Woanders – diesmal mit platter Erotik, dem Fitti, der Neon und anderem

In der taz ein Artikel über die Erotik im Plattdeutschen. Man beachte unbedingt den Vokabelteil im Kasten am Rand, das ist sehr interessant.

Die liebe Nessy macht Sport.

Der Sonderbayer macht was selbst und schreibt drüber. Da kann er jetzt also auch bei der Neon anfangen.

Andrea Diener über das Schreiben und die Heimat. Schöner Text.

Es hat ja gelegentlich Sinn, einer Frau zu Füßen zu liegen. Und wenn die Frau dabei diese Leggins trägt, dann hat man auch noch etwas für seine Bildung getan, wenn man unten ankommt. Wie praktisch ist das denn!

Auf kwerfeldein ein Text über Wabi-Sabi, das hatte ich noch nie vorher gehört. Aber die Bilder gefallen mir. Siehe dazu auch die Wikipedia. Wieder was gelernt.

Lesflaneurs.de ist ein neues Gemeinschaftsblog über das Leben und Flanieren in Großstädten.

Das beste Essen der letzten sieben Tage war natürlich das Anspargeln im Heimatdorf. Spargel mit Butter, Kartoffeln und Schinken. So und nicht anders. Zum Herumspielen mit drolligen Rezepten gibt es speziellen grünen Spargel, bei weißem Spargel gibt es nichts zu diskutieren. Keine Experimente! Und immer ein Kilo pro Person kaufen, Geiz ist eine Todsünde.


 

Solo

Natürlich muss man Kindern auch ein vernünftiges Verhältnis zur Pop- und Rockmusik beibringen, sonst irren sie auf dem späteren Lebensweg und hören nur Schlager oder Schlimmeres. Das möchte man an als Vater vermeiden, da tut man, was man kann. Man zeigt etwa legendäre Auftritte bekannter Bands in Videoclips, man kann ja heute online alles abrufen, die ganze Musikgeschichte ist beliebig verfügbar. Man muss nicht mehr lange selber summen, man kann einfach das Original laufen lassen. Ich zeige Giganten der Rockgeschichte, eine unfassbar gute Aufnahme, das muss wirklich jeden mitreißen, Kulturgeschichte vom Feinsten. Der Gitarrist spielt ein Solo, er ist einer der weltbesten Gitarristen. Die Menge in der Arena vor ihm scheint ihn anzubeten, er macht mit dem Instrument Dinge, dass man als Zuschauer nur noch ehrfürchtig staunen kann.

Sohn I sitzt freundlich interessiert vor dem Bildschirm. Er legt den Kopf schräg und sieht konzentriert aus und ich ahne, er versteht womöglich gerade etwas. Ich freue mich sehr, dass ich in dem Moment bei ihm bin, in dem er den Rock versteht, in dem ihm einleuchtet, warum Menschen auf Bühnen irrsinig laute und irrsinnig gute Musik machen, es muss dies der Moment sein, in dem er zum ersten Mal ahnt, was die eigentlich antreibt. In diesem Solo liegt es doch wirklich alles, es ist nicht zu überhören. Die Töne müssen den Himmel erreichen, warum dann nicht auch ein kleines Kind.

Aber ich liege falsch. Der Sohn sieht sich zu mir um und sagt sichtlich irritiert: „Wieso spielt der jetzt ganz alleine? Wann dürfen die anderen wieder mitspielen? Das ist ungerecht, dass der alleine spielt, das darf man so nicht, das finde ich nicht gut, die anderen wollen bestimmt auch wieder.“

Was soll’s. Ich sollte wohl weiter vorne anfangen. Mit einer volkstümlichen Blaskapelle oder dergleichen.

Dieser Text erschien als Sonntags-Kolumne in den Lübecker Nachrichten und in der Ostsee-Zeitung.

