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	<description>Buddenbohm &#38; Söhne</description>
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		<title>Ein konstruktiver Vorschlag</title>
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		<pubDate>Tue, 31 Jan 2012 13:13:10 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Maximilian Buddenbohm</dc:creator>
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			<content:encoded><![CDATA[<p>Die S&#246;hne besitzen ziemlich viele B&#252;cher und sie neigen dazu, abends etliche davon mit ins Bett zu nehmen, um in Ruhe noch ein wenig zu lesen.  Sie brauchen allerdings stets eine Weile, bis sie die richtigen B&#252;cher gefunden haben, denn die stehen in keiner erkennbaren Ordnung im Regal. Das brachte Sohn I gestern Abend darauf, mit mir ein ernstes Gespr&#228;ch &#252;ber Ordnungssysteme zu f&#252;hren, und das ist nat&#252;rlich eines der Themen, &#252;ber die man mit viereinhalbj&#228;hrigen Jungs besonders gerne spricht. Der Sohn fragte, wie meine B&#252;cher denn eigentlich sortiert seien und ob ich da jemals etwas finden w&#252;rde. Er h&#246;rte mit Staunen, dass sie nach L&#228;ndern und Epochen sortiert sind, bzw. sortiert w&#228;ren, wenn ich denn jemals Zeit h&#228;tte, dieses Projekt zu beenden. Andere Menschen aber, so erkl&#228;rte ich weiter, etwa die gesch&#228;tzte <a href="http://www.isabelbogdan.de/">Isa</a>, sortieren ihre B&#252;cher gnadenlos nach Alphabet durch, wobei zum Beispiel meine B&#252;cher dann neben denen von Bukowski stehen, was gar keinen  Sinn ergibt, aber egal.  Es ist ein freies Land, hier kann jeder sortieren, wie er will. Wieder andere, etwa der gesch&#228;tze <a href="http://mequito.org/">Mek</a>, sortieren nach dem sch&#246;nen Prinzip „von mir geschrieben oder nicht von mir geschrieben“.  Extremere Charaktere sortieren angeblich auch nach Farbe oder Gr&#246;&#223;e oder Verlag. Und der Sohn h&#246;rte zu und dachte nach und fragte schlie&#223;lich, ob es denn wirklich so sei, dass jeder in anderen Wohnungen gar nichts finden w&#252;rde? Und ob das denn nicht total bl&#246;d sei?</p>
<p>Ich erkl&#228;rte ihm, dass man aus dem B&#252;chersortieren sogar eine ganze Wissenschaft gemacht habe, wodurch die Sache &#252;brigens dennoch nicht wesentlich einfacher geworden sei. Seltsame Menschen haben so etwas dann sogar studiert, zum Beispiel sein eigener Vater, der tats&#228;chlich ein Dipl.—Bibl. ist, was der Sohn f&#252;r einen prima Witz hielt. Ich habe es auch nicht immer einfach mit meinem eigentlich so klangvollen Titel. Und dann hat der Sohn noch etwas weiter nachgedacht, seine B&#252;cher lange angesehen, ein paar probeweise von links nach rechts ger&#228;umt und schlie&#223;lich einen Vorschlag gemacht, von dem er meint, das ihn bitte k&#252;nftig jeder Mensch anwenden m&#246;ge:</p>
<p>„Man sortiert die B&#252;cher doch am besten einfach so, dass die Geschichten, die richtig, richtig gruselig sind und besser nicht angefasst werden, wenn es gerade dunkel wird, weil sie n&#228;mlich vielleicht Monster anlocken k&#246;nnten, auf der einen Seite stehen. Dann ist das viel weniger gef&#228;hrlich, dann nimmt man die nicht aus Versehen mit ins Bett. Und auf der anderen Seite dann eben die ganzen anderen B&#252;cher, die einfach nur sch&#246;n sind und die man also immer lesen kann, weil da kommen keine Monster oder Gespensters. Das kann man doch leicht verstehen? Und dann m&#252;sste man doch gar nicht mehr so lange suchen?“</p>
<p>Wenn Sie dann bitte alle auch bald anfangen, Ihre B&#252;cher zuhause entsprechend umzur&#228;umen. Ich meine, wo er doch Recht hat… Mitlesende Bibliothekare und Buchh&#228;ndler wenden das im Interesse einer einfacheren Weltordnung bitte ab sofort beruflich an.  Danke.  </p>
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		<title>Was tun mit Kindern an grauen Sonntagen</title>
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		<pubDate>Sun, 29 Jan 2012 07:48:13 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Maximilian Buddenbohm</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Die S&#246;hne haben Besuch, ein M&#228;dchen w&#252;hlt sich mit pr&#252;fend durch ihr Spielzeug, bevor es schmollend beschlie&#223;t, sich zu langweilen. Gelangweilte Kleininder sind wirklich das Letzte, was man an einem Winterregensonntag um sich haben m&#246;chte, ich bin h&#246;chst alarmiert. Das M&#228;dchen guckt sich um und sieht den Balkon vor dem Wohnzimmer, den ausgemusterten Tannenbaum darauf, [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Die S&#246;hne haben Besuch, ein M&#228;dchen w&#252;hlt sich mit pr&#252;fend durch ihr Spielzeug, bevor es schmollend beschlie&#223;t, sich zu langweilen. Gelangweilte Kleininder sind wirklich das Letzte, was man an einem Winterregensonntag um sich haben m&#246;chte, ich bin h&#246;chst alarmiert. Das M&#228;dchen guckt sich um und sieht den Balkon vor dem Wohnzimmer, den ausgemusterten Tannenbaum darauf, das Sandspielzeug in Warteposition, die weggeklappten Sonnenliegen und die toten Topfpflanzen und fragt: „D&#252;rfen wir da drau&#223;en spielen?“ </p>
