Jan
Anderswo
Ich habe hier ein kleines Interview über Vornamen gegeben. Und die Herzdame quasi auch.
Und hier kann man interessante Aspekte des Fliegergriffs nachlesen, jene Art, ein Baby zu halten, die allen mitlesenden Eltern vertraut sein dürfte. Wirklich lesenwert.
Hier gibt es eine sehr nette Ergänzung zu der Geschichte vom Toasterhasen – und hier auch.
Jan
Jan
Angst
Wir sind ja hier ganz unter uns, liebe Leserinnen und Leser, in diesem kleinen Club durchtherapierter Erwachsener, da können wir ja auch einmal über ein ernstes Thema reden und uns tieferliegenden Problemen stellen. Denn entgegen dem Anschein, den hier viele Beiträge wahrscheinlich erwecken, ist die Kindheit, und gerade auch die sehr frühe Kindheit, nicht nur ein heiteres Paradies voller komischer Vorkommnisse, fröhlichem Lernen und Unmengen an Smartiejoghurt. Nein, sie ist selbstverständlich auch eine Zeit der Probleme und der Ängste, wie wir alle wissen, die das irgendwann mit einem Therapeuten bis zum Erbrechen durchgekaut haben. Ängste, über die man lange gesprochen hat, während sich ein Fachmann Notizen mit dem Kuli machte, so lange, bis man sich irgendwann sagte, wieso eigentlich ich? Und wieso schon wieder diese dämlichen Kinderthemen? Und wieso überhaupt Therapie? Geht’s noch? Und dann stand man auf und wandelte, es wird fraglos dem einen oder anderen bekannt vorkommen.
Bekannt auch, daß man dabei tastend herumrät, was einen denn wohl in der Kindheit bewegt haben könnte, man erinnert sich ja an vieles nur höchst unklar. Ängste, Probleme, damals, was weiß ich denn, ja sicher, da war doch was, die großen Spinnen, die bösen, bösen Schwäne, der dunkle Heizungskeller, was mag es alles bedeutet haben? Der Fachmann nickt aufmunternd und schreibt mit, in der Erinnerung sieht man die Monsterspinne an der Wand und sich selbst als Dreijährigen blaß und bebend davor. Oder so ähnlich. Alles höchst vage natürlich, und wenn man ehrlich ist, aber wer wäre das, auch höchst fragwürdig, denn was taugt das Gedächtnis schon. Erinnerung lügt, Erinnerung betrügt, die Spinne war tatsächlich 0,5 Zentimeter lang, mit Beinen, wirklich ein Wahnsinnsproblem. Aber darum geht es nicht, natürlich nicht. Es geht um das, was sie symbolisiert, jede Spinne ist ein Zeichen und zwar sogar schon, bevor man sie an der Wand zerklatscht hat – dann aber erst recht. Die Spinne, das Monster, das namenlose Grauen, sie steht für das Unfaßbare, Unkontrollierbare, der Abgrund in uns, die Gefühle, die man nicht zeigen konnte oder durfte, der Fachmann mit dem Kuli fragt nach den Eltern. Man deutet herum, man rät, man assoziiert.
Andere Forscher meinen ja, der Mensch an sich habe Angst vor Spinnen, weil das ein höchst willkommener Überlebensimpuls sei, die Biester sind nämlich oft genug giftig und der Mensch länger lebendig, wenn er, besonders als kleiner Mensch, ausreichend Abstand hält. Erzählen Sie das mal, während Sie auf der Couch liegen, und dann achten Sie auf das trockene Räuspern des Fachmanns mit dem Kuli. Aber das nur am Rande.
Was ich eigentlich sagen wollte: Wenn man schon bloggt und hier und da die Erlebnisse der Kleinen festhält, so daß sie später, in vielen Jahren, nachlesen können, wie es für den Vater gewesen ist, wenn sie nachlesen können, was es alles an Erlebnissen gab, die sie natürlich längst vergessen haben werden, wäre es da nicht wahnsinnig praktisch und zuvorkommend, auch über die Ängste und Probleme der Kinder ein Wort zu verlieren, zur späteren Wiedervorlage bei deren Therapeuten? Dann könnten sie später einfach mal einen Artikel ausdrucken und mitnehmen. Sie müßten sich nicht mehr mit dem mühsamen Erzählen befassen, sie könnten sich gleich in die Deutung stürzen. Auf die Fachmänner mit dem Kuli käme eine Generation hocheffizienter Patienten zu, tatsächlich würde sich am Ende das Hinlegen kaum noch lohnen, da reicht dann auch ein Stehpult, das ist auch billiger als ein Sofa, ich habe ja aus beruflichen Gründen eine gewisse Neigung zur Beschleunigung und Entschlackung von Prozessen.
