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Mai
Leben in der Lagune
by Maximilian Buddenbohm in
Am Mittwoch wurde die alte Küche herausgerissen und abtransportiert. Um etwa 14:30 ging ich mit den Söhnen in den Park, die Herzdame wollte nur eben die ramponierten Wände und die Decke in dem nun leeren Raum weiß streichen und dann nachkommen. Ich ließ eine tatkräftig aussehende Frau in der Wohnung zurück, die sich alte Kleidung überwarf, Farbeimer in die Küche schleppte und uns fröhlich nachwinkte.
Gegen 16 Uhr teilte sie mir telefonisch mit, sie sei jetzt mit dem Abkleben der Ränder fertig, das sei etwas aufwändiger als gedacht gewesen, der Rest ginge dann aber sicher schnell, sie müsse nur noch fix das Riesenknäuel der Abdeckfolie wieder entwirren, die habe sich etwas verdingstert. Sie wolle aber zum Abendessen nachkommen, Pommes am Kiosk oder so, ohne Küche könne man ja schlecht zuhause essen.
Um 18 Uhr rief ich sie an, das Telefon klingelte sehr lange. Dann wurde abgenommen, ich hörte ein lautes Rascheln wie von großen Mengen Plastikplane und im Hintergrund die Herzdame, die Sätze brüllte, die nicht zitierfähig sind. Dann brach die Verbindung wieder ab. Ich teilte den Söhnen mit, dass ihre Mutter offensichtlich gut vorankäme, wahrscheinlich aber nicht zum Abendessen erscheinen könne.
Um 19:30 brachte ich die Kinder nach Hause, wo eine plötzlich ergraute Herzdame die Tür öffnete. Bei näherem Hinsehen war ihre Frisur durch zahllose Farbsprengsel dezent geweißt. Ich fragte freundlich, ob sie denn keine Papierhüte basteln könne, das würde man doch gemeinhin bereits als Kind lernen. Die Herzdame gab ein Knurren von sich, verschwand wieder in der Küche und schlug die Tür hinter sich zu. Nach einem kleinen Moment sah sie noch einmal kurz heraus und erklärte mir mit einem leicht irren Gesichtsausdruck, dass frei herumfliegende Abklebebänder eine interessante Struktur in neuer Farbe hinterlassen würden. Ich brachte die Kinder in Sicherheit und ins Bett.
Eine Stunde danach kam die Herzdame aus der Küche und fragte, ob eine etwas fleckig wirkende Decke nicht optisch gut zur in Kürze neu im Farbton „Lagune“ gestrichenen Wand passen könne, das sei ja quasi, also in etwa, so wolkenmäßig? Oder? So ein etwas unregelmäßiges Weiß? Cumulus? Mit so Schatten drin? Ich sagte, dass die Farbe „Lagune“ laut Beschreibung in dem Fachmagazin an Karibik erinnern solle und in der Karibik sei der Himmel gemeinhin blau, nicht weiß. Und wenn Weiß im Karibikkontext vorkäme, dann strahlend weiß. Wie das Innere der Kokosnuss, wie beim Bounty in der Werbung. Dann sah ich mir die Küche an, sagte „oh“ und tätschelte freundlich und aufmunternd die zusehends hängenden Schultern der Herzdame.
Am späteren Abend schrieb die Herzdame in desolater Stimmung auf Facebook über ihre Malerfahrungen, woraufhin sich der gesamte dort vertretene Freundeskreis überraschend als Expertenforum Innendekor erwies und in zahllosen Kommentaren sehr gute Ratschläge in Fülle ausbreitete. Wir konnten ja nicht ahnen, wie viele unserer Freunde von Malern abstammen, mit Malern intim waren oder bereits Maler im Fernsehen gesehen hatten und daher als ungewöhnlich qualifiziert zu betrachten sind. Die Hinweise lasen sich dann auch durchaus sinnvoll, fand ich. Die Herzdame saß vor dem Computer und gab beim Lesen der freundlich gemeinten Erläuterungen zu Farbqualität und Handwerkskunst kampfhundähnliche Geräusche von sich. Ich schlug ihr vor, am nächsten Tag einfach alles noch einmal schnell überzustreichen, den Rest des Abends verbrachte ich dann auf der Flucht.
