Was schön war

Ich war mit den Söhnen im Kino, bzw. im und doch nur vor dem Kino. Denn mittlerweile sind sie so groß, dass man nicht mehr zwingend mit reingehen muss. Man kann sie einfach hinbringen, ihnen Karten kaufen und Popcorngeld geben und sie dann später wieder abholen. Das ist bei manchen Filmen auch sehr gut so, diese Lego-Filme etwa interessieren mich überhaupt nicht. Demnächst gehen wir in die neue Verfilmung von Timm Thaler, da gehe ich dann auch gerne wieder mit rein, aber es ist doch befreiend, es nicht mehr in jedem Fall zu müssen. Die Interessen, sie sind eben verschieden.

Allerdings schien mir Sohn II vor Beginn der Vorstellung etwas müde zu sein, und bei müden Kindern weiß man nie. Ich fand es daher sicherer, direkt vor dem Kinosaal zu warten und mich nicht allzu weit zu entfernen. Das war in einem großen Kino mit -zig Sälen. Direkt vor dem Raum, in dem der Film für die Söhne lief, war der Einstieg zur großen Röhrenrutsche, durch welche die zahllos herumwuselnden Kinder etliche Meter abwärts rutschen konnten, um dann laut johlend die Treppen wieder hochzurasen, noch einmal zu rutschen und immer so weiter, bis auch ihr Film irgendwann anfing und sie so viel Sport getrieben hatten wie ich in einem Monat. Ich saß da also auf einem Barhocker, ich kaufte mir kein Getränk, ich kaufte mir kein Popcorn. Ich stand nur eine Weile kopfschüttelnd vor den Preisen und fühlte mich alt, das war doch früher alles nicht so flughafenbaselmäßig teuer? Und dann saß ich da eben einfach herum, so ein Spielfilm dauert eine Weile, mit der ganzen Werbung davor und all den Trailern.

Ein paar Meter weiter bedrängten Kinder ihre Eltern, weil sie unbedingt die allergrößten Popcorneimer haben wollten, noch eine Limo, noch mehr Weingummi, noch ein Eis. Direkt neben mir versuchten Mütter und Väter den Rutschverkehr zu regeln, Schuhe an- und auszuziehen und Kinder zu trösten, die auf der Rutsche mit anderen Kindern kollidiert waren. Überall verstreutes Popcorn in rauen Mengen auf der Auslegeware, darüber jagten ab und zu Kinder, die aus einem der Kinosäle geschossen kamen und zu den Toiletten rannten, so schnell es nur irgend ging. Bloß nichts verpassen! Nach kurzer Zeit, nach einer Minute allerhöchstens, jagten sie schon wieder zurück in die Filmvorführung. Die Söhne waren nicht zu sehen, kamen nicht heraus, ich wurde nicht gebraucht.

Ich hatte ein Buch dabei, ich las ein paar Seiten. Ich guckte kurz aufs Handy, dann steckte ich Handy und Buch doch wieder weg. Draußen fing es an zu regnen, die Passanten wurden schneller. Die Schillerstatue vor dem Kino wurde nass und verfärbte sich. Sohn II hatte vor Beginn der Vorstellung zu Füßen des Dichters die Schätze versteckt, die er auf dem Weg zum Kino gefunden hatte: Kastanien, eine große Schraube, ein altes eisernes Türscharnier, den Holzstab einer Feuerwerksrakete. Schiller sah stoisch darüber hinweg, dass da einer vor ihm im Grünzeug herumwühlte.

Ab und zu leerte sich das Foyer des Kinos und alle verschwanden nach und nach in Vorführungen, aber dann kam bald schon wieder eine neue Welle von Besuchern. Rutschende Kinder, kauende Kinder, kreischende Kinder, weinende Kinder, lachende Kinder. Bezahlende Eltern, herumkommandierende Eltern, scheuchende Eltern, da rein, hier entlang, weg da, komm her, was hast du denn jetzt schon wieder?

