch und hielt die Hand auf, sagte aber nichts. Ob er die Männer verstanden hatte, war seinem Gesicht nicht anzusehen. Er sammelte die Münzen ein, die Männer lehnten sich zurück: “So, jetzt mach mal die Hymne hier, los, los. Hört mal alle zu jetzt. Deutschland!”

Der Akkordeonspieler schob die Münzen in seine Jacke, richtete das Akkordeon und knipste das Straßenmusikerstrahlemannlächeln, mit dem er den ganzen Abend von Tisch zu Tisch unterwegs war, wieder an.

Dann fing er an zu spielen und es klang nicht nach der Hymne. Aber es war doch etwas, das jeder nach sehr wenigen Tönen erkannte, es war ein Lied zum Mitsingen, ein Lied für Männer vor sehr vielen leeren Biergläsern. Ein Lied für Hamburger an warmen Sommerabenden, die noch lange nicht genug haben. Vielleicht war es aber auch das Lied, das er sowieso als nächstes Stück gespielt hätte, weil zwei, drei Lieder eben auch reichen, für so einen Abend. Mehr braucht es gar nicht, um hier und da ein paar Münzen von angetrunkenen oder verliebten oder einfach freundlichen Deutschen zu bekommen. Oder von schwerst genervten Menschen, die ihn nach zwei Stücken endlich loswerden wollen, weil ihnen zum fünften Mal an diesem Abend Que sera, sera vorgespielt wird. Er spielte und strahlte und nach Sekunden erkannte man es: “Auf der Reeperbahn nachts um halb eins.”

Und die Männer an den Tischen sangen lachend und klatschend mit und prosteten ihm mit neu gefüllten Biergläsern zu und als er weiterging sagte einer dann aber noch kopfschüttelnd, weil es doch einfach nicht in Ordnung war: “Hymne hat er jetzt aber nicht gemacht.”

 

Weiße Tiere und wilde Fragen für die Sommerferien

Ein Gastbeitrag von Rochus Wolff:

Der Sommer ist fürs Kinderkino – daheim wie in den Lichtspieltheatern – meist eher saure-Gurken-Zeit (obwohl: am 10. Juli startet im Kino Rico, Oskar und die Tieferschatten, den sollte man sich unbedingt ansehen, wenn die Kinder das Buch schon gelesen haben – womöglich der Kinderfilm des Jahres! Ausführliche Rezension hier).

Aber ein paar gute Filme gibt es dann eben doch, und hier ein paar Vorschläge für die hoffentlich seltenen Regentage während der Sommerferien – beginnend mit einem Thema, das sich zu Zeiten von viel Sonnenlicht sowieso besser behandeln lässt als im finsteren Herbst, wo es traditionell hingehört.

Mich beschäftigt nämlich immer wieder die Frage, wie man eigentlich vor allem etwas sensibleren Kindern die klassischen Themen des Horrorfilms nahebringen kann. (Die robusten werden sich ihre Figuren selbst suchen und schneller, als es uns Eltern lieb ist, mit Freunden gemeinsam heimlich mit einer vom großen Bruder des besten Freundes ausgeliehenen DVD vor dem Fernseher zittern. Und das ist gut so, denn das Horrorgenre braucht natürlich genau das: Das Heimliche, Verbotene, die eigene Entdeckung der knarzenden Holzbohle da ganz hinten im dunklen Zimmer.)

Dass das mit ganz jungen Kindern noch nicht richtig funktioniert, liegt in der Natur der Sache; damit stößt aber ein Film wie Hotel Transsilvanien ins Leere, der in seiner kindertauglichen Parodie aller klassischen Monster kulturelles Wissen voraussetzt, dass die Kinder eigentlich noch nicht haben können, weil sie selbst für die klassischen Universal-Monsterfilme von Frankenstein bis Dracula eigentlich noch zu jung sind. (Und wenn sie sie kennen, muss ihnen Hotel Transsilvanien im Vergleich unendlich fade erscheinen.)

In diese seltsame Leere hinein fällt Alfie, der kleine Werwolf, der das eigentlich Unmögliche versucht, eine Horrorfilmfigur schreckensfrei für fünf- bis achtjährige Kinder aufzubereiten – und das außer ein paar leicht gruseligen Verneigungen in Richtung des Genres, ganz gut hinbekommt. Daraus wird letztlich eine Geschichte vom Anderssein (da ist dem Horror nie fern), von Akzeptanz und Elternliebe – die Eltern des Titelhelden sind nämlich ein Elternpaar, selbstbewusst gleichberechtigt und ironisch-gelassen –, wie man es sich im deutschen Kinderfilm nur wünschen würde. (Empfohlen ab 5 Jahren, ausführliche Rezension hier.)

Die Themen Anpassung und Selbstbewusstsein verhandelt Trommelbauch von einer sehr viel realitätsnäheren Perspektive – und dennoch ist er eigentlich der phantastischere von den beiden. Hier geht es um den kleinen Dik Trommel, der mit seiner Familie von Dicksleben nach Dünnhausen zieht, weil seine Eltern dort ein Restaurant eröffnen wollen. Und wie die Namen schon sagen, ziehen hier also stramm übergewichtig-lebensfrohe Menschen in einen Ort, in dem Fitnessstudios und kalorienarme Gemüseshakes regieren.