Am nächsten Morgen half ich der Herzdame beim Aufstehen, sie sah sich dazu durch einen etwas heftig ausgefallenen Muskelkater nicht mehr alleine in der Lage. Ich schob sie in die Küche, brachte die Kinder zur Kita und ging ins Büro. Um 9 Uhr bereits rief die Herzdame mich an und sagte, die Farbe sei leider überraschend alle. Um 10 rief sie wieder an und sagte, die Farbe sei gar nicht alle, also nicht alle im Sinne von weg, nein, sie sei vielmehr großflächig unter die Abdeckplane gelaufen, und das würde auch die Fußspuren auf dem Teppich und dem Parkett im Wohnzimmer auf dem Weg zum Telefon erklären. Kurz darauf rief sie noch einmal an und teilte mir mit, sie würde jetzt tatsächlich mit dem Verarbeiten der Farbe „Lagune“ beginnen. Eine Stunde später erklärte sie mir, dass ein paar interessante Farbvariationen und Abtönungen in der Lagune sicher ganz natürlich aussehen würden, Lagune eben, das Meer, das sei ja auch nicht gleichmäßig. Ich schlug ihr vor, die Wand noch einmal überzustreichen. Am Mittag rief sie mich an, um mir einen Vortrag über die Intensität des Farbauftrags bei Pinsel einerseits und Rolle andererseits zu halten. Ich sagte, sie klänge auf einmal erstaunlich fachkundig. Die Herzdame sagte pikiert, sie sei immerhin Mediengestalterin für Print und Online, da würde sie sich ja wohl mit Farben auskennen. Ich sagte, ich sei Controller und könne daher im Kopf überschlagen, dass die Farbe jetzt für einen dritten Anstrich nicht mehr reichen würde. Die Herzdame legte auf.
Die Wand ist jetzt tatsächlich verblüffend blau, obwohl der Farbeimer doch eindeutig türkis war. Andere Menschen halten die Farbe für das gute alte Petrol, ich bin mir nach längerem Hinsehen nicht mehr sicher. Eher mehr als weniger Blau. Na, warum nicht. Blaue Wand und weiße Decke, mit Flecken die wir künftig Wölkchen nennen wollen, weil wir es gut meinen. Sollten bei den Restarbeiten noch ein paar weiße Farbspritzer in der Lagune landen, werden es eben Schaumkronen auf den imaginären Wellen sein. Ich werde gelegentlich darauf zeigen und „Schau, es frischt auf!“ rufen. Weiß und Blau, das ist für mich in dieser Ausprägung allerdings nicht die Karibik, wie es die Beschreibung der Trendfarbe „Lagune“ versprochen hatte, Weiß und Blau, das ist natürlich Griechenland. Und das Sein bestimmt immer noch das Bewusstsein, ich ziehe also in Erwägung, beim Kochen aus der vegetarischen Periode direkt in die griechische Phase überzugehen. Dazu muss jetzt nur noch die neue Küche eingebaut werden, was theoretisch schon morgen passiert – wir werden berichten. Nach der Arbeit vielleicht gleich einmal ein griechisches Kochbuch kaufen? Warum eigentlich nicht?
Und nach dem Abendbrot dann künftig immer einen Ouzo aufs Haus. Yamas!
Mai
Alles so schön bunt hier
by Maximilian Buddenbohm in
Die Herzdame kommt mit einem kleinen Eimer Farbe aus dem Baumarkt. Wir mussten weit fahren, um irgendwo in den endlosen Weiten Nordostwestfalens endlich einen Baumarkt zu finden, der genau diese Farbe hat, es handelt sich nämlich um eine spezielle Trendfarbe, wie man in gewissen einschlägigen Magazinen nachlesen kann, so etwas gibt es natürlich nicht in jedem Laden. Aber warum sollte man freie Tage auf dem Land nicht dafür nutzen, zwischen Baumärkten hin und herzufahren, da lernt man auch einmal interessante Industriegebiete und schöne, weitläufige Parkplätze kennen.
„Lagune“, sagt sie stolz. Ich sehe mir den Pott an, in dem es türkisfarben hin und herschwappt. „Bei uns hieß das früher Türkis“, sage ich. Die Herzdame erklärt mir, dass ich ein Banause sei und von Innenausstattung keine Ahnung habe. Wir fahren zurück ins Heimatdorf, wo der Opa einen Blick in unseren Kofferraum wirft und „Ah, Türkis“ murmelt. Die Herzdame schüttelt den Kopf und sagt, das sei Lagune und das sei anders und eine Trendfarbe, eine ganz spezielle. Welche Farbe haben eigentlich Lagunen, frage ich den Opa. „Na, so türkis oder wat“ sagt er. Uropa kommt über den Hof, er sieht uns um den Farbeimer herumstehen und fragt: „Wat wollt ihr denn mit dem Türkis?“ Die Herzdame sieht gereizt aus.