<p>Die S&#246;hne schlie&#223;en sich sofort quengelnd an, w&#228;hrend es drau&#223;en dunkler wird, der Regen dichter wird und ein paar Schneeflocken darin zu erkennen sind. Der Wind frischt auf, die N&#228;sse kommt in Schwaden quer herangeweht, ein furchtbares Wetter. Wir stecken die Kinder in Wintersachen, ziehen Regensachen dr&#252;ber und lassen sie auf den Balkon, der gerade vom Regen f&#246;rmlich geflutet wird. Auf den Balkon geht man nicht im Winter, also ist es gro&#223;artig, auf den Balkon zu gehen. Logisch. Die Kinder spielen „Aufr&#228;umen“, danach spielen sie „Saubermachen“ und dann auch noch „G&#228;rtnern“. Sie spielen mit verrotteten Blument&#246;pfen, klammen Fingern und besonderer Hingabe. Ich sitze mit hei&#223;em Tee gem&#252;tlich auf dem Sofa, lege die Beine hoch und sehe zu. Das ist die beste Spielidee, auf die der Nachwuchs jemals gekommen ist. „Noch zehn Minuten“, sage ich, „dann verbieten wir es.“ „Ja“, sagt die Herzdame, „ganz genau. Und im Laufe der Woche, wenn sie oft genug gefragt haben“, geben wir jeden Tag etwas nach und lassen sie ein paar Minuten wieder raus.“ </p>
<p>W&#228;hrend wir die wild protestierenden Kinder reinholen, freue ich mich auf das n&#228;chste Wochenende. Wir werden den Kindern eine ganze Stunde Balkon erlauben! Und sie werden sehr dankbar sein und nat&#252;rlich nach zwei Stunden fragen. Zwei Stunden Ruhe und Frieden, zwei Stunden Sofa und Lekt&#252;re.</p>
<p>Es kann so einfach sein.</p>
<p><em>Dieser Text erschien als Kolumne in den L&#252;becker Nachrichten und der Ostsee-Zeitung.</em></p>
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		<title>Entspannt ins Wochenende</title>
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		<pubDate>Sat, 28 Jan 2012 08:17:10 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Maximilian Buddenbohm</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Und dann h&#246;rt man seltsamen Krach aus dem Flur, springt hin und sieht: Kommode umgest&#252;rzt, vermutlich weil sich wieder ein Kind an die oberste Schublade geh&#228;ngt hat. Die Kommode ist gro&#223;, voll mit tausend Sachen und entsprechend schwer und darunter guckt eine Kinderhand hervor, ein Gruselbild, wie man es aus Film und Fernsehen kennt. Und [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Und dann h&#246;rt man seltsamen Krach aus dem Flur, springt hin und sieht: Kommode umgest&#252;rzt, vermutlich weil sich wieder ein Kind an die oberste Schublade geh&#228;ngt hat. Die Kommode ist gro&#223;,  voll mit tausend Sachen und entsprechend schwer und darunter guckt eine Kinderhand hervor, ein Gruselbild, wie man es aus Film und Fernsehen kennt. Und eine etwas gepresst klingende Stimme, die unverkennbar nach Sohn II klingt, ruft von unterhalb des M&#246;bels: &#8220;Ich war das gar nicht! Ich bin auch nicht hier!&#8221;</p>
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		<title>Die Logik der Suppennudel</title>
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		<pubDate>Wed, 25 Jan 2012 17:27:55 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Maximilian Buddenbohm</dc:creator>
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		<description><![CDATA[In unserer Wohnung wird demn&#228;chst die etwas angemoderte Einbauk&#252;che im ansprechenden Design der Achtziger Jahre (Farbgebung in Sand, Schlamm- und Kackbraun) gegen eine moderne Variante getauscht. Das h&#246;rt man als Mieter gern, da freut man sich und tr&#228;umt von kommenden Zeiten, in denen die K&#252;che wom&#246;glich sogar fotogen sein wird, da schmeckt dann alles sicherlich [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>In unserer Wohnung wird demn&#228;chst die etwas angemoderte Einbauk&#252;che im ansprechenden Design der Achtziger Jahre (Farbgebung in Sand, Schlamm- und Kackbraun) gegen eine moderne Variante getauscht. Das h&#246;rt man als Mieter gern, da freut man sich und tr&#228;umt von kommenden Zeiten, in denen die K&#252;che wom&#246;glich sogar fotogen sein wird, da schmeckt dann alles sicherlich besser, wenn es endlich einen dekorativen Hintergrund hat. „Suchen Sein sich mal was Sch&#246;nes aus“, hie&#223; es seitens der Verwaltung und die Herzdame ist wahrscheinlich die einzige Frau weltweit, die auf so ein Angebot mit dem denkw&#252;rdigen Satz reagiert: „Wenn ich mir die K&#252;chendetails h&#228;tte aussuchen wollen, dann w&#228;re ich irgendwo Eigent&#252;merin geworden!“ </p>
<p>Ich finde die Auswahl nicht so problematisch, diese Aufgabe &#252;bernehme ich also, in der K&#252;che kenne ich mich eh besser aus. Die Herzdame ist bei uns ja auch f&#252;r den Autokauf zust&#228;ndig, das hat hier alles seine Logik, das ziehen wir durch. Was ich aber tats&#228;chlich schwierig finde, ist die unfassbare Menge von Zeug, die sich in den K&#252;chenschr&#228;nken befindet, und die nat&#252;rlich f&#252;r die Zeit des Umbaus irgendwo anders hin muss. Nirgendwo sind bei uns so viele Dinge versammelt wie in der K&#252;che, nicht einmal das Kinderzimmer kommt damit, und das will etwas hei&#223;en. Wenn man all die Dinge erst einmal aus den K&#252;chenschr&#228;nken herausholt, dann f&#252;llen sie wahrscheinlich wochenlang die ganze restliche Wohnung aus. Das kennt sicherlich jeder von B&#252;cherregalen, deren Inhalt sich entgegen aller physikalischen Gesetzgebung im Volumen verdoppelt, wenn man die B&#252;cher herausnimmt. Bei K&#252;chenschr&#228;nken ist es noch schlimmer. Viel schlimmer. Seit ungef&#228;hr vier Wochen bin ich nun schon damit besch&#228;ftigt, nur den Vorratsschrank leer zu kochen, damit die Aktion etwas einfacher wird. Der bisher eingetretene Erfolg besteht darin, dass seine T&#252;r jetzt allm&#228;hlich normal schlie&#223;t. Es bleibt eine Herkulesaufgabe, unter anderem wegen meines Nudelkaufknalls. </p>