Trommelbauch

Foto: Tiberius-Film

Das ist natürlich völlig überzeichnet und macht es sich in seiner direkten Kritik am Schlankheitswahn auch ein wenig einfach – aber da der Film jede Menge Komik aus der Konfrontation der unterschiedlichen Lebensstile mitbringt und die Figuren nicht nur als Strohmänner und -frauen für diesen Konflikt entwickelt, bringt er dann doch jede Menge Charme auf die Waage. (Empfohlen ab 7 Jahren, ausführliche Rezension hier)

Eine wesentlich dramatischere Geschichte bietet Belle & Sebastian: ein Junge wächst in zur Zeit der deutschen Besatzung als Waise in den französischen Alpen heran. Dort soll ein wilder Hund sein Unwesen treiben – aber Sebastian freundet sich schon bald mit dem nur vermeintlich wilden Tier an. Diese Freundschaft wird später dann lebenswichtig, als einige der Dorfbewohner wieder Flüchtlingen helfen wollen, über die Berge in die Schweiz zu fliehen.

Das Kinderbuch Belle & Sebastian von Cécile Aubry wurde bereits in den 1960er Jahren als Fernsehserie verfilmt, die Geschichte ist bekannt; die Verfilmung von Nicolas Vanier bietet das Ganze nun noch einmal verdichtet auf etwas mehr als 90 Minuten und eingebettet – das wird vor allem die Eltern freuen – in wahrhaft atemberaubende Naturaufnahmen der Berglandschaft. (Empfohlen ab 9 Jahren.)

Wen das ob der Erinnerung an die Fernsehserie womöglich ein wenig nostalgisch macht, dem kann geholfen werden. In den letzten Wochen hat es nämlich noch eine ganze Reihe von Fernsehserien gegeben, die neu, zum Teil erstmals, auf DVD erschienen sind, zum Schwelgen in Erinnerungen und vielleicht auch dafür geeignet, den Kindern zu zeigen, dass früher nicht alles schlechter war.

Da gäbe es zum Beispiel, ich werde Feuerwehrmann!, den ganzen, vollständigen Grisu in einer DVD-Box. Wahrscheinlich ist der so en bloc und aus der Gegenwart betrachtet gar nicht mehr so toll, wie man denkt. Auf jeden Fall ist es allerdings, wie auch Als die Tiere den Wald verließen von der guten alten Tante BBC, jetzt in Gänze als DVD-Box erhältlich, noch sehr beruhigend old school. Während es vermutlich noch ein bisschen dauern wird, bis die Kinder uns von den Qualitäten aller zeitgenössischen Fernseh-Trickserien überzeugt haben werden. Ahem.

Geographisch am nächsten an Belle & Sebastian dran, gibt es da noch Die schwarzen Brüder, die in den 1980ern vom deutschen Fernsehen vielleicht ein wenig brav, aber nah am Buch verfilmte Geschichte über Mailänder Kaminkehrerjungen, die ihren Eltern im Tessin in großer Not abgekauft worden waren – im Grunde eine Sozialschmonzette ohnegleichen, aber zugleich ein schöner Blick in eine andere Welt.

Und wer wirklich in echte andere Welten schauen mag, für den ein letzter Tipp, ein wenig ein Geheimtipp, aber ganz wunderbar: Die Geolino-Reportagen, Ausgaben eins bis drei sind bereits erschienen, liefern hochfokussierte, sehr konzentrierte und aufregende Einblicke in das Leben von Kindern und Tieren rund um den Globus – entstanden oft als „Abfallprodukt“ von großen Reportagen, aber deswegen keinen Deut schlechter gemacht. Von Katzenkindern in der Petersburger Eremitage über minensuchende Ratten bis hin zu der Frage, wie man am Polarkreis in die Schule geht – das taucht alles auf. Wenn man sich das anschaut, sollte man sich anschließend noch ein wenig Zeit nehmen für die vielen tollen Fragen, die da noch gesprudelt kommen mögen. Und ganz nebenbei wird für die Kinder sehr sichtbar, wie vielfältig dieses Ding Leben wirklich ist.

Und das soll man im Sommer ja auch feiern, nech.

Rochus Wolff

Rochus Wolff ist Filmkritiker, Feminist und Vater, nicht unbedingt in dieser Reihenfolge. Seit Januar 2013 beschäftigt er sich im Kinderfilmblog am liebsten mit dem schönen, guten, wahren Kinderfilm. Er lebt mit seiner Familie in Berlin und arbeitet hauptberuflich als PR-Mensch und Konzepter für eine Online-Agentur in Süddeutschland.

Woanders – der Wirtschaftsteil

Peter Glaser erklärt die Sache mit dem Sharing, der Text enthält interessante Links. Seine Kolumne auf futurezone ist ohnehin sehr lesenswert, da kann man öfter mal hinklicken. Auch im Tagesspiegel geht es ums Sharing, da wird ein wenig hinterfragt. Oder, wie es in den Kommentaren dort heißt: Es geht um Schmarotzertum. Nanu!

Die Sache mit dem Teilen, dem Sharing, sie berührt Grundsatzfragen des Menschen. Können wir überhaupt teilen, wie ausgeprägt ist unser egoistisches Interesse, sehen wir bei unseren Handlungen und Entscheidungen den Nutzen für die Allgemeinheit – und interessiert uns die Allgemeinheit überhaupt? Es wirkt immer noch exotisch, wenn Unternehmen nicht in erster Linie an der Maximierung des Profits ausgerichtet sind. Exotisch, aber irgendwie auch logisch. Zumindest dann, wenn man es erklärt bekommt.

“Wenn Menschen sich bedienen können, tun sie es” ist andererseits ein Zitat aus einem Artikel beim ORF zu genau diesem Thema, der Text ist gar nicht ganz so niederschmetternd, wie man vermuten könnte.

Aber es ist doch immer wieder interessant, von den betriebswirtschaftlichen Fragen des Alltags etwas zurückzutreten, nach der Gesamtperspektive zu suchen, nach der Gesellschaft, nach dem Menschsein. Sind wir eigentlich Schädlinge?

Oder man fragt nach unserer jeweiligen Position in der Familie, warum denn nicht, die hat immerhin auch Folgen für unsere Karriere und ist damit ein Wirtschaftsthema, wie es aussieht.