Minuten später schickt mir die Herzdame einen Link zu einer Seite, auf der man die aktuellen Trendfarben in ganzer Pracht und Vielfalt bewundern kann. Ganz gewöhnliches Dreisternehotelflurbeige, so lerne ich, läuft jetzt unter „Macchiato“ und ist in, wer hätte das gedacht. Hellgrün, eine Farbe, deren zweiter Name zumindest im Wohnbereich „Schwierig“ sein sollte, nennt sich jetzt „Farn“ und ist auch in. Das abartige Orange-Apricot, das in den achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts an nahezu jede freie Wand in der deutschen Gastronomie verpinselt wurde, es heißt jetzt „Mango“ und ist offensichtlich wieder legal verwendbar. Nach ein paar Jahren intensiver Sonnenbestrahlung verwandelt es sich ganz von alleine in ein schwachbrüstiges „Papaya“, das ist dann quasi ein Bonusfeature.
Blassgelb, eine Farbe die faszinierend gut zu heruntergekommenen und kaputtgesparten Krankenhausteeküchen passt, heißt jetzt „Melone“ und ist geradezu ein Geheimtipp. Braun heißt natürlich auch nicht mehr Braun, nein, die Farbe nennt sich jetzt „Excrément“. Na gut, kleiner Scherz, es heißt natürlich „Noisette“, wobei ich meinen Vorschlag aber gerade in der Parteienlandschaft deutlich attraktiver und klarer finden würde. Und verkaufen würde es sich vermutlich auch, denn wer kann schon Französisch.
Egal, eine der Küchenwände unserer Wohnung in Hamburg wird nun also im Farbton „Lagune“ gestaltet, the colour formerly known as türkis, wie unsere Freunde aus dem Musikbusiness das vermutlich nennen würden. Die Farbe kennzeichnet einen Ort, so entnehme ich amüsiert einem fachkundigen Lifestylemagazin, „wo niemand stört und nur freundliche Menschen anzutreffen sind.“ Das ist doch schön, das werde ich mir auf ein Schild drucken lassen und außen an der Küchentür anbringen. „Hier ist der Ort, wo niemand stört und nur freundliche Menschen anzutreffen sind.“
Ganz wunderbar. Und fortan werde ich beim Kochen immer vergnüglich allein sein. Auch recht!
Mai
Der Plan für den Mai
by Maximilian Buddenbohm in
Nachdem die Herzdame und ich im April jeweils unsere persönlichen Arbeitszeit- und Einsatzrekorde gebrochen haben, ist es höchste Zeit, den Mai zu einem Monat der Entspannung und der Muße zu deklarieren. Wir haben ungewöhnlich große Projekte endgültig erledigt und abgeliefert, neue Arbeiten delegiert, Termine verlegt und Planungen neu sortiert, damit es endlich wieder so etwas wie Freizeit geben kann. Zeit für uns, Zeit für die Kinder, Zeit für Bücher, Zeit ohne To-Do-Lists. Womöglich sogar Zeit für faule Stunden ohne jeden Leistungsdruck und Langeweile. Leisure time – man muss es den Engländern ja lassen, das ist einer der gelungensten Begriffe dafür. Man muss das langsam und wollüstig aussprechen, in ein Gähnen übergehend, voller Vorfreude auf das Sofa. Leisure time, klingt das nicht schön? Dagegen klingt das deutsche „Freizeit“ doch schon wieder wie eine Anweisung: „Los, sofort frei! Drei Stunden! Nutzen Sie das!“
Und tatsächlich liegt da jetzt nach erheblichem organisatorischem Aufwand ein faszinierend ereignisloser Monat Mai vor uns, vier lange Wochen ganz ohne Druck. Also wenn man davon absieht, dass morgen unsere Küche herausgerissen und im Laufe der Woche gegen eine neue getauscht wird. Und wenn man ferner davon absieht, dass auch die Fenster herausgerissen und gegen neue getauscht werden. Und wenn man davon absieht, dass nebenbei auch das Bad ein klein wenig renoviert wird. Aber das geht bestimmt alles ganz schnell, macht fast überhaupt keinen Dreck und die paar Sachen, die man so in den Räumen stehen hat, die räumen sich bekanntlich fast von selbst in der Wohnung herum. Und die Söhne werden sich gewiss sehr vorsichtig und behutsam zwischen all den Stapeln mit Tellern, Tassen und Kosmetikartikeln bewegen, Kleinkinder neigen ja zur Rücksichtnahme und Vorsicht.