Kurz und klein

seit ich vater bin, ist mir calvin & hobbes zu realistisch geworden.
@Nico
Nico Lumma
Reportage über Hebammen auf dem MDR. Eine Klinik wirbt mit „frauenfreundlichen Geburten“. Sag bloß!
@_frischebrise
Frische Brise
Größtes Problem beim Kinderturnen: die anderen Müttern reden über Nagellack und solch Krams. Da bin ich nicht mit bei.
@svensonsan
Sven Dietrich
„Dschäisen“ (3) beim Kinderturnen: „Mein Papa ist 20.“Ja, da hätte ich drauf gewettet.
@GebbiGibson
Gebbi Gibson
Alle Menschen kommen aus Afrika. Unterschiedliche Farben gibts, weil die zu verschiedenen Zeiten losgegangen sind. Ist aber egal.Neffe1(6)
@Miss_T_Stueck
Miss T-Stück
Der Sohn vom Nachbarn trägt Zeitungen aus und hat eine Freundin. Job, Beziehung - womit er mich wohl als nächstes demütigen wird?
@Biobratwurst
Bio Bratwurst
Mein neuer Rock ist da. Kommentar der Tochter (12): "Den ziehst du aber nicht zum Elternabend an, ja!?"
@Mama_arbeitet
Mama arbeitet
Schlecht gelaunte Zweidreivertel-Jährige sind so bezaubernd wie eine Zahnwurzelbehandlung ohne Betäubung, draußen im Regen, nachts.
@Larenzow
Madame de Larenzow
Am liebsten hör ich mir ja Erziehungstipps an von Leuten, die in ihrem Leben auf noch nichts anderes aufgepasst haben als auf ihre Katze.
@dandyliving
Atomraketendandy
Kind 3.0 "Wollen wir Dinosaurier spielen?""Ich wäre lieber was niedliches, kleines."Kind 3.0 "Ok, dann kannst du mein Futter sein."
@dasnuf
Patricia Cammarata
Das Baby will seine Strumpfhose nicht anziehen und ich rufe mit ganz viel Heidi-Klum-Drama: „Das ist total unprofessionell!“
@GebbiGibson
Gebbi Gibson
Als verheirateter Familienvater bin ich trotzdem unabhängig und mache, was ich will. Ich frage nur vorher die Frau, was genau das ist.
@sanitario_
Freudigarscherregt™
"Willst Du Eis oder Ärger?!" fasst die Methoden der Kindeserziehung recht gut zusammen.
@schurrimurri
Holly Golightly
Ob es auffällt, wenn ich beim Elternabend Kopfhörer trage?
@DIEtaschana
Taschana Robinson
Schick machen für den Elternabend. Früher… ach….
@_frischebrise
Frische Brise
"Man soll den Tag nicht vor dem Elternabend loben."
"Ich kann leider nicht zum Elternabend kommen, ein Gedicht nahm mich gefangen."
@_Anna_Log
Anna Log
In der Klasse des 9tklässlers gibts am Freitag eine 5stündige Drogenberatung. Er ist schon sehr gespannt, was sie alles ausprobieren werden.
@violinista
violinista
Nachbarjunge (10): "Wenn das Universum unendlich ist & die Zahl der Möglichkeiten ebenfalls unendlich, dann ist Star Wars echt passiert?" <3
@Fritten
Torben Friedrich
Lustig, der Kleine, der gerade im Wartezimmer auf einen Typen zeigte und sagte: "Warum ist der Mann so fett?".Doof, dass es mein Sohn war.
Kinder zu haben ist wir ein Horrorfilm. Wenn es still wird, passiert gleich was schreckliches.
@dandyliving
Atomraketendandy
Meine Frau findet, dass wir durchaus noch Kapazitäten für ein drittes Kind hätten. Zum Glück fehlt uns aber jegliche Kraft, eines zu zeugen.
@der_handwerk
der_handwerk
Tochter (3) fragt mich, was die FDP sei. Ich nehme die Hälfte von ihrem Spielzeug & gebe sie den reichen Nachbarskindern. Erklären kann ich.
@Buettscher
Buettscher
Nach meinen Berechnungen werden in 1,37 Jahren die Garten-Trampoline größer als ein durchschnittliches Einfamilienhaus sein.
@UteWeber
Ute Weber
wenn ich Langeweile habe, gehe ich auf einen Elternabend irgend einer Klasse und rege mich total über alle Lehrer auf ...
@favstarmafia
Don di Dislessia
Beim Vorlesen. Frage 8-Jährigen, ob er weiß, was "majestätisch" bedeutet. Er macht eine HipHop-Siegerpose. Er weiß.
@NiceBastard
Dorin Popa
Den schroff gebellten Zurechtweisungen nach findet Kindererziehung jetzt wohl wieder im Freien statt.
@serotonic
serotonic
Lieblingsschülerspruch:"Yolbe""You only live bis Elternabend"
@Djfex97
feluixus
Wobei ein Borg sich wohl fragen würde, wie diese Spezies es hinbekommen hat, sich trotz dieser Veranstaltungen zu vermehren. #Elternabend
@gedankenhalde
gedankenhalde
"Rasierst du dich oben oder unten?" - "ähm beides" - "Ich meinte in deinem Bad oder unserem..."Peinlicher Moment mit Mama: Check!
Meine knapp Fünfjährige hat "Waschzuber" gesagt. Da kommt dann doch ihre Vergangenheit als Magd im 18. Jahrhundert durch.
@Larenzow
Madame de Larenzow
Kinder beschließen: wenn ein Räuber kommt, flötet die Tochter und der Sohn holt sein Laserschwert. Ich denke, wir sind da gut aufgestellt.
@journelle
Journelle
Seit ich mal im Alnatura war, kann ich mit dem Beutel schön vorwurfsvoll auf Eltern schauen, die das Sandspielzeug in der Lidl-Tüte tragen.
@GebbiGibson
Gebbi Gibson
Hab aus Versehen die Bärchensalami aufgegessen.Sohn reicht mir wortlos eine Scheibe Käse und die Küchenschere.
@hermes3s
Hermes Trismegistos
Ich zu Kind 3.0 am Spielplatz: "Na? Was machst Du?" Kind 3.0: "Isch spiele mit der hässlische Junge, das Katharina heisst."
@dasnuf
Patricia Cammarata
Die wunderbaren Minuten der glasklaren Sicht bis das nächste Kind auf die Brille packt.
@dasnuf
Patricia Cammarata

 

 

Apropos Wirtschaftsteil

Ich hatte mit meinem Sponsor GLS Bank im Februar eine dreimonatige Testzeit für die kommentierte Linksammlung “Wirtschaftsteil” vereinbart, diese Phase endete also mit dem April. Da Sie hier heute aber wieder ganz normal einen Wirtschaftsteil gesehen haben – die GLS Bank und ich haben beschlossen, die Reihe fortzusetzen.

Das freut mich sehr, denn die Arbeit am Wirtschaftsteil macht Spaß, ist für mich noch wesentlich lehrreicher als gedacht und scheint auch tatsächlich viele Interessenten zu finden. Mit diesen etwas speziellen Wirtschaftsthemen  findet man mehr Anklang in der Blogszene, als wir vorher angenommen hatten. Mir kommt diese Form der Kooperation mit Anteilen von Arbeit, Werbung und Sponsoring zwischen Blogger und Firma nach wie vor sehr sinnvoll vor.