Man kann natürlich auch einmal wieder die Systemfrage stellen, das klingt schon so schön: “Ich stelle jetzt die Systemfrage.” Kommt auch in Meetings immer gut an. Das ist aber auch wirklich interessant – man beachte auch die Auflistung von alternativen Wirtschaftsmodellen ganz am Ende des Artikels.

Zur Landwirtschaft, da gibt es manchmal Meldungen, die fallen einem durch das auf, was gar nicht drinsteht. Da berichtet eine Regionalzeitung über die Gründung einer Meierei für Bio-Milch, erwähnt aber nicht den doch eigentlich interessanten Aspekt, dass es kleine, unabhängige Meiereien in weiten Teilen Deutschlands fast nicht mehr gibt. Obwohl gerade dass doch diese Gründung so wichtig macht. Da geht es in der nachhaltigen Landwirtschaft also zurück auf Los, das ist wie eine neue Runde.

Und während die Gründung einer Meierei noch eine Sache ist, die man sich plastisch vorstellen kann, sieht es bei den urbanen Landwirtschaftsprojekten vielleicht anders aus. Hier geht es zu einer Studie über Projekte in Großstädten, die mit klassischer Landwirtschaft so gar nichts mehr zu tun haben. Aber wohl nach jetzigem Stand auch nicht gerade die Zukunft der Ernährung sind.Oder etwa doch? Nächste Woche finden wir dann wieder eine andere Quelle dazu, die genau das behauptet. Kann gut sein, es ist eben kompliziert.

Wobei wir uns aber um die Zukunft eh keine Sorgen machen, uns geht es nämlich super, alles ist fein, danke der Nachfrage. Keine weiteren Debatten, bitte.

Anderswo sieht die Zukunft nicht so toll aus, die Gegenwart schon gar nicht, etwa in Syrien. Aber das ist weit weg, das kann man sich eh nicht vorstellen. Oder vielleicht doch? Doch mal eine Minute länger drüber nachdenken.

Dahinter passt jetzt kein beschwingter Kulturteil zum Ausklang mehr. Aber es gib ja keinen Mangel an traurigen Liedern. Der Refrain hier passt schon, auch wenn es ein Liebeslied ist. Wir suchen für die nächste Woche dann mal ein paar gute Nachrichten raus. Ohne Gewähr.

GLS Bank mit Sinn

 

Die Verwandlung

Als die Herzdame eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand sie sich in ihrem Bett zu einer einsatzbereiten Bastelmutti verwandelt.

Schultüte

Und die Verwandlung hatte natürlich Folgen. Denn heutzutage bastelt man Schultüten selbst, warum auch immer. Ein Land im Klammergriff der Bastelmuttis, es gibt kein Entkommen. Bastelmuttis neigen übrigens zur Zusammenrottung und gemeinsamen Produktion, deswegen wird nicht nur gebastelt, sondern vorher auch noch gebacken. Wenn es so weitergeht, führt sie also bald ihr eigenes Rezeptblog mit hübsch dekorierten Kuchen und ich verlinke irgendwann hier ihren Dawanda-Shop, der Weg ist quasi vorgezeichnet. Man macht was mit!  Egal, die Beziehung hält was aus.

Da wir mit einer Buchbinderei befreundet sind, führten die Versuche der Herzdame an Pappe und Schere mit ein wenig Nachhilfe von äußerst kompetenter Seite natürlich auch zu vorzeigbaren Ergebnissen, die man dann abends freudestrahlend dem in Kürze einzuschulenden Sohn vorzeigen konnte.

Der sich dann einigermaßen mühsam das Wort auf der Brust des Fußballers zusammenbuchstabierte und stirnrunzelnd fragte, ob man das nicht bitte wieder entfernen könne? Das sei doch ziemlich albern.

Und der sich dann sehr wunderte, wieso ich ihn spontan herzen und küssen musste.

 

Woanders – diesmal mit Kunst, Namen, Marokko und anderem

Reise: Der Kiezneurotiker entdeckt Kunst in Timmendorf. Wobei natürlich, wie ich als Ex-Travemünder anmerken muss, Timmendorf sowieso nicht geht.

Feuilleton/Sport: Percanta über Fußball und Namen. Wir denken an dieser Stelle auch an Lech Walesa, dessen Schreibweise und Aussprache in den Jahren seines Wirkens in sämtlichen deutschen Nachrichtensendungen etwa alle drei Monate  neu optimiert wurde. Immer wieder und wieder. Mit Rückschlägen und teils sehr tapferen Neuversuchen. Und das Blog hier verdaut anscheinend nicht einmal die Sonderzeichen in seinem Namen, nanu. Es ist kompliziert.

Bilder: Marokkoblau.

Bilder: Küchen auf dem Balkan.

Bilder: Sternenfotografie in den Bergen.

 

Musikalische Früherziehung

Die Söhne sehen zufällig einen Gitarristen im Fernsehen. So einen mit akustischer Konzertgitarre, er spielt ein Stück klassische Musik. Ich erkenne es nicht, ich habe von so etwas überhaupt keine Ahnung. Man sieht Nahaufnahmen seiner Finger, die in absurd geschickter Weise und Geschwindigkeit über die Saiten fliegen, der Mann spielt wirklich bewundernswert. Er spielt in einem historischen Gebäude, in einem Museum vielleicht, die Musik hallt durch die Säulengänge, es ist fantastisch.

