Something

Ich habe neulich auf das Tool Nuzzel hingewiesen, mit dem man sehr elegant über Twitterlisten thematisch sortierte Linklisten generieren kann, die sich fortwährend automatisch aktualisieren. Für mich die beste Tool-Entdeckung seit längerer Zeit. Nuzzel ist äußerst nützlich, wenn man gar keine Zeit oder Lust hat, der Twitter-Timeline zu folgen, aber dennoch wissen möchte, welche Texte da gerade Thema sind, welche Aufreger umgehen, worüber man spricht.

Wenn man aber gar keine Listen nutzt, sondern auf Twitter nur einfach seiner Timeline folgt und diese “melken” möchte, gibt es noch ein nützliches Tool, das heißt Something. Im Moment ist es nur für iPhone verfügbar, Android soll in Kürze folgen und nein, das ist hier keine bezahlte Werbung. Das Tool ist ganz simpel, es stellt einem einfach die per Twitter geteilten Artikel dar – aber ohne Twitter. Also auch eine Art timeline-generiertes Magazin. Die Artikel sind dann gleich für iPhone aufbereitet, das kann man in jedem Fall auf dem Handy gut lesen. Man sieht außerdem, wer den Artikel geteilt hat.

Wischt man nach rechts, lernt die App, dass man den Artikel interessant fand, wischt man nach links, war das eher nichts. Großartige Lerneffekte der App stelle ich bisher zwar nicht fest, aber das braucht es für mich auch gar nicht, ich finde es ganz gut, dass mir da erst einmal alles dargestellt wird. Man kann mit Something ziemlich fix die aktuellen Artikel überfliegen und mal eben durch das zappen, was in der eigenen Filterblase gerade interessant zu sein scheint. Das geht mit einer Hand, ganz nebenbei, auch in der Kassenschlange im Supermarkt. Oder beim Umrühren der Suppe.

Tippt man doppelt auf einen Artikel, kann man ihn teilen, an sich selbst schicken, speichern, im Browser öffnen usw., das ist ebenso einfach wie praktisch. In der Beschreibung der App heißt es: “No clutter or settings, just Something good to read”, und das trifft es tatsächlich ganz gut. Screenshot der App:

Screenshot Something

 

Und es kostet nichts.

Und überhaupt: Berge

Meran2000 Wegweiser

Wenn man in die Berge reist, also etwa nach Südtirol, dann gibt es im Vorwege nicht nur die schon besprochene Zwangsreaktion “Festes Schuhwerk!”, nein, es gibt auch noch eine andere Reaktion. Bei einem gar nicht so kleinen Teil der Freunde und Bekannten stößt man mit solchen Reisen nämlich auf komplettes Unverständnis und auf Abwehr.Weil die Berge im Weg herumstehen, weil es da eng ist, weil man Platzangst bekommt, nicht wieder weg kommt, man fühlt in den Gespächen manchmal geradezu, wie die Berge manchen Menschen seelisch auf die Pelle rücken. Als hätten sie ihre Kindheit in engen und dunklen Tälern verbracht. Dabei kommen diese Menschen aus Lübeck oder Minden oder Rostock. Seltsam.

Ich war vor dieser Reise aber noch nicht in den Bergen, zumindest von kurzen Ausflügen abgesehen, ich wusste also gar nicht, wie ich das da finden würde. Die Herzdame war eher skeptisch, schon wegen der Schuhsache, die Söhne fanden die Berge aber bereits als Idee super, denn Berge, darauf müssen wir noch zurückkommen, klingen immer nach Klettermöglichkeiten. Ich war einfach neugierig. Und ich habe dann, auch mit dem Gedanken an die Gespräche vor dem Urlaub, genau darauf geachtet, wie die Berge nun sind. Wie sie auf mich wirken, wie das mit den Beklemmungen ist, mit der Masse von Stein, die da einfach so im Weg herumliegt. Wobei genau das auch der Punkt ist, den ich eher nicht nachvollziehen konnte. Ich fand, die Berge sahen nicht nach “im Weg” aus, eher einfach nach Wegen.

Und zwar nach vielen und interessanten Wegen, nach spannenden Wegen, ich habe das vermutlich auch ein wenig aus der Perspektive der Söhne gesehen. Man sieht auf die Berge und man sieht all die Straßen, Feldwege, Pfade, Wälder, Höfe, Wiesen, die da an die Hänge drapiert worden sind, und das sieht, zumindest in Südtirol, doch sehr einladend aus. Und nicht unüberwindlich, das schon gar nicht, man sieht ja, dass die Berge dauernd überwunden werden. Von Wanderern, Radfahrern, Autos, es bewegt sich dauernd etwas über diese Berge und Hänge da.

Die Berge sehen für mich eher so aus, dass man neugierig wird. Das ist so eine Art Kinderneugierde, da merkt man den inneren Siebenjährigen, der das alles recht aufregend und abenteuerlich findet. Wie es wohl nach der nächsten Kurve ausssieht? Nach dem nächsten Wald? Hinter der Biegung dieses Bewässerungsgrabens, nach dem Weinberg da? Kann man den Hang da hochklettern, den Baum, den Skilift? Und dann? Wo ist man dann? Und kann man nicht noch höher? Ich fand die Berge viel abwechslungsreicher, als ich sie mir vorgestellt hatte, ich fand sie auch einladender und auf eine ziemlich bezaubernde Art wimmelbuchmäßig unterhaltsam. Das ging auch der Herzdame so, wir waren beide etwas überrascht von der fortgeschrittenen Hübschigkeit der Landschaft.