Das ging mich alles nichts an. Das störte mich auch nicht. Neun Jahre mit Kindern haben auch Vorteile, ich kann so etwas mittlerweile gut ausblenden. Ich saß da einfach nur, guckte in die Gegend und machte überhaupt nichts. Ich machte mir nicht einmal schlau sein sollende Gedanken, ich sah auch nicht genau hin, um irgendetwas mitzubekommen und später vielleicht darüber zu schreiben. Ich sah einfach nur in die Gegend, durch das Fenster und auf den unfassbar vollgekrümelten Boden, ich wartete darauf, dass die Zeit sich ein wenig ausbeulte. Das tat sie nach einer Weile tatsächlich, wenn auch nicht mehr so deutlich wie früher. Wenn man sich  an die lähmende Kinderlangeweile erinnert, die meine Generation ja noch gründlich kennt – wie unfassbar lang, grau und betondick die Zeit damals manchmal wurde! Wie unüberwindlich ewig mir da manchmal eine Schulstunde schien, in der ich vor den Blicken der Chemielehrerin in Deckung ging. Und wie grotesk lang erst ein vollkommen ereignisloser Sonntag im November an der menschenleeren Ostseeküste war. So lang, dass ich alle Schallplatten im Regal der Mutter gleich mehrfach durchhören konnte, von Percy Sledge zu Degenhardt und Elvis und zurück, und jedes verdammte Lied dauerte endlos lange. Solche fantastischen Längen bekomme ich heute natürlich nicht mehr hin, das ist auch eine Frage des Alters.

Aber ein ganz wenig langsamer wurde die Zeit dann doch endlich, nach etwa einer Stunde. Ich brauche heute etwas Anlaufzeit dafür, ich bin etwas ungeübt, und natürlich wirkte das auch nur eine halbe Stunde, wenn überhaupt so lange, vielleicht waren es nur magere zehn Minuten. Das war aber immerhin ein schönes Gefühl, kurz mal die Zeit anzuhalten. Ich habe mich nicht vom Fleck bewegt und sicherheitshalber gleich überhaupt nicht mehr gerührt, auf diesem Kinofoyerbarhocker direkt vor dem Riesenfenster, über das quer Tausende Regentropfen liefen, neben der rege genutzten Rutsche, hinter der Ausgabestelle für maßlos teures, zu süßes oder zu salziges Popcorn und neben dem Kinosaal, in dem sich die Söhne vermutlich prächtig amüsierten.

Dieser Moment hat mich jedenfalls wieder daran erinnert, dass ich schon seit geraumer Zeit gerne mal einen ganzen Tag lang nichts machen möchte. Also nichts im Sinne von gar nichts. Höchstens zugucken, wie sich das Tageslicht verändert, mehr wirklich nicht. Wie seltsam schwer das einzurichten ist.

Was schön war

Ich bin oft in der Hamburger Zentralbücherei, meistens aber nur in der riesigen Kinderabteilung im Erdgeschoss. Neulich war ich auch einmal in den oberen Etagen, weil Sohn II einen Regalmeter Hundertwasser zu Studienzwecken benötigte, er malt gerade kleinteilig. So etwas macht man als bildungsbürgerlich sein wollender Vater natürlich gerne. Ich gehe also durch die oberen Stockwerke, ich suche die Kunstabteilung. Die Zeiten, in denen ich mich in der Zentralbücherei wirklich gut auskannte, sie sind lange vorbei, das war damals im Studium, da habe ich da auch kurz gearbeitet. Ich bin etwas überrascht, wie voll das Haus ist, das merkt man gar nicht, wenn man immer nur unten durchgeht. Überall sitzen Menschen vor Notebooks, Büchern, Magazinen, Zeitungen, Noten, Tablets, Smartphones. Oder vor anderen Menschen. Da werden Vokabelkärtchen geschrieben und abgefragt, da werden Präsentationen zusammengeklickt, Lerngespräche geführt, da wird Deutsch gelernt. Und zwei unterhalten sich im Treppenhaus unangemessen laut über irgendwelche Drachen aus einer Fantasy-Reihe, völlig absurdes Fachwissen. Sie werden immer noch lauter, denn beide wissen besser, sie stehen mit erhobenen Zeigefingern voreinander und erklären sich irgendwelche Mischwesen. “Doch” , sagt der eine gerade, “dohoch! Kannste ja nachlesen! Unten Menschenkörper!”