Ich: „Wieso willst Du eigentlich in einen Baumarkt?“
Herzdame: „Ich will Farbe kaufen. Man könnte ja einmal streichen, wenn man schon Zeit hat.“
Ich: „Äh…“
Herzdame: „Du gehst einfach ins Büro. Und bleib ruhig länger.“
Doch, das wird ein sehr ruhiger, langsamer Monat.
Apr
Tirili – Nachlese
by Maximilian Buddenbohm in
Unser großartiger Tonmeister Lars hat es wieder getan und die Mitschnitte der Lesung gestern sofort bearbeitet und online gestellt – vielen, vielen Dank dafür.
Die Daheimgebliebenen können also nachhören:
Isabel Bogdan mit „Kunst und Sünde“
Isabel Bogdan mit „Faszination Darm“
Nils Mohl über Stadtrandritter und Jenfeld
Maximilian Buddenbohm mit „Wiebke“
Viel Spaß!
Apr
Naturkunde
by Maximilian Buddenbohm in
Wenn man mitten in der Stadt wohnt wie wir, dann kann man den Kindern natürlich nur begrenzt Wissen über Umwelt und Natur der Heimat vermitteln, da fehlt einfach das Anschauungsmaterial. Und wenn man immer nur auf Bilderbücher vertraut, dann ergibt das so ein seltsam süßliches Bild des Landlebens, das hat mit der eigentlich doch beinharten Wirklichkeit viel zu wenig zu tun, finde ich.
Wir fahren also oft raus, besuchen die Großeltern in ihrem Dorf und erklären dort, was man über das Land wissen muss. Alles am praktischen Beispiel! Äpfel wachsen am Baum, Mist kommt auf den Acker. Kühe stehen im Stall, in Gülle ist Pipi. Spargelbeete sehen seltsam aus, und Spargelernte ist richtig harte Arbeit. Pferde können beißen, der Habicht fängt niedliche Mäuse. Trecker sind sehr groß und sehr laut. So ein Besuch im Dorf ersetzt uns ganze Regalmeter von viel zu niedlich illustrierten Büchern. Ich finde, die Kinder sollten mit den Tatsachen leben können, in jedem Alter. Ein Melkapparat ist nun einmal kein lustiger Anblick, in dem großen Ding ohne Fenster sind sehr, sehr viele Schweine, die nicht gerade idyllisch leben. Und auch nicht sehr lange. Die Söhne gehen neben mir über die Landstraße, hören zu und denken nach, so soll es auch sein. Ihr Papa sitzt immer nur am Schreibtisch, der Bauer aber bewegt riesige Maschinen, Berufe fallen anscheinend verschieden aus.
Der Bauer ist nett, der Bauer erzählt, was er so macht und was bei ihm passiert. Die Kinder hören gebannt zu. Wo könnten sie denn besser lernen, wie die Welt wirklich funktioniert, als hier, sozusagen an der Basis? Der Bauer spricht über seine Kühe, die hinter ihm stehen und gewaltig muhen. Das hier ist tausendmal besser als Vorlesen.
Auf dem Weg zurück in die Stadt wiederholen die Kinder auf den Rücksitzen des Autos murmelnd, was sie an neuem Wissen bei ihm gesammelt haben. Zum Beispiel: Normale Kühe geben Milch – braune Kühe aber geben Kakao.
Vielleicht sollte ich mit dem Bauern doch einmal ein ernstes Wort reden.
Dieser Text erschien als Kolumne in den Lübecker Nachrichten und der Ostsee-Zeitung.
Apr
Apr
Kleiner Ratgeber für deutsche Kellnerinnen und Kellner zum Umgang mit Familien in Restaurants
by Maximilian Buddenbohm in
1)
Nehmen Sie immer erst die Bestellungen aller anderen Gäste auf, bevor Sie sich den lästigen Eltern mit Kindern zuwenden. Je länger die warten müssen, desto unruhiger werden die Kinder, desto gestresster sind die Eltern, desto seltener kommen die wieder. Wer will schon Kinder im Restaurant? Eben.