Die Söhne gucken gebannt. Ich freue mich, denn ich bedaure immer, dass ich ihnen musikalisch so wenig vermitteln kann. Da habe ich im Leben etwas verpasst und kann gar nichts weitergeben. Sollen sie sich also ruhig für ein klassisches Gitarrenkonzert begeistern, das finde ich gut, das finde ich sehr gut. Der Tonteppich wird immer dichter, die Musik wird immer dramatischer, die Finger des Mannes bewegen sich in einer Weise, die man gar nicht für möglich hält. Anerkennendes Nicken der Söhne. „Schön?“ frage ich hoffnungsvoll. „Ja“, sagen die Kinder, „der kann aber was, Papa!“ „Genau“, sage ich, „sicher ein großer Künstler.“

„Aber wenn er eine E-Gitarre nehmen würde, dann hätte das mehr Kawumm“, sagt Sohn II, ein Experte für Kawumm in allen Lebenslagen. „Er müsste auch weniger machen“, sagt Sohn I, ein ausgewiesener Kenner des Nichtstuns. „Nicht so wahnsinnig viele Töne.“ „Und mit einem Schlagzeug dabei wäre es noch besser“, überlegen sie gemeinsam weiter. Außerdem gehört neben einen mit Gitarre doch auch immer auch einer mit Bass, meinen sie, und den Gesang, den Gesang vermissen sie irgendwie auch. Aber sonst: schon schön.

Nun ja. Liebhaber der klassischen Musik werden sie vielleicht nicht mehr. Aber sie sind jederzeit bereit, die Rockmusik neu zu erfinden. Das ist doch auch etwas wert.

(Dieser Text erschien als Kolumne in den Lübecker Nachrichten und in der Ostsee-Zeitung)

Mangoldrisotto mit Ziegenkäse

Ich habe das gestern nur kurz auf Twitter erwähnt, dass ich gerade Mangoldrisotto mit Ziegenkäse zubereitete. Dazu gab es ungewöhnlich viele Nachfragen, mehrere Menschen fragten nach dem Rezept, deswegen habe ich das heute noch einmal gekocht, Fotos gemacht und zack, können Sie das auch machen. Was ist das wieder serviceorientiert hier, das gibt es ja heute kaum noch.

Ich koche meist nach Rezept, das hier habe ich aber einfach so zusammengeworfen. Ein Risotto ist dafür immer ein dankbares Opfer, das schluckt auch Fehler. Im Grunde ist ein Risotto also ideal für Nichtganzsogutköche wie mich. Man braucht eine Handvoll Mangold, für zwei Personen etwa 250 Gramm Risottoreis, eine Zwiebel, Gemüsebrühe, Parmesan, Ziegenkäse. Wenn man Kinder hat, dann braucht man dazu auch noch Brot und Bioleberwurst.

Mangoldrisotto

Die Zwiebel in Olivenöl andünsten, Reis kurz dazugeben, bis er glasig vom Öl umhüllt ist. Dann nach und nach heiße (!) Gemüsebrühe dazukippen. Rühren, rühren, rühren. Wenn die Brühe vom Reis weggelutscht ist, Brühe nachkippen. Theoretisch gibt es zwischendurch auch einen Arbeitsschritt mit Wein, den lasse ich weg, weil ich nie Wein im Haus habe. Egal. Kochbücher würden empfehlen, den kleingeschnippelten Mangold erst kurz vor Ende der Kochzeit dazuzugeben, ich gebe einen Teil schon deutlich vorher dazu, dann macht das Abschmecken und Probieren zwischendurch nämlich wesentlich mehr Spaß. Den Großteil aber dann tatsächlich kurz vor Schluß hineinwerfen, wenn der Reis schon fast eine annehmbare Kosnistenz hat. Erst die Stiele, dann die Blätter. Die Blätter brauchen nicht lange, die müssen die Bratpfanne im Grunde nur kurz gesehen haben. Parmesan darüber und einrühren, da kann ich mit einer Mengenangabe allerdings nicht dienen, für das Reiben des Parmesans ist hier Sohn II zuständig und der nimmt viel.

Mangoldrisotto

Mangoldrisotto

Mangoldrisotto

Abschmecken und auf Teller füllen, Ziegenkäse großzügig darüber bröseln. Ich hatte so eine Ziegenkäserolle, andere Formen gehen auch, solange man sie bröckeln kann. Nebenbei das Brot mit der Bioleberwurst bestreichen und den Kindern servieren. Kinder essen Mangold mit Ziegenkäse mit ziemlicher Sicherheit nicht.

Mangoldrisotto

Das Risotto, das man auch den Risotto nennen kann, sagt der Duden, schmeckt sehr erdig und ziegig, das ist ziemlich originell im Geschmack und vermutlich nicht jedermanns Sache. Ich finde es ganz wunderbar, ein richtiges Vorzeige-Essen, aber ich bin auch ein großer Mangold-Fan.

Dazu gab es, das war ein reiner Zufall, ein Dolden Sud Indian Pale Ale von Riedenburger, das passte geradezu sensationell gut. Auch das Bier ist ziemlich speziell. Zwei eher exzentrische Geschmacksrichtungen, die sehr gut zusammenfinden, das fand ich so großartig, das konnte ich tatsächlich mit Begeisterung auch am zweiten Tag zubereiten und essen. Und wenn ich das nächste Mal ein Rezept auf Twitter erwähne, dann nur, wenn ich beim Kochen Fotos gemacht habe. Schon klar.

Indian Pale Ale

 

Gelesen, vorgelesen, gesehen, gespielt und gehört im Juni

Gelesen

Reichlich weiter in Safranskis Goethe-Biographie, das hatten wir im April schon, siehe dort. Das Buch ist etwas dicker, das dauert also etwas. Und inhaltsreich ist es auch. Und wie. Sehr empfehlenswert, aber das sagte ich bereits, nehme ich an.