In der Kunstabteilung steht ein älterer Herr am Regal vor Hundertwasser, grauer Pullunder, dürre Gestalt, silbergefasste Brille, eisgraue Haare, er hat so eine Ausstrahlung, die mich an einen meiner Lateinlehrer erinnert. Das ist genau der Typ, der mich gleich nach der ACI-Konstruktion in diesem Satz im Lehrbuch fragen wird. Und er wird mich dann durchdringend über die Brille hinweg ansehen, immer weiter ansehen und dann irgendwann den Kopf bedauernd schütteln und den nächsten aufrufen. Ich gehe schnell weiter und gucke erst einmal bei Klimt, der malte auch so kleinteilig, das passt schon. Ich weiß das mit dem ACI eh nicht mehr, wenn ich es überhaupt je gewusst habe, so sicher bin ich mir da nicht, meine Lateinnoten waren nie überragend. Ich mochte immer nur die Vokabeln, aber die Grammatik, meine Güte. Ich treffe dauernd solche Typen, dünne, graue und ältere Herren mit Brille, und immer denke ich: “Oh verdammt, die ACI-Konstruktion”, so wirkt Schule nach. Vielleicht sollte ich sie einfach mal lernen, diese Konstruktion, so schwer kann das doch nicht sein, mit dreißig Jahren Abstand. In der Wikipedia sieht das übrigens gar nicht so schwer aus, sehe ich gerade. Manchmal möchte man sein jüngeres Ich am liebsten kurz beiseite nehmen und fragen: “Mensch, was hast du denn?”

Eine Dame mit Perlenkette und dunkelblauem Kostüm fragt eine Bibliothekarin, ob das gewaltig dicke Buch in ihrer Hand denn auch wirklich DAS Buch über die Geschichte der Porträtmalerei sei. Die Bibliothekarin sagt leise: “Ja, das ist DAS Buch.”

An einem Tisch sitzt ein Mann, bei dem ich zweimal hinsehe. Auf den ersten Blick einer der Obdachlosen vom Hauptbahnhofsvorplatz, auf den zweiten Blick dann vielleicht doch nicht, er hat diese Art der Verwahrlosung, bei der man nicht recht weiß, ob sie auf Genie und Kreativität oder auf Alkoholismus und Nächte auf der Straße hinweist. Wirres und ziemlich langes Haar, struppiger Bart, ein Mantel, der schon bessere Jahre erlebt hat. Aber er ist doch noch halbwegs in Ordnung, der Mantel. Da sind einfach ein paar Flecken mehr drauf, als man sich selbst auf seiner Kleidung durchgehen lassen würde, aber das muss ja nichts beweisen. Harry Rowohlt konnte so aussehen, so auf der Grenze zwischen den Zuständen, vielleicht nur etwas seltsam und exzentrisch, vielleicht schon im Problembereich. Vielleicht ein Professor, ein Philosoph, ein Künstler, schlauer als wir alle. Vielleicht aber auch gleich auf dem Weg zum Kiosk, mehr billigen Schnaps kaufen. Man weiß es nicht.