Bitte sehr. Die größte Angst von Sohn I ist, daß es sich bei einer seiner heißgeliebten Salatgurken um eine Zucchini handeln könnte. Weswegen das Wort für Salatgurke in seiner Sprache auch der höchst komplexe Begriff “Gurkeaberichmagkeinezucchini” ist. Kinderqualen, man macht sich keinen Begriff.
Bestimmt wird er mir später für diese Erinnerung dankbar sein und sehr freundlich an mich denken, während er in der Verhaltenstherapie Zucchini raspelt.
Gern geschehen.
Jan
Wochenende
Und drüben im Westen ist wieder ein neues Wochenhoroskop von mir online. Viel Spaß!
Jan
Kleiner Hinweis zu Buchbestellungen
Mittlerweile ist das Buch überall lieferbar und in jeder Buchhandlung zu bestellen, nur bei Amazon klemmt es anscheinend noch. Wird sich übers Wochenende wohl auch regeln.
Wenn Sie ein signiertes Exemplar bestellen möchten, schreiben Sie mich gerne direkt per Mail an – Adresse siehe Impressum – und es ist ruckzuck bei Ihnen.
Jan
Die Hopplermodernisierung
Man muß natürlich höllisch aufpassen, wenn die Kleinen gerade in der Phase der Sprachexplosion sind, denn tatsächlich reicht ihnen manchmal nur einmaliges Hören und Verstehen, um ein Wort ein für allemal abzuspeichern. Wenn das Kind dann morgens mit der Kleidung kämpft und “Scheißschuhe!” brüllt, dann weiß man wieder, was man gesagt hat, als man es neulich sehr eilig hatte und die Dinger nicht an seine Füße bekam. Korrekturen sind da schwer möglich, die Kinder hängen verbissen an dem, was sie gerade erst frisch gelernt haben. Es hat wenig bis gar keinen Zweck, den Sohn zu bitten, doch lieber “dummes Stiefelchen” zu sagen, er erkennt die Absicht und ist verstimmt. Er weiß, daß er Recht hat, denn so spricht Papa gar nicht in Wahrheit.
Noch halten sich die Desaster bei uns in Grenzen. Sohn I fiel im Kindergarten bisher nur dadurch auf, daß er, wenn ein anderes Kind rülpst, stets fröhlich und laut “Mahlzeit” ruft. Er hält es für eine Form der Höflichkeit, versteht sich. Kann man ja nicht ahnen, daß sich der Familienjargon jetzt so schnell nach außen verbreitet. Etwas schwieriger ist die Sache mit den festlichen Höhepunkten des Jahres, da gibt es neuerdings ein kleines Problem. Nachdem der Sohn einfach nicht aufhören wollte, stundenlang aus dem Fenster nach dem Weihnachtsmann Ausschau zu halten, der doch bekanntlich erst in ziemlich viel Monaten wieder vorbeikommt, dachten wir nämlich, es wäre vielleicht sinnvoll, ihn auf das nächste Highlight vorzubereiten, also auf den Osterhasen. Immer nur darauf herumzureiten, daß der Weihnachtsmann wieder weg ist, das klingt auf Dauer doch zu negativ, wir wollten ihm gerne eine erfreulichere Aussicht bieten. Außerdem können wir das Thema Weihnachten nicht mehr hören.
Wir saßen beim Abendbrot in der Küche. Der Sohn beobachtete gerade fasziniert den Toaster, den er mittlerweile ganz alleine bedienen kann, und fragte uns nebenbei, ob morgen wieder der Weihnachtsmann käme. Mit Rentieren. Und Engeln. Ich erklärte ihm, daß nun erst einmal der Osterhase dran sei, der würde demnächst kommen, wenn es draußen wieder etwas wärmer sei. Der Sohn, der mit seiner Aufmerksamkeit größtenteils bei dem Gerät vor ihm war, hörte nur halb zu. “Osterhase!” sagte ich, um kindgerechte Kürze bemüht, “kommt bald!”
