Elektrospielzeug Folge 1: Kurio – Das Kinder-Tablet

Ich bin Jojo Buddenbohm. Ich heiße hier sonst Sohn I. Ich schreibe jetzt ab und zu im Blog eine Kolumne über Elektrospielzeuge, das habe ich mir so ausgedacht. Ich bin sieben Jahre alt, ich schreibe den Text nicht selber, weil ich noch nicht gut genug schreiben kann, deswegen diktiere ich das nur. Meinem Vater. Aber das geht ja auch.

Kurio-Karton

In dieser Folge geht es um das Kurio, das ist ein Kinder-Tablet. Das ist kleiner als ein iPad und hat einen roten Plastikrand, damit es, wenn es hinfällt, nicht sofort kaputtgeht. Mein Papa hat nicht lange gebraucht, um es richtig in Gang zu schalten, das ging ziemlich schnell. Wenn ich schon besser lesen könnte, hätte ich auch noch mehr selbst machen können, glaube ich. Aber das kann ich noch nicht.

Auf dem Kurio sind Spiele drauf, Filme und Bücher. Also die sind da schon drauf, wenn man es kauft, die muss man nicht erst runterladen. Man kann auch noch mehr runterladen, noch viel mehr, aber das haben wir noch gar nicht gemacht, weil da eigentlich schon genug drauf ist. Ich habe noch gar nicht alles gemacht. Angry Birds brauchen wir noch auf jeden Fall, das fehlt. Was ich auch toll finde, dass da noch eine Kamera drauf ist und Musik, das ist eine ganze Menge.

Kurio von vorne

Mein Lieblingsspiel ist “Hamburger”, da werden Hamburger angezeigt, die man nachbauen muss, da gibt es dann Punkte dafür, wenn man es richtig macht. Das Puddingmonster ist auch gut, da sind Puddings, die man hin- und herschieben muss. Und Subway Surf ist toll, da ist man ein Junge, der wird von Zugbeamten mit Hunden gejagt und muss auf Zügen rennen und so. Da gibt es auch was mit Düsen und Sprungfedern dabei, das ist also ein sehr schnelles Spiel und schnelle Spiele mag ich.

Kurio von der Seite

Es gibt auch noch Sport- und Bewegungsspiele, z.B. Fußball, da muss man dann vor dem Tablet stehen, also vor der Vorderkamera, und richtig hin- und herspringen, um die Bälle zu kriegen. Man darf aber keine anderen Sachen fangen, die da auch fliegen. Man läuft und springt also auf dem Fleck vor dem Kurio, und das steuert dann das Spiel. Das macht Spaß und das geht gut.

Filme sind da auch drauf, am liebsten mag ich “Sally” und die Folgen von “Dumm Fu”, da sind zwei Biber, die noch nicht so gut Kung Fu können und ziemlich viel Unsinn machen. Bei den Büchern gibt es welche, wo sich im Text etwas bewegt, das ist wie in einem lebenden Wimmelbuch, das finde ich auch toll.

Kurio im Spielbetrieb

Lernspiele sind auch drauf, die mochte ich aber nicht so gerne, die waren langweilig. Es gibt bessere Lernspiele.

Wenn Papa ein iPad hat und ich so ein Kurio, dann kommen wir uns nicht mehr so oft in die Quere. Und ich freue mich, wenn mein Bruder mal nicht im Haus ist, denn dann kann ich in Ruhe auf dem Ding spielen. Das ist aber nicht so oft, der ist ja immer da.

Kurio im Spielbetrieb

Ich denke, das ist auch für andere Kinder gut geeignet, mir gefällt es jedenfalls. Und das war’s schon in dieser Folge.

(Das Kurio-Pad wurde uns zu Testzwecken zugeschickt, es handelt sich aber nicht um bezahlte Werbung)

 

Zwischendurch ein Dank …

… an Frau A.H., für das äußerst nette Kompliment an mich und für die Geschenke, die sie den Söhnen vom Wunschzettel ausgesucht hat. Die Geschenke werde ich jetzt leider aus naheliegenden Gründen nicht mehr explizit benennen können – es ist immerhin möglich, dass Sohn I das Blog liest. Und eine Überraschung soll es natürlich noch bleiben, was da geschickt wird.

Ganz herzlichen Dank!

Vitalisiert

Neulich habe ich eine Parfümerie betreten, da fühlte ich mich gerade frisch und im besten Alter. Wie man sich eben fühlt, wenn man einen Herbstspaziergang durch angenehm kühle Luft hinter sich hat. Vitalisiert nennt man das wohl, und das Wort passt auch schön zum Sprachgebrauch in diesen Geschäften. So vitalisiert war ich, dass ich Lust bekam, mal wieder mein Rasierwasser zu wechseln. Was man eben so tut, wenn gerade kein Baum zum Ausreißen herumsteht.