Und so vieles, was da gefunden werden kann. Mehr jedenfalls, als man in ein paar Tagen schaffen kann, wir reisten mit dem deutlichen Gefühl wieder ab, überhaupt nicht fertig mit der Gegend zu sein.

Und wäre es nicht so heiß gewesen, ich hätte schon Lust gehabt, überall länger herumzulaufen, auch völlig ziellos. Man braucht ja gar kein Ziel, wenn man nicht sieht, wie der Weg nach fünf Gehminuten weitergeht. Das ist ein wenig wie ein Spaziergang durch eine fremde Stadt, da kann man sich auch so treiben lassen, von Ecke zu Ecke, von Viertel zu Viertel, es könnte überall gleich etwas kommen, was man interessant findet.

So ähnlich kam uns das in Südtirol vor. Nicht eng, das ist nicht einmal anähernd das richtige Wort. Es war eher interessant verwinkelt.

Tatsächlich fand ich es da sogar so interessant, dass mir in dieser Landschaft sehr viele Ideen kamen. Ich hatte zwar Urlaub, aber Projektideen am laufenden Band. Geschichtenideen, Artikelansätze und so weiter, ich hätte da auch tausend Bilder machen können, Interviews und was weiß ich, ich hatte sogar wieder große Lust, etwas zu zeichnen, ich fand die Gegend wirklich anregend. Mir fiel dort dauernd ein, was ich alles machen könnte.

Direkt nach der Südtirolreise waren wir auf Eiderstedt an der Nordsee. Das ist das landschaftliche Gegenteil, die Antithese zu den Alpen. Oben enorm viel Blau, unten ein schmaler grüner Strich, zack, fertig ist die Landschaft. Da kommt man zur Not mit nur zwei Pinselstrichen aus, und der Eiderstedter guckt das Bild an und sagt: “Ach guck, die Heimat”. Guckste nach links, siehste meilenweit gar nichts, guckste nach rechts, sieht es auch so aus, so ist das da, und irgendwo ein Leuchtturm. Das ist eine sehr klare Angelegenheit, das schafft Luft im Kopf. Und dort fiel mir dann dauernd ein, was ich alles lassen könnte. Auch recht, gar keine Frage.

Westerhever

 Für eine vernünftige und gründliche Studie dieser Effekte müssten wir im nächsten Jahr eigentlich in umgekehrter Reihenfolge erst nach Eiderstedt und dann direkt nach Südtirol reisen, um zu sehen, was das so herum seelisch bewirkt. Und dann die beiden Jahresergebnissse vergleichen, den jeweiligen Output und die Kennziffern für Produktivität, Kreativität … kennen Sie eigentlich dieses seltsame Gefühl, wenn Aspekte des Berufs manchmal so ins Private hineinragen? Das ist auch nicht immer schön. Aber wenn ich hier schon beim Controlling lande, dann sage ich im nächsten Text etwas zu den Preisen in Südtirol. Und in Hamburg.

Roter Hahn

 

Woanders – Der Wirtschaftsteil

Im Moment werden viele Texte gelinkt, geteilt und verschickt, bei denen es um Flüchtlingsgeschichten geht. Um ganz alte Geschichten manchmal. Weil einigen doch wieder einfällt, dass auch dieses Land zu einem erheblichen Teil aus Flüchtlingsgeschichten besteht. Bei Béa Beste geht es da auch um die Frage der Motivation, die neuerdings überall so überaus kritisch hinterfragt wird. Die Autorin wird manchen, besonders Eltern, als Start-Up-Gründerin bekannt sein, ruhig auch die Rubrik “About me” im Blog dort einmal lesen, es geht hier ja um Wirtschaft. Diese Flucht war zu einer Zeit, als man hier noch jeden gefeiert hat, der es herüber geschafft hat, es ist ungefähr hundert Jahre her. Zumindest gefühlt. Es ist fast so lange her wie die Flucht der eigenen Großelterm, Urgroßeltern, Vorfahren. Die einen heute noch motivieren sollte, nicht hartherzig zu sein, wenn man dafür denn überhaupt einen Motivation braucht. Und die einen auch motivieren sollte, die Geschichten zu bewahren.

Und wir reden tatsächlich nicht von vereinzelten Texten, es sind viele. Sehen Sie mal hier, nur ein weiteres Beispiel. Und auch in Zeitungen greift man manchmal zurück und stellt fest, dass manches gar nicht so lange her ist. Guck an. Die Neue Westfälische, die hatten wir hier als Quelle vermutlich noch nie. Oder W&V? Vermutlich auch noch nicht, jetzt aber. Auch der Stern kommt hier bisher  eher selten vor, da gibt es aber einen lesenswerten Bericht über eine gewisse Frau Dölz. Ein Berufsporträt der ganz aktuellen Art.

Frau Dölz gehört in den Kontext einer riesigen Maschinerie, in einem ganz anderen Sinne gehört auch Herr Metzger dazu, der etwas anderes macht. Oder Frau Meyer, die in Wirklichkeit nicht Frau Meyer heißt. Wobei man natürlich auch in ganz anderen Berufen mit Flüchtlingen zu tun haben und dabei auch etwas bewirken kann

Um noch eine hier eher unwahrscheinliche Quelle zu verlinken, wenn wir schon ganz woanders gucken: Der Kika. Ja, der Kinderkanal. Da gibt es einen Film über Liiban und seinen Weg nach Deutschland. Hat Kika etwas mit Wirtschaft zu tun, hat das hier etwas zu suchen? Achten Sie in dem Film mal darauf, was Liiban über das sagt, was ihn antreibt. Es hat dann doch sehr viel mit Wirtschaft zu tun, auch mit Entwicklungspolitik.