Zumal mir die Bezahlung tatsächlich auch ermöglicht, weiter am nächsten Buch und anderen Projekten zu arbeiten.

Weiter im Programm. Na, in Kürze.

 

Woanders – Der Wirtschaftsteil

Wolfgang Lünenbürger-Reidenbach, dessen Namen wir vermutlich niemals werden schreiben können, ohne noch einmal und noch einmal nachzusehen, ob es so auch wirklich ganz richtig ist, Wolfgang Lünenbürger-Reidenbach also, er hat da einen Kommentar zum Thema Steuerhinterziehung geschrieben. Er betont dabei einen ethischen Aspekt, der bei dem Thema oft viel zu kurz kommt – und er drückt es vollkommen angemessen deutlich aus. Man möchte fast sagen: saudeutlich.

Man könnte es fast das Gegenteil der im obigen Artikel erwähnten “Gutsherrenart” nennen – die Gemeinwohlökonomie.  In der taz ein Artikel zu dem etwas sperrigen Begriff und zu dem, was er im betrieblichen Alltag ausmacht.

Wir nähern uns dem Sommer und der Ferienzeit, da ist es sicherlich angebracht, ab und zu ein paar Links zum Thema Reisen zu bringen. Etwa den hier, dort geht es um den Markt für Kreuzfahrtreisen, die bekanntlich nicht gerade für nachhaltigen Tourismus stehen, sondern vielmehr eine beachtliche Umweltsauerei sind – und zwar, haha,  erster Klasse.

Damit sind wir dann schon wieder bei dem Thema, das uns hier immer wieder umtreibt. Was macht man da eigentlich als Konsument, sei es beim Thema Reisebuchung oder nur beim Kauf von Äpfelchen, macht man im Mainstream mit, macht man nicht mit, macht man etwas anderes und was macht man damit dann genau? Betreibt man Ablasshandel im Konsum, ist es bewusste Lebensführung, geht es um die Schaffung neuer Märkte, um ethisches Vorgehen, was ist es nun? Ein demokratischer Akt, sagt Birger Priddat. Ein etwas sperriger Text, aber ein interessanter Beitrag zur Frage des Konsums.

Bei der Deutschen Welle gibt es ein ergiebiges Special zum Thema Landwirtschaft in Afrika.  Afrika, wo die Menschen im Gegensatz zu uns als Konsumenten gar keine Wahl haben, irgend etwas richtig oder falsch zu machen. Wie auch in Bangladesch die Konsumenten nicht gerade die Weltmode prägen, die stellen sie dort “nur” her. Im Deutschlandfunk ein wenig Hintergrund zu den Arbeitsbedingungen, die anlässlich eines aktuellen Unglücks wieder durch die Presse gingen. In diesem Zusammenhang auch längeres Nachdenken zum Thema Kleiderkauf bei Isabel Bogdan, die die Schwierigkeiten aus Konsumentensicht nachvollziehbar zusammenfasst. Bei dem Artikel sind auch die Kommentare von Interesse, wenn man zu dem Thema mehr lesen möchte.

In der letzten Woche hatten wir zwei Links zur Frauenquote. Im Zuge der dort genannten Diskussionen hat Anne Roth ein neues Blog aufgemacht, in dem es um die Präsenz von Frauen bei öffentlichen Veranstaltungen geht. 50% heißt das Blog, es ist sozusagen ein Zählblog.  Das ist übrigens unterhaltsamer, als man auf den ersten Blick vielleicht denkt, man kommt dann doch ins Grübeln.

Im Guardian eine amüsante Zusammenstellung der schlimmsten Beispiele von “Management Speak” (englischer Text). Da mal reindrillen, da liegen ein paar Issues!

Wenn man etwas mit deutscher Kommunalpolitik zu tun hat und sich langweilt, kann man einfach mal das Thema “Shared Space” am Rande erwähnen, schon drehen alle um einen herum komplett durch, das ist soweit ein erprobtes Verfahren. Weniger erprobt ist Shared Space in der Wirklichkeit, als angewandtes Verkehrskonzept. Im Fakeblog ein Beitrag über eine Gemeinde, in der man die Verkehrsteilnehmer wieder zu Gleichberechtigten erklärt hat. Wobei man warnen muss, die Betrachtung zweier benachbarter Kreisverkehre mit Linksverkehr ist tendenziell anstrengend.

Und wer sich gerade Sorgen macht, vielleicht um die wirtschaftliche Lage, um das Land oder sogar um die Welt, wer sich irgendwelche Sorgen macht und sich zwischendurch fragt, ob er sich dabei igentlich die richtigen Sorgen macht, dem kann auch geholfen werden. Hier eine Liste mit Dingen, Entwicklungen, Ereignissen, vor denen prominente Schlauköpfe Angst haben. Zur allgemeinen Entspannung bitten wir um verschärfte Beachtung der Antwort von Terry Gilliam.

Wer an das Land denkt, an die Landwirtschaft, der denkt oft noch an bäuerliche Strukturen und Methoden. Wie falsch das ist, zeigt dieser Artikel über den Flächenerwerb durch Agrarkonzerne in Deutschland.

Die Flächen werden knapp, die Preise steigen, das ist also auf dem Land nicht anders als in den Städten. Also etwa in Berlin.

Gestern war der erste Mai, “Heraus zum 1. Mai!” werden die wenigsten auf den Straßenskandiert haben. Aber eine gute Gelegenheit, über Arbeit nachzudenken, ist so ein Tag natürlich dennoch.