Ich fragte eine junge Verkäuferin nach den Düften eines bestimmten Herstellers. Ich erinnerte mich dunkel an etwas, das ich früher von dem genommen hatte. Sie zeigte mir die Flakons,  aber die sahen falsch aus. Das Design war wohl verändert worden. Ich fragte, ob die Flaschen früher anders gewesen seien? Die Verkäuferin guckte irritiert und fragte, wann denn genau. Ich überlegte. Ich überlegte sogar ziemlich lange und fing schließlich an zu rechnen. Wann hatte ich das Zeug eigentlich genommen? Welche Lebensphase war das denn bloß? Ich versuchte mich an die Umstände und Badezimmerregale zu erinnern, ich zählte Jahre ab, das war gar nicht so einfach. Die Verkäuferin sah mich an, für ihr Alter war sie bemerkenswert geduldig. “Nun”, sagte ich, “es kann fünfzehn Jahre her sein.”

Die Verkäuferin lächelte. Sie stand seit etwa einem Jahr im Berufsleben, vor fünfzehn Jahren hat sie noch Kuchen aus Sand auf dem Spielplatz gebacken. “Wir können die Dame an der Kasse fragen”, sagte sie, “die geht bald in Rente. Vielleicht weiß sie noch was von früher.” Und die Dame an der Kasse sah mich über ihre Lesebrille hinweg verständnisvoll an. Ich verließ den Laden als Senior, der mit einer Ruhestandskandidatin ein nettes Gespräch über damals geführt hat.

Manchmal reicht ein kurzer Dialog, um so schnell zu altern, dass es sich anfühlt wie im Zeitraffer.

(Dieser Text erschien als Kolumne in den Lübecker Nachrichten und in der Ostsee-Zeitung)

Woanders – Der Wirtschaftsteil

Selbst als aufgeschlossener, technikfreundlicher Mensch liest man manche Meldungen doch eher kopfschüttelnd und staunend. Was bringt diese Entwicklung nun wieder? Hatten wir es früher nicht doch einfacher?  Früher, als man sich z.B. noch auf das Lehrpersonal verlassen musste, wenn es einem mitteilte, dass man unterirdische Leistungen erbringt. So im Vergleich zu anderen. Heute kann man sich den Vergleich natürlich von einer App liefern lassen.

Bringt das nun irgendwen wirklich weiter, oder muss man hier doch eher den Bogen zum Lamento von Juli Zeh neulich schlagen, als es um die Versicherung ging, die ihre Kundschaft kontrollieren will? Geht es um Egozentrik, wie Johannes Mirus meint?

Man muss es eben immer wieder neu überlegen, geht es nur um Kontrolle – oder hat das alles wirklich einen Nutzen? Und ist es eigentlich wirklich Kontrolle, oder ist es vielleicht doch nur Werbung? Und wenn man über das nachdenkt, was mit den Daten passiert, sollte man natürlich auch nicht vergessen, dass Daten manipulierbar sind. Und nicht nur theoretisch, das passiert.

Aber, schon klar, die ganze Datenwolke und die Darstellung im Netz hat tatsächlich Vorteile. Und seien sie so banal wie ein Preisnachlass im Hotel(englischer Text).

Noch knapp in diesem Zusammenhang streuen wir den Smalltalkbegriff der Woche und murmeln was vom “Digitalen Arbeitschutz”. Erwähnen Sie das ruhig mal im Büro, das ergibt lustige Reaktionen.

Was noch? Man hört gerade wieder viel zum Thema Klimakonferenz, bzw. Klimagipfel. Na, was wird dabei schon herauskommen, denkt man da, nicht wahr? Kennt man ja, bringt doch alles nichts. Im folgenden Text ist nicht nur dieser Satz interessant: “Das Schlechtreden der Klimakonferenzen folgt politischem Kalkül.” Wie Kempowski gesagt hätte: Da mal drüber nachdenken.

Oder über Nachhaltigkeit nachdenken, und über die Frage, ob die ins Grundgesetz soll. Wäre das nicht zeitgemäß? Da ist man schon wieder bei der Sinnfrage, warum macht man eigentlich was? Auch mit seinem Geld? Dazu noch ein Stichwort: Social Impact Investing.