<p>Altgediente Leser werden sich vielleicht erinnern, ich habe beim letzten Umzug bereits mit Grausen dar&#252;ber geschrieben, welche Mengen von Suppennudeln sich in unserer damaligen Vorratskammer fanden. Es waren so viele, dass es mich wohl zur Teilnahme an einer Selbsthilfegruppe qualifiziert h&#228;tte.  Das ist ein paar Jahre her, und nun ist die Lage wieder &#228;hnlich, Besserung ist bei diesem seltsamen Thema nicht eingetreten. Aber mittlerweile glaube ich verstanden zu haben, warum ich Suppennudeln kaufe, bis der Schrank voll ist. Es ist eine Berufskrankheit.<br />
Und zwar scheint es mir so zu sein, dass ich mich an einen klassischen Bug in einer beliebigen Software angepasst habe, das ist vielleicht ganz naheliegend, wenn man jahrelang projektleitend mit der Entwicklung von Software, Applikationen und damit verbundener Prozesslogik zu tun hat, so etwas f&#228;rbt wahrscheinlich unweigerlich irgendwann ab. Warum sollte man noch normal funktionieren, wenn es alles, womit man beruflich jeden Tag zu tun hat, auch nicht tut? Programme machen nun einmal Fehler. Ich habe mir also, genau wie ich es im B&#252;ro tun w&#252;rde, ein Bild vom Prozess gemacht, der beim Suppennudelkauf und seinen Randbedingungen abl&#228;uft. </p>
<p>Die Situation ist so: Der Zeitplan dieser Familie hier ist seit vier Jahren von der einfachen Devise „Wir kommen zu nix“ gepr&#228;gt, das gilt selbstverst&#228;ndlich auch f&#252;r das Essen. Ich koche prinzipiell gern und habe dauernd vor, gro&#223;artige Dinge auf den Tisch zu bringen, scheitere aber meist am Timing. Wenn ich nun ein Essen im Sinn habe, f&#252;r das ich z.B. Suppennudeln brauche, dann kaufe ich welche, das ist soweit noch im gr&#252;nen Bereich und vollkommen in Ordnung, bis dahin ein sauberes Programm.  Wenn ich zu dem geplanten Essen aber nicht komme, dann kaufe ich am n&#228;chsten Tag wieder Suppennudeln. Der Task „Suppennudeln kaufen“ wird n&#228;mlich nur gel&#246;scht, wenn ich sie zubereite, nicht aber, wenn ich sie kaufe, denn dann ist der Prozess ja noch nicht fertig.  Nur der fertige Eintopf l&#246;scht die Aufgabe des Kaufs. Es ist eine Suppennudelendlosschleife, ein durchgeknalltes Programmteilchen, das man einfach mal abklemmen muss, keine gro&#223;e Sache. So etwas erkennt ein alter Hase wie ich doch sofort, da muss ich gar nicht erst mit dem Programmierer verhandeln. Solche Fehler werden normalerweise in Minuten behoben.</p>
<p>Ich wei&#223; nur noch nicht recht, bei welchem Support ich mich jetzt deswegen melden muss. </p>
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		<title>Ich komme, um zu singen</title>
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		<pubDate>Sat, 21 Jan 2012 21:54:41 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Maximilian Buddenbohm</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Sohn I fragt, wo ich hingehen m&#246;chte, ich erkl&#228;re ihm, dass ich ins Theater gehe, zu einem Konzert von Esther Ofarim. Er fragt, wer das sei und ich zeige ihm alte Videos von ihr auf dem iPad. Filmaufnahmen aus den sechziger Jahren, genauer gesagt vom zweiten Tag, an dem in Deutschland Farbfernsehen ausgestrahlt wurde, und [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Sohn I fragt, wo ich hingehen m&#246;chte, ich erkl&#228;re ihm, dass ich ins Theater gehe, zu einem Konzert von Esther Ofarim. Er fragt, wer das sei und ich zeige ihm alte Videos von ihr auf dem iPad. Filmaufnahmen aus den sechziger Jahren, genauer gesagt vom zweiten Tag, an dem in Deutschland Farbfernsehen ausgestrahlt wurde, und wenn man das wei&#223;, dann wirkt es gleich noch viel bunter, was die sehr junge Esther da als Kleid tr&#228;gt. Sohn I wippt mit und nickt, die Musik gef&#228;llt ihm.  „It’s the morning of my life“, wie passend f&#252;r einen vierj&#228;hrigen Jungen. Dann zeige ich einen Clip von heute, und die Frau, die da singt, ist immer noch sch&#246;n, singt immer noch wie damals, ist aber viel &#228;lter und hat keinen Mann mehr dabei. Der Sohn fragt, wo denn der Mann sei, der Abi, weil der hat ihm auch gut gefallen, mit der Gitarre. Ich erkl&#228;re ihm, dass er Esther irgendwann nicht mehr gefallen hat, oder umgekehrt, was wei&#223; ich, so etwas kommt eben vor, der Sohn kennt ja genug Beispiele im n&#228;heren Freundeskreis und in der Verwandtschaft. Ja, sagt er, das wei&#223; er, aber gut ist das deswegen noch lange nicht. Und zusammen fand er die besser. Und er will jetzt lieber wieder die alten Sachen sehen. So.</p>
<p>20 Uhr im Sankt Pauli Theater auf der Reeperbahn. Das Licht geht aus und Esther Ofarim tritt in rauschendem Applaus auf, geht ans Mikro und sagt verlegen: „Ich komme, um zu singen.“ Das Publikum klatscht schon nach diesem Satz so, als m&#252;sse man sich die Zugaben jetzt schon hart erk&#228;mpfen und nach den ersten Kl&#228;ngen von „My Fishermann, my laddie-o“ h&#246;rt man ein hundertfaches Seufzen im Saal.</p>