Der Designlink der Woche für einen Schaukelstuhl mit einem geradezu unwiderstehlichen Feature. Ist es nicht ein anziehender Gedanke, wenn das Handy wieder alle ist, einfach zu sagen: “Moment – ich muss erst einmal zwei Stunden in den Schaukelstuhl.” Man könnte meinen, es würde die Welt maßgeblich entspannen.

Und zum Schluss noch schnell ein amüsantes kleines Verwirrspiel mit sehr bekannten Logos.

GLS Bank mit Sinn

Goldene Worte

Wir sind ins Heimatdorf gereist und Sohn II ist heute zum ersten Mal im Leben mit einem Fahrrad gefahren, mit einem Modell in trendy Rosa, seiner Lieblingsfarbe. Er hat zum Erlernen der an sich nicht so ganz einfachen Übung des Radfahrens etwa zehn Meter gebraucht und ist dann tatsächlich sofort stolze 3 Kilometer gefahren, vom Kuhstall bis zum Kartoffelbauern und zurück, das ist wirklich ziemlich weit. Selbstverständlich fuhr er dabei in Kamikaze-Geschwindigkeit, was mich ungewollt zu meiner Joggingbestleistung der letzten 30 Jahre gezwungen hat, inklusive mehrerer Sprints am Rand des Straßengrabens entlang. Aber egal, das macht nichts, schon in wenigen Tagen werde ich voraussichtlich wieder normal atmen können. Was tut man nicht alles!

Das Kind konnte auf Anhieb den Rücktritt und die Handbremse bedienen, es konnte gleich selbst aufsteigen und losfahren, es war wirklich erstaunlich. Und während die Herzdame und ich uns noch laut darüber wunderten, wie unfassbar schnell er das jetzt gelernt hat, geradezu spektakulär, drehte er sich im Fahren um und rief uns fröhlich zu:

“Man muss nicht immer nur lernen. Man kann auch einfach mal können.”

Fahrrad

Der Ausflug aufs Land wird übrigens komplett aus den Flattr-Einnahmen dieses Blogs finanziert – vielen, vielen Dank dafür.

Man kommt zu nix. Das aber gründlich.

Vor etwa zwei Wochen hatte ich eine dieser speziellen Terminlagen, die man mit “Land unter” ganz treffend umschreiben kann. Oder mit “Nichts geht mehr”. An einem Vormittag hatte ich so viel vor, dass nur noch ein einziges weiteres To-do schon im Bereich des Lächerlichen gewesen wäre, am Nachmittag das Gleiche, dazwischen keine Pause, nur ein kleiner Kulissenwechsel, wie das so ist, wenn man mehreren Berufen nachgeht. Das ist an sich übrigens meistens ganz schön, die Sache mit den mehreren Berufen, ich bin auch nach mehreren teils anstrengenden Jahren immer noch sehr angetan von diesem Lebensstil, doch, doch. Vormittags Zahlen, nachmittags Buchstaben, das ist eine feine Aufteilung. Aber ab und zu gibt es eben Tage, die wollen nicht funktionieren. Die brechen unter der Überlast der Tagesordnungspunkte schon am Morgen zusammen, wenn die Söhne beim Aufstehen nicht mitmachen, wenn sie kurz darauf auch nicht frühstücken und nicht zur Kita wollen, nicht diesen Weg gehen wollen, sondern ganz andersherum, aber nur auf einem Bein und zwar rückwärts. Wenn sie nicht ohne größere Mengen Spielzeug gehen wollen, und auch nicht in diesem Pullover, und schon gar nicht mit Papa und so weiter und so weiter. Tage, an denen man völlig entnervt die alte Parole “Single sein ist auch schön” durchs Treppenhaus schmettert, was aber nur die durch die angespannte Lage auch nicht eben vergnügte Herzdame, nicht aber die Kinder zu würdigen wissen. Das ist allerdings auch egal, denn mit der Herzdame bin ich dann zu dem Zeitpunkt eh schon mehrfach frontal so zusammengestoßen, daß wir uns besser den Rest des Tages weiträumig umfahren.

Auf dem Weg zur Kita einmal kurz aufs Handy gesehen, da sind drei Nachrichten von drei Kunden, die etwas wollen. Es sind sogar drei potentielle Neukunden, die etwas von mir wollen, das muss so eine Art Burn-Out-Satire sein, dieser Tag, und sie wollen alle eine Antwort noch am Vormittag. Ich tippe mit der rechten Hand Antwortbrocken und zerre mit der linken Hand mal an dem einen, mal an dem anderen Sohn herum. Ich werfe die renitente Bande in die Kita, flüchte ins Büro, telefoniere, beantworte Mails, meete, telefonkonferenze, supporte und Gott weiß was. Aus all dem erwachsen beständig neue Termine, nichts wird weniger, nichts löst sich auf, jede Mail generiert drei weitere, jedes Meeting gebiert einen Arbeitskreis, jedes Telefonat endet mit einem Rückrufverlangen. Zwischendurch ruft die Kita an und eine Stimme sagt “Es ist was mit ihrem Sohn”.

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Zimmer mit Aussicht

Doppelregenbogen

 

Vorhin zum Beispiel unser Wohnzimmer. Ich weiß gar nicht, ob ich überhaupt schon jemals einen Doppelregenbogen gesehen habe. Wo sucht man denn da zuerst nach Gold? Links, rechts, oben, unten? Und wie viele Töpfe kann man dabei überhaupt finden? Zwei oder Vier? Oder ist am Ende des Regenbogens womöglich eine freie 4-Zimmer-Wohnung  in Sankt Georg versteckt? Das wäre ja in etwa genau so viel wert.