Die Frankfurter Rundschau spricht vom “Zarten Pflänzchen Nachhaltigkeit” und macht Interesse auch bei Banken aus, und nicht nur bei der GLS Bank. Na, dann dreht es wohl wirklich. Alles wird grün, der Mensch wird gut, die Wirtschaft sinnvoll. Aber vielleicht doch nicht sofort, denn kaum scrollt man einen Link weiter, liest man mit Staunen, was man so deutlich vielleicht doch gar nicht mehr erwartet hat: “Banker-Boni enorm gewachsen.” Die betroffenen Banker würden es vielleicht so sagen: die Boni sind nachhaltig gewachsen.

Zum Schluss noch eine letzte Englischvokabel im Nachhaltigkeitskontext, da hat man ja längst nicht mehr jeden Fachbegriff parat, weil permanent so viele neue eingeführt werden. Oder kannten Sie (englischer Text) den “Poo Bus”?

GLS Bank mit Sinn

Ein Update bei “Was machen die da”

Wir haben eine Premiere. Das ist natürlich leicht, bei einem so jungen Format, wir haben eigentlich dauernd Premieren. Manche fallen mehr, manche fallen weniger auf. Diesmal sind wir jedenfalls zum ersten Mal beim Interview gegangen. Und gleich quer durch die Stadt, vom Rathausmarkt zur Hafencity, durch Betonelend und über historische Plätze und große Straßen.

Wir haben Hendrik Neubauer getroffen, er ist Moderator in der Stadtplanung. Und was er da so macht, das erklärt er hier und das ging natürlich nur unter freiem Himmel.

Handelskammer Hamburg

Woanders – diesmal mit einem Keller, einem Spitzer, einem Kochlöffel und anderem

Familie: Beim Familienbetriebsblog geht man in den Keller, um die Weihnachtsdeko zu holen. Und das ist deutlich aufwändiger, als es zunächst klingt.

Schule/Medienerziehung: Patricia über Manfred Spitzer. Und mehr muss man zu seinen Thesen auch nicht wissen oder sagen. Abgesehen davon, dass diese Geisteshaltung immer absurdere Folgen hat.

Schule: Eine Übersicht zur Rechtsauffassung beim Thema Handy in der Schule. Das betrifft uns noch nicht, das kommt aber sicher ein, zwei Klassen weiter. In der ersten Klasse von Sohn I scheint noch kein einziges Kind ein Handy zu haben. Ich glaube auch nicht, dass er ein Handy länger als einen Tag mit sich herumtragen könnte, ohne es zu verlieren, gegen Schokolade oder Batmansticker zu tauschen oder auch zu verschenken, daher stellt sich die Frage erst einmal noch eine ganze Weile nicht.

Erziehung: Die BBC über Lego (englischer Text) und die Frage, ob man früher damit kreativer spielen konnte. Früher, als es noch die gute Butter gab und die dicken Kartoffeln und ohnehin alles besser war, ja, ja.  Das war bei uns auch schon Thema, weil die Herzdame der abwegigen Ansicht ist, man würde Sets kaufen, um sie dann zusamengebaut zu lassen. Das ist natürlich Unsinn. Sets sind nur ein Serviervorschlag, werden genau einmal zusammengebaut – und dann nie wieder. Man kauft Sets, damit die Steine irgendwann in die große Kiste wandern. Wer Legosets zusammengebaut lässt, ist erwachsen, das ist eine schnelle und sichere Diagnose, der ist also für das Spielzeug ohnehin längst verloren. Ich finde allerdings auch, dass das Verhältnis Spezialsteine-Normalsteine sich ungünstig geändert hat. Zumal auch die Normalsteine unfassbar teuer sind, wenn man sie nachkauft.

Feuilleton: Ein Limerick.

Feuilleton: 14 Gründe, warum Museen kein Social Media brauchen. Besonders wichtig ist Punkt 4.

Familie: Johannes über Gewalt in der Kindheit und den Satz “Es hat dir nicht geschadet”. Natürlich hat es geschadet. Es hat jedem geschadet. Mir auch.

Technik: 15 Punkte reichen aus, um per Sichtkontakt ganz Deutschland zu durchqueren, reichen also theoretisch zur Nachrichtenübermittlung von Nord nach Süd.

