Fragen an die Söhne

Ich wurde hier gebeten, Fragen zu notieren, die Fremde an meine Kinder richten. Da musste ich erstaunlich lange nachdenken, was vielleicht daran liegt, dass wir in Hamburg wohnen. Wenn man sich hier fremd ist, dann spricht man sich nun einmal nicht an. Nein, auch Kinder nicht. Weder Sohn I, noch Sohn II werden dauernd von irgendwem irgend etwas gefragt, nicht beim Einkaufen, nicht auf dem Schulweg, nicht auf dem Spielplatz. Das scheint in anderen Gegenden anders zu sein.

Damit es dennoch eine Antwort gibt, nehme ich dafür die beiden häufigsten Fragen, die den Jungs von Erwachsenen gestellt werden – die dann allerdings eher keine fremden Erwachsenen sind.

Wenn wir mit dem Auto irgendwo hinfahren, etwa um jemanden zu besuchen, dann fragt man aus guten Gründen, wenn wir aus dem Auto steigen, Sohn II: “Und? Haste gekotzt?” Seine Antwort darauf ist in nahezu jedem Fall wahrheitsgemäß: “Jo.”

Und seit ein paar Monaten fragen nahezu alle Erwachsenen, die uns in egal welchem Kontext begegnen, Sohn I: “Und? Wie ist die Schule?”

Worauf die Antwort übrigens auch in jedem Fall “Jo” ist. Mehr hat er dazu nämlich nicht zu sagen. Schule ist zwar eindeutig super, aber die Frage nervt ihn allmählich doch sehr. Er fragt ja auch nicht jeden Erwachsenen bei jedem Treffen, wie es im Job so ist.

Die Söhne lernen hier also sehr früh, dass “Jo” eine sowohl zureichende als auch universal brauchbare Antwort ist. Das ist pädagogisch sicher nicht verkehrt.

 

Woanders – der Wirtschaftsteil

Volkswirtschaft haben wir hier eher selten, das kann aber auch einmal interessant und unterhaltsam sein, besonders wenn es um die Querschläger dieser Wissenschaft geht.

In diesem Interview geht es unter anderem auch um Monopoly, also um das Spiel, das so aufdringlich einige wichtige Aspekte unseres Systems spiegelt. So aufdringlich, dass man die Symbolik immer noch weiter denken kann, bis hin zu Monopoly Planet Earth.

Monopoly ist ein Spiel der Ungleichheit, der radikalen Gewinne und Verluste. Radikale Gewinner gibt es, das muss man sich ab und zu klarmachen, nicht nur im Spiel. Und was Verluste im wirklichen Leben ausmachen können, das liest man in dieser Meldung zu Griechenland, in der es einmal nicht um das Outfit und das Charisma des Regierungspersonals geht. Sondern um eine Zahl, die auf grauenvolle Weise ausdrückt, was in diesem Land los ist: die Selbstmordquote. Wobei man nicht nur an Griechenland denken muss, versteht sich.

Um Gewinner und Verlierer geht es auch im Text über Yuval Harari. Ein Mann mit der durchaus eleganten Berufsbezeichnung Universalhistoriker und es geht tatsächlich noch einmal um quasi alles.

Nach solchen Texten tut es immer gut, zu praktischen Problemen zurückzukehren, denn wir können nun einmal nicht in die Zukunft sehen, wir können auch das Gesamte vermutlich nicht verstehen. Wir können aber konkrete Fragen klären, etwa “Wie baut man ein Atomkraftwerk ab?” Da ist man dann wieder im Bereich des Handelns, da geht wieder was.

Und man kann sich auch handelnd um die Zukunft kümmern, versteht sich. Etwa mit Themen wie Cradle-To-Cradle. Etwas mehr dazu noch hier. Und wer noch Motivation braucht, sich mit solchen Themen zu beschäftigen, der erinnert sich am besten kurz mal an das Plastikproblem, das wir als Gesellschaft so großartig verdrängen. Wobei man sich immer noch entscheiden kann, ob man solche Meldungen frustrierend oder doch eher motivierend findet.

Zum Schluss wieder der übliche Link für Radfahrer. Da geht es um die Frage, was eine Stadt braucht, um radfreundlicher zu werden, um in der Verkehrsplanung neue Ideen zuzulassen. Die Antwort ist wohl einfach, aber im Einzelfall evtl. ziemlich schwer umzusetzen: Man braucht einen Bürgermeister, der gerne Rad fährt. Wie in London.