Woanders – diesmal mit Schreibtischen, Buchstaben, Kultur auf dem Land und anderem

Bilder von Arbeitsplätzen diverser Berühmtheiten. Ich mag den von Shaw sehr, aber es sind etliche recht anziehend.

Und eine typographische Spielerei zu diversen Berühmtheiten.

Bei der Wiesenraute wird Kultur auf dem Lande erklärt.

Journelle mit dem bezaubernden Titel “Ich rolle mein Geschlecht”.

Ein erhellendes Interview zur Lage der Presse mit Constantin Seibt. Viele Sätze, die man gewissen Leuten über die Schreibtische nageln möchte.

Glumm über alte Säcke.

Der Hausdrachen über Richie Havens.

Die Elltern unter Ihnen werden vermutlich die Kuh Lieselotte kennen. Der Illustrator der Bücher hat übrigens ein Blog.

Aus der Reihe “Goldene Lehrsätze von Isabel Bogdan” heute die Folge: “Man schaukelt ja allgemein zu wenig, in so einem normalen Erwachsenenleben.” Denken Sie mal drüber nach.

Eimerchen besucht den Opa.

Ein nackter Tänzer. Das können Sie aber, versprochen, auch ruhig im Büro anklicken.

Ein schöner Artikel über Agnetha, die gerne ein kleinerer Star gewesen wäre.

Bilder aus einer verlassenen Wohnung, aus einer anderen Zeit, aus einem anderen Leben.

Kiki hat einen Besucher. Achtung, der Text läßt einen nicht ohne Beklemmungen zurück.

Das Nuf wird aggressiv. Aus einem Grund,den ich sehr, sehr gut nachvollziehen kann.

Das beste Essen der letzten sieben Tage war diese Fischsuppe aus Apulien. Sehr einfach, sehr schnell, so muss das hier. Und dann muss es auch noch toll schmecken. Hat das Rezept alles geschafft.

 

Gelesen im April

Der April ist nahezu vorbei, mehr Bücher werden nicht mehr dazukommen.

Joseph Roth: Kapuzinergruft. Joseph Roth schafft das wirklich erstaunliche Kunstsück, den Verlust des alten Österreichs so zu beschreiben, dass man als Norddeutscher ohne jeden regionalen oder zeitliche Bezug geradezu ergriffen wird von dem Schmerz um das untergegangene k.u.k.-Märchenland. Obwohl er niemals an den Problemem des Habsburgerreichs vorbeischreibt, obwohl er nichts beschönigt, obwohl der Untergang in all seinen Büchern als genau so unvermeidlich erscheint, wie er nun einmal war. Wobei mir gerade auffällt, dass in diesem Blog jetzt in sehr kurzer Zeit zweimal die Habsburger erwähnt wurden.  Ein Zeichen, ein Zeichen. Nur wofür? Vielleicht sollte ich mal nach Wien reisen? Man kommt zu nix.

Françoise Sagan: Lieben Sie Brahms? Deutsch von Helga Treichl. Ein wunderbarer Anfang, leicht, intelligent, elegant, präzise, die Sagan muss man wirklich beneiden um ihr Ausdrucksvermögen. Auf wie wenig Seiten da ein komplexes und eher schwieriges Beziehungsgefüge zwischen drei Menschen dargestellt wird, davor muss man einfach Respekt haben. Und große, wirklich große Lust, das schnell weiterzulesen, die ersten fünfzig Seiten konsumiert man praktisch in einem Atemzug, so schön ist das. Allerdings habe ich das Buch in der Männerumkleide beim Kinderschwimmen vergessen, das liest jetzt also womöglich ein anderer Vater weiter, denn da liegt es nun leider nicht mehr. Und der andere Mann hat jetzt natürlich längst in das Buch hineingesehen, wenn man schon einmal ein Buch findet, dann will es einem ja vielleicht etwas sagen. Er denkt jetzt womöglich beim Lesen über seine eigene Beziehung nach, und auch über diese andere Frau da, mit der er neulich mal gesprochen hat. Und wie er damals mit der X, ach, auch schon lange her. Oder er fragt sich, ob seine Frau vielleicht auch? Kann das denn eigentlich sein? Er wird das Buch abends im Bett lesen und irgendwann hochsehen und einen Blick auf seine Frau werfen, den diese nicht recht deuten kann und sie wird fragen, was los ist und was er da eigentlich liest und wo er das Buch her hat. Und er wird sagen, ach nichts, und dass Buch, na, neulich gefunden, beim Kinderschwimmen. Ach? Gefunden? Das wird sie fragen. Und sie wird auch fragen, worum es da geht und er wird einen Moment nachdenken und dann sagen Beziehungen, offene Beziehungen.  Und sie wird sich etwas dabei denken und dann noch mehr denken und schlecht schlafen in dieser Nacht. Man weiß ja nie was man so anrichtet, mit vergessenen Büchern, alles hat Folgen. Tut mir auch leid.

Theodor Fontane: Ellernklipp. Eines der unbekannteren Fontane-Werke. Nicht verfilmt, wenig zitiert, auf keinem Lehrplan. Eine dramatische und natürlich schlecht ausgehende Geschichte im Harz, Vater und Sohn lieben das gleiche Mädchen, ein Adoptivkind in der Familie. Die Geschichte ist mir allerdings gerade völlig egal, ich lese das, um Langsamkeit zu lesen. Fontane erzählt immer ruhig, unaufgeregt, in Spazierganggeschwindigkeit, gründlich modellierend. Das tut gut, wenn man den ganzen Tag lang hektisch Links angeklickt hat.