Vor ihm jedenfalls ein Bücherstapel, ich kann nicht erkennen, zu welchem Thema. Voluminöse Bücher, Nachschlagewerke oder so etwas. Auf den Büchern, an den Büchern, zwischen den Büchern, auf dem Tisch: gelbe Haftnotizen. Nicht nur ein paar Zettel, das ist eher schon eine Zettelarmee, die da den Tisch eingenommen hat. Alle sind sie randvoll mit Kuli beschrieben. Der Mann produziert gerade noch weitere von diesen Zetteln, den Kopf in die linke Hand gestützt, mit der rechten immer weiter schreibend. Dann klebt er den Zettel auf eine Seite, klappt das Buch zu, nimmt das nächste Buch und den nächsten Zettel. Hinten am Tisch fallen beim Verschieben der Bücher Zettel zu Boden, da liegen auch schon einige. Beschriebene Zettel sind das da auf dem Boden, die sich leicht bewegen, wenn jemand vorbeigeht. Vielleicht sammelt er sie später wieder ein, vielleicht sind sie abgearbeitet und egal. Vielleicht sind auch alle Zettel sofort egal, nachdem er sie beschrieben hat. Vielleicht steht überhaupt nur Unsinn drauf. Vielleicht sind es die Grundlagen seiner späten Doktorarbeit, vielleicht sind es Überlegungen zur Weltformel, zu Keynes, zu Epikur, zu Gott weiß was, genau, zu Gott womöglich auch, warum denn nicht, er sitzt da ja wie Hieronymus im Gehäus. Der Blick des Mannes kann als alttestamentarisch durchgehen, was auch immer er da macht, es ist definitiv eine ernste Angelegenheit. Und ich finde es schön, dass man das nicht deuten kann, was da vorgeht, das Bild bleibt unklar. Da sitzt eben einer und arbeitet. Irgendwie. Er ist zerstreut, irre oder nur ein wenig seltsam und ungepflegt, egal.

Der Mann greift jetzt wieder über den Tisch nach einem neuen Buch, mehrere Zettel werden dabei vom Ärmel des Mantels weggefegt und segeln zu Boden, es interessiert ihn nicht, er sieht nicht einmal hin. Er schlägt das Buch auf, blättert und schreibt schon den nächsten Zettel voll, murmelt lautlos und erklärt sich dabei womöglich irgendwas, die Lyrik der Romantik, die Liebe bei Shakespeare oder die Ausdehnung des Universums vielleicht. Oder die ACI-Konstruktion im Lateinischen. Ich bin ja sicher auch nicht der einzige Mensch mit Folgeschäden.

 

Was schön war

Ich hatte in dieser Rubrik gerade neulich erst eine Kassenszene, aber was soll ich machen, an Kassen passiert hier eben was. Ich erlebe zur Zeit auch gar nicht so viel außerhalb von Wohnung und Büro, zu Spaziergängen komme ich schon wieder nicht, die wenigen Begegnungen mit anderen müssen daher an Kassen passieren, da ist immerhin etwas Interaktion erforderlich, da treffen Menschen aufeinander.

Der Rentner vor mir interagiert aber zunächst gar nicht, der zählt nur stur Kleingeld und murmelt Zahlen. Das machen viele Menschen an der Kasse, dieser alte Herr hier macht es aber exzessiv. Der zählt nicht 22 Cent oder so etwas ab, der zählt eher 22 Euro in Centstücken ab, es dauert wirklich unendlich lange. Er verzählt sich auch prompt zwischendurch und fängt wieder von vorne an, fragt dann zum dritten Mal nach, was er überhaupt bezahlen soll, fängt nach der Antwort lieber noch einmal neu an. Der freundliche Kassierer lächelt verständnisvoll und nickt und guckt zwischendurch, ob ich auch lächele, die Schlange hinter mir wird währenddessen langsam länger. Ja, ich habe Zeit, mir ist egal, wie lange der da Geld zählt, man muss nicht immer nur herumstressen, nicht einmal ich muss das. Zur Not habe ich mein Handy dabei, da sind Storms sämtliche Erzählungen drauf, die reichen noch eine ganze Weile. Soll er ruhig sein Kleingeld zählen, meinetwegen bis zu dreistelligen Beträgen. Ich drehe mich um, die Dame hinter mir lächelt auch noch. Die Herzdame neben mir liest schon längst etwas auf dem Handy und Sohn II lungert weiter hinten in der Schreibwarenabteilung herum, die ist für ihn immer interessant, er liebt Büromaterial. Sohn I schlägt vor dem Laden Räder, weil er eben Räder schlagen kann. Dann macht man das dauernd und überall, wie ich seit einiger Zeit weiß.