GLS Bank mit Sinn

Beim Herumschieben der Möbel

Mir geht es mit dem Blog fast schon wie Isa, was angesichts unserer Projektpartnerschaft kein Zufall ist, aber auch noch mit weiteren Gründen erklärt werden kann. Zum Beispiel damit, dass die Herzdame und ich zum Jahreswechsel angefangen haben, Möbel umzusortieren, ich berichtete hier. Und das hat immer noch nicht aufgehört. Es wird auch so leicht nicht aufhören. Da wir offensichtlich keine größere Wohnung finden können, die für uns auch nur halbwegs bezahlbar ist, müssen wir wohl an dieser Wohnung herumoptimieren, bis alles in der denkbar besten Weise genutzt wird. Das ist nicht so einfach.

Wir schieben also weiterhin Sachen durch die Gegend. Wir überlegen, was wo wie hineinpasst, was man nicht mehr braucht, was man wohin auslagern kann, was in welcher Farbe besser oder sogar größer aussieht, wie die Wohnung besser genutzt werden kann. Das ist ein ungeheuer ergiebiges Thema, damit kann man etliche Tage und Abende verbringen und nebenbei noch etwas über Mathematik nachdenken. Ja, Mathematik.

Etwa am Beispiel unseres Wohnzimmers. In dem stehen fünf Möbelstücke. Diese fünf Möbelstücke stehen an den fünf Standorten, die im Raum überhaupt für Möbel in Frage kommen, wenn man absurde Lösungen einmal ignoriert. Wenn man fünf Möbel auf fünf Plätze verteilt, dann hat man wie viele Möglichkeiten? Das sind 5! Was jetzt keine 5 mit einem Ausrufezeichen ist, sondern “Fünf Fakultät”, die mathematische Schreibweise für die erstaunliche Lösungsvielfalt von 5x4x3x2x1. So viele Möglichkeiten gibt es nämlich tatsächlich, das sind also 120. Erstaunlich, nicht wahr? 120 Möglichkeiten? Wenn man im Wohnzimmer vor den Möbeln steht und sich umsieht, was wie wo hinpassen könnte, dann kommt man zunächst nicht auf so eine hohe Zahl. Man denkt eher an zehn Möglichkeiten, vielleicht an fünfzehn. Wenn man aber darüber nachdenkt, wird es mathematisch schnell klar. Man hat für den ersten Platz fünf Möglichkeiten, für den zweiten vier, für den dritten drei und immer so weiter und wieder von vorne, mit dem zweiten Möbel auf Platz eins. Aber wenn man nicht nachdenkt, sondern nur kurz hinfühlt, dann liegt man völlig falsch.

Wir wollen aber keine Möglichkeit auslassen, also denken wir zumindest etwas intensiver nach, wenn auch sicher nicht bis zur vollen Zahl aller Möglichkeiten. Am Grundproblem, dass es nur ein Kinderzimmer gibt, ändert sich ohnehin nichts, da ist nichts zu machen. Aber sonst – wir spielen jetzt Möbelschach auf der vollen Grundfläche. Verloren hat dabei, wer keinen Platz für seinen Schreibtisch mehr hat.

Mein Schreibtisch steht jetzt plötzlich im Schlafzimmer, so dass ich zum ersten Mal seit Jahren etwas schreiben kann und dabei Tageslicht sehe. An meinem alten Platz im Flur, da gab es kein Fenster.Ich hatte ja nichts! Nicht einmal Licht. Aber egal, so sind in den  letzten Jahre alle Texte hier entstanden, gebloggt aus fensterloser Ecke, wer weiß, was das alles erklärt.

Jetzt steht mein Schreibtisch im Schlafzimmer, direkt neben dem Bett. Wenn ich den Arm ausstrecke, kann ich das Bett sogar fühlen, so dicht steht es. Ich kann, noch während ich mit der rechten Hand weitertippe, mit der linken Hand ganz nebenbei ertasten, wie weich das Bett ist, wie warm, wie einladend. Wenn ich mich ganz leicht mit dem Oberkörper nach links kippen lasse

[…]

Wo war ich? Es ist jetzt jedenfalls ein ausgesprochen nickerchenfreundlicher Arbeitsplatz, das kann man nicht anders sagen. Ich muss mich hier erst ein wenig eingrooven, glaube ich. Und dann gibt es auch wieder mehr Texte.