Der Sohn sah mich an, sagte “Toasterhase” und nickte. Dann kümmerte er sich wieder um sein Brot. “Nein, Osterhase!” sagte ich, “mit ohne T vorne! Ooooster!” “Ja”, sagte der Sohn “Toasterhase. Kommt bald”. Er sah gespannt in den Toaster. Er hatte genug gehört. Ich weiß nicht, was er sich jetzt genau vorstellt, aber er hat es erst einmal so hingenommen, daß der Toasterhase bald kommt. In einer Welt, in der dicke Männer mit Schlitten fliegen können, ist immerhin vieles möglich, worauf man nicht sofort kommt, wenn man noch sehr klein ist.
Nun ist das einerseits schade, daß der Osterhase keine Chance mehr bei ihm haben wird, aber andererseits – der Osterhase hoppelt seit Hunderten von Jahren unverändert, ohne jeden Relaunch durch die deutschen Frühjahre. Ist es nicht vielleicht Zeit, ihn etwas zu modernisieren? Weiß denn noch irgend jemand, was Ostern eigentlich heißt? Haben wir nicht längst jeden Bezug zu dem Hasen mit den Eiern verloren? Und hat nicht andererseits jeder einen Toaster? Sollte man sich nicht bemühen, den Kindern Bilder zu vermitteln, mit denen sie auch etwas anfangen können? Könnten wir daraus nicht gemeinsam etwas machen, was alltagstauglich, modern und kindgemäß ist? Doch, das können wir. Bestimmt.
Der Toasterhase. Ein Mythos ist geboren.
Und bis sich das fest in der Alltagskultur etabliert hat, schnitze ich erst einmal ein paar Hasen aus Toastbrot. Wäre doch gelacht.
Jan
Neues vom Spracherwerb
“Eisbären, Seehunden, Walrossen.” Nun ja, Pluralen sind eben so eine Sache.
Jan
Neu auf dem Nachttisch
Ich lese meist eher Klassiker, aber ab und zu kann man sich ja mal einen modernen Autor vornehmen. Maximilian Buddenbohm: “Zwei, Drei, Vier – Wie ich eine Familie wurde” Da nimmt also jemand seine Blogtexte, überarbeitet sie gründlich, schreibt sie teils um, mischt sie neu durch und legt sie wieder zusammen, was er dann “Remix for print” nennt – und das Ganze wird tatsächlich ein Buch. Was es nicht alles gibt!
Das Buch erscheint gerade und beginnt so:
Vor vielen Jahren, ein Kneipenabend in Hamburg. Eine größere Runde sitzt an einem Tisch, es wird gegessen und getrunken. Die Luft ist verraucht, damals durfte sie das noch sein. Zwei, drei Paare und etliche Singles sitzen da, darunter gleich mehrere Frauen, die ich auf die eine oder andere Art sehr interessant finde. Eine weitere Frau, die direkt neben mir sitzt, finde ich eher nicht so spannend, aber das macht nichts, sie mich anscheinend auch nicht. Mit dieser Frau verabrede ich mich aber, weil wir am nächsten Abend auf dieselbe Party gehen wollen, da kann man ja zusammen hinfahren. Die Frau ist mir zu jung, mein Typ ist sie auch nicht, aber das ist natürlich kein Grund, nicht nett zu sein. Ich werde sie abholen, daher frage ich nach ihrem Nachnamen, man weiß ja sonst nicht, wo man klingeln soll. “Buddenbohm” antwortet sie. “Großartig”, sage ich, “das ist ja mal ein wunderbarer Nachname. Sollten wir jemals heiraten, nehme ich Deinen Namen an.” Sie lacht.
Jan
Immer realistisch bleiben
Ich: Guck mal, unser Kleiner freut sich immer so, wenn er mich sieht, ein richtiges Papakind.
Die Herzdame: Der freut sich auch über eine zermatschte Fliege an der Wand.
Jan
Wochenende
Im Bild: Die Hamburger Galerie der Gegenwart. Moderne Kunst und so. Und drüben im Westen ist wieder ein neues Wochenhorokop von mir online. Viel Spaß.