Es gibt sogar gute Nachrichten, auch wenn man bei dem Wort “Bierzeltstimmung” sofort skeptisch werden möchte. Aber doch, es läuft wohl ganz gut. In Chieming am Chiemsee. So geht es nämlich auch. Und im Kleinen, das darf man nicht vergessen, im Kleinen kann es auch gehen.

In Goslar geht es zwar noch nicht so, wie der Bürgermeister will, ein interessanter Aspekt ist es dennoch.

Und falls jemand durch die vielen, vielen Argumente von rechts und rechtsaußen verunsichert wird, es ist natürlich auch immer wieder nützlich, Fakten gegen Vorurteile zu stellen. Man kann es nicht oft genug sagen, lesen, verbreiten. Oder darüber bloggen, versteht sich.

GLS Bank mit Sinn

12 von 12 im August

(Am 12. eines Monats wird der Tag in 12 Bildern dokumentiert, Sammelstelle für alle Beiträge dieser Art wie immer hier.)

Die Kinder sind bei den Großeltern, das passiert bei uns nur selten, ein wirklich ungewöhnlicher Zustand. Da kann man also Sachen machen, die man sonst nicht macht, das verschafft einem ein wenig mehr Spielraum und Freiheit, sollte man meinen. Gestern Abend war ich daher nach 20:00 noch draußen, also nach der regulären Kinderinsbettzeit. Überascht festgestellt, dass draußen um diese Uhrzeit noch alles voller hellwacher Erwachsener ist, die Geschäfte noch aufhaben und die Straßencafés noch voll sind. Interessant! Und ich kann die ganze Woche da mitspielen!

Tatsächlich spielt der Alltag da aber leider nicht mit, Termine wachsen auch ohne Kinder einfach aus dem Boden. Das Büro hat mich auch wieder gebucht, und so ein Beruf stört die Freizeitgestaltung doch ungemein. Von ungeahnten Möglichkeiten kann also gar keine Rede sein. Aber! Es gibt doch etwas! Denn, und das ist wirklich großartig, ohne Kinder an der Hand kann ich draußen endlich einmal so schnell gehen, wie ich will. Also sehr schnell. Ich habe seit sieben Jahren das Gefühl, immer mindestens ein Bleigewicht hinter mir herzuziehen, bei fast jedem Gang. Das gehört zu den Sachen, an die ich mich als Vater tatsächlich nie gewöhnt habe, es macht mich immer noch wahnsinnig, langsam zu gehen. Also bin ich heute ohne Kinder in Roadrunnergeschwindigkeit aus dem Haus und los, ich grüßte langsamere Passanten mit einem frohgemuten “MEEEEPMEEEEP!”, wurde aber nur seltsam angesehen. Schlimm.

Schuhe auf Pflaster

 

Außerdem konnte ich mir, das ist auch wichtig, ohne Kinder beim Bäcker kaufen, was ich wollte, wie so ein Erwachsener. Ohne Ausreden, ohne Geheimnisse, ohne pädagogisch wertvolle Tiraden. Schokobrötchen – und niemand bekam etwas ab. Es sind die kleinen Freuden!

Schokobrötchen

 

Auf dem Weg zur Arbeit dieser Mülleimer, dieser wunderbare und sehr deutsche Mülleimer, den ich eigentlich noch ein zweites Mal hätte fotografieren müssen. Nämlich am Mittag. Aber da standen, kein Witz, schon drei andere Handyfotografen davor und machten Bilder, denn im Laufe des Vormittages hatten Passanten recht kunstvoll Müll auf dem Deckel gestapelt, Schachtel auf Becher auf Schachtel auf Dose, ein Gesamtkunstwerk, wirklich sehr, sehr ordentlich. Hamburg bleibt ganz gewiss sauber.

Mülleimer

 

Die Herzdame war heute auch nicht da, sie ist im Krankenhaus und schlägt sich seit mittlerweile zwei Tagen mit einer eigentlich eher harmlosen Zahn-OP herum. Die Geschichte ist so absurd, die müsste sie tatsächlich selbst einmal verbloggen. Nebenffekt: wer nicht da ist, der macht keine Unordnung. Keine Kinder, keine Frau, die Wohnung sieht hier aus wie geleckt. Detail Kinderzimmer:

Kinderzimmer, aufgeräumt

 

Ich schaffte am Nachmittag immer noch weitere Ordnung, auch die Küche wurde auf Vordermann gebracht. Hier liegt jetzt alles korrekt im Schrank oder im rechten Winkel oder in Reih und Glied, es ist ein Traum.

Ordentliches Obst

 

Weil alles so ordentlich war, traute ich mich aber nicht mehr, etwas zu machen. Ich hätte ja Gegenstände verschieben oder schmutzen können. Allein der Gedanke! Außerdem fehlten mir allmählich die Söhne und die Herzdame, ich bin das nicht gewohnt, so ohne Familie. Ich saß also nur etwas ideenlos herum und sah die Wand an. Schöne Wand immerhin, machte auch einen aufgeräumten Eindruck. Sehr gut.