 

Ein Update bei “Was machen die da”

Wir haben ein neues Interview online, es geht um Equality Dancing und nein, den Begriff kannte ich bis vor ein paar Wochen auch nicht. Das ist aber eine interessante Sache, da kann man etwas über Normalität nachdenken und was warum getrennt wird und was nicht, das ist und bleibt ein spannendes Thema.

Und es gibt heute nicht nur ein Update, es gibt auch noch eine kleine Neuerung bei “Was machen die da” – nämlich einen Spendenbutton unter den Artikeln. Wir freuen uns über jeden Betrag, versteht sich. Herzlichen Dank und viel Spaß bei der Lektüre – zum neuen Interview hier entlang.

Die Beine von Tanzenden

 

Die Bochum-Texte und ein Telefonat

Nach der Lesung bei der GLS Bank am Freitag in Bochum gab es einige Nachfragen, ob die dort von mir gelesenen Texte online zu finden sind. Sie sind natürlich, und zwar hier:

Der Uralt-Text aus gegebenem Anlass “Selbstbild, Fremdbild, Rock’n Roll” noch unter alter Blogadresse und in zerschossenem Design genau hier.

Der Liebestext über die beiden jungen Menschen vor der S-Bahn ist hier.

Und der Text über die Sehnsucht nach dem Klack, den anscheinend erstaunlich viele Leute gut nachvollziehen können, der ist hier.

Die Lesung mit Isa, Patricia und Johannes wurde aufgezeichnet, der Stream wird vermutlich auch noch online gestellt, ich sage dann Bescheid.

Ich bedanke mich bei den Organisatoren von der GLS, das lief alles  bemerkenswert großartig und fluffig ab. Danke auch für die ungewöhnlich zahlreichen positiven Rückmeldungen auf Twitter etc., so etwas hebt die Stimmung tatsächlich nicht unerheblich. Und ich habe vor Ort bestimmt wieder Gäste nicht erkannt, obwohl ich ihnen seit Jahren auf irgendeinem Kanal folge, das tut mir aufrichtig leid, ich bin da aber komplett chancenlos.

Am Morgen nach der Lesung war ich mit Isa und Johannes in Bochum unterwegs, als mein Handy klingelte. Ich hatte damit schon gerechnet, denn ich bin wirklich nicht oft von zu Hause weg, natürlich vermissen mich die Söhne, sobald ich aus der Tür bin.


Ich: “Moin.”

Sohn I: “Hier ist Jojo Buddenbohm, wer ist da bitte?”

Ich: “Ich bin dein Vater.”

Sohn I: “Ah. Der.”

Ich: “Und? Wie ist so? Was macht ihr?”

Sohn I: “Mein Bruder schlägt auf seine Gitarre ein, Mama macht sich gerade einen Kaffee und ich ich würde viel lieber lesen, sollte dich aber unbedingt mal anrufen.”

Ich: “Ihr fehlt mir auch.”

Sohn I: “Tschüss Papa.”

Möps Büdchen in Bochum

 

Woanders – Der Wirtschaftsteil

Wir fangen mit einem kleinen Nachtrag zur letzten Folge an. Da ging es mit dem aufsehenerregenden Text von Bauer Willi los, der für viele Diskussionen und schier endlose Kommentare unter dem Originalpost gesorgt hat (wer es nicht gesehen hat – das war hier). Bei “enorm” kommt der Bauer in einem Interview jetzt noch einmal mit einigen Ergänzungen zu Wort.

Es bleibt also kompliziert in der Landwirtschaft, auch wenn die aktuellen Appelle an die Verbraucher oft ganz einfach klingen. Etwa der von Christian Hiss, dem Gründer der Freiburger Regionalwert AG. Bewusster einkaufen also, regionaler einkaufen. Mit dem Geld anders umgehen. Mit mehr Kenntnis und Interesse einkaufen womöglich, da helfen manchmal auch Geschichten weiter. Vor dem nächsten Sauerteigbrot etwa vielleicht einfach mal das hier lesen, da wird das Brot gleich viel spannender, und man möchte gar kein Industriebrot mehr.