Design: Ich hatte mal einen Chef, der zwischen zwei Meetings, oder wann immer er gerade etwas Leerlauf hatte, auf Karopapier maßstabsgerechte Wohnmobileinrichtungen gezeichnet hat. Obwohl er mit Camping gar nichts im Sinn hatte, es ging ihm dabei nur um die effizienteste Ausnutzung von Raum, also um “reduce to the max”. Das machte er schon seit seiner Jugend, immer wieder und wieder hat er komprimiertes Leben auf einer Handvoll Kubikmeter verkleinert in Rechenkästchen entworfen. Einfach so, zur Entspannung. Er war ein sehr, sehr intelligenter Mensch, womöglich einer der schlauesten, die ich je getroffen habe. Ein Typ,  der auf einen Din A 3-Ausdruck voller Excel-Zahlen sehen konnte und dann nach zwei Sekunden befand, dass die eine Zahl da unten links, in der vierten Spalte, Zeile 212,  nicht richtig sein konnte. Es war ein wenig unheimlich. Sein Gehirn brauchte immer eine Aufgabe, auch wenn es keine Aufgaben hatte. Kein Zufall übrigens, dass dieser Mann später im Kloster landete, aber das ist eine andere Geschichte. Er hätte jedenfalls seine Freude an diesem Haus auf Rädern gehabt.

Und weil es tatsächlich eine Nachfrage danach gab – hier findet man die Buddenbohm-Weihnachts-Playlist auf Spotify.

Und dann sogar noch ein Link in eigener Sache. Ich wiederhole hier normalerweise keine Texte, was einmal geschrieben ist, das rutscht nach hinten und ins Off, das ist eben Blogtextschicksal. An einen möchte ich doch noch einmal erinnern, weil es gerade noch November ist, weil es dunkel ist, weil der Text sich auch nach einem Jahr noch richtig anfühlt und die Schlussfolgerung auch immer noch stimmt: Dunkeltuten.

 

November/Dezember

Ich habe neulich beim Lesen der Novembergedichtsammlung von Reclam gedacht, dass es doch schade ist, wie wenig man von den Jahreszeiten mitbekommt, wenn man mitten in der Millionenstadt wohnt. Schon das herbstliche Ziehen der Vögel merken wir kaum, hier sammeln sich keine Schwärme, das machen sie irgendwo da draußen. In Pinneberg oder so, was weiß ich. Stadttauben fliegen eben nicht nach Afrika, Stadttauben fliegen aufs nächste Dach oder in den nächsten U-Bahnschacht. In der Innenstadt stehen auch kaum Bäume, da leuchtet also kein Herbstlaub weit und breit und wenn das Straßenbegleitgrün kahl ist, fällt das gar nicht weiter auf. Und gerade die Stille, die man sich zum Finale des Herbstes im November doch geradezu zwingend hinzudenken muss, damit das alles vernünftig auf uns einwirken kann, sie findet hier nicht statt.

Manchmal wäre ich gerne öfter auf dem Land, nur zu Besuch, versteht sich, um so etwas genauer mitbekommen zu könnnen. Und auch, um es den Kindern zu zeigen, wie das alles eigentlich gehört. Gerade nach dem vollkommen schneelosen letzten Winter weiß doch zumindest Sohn II überhaupt nicht mehr, wie die Jahreszeiten gemeint sind. Aber dann gibt es Momente in der Stadt, da geht es doch, da sieht man den Kalender ganz deutlich vor dem Fenster. Ein Abend Ende November, der Dezember rückt mit Macht heran und wir haben beide Monate in einem Moment gesehen, ganz genau sogar. Und das kam so:

Wenn die Herzdame ausgeht, schlafen die Söhne und ich im Wohnzimmer. Eine Tradition, deren Ursprung ich schon gar nicht mehr weiß, aber wann immer sie zum Tanzen oder sonst wohin geht, bauen wir uns ein Lager auf dem großen Sofa, auf dem man sehr bequem zu dritt liegen kann, und schlafen dort. Da reden wir dann abends noch etwas länger als sonst, und sehen gemeinsam raus, denn vom Wohnzimmer aus hat man Ausblick, richtig guten Ausblick. Über den Spielplatz hinweg auf die alte Kirche, deren Turm nachts angeleuchtet ist und sich würdevoll über die Altbauten daneben erhebt. Das ist wirklich ein ziemlich schönes Stück Stadt, ein Bilderbuchausschnitt. Man kann zusehen, wie in den Häusern um den Spielplatz herum die Lichter an- und ausgehen, man sieht Menschen an Fenstern stehen oder auf Balkone treten, um zu rauchen. Und neuerdings sieht man auch Vögel.