Wand

 

Eigentlich hätte ich ich weiter an der Südtirolreise und überhaupt noch mehr über den Urlaub schreiben müssen, in dem ich mich selbst übrigens erfolgreich dazu bekehrt habe, dauernd alles mit der Hand zu notieren. Das habe ich tatsächlich den ganzen Urlaub über durchgehalten, das ist interessant. Es stimmt nämlich, dass man sich Dinge besser merken kann, wenn man sie mit der Hand notiert, auch ohne sie später nachzulesen. Aber davon abgesehen gibt es deutlich mehr zu erzählen, wenn man sich Notizen im Alltag macht. Das mache ich jetzt also so weiter. Theoretisch. Notizen aus den letzten drei Tagen: keine einzige. Da muss ich wohl wieder erst streng mit mir werden.

Notizbuch

 

Zwischendurch erfuhr ich, dass die Herzdame noch eine Nacht im Krankenhaus bleibt. Es wurde immer seltsamer, so ganz ohne Familie. Zog kurz in Erwägung, die Bügelperlen einfach mal selbst auszukippen, einfach für das vertraute Gefühl.

Bügelperlen

 

Schlimm. Darauf ein Trostbier.

Processed with VSCOcam with c6 preset

 

Dann telefonierte ich mit den Söhnen und fragte, wie sie sich bei Oma benehmen. Nach längerer geflüsterter Diskussion einigten sie sich auf “wir sind ganz okay”, mit einem sehr, sehr leise nachgeschobenen “meistens”.

Telefon

 

Zeit für den Abendspaziergang, der Schrittzähler war noch unter 10.000, das ging natürlich nicht, das muss auch seine Ordnung haben. Beim Herumlaufen wieder festgestellt, dass es an der Alster schon auch ganz hübsch ist.

Alster

 

Und gleich dann mit Buch ins Bett. Gutes Buch übrigens, sehr angenehm erzählt, es geht um Schweizer mit ziemlich besonderen Lebensläufen. Sehr fluffige Lektüre. Aber ganz ohne Störung durch die Familie zu lesen – ich weiß ja nicht. Das ist irgendwie nicht mehr mein Ding.

Alex Capus: Himmelsstürmer

 

 

Kurz und klein

Schloss Lebenberg in Tscherms/Südtirol

Die Urlaubsberichte hier haben sich etwas verzögert, da wir zwischendurch auf Eiderstedt waren. Auf der Halbinsel Eiderstedt in Nordfriesland gibt es so viel Netz wie auf dem Mond, vielleicht auch etwas weniger, es würde mich überhaupt nicht wundern. Weswegen der Urlaub hier im Blog immer noch mit Ladehemmung beim zweiten Tag Südtirol hängt und ich jetzt eine kleine Aufholjagd starte, um irgendwann auch wieder in der Gegenwart anzukommen.

Wobei nach Südtirol aber natürlich noch Eiderstedt gewürdigt werden muss, wie auch überhaupt besprochen werden muss, was so gegensätzliche Reisen direkt nacheinander nun bedeuten. Sind wir jetzt auf Normalnull? Oder völlig verwirrt? Es ist, das kann ich vorwegnehmen, kompliziert.

Schloss Lebenberg Tscherms

Das Schloss Lebenberg also, um wieder im Süden fortzusetzen, das uns bei der Anreise in Tscherms so transsilvanisch anmutend im Abendlicht entgegenleuchtete, es sah im Vormittagssonnenschein gar nicht mehr sehr beeindruckend aus. Etwas kleiner als gedacht. Etwas weniger spektakulär. Und gar nicht unheimlich. Das war ein Schloss, von dem man, wenn man direkt davor stand, gar nicht mehr so viel erkennen konnte. Mauern eben, gar nicht mal so hoch, nicht einmal aus Kindersicht. Ein weiter Blick ins Tal von den Zinnen des kleinen Vorhofs, der Blick war wirklich gut. Aber guten Blick hatte man da am Berg von überall, dafür brauchte man eigentlich gar kein Schloss. Eine kleine Tür, ganz unscheinbar, da stand etwas dran. “Nächste Führung um 11:45”, das konnte Sohn I uns vorlesen. Mit der Hand geschrieben, Kreide auf Tafel, saubere Handschrift. Ein leerer und schmuckloser Vorraum, da warteten noch zwei Touristen. Sitzen und warten also, immerhin nur zehn Minuten, da hatten wir Glück.

Dann ging die Tür zum Inneren des Schlosses endlich auf, langsam ging sie auf, und natürlich, sie knarrte ein wenig, das konnte auch gar nicht anders sein. Ein alter Mann kam heraus, er ging ganz langsam, er hatte alle Zeit der Welt. Aus Sicht der Söhne war er uralt, versteht sich. Er sah uns an, er sah die anderen beiden Wartenden an, er wirkte ein wenig, als würde er überlegen, ob sich eine Führung für uns denn auch lohnen würde. Sahen wir überhaupt interessiert genug aus? Er guckte eine Weile von Besucher zu Besucher und nickte schließlich. Dann beugte er sich zu den Söhnen, sah sie auch lange an, beugte sich dann ein wenig zu ihnen hinunter und fragte endlich höflich und mit leiser Stimme, in einem etwas leierndem Tonfall, den man wohl unweigerlich annimmt, wenn man schon Tausende von Menschen durch ein Schloss geführt hat und immer wieder gleichförmige Sätze von sich gibt, jeden Tag, immer noch einmal: “Was wünschen die jungen Ritter? Was ist Euer Begehr?”