Und damit genug von Landwirtschaft und Lebensmitteln, es gibt auch noch andere Branchen, Industrien und Themen, wir wollen einmal etwas origineller sein. Es soll nicht immer nur um das Essen und seine Produktion gehen, auch wenn man dazu endlos viele interessante Links findet. Andere Produkte sind ebenfalls spannend – und die kann man sogar auch mit dem Präfix “regio-” anteasern, das geht öfter, als man denkt. Regiorohstoffe wie Stahl, Aluminium, Kupfer zum Beispiel? Doch, die haben wir in Deutschland. Für den Smalltalk merken wir uns die Vokabel “Urban Mining”.

Finden wir noch mehr ganz andere Themen als sonst? Aber ja. Faire Kondome, die hatten wir hier auch noch nicht. Die gibt es auch noch gar nicht, aber vielleicht ja in Kürze.

Beim Thema “Sharing” denken wir meistens an Autos, vielleicht auch einmal an Ferienwohnungen oder an kleine Geräte wie Bohrmaschinen. Aber an Hunde?

Wenn wir an Stadtplanung denken, geht es hier meist um Verkehr, also schon wieder um Autos, vielleicht auch einmal um Fahrräder. Ein Stadtplaner sagt, es sollte eher um Kinder und Senioren gehen. Übrigens ein Text mit wunderbaren Detailinformationen – ohne Fahrradträger am Auto gibt es in Kopenhagen keine Taxilizenz. Guck an!

Wenn wir an Bücher denken, dann denken wir “toll!”, denn das Buch an sich ist gut, das Buch ist Kultur und Bildung. Man kauft vielleicht ein gedrucktes Buch in der guten alten Buchhandlung, und denkt sich, man macht damit etwas richtig. Man überlegt, ob nun Buch oder Ebook besser, vernünftiger, richtiger ist, das wird schnell sehr kompliziert, wie alle Fragen des Konsums. Das gedruckte Buch an sich ist gut, ja. Sein Rohmaterial ist es allerdings nicht unbedingt.

Eine Nachricht, bei der man auch zuerst “toll!” denkt: Eine Stadt zahlt Schadensersatz für fehlende Kita-Plätze Aber ist das wirklich so toll? Antje Schrupp denkt weiter. Auch die Kommentare unter dem Text sind lesenswert.

Zum Schluß wieder etwas für die Freunde des Fahrrads – bei Lego gibt es Design-Entwürfe für Hipster-Figuren. Und Hipster, eh klar, fahren Fahrrad. Und zwar nicht irgendein Fahrrad, sondern ein Fixie. Falls Sie nicht hip genug sind, um den Begriff Fixies zu kennen, falls Sie also so altmodisch sind wie ich, das sind Eingangräder, sagt die Wikipedia. Wieder was gelernt!

GLS Bank mit Sinn

Woanders – diesmal mit Nichtschule, digitaler Unfreiheit, Tablets und anderem

Schule: Die Reicherts schreiben über Reisen und leben davon. Ihre Kinder gehen nicht zur Schule. In diesem Interview ist ganz am Ende wiederum ein Interview mit dem ältesten Sohn verlinkt, der in Deutschland externes Abitur gemacht hat.  Eine ganz erstaunliche Angelegenheit.

Schule: Ein Hamburger Lehrer berichtet über das Lernen mit Tablets im Unterricht.  Völlig überraschend erweisen sich die Geräte als nützlich.

Familie: In der Wirtschaftswoche geht es um die digitale Unfreiheit der Kinder, deren Eltern sie mit modernsten Methoden fürsorglich belagern. Es graut einem.

Gesellschaft: Erzählungen über die Flucht aus Syrien. Langer Text, kaum vorstellbare Schicksale.

Feuilleton/Foto: Spaß mit Buchcovern.

Feuilleton: Der Fuchs sagt: “Tach!” – vom Kleinen Prinzen erscheinen gleich mehrere Neuübersetzungen und auch neue Hörfassungen.

 

Der tiefere Sinn des Februars

Ein allgemeines Formtief ergreift mein Umfeld. Alles kränkelt, schwächelt, dümpelt lustlos durch die grauen Tage. Man wartet auf den Frühling, auf bessere Zeiten, auf was weiß ich. Es gibt aber jedes Jahr einen dunklen Januar, es gibt jedes Jahr einen sinnlosen Februar, da muss man eben durch. Kein Grund, sich hängen zu lassen! Niemand sagt, dass man nicht auch die trüben Wochen mit etwas Phantasie für sinnvolle Projekte nutzen kann. Ich mache das jedenfalls.