Johann Wolfgang von Goethe: Dichtung und Wahrheit. Hat mir früher nie etwas gesagt, jetzt aber umso mehr. Das ist natürlich die ideale Lektüre neben dem Safranski, man kann die beiden Bücher auch so lesen, dass sie zeitlich in bezug auf Goethes Leben etwa gleichauf sind. Faszinierend, möchte man da geradezu spockhaft anmerken. Die Begleitlektüre macht das Lesen des Safranskis nicht schneller, aber wozu sollte man dabei auch schnell sein.

Georges Simenon: Maigret macht Ferien. Deutsch von Markus Jakob. Das habe ich sinnigerweise in den Ferien auf Lanzarote gelesen und zwar sowohl mit Genuss als auch mit, wie immer bei Simenon, dem blanken Neid auf die Schaffenskraft dieses Autoren. Jede Woche schrieb er einen Roman. Wie isses nun bloß möglich? Ich werde es nie verstehen.

Das ist “nur” einer seiner Maigret-Romane, dennoch ist er sehr gut. Die seelischen Komplikationen des Kommissars in einem komplett misslungenen Urlaub, das passte auch gut zu meinem Urlaub. Die ganz leicht verkantete Beziehung zu seiner erkrankten Madame, die arrogante Klassengesellschaft der französischen Provinz, die fledermaushaft umherhuschenden Nonnen in einem Kleinstadtkrankenhaus, die Athmosphäre in der kleinen Stadt am Meer, das ist alles ganz meisterhaft nachvollziehbar und plastisch. Maigret säuft und raucht womöglich noch mehr als in den anderen Bänden, er trinkt tatsächlich ziemlich enthemmt.

Und für Augenblicke, als Maigret zum xten Male in eine verrauchte Hafenkneipe ging, um sich ein weiteres Glas zu genehmigen, hatte ich selbst auch ein klein wenig Sehnsucht nach dieser Erwachsenenwelt, in der es abends vor allem um die Wahl zwischen Armagnac und Calvados geht, um Pfeife oder Zigarre, um eine Welt, in der nichts ungesund ist, nichts Folgen hat und alle auf die gleiche Art beim Erwachsensein mitmachen und Kinder nur ganz am Rande vorkommen. Das ist natürlich unzeitgemäßer Unsinn, diese Sehnsucht, und sie hält auch nur an, bis einer der Söhne nach meiner Hand greift. Aber für einen Moment ist es schon ganz nett – und das darf man sich dann auch einmal gönnen. Habe ich so beschlossen. Nebenbei auch noch beschlossen: mehr Simenon lesen. Viel mehr.

Georges Simenon: Maigret als möblierter Herr. Deutsch von Wolfram Schäfer. Beschluss gleich umgesetzt und mir noch diesen Roman gekauft. Da mietet sich Maigret in eine seltsame Pension ein und wenn man das Buch durch hat, dann weiß man nicht recht, hat man ein Buch gelesen oder doch einen Film gesehen. Denn diese Pension, die hat man doch mit eigenen Augen gesehen? Die würde man jetzt doch wiedererkennen? Man meint, den Grundriss zeichnen zu können, obwohl man gar keine seitenlangen Raumbeschreibungen gelesen hat. Das ist sehr Simeon, dass man die Szene ganz deutlich sieht, obwohl er sie nur kurz anreißt. Faszinierend, wie er das macht. Ansonsten wird viel Likör getrunken, das muss ja nicht sein.

Reza Aslan: Der Zelot. Deutsch von Henning Dedekind, Karin Schuler, Norbert Juraschitz und Thomas Pfeiffer. Dazu fiel mir irgendwann eine Rezension auf, daher habe ich es bestellt. Ein Sachbuch über den historischen Jesus. Ich bin zwar überhaupt nicht religiös und habe mit dem Christentum recht wenig im Sinn, fand es aber sehr erhellend. Das hilft der Allgemeinbildung in Bezug auf die Zeit von Jesu Geburt ordentlich auf die Sprünge, der herausgearbeitete Gegensatz zwischen dem Menschen Jesus und dem später inszenierten Sohn Gottes war mir so auch nicht bewusst. Viele sprachliche Feinheiten der Bibeltexte werden erläutert und in einem historischen Kontext hinterfragt, ob er nun der Sohn des Vaters, des Gottes oder des Königs von irgendwas war – ich fand es spannend.

Roger Willemsen: Momentum. Ich mach das ja so: wenn ich nach etwa zehn Seiten immer noch nicht weiß, was das Buch soll, dann lese ich das nicht weiter. Das Werk steht jetzt also in einer Hotelbibliothek auf Lanzarote und irritiert Touristen. Auch schön.

Ebenso erging es Hanns-Josef Ortheil mit seinem Roman “Die große Liebe”. Das sagt mir einfach nichts.

Wolf Haas: Verteidigung der Missionarsstellung. Dazu hat Isa bereits eine Zwei-Drittel-Positiv-Rezension geschrieben. Im ersten Drittel ist alles richtig, was sie schreibt. Zwischendurch gelacht, ich habe das Buch dann aber doch kurzentschlossen im Flugzeug von Lanzarote nach Hamburg liegen gelassen. Das ist mir alles zu kunstvoll, zu over the top, zu gespreizt. Gut ist das Buch dennoch – aber eben nicht mein Fall. Die Auswahl der Urlaubslektüre also diesmal ein einziges Desaster. Nanu!

Horst Evers: Gefühltes Wissen. Einer der Texte in diesem Buch beginnt so: “Es war einer dieser Tage, wo man schon am Morgen denkt: Also, wenn eins nun heute wirklich auf keinen Fall passieren wird, dann ist es das, dass ich heute noch irgendwas fürs Leben lerne.” Das sind also gute und wichtige Texte von elementarer Bedeutung für die Bewältigung des Alltags, das merkt man schon an solchen Anfängen. Macht Spaß, das Buch, eine ganz ausgezeichnete Strandlektüre.