Und damit hatte er sie. Von diesem Moment an hörten sie ihm gebannt zu, ganz egal, ob er während der Tour durch das Schloss von längst ausgestorbenen Adelsgeschlechtern sprach, von der Renaissance, von Schlossgeistern, Hieb- und Stichwaffen, gotischen Schränken, dem Rokoko oder mitttelalterlichen Fresken. Immer wieder wandte er sich während der Führung an die Jungs, sprach sie direkt an, ohne seine Erwachseneninhalte dabei abzuwandeln, aber er nannte doch immer wieder ihre Namen, die er freundlich erfragt hatte, er wies sie immer wieder leise und nebenbei darauf hin, womit sie später in der Kita und in der Schule vielleicht angeben könnten. Die Söhne waren hingerissen und fühlten sich sehr ernstgenommen. Man durfte im Schloss natürlich nichts anfassen und auf nichts herumturnen, es war zur Abwechslung einmal überhaupt kein Problem. Sie liefen lammfromm dem alten Mann hinterher, der so viel über das Gemäuer zu berichten wusste. Und das sind so die Überraschungen im Urlaub, Man denkt vielleicht, ach, Besichtigung nur mit Führung, wie langweilig ist das denn? Innen auch noch Fotoverbot? Muss das denn? Und dann ist es eine großartige Stunde, die man hinterher nicht missen möchte. Und von der die Söhne noch wochenlang reden werden.

Das Schloss Lebenberg ist in Reiseführern gar nicht so prominent, ich möchte dennoch dazu raten, es zu besuchen. Es ist ein immer noch bewohntes Schloss, aber der Teil, den man mit Führung besichtigen kann, ist rappelvoll mit Kunst und schon hinter der ersten Tür steht man vor ganz unvermuteter Pracht. Man fühlt sich dem gegenüber ohne Anke Gröner etwas hilflos, aber da muss man durch. Kunst aus etlichen Jahrhunderten, das Schloss ist alt. Und ohne dass ich es erklären könnte, man hat ja schon etliches an Kunst im Leben gesehen – das waren Stücke, die mich ansprachen. Das war eine Gesamtauswahl, die mir Geschichten erzählen wollte, das waren redende Dinge. Manchmal sagt einem ein ganzes Museum nichts, manchmal spricht eine kleine Sammlung Bände. Schloss Lebenberg Tscherms

Bei den Beschreibungen muss ich ohne Bilder auskommen, Fotos konnte man nur im Innenhof machen. In der kleinen Kapelle hängt in einem Fenster ein Bild des aufgebahrten Jesus. Es hängt seit Jahrhunderten vor einem Nordfenster, es wurde nie restauriert. Der Jesus leuchtet aber bis heute golden, einfach durch das Tageslicht, das durch ihn fällt, und er leuchtet so golden, als wäre es eine höchst effektvolle und sehr moderne Lichtinstallation. Er strahlt aus sich, man möchte wetten, dass dahinter etwas leuchtet, etwas ganz Starkes sogar – aber da ist nichts, nur der taghelle Norden. Auf die Gläubigen früherer Generationen muss das Bild mächtig Eindruck gemacht haben.

Ein gotischer Schrank steht da in einem Saal, gotische Schränke sieht man selten, man hat eher die Truhen aufbewahrt. Gotische Truhen kennt vermutlich jeder, gotische Schränke nicht unbedingt. Und, es kommt einem etwas irre vor, der Schrank sieht so absurd modern aus, den könnte man auch im Stilwerk in Hamburg bestellen, der ist allerneuestes Design. Etwas roh, etwas unbehauen, etwas schräg, urwüchsiges Holz mit deutlicher Maserung. So etwas sieht man in Modern-Living-Magazinen, das nimmt man bei der Homestory eines Architekten nebenbei wahr, das steht da im Arbeitszimmerhintergrund oder auf irgendeinem Instagrambild aus einem Coffeeshop in New York. Wir standen eine ganze Weile kopfschüttelnd vor dem Schrank, der Schrank war unglaublich.

Daneben ein Klappbett. Man muss nicht glauben, Klappbetten seien eine Erfindung von Ikea, Klappbetten sind uralt. Und das Prinzip ist immer gleichgeblieben, nur die Nupsis verändern sich vermutlich stetig und passen dann nicht mehr. Das war damals schon schlimm, es ist heute noch genau so schlimm.

Ein Reisebett aus dem Mittelalter, und man sieht den designgeschichtlichen Weg zur faltbaren Campingliege deutlich vor sich, wie in einem Bilderbuch der Möbelgeschichte. Man sieht aber auch die Knechte, die das Trumm damals tragen mussten. Und den Familienvater, der heute fluchend das Campingzubehör im Kombi verstaut.

Beim Verlassen eines Saals drückte der Schlossführer die Klinke der Tür betont langsam, dann drückte er sie noch einmal und noch einmal, bis alle es gesehen hatten – das Schloss der Tür war feinste Schmiedekunst, uralt. “Nie repariert”, sagte der Schlossführer, während seine Hand die Klinke streichelte, “geht wie am ersten Tag. Geht auch in hundert Jahren noch.” Und er sagte es so, als sei er all die Jahrhunderte dabei gewesen, als hätte er die Tür jeden Tag mehrfach geöffnet und geschlossen. Und als würde er das noch sehr lange machen wollen. Vermutlich verachtet er alle Schließmechanismen jüngeren Datums und geht überhaupt nur widerwillig durch moderne Türen.
Schloss Lebenberg Tscherms

Im Garten draußen ein ungeheuerlicher Maulbeerbaum, warum ist der so groß? Man weiß es nicht, da rätseln auch Experten, es muss am Mikroklima liegen, niemand kann es erklären. Maulbeerbäume werden nicht so groß. Der Maulbeerbaum war für Seidenraupen da, man wollte damit einmal in der Gegend das große Geld machen. Etwas später kamen die Südtiroler aber darauf, mit anderen Bäumen das große Geld zu machen, das hat dann viel besser funktioniert und die Apfelbäume stehen bis heute überall. Der Innenhof sieht so gut erhalten mittelalterlich aus, der ist oft als Filmkulisse zu sehen. Weihnachten gibt es im Ersten wieder einen Märchenfilm, der gerade dort abgedreht wurde. Ich habe vergessen, welches Märchen es war.