Ich beobachte das Wetter, ich beobachte die Söhne. Ich warte ab, nein, ich lauere, denn ich muss für meinen Plan den perfekten Moment erwischen. Ich warte auf die ideale Kombination aus all den unerfreulichen Zutaten dieser Jahreszeit. Es muss draußen stundenlang schneeregnen oder graupeln, die Straßen und Wege müssen unangenehm matschig sein. Alles muss nass sein. Richtig, richtig nass. Und windig darf es auch gerne sein, so windig, dass die gefühlte Temperatur weit in den Keller geht und der Regen überall hinkommt. Und am besten wäre es, wenn es drei Tage hintereinander oder noch länger so ein Wetter gäbe. Die Kinder müssen sich, damit mein Plan funktioniert, noch mit irgendeinem Virus anfreunden, das ist ja in diesen Wochen eh kaum zu vermeiden. Am besten genau dann, wenn das Wetter endgültig so wirkt, als würde es sich nie mehr ändern wollen. Dann wird alles perfekt, dann geht der Plan problemlos auf. Dann werde ich den geschwächten Kindern liebevoll die Betten aufschütteln, ich werde ihnen honigsüßen Tee machen und dicke Bücher zum Vorlesen bereit legen. Und ganz nebenbei, während ich ihnen über die heiße Stirn streichele, werde ich ihnen zuflüstern: “Wenn ihr einen Hund hättet – ihr müsstet jetzt mit ihm raus.”

Und dann werden sie das Thema monatelang nicht mehr erwähnen. Das wird schön.

(Dieser Text erschien als Sonntagskolumne in den Lübecker Nachrichten und in der Ostsee-Zeitung)

Gelesen, vorgelesen, gesehen, gespielt und gehört im Januar

Gelesen

Januar – Gedichte. Ausgewählt von Evelyne Polt-Heinzl und Christiane Schmidjell. Da hat die Reihe tatsächlich etwas geschwächelt, und kann doch überhaupt nichts dafür. Die Auswahl ist nämlich ausgezeichnet wie immer, daran liegt es nicht. Aber das da draußen, das war nun einmal kein Januarwetter, jedenfalls nicht in Hamburg. Das passte nicht zusammen, der Blick aus dem Fenster und die Lyrik, das war, als wenn man Weihnachtslieder im Juni singt. Das Wetter hier war November, vielleicht auch Februar, aber Januar – nein, das hätte doch anders gehört. Das gehört so wie in den Gedichten dieser Sammlung, mit Schnee und Frost und Eis und so. Noch ein paar Jahre Klimwandel und man muss wohl die ganze Gedichtbandreihe komplett umstellen und neu sortieren, Monatsnamen ordnen da bald nichts mehr ein..

Der Februarband liegt hier natürlich schon bereit, da wird es aber sicher viel um den Karneval gehen – das muss man als Hanseat natürlich überblättern. Mal sehen, was dann noch übrigbleibt.

Januar-Gedichte

Erich Kästner: Doktor Erich Kästners lyrische Hausapotheke.

Lyrische Hausapotheke

Das sind die bekannteren Gedichte, Verse als Medizin für alle Gelegenheiten. Das Buch gehört in jeden gepflegten Haushalt und wenn man es länger nicht in der Hand hatte – es ist ein Genuss, es wieder zu lesen. Hilfreich und tröstend wie eine Wärmflasche. Und genau wie eine Wärmflasche erinnert es an früher.

Erich Kästner: Die 13 Monate. Mit 13 Graphiken von Celestino Piatti.

Kästner

Celestino Piatti, das muss man jüngeren Lesern vielleicht erklären, hat früher alle dtv-Buchcover gestaltet, gefühlt waren das etwa 10.000 Bändchen, die er bienenfleißig verziert hat, Monat für Monat erschienen mehrere neue Bücher mit Titelgrafiken von ihm. In immer gleicher Manier, meist in immer gleicher Farbgebung. Dicke schwarze Ränder, leuchtendes Rot oder Gelb, ein Piatti war immer auf den ersten Blick ein Piatti. Buchhandlungen mit dtv-Drehständern sahen immer ein wenig aus wie eine Piatti-Vernissage, es gab allerdings in der Regel keinen Sekt und keine Häppchen zur Begrüßung.