Der Betrag ist dann doch irgendwann passend abgezählt, der Rentner schiebt die Münzen über das Förderband, guckt hoch und besieht sich den Kassierer jetzt etwas genauer, so wie er gerade eben noch die Centstücke konzentriert angestarrt hat. Guckt und dreht den Kopf hin und her, kneift die Augen zusammen: “Sie sind aber auch nicht von hier, was?” Das klingt jetzt allerdings ein wenig zu scharf und zu laut. Und was soll dieses “auch” in dem Satz? Der Kassierer, die Herzdame, die Dame hinter mir und ich gucken etwas alarmiert, was kommt denn da jetzt. Ein fremdenfeindlicher Auftritt oder so etwas, das hat einem ja gerade noch gefehlt, gerade fanden wir uns noch alle so wahnsinnig entspannt. Der Kassierer sieht den Rentner an und schüttelt den Kopf, nein, von hier kommt er nicht. “Na, wo kommen Sie denn nun her? Woher? Hm?” Der Zeigefinger des Rentners sticht in Richtung des Kassierers, ohne Antwort geht der sicher nicht weiter. Schließlich sagt der Kassierer leise: “Ich komme aus Armenien.”

Der Rentner stützt seinen Arm jetzt auf die Kleingeldschale vor ihm, als stünde er an einer Bar und würde gleich ein Bier bestellen. “Aus Armenien, was? Armenien. So. Ich war mein Leben lang Seemann, ich war in schon überall auf der Welt. Aber Armenien! Das hat ja nun keinen Hafen. Sonst würde ich das kennen, wo Sie da herkommen. Ich kenne sonst alles. Alles. Aber Armenien nicht.”

Dann hat er sich gut gelaunt verabschiedet und ist gegangen. Der Kassierer, die Herzdame, die Dame hinter mir und ich, wir haben uns wieder entspannt. Und Entspannung ist ja immer schön.

Was schön war

Ich war mit der Herzdame abends in einem italienischen Restaurant, es ist schon eine Weile her. Am Nebentisch saß eine größere Familiengruppe, vielleicht zwölf Leute. An der Stirnseite des Tisches ein Mädchen im Teenie-Alter, zwischen fünfzehn und achtzehn Jahren alt, besser schätzen konnte man das nicht. Um die Szene noch kurz zu vervollständigen: Links und rechts von ihr saßen Eltern, Onkel, Tanten, Brüder, Schwestern – was auch immer, alles Erwachsene jedenfalls, einige davon mit erheblicher Familienähnlichkeit. Es wurden Urlaubsgeschichten erzählt, der Urlaub schien lustig gewesen zu sein. Zwischendurch wurde angestoßen, eher kompliziert, jeder mit jedem und bloß nicht über Kreuz und wir müssen uns dabei ansehen und all das. Darüber italienische Schlagermusik aus Deckenlautsprechern, Pizzageruch in der Luft. Der Kellner mühte sich durch die Stuhlreihen und schenkte Rotwein nach. Das ist übrigens komisch, wenn man als Autor so etwas beschreibt, weil man genau das mit einiger Wahrscheinlichkeit schon einmal beschrieben hat. Ich habe einen Abend in einem italienischen Restaurant auch in “Marmelade im Zonenrandgebiet” geschildert, und wenn ich jetzt im Geiste die Szenen vergleiche, dann ist da vieles austauschbar. Die rotweißkarierten Tischdecken. Die ländlich gemeinten Stühle aus hellem Holz mit geflochtener Sitzfläche. Tropfende Kerzen neben Brotkörbchen. Die verstaubten Rotweinflaschen in den Wandregalen, alles Klischees, Klischees, aber was soll man machen, so sieht es da eben aus. Egal, man kann sich einfach alles vorstellen, was traditionell passt, warum auch nicht, es wird schon stimmen.