Iwan A. Gontscharow: Eine alltägliche Geschichte. Deutsch von Ruth Fritze-Hanschmann. Der zweite Gontscharow, nachdem mich der Oblomov so begeistert hat. Habe erst ein paar Seiten gelesen, bin aber schon ganz hin und weg und freue mich auf den Rest.

Irene Dische: Ein Job – Kriminalroman. Aus dem Englischen von Reinhard Kaiser. Ich hatte die Hoffnung, das Buch sei mehr Dische als Kriminalroman, dem ist aber nicht so. Daher abgebrochen und weggelegt.

Der Rest von Hamburg – Uhlenhorst

Die Aktion “Der Rest von Hamburg” ist seit einer Weile ohne Update, aber es laufen wohl doch noch ein paar Texte dazu ein. Sollten Sie noch etwas parat haben – nur zu. Poppenbüttel ist gerade bei jemandem frisch in Arbeit, wie ich höre, anderes ist schon älter und passt dennoch in diesen Kontext und kann daher requiriert werden.  Wie dieser Text hier unten, ein Ausschnitt aus einem Romananfang der Hamburger Autorin Regula Venske, den sie mir freundlicherweise gerade fürs Blog zur Verfügung gestellt hat. “Rent a Russian” heißt das Buch und es spielt in Uhlenhorst, nur ein paar Meter von der Stelle entfernt, an die wir vielleicht ziehen, wenn wir auf Sankt Georg tatsächlich in diesem Jahr keine Wohnung finden sollten. Man könnte es, nach Lektüre des Romanauszugs, glatt als Drohung stehenlassen. Allerdings wohnt die Autorin auch dort um die Ecke, da sollte man wohl bedenken.

“Rent a Russian” erschien in der Krimibibliothek des Hamburger Abendblattes. Wir verlosen hier ein Exemplar an die erste Kommentatorin oder den ersten Kommentator, der die folgende Frage korrekt beantwortet: In welchem Buch sind Regula Venske und ich gemeinsam erschienen? Mitglieder der Hamburger Blogmafia  sind von der Verlosung natürlich ausgenommen, die Richtigen werden sich jetzt schon angesprochen fühlen.

Hier der Romanauszug:

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Woanders – Der Wirtschaftsteil

Journelle schreibt über die Quote und die Frauen und die Arbeitswelt und warum sie ihren Arbeitsvertrag vor dem Babysitter versteckt.

In diesem Zusammenhang fällt einem auch gleich das Blog “Herrenclubs” ein, eine Bildersammlung der besonderen Art. Der Zusammenhang zum ersten Artikel wird einem bereits nach zwei, drei Bildern deutlich.

Hier ein paar bemerkenswerte Zahlen zum Markt für Autos in Deutschland, es geht um das Alter der Neuwagenkäufer. Der Neuwagen wird als Statussymbol für junge Leute anscheinend immer unwichtiger, das kann man ja durchaus als gutes Zeichen für die Umwelt verstehen, auch wenn es im Artikel nicht ganz so gemeint ist.  Dazu passt gut, dass die Jugend von heute ein anscheinend eher konservatives Verhältnis zum Geld hat. Wie jetzt, sich kein Auto auf Kredit zu kaufen, das soll konservativ sein? Es ist auf jeden Fall eine interessante Entwicklung.

Das oben erwähnte Durchschnittsalter der Neuwagenkäufer, das wohl viele verblüffend hoch finden werden, es leitet ganz zwanglos über zur alternden Gesellschaft, die hier ebenso vergnüglich wie interessant beschrieben wird.  “Die Macht der Babyboomer”, da geht es wieder erst auf den zweiten Blick um die Wirtschaft. Aber dann doch sehr.

Und jetzt einmal ab ins Kleingedruckte und zu den Nachkommastellen, denn hier gibt es einen Artikel über die Versandkosten bei Onlinehändlern und die Frage, warum dieses Thema für Firmenriesen wie Amazon und Zalando eigentlich so wichtig ist.

Weiter im Kleingedruckten, oder nein, noch besser, weiter im Juristischen. Der Lawblogger Udo Vetter denkt darüber nach, ob man E-Books verkaufen darf.

Die Telekom greift die Netzneutralität an und drosselt Internetzugänge, wenn man nicht gerade alle Inhalte nur von der Telekom selbst bezieht – und wer würde das ernsthaft tun. Das ist eine Nachricht, die vielleicht doch wichtiger ist, als man es ihrer Platzierung auf vielen News-Portalen ansieht.  Es ist dann wohl höchste Zeit, sich mehr für das echte Netz zu interessieren. Und wer das mit der Drosselung nicht ganz verstanden hat, das ist ja immerhin möglich bei so einem technischen Thema, der kann sich das von Sven mit ein paar Zahlenbeispielen ganz einfach und geradezu kindgerecht erklären lassen.

Währenddie Telekom an Drosselung denkt, denken andere übrigens gerade an das Internet als Menschenrecht. Kommt einem irgendwie moderner vor, nicht wahr.

Beim Thema Netz kann man auch einmal einen Blick auf die Nachbarn werfen und sich ansehen, wie etwa die Holländer Smartphones im Alltag benutzen. Auch beim Einkaufen. Oder im Museum. Oder im Bus.

Die Tafeln, die Essen an Arme ausgeben und Menschen helfen, die wirtschaftlich gescheitert sind, die sind natürlich eine feine Sache. Oder auch nicht. Je nach Standpunkt.