Die Gedichte sind von erheblicher Melancholie, aber das passt natürlich zur Betrachtung des Kalenders, das muss wohl so.

“Das Jahr ist klein und liegt noch in der Wiege,
Der Weihnachtsmann ging heim in seinen Wald,
Doch riecht es noch nach Krapfen auf der Stiege.
Das Jahr ist klein und liegt noch in der Wiege,
Man steht am Fenster und wird langsam alt.”

Abseits der bekannteren Bände ganz sicher mein Lieblingsband. Die Kritik war damals überhaupt nicht begeistert, man fand das alles eher flach. Ich finde es ganz wunderbar. Vielleicht weil ich auch am Fenster stehe und langsam alt werde. Kann sein.

Klaus Kordon: Die Zeit ist kaputt – Die Lebensgeschichte des Erich Kästner.

Kordon/Kästner

Das ist ungemein erhellend, wenn man sich für Kästner interessiert oder gerade seine Gedichte und anderen Werke nachliest. Da hatte ich doch mehr Bildungslücken, als mir bewusst war, was seinen Lebensweg betrifft. Man liest auch einiges aus seinen Schriften schon noch ein wenig anders, wenn man um die genauen Umstände weiß, die in diesem Buch erzählt werden.

Wojciech Kuczok: Im Kreis der Gespenster – Erzählungen. Deutsch von Friedrich Griese. Eines der Bücher, bei denen es mir vollkommen schleierhaft ist, wie es in meinen Besitz kam. Hat es mir jemand empfohlen? In dem Fall vielen Dank, ich kann mich leider nicht erinnern. Das ist ein jüngerer Autor aus Polen und ich hätte das schmale Buch fast gleich nach der ersten Geschichte weggelegt, die gefiel mir nicht. Aber bei Kurzgeschichten muss man natürlich mindestens zwei lesen, bevor man etwas endgültig weglegt. Und das Buch wurde dann besser und besser, zum Ende hin fand ich es sehr gut. Fast besser noch als die Geschichten sind die kurzen Interludium-Kapitelchen dazwischen, ich mag das sehr, wenn ganz kurze Texte gut funktionieren.

Im Kreis der Gespenster

Wojciech Kuczok: Lethargie. Aus dem Polnischen in ganz wunderbares Deutsch übertragen von Renate Schmidgall, das ist so ein Fall, da denkt man beim Lesen ab und zu – na, wenn das mal im Original auch so gut ist. Wirklich groß, was die Übersetzerin da geleistet hat. Sollten Sie das Buch auch einmal lesen, achten Sie doch bitte auf die Formulierung “leibherzig und barmhaftig” an einer bestimmten Stelle. Was für eine überaus kluge Wahl, was für ein schöner Einfall. Und ein guter Roman ist es auch noch. Drei Schicksale, noch mehr Hauptfiguren, sehr präzise geschnitzte Konflikte und nebenbei viel polnische Gesellschaft und Gegenwart. Der junge Schwule, der sich vor seinen Eltern nicht outen mag, der schwerkranke Schriftsteller, dem nichts mehr einfällt, die legendär schöne Schauspielerin, die in fataler Ehe gelandet ist, die sind alle glänzend und mit Hingabe beschrieben. Dicke Empfehlung, das hat mir viel Freude gemacht. Sprachverliebt und mit ausgezeichnetem Blick für Figuren, Beziehungen und Szenen, von Kuczok kann man glatt noch mehr lesen. Allerdings hat Renate Schmidgall wohl nichts weiter von ihm übersetzt, soweit ich sehe. Schlimm.

Vorgelesen

Ich bin gar nicht zum Vorlesen von Büchern gekommen, war aber dennoch dauend mit dem Vorlesen von Wörtern, Buchstaben, Textbruchstücken beschäftigt. Das liegt daran, dass Sohn I weiterhin Lesen übt und Sohn II sich natürlich dranhängt. Allerdings führt das noch nicht zum Lesen von ganzen Texten und Geschichten, eher zu Wortdiskussionen. Wir lesen nach wie vor alles, was die Stadt zu bieten hat, von Straßenschildern bis zu Leuchtreklamen und Aufklebern an Laternenmasten, Hamburg ist überall beschriftet. Wir haben mit einiger Ernüchterung festgestellt, dass der Anteil englischer Wörter in der Stadt noch viel, viel höher ist, als man es sich ohnehin schon vorstellt – am Englischen scheitert man aber immer wieder gnadenlos als Leseanfänger.