Da denkt man erst, man guckt nicht richtig, weil man sie nur als wilde Schattenfetzen wahrnimmt, aber nach einer Weile erkennt man es dann doch. Da fliegen Vögel vor dem Fenster herum, noch Stunden nach Sonnenuntergang. Krähen sind das, die auf der großen Eiche schlafen, die mitten auf dem Spielplatz steht. Eine Großfamilie von Krähen, um die fünfzig vielleicht. Sie sitzen in der Eiche, wippen auf den dünnen Zweigen und man wundert sich, warum sie nicht auf den dicken Ästen sitzen, das müsste doch viel bequemer sein? Sie sitzen und wippen lieber auf dürren Zweigen im Wind und wenn in den Häusern ringsum eine Tür zuknallt, dann fliegen sie alle auf. Fliegen auf und drehen eine schnelle Runde um den Kirchturm und um den Block, flattern lautlos durch die Nacht, zwei Runden, drei Runden bevor sie wieder landen. Sie krächzen nicht, sie schlagen nicht laut mit den Flügeln, sie huschen sehr schnell vorm Fenster vorbei wie Novembergespenster. Wenn man die dunkle Bewegung am Rande des Blickfelds wahrnimmt, sind sie auch schon wieder weg.

Der Himmel ist leer, dann ziehen fünfzig Schatten vorbei, eine schwarze Wolke senkt sich auf die Eiche. Ganz selten ein leises Krächzen, als hätten sie Ruhezeit und würden jetzt nur noch das Notwendigste sagen. Tagsüber krächzen sie unentwegt, nachts schweigen sie sich an, eine eingeschworene Gemeinschaft, eine verdächtige Bande. Da, wo heute der Spielplatz ist, war früher ein Friedhof, es gibt Details, die man gerade im November erwähnen muss.

Ich liege mit den Söhnen im Dunkeln auf dem Sofa und beobachte die Vögel. Wenn man geduldig wartet und genau aufpasst, sieht man sie deutlich vor dem Himmel, und da fällt Sohn I zum ersten Mal auf: Hier wird es gar nicht richtig dunkel. Der Himmel ist grau, nicht schwarz, und es ist nicht einmal ein sehr dunkles Grau, es ist ein helles Grau mit einem Stich ins Gelbe, es ist ein Nachthimmel über der großen Stadt. Schmutziggelb, diesig und unklar. Keine Sterne über Hamburg, fast nie, schon gar nicht im November. Aus den Fenstern ringsum das goldene Licht der Wohnzimmerlampen, dazu weißes Licht der Autoscheinwerfer, die lange Spuren durch die Nacht ziehen, rot blinkende Flugzeuge ziehen darüber hin. Wir sehen uns all die Lichter an, die dem Schwarz keine Chance lassen. Nachtschwarz sind hier nur die Krähen, die Novembervögel, die unruhige Truppe, die beim leisesten Geräusch auffliegt, obwohl die Vögel all die Geräusche der Menschen doch längst kennen müssen. Immer noch eine Runde um den Kirchturm, als gelte es, noch schnell ein wenig zu spuken, schwarzes Flügelvolk vor düsterem Backsteingemäuer. Wenn man vor der Kirche steht und hochsieht, genau diesen Anblick kennt man aus Gruselfilmen, es fehlt nur noch ein voller Mond mit ein paar dekorativ vorbeijagenden Wolkenfetzen davor.

Die Söhne und ich lauschen, es ist auch nicht still. Da fahren Autos durch die Stadt. Einige hört man ganz deutlich heraus, einige fahren an unserem Haus vorbei, der weiter entfernte Verkehr summt unentwegt um uns herum, das hört nie auf. Da hinten spielt Musik, irgendwo muss eine richtig große Party sein. Autotüren klappen, Hunde bellen, jemand ruft irgendwas, man versteht es nicht. Jemand ruft jemandem etwas hinterher, eine Frage vielleicht, eine Unfreundlichkeit, ein Gruß. Schritte auf dem Fußweg, die Leute gehen schnell, es ist kalt da draußen, der Frost ist hinter den Leuten her. Dann fährt ein Auto weg. Die Vögel kreisen schon wieder, das Grau des Himmels schwarz durchflockt, all die Geräusche ringsum etwas gedämpft in dicker Großstadtluft. Das ist November in Hamburg. Die Vögel kreisen und kreisen und durch die Schar hindurch sieht man, dass seit heute im oberen Kirchturmfenster wieder der große Stern leuchtet, wie in jedem Jahr. Der leuchtet da bis nach Weihnachten, ich weiß gar nicht, wie lange, das folgt bestimmt irgendeiner christlichen Regel, die ich wieder nicht kenne. Der Stern sieht jetzt aus, als würde er blinken, das liegt aber nur daran, dass die Krähen immer wieder daran vorbeiflattern. Der Stern blinkt den Dezember heran, mit noch mehr Licht in der Stadt und einem großen Themenwechsel, und Sohn II stellt ganz richtig fest: “Da hängt schon Weihnachten im Turm.”

Und in der nächsten Woche steht jetzt ein Schneeflöckchen im Wetterbericht. Wenn es tatsächlich fällt, muss es vielleicht für die Naturbeobachtung im Dezember reichen. Ich werde berichten.