Wieder drinnen ein seltsam frisch wirkender Rokokosaal mit lachsrosafarbener Tapetentür, wie gerade eben erst von behandschuhter Damenhand leise geschlossen, während hinten noch das Cembalo verklang. Passt Cembalo überhaupt zu Rokoko? Was weiß ich denn. Mit Kunstgeschichte habe ich mich schon lange nicht mehr befasst, es ist eigentlich bedauerlich.

Es ist andererseits aber auch völlig egal, ich wollte nur sagen, das Schloss lohnt sich, auch wenn es in manchen Reiseführern nur gerade für eine Randbemerkung reicht. Ein kleines, prächtiges Schloss. Nur mit Führung. Und Fotografieverbot innen.

Macht nichts.

Roter Hahn

Woanders – Der Wirtschaftsteil

Veganer werden das nicht tragen, ganz sicher nicht. Aber andere werden es vielleicht sinnvoll finden: Kleidung aus Schlachtabfällen. Ja, das klingt komisch, aber vielleicht nur beim ersten Hören. Oder man trägt etwas anderers, auch aus Abfällen hergestellt: Fischleder. Da kann man gleich wieder ethische Fragen anschließen, ist es nun richtig oder falsch, tierische Abfälle zu verwerten? Und wer entscheidet das? Ist es sinnvoll oder gar revolutionär, alles zu verwenden?

In der letzten Woche hatten wir hier das Phänomen “Nudging” vorgestellt, des schubsenden Staates, der seine Bürgerinnen in die richtige Richtung lenken möchte. Eine Gegenposition kann man hier lesen, entgegengesetzte Kommentare gleich wieder darunter. Hat der Staat seine Bürger nun zu erziehen, oder ist Erziehung, z.B.. auch zur Nachhalltigkeit, immer nur ein Thema für Eltern? Wer ist vorbildlich?

Es ist ein vermutlich unauflösbares Rätsel, wie man vermeintlich Richtiges erkennt, ohne nervtötender Missionar und kleinkarierter Moralapostel zu werden. Das gilt nicht nur beim Essen, aber beim Essen kann man es besonders gut aufzeigen. Aus dieser oder aus der anderen Richtung. Ja, es gibt sogar Menschen, die beruflich dauernd über Essen und Moral nachdenken.

Aber wir haben natürlich alle unsere Themen, bei denen wir von Moral, Sinn und Richtigkeit nichts hören wollen. Spätestens beim Thema Reisen ist ein Großteil betroffen, gar keine Frage. Wir sind vernunftbegabt – wenn es sich gut anfühlt.

Und zum Schluss noch einmal Nudging, denn Verkehrspolitik kommt ohne nicht aus. Eine baskische Stadt schubst die Menschen aus dem Auto, das freut den Freundeskreis Fahrrad.
GLS Bank mit Sinn

 

Woanders – diesmal mit Scrollytelling, Nachrichten, Blogs und anderem

Irgendwasmitmedien: Eine kleine, na, gar nicht so kleine Linksammlung zum Thema Scrollytelling. Mit wirklich wunderbaren Beispielen.

Feuilleton: Noch eine Liste – Stefan Mesch mit Literaturblogs in üppiger Vielfalt.

Feuilleton: Ein Artikel über Flüchtlinge und Kunst.

Familie: Bei Blogoli geht es um Kinder und Nachrichten und Erwachsene, die etwas nicht auf die Reihe bekommen. Jo. So ist das.

Familie: In der SZ geht es um die Rolle des Vaters als Witzfigur. Ich weiß selbstverständlich überhaupt nicht, worum es da geht. Ich werde hier eher als ernsthafter Familienvater wahrgenommen. Wie Sohn II immer so schön sagt: “Papa, geh an den Schreibtisch und arbeite, da machste nix kaputt bei.”

Feuilleton: Das Glück ist ein spröder Gast – ein Artikel über einen neunzigjährigen Großvater.

Hamburg: Candy Bukowski mit dem zweiten Teil des Berichts aus dem Sex-Shop.

Hamburg: “Hipster kommen hier nicht her” – die Zeit über Stadtmarketing für eine besondere Zielgruppe.

Norddeutschland: Es ist wenigstens ein Anfang, wenn es auch noch heillos kompliziert wirkt: In Büsum gibt es jetzt WLAN am Strand. Aber mit Drosselung. Und Zusatzpaketen. Und … ach, herrje. Man möchte händeringend durch die Brandung laufen.

Norddeutschland: Klimawandel vor der Haustür, man streitet sich über den Hochwasserschutz im Alten Land.

Schule: Der Tagesspiegel über die Situation beim Schulunterricht für Flüchtlingskinder. Große Überraschung, es sieht gar nicht so toll aus.

Fotos: Der Stilpirat war in Mumbai.