<p>Ich bin ein Kind aus den sechziger Jahren, es sind viele in meinem Alter da, noch mehr aber, die zur Generation meiner Eltern geh&#246;ren. Menschen, die wie ich die Schallplatten von Esther Ofarim tausendfach geh&#246;rt haben, Menschen, die mit ihrer Musik gro&#223; und alt geworden sind. Menschen, die hebr&#228;ische Lieder mitsingen k&#246;nnen, ohne ein Wort hebr&#228;isch zu sprechen, man h&#246;rt es leise aus den Reihen, als Esther „Laila laila“ anstimmt.  Das war auch auf der Platte, die in meiner Kindheit lief, und ich wei&#223; heute noch jeden Ton, jede Silbe und jeden Kratzer.  Das Publikum  klatscht und klatscht nach jedem Song als k&#246;nnte es ihr letzter sein.  Esther hebt nach jedem Lied sachte die Schultern und sch&#252;ttelt den Kopf, als wollte sie sagen: „besser kann ich es nun einmal nicht“, dabei ist hier jeder ganz sicher, dass sie eine der weltbesten S&#228;ngerinnen ist.  Sch&#252;chtern wirkt sie, kleiner und schmaler denn je, vorsichtig tritt sie ins Rampenlicht, als w&#228;re sie vielleicht gar nicht willkommen, dabei gibt es wohl wenig K&#252;nstlerinnen, denen so viel Liebe entgegengebracht wird. Alte Liebe, in Jahrzehnten gereift, in Sekunden neu entfacht, einfach durch den ersten Ton eines gro&#223;en Liedes. Sie singt St&#252;cke von Brecht und Leonard Cohen, von den Beatles, aus Musicals und hebr&#228;ische Lieder. Den bittersten aller vorstellbaren Surabaya-Johnnys, das hoffnungsvollste „Somewhere over the rainbow“, das verst&#228;ndnisinnigste „Wednesday morning at five o’clock“.  In den Zugaben auch das unverw&#252;stliche „It’s the morning of my life“ und ganz zum Schlu&#223; Heine/Mendelssohn „Leise zieht durch mein Gem&#252;t“  &#8211; und man m&#246;chte jeden Ton festhalten, damit es blo&#223; nicht aufh&#246;rt. Dann winkt sie im Gehen &#252;ber die Schulter und ist weg.  Die Menschen str&#246;men hastig zu den Ausg&#228;ngen, schnell in die Bahn, schnell nach Hause, die alten Platten auflegen.  In Stimmen kann man zuhause sein.</p>
<p>Was ich eigentlich sagen wollte: Wenn Sie die Chance haben, eines ihrer wenigen Konzerte zu besuchen – gehen  Sie blo&#223; hin.</p>
<p><object width="480" height="360"><param name="movie" value="http://www.youtube.com/v/di3BGeXpf5o?version=3&amp;hl=de_DE"></param><param name="allowFullScreen" value="true"></param><param name="allowscriptaccess" value="always"></param><embed src="http://www.youtube.com/v/di3BGeXpf5o?version=3&amp;hl=de_DE" type="application/x-shockwave-flash" width="480" height="360" allowscriptaccess="always" allowfullscreen="true"></embed></object></p>
<p>&nbsp;</p>
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		<title>Die Geschichte vom Mantelm&#228;nnchen gibt es nicht</title>
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		<pubDate>Sun, 15 Jan 2012 22:04:21 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Maximilian Buddenbohm</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Das Travem&#252;ndebuch „Es fehlt mir nicht, am Meer zu sein“ ist l&#228;ngst erschienen, die Jugend ist damit sozusagen durcherz&#228;hlt und literarisch abgefertigt. Die Geschichten in dem Buch ergeben zusammen Sinn, sie bilden einen Bogen, der sich beim Lesen f&#252;r mich gut und richtig anf&#252;hlt. Ja, so war es, so ging das damals, so hat es [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Das Travem&#252;ndebuch „Es fehlt mir nicht, am Meer zu sein“ ist l&#228;ngst erschienen, die Jugend ist damit sozusagen durcherz&#228;hlt und literarisch abgefertigt. Die Geschichten in dem Buch ergeben zusammen Sinn, sie bilden einen Bogen, der sich beim Lesen f&#252;r mich gut und richtig anf&#252;hlt. Ja, so war es, so ging das damals, so hat es sich angef&#252;hlt. Es gibt nat&#252;rlich eine Handvoll Szenen, die nicht in dem Buch vorkommen, weil sie zwar in meiner Erinnerung noch bestens pr&#228;sent waren, sich aber nicht recht in einen Kontext f&#252;gen lassen wollten. Das macht auch nichts, ein wenig Schwund ist immer, wie die Handwerker sagen. Und Schreiben ist auch nur ein Handwerk. Das K&#252;rzen von fertigen Texten geh&#246;rt &#252;berhaupt zu den besten Momenten beim Schreiben. Man wirft etwas weg und der Rest wird dadurch besser, das ist jedes Mal wieder eine Erfahrung, die begeistert. Vollst&#228;ndige Geschichten fehlen in dem Buch dennoch nicht, der Platz hat f&#252;r alle gereicht, es kam mit der Seitenvorgabe des Verlages genau hin. Es fehlt keine einzige wichtige Figur, keine wirklich wichtige Szene.<br />
Es gab allerdings von Anfang an eine Geschichte in meinem Kopf, von der ich wusste, dass ich sie nicht erz&#228;hlen konnte, denn die Geschichte h&#228;tte nur die richtige Wirkung gehabt, wenn sie mit einem Bild geendet h&#228;tte. Einem Bild von Sarah, der weiblichen Hauptfigur, dem angebeteten M&#228;dchen, und mir. &#220;brigens das einzige Bild, dass ich &#252;berhaupt von ihr habe. Bilder waren in dem Buch allerdings nicht vorgesehen und ich h&#228;tte es auch bedenklich gefunden, ein Bild von Sarah zu ver&#246;ffentlichen, ohne sie vorher gefragt zu haben. Das verbot sich also von selbst, obwohl ich es immer schade fand. Es ist dann doch etwas anderes, eine Geschichte &#252;ber eine Person auszumalen, selbst wenn man alles gut trifft und sich gar keine oder wenig M&#252;he gibt, die wahre Figur zu tarnen, als ein echtes Foto abzubilden. Ich h&#228;tte es sch&#246;n gefunden, das Buch mit dem Bild enden zu lassen, aber das war einfach nicht denkbar. Deswegen fehlt die Geschichte vom Mantelm&#228;nnchen in dem Buch. Es ist auch keine Geschichte, die der Handlung eine entscheidende Wendung gegeben h&#228;tte, es w&#228;re einfach nur noch eine Geschichte von Kinderliebe und Meer gewesen, mit einer weiteren seltsamen Figur in einem Buch, in dem schon etliche seltsame Figuren vorkamen. Wahrscheinlich h&#228;tte mir die Geschichte viel Spa&#223; gemacht, aber unentbehrlich war sie auch nicht.</p>