 

Zwischendurch ein Dank…

… an den komplett unbekannt gebliebenen Menschen, der den Jungs die Adventskalender-CD von den Drei Fragezeichen geschickt hat. Zumindest für Sohn I ist Rocky Beach sowieso gerade quasi die zweite Heimat, bei Sohn II steigt das Interesse auch langsam, das passt sehr gut. Vielen Dank!

Gelesen, vorgelesen, gesehen, gespielt und gehört im November

Ilse Helbich: Vineta.

Vineta

Die Dame kam nun schon mehrfach vor, die muss ich wohl nicht mehr vorstellen. Dies sind ihre Jugenderinnerungen. Nicht stringent erzählt, eher Erinnerungsfetzen, heranwehende Bilder von Menschen, Situationen und Gegenständen aus einer gründlich vergangenen Zeit.

Meir Shalev: Fontanelle.

Fontanelle

Aus dem Hebräischen von Ruth Achlama. Eine Familiensaga aus Israel, erzählt von einem Mann, dessen Fontanelle sich nie geschlossen hat, weswegen er etwas mehr wissen und sehen kann als andere. Ich habe nach einem Drittel des Buches immer noch nicht verstanden, was dieser halbphantastische Kniff mit der Fontanelle soll, ich rätsele auch an anderen erzählerischen Marotten herum und werde das vermutlich nicht durchlesen. Wobei die Figuren nicht uninteressant sind. Eventuell bin ich in einer ungnädigen Phase. Schlimm.

November – Gedichte. Ausgewählt von Evelyne Polt-Heinzl und Christiane Schmidjell.

Novembergedichte

Das habe ich gar nicht gewusst, dass es so ein kleines Reclam-TB mit einer Gedichtauswahl zu jedem Monat gibt. Das kostet nur 5 Euro und ich fand es sehr interessant, das habe ich tatsächlich gleich mehrfach gelesen. Das Büchlein passt in jede Anzugtasche, das kann man zwischendurch kurz herausnehmen und in der knackvollen S-Bahn zwischen Hauptbahnhof und Hammerbrook ein paar Strophen über menschenleere, neblige Wälder nachlesen, das ist wie einmal kurz den Kopf aus dem Fenster halten und draußen ist nichts als Natur, die sich korrekt und jahreszeitenkonform verhält. Das hat mir wirklich sehr gefallen und die anderen Monatsbände kaufe ich mir nach und nach auch. Der Dezember liegt schon bereit.

Passend wie kein anderes Gedicht angesichts des Wetters in den ersten Wochen des Novembers in diesem Jahr:

Sonne, was machst du?
Spät noch im Jahr
Äugelst und lachst du
Freundlich und klar.

Lockest die Bienen
Wieder nach Seim,
Weckest den grünen
Schlafenden Keim.

[…]

Seim, so ein hübsches Wort, fast ausgestorben, das lebt nur im geschützten Reservat der Feuilletons, wenn es süßliche Lyrik zu verreißen gilt und einem Dichter die Produktion von Seim oder Honigseim vorgeworfen wird. Das zitierte Gedicht ist von Martin Greif, den ich nicht kannte, wirklich nie gehört den Namen. Immer diese Bildungslücken, schlimm. Es scheint nichts mehr von ihm lieferbar zu sein, da muss ich doch glatt mal wieder in eine Bücherei gehen.

R C Sheriff: Septemberglück.

Septemberglücl

Das hat mir jemand, ich habe leider vergessen, wer es war, auf Facebook empfohlen. Ich kannte weder den Namen des Autors, noch hatte ich vom Buch je gehört, es ist auch gar nicht so einfach zu bekommen. Den Autor hätte ich allerdings gekannt haben können, wie ich jetzt weiß, so unbekannt ist er nicht. Das Buch selbst ist großartig, eine Freude. Da geht es um nichts Besonderes, man liest von einem bescheidenen Urlaub an der See in England, eine Vorortfamilie im jährlichen Ritual, alles ist wie immer. Die Kinder sind teils schon ziemlich groß und gehen in Berufe, man reist aber doch noch einmal zusammen, man tut das sogar gerne. Der Vater plant generalstabsmäßig das Packen der Koffer, die Mutter tut so, als würde sie sich über alles freuen, hat aber eigentlich Angst vor dem Meer und möchte nur bloß niemandem den Spaß verderben. Ein kleines, fragiles Glück, das hier ausgebreitet wird, man ahnt die Zerbrechlichkeit einer Familie, die entschlossen glücklich sein möchte. Ordinary life at it’s best, hier eine Rezension zum Buch (englischer Text). “All of human life is here in the seemingly simple description of the family’s annual holiday in Bognor.” Eines der besten Bücher in diesen Listen in diesem Jahr.