 

Porträt des Autors als Trottel

Man wird erstaunlich schnell zum Trottel, wirklich, das geht ganz fix. Man muss nur mal kurz nicht aufpassen, eine Entwicklung verpassen, etwas nicht interessant finden, irgendwo nicht mitmachen – und zack. Gerade lächelte man noch über Ältere, die nicht wissen, wie ein Computer angeht, schon ist man selbst der Ausgelachte. Dafür reicht es schon, ein paar Jahre das Auto nicht zu wechseln.

Wir haben uns im Urlaub in Südtirol einen Mietwagen genommen, der viel neuer als unser Auto war. Genau genommen war das Auto topaktuell, frisch vom Band. Mit jedem technischen Schnickschnack, den man sich nur vorstellen kann. Auch mit dieser Kamera hinten, die einem beim Rückwärtsfahren vorne über einen Bildschirm anzeigt, was hinter einem passiert. Das ist toll, man könnte damit lange Wege rückwärtsfahren, einfach nur, weil es jetzt so leicht geht. Man macht es dann doch nicht, aus dem Alter ist man raus, aber manche Sachen sind schon nette Erfindungen, gar keine Frage.

Dann haben wir aber gemerkt, dass wir dieses ach so tolle Auto leider nicht abschließen konnten. Keine Chance. Da konnten wir drücken und schließen, was immer wir wollten, das Auto blieb unbeeindruckt offen. Erst das satte Klicken für das Schließen, dann hat es sich sofort, noch ein Klicken, selbst wieder geöffnet. Wir standen wie komplette Idioten abends vor dem Auto, ich überlegte schon, im offenen Auto zu nächtigen, damit es wenigstens nicht nachts geklaut werden konnte. Bis uns jemand, der sich damit auskannte, endlich sagte, dass dieses Auto die Türen nur abschließt, wenn man sich mit dem Schlüssel weit genug davon entfernt. Das haben wir natürlich gemacht. Wir haben die Schritte gezählt und dann die Kinder doch lieber nochmal zum Auto zurückgeschickt, um an allen Türen testweise zu rütteln. Mehrmals. Der Autoexperte neben uns hat sich kaputtgelacht.

Es ist im Grunde keine Frage, ob man ein Trottel ist. Die Antwort ist immer: ja. Es ist nur die Frage, wann und bei welchem Thema.

(Dieser Text erschien als Kolumne in den Lübecker Nachrichten und in der Ostsee-Zeitung)

Obergluniger – Schloss Lebenberg in Tscherms – Waalwege

Tscherms

Der bereits erwähnte Oberglunigerhof hat, das ist natürlich eminent wichtig und wurde noch gar nicht gewürdigt, WLAN in jedem Winkel. Arbeitsplatz in Tscherms, Obergluniger

Wie man überhaupt in Südtirol dauernd Netz hat, sowohl durch gewöhnliche Großprovider als auch durch freie WLAN-Varianten, die dort einfach so funktionieren. In jedem Dorf. Und sogar oben auf dem Berg, in beträchtlicher Höhe, da starrt man staunend auf sein Handy und lädt Bilder hoch zu Instagram. Mal eben. Wenn man also zwischendurch auch einmal etwas arbeiten muss, und wer müsste das nicht, ist Südtirol als Urlaubsziel eine ziemlich sichere Bank.

Kein Vergleich jedenfalls zum netztechnischen Gegenteil Eiderstedt, das mich jedes Jahr wieder in den Wahnsinn treibt, wenn ich einen Text abgeben muss und dafür kurz Netz brauche – aber nicht finde. Nirgendwo. Nicht im Watt, nicht auf dem Deich, in keinem Dorf und auch nicht in Sankt Peter-Ording auf der Promenade. Es ärgert mich jedesmal wieder. Bei uns gilt jedenfalls: wenn ich Netz habe, ist der Urlaub für alle anderen viel entspannter.

Vorlesen in Tscherms, OberglunigerAuf dem Oberglunigerhof hatte ich, auch das ein vernünftiger Grund, noch einmal hinzufahren, die vermutlich schönsten Arbeitsplätze, an denen ich je etwas getippt habe. Tscherms, OberglunigerInmitten des wahnsinigen Blütendufts, mit Blick auf Bergpanorama und ganz hinten Meran, mit Blick auf Pool, mit Blick auf Pfirsichbäume, Apfelbäume, Wein, beschattet von einem Kakibaum, der gelegentlich eine noch unreife Frucht mit einem satten PLOPP neben mich fallen liess, als würde er zu einem Absatz raten. Wobei ich erst eine Expertenmeinung einholen musste, um den Baum als Kakibaum zu erkennen. Und der Bauer mich vollkommen verblüfft fragte: “Das sehen Sie nicht?”

Tscherms/OberglunigerEs wurde abends kaum kühler, man konnte einfach immer weiter draußen sitzen und schreiben und lesen. Es wurde nur dunkler und der Duft um einen herum änderte sich ab und zu, je nachdem, wie der Abendwind gerade um den Berg kam. Mal etwas mehr Lavendel darin, mal etwas mehr Apfel, mal Wiese bei Nacht, mal Pflaume, mal Erdbeer. Wir waren auf einem Bio-Wein- und Obsthof, der Bauer baut dort 20 Sorten Obst an. Das sind, wie Sohn I nach längerem Nachdenken befand, “viel mehr als es gibt”. Das Obst wächst dort an jeder Ecke, das Obst gibt es marmeladisiert auch zum Frühstück.