Karen Köhler: Wir haben Raketen geangelt. Das habe ich gar nicht gelesen, das ist auch noch gar nicht erschienen, das habe ich von der Autorin bei einer Wohnzimmerlesung im Hause Bogdan vorgelesen bekommen. Also einen Teil davon jedenfalls. Und dieser Teil war schon so beschaffen, dass ich Ihnen dringend zur Vorbestellung raten möchte, das Buch ist ganz wunderbar. Auf der Hanser-Seite steht etwas von dramatischer Leichtigkeit, das trifft es tatsächlich ziemlich gut, das ist ein Buch für eine wechselhafte Wettervorhersage, also für diesen Sommer. Erscheint demnächst.

Vorgelesen

Die schönsten Sagen aus aller Welt – Nacherzählt von Katharina Neuschaefer. Mit Bildern von Felix Eckardt. Wir sind bisher nur durch die nordische Götterwelt gekommen. Da fliegt Mjöllnir tief und man fragt sich beim Vorlesen dauernd, ob ein Kind das nun wirklich interessant finden kann, aber das kann es dann doch, jedenfalls Sohn I. Fand ich als Kind übrigens auch, wenn ich mich recht erinnere, wobei ich die Griechen und Römer deutlich toller und spannender fand. Aber die kommen erst noch. Nach dem ganzen Siegfried-Zeug und der Tafelrunde. Man hat’s nicht leicht.

Gesehen

Kleinen Rückfall in alte Zeiten gehabt und viele Musikvideos gesehen. Das hier mag ich zum Beispiel.

Gespielt

Schmetterlingszucht. Das haben wir als Set zum Testen geschickt bekommen. Genau genommen haben wir es geschickt bekommen, weil ich die Anfragemail der Agentur etwas überrascht halblaut gelesen habe und Sohn I gehört hat, wie ich etwas von Haustieren murmelte. Und dann wollte er das natürlich haben. Da bekommt man also ein Glas mit Nährlösung und Raupen geschickt, das war dann auch das erste Mal, das wir etwas Lebendiges in der Post hatten. Man setzt die Raupen in das Glas und sieht zu, wie sie wachsen. Mehr machen sie nicht, aber das machen sie in unfassbarer Geschwindigkeit, man sieht das Buch von der Raupe Nimmersatt dann tatsächlich in ganz neuem Licht. Man sieht Raupen draußen sonst nur ab und zu in verschiedenen Stadien, wenn man denen man aber mal dauerhaft zusehen kann, das ist wirklich verblüffend. Die Raupen leben von der Nährlösung am Boden des Glases, krabbeln herum und werden groß. Wenn die Jungs hier ab und zu den Fußboden ablecken würden, das wäre womöglich auch nahrhaft, immerhin isst Sohn II sein Müsli mit Vorliebe flächig. Dann machen die Raupen das, was man normalerweise nicht sieht, sie hängen sich an den Deckel des Glases und verpuppen sich – und da kommen tatsächlich nach ein paar Tagen Schmetterlinge raus. Und eigentlich ist es erstaunlich, mit welcher Seelenruhe Kinder dieses Wunder hinnehmen. Sie sind schon begeistert davon, gar keine Frage, aber im Grunde wundern sie sich nicht. Das ist eben so, Raupen werden Schmetterlinge, das sieht man doch. Während man sich als Erwachsener mit jedem Jahr mehr wundert, zumindest kommt es mir gerade so vor. Wie kann es denn bloß sein, dass so etwas funktioniert? Ich verstehe es immer weniger, aber ich stehe auch immer staunender vor Ameisenhaufen oder Bienenstöcken. Distelfalter waren das jedenfalls, die dürfen hier auch in der Natur vorkommen, man lässt da keine Exoten frei. Die haben wir also sofort freigelassen, das fanden die Jungs dann wieder großartig. Und wir hatten Glück, die Schmetterlinge wurden nicht nach zwei Flügelschlägen von der nächstbesten Meise verfühstückt, das wäre blöd gewesen. Sie flatterten friedlich außer Sichtweite. Eine Raupe hat die Verwandlungsübung nicht geschafft, das gehört dazu und wurde hier viel diskutiert, das wird als Lernaufgabe sozusagen mitgeliefert.

Fußball. Das Thema scheinen wir nicht mehr so leicht loszuwerden, denn Sohn I spielt gar nicht so schlecht, woher auch immer er das haben mag. Schlimm. Am nächsten Montag hat er Probetraining in einem Verein, da kommt etwas auf uns zu.

Aber immerhin lustig, wie ich da auf dem Bolzplatz im Park schon daran scheiterte, dass ich mir nicht merken konnte, wer in welche Mannschaft gehörte. Das ist schon verdammt praktisch bei den Profis, mit den farbigen Trikots! Und dass die Jungs um mich herum, besonders ein paar Größere, so gut, so geradezu sagenhaft gut spielten, das lag dann gar nicht nur daran, dass ich so sagenhaft schlecht spiele. Nein, das lag auch daran, dass sie, wie ich aber erst nach dem Spiel erfuhr, zur Hamburger Jugendauswahl gehörten. Wer rechnet denn mit so etwas!

Sohn II war im Urlaub einen Tag krank, da war es sehr gut, dass wir eines dieser Sticker-Bücher dabei hatten, mit dem hat er sich verblüffend lange beschäftigt, es sind aber auch sehr viele Aufkleber enthalten, mit denen man Geschichten entwickeln kann. Gute Sache. Die Bücher sind zwar englisch, aber das ist in seinem Alter natürlich völlig egal. Genau so sinnvoll sind da übrigens diese Kartensets, die man immer wieder bemalen kann, auch von Usborne, mit denen ich keinen Werbedeal habe, nein. Das Zeug funktioniert einfach super, das kann ich gerade für Reisen sehr empfehlen.