Auch arm dran sind natürlich traditionell die Künstler. All die Hungerleider mit den hübschen Ideen, die nichts abwerfen. Deren Werke man immer gerne konsumiert, aber nie gerne bezahlt. Wenn man den berühmten armen Poeten von Spitzweg ein wenig bearbeitet und da ein Notebook oder ein Smartphone statt des Papiers reinretouchiert, dann hat man ja ein verblüffend aktuelles Bild des freien Schreibers oder Medienkünstlers in Berlin Mitte. Und der braucht ganz dringend die Künstlersozialkasse, die allerdings gerade ein erhebliches Problem hat.

Markus Reiter kümmert sich auf Deutschlandradio Kultur um die “gefühlte Inflationsrate” und andere Emotiönchen. Das ist gefühlt gar nicht so unwichtig, was er da schreibt, um es einmal adäquat auszudrücken.

Ein Aufreger der Woche ist für viele sicherlich das Thema EU und Saatgut, das mit teils arg unsachlichen Meldungen durch das Netz ging. Unaufgeregter kann man das hier beim Deutschlandfunk nachlesen.  Oder auch bei Wiwo Green.

Und zum Schluss nun noch der Design-Link der Woche – ein E-Bike im Vintage-Look. Einfach schön.

GLS Bank mit Sinn

Es war einmal

Theater, das kannten beide Söhne bisher noch gar nicht. Also abgesehen von irgendwelchen Kasperle-Aufführungen in der Kirchengemeinde oder so. Und abgesehen von dem, was sie selbst mal in der Kita einstudiert haben. Und natürlich abgesehen von den dadaistischen Stücken, die sie selbst im Kinderzimmer inszenieren. Stücke,  bei denen man dann als Erwachsener einen horrenden Eintritt zahlen muss und bei denen man so gut wie nichts geboten bekommt, was irgendwie Sinn ergäbe. Ähnlichkeiten mit dem modernen Regietheater sind dabei selbstverständlich rein zufällig, das kennen sie ja noch gar nicht. Aber richtiges Theater, mit rotem Vorhang, alten Stühlen und einem wirklich großen, halbdunklen Raum, sehr vielen Menschen und langsam ersterbendem Restlicht über den Rängen, während sich da ganz vorne anscheinend etwas tut, auf der Bühne… das war tatsächlich ganz neu und die beiden saßen kerzengerade und sehr gespannt in ihren Stühlen, während sich der Vorhang endlich hob.

Wir waren in Schmidts Tivoli, wo “Es war einmal” läuft, “7 Märchen auf einen Streich”, das klingt ja auch schon praktisch und anziehend für Eltern, da kann man sich im kommenden Winter gleich das Weihnachtsmärchen sparen, da hat man dann alles schon erledigt, auf Monate hinaus.

Für kleine Gäste liegen vor dem Theatersaal ausreichend Sitzerhöhungen bereit, so dass sie drinnen auch garantiert etwas sehen können. Das Theater hat Klappstühle wie im Kino, und wenn man einmal gesehen hat, wie hundert Kleinkinder auf Klappstühlen herumturnen, dann kann man sich vorstellen, dass man angesichts dieses Mobiliars fast gar kein Theaterstück mehr braucht, das ist schon toll genug. Man kann mit dem Stuhl hoch und runter, immer wieder, im Sitzen, im Stehen, im Hocken und wenn man sich quer in die Reihe legt und auch wenn man nach vorne turnt und wenn Papa da festhält und wenn Mama jetzt auch noch aufsteht und wenn man sich nur mit einer Pobacke hinsetzt oder wenn man den kleinen Bruder auf den Schoß nimmt oder wenn man Kopfstand macht, oder, oder, oder, der Mensch ist ein forschender Affe, man erkennt es hier überdeutlich. Und für die Eltern ist es natürlich entspannend zu erleben, dass die anderen Eltern ihre Kinder genau so vergeblich ermahnen, doch bitte normal zu sitzen. Normal, haha. Auf einem Klappstuhl.

Aber mitten im schönsten Turnen sagt eine Frauenstimme über Lautsprecher ein paar Regeln durch, die während der Vorstellung gelten sollen. Etwa dass die Kinder nicht auf die Bühne sollen, weil man bei einem Märchenstück schließlich nicht ahnen könne, wo der große böse Wolf gerade sei.  Das leuchtet ein und die Kinder sitzen schlagartig deutlich stiller, also abgesehen von Sohn II, der sofort auf die Bühne will, um nachzusehen, wo der große böse Wolf jetzt genau ist. Die Frauenstimme bittet noch darum, die Handys doch bitte auszuschalten, denn da während der Vorstellung Feen anwesend seien, müssten Inhaber klingelnder Handys damit rechnen, kurzerhand in Frösche verwandelt zu werden.  Sohn I fragt mich sichtlich besorgt, ob mein Handy wirklich, ganz wirklich ausgeschaltet sei und möchte es lieber selbst überprüfen, Sohn II fände es aber interessanter, das mit der Fee zu versuchen. Ich mache es dann doch lieber aus, mit Feen spaßt man nicht. Sohn I sieht erleichtert aus, Sohn II schüttelt unzufrieden den Kopf.