Ein wenig seltsam ist es auch, dass man in der Schule Regeln lernt, die draußen gar nicht gelten. Warum steht an der Bäckerei “BackCafé”? Wieso ist da ein Großbuchstabe mitten im Wort? Darf man das, wer darf das, warum darf Sohn I das dann nicht? Das ist alles gar nicht so einfach.

Sohn II hört bei all dem zu, denkt nach und lernt vor sich hin, wobei er bemerkenswert wenig sagt, aber viel abspeichert. Wenn er schreibt, wird es typografisch interessant, man sehe sich etwa diesen Einkaufszettel von ihm an, auf dem er “Apfelsinen” notiert hat. Wenn der Platz nicht reicht, schreibt er eben in der nächsten Zeile zurück, warum auch nicht.

Einkaufszettel Sohn II

Ansonsten habe ich auch deswegen wenig vorgelesen, weil Sohn I gerade nichts als Comics verschlingt und das Vorlesen von Comis furchtbar ist. Man möchte sich, wenn man das als Vater erlebt, noch im Nachhinein bei allen entschuldigen, die man selbst als Kind damit bedrängt hat. Wirklich, das ist schlimm. “Was sagt der da?” “Der sagt Uff.”

Die Herzdame liest den Söhnen Sagen vor: “Die schönsten Sagen aus aller Welt”, nacherzählt von Katharina Neuschaefer und ist gerade bei den Nibelungen angekommen. Da müsste ich eigentlich zuhören, ganz sattelfest bin ich da sicher auch nicht mehr. Sohn II besteht außerdem auf der nahezu täglichen Lektüre von “Swimmy”, einem Bilderbuch von Leo Lionni, übersetzt von James Krüss. Mehr zum Buch hier.

Gesehen

Ich habe tatsächlich Filme gesehen, ist es zu fassen? Und sogar mehrere, ein höchst ungewöhnlicher Monat.

Jesus Christ Superstar. Ja, der alte Film im Hippie-Look. Da handelt es sich natürlich um ein Wiedersehen, aber wie lange mag das her sein? Vermutlich ist das wieder nicht mehrheitsfähig, aber ich mag den Film heute noch. Das liegt auch daran, dass es dieses Musical in meiner Schulzeit einmal als Schultheaterstück gab. Das war so ein Aufführung, die natürlich auf Laientheaterniveau war, aber dennoch auf eine Art Fahrt aufnahm, die einen als Zuschauer vollkommen sprachlos zurückließ. Und die mich damals sehr für diese Musik begeistert hat. Der Mitschüler, der das damals inszeniert hat, war allerdings auch durchaus begabt, wie man an seinem späteren Lebenslauf sieht.

Neue Vahr Süd. Den Film kannte ich noch nicht, das Buch schon. Ich fand den Film gut, nur den Soundtrack stellenweise seltsam unpassend, das hat man ja auch eher selten. Die Musik hat mit der Zeit, in der die Handlung spielt, nichts zu tun, das stört, da ist man im falschen Jahrzehnt. In Film und Buch sind übrigens alle Vorkommnisse, Witze und Szenen verbraten, die ich selbst jemals über die Bundeswehr erzählen könnte, was ein klein wenig gemein ist. Aber wenn Sven Regener vor einem da war, dann hat man natürlich nichts mehr zu melden. Ich fand den Film jedenfalls ganz unterhaltsam und witzig.

Willkommen bei den Sch’tis. Das haben natürlich alle schon gesehen, nur wir wieder nicht, schon klar, wir kommen ja zu nix. Eine Komödie, von der man auf keinen Fall zu viel erwarten darf, unterm Strich ist der Film schlicht harmlos und ganz nett. Es geht aber über weite Strecken um Sprachwitz und sprachliche Marotten, da bin ich verloren, so etwas liebe ich. Man hat für die deutsche Fassung des Films einen Dialekt neu erfunden und ich finde, man hat das sehr gut gemacht. Und da die Herzdame da ähnlich tickt wie ich, dauert es vermutlich Wochen, bis wir das Sprachverhalten und die Vokabeln der Hauptfiguren wieder los werden. Dasch ischt aber egal, unter unsch Blödbommeln.