<p>Nun hat vor kurzer Zeit jemand Sarah das Buch geschickt. Sie hat es gelesen und Gott sei Dank gut gefunden. Sie hat mich angeschrieben und wir haben ein paar Mails getauscht. Ich wei&#223; jetzt, wie sie heute aussieht, ich wei&#223;, dass aus ihr eine sch&#246;ne Frau geworden ist. Ich wei&#223;, wie sie heute hei&#223;t, in welche Stadt es sie verschlagen hat, dass sie zwei S&#246;hne hat. Wir werden uns sicher bald wiedersehen. Ich k&#246;nnte die Geschichte jetzt tats&#228;chlich schreiben, ich k&#246;nnte das Bild ver&#246;ffentlichen, sie hat gar nichts dagegen, im Gegenteil. Allerdings bin ich aus dem Thema Travem&#252;nde nat&#252;rlich vollkommen raus. Ich habe mittlerweile l&#228;ngst ein anderes Buch geschrieben, es erscheint in K&#252;rze. Ein Buch &#252;ber die zehn Jahre nach meiner Jugend an der Ostsee. Jahre, in denen das Meer keine Rolle mehr spielte, und Sarah auch nicht. Ich habe mich in eine Gro&#223;stadt hinein und wieder hinausgeschrieben, ich habe im Leben und in Geschichten andere Frauen geliebt, Berufe erlernt und viele Menschen kennengelernt, die Travem&#252;nde nicht einmal kannten. Ein weiteres Buch von mir ist noch neu erschienen, das „Rosinenbr&#246;tchen“, da war ich beim Schreiben schon fast in der Gegenwart. Die Jugend ist dar&#252;ber noch etwas weiter wegger&#252;ckt in Richtung damals, irgendwann, in grauer Vorzeit. Andere Inhalte wurden in das Filmstudio der Erinnerung geladen, neu koloriert und nachgedreht. Travem&#252;nde ist irgendwo da drau&#223;en. Aber das Bild von Sarah und mir, es steht immer noch neben meinem Schreibtisch, da wo es die ganze Zeit stand, als ich „Es fehlt mir nicht, am Meer zu sein“ geschrieben habe. Wenn ich beim Tippen zwischendurch einmal hochsehe, dann f&#228;llt mein Blick immer wieder darauf und ich denke hin und wieder an die Geschichte vom Mantelm&#228;nnchen, die mit dem Bild zusammenh&#228;ngt und manchmal &#252;berlege ich, wie ich sie geschrieben h&#228;tte, wenn die Umst&#228;nde sich fr&#252;her g&#252;nstig gef&#252;gt h&#228;tten. Die Geschichte h&#228;tte ganz vorne in das Buch eingef&#252;gt werden m&#252;ssen, gleich hinter „Ein Herrengedeck f&#252;r Canaris“ vermutlich, da h&#228;tte sie gepasst.</p>
<p><span id="more-3094"></span></p>
<p>Die Geschichte h&#228;tte Ende September oder Anfang Oktober gespielt, und es w&#228;re einer der ersten k&#252;hlen Tage gewesen. Man trug schon dicke Pullover, und man h&#228;tte zum ersten Mal darin ein wenig gefroren, besonders, wenn man direkt am Meer gestanden h&#228;tte, etwa im frischen Ostwind oben auf dem Wanderweg an der Steilk&#252;ste, von der man einen weiten Blick gehabt h&#228;tte auf ein graubraunes Meer mit kleinen Schaumkr&#246;nchen auf den Wellen, die sich zur M&#252;ndung der Trave hin zu dr&#228;ngen schienen. Ich h&#228;tte damit begonnen, dass Stefan an dem Tag gefehlt hat, denn er lag krank im Bett und konnte nicht mit Sarah und mir nach Niendorf gehen, wie es verabredet gewesen war. Ich h&#228;tte wahrscheinlich das Wetter mit noch ein paar weiteren S&#228;tzen beschrieben. Es war eine der Tage, an dem man weder die Sonne noch Wolken sah, es gab nur ein allumfassendes Grau und das schmutzige Dunkelgr&#252;n der Buchenst&#228;mme in den kleinen W&#228;ldchen oben am Wanderweg. Ich h&#228;tte erz&#228;hlt, wie Sarah mich abholte und wie Hilde uns vom Balkon aus nachwinkte, wobei sie den Daumen der rechten Hand zwischen den Ringfinger und den Zeigefinger steckte, um mir zu verdeutlichen, was sie von mir erwartete. Es war sp&#228;t am Nachmittag und sie war nat&#252;rlich nicht mehr n&#252;chtern. Ich verstand die Geste erst Jahre sp&#228;ter. Ich h&#228;tte beschrieben, wie ich mit Sarah zum Brodtener Steilufer ging, wie wir gar nicht miteinander sprachen, weil wir in zwei verschiedene Universen lebten. In meinem war es vollkommen angebracht und richtig, ein Paar zu werden und pr&#228;pubert&#228;r schwerstverliebt zu sein, in ihrem ging es nur darum, den Nachmittag spielerisch herumzubringen. Womit auch immer. Mal sehen. Steilufer, Niendorf, ja, das konnte man machen, warum nicht. Zur Not auch mit mir, na sicher.</p>
<p>Ich h&#228;tte versucht, den Unterschied deutlich zu machen, zwischen ihren kindlichen Nachmittagsgedanken und meinen J&#252;nglingsphantasien. Ich war etwas &#228;lter als sie und zwar genau so viel &#228;lter, dass es f&#252;r alles entscheidend war. W&#228;hrend ich mich schon fragte, ob es irgendeinen Weg gab, auf die richtige Art ihre Hand zu nehmen und dann einfach weiter neben ihr herzugehen, gab es f&#252;r sie noch keine irgend denkbare Situation, in der es richtig gewesen w&#228;re, mit einem Jungen Hand in Hand zu gehen, schon gar nicht da, wo die anderen Travem&#252;nder M&#228;dchen sie wom&#246;glich h&#228;tten sehen k&#246;nnen – gar nicht auszudenken. Am Steilufer, das h&#228;tte ich nebenbei skizziert, w&#228;re in der Geschichte gar nichts los gewesen, keine Touristen, keine Einheimischen, keine Golfer, niemand. Jagende Wolken oben, unten die gedr&#228;ngten Wellen, treibende M&#246;wen im Wind, lustlos schreiend. Anderswo begann der Herbst mit einem wahnsinnig beeindruckenden Farbspektakel der Natur, hier begann er mit der Ausbreitung des Graus. Man h&#228;tte sich schon etwas in seinen Pullover kuscheln m&#252;ssen, um nicht zu frieren, hochgezogene Schultern und ziemlich schnelle Schritte, sonst w&#228;re es uns schnell zu kalt geworden.</p>