Arthur Schnitzler: Der Mörder – Eine Novelle. Als gemeinfreies Buch bei Sobooks gelesen, ich finde die Darstellung des Textes im Browser sehr angenehm, wobei ich mittlerweile sehr lange Texte doch wieder lieber auf Papier lese. Dies ist aber ein Kurztext. Schnitzler schreibt ein berauschend schönes Deutsch, man möchte schon den ersten Satz gleich mehrfach lesen, so prächtig steigt man da ein: “Ein junger Mann, Doktor beider Rechte, ohne seinen Beruf auszuüben, elternlos, in behaglichen Umständen lebend, als liebenswürdiger Gesellschafter wohl gelitten, stand nun seit mehr als einem Jahre in Beziehung zu einem Mädchen geringerer Abkunft, das, ohne Verwandtschaft gleich ihm, keinerlei Rücksichten auf die Meinung der Welt zu nehmen genötigt war.”

Da wird die Wanduhr langsamer, wenn man so etwas liest. Schön.

Vorgelesen

Hamburg. Ja, Hamburg, das klingt nur komisch, ist es aber gar nicht. Wenn man nämlich ein Kind hat, das gerade lesen lernt, dann liest man die Stadt. Die Werbung, die Schilder an den Gebäuden und Haltestellen, die Gedenktafeln, die Stolpersteine, die Kinoplakate, die Veranstaltungshinweise an Kirchen, die Ausstellungsplakate an Museen und immer so weiter. Die Stadt ist voll von Schrift, überall steht irgendwas. Und wenn man mit einem leselernenden Kind durch die Stadt geht, dann merkt man erst wieder, wie sterbenslangweilig oder rätselhaft das alles ist. Blöde Abkürzungen, die für Investementfonds werden, immer gleiche Verkehrsschilder, unauflösbare Anglizismen, seltsame Rechtschreibung. Warum steht da BackCafe? Wieso ist der Buchstabe da mittendrin groß? Ja, das möchte ich auch mal wissen. Was ist Debeka, was heißt Edeka, was ist eine AG? Haspa? Dr.? Wieso heißt ein Fitnessstudio “Body Street”? Wenn man es mit Kinderaugen sieht, ist die Stadt gar nicht so einfach zu lesen und Papa erklärt und erklärt und erklärt. Und denkt sich insgeheim, dass es für Leseanfänger auch ganz nett wäre, wenn irgendein Restaurant noch “Zum goldenen Ochsen” heißen würde, mit entsprechendem Bild dabei. Aber tempi passati, heute muss ich “Hollywood Canteen” erklären. Es ist wirklich kompliziert.

Gesehen

Akram und die Mauer im Meer” ist ein Kurzfilm über einen Jungen aus dem Gaza-Streifen, der die Schule verlassen hat, weil er Fischer werden musste, um die Familie zu ernähren. Das habe ich mit den Söhnen gesehen, die, ich weiß gar nicht mehr warum, etwas über Gaza wissen wollten, über den Krieg dort. Der Film war ein Zufallsfund, aber ein guter. Hier kann man ihn ansehen. Auch die anderen dort verlinkten Filme aus der Reihe “Schau in meine Welt” sind sehenswert.

Hogi. Da mir das Kinderfilmangebot bei Watchever nicht mehr richtig zusagte und ich selbst da fast nie etwas gesehen habe, habe ich das wieder gekündigt und probeweise Kixi auf dem iPad installiert. Das ist eine App nur für Kinderfilme und -serien, ich bin noch gar nicht dazu gekommen, mir das Angebot wirklich näher anzusehen. Immerhin aber habe ich mit den Söhnen schon einmal Hogi gesehen, das ist ein Naturfilm über einen Igel, von der Geburt an bis zum Winterschlaf im Haus einer Igelschützerin. Schön gefilmt, Aufnahmen aus Igelhöhlen sieht man ja nicht jeden Tag. Leider wird der Begleittext etwas kinderfilmtypisch dümmlich gesprochen, aber das stört natürlich immer nur Erwachsene, nicht die Kinder. Immerhin die Erkenntnis: Naturfilme finden die Söhne super, es gibt jetzt also mehr davon.

Gespielt

Nichts, glaube ich. Die Söhne haben Lego wiederentdeckt, das läuft alles von selbst. Auch mal schön. Ab und zu bewundere ich die Konstruktionen, das reicht vollkommen aus.