Der Kellner, der dauernd mit der Flasche in der Hand durchs Bild läuft, ist also nicht nur dick, er ist auch noch ausgesprochen sympathisch dick. Er trägt seinen Bauch so zufrieden und dabei erstaunlich flinkfüßig vor sich her, man möchte sofort auch so gemütlich dick und gutgelaunt und gelassen in seinem Job sein, man möchte gleich etwas essen und zwar viel und möglichst Nudeln oder Pizza. Natürlich singt der Kellner ab und zu eine Zeile eines Liedes aus den Achtzigern mit, natürlich werden die Gäste mit italienischen Vokabeln begrüßt und verabschiedet. An der Wand hängt natürlich ein Poster mit italienischer Küstenlandschaft, das Blau des Himmels ist längst verblichen.

Eine der Damen am Familientisch lacht zu laut, das kennt man so von jeder Familienfeier. Das Mädchen an der Stirnseite des Tisches sitzt mit den Händen im Schoß und guckt immer genervter. Alle um sie herum reden angeregt durcheinander, sie sagt die ganze Zeit nichts, überhaupt nichts. Finstere Blicke, hängende Mundwinkel, hängende Schultern. Die Mutter versucht ab und zu sie anzusprechen, die Tochter guckt angewidert und rührt sich nicht. Der Vater grinst sie an, zwinkert und hofft auf Einverständnis, da kann er aber lange grinsen. Die anderen sehen gar nicht hin. Das Mädchen schüttelt stumm den Kopf, das Mädchen rollt die Augen und besieht sich die Restaurantdecke. Lange. Sie zieht die Augenbrauen hoch und höher, sie sieht ihre Familie an, als würde sie den ganzen Trupp zum ersten Mal sehen. Zufrieden ist sie mit dem Anblick nicht, so viel steht fest.

Und dann lässt sie ihren Kopf sinken. Nicht zu langsam, nicht zu schnell. Ganz tief lässt sie ihn sinken, immer weiter, bis die Stirn schließlich den leeren Teller vor ihr berührt. Es scheppert leise, als ihre Stirn auf dem Teller landet. Alle sehen jetzt zu ihr hin, nicht nur ihre Familie, auch der Kellner, auch die Herzdame und ich, auch die beiden Ingenieure am Nebentisch, die in einem süddeutschen Dialekt zu laut über Abfüllanlagen in China reden. Das Scheppern des Tellers war gerade so laut, dass es alle im Raum gehört haben müssen, aber es war auch nicht so laut, dass man mit einer Ohnmacht des Mädchens oder einem sonstigen Problem rechnen müsste. Die Lautstärke des Schepperns passte perfekt zu einer beabsichtigten Handlung. Wenn man so darüber nachdenkt – so einfach ist das vermutlich gar nicht, diese Lautstärke genau zu treffen. Ein perfekt getimtes, höchst wirkungsvoll dosiertes und auf den Raum und die Situation abgestimmtes Scheppern. Ich fand es schön, dass sie es so gut getroffen hat, mich hat das gefreut. Jeder, der schon einmal pubertiert hat, wird so eine gelungene Szene doch mit einem gewissen Respekt zur Kenntnis nehmen.

Der Vater grinst währenddessen immer weiter und breiter, die Mutter rüttelt probeweise an der Tochterschulter, die anderen am Tisch gucken indigniert, irritiert, amüsiert, eine ganz normale familiäre Bandbreite. Die Tochter sitzt immer weiter mit der Stirn auf dem Teller. Sicher ist das Porzellan angenehm kühl an der Stirn. Und wenn sie die Augen nur lange genug geschlossen lässt, wenn es nur lange genug dunkel um sie herum bleibt, dann findet das alles vielleicht gar nicht statt. Die Familie, die es für sie gerade nicht gibt, bestellt währenddessen schon einmal Essen, die Pizza soll hier ja wirklich gut sein und der Wein ist auch schon wieder alle und weißt du noch, der Ausflug nach Dings? Wie hieß das denn da.