<p>Und dann irgendwann, schon kurz vor Niendorf, doch noch ein Mensch. Ein Mann, der an der Abbruchkante des Ufers stand und sich umsah. Ein kleiner Mann, das sah man schon von weitem, der da im Wind stand, dass sein Mantel aussah, als wollte er ihn wegwehen, wie ein gebl&#228;htes Segel, vom G&#252;rtel gerade noch gehalten. Der Mann drehte sich, vielleicht, um aus dem Wind zu kommen, vielleicht um nach etwas Ausschau zu halten, er drehte sich unruhig hin und her wie eine Wetterfahne in b&#246;igem Wind. Um den Hals trug er eine Kamera, einen schwarzwei&#223;en Kasten, da wusste man damals schon aus ziemlicher Distanz, das war eine Polaroid. Der Mann, der eher ein M&#228;nnchen war, wie man im N&#228;herkommen merkte, er war mit jedem Meter, den man auf dem Weg zur&#252;cklegte, etwas seltsamer anzusehen. Besonders sein Kopf schien &#252;ber alle Ma&#223;en beweglich zu sein, wie bei einer schreitenden Taube, ein ewiges Rucken, Drehen, Zucken und Nicken. Er sah uns an, dann drehte er sich schnell wieder um und sah den Weg nach Niendorf entlang, dann &#252;ber die Kante zum Meer hinunter, er fingerte dabei an seiner Kamera herum, hielt sich den Mantel zu, mit dem der Wind hartn&#228;ckig spielen wollte und trippelte hin und her. Sah auf seine Uhr, sah auf seine Kamera, sah wieder auf den Weg und zu uns, dann winkte er schlie&#223;lich mit unsicher halb erhobener Hand, wobei er sich nochmals &#252;ber seine Schulter umsah. „Hallo!“ rief er mit schwacher Stimme, die im Wind kaum zu h&#246;ren war, „hallo Kinder!“.</p>
<p>Ich h&#228;tte in der Geschichte genau erkl&#228;rt, wie Sarah gelacht hat, als sie diese Stimme h&#246;rte und das M&#228;nnchen sah, es war ein Lachen ohne jeden Argwohn, das Lachen eines M&#228;dchens, das einer sehr lustigen Figur begegnete und sie sah so hinrei&#223;end aus, wenn sie lachte, dass ich in diesem Moment genau verstand, eine der schlimmsten Aufgaben der Jugend w&#252;rde es wohl werden, verliebt zu sein und nicht k&#252;ssen zu d&#252;rfen und ich verstand es so gut, dass ich diesen Moment bis heute noch wei&#223;. Ich tat mir sofort in einem Ausma&#223; leid, dass es ganz gut war, dass man auch von dem Wind dauernd Tr&#228;nen in den Augen hatte. Und der Mann dort, der war nat&#252;rlich nicht koscher, wie Hilde gesagt h&#228;tte, der war entschieden neben der Spur, wie meine Mutter gesagt h&#228;tte, der war wahrscheinlich vogelig, wie der alte Hugo vom Imbiss am Strands gesagt h&#228;tte, aber gar keine Frage. Und dass Sarah so freundlich zur&#252;ckwinkte und „hallo!“ rief, dass passte mir nat&#252;rlich gar nicht, denn jetzt musste man weitergehen, statt einfach umzudrehen und nach Travem&#252;nde zur&#252;ckzugehen, wie es sicher besser gewesen w&#228;re. Begegnungen mit Verr&#252;ckten waren zu vermeiden, das hatte mir keiner beigebracht, das war mir intuitiv klar. Immerhin aber tr&#246;stlich, dass dieser Mann so klein war, der war tats&#228;chlich kaum gr&#246;&#223;er als ich, der war wirklich ein M&#228;nnchen, ein d&#252;rres, kleines M&#228;nnchen mit einer Macke, wenn nicht sogar mit mehreren. Er trug eine starke Brille und sein dauergewelltes Haar stand ihm in alle Richtungen vom Kopf ab, an der See kann man im Sturm eben nur wahlweise M&#252;tze tragen oder gar keine Frisur. „Hallo Kinder“, h&#228;tte ich ihn wieder und wieder sagen lassen und ich h&#228;tte mich dann wohl doch beherrscht, es ihn nur ein paarmal sagen zu lassen, und nicht, wie in meiner Erinnerung, mindestens zehnmal oder noch viel mehr. Ich w&#228;re etwas n&#228;her darauf eingegangen, dass er nur Sarah ansah und mich gar nicht wahrnahm. Dass er sie mit einem Blick ansah, der mir nicht geheuer war und mich dazu brachte, mich n&#228;her neben Sarah zu stellen, was sie gar nicht verstand und sie nur dazu bewegte, einen Schritt von mir wegzugehen, weswegen wir eine Weile eine seltsame Choreografie von Seitw&#228;rtsschritten vor dem M&#228;nnchen auff&#252;hrten, dass uns jetzt gegen&#252;ber stand und auf seine Kamera zeigte. „Macht ihr ein Bild von mir, ja bitte?“ Er t&#252;delte sich das Band der Kamera vom Hals, es hatte sich in einem der Kn&#246;pfe seines Mantels verfangen und das machte ihn noch nerv&#246;ser als er ohnehin schon war, aber schlie&#223;lich bekam er alles entwirrt und hielt mir die Kamera fragend hin. Fragte wieder „Macht ihr ein Bild von mir, ja bitte?“ und klang dabei so flehentlich, als ginge es um sein Leben. Er wedelte mit der Kamera vor uns herum und rief dann, da ich nicht sofort reagierte: „Ich mach auch eines von euch! Kommt, stellt euch mal zusammen, ja, so!“ Und in meiner Geschichte h&#228;tte er die Kamera zitternd gehoben und abgedr&#252;ckt, fiepend h&#228;tte sie ein Bild ausgespuckt, dass er mir mit verbissenem Grinsen und seltsam aufgerissenen Augen &#252;berreichte. Ich h&#228;tte das Bild etwas herumgewedelt, wie man es eben so machte, mit den Polaroidbildern damals. Ein Bild von Sarah und mir, ich sah, wie die Umrisse allm&#228;hlich erkennbar wurden und Sarah, die mir kichernd &#252;ber die Schulter sah, sie zeigte auf die wehenden Haare von uns beiden und lachte. „Jetzt ihr“, rief das M&#228;nnchen mit sich &#252;berschlagender Stimme, „das ist f&#252;r einen Wettbewerb! Sch&#246;nstes Urlaubsbild, wisst ihr, versteht ihr, das schicke ich dann ein, ja? Bitte? Kommt ihr mal?“</p>