Gespielt

Ich kann mich nicht erinnern, mit den Kindern etwas gespielt zu haben. Es war eher ein Monat voller grippaler Infekte und etwas trübsinnigem Herumhängen, das ist aber auch einmal schön. Wenn jeder für sich irgendwo chillt oder arbeitet oder bastelt oder CDs hört oder einschläft oder was auch immer, das muss man gar nicht in pädagogischem Eifer mit Brettspielen oder anderem Entertainment unterbrechen. Finde ich.

Gehört

Keine wilde neue Liebe gefunden. Dafür gerne wieder einmal Madness gehört. Am frühen Morgen, das ist ja gute Aufwachmusik. Das finden zwar nicht alle in dieser Familie, aber egal. Ich bin zuerst wach, ich mach die Musik an.

Und schöne Wintermusik findet man übrigens auf dem neuen Album von Diana Krall, “Wallflower”, auf dem sie Popklassiker interpretiert. Kann man statt Heizung anmachen.

Woanders – Der Wirtschaftsteil

Da wurde doch gerade hinter den Kulissen dieser Kolumne ein Rekord gebrochen. Das hatten wir nämlich noch nie, dass wir am Text herumbasteln und währenddessen gleich drei Mails kommen, in denen uns fast textgleich der Aufhänger von freundlichen Leserinnen empfohlen wird. Der Text von “Bauer Willi” nämlich, der sich an die Verbraucher richtet, beziehungsweise ihnen den Marsch bläst, sie aufrüttelt, sie in jedem Fall sehr direkt anspricht. Kann man ja mal drüber nachdenken! Beim Denken helfen in dem Fall vielleicht sogar die Kommentare unter dem Artikel weiter, da wird munter von weit entfernten Standpunkten aus diskutiert, und das sogar vergleichsweise zivilsiert. Ein Blick auf die Lage der Bauern, der hilft natürlich ebenfalls weiter bei diesem Thema. Und man sollte wohl nicht vergessen, dass Bauern und Verbraucher sich sowieso nicht immer freundlich begegnen.

Der Text von Bauer Willi richtet sich an den Durchschnittsverbraucher, an Otto Normalverbraucher hätte ich fast geschrieben. Was es mit dem auf sich hat, das kann man sich übrigens auch einmal ansehen, das ist schon interessant, denn der ist ein ausgesprochen mangelgeprägtes Wesen. Geschichtlich gesehen wird sein Einkaufsverhalten wohl von der Haltung “Hauptsache satt” bestimmt.

Der Verbraucher will, so Bauer Willi, vor allem billige Ware, die aber ungespritzt und bio und regio und überhaupt, da stellt man dann fest, dass die Forderung nach dem einfachsten Produkt vielleicht doch die Forderung nach Luxus ist. Denn auch Luxus wird natürlich dauernd umdefiniert, in jeder Branche. Auch da muss man vielleicht ab und zu sein Weltbild justieren und sich fragen, welchen Luxus man sich eigentlich gönnen möchte.

Noch einmal zurück zum Bauern Willi und seiner vermutlich nachvollziehbaren Wut auf billige Lebensmittel. Lebensmittel können manchmal auch billiger werden und es ist doch ein tieferer Sinn in der Preisentwicklung, und zwar dann, wenn man sie damit vor dem Müll rettet. Herrlich kompliziert, das alles – andere Produkte müssen nämlich bekanntlich viel teurer werden, damit es alles sinnvoll bleibt oder wieder wird. Wie es sich anfühlt Lebensmittel einzusammeln, die bereits im Sinne des Handels entwertet, aber noch nicht im Müll sind, kann man hier nachlesen.

Hat man die Lebensmittel aber nicht rechtzeitig als kaufender Verbraucher oder sammelnder Foodsharer vor dem Müll gerettet, kann man sie immer noch aus dem selbigen retten. Damit sind wir dann beim “Containern”. Dazu ein kleines rechtliches Update – wann darf man eigentlich was aus dem Müll mitnehmen? Wie sehen Juristen das – wenn sie denn hinsehen müssen?

Juristen neigen natürlich zu Spitzfindigkeiten, das ist ihr Beruf. Beim Containern wie auch bei den anderen Themen hier sollte man aber das Wichtigste nicht vergessen – die Ressourcen sind wirklich knapp, wir müssen uns wirklich um Effizienz bemühen. Man spricht schon von “Peak-Alles.”

GLS Bank mit Sinn