Das Stück geht los, ein Vater erzählt ein Märchen, bei dem er bereits nach dem ersten Absatz leicht durcheinander kommt und sich dann zügig und hoffnungslos immer weiter im Reich der Grimms verirrt, deren Märchen gerade 200 Jahre alt werden. Weswegen das tapfere Schneiderlein zur Abwechslung das Dornröschen retten geht, das allerdings versehentlich bereits vom großen bösen Wolf gefressen wurde. Der ist natürlich eigentlich für das Rotkäppchen zuständig, aber das hat leider bei den sieben Zwergen – oder war das doch die Stelle mit dem Froschkönig? Oder kam da vielleicht schon Rapunzel? Man kann die Handlung schlechterdings nicht rekapitulieren. Man erkennt natürlich immer die Hauptfiguren und alle wichtigen Versatzstücke, man weiß immer, wer gut und wer böse ist, aber wie sich das ineinander verhakt, verdreht und verknotet, das ist wirklich großartig gemacht, das muss den Autoren (Martin Lingnau und Heiko Wohlgemuth) einen Heidenspaß gemacht haben und das merkt man deutlich.  Es ist dabei übrigens vollkommen egal, ob ein Kind etwa nicht alle sieben der verflochtenen Märchen kennt oder die Handlung von einem oder zwei nicht parat hat, es macht wirklich nichts aus. Eine böse Fee ist immer eine böse Fee, egal aus welchem Handlungsstrang sie gerade herausspringt oder in welcher Ecke der Kulisse sie gerade wieder unter Flüchen verschwindet, das kennt man ja auch aus dem wahren Leben nicht anders, das ist in jedem Großraumbüro so. Ein Wolf hat immer ein Hunger- und oft auch ein Figurproblem durch die Fresserei, ein Held muss immer irgendwelche Aufgaben lösen, das ist alles eh klar, das versteht man auch mit drei Jahren schon. Und mit fünf versteht man dann eben ein paar Witze mehr, das ist vollkommen in Ordnung so, da ist für jedes Kind im Saal etwas dabei. Und wenn man Mutter oder Vater oder Opa oder Oma ist, dann versteht man eben noch mehr Witze, denn die Erwachsenen kommen bei diesem Stück nicht zu kurz, ganz im Gegenteil. Es sind nicht wenig Textstellen, die auf die Erwachsenen abzielen und so viel wie an diesem Nachmittag habe ich lange nicht mehr in einem Theater gelacht.

Es ist eine hohe Kunst, Kindertheater zu machen. Man denke nur einmal an die böse Fee, eine wirklich beeindruckende Figur in diesem Stück. Kostüm und Maske grandios bedrohlich, die Stimme dunkel und gefährlich, die Gestik raumgreifend und dämonisch. Und dann wird die Wirkung sehr schnell durch Text und Mimik so ins Komische gedreht, dass die leichte Panik, die die Kinder beim alleresten Anblick der eindeutig bösen Frau kurz haben, sich in diese genau richtige, perfekt wohlige, charmant-gruselige, fast schon lustvolle Angst verwandelt, die im Bauch kribbelt und einfach Spaß macht.  Viel, viel Spaß. Die Fee beschwert sich, dass die Kinder sie nicht ausbuhen, wenn sie auftritt, sie beugt sich von der Bühne weit ins bibbernde Publikum und murmelt “Ich rieche den Pups der Angst” und die beiden Söhne quieken vor bebender Freude, während die böse Fee durch den Gang zwischen den Sitzen an ihnen vorbeigeht.  So muss Kindertheater sein.

Alle paar Minuten wird gesungen und getanzt, quer durch die musikalischen Gattungen. Text und Musik sehr eingängig und mitreißend: “Eines Tages, ja das weiß ich, bin ich alt und über dreißig. Oh, die Krankheit ist gemein, die da heißt Erwachsensein.” Das singt auch die junge Mutter Mitte zwanzig in der Reihe vor mir noch froh mit. Die multikulturellen Zwerge rappen und Rapunzel ist drauf und dran, mit Rotkäppchen eine Girlgroup zu gründen, sogar die Kletterrosen vor Dornröschens Schloß singen, und die Musikstücke werden lässig und in loser Folge in das ohnehin schon bunte Treiben gestreut, so dass, wie in einem unaufgeräumten Kinderzimmer, alles einen ganz neuen Sinn ergibt und zu immer neuem Spiel reizt.

Nach dem Stück mit dem obligatorischen Happy End können sich die Kinder mit den Darstellen fotografieren lassen, so dass Sohn II dann doch noch dem Wolf auf den Arm springen konnte, man muss ihn sich dabei als glückliches Kind vorstellen. Sohn I, der es nicht so mit großen, bösen Wölfen hat,  sondern nur Schneewittchen kurz anschmachtet und dann die Flucht ergreift,  wartet währendessen lieber vor dem Haus, wo gerade eine junge Frau Gitarrenmusik auf dem Spielbudenplatz macht. Der Sohn lehnt an einer Laterne und sieht der Frau zu, wie sie ihr Instrument stimmt, er liebt Musik und er himmelt Musiker an. Als er mich sieht, zeigt er auf die Künstlerin, vielleicht aber auch auf die bunte Reeperbahn hinter ihr, und er sagt “Guck mal, Papa, das geht ja immer  noch weiter, das Theater.”

Und dann dauerte es bei den beiden sehr aufgeregten Söhnen tatsächlich noch ziemlich lange, bis am Abend endgültig der Vorhang fiel. Wenn Sie ein Kind verfügbar haben, gehen Sie ruhig einmal ins Theater.  Auch wenn Sie dann noch Wochen später beim Märchenvorlesen plötzlich an völlig unpassender Stelle lachen müssen, weil Ihnen etwas aus dem Stück wieder einfällt.

(Dieser Text erscheint als Kolumne “Kind und Kegel” in der Online-Ausgabe des Hamburg-Führers.)


 

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