Jan
Hier wird ausgebildet
In den Fachbüchern über kindliche Entwicklung findet man das Wort “Sprachexplosion”. Es bezeichnet ein überaus faszinierendes Phänomen, das eintritt, wenn das Kleinkind von der stammelnden Forderungssprache (”Milch! Banane! Mama!”) recht plötzlich zu ganzen Sätzen übergeht und dann seltsam unvermittelt Vergangenheitsformen gebraucht, in Gedankengängen Bedingungen verschachtelt, komplexe Vorgänge verstehen und wiedergeben kann, sein Vokabular dramatisch erweitert und schlagartig zur Abstraktion fähig ist. Wie wir nun aus eigener Erfahrung wissen, kann diese Steigerung tatsächlich in etwa drei bis vier Wochen erfolgen. Man hatte eben noch ein Kind, das morgens “Hunga!” rief – und zack, hat man eines, das morgens “möchte bitte Brot mit Lachs, viel und jetzt! Und Tee!” ruft. Gab das Kind gestern noch alle fünfzehn Minuten ein einsames Substantiv von sich, wird man auf einmal ganztägig zugetextet.
Das erfüllt den Vater, der ein klein wenig sprachfixiert ist, natürlich mit Stolz. Da wird auch das Vorlesen gleich interessanter, da kann man sich austauschen, da kann man den Kleinen auf ganz neue Art belehren und gemeinsam Sprachwelten entdecken. Ich setze mir Sohn I auf den Schoß, nehme eines seiner Bilderbücher und schlage es auf. “Guck mal, ein Eichhörnchen”, sage ich, “was macht es denn da?” “Nüsse knacken, Nüsse essen. Macht Arbeit.” antwortet der Sohn, als hätte er schon immer flüssig sprechen gekonnt, es ist die helle Freude. Endlich kann ich aufhören, immer nur stupide auf eine Abbildung zu zeigen und auf eine richtige Nennung zu hoffen, endlich kann man sich über die Bilder richtig unterhalten. “Und wo wohnt das Eichhörnchen?” frage ich, ohne dabei auf die Höhle im Baum zu zeigen, denn da soll der Sohn ja selbst drauf kommen, man ist ja soweit pädagogisch ambitioniert. “Im Kobel”, sagt der Sohn. “Äh…” sage ich. Im Kobel?!
Ich: “Kobel? Du meinst Höhle? Nest? Baumloch?”
Sohn: “Heißt Kobel.”
Ich: “Kobel?!”
Sohn: “Kobel. Wohnt Eichhörnchen.”
Ich rufe die Herzdame dazu und frage sie, wo Eichhörnchen wohnen. Sie sagt. sie wohnten in einem Kobel, das hätte sie kürzlich erst vom Sohn gelernt. Ich drücke das Bilderbuch dem Sohn in die Hand und lasse ihn alleine weiterlesen, ich gehe an mein Notebook und schlage Kobel nach. Kobel ist der Fachbegriff für ein Eichhörnchennest, ich habe das Wort noch nie im Leben gehört. Der Sohn ist mir gefolgt und sagt ruhig und mit erhobenem Zeigefinger: “Heißt Kobel.” Er betont es sorgfältig, damit es auch Unkundige wie ich verstehen können.
Ich frage die Herzdame, wieso der Sohn den Begriff Kobel kenne. Sie sagt, woher schon, aus dem Kindergarten wahrscheinlich, das sei doch vollkommen egal. Ich sage: “Ja wie, egal? Der Lütte weiß mehr als ich und das soll egal sein? Ich arbeite mit Text, ich mach das beruflich! Ich kann mich doch nicht von Zweijährigen belehren lassen! Der weiß nach den ersten hundert Wörtern eines mehr als ich – wo kommen wir denn da hin? Rechne das mal hoch!” Der Sohn legt eine Hand beruhigend auf mein Knie und sagt freundlich, aber bestimmt: “Heißt Kobel. Jetzt weiterlesen.”
Gut. Man soll sich in Erziehungsfragen nicht aufregen. Mal sehen, was er mir morgen beibringt.