Unbenannt

Lego-Apps. Zur Bespaßung der Kinder im Flugzeug dienten uns die kostenlosen Spiele-Apps von Lego. Da gibt es eine ganze Reihe, auch für verschiedene Altersstufen, die sind durch die Bank brauchbar. Es gibt auch Varianten, die man bezahlen muss, aber die braucht man erst einmal nicht.

Schach mit Sohn I. Eine schwierige Angelegenheit, da die Anfänge im Schach schnell frustrierend sind und es seine erste Begegnung mit einem Spiel ist, bei dem es so gar nicht auf Glück und Schnelligkeit ankommt. Aber die Faszination ist doch groß, gar keine Frage. Schon diese ritualisierte Aufstellung der Armeen, die geheimnisvollen Feldbezeichnungen wie A8 usw., die seltsamen Winkelzüge des Pferdes, der bedrohte König, der verteidigt werden muss – doch, das hat etwas. Die Züge des Pferdes sind übrigens enom schwer zu verstehen, wie es scheint, das hat für Kinder so einen Knick in der Logik, das geht irgendwie nicht. Können Kinder vielleicht nicht um die Ecke denken?

Planschen mit beiden Kindern. Denn wer in den Urlaub fährt, der geht natürlich in den Pool. Oder in das Meer, in den Bergsee oder was auch immer sich da gerade anbietet. Das ist so ein Fall von “Was tut man nicht alles”, denn ich würde normalerweise eher Städtereisen machen. Ich habe aber Familie, also bereise ich zur Zeit andere Ziele. Und so kam es, dass ich mit einem aufblasbaren Hai am Atlantik entlang flanierte und dennoch würdevoll guckte, denn Haltung ist immer wichtig. Die meisten Menschen lassen sich ja furchtbar gehen, sobald sie ein Gummitier in der Hand haben, es ist nicht mit anzusehen.

Der spanische Verkäufer am Strandkiosk, der mir diesen aufblasbaren Hai verkaufte, er fragte übrigens mit charmantem Akzent und ebensolchem Lächeln: “Should I blow your shark?” Und sollte ich jemals einen Porno schreiben, dieser Satz kommt ganz gewiss darin vor.

Gehört

Cannonball Adderley, “Somethin’ else” mit Miles Davis in einer Nebenrolle, das hört man auch nicht gerade häufig. Mit einer Aufnahme von Autumn Leaves, die einen umhaut, so schön ist das. Auch wenn draußen noch so sehr Sommer ist, da merkt man doch, wie sich der Herbst am Ende der Saison zusammenbraut. Weil man es merken will.

Django Reinhardt. Warum hab ich den eigentlich noch nie vorher intensiv gehört? Manchmal versteht man es ja nicht. So großartige Musik. Und wo ich schon beim Jazz war: Horace Silver. Von dem kannte ich was, ohne zu wissen, dass er das war. Jetzt mal etliche Titel mit Konzentration nacheinander weg gehört. Mach ich auch wieder. Der Herr ist übrigens in diesem Monat verstorben, kaum dass ich ihn entdeckt habe. Schlimm. Danach dann nicht mehr getraut, noch weitere Jazz-Künstler zu entdecken.

Woanders – Der Wirtschaftsteil

Toll, es gibt etwas umsonst! Beste Kartoffeln. Bio, regio, kosten nix – was will man mehr? Vielleicht wüsste man lieber eine andere Geschichte dahinter. Womöglich würden sie dann noch besser schmecken.

Oder vielleicht sollte man in der Landwirtschaft auf lukrativere Produkte umsteigen, das scheint ja zu funktionieren. Und ist womöglich auch bio.

Und es ist natürlich schön, noch einmal umsteigen zu können im Leben, das freut nicht nur die Babyboomer, die es sich womöglich sogar leisten können. Es wird hier in absehbarer Zeit immerhin genug ältere Menschen geben, die gut nebenbei eine leichte Hirtentätigkeit betreiben können. Manche nennen es “Bevölkerungskatastrophe”.

Ein großes Wort. Es passt vielleicht besser zu dieser Meldung, die ein wenig relativierend wirkt. Da geht es definitiv um eine Katastrophe. Bzw. um 50 Millionen Katastrophen. Wie man aber mit den Auswirkungen solcher und anderer Tragödien umgeht, das sagt sehr viel über uns aus. Oder über unsere Stadtplaner, unsere Geschäftsleute, Politiker etc.

Nicht bio geht es hier zu, eine Meldung zur Gefährlichkeit von Pestiziden. Und alle so: “Ach was?” Konnte ja keiner mit rechnen.

Die Industrie hat Interessen und verbreitet womöglich nicht die Wahrheit, das ist  nun wirklich überraschend. Am Ende kommt das auch noch in anderen Branchen vor, schlimm.

Aber es gibt auch die Industrie, die sich rührend um uns bemüht, die entwickelt z.B. Gesundheitssensoren, um den Smalltalkbegriff der Woche noch eben fallen zu lassen. Ist das nicht schön und edel? Da freuen wir uns doch.

Man könnte glatt die Lust an diesem ganzen Produktzirkus verlieren. Also doch lieber die Alpakas? Oder Müll sammeln und daraus richtig bewohnbare, behördlich genehmigte Häuser bauen? Das geht nämlich auch. Wie es übrigens aussieht, wenn ein ganzes Land das Interesse am Politikzirkus verliert, das kann man in der Slowakei bestaunen.

Im Kulturteil denken wir an Typographie und über diese Schrift nach. Und beantworten die Frage in der Überschrift einfach mal mit: nein, wahrscheinlich nicht. Aber nett, dass jemand darüber nachdenkt, doch, das ist schon schön. Denn auch im Kulturteil kann man über die erstaunlichsten Dinge nachdenken, etwa über Faust und den Kapitalismus. Gucken Sie mal hier.