<p>Ich h&#228;tte versucht, ganz genau zu beschreiben, wie das M&#228;nnchen herumt&#228;nzelte und hin und herging, bachstelzenhaft vor und zur&#252;ck, winkend, lockend, flehend. Er zeigte auf einen Findling unten am Strand, es war eine der Stellen, an denen man ganz leicht zum Meer hinuntergehen konnte, die Kante war vor ein paar Wochen erst so abgebrochen, dass die Neigung wie bei einem Spazierweg zu &#252;berwinden war. Wirklich einfach, da hinunter zu gehen, obwohl das M&#228;nnchen vor uns stolpernd und st&#252;rzend hinabrannte, als ginge es um Sekunden, als ging es um sein Leben. Er rannte zu dem Stein und setzte sich darauf, warf sich auf die Seite und riss seinen Mantel hoch, den der Wind ihm, dankbar f&#252;r das Spielzeug, &#252;ber seinen Kopf schlug, wir h&#246;rten ihn darunter fluchen. Er schlug den Mantel mit fahrigen H&#228;nden zur&#252;ck und riss sich die Hose herunter. Er griff sich hastig zwischen die Beine, um an seinem Schwanz herumzufummeln, der in Gr&#246;&#223;e und Proportion allerdings zu seiner gesamten Erscheinung passte und ganz und gar nicht beeindruckend wirkte. Der Stein war nat&#252;rlich eiskalt, das wirkte nicht eben f&#246;rderlich auf sein Vorhaben. Er st&#252;tze sich mit der rechten Hand in griechisch-r&#246;mischer Pose auf, als l&#228;ge er auf einem Podest, und rubbelte mit der linke Hand hektisch an sich herum, wobei er unentwegt zwischen uns und seinem Geschlecht hin und hersah, w&#228;hrend Sarah anfing zu lachen, dieses helle, &#252;berirdisch anziehende M&#228;dchenlachen.</p>
<p>Das Mantelm&#228;nnchen wirkte wie vom Blitz getroffen, als es das Lachen h&#246;rte, er rollte sich hektisch vom Stein, kam ein paar Schritte mit ausgestreckten Armen gestikulierend auf mich zu und ich hielt ihm ohne recht nachzudenken die Kamera hin, obwohl ich mir nicht sicher war, ob er sich nicht vielleicht auf mich st&#252;rzen wollte, oder auf Sarah, was noch verst&#228;ndlicher gewesen w&#228;re. Durch meinen Kopf jagten die drei, vier Griffe, die ich beim Karateunterricht in L&#252;beck gelernt hatte und ich setze ein Bein zur&#252;ck, um besseren Stand zu haben. Ich hatte noch nicht einmal einen gelben G&#252;rtel, aber ich hatte die gro&#223;en Jungs beim Training beobachtet. Und hier stand ein M&#228;dchen neben mir, und nicht irgendeines, hier gab es etwas zu verteidigen. Das M&#228;nnchen riss mir die Kamera aus den H&#228;nden, drehte sich abrupt um und rannte &#252;ber die Brandungslinie davon, wobei es sich im Laufen h&#252;pfend die Hose hochzog und mit sich &#252;berschlagender Stimme etwas schrie, was wir nicht mehr verstanden. Er lief Richtung Niendorf und Sarah und ich standen da und sahen ihm nach, bis er hinter einer Biegung der Steilk&#252;ste verschwand und nicht mehr zu sehen war. Sarah kicherte immer noch und mir war klar, dass sie die Szene nicht richtig verstanden hatte. Mir zitterten die Knie und die Arme, man konnte es als K&#228;lte ausgeben, nat&#252;rlich doch. Ich h&#252;pfte etwas herum und sagte, wir k&#246;nnten auch nach Hause gehen, wenn hier schon nur noch Verr&#252;ckte herumliefen, am Ende w&#228;ren sonst noch wirklich gef&#228;hrliche Typen dabei, wer wei&#223;. Und Sarah sagte okay, weil es auch egal war, dann ging man eben wieder zur&#252;ck, alles recht. An diesem Nachmittag schien eh nichts Besonderes zu passieren. Sie ging vor mir her und ich h&#228;tte es eigentlich vollkommen angemessen gefunden, wenn sie mich einmal umarmt h&#228;tte, nach dieser Szene vor dem Findling da, wenn sie meinen immerhin angedeuteten Karateschritt etwas gew&#252;rdigt h&#228;tte, der mir mehr Mut abverlangt hatte, als ich mir jemals zugetraut h&#228;tte. Aber dazu h&#228;tte sie alles verstehen m&#252;ssen. Ich erkl&#228;rte nichts. Ich war mir nicht einmal ganz sicher, ob Sarah so gestanden hat, dass sie auch alles sehen konnte. Vielleicht stand ich im Weg und sie sah nur das Herumgezerre an der Hose. Ich wei&#223; es nicht.</p>
<p>Die Geschichte h&#228;tte dann damit geendet, dass wir uns vor der Strandresidenz verabschiedeten. Eine kleine Abschiedsszene, ohne jede Dramatik, sie da entlang, ich da entlang, einmal Winken und aus, da war gar nichts dabei. Au&#223;er dass ich dabei ein Sto&#223;gebet nach dem anderem zum Himmel sandte, dass sie bitte nicht an das Bild denken m&#246;ge, dass ich unbedingt behalten wollte. Ein Bild von Sarah und mir, was f&#252;r ein Schatz.</p>
<p>Ein Bild, und das h&#228;tte ich dann gar nicht beschreiben m&#252;ssen, das h&#228;tte jeder gleich gesehen, auf dem ich skeptisch in die Kamera sehe, weil mir die Lage verd&#228;chtig vorkam. Direkt neben Sarah, aber ohne einen Arm um sie zu legen, das ging in dem Alter noch nicht. Stattdessen die H&#228;nde in die Taschen, irgendwo mussten sie ja hin. Sarah guckt am&#252;siert, der Typ war aber auch zu komisch, das w&#252;rde sie wahrscheinlich am Abend so ihrer Mutter erz&#228;hlen, als Witz der Woche. Sie hat eine Hand in der Tasche und eine l&#228;ssig h&#228;ngend. Eine dieser gel&#246;sten Pose, die gut aussehende Menschen von Kindheit an so selbstverst&#228;ndlich einnehmen, wenn eine Kamera auf sie gerichtet ist. Die Haare wehen wie immer im Wind, bei ihr und bei mir. An Tage ohne Wind kann ich mich kaum erinnern.</p>
<p>Die Geschichte h&#228;tte wahrscheinlich damit geendet, dass ich das Bild auf meinen Tisch im Kinderzimmer stellte und ich h&#228;tte es vielleicht so klingen lassen, als ob es die ganze Zeit, all die Jahre, bis heute, auf meinen Schreibtischen gestanden hat, obwohl das nat&#252;rlich nicht stimmt. Aber das ist jetzt auch egal. Ich werde die Geschichte ja sowieso nicht mehr schreiben. Mit Travem&#252;nde bin ich durch.</p>
<p><a href="http://www.flickr.com/photos/merlix/6334709574/" title="Untitled by Maximilian Buddenbohm, on Flickr"><img src="http://farm7.staticflickr.com/6034/6334709574_da300da0a9.jpg" width="500" height="472" alt=""/></a></p>
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		<title>Die Entschleunigung der Menschheit</title>