Jan
Jan
Winter
Es schneit schon wieder, und der Schnee bleibt sogar liegen. Hamburg in weißer Schönheit. Die Eltern ringsum geben sich schon seit den ersten Schneefällen begeistert, endlich kann man den Kleinen verdeutlichen, daß es dieses seltsame Zeug aus den Bilderbüchern wirklich gibt. Man kann Winter erklären, Schlitten, Schneemänner, Schneeschippen, Schneebälle, Eis, das ganze Programm. Eine weitere Generation in diesem Land kann trotz Klimawandel mit einem klassischen deutschen Winterbild aufwachsen, ist es nicht wunderbar. Man wirft mich mit den Ballen, der Weg ist mir verschneit, wie es in den alten Texten heißt, der eine oder andere wird es noch aus Lesebüchern kennen.
Ich zeige Sohn I den Schnee vom Fenster aus und verkünde ihm, daß wir gleich, toll, toll, rausgehen werden. Schneespaziergang! Vater und Sohn! Sohn I nickt freundlich aber zurückhaltend, es ist überhaupt ein auffallend höfliches Kind. Ich ziehe ihn an. Es ist unfaßbar, was man einem Kleinkind alles anziehen muß, bevor man bei so einem Wetter endlich vor die Tür kann, Windel, Unterhemd, Body, Strumpfhose, Pullover, Strickjacke, Schal, Mütze, Handschuhe es nimmt und nimmt kein Ende. Endlich werfe ich mir selbst schnell eine Jacke über und öffne schwungvoll die Wohnungstür: „Jetzt! Wir gehen raus! In den Schnee! Toll!“
Sohn I bleibt auf der Schwelle stehen, sieht mich griesgrämig an, hebt die Schultern, zieht den Kopf ein, und murmelt: „Kei… Sch… nich raus…“. Er hat den Großteil einer Hand im Mund, man kann ihn kaum verstehen, aber das, was bei mir ankommt, ist schlimm genug. Ich knie mich vor ihn hin, man soll immer auf Augenhöhe sein, bei ernsten Gesprächen. „Sohn“, sage ich, „es ist Winter. Da gehört Schnee dazu. Man kann damit spielen und so, Schnee ist toll. Eine Kindheit ohne Schnee ist praktisch nicht denkbar. Wir gehen jetzt raus und haben Spaß, OK? Wir zwei? Mein Großer?“
Der Sohn schüttelt den Kopf, beißt auf seiner Hand herum und nuschelt: „Nich raus. Kei… Sch. kalt.“
Irgend etwas in seiner Haltung reizt mich. Dieses zögerliche Nichtwollen, dieses mißmutige Schulternhochziehen, dieser grundlos leidende Blick. Von draußen hört man das vergnügte Jauchzen der anderen Kinder auf dem Spielplatz vor der Tür, sie bauen Schneemänner und tollen herum, nur mein Sohn steht starr und bockig im Türrahmen und schüttelt den Kopf. „Als ich Kind war“, sage ich, „da gab es im Winter noch jeden Tag Schnee! Da konnte man sich gar nicht aussuchen, ob man rausgehen wollte oder nicht! Da schneite es dauernd, tennisballgroße Flocken und die blieben immer liegen! Immer! Und wir hatten keine kuschelige Funktionskleidung, sondern nur kratzige Wollstrumpfhosen, eisige Gummistiel und ewignasse Stoffhandschuhe, aber wir waren trotzdem immer draußen. Drinnenbleiben war gar nicht vorgesehen! Und wir sind auch nicht erfroren! Oder nur ein bißchen! Warum zum Teufel willst du nicht rausgehen?“
Der Sohn guckt zum Boden und schüttelt den Kopf. Ich überlege, mir die kleine Heulsuse zu schnappen und draußen in einen Schneemann einzubauen. Da nimmt er endlich einmal die Hand aus dem Mund und sagt: “Kann nicht rausgehen. Keine Schuhe an. Zu kalt.“ Und er zeigt auf seine in der Tat nur bestrumpften Füße, die wirklich keinen sehr winterfesten Eindruck machen.
„Du wolltest mit ihm doch nicht etwa ohne Schuhe raus?“ fragt die Herzdame, die gerade mit Sohn II über der Schulter vorbeikommt und uns verwundert anguckt. „Nein“, sage ich, „natürlich nicht. Ich war gerade im Begriff, sie ihm anzuziehen. Du traust mir auch alles zu.“
Jan
Dez