Frühstück

 

Die Höfe in Südtirol bieten häufig auch Frühstück an, das scheint dort notwendig zu sein, habe ich gehört. Die Touristen wollen das so, sie wollen den Hof mit Hotelfunktion. Da die norddeutschen Höfe häufig oder meist kein Frühstück anbieten, müsste das heißen, dass die Touristen das hier nicht wollen, es ist doch eine seltsame Welt. TschermsDas Frühstücksbuffet hatte natürlich nicht die hoteltypische Größe, das machte aber überhaupt nichts. Die Zutaten waren nämlich besser, und zwar um Klassen besser. Es gab Käse, der mit dem durchschnittlichen Lidl-Käse in Business-Hotels nichts zu tun hatte, es gab anständige Wurst, es gab selbstgebackenen Kuchen, selbstgemachte Marmelade, frisch gemachtes Rührei, Holundersaft vom Hof, ebenso Himbeersaft, Johannisbeesaft, Apfelsaft, es gab ein Frühstück, das ich so gerne jeden Tag hätte. Auf einen der Kuchen kommen wir übrigens später noch zurück, bzw, kommt die Herzdame noch zurück.

Nach dem ersten Frühstück wollten wir mal eben zum Schloss Lebenberg hoch, das so verlockend nah aussah, nur ein wenig den Berg hoch. In gerader Strecke wäre man in fünfzehn Minuten dagewesen, man denkt so etwas als Norddeutscher dauernd. Es ist eben wirklich beeindruckend, wie lange man im Gebirge für alles braucht, wie unerreichbar das Naheliegende ist. Ich schreibe diesen Eintrag auf der nordfriesischen Halbinsel Eiderstedt, wo man bekanntlich am Morgen sehen kann, wer am Nachmittag zu Besuch kommt. In Südtirol kann man am Morgen sehen, wo man sich in drei Minuten verlaufen wird. Auch schön!

Es war ein außerordentlich heißer Morgen, auch heiß für Südtiroler Verhältnisse. Und nicht nur wegen der bereits erklärten Schuhsitiation, auch wegen des Wetters war vollkommen klar, Wandern fällt aus. Aber einen Spaziergang, den mussten wir natürlich machen. Wir gingen also ein Stück den Berg hoch, fanden am Straßenrand ein einladendes Schild, das auf einen schmalen Wanderweg zum Schloss verwies und bogen dem folgend querfeldein ab. Dann bog der Weg ab, dann bogen wir noch einmal ab, dann bog der Weg wieder ab und dann waren wir, große Überraschung, nicht ganz da, wo wir hinwollten. Wobei wir das, was wir erreichen wollten, auch gar nicht mehr sehen konnten. Das war irgendwo anders. Wir gingen teils unter Wein, das gab also etwas Schatten, es ging aber ziemlich fortgeschritten bergauf und man kam einfach nicht vom Fleck.

Die Kinder waren selbstverständlich nach zehn Minuten beleidigt und konnten nicht mehr, blödes Herumlaufen, wo ist der Pool, wir können nicht mehr, wann sind wir da, Hunger, Durst, ich muss mal, alles.

WeinBis wir an einen Waalweg kamen. Da floss ziemlich kaltes Wasser ziemlich schnell, da konnte man also sowohl die Füße hineinhalten als auch Stöckchen schwimmen lassen, die dann in rasender Fahrt um die nächste Kurve des Weges sausten, wie Kanus im Wildwasserbach. Waalweg TschermsDa hatten die Söhne plötzlich wieder Kraft und Ausdauer und Motivation und liefen bergauf und bergab wie die Gemsen, immer auf der Suche nach noch besseren Schiffchen, Landeplätzen, Abbiegungen, Brücken und Tunneln.

Waalweg Tscherms

Man kann an den Waalwegen gut sehen, wie Bewässerungsanlagen funktionieren, das nehmen die Kinder als Fachwissen nebenbei mit. Das finden sie auch alles ganz logisch, wenn man es ihnen zeigt, das könnten sie auch so bauen, eh klar. Mit genug Zeit. Und wenn man schon keinen Springbrunnen findet, dann setzt man sich eben in einen Bewässerungsgraben, das geht auch, sie haben das getestet. Wir fanden einen kleinen Wasserfall, einen wirklich ganz kleinen. Es war aber der erste Wasserfall im Leben der Söhne, es war also der größte, den sie je gesehen haben. Und so wirkte er dann auch auf sie. Eben noch der knallheiße Wanderweg, auf dem die Sonne wirkte, als bekäme man mit glühender Bratpfanne kräftig einen übergezogen, jetzt plötzlich ein kühles Waldstück, schattig, feucht, voller gluckernder Geräusche und Gesprudel. Wir fanden eine schmale Brücke, die hoch über den Bach führte, das war eine kleine Brücke über wildes Strudeln, das war alles sehr abenteuerlich aus ihrer Sicht. Das war ein Ausflug in ein ganz, ganz kleines Stück Bergwelt – und da war für sie schon alles dabei. Das war auch eine Erkenntis dieser Südtirolreise: man braucht sich eigentlich gar nicht groß um Ausflüge kümmern. Man kann auch einfach losgehen, man findet schon etwas. Um die Ecke.

Tscherms

Dann standen wir endlich vor dem Tor des Schlosses, zu dem ich im nächsten Artikel etwas mehr sagen werde, ich bin hier gerade irgendwie etwas vom Ziel abgekommen. Egal, das passt schon.

Roter Hahn