Unter dem Tisch gibt es dann schließlich doch noch eine heimliche Bewegung.  Die Tochter angelt da nach ihrem Rucksack, wühlt darin ohne hinzusehen oder auch nur den Kopf zu heben. Ihre Hände tauchen nach einer Weile wieder auf, sie steckt sich Kopfhörer in die Ohren und hört den Rest des Abends sicher keine italienischen Schlager mehr. „Lass sie mal ruhig“, sagt einer am Tisch.

Was schön war

Auf dem Weg zur Besichtigung einer weiterführenden Schule kommen wir im wie immer unter Zeitdruck stehenden Familienverbund – also zeternd, diskutierend, herumalbernd und lamentierend – an einem Auto vorbei, auf dem ein Werbeschriftzug steht. Die Fußgängerampel ist gerade grün und wir müssen schnell über die Straße, ich kann nur aus dem Augenwinkel erkennen, was da auf dem Wagen steht, es geht wohl um ein Hotel auf einer Insel. Ich sehe nicht genau, wie es heißt, irgendein Residenzdingens, diese austauschbaren Namen kann sich eh keiner merken. Aber unter oder über dem Namen des Hotels steht jedenfalls: “Sag Ja zur Ostsee!”

Und ich habe für einen kleinen Moment große, wirklich sehr große Lust, im Hauptbahnhof nicht mit der Familie in die S-Bahn, sondern alleine in den Regionalexpress nach Travemünde zu steigen, dort am Strandbahnhof aus dem Zug zu springen und geradewegs runter zur Brandungslinie zu gehen, wo die Wintersee grau und träge heranschwappt wie eh und je. Ich stelle mir kurz vor, so nahe an die Wellen heranzugehen, dass die Füße fast nass werden, und wenn ich einen Moment nicht aufpasse, dann werden sie es auch wirklich. Das war früher so, das wird immer so sein. Muschelknirschen unter den Schuhen, empörte Möwen über mir, Seetanggeruch in der nasskalten Luft. Weiter hinten die Fähren nach Skandinavien, alles wie damals. Kaum Farbe im ganzen Bild, alles ist januarblass und ohnehin ist es dann schon kurz vor der Dämmerung. Und da also herumstehen und auf die Ostsee sehen und einfach mal laut “Ja” zu ihr sagen – nur weil ein blöder Werbetext auf einem zufällig vorbeikommenden Auto mir das so vorgegeben hat.

Das ist nämlich genau die Art, auf die ich schrullig werden möchte. Und es ist schön, ab und zu daran erinnert zu werden. Man braucht Ziele im Leben.

Was schön war

Die junge Frau vor mir an der Kasse des sehr großen Supermarktes hatte russische Süßigkeiten und Wodka auf das Förderband gelegt. Die Kassiererin zog die Packungen erst achtlos über den Scanner, sah dann doch noch einmal genauer hin, murmelte die Markennamen mit einem Anflug von Wehmut in der Stimme und nickte. Den Preis des Einkaufs nannte sie der Kundin in fließendem Russisch. Die Kundin sah sie irritiert an, die Kassiererin wiederholte die russischen Sätze etwas lauter und hängte auch gleich noch ein paar dran. “Nein”, sagte die Kundin und lachte, “ich bin nicht aus Russland. Ich kaufe das einfach nur so.”

Die Kassiererin schüttelte irritiert den Kopf, zog die Augenbrauen hoch, sah die Einkäufe an, sah die Kundin an. Und sagte dann freundlich auf Deutsch: “Na, aber Sie trinken Wodka, das ist doch … immerhin!”