		<link>http://www.herzdamengeschichten.de/2012/01/14/die-entschleunigung-der-menschheit/</link>
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		<pubDate>Sat, 14 Jan 2012 19:38:08 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Maximilian Buddenbohm</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Die von der EU erzwungene Einf&#252;hrung der Energiesparlampen wird Folgen haben, auf die bisher nur wenige gekommen sind. Abgesehen von ein paar Menschen, die mir &#228;hnlich sind, die also auch unter den Sammelbegriff Hektiker fallen. Wir selbst nennen uns nat&#252;rlich lieber Dynamiker, Macher oder Effizienzsuperhelden, aber wir k&#246;nnen auch mit der beleidigenden Bezeichnung Hektiker leben, [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Die von der EU erzwungene Einf&#252;hrung der Energiesparlampen wird Folgen haben, auf die bisher nur wenige gekommen sind. Abgesehen von ein paar Menschen, die mir &#228;hnlich sind, die also auch unter den Sammelbegriff Hektiker fallen. Wir selbst nennen uns nat&#252;rlich lieber Dynamiker, Macher oder Effizienzsuperhelden, aber wir k&#246;nnen auch mit der beleidigenden Bezeichnung Hektiker leben, da stehen wir in der Tat dr&#252;ber. Wir haben n&#228;mlich gar keine Zeit, uns &#252;ber so etwas aufzuregen, es gibt einfach &#252;berall und immer zu viel zu tun. Noch. Bald wird es n&#228;mlich gar nichts mehr f&#252;r uns zu tun geben. Wir werden leider in K&#252;rze aussterben und die weitere Evolution des Menschen den langsamen Typen mit der gedrosselten Reaktionszeit &#252;berlassen. Also Euch, der Mehrheit. Und das liegt an der Vorheizphase.</p>
<p>Das wird bekannt sein: wenn man so eine Energiesparlampe anmacht, dann dauert es einen Moment bis sie geruht, endlich Licht abzugeben. Ein paar Sekunden. Das sind leider ein paar Sekunden zu viel f&#252;r uns Hektiker. Denn bis die Lampe Licht gibt, sind wir schon gegen Schr&#228;nke gerannt, Treppen heruntergefallen, &#252;ber Kartons gestolpert oder auf Bobbycars ausgerutscht. Der normale Mensch steht noch schafbrav am Schalter und wartet auf die Erleuchtung, wir dagegen haben uns bereits Knochen und K&#246;pfe demoliert und k&#246;nnen im kalten Licht des Energiesparens, wenn es denn endlich irgendwann hell genug geworden ist, unsere Wunden z&#228;hlen. Die meisten Unf&#228;lle passierten immer schon im Haushalt, bei uns Hektikern wird die Quote jetzt unfassbar ansteigen. Vor einigen Tagen wurde bei uns im Treppenhaus die Beleuchtung modernisiert. Wenn ich auf den Schalter dr&#252;cke, geht das Licht jetzt erst an, wenn ich schon zwei Stockwerke tiefer gerannt bin. Bis dahin ist Blindflug, und das kann man w&#246;rtlich nehmen, wenn z.B. etwas im Weg steht.</p>
<p>Macht es Euch schon einmal gem&#252;tlich,  Ihr lieben langsamen Mitb&#252;rger &#8211; Ihr seid die schnelle Truppe bald endg&#252;ltig los.</p>
<p><em>Dieser Text erschien als Kolumne in den L&#252;becker Nachrichten und der Ostsee-Zeitung.</em></p>
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		<item>
		<title>Dienstreise II</title>
		<link>http://www.herzdamengeschichten.de/2012/01/14/dienstreise-ii/</link>
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		<pubDate>Sat, 14 Jan 2012 06:36:53 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Maximilian Buddenbohm</dc:creator>
				<category><![CDATA[]]></category>

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		<description><![CDATA[Ich: „N&#228;chste Woche fliege ich nach M&#252;nchen. Soll ich Dir etwas mitbringen? Etwas Typisches aus Bayern vielleicht?“ Sohn I: „Kommen iPads aus Bayern?“ &#160;]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Ich: „N&#228;chste Woche fliege ich nach M&#252;nchen. Soll ich Dir etwas mitbringen? Etwas Typisches aus Bayern vielleicht?“</p>
<p>Sohn I: „Kommen iPads aus Bayern?“</p>
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		<title>Dienstreise</title>
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		<pubDate>Wed, 11 Jan 2012 19:40:39 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Maximilian Buddenbohm</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Sohn I: &#8220;Papa, warst Du in Frankreich?&#8221; Ich: &#8220;Nein, ich war in Frankfurt.&#8221; Sohn I: &#8220;Wer soll denn das unterscheiden k&#246;nnen?&#8221;]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Sohn I: &#8220;Papa, warst Du in Frankreich?&#8221;</p>
<p>Ich: &#8220;Nein, ich war in Frankfurt.&#8221;</p>
<p>Sohn I: &#8220;Wer soll denn das unterscheiden k&#246;nnen?&#8221;</p>
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		<title>Nebenwirkungen</title>
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		<pubDate>Mon, 09 Jan 2012 19:17:35 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Maximilian Buddenbohm</dc:creator>
				<category><![CDATA[]]></category>

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		<description><![CDATA[Seltsame Begleiterscheinung nach ein paar Tagen mit drastisch reduziertem Fleisch- und auch Zuckerkonsum: mir schmeckt pl&#246;tzlich kein Bier mehr.  Gleich mal an der Alster versuchen, ob ich auch schon &#252;ber Wasser gehen kann! &#160;]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Seltsame Begleiterscheinung nach ein paar Tagen mit drastisch reduziertem Fleisch- und auch Zuckerkonsum: mir schmeckt pl&#246;tzlich kein Bier mehr.  Gleich mal an der Alster versuchen, ob ich auch schon &#252;ber Wasser gehen kann!</p>
<p>&nbsp;</p>
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