Sie haben nun, ach! den wöchentlichen Wirtschaftsteil durchaus studiert. Um das hier mal wieder äußerst passend zu beenden.

GLS Bank mit Sinn

Kurz und klein

Das Dienstagsupdate

Drüben bei “Was machen die da” haben wir heute einen Marathonläufer. Und nicht irgendeinen, davon laufen ja schließlich Hundertschaften durch die Gegend. Nein, sondern einen, den man von seinem Blog her kennen könnte. Und der die Marathondistanz ausgerechnet auf Helgoland läuft. Davon abgesehen wirkt er aber ganz normal. Der Mensch, das rätselhafte Wesen.

Erwähnte ich, dass ich seit diesem Interview selbst auch dauernd um die Alster laufe? Das sind 7,5 Kilometer. Mir ist es aber auch nach etlichen Testrunden noch völlig unbegreiflich, wie man jemals mehr laufen kann.

Na, vielleicht komme ich noch drauf. Oder laufe aus Versehen weiter.

 
Unbenannt

Es gab fast Fisch

Die Söhne standen auf Lanzarote am Atlantik, mit Kescher und Eimerchen in der Hand, was Kinder eben so machen, wenn sie am Meer sind. Der eiskalte Atlantik umspülte träge ihre Knöchel, an der Ostseite dieser Insel findet Brandung quasi nicht statt. Das Meer liegt da einfach herum und hält still. Hätten die Söhne allerdings gewusst, wie groß die Krebse zwischen den Lavagesteinsbrocken dort im flachen Wasser werden können, sie hätten nicht ganz so entspannt da gestanden, aber das haben wir erst am Ende des Urlaubs herausgefunden.

Sie standen da also und zeigten immer wieder auf winzige Fische, die durch das klare Wasser schossen, die waren so schnell und so klein, man konnte sie kaum erkennen. Graue Fische mit schwarzen Streifen, kaum kinderkleinfingergroß. Diese Fische hätten sie so gerne gefangen, um sie näher anzusehen. Und genau so erging es noch zwei anderen Jungs, die waren im etwa gleichen Alter wie die Söhne. Sie sahen japanisch aus, sprachen aber englisch. Die wollten auch ganz dringend so einen Fisch, so einen kleinen und schnellen, so einen “very fast fish”, wie sie sagten. Und die Söhne rannten dann gemeinsam mit den anderen beiden Kindern über den Strand und fanden die Bezeichnung fast fish ganz logisch, die haben sie auch gleich übernommen und sich gegenseitig zugerufen, wo gerade ein fast fish zu sehen war und wo man also mit dem Kescher hinrennen musste. Denn das waren ja, wie sie mir später erklärten, Fische, die man immer nur fast hatte. Tatsächlich blieb der Kescher aber immer wieder leer. Und ob nun fast fish oder Fastfisch – am Ende hat man nichts, das passt schon.

Es ist eine alte Regel in der Kommunikation: wenn die Botschaft verstanden wird, dann waren die sprachlichen Mittel schon recht.

Unbenannt

“Was machen die da” – Das Dienstagsupdate

Drüben bei “Was machen die da” haben wir heute Saša Stanišic, Autor äußerst empfehlenswerter Bücher. Er erzählt über das Erzählen, über das Erschaffen von Menschen und Dörfern, über die Schreibdisziplin, das Plotten und die Lesereisen. Wer sich für Literatur interessiert, der wird den Text mit Gewinn lesen, möchte ich stark annehmen.

Bitte hier entlang.

Wir haben den Schriftsteller in einer Bar getroffen, es war übrigens der bisher gefährlichste Termin von allen. Das lag allerdings nicht an Saša, sondern an dem Kellner, der größere Mengen Rhabarbersaftschorle über Kamera, Objektive und Handys kippte. Es ist dann doch eine Unternehmung voller Abenteuer und Gefahren, dieses “Was machen die da”.

 

Kleine Pause

Wir machen mal wieder etwa eine Woche lang etwas ganz anderes, nämlich nichts. Das kann ich allerdings bekanntlich nicht so gut, deswegen erfordert das meine volle Konzentration, damit ich das durchhalte und wenigstens ansatzweise mit Haltung bestehe, da komme ich also vermutlich gar nicht zum Bloggen. Schlimm.

Amüsieren Sie sich doch bitte solange mit den Blogs, die Sie unten rechts in der Seitenspalte finden, da wird sich gewiss etwas finden lassen, das Sie interessiert.

Die Updates bei “Was machen die da” und beim “Wirtschaftsteil” erscheinen aber dennoch auch in der kommenden Woche , einmal am Dienstag, einmal am Donnerstag. Ich bin ja ein großer Freund der Regelmäßigkeit. Sollte ich mich aufraffen können, poste ich hier auch mal eben die Links.

Und nun bis bald.

Moment, ich streue hier nur noch schnell ein paar Links ein, die werden sonst alt und gammelig, die müssen weg.

Schule: Christian Fischer über das Schulsystem und die Inklusion, die hier irgendwie nicht verstanden wird.

Schule: Frau Novemberregen kauft Karten für ein Schulkonzert.

Feuilleton: André Hermann erzählt “Fifty shades of grey” nach. Das ist mit Sicherheit unterhaltsamer als das Original.

Deutschland: Ein Artikel über den Zipfelbund. Kannte ich auch noch nicht. Und in einer der Gemeinden war ich sogar schon! Ein vielversprechender Anfang.

Fotos: Bilder von Kühen. Bzw. von Gegend, denn die Kameras hängen an den Kühen: Cow-Cams.

Fotos: Das Projekt 1000 Fremde.

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