Lego

Gehört

Renato Carosone. Den kennt man noch am ehesten durch dieses Stück, das kürzlich durch eine Coverversion wiederbelebt wurde. Der hat aber noch viel, viel mehr produziert, in so einem lässig-vergnügten Swingstil, das ist wirklich Musik, die aufhellt. Auf Spotify findet man viel von ihm. Wenn man Renato Carosone über Kopfhörer abspielt und dabei durch Hamburg im November geht, dann sieht alles plötzlich so aus, als könnte die Geschichte gleich lustiger werden. Vielleicht fängt die junge Frau, die da gelangweilt im Geschäft steht, plötzlich an zu tanzen? Vielleicht küssen sich die beiden doch noch, die da ohne Blickkontakt im Bus sitzen, aber nur drei Zentimeter Abstand zwischen ihren Händen haben? Na, vielleicht beim nächsten Lied. Muss doch irgendwann.

Woanders – Der Wirtschaftsteil

Kümmern wir uns einmal auch um die Wirtschaftsgeschichte, auch da kann man nämlich das in Frage stellen, was als selbstverständlich gilt. Was wir einmal gelernt haben, es muss nicht immer noch stimmen. Die Deutsche Welle zur Frage: Gab es vielleicht gar keine Trümmerfrauen? Alles nur ein moderner Mythos?

Nach den Trümmerfrauen kam das Wirtschaftswunder. Auf dessen Höhepunkt wird man sich vermutlich nicht vorgestellt haben, dass Altersarmut hier einmal ein großes Thema sein wird. Das ist sie aber, denn immer mehr alte Menschen sind von Armut bedroht. Etwa in Hamburg, der “Hauptstadt der Altersarmut”. Sagt jedenfalls die taz. Die Zeit schlagzeilt ganz anders: Die ewige Mär von der Altersarmut. Nanu!

Wobei man natürlich nicht alt sein muss, um arm zu sein. Das geht in jedem Alter und alleinerziehende Frauen sind sehr oft betroffen, da ist ein Blogartikel auch einmal erhellender als ein Text in einer Wirtschaftszeitung.

Aber bleiben wir noch kurz bei der Geschichte, diesmal bei der Geschichte eines speziellen Berufs und werfen wir auch einen Blick auf dessen Gegenwart – es geht um Vertreter. Sieh an, es gibt noch ein Leben neben dem Onlinehandel. Der Handel neben dem Onlinehandel ist aber bekanntermaßen schwer angeschlagen, man denke nur an Karstadt.

In Iserlohn hat jetzt die Stadt das Warenhaus gekauft, um keine riesige Ruine in bester Lage zu haben. Da macht also die Stadt wieder die Stadt, nicht private Investoren. Der Anfang eines Trends?

Der Online-Handel bedroht den Offline-Handel, die Suffizienz-Bewegung bedroht beide. Falls Sie den Begriff nicht kannten, da haben wir gleich wieder etwas für den Smalltalk gelernt, das ist immer gut. Bei der NZZ weiß man noch mehr.

Und da sind wir dann also schon wieder bei den Folgen unseres Handelns und unseres Handels, da landen wir ja fast immer im Laufe der Kolumne. Bei Blogoli geht man der Frage der moralischen Verbraucherentscheidung nach – Henne oder Ei?

Noch viel mehr zu dieser und ähnlichen Fragen und mit geradezu erstaunlich verwandter Schlussfolgerung textet Wolfgang Uchatius in der Zeit – “Soll ich wählen oder shoppen” – über die Macht der Verbraucher und die Rolle des Staates. Das ist ein langer Text, aber der lohnt sich, ruhig durchhalten.

Währenddessen reißt da draußen auch die Eröffnung eines neuen Primarks keinen mehr vom Hocker, woran sich die FAZ wieder abarbeitet, das wird bei denen allmählich schon zur Obsession. Aber bleiben die Kunden aus, weil sie lieber fair hergestellte Ware kaufen möchten? Da sind Zweifel wohl angebracht. Obwohl faire, biologische, nachhaltig angebaute, regional vertriebene, ökologisch wertvolle Produkte natürlich auch längst ein ergiebiger Markt sind. Und was macht man in solchen Märkten? Man ringt um Vorteile und Anteile. Warum sollte es da auch anders sein, als in der herkömmlichen Handelswelt. Siehe dazu übrigens auch die Entwicklung in den USA.

Und apropos bio und regio – bei Biorama denkt man noch etwas intensiver darüber nach, mit einem Exkurs zur Logistik im Regionalen. Es ist vielleicht noch komplizierter, als man zunächst denkt.

Ganz zum Schluss ein entspannter Blick auf hübsche Teppiche. Aus Müll. Warum auch nicht.

GLS Bank mit Sinn