2)
Verneinen Sie grundsätzlich alle Sonderwünsche der Eltern zu den Kindertellern. Fischstäbchen mit Kartoffelpüree statt mit Kartoffelsalat – haha, da kann ja jeder kommen! Und Pommes sind aus! Wir haben gar keinen Ketchup! Das geht leider nicht! Nudeln ohne Sauce kriegt der Koch dummerweise nicht hin! Können wir einfach nicht! Nein, das geht nur so, wie es da steht. Das Kassensystem lässt Änderungen auch gar nicht mehr zu, echtjetzma. Ja, schade. Da ist die Tür. Hihi.
3)
In der Küche unbedingt immer erst alle Essensbestellungen der anderen Gäste abarbeiten, bevor sich der Koch endlich den blöden Kindertellern zuwendet. Die kann zwar jeder Vollpfosten in maximal zehn Minuten kochen, aber eine halbe Stunde Wartezeit müssen die kleinen Monster schon abkönnen, nicht wahr? Das Leben ist kein Ponyhof! Gerne auch etwas mehr Wartezeit, warum nicht, ist ja genug Zeit da, der Tag ist lang. Wir sind ja hier nicht im Schlaraffenland, oder was. Geschickt ist es übrigens auch, die Eltern schon einmal zu bedienen, während die Kleinen hungrig daneben sitzen und zusehen, wie Papa und Mama zum Besteck greifen, das hebt die Stimmung im Laden ganz ungemein.
4)
Wenn die Kinderteller auf den Tisch kommen, sollte man ein einzelnes, möglichst kleines Kind unbedingt auslassen und nur im Vorbeigehen flüchtig „kommt dann gleich“ murmeln, um dann auf unbestimmte Zeit wieder in der Küche zu verschwinden. Erst einmal in Ruhe eine rauchen! Das Kind ohne Essen, das jetzt natürlich denkt, dass es als einziger Gast nichts bekommt und den Rest des Tages hungrig bleiben muss, wird in kurzer Zeit Panik bekommen und sich entsprechend benehmen. Großer Spaß! Klappt immer wieder! Wenn das Kind lange genug gebrüllt und getobt hat, nur noch apathisch auf seinem Stuhl wimmert und die Eltern bereits dreimal nachgefragt haben, bringen Sie ihm schließlich doch noch das Essen. Aber natürlich leider den falschen Teller. Kann ja mal passieren! Was hat er denn jetzt schon wieder? Warum wird der so rot?
5)
Wenn Sie mit den Gästen an den Familientischen reden, sprechen Sie nie direkt mit den Kindern, auch dann nicht, wenn die bereits so aussehen, als würden sie demnächst pubertieren. Kinder sind doof und reden nur Blödsinn, sind allgemein eher nicht zurechnungsfähig und wissen daher auch nicht, ob ihnen etwas schmeckt, was sie trinken wollen oder wann sie genug gegessen haben. Am besten, Sie sehen die Kinder nicht einmal an. Wenn ein Kind Sie etwas fragen sollte, ignorieren Sie das wirre Gestammel einfach konsequent. Irgendwann geben die kleinen Nervensägen schon auf!
6)
Sollten Sie dummerweise in einem italienischen, spanischen, portugiesischen oder türkischen Lokal arbeiten, machen Sie einfach das Gegenteil von dem, was hier steht. Sie werden in einem fröhlichen Lokal mit bemerkenswert treuen Stammkunden arbeiten. Vielleicht etwas laut, aber hey, Ihre Arbeitgeber fahren da voll drauf ab. Kann man nichts machen. Ja, schade.
Apr
Apr
Helgoland IV
by Maximilian Buddenbohm in
Das sind Helgoländer Robben, die das tun, was sie nun einmal sehr, sehr gut können: Entspannt am Strand herumliegen und gelegentlich etwas robben.
Das ist ein Hamburger Blogger, dessen Namen wir aus Gründen der Diskretion verschweigen wollen, der ebenfalls versucht, am Strand entspannt zu robben. Den Zuruf “Möge die Übung gelingen”, den hätten wir uns auch gleich sparen können.
Apr
Helgoland III
by Maximilian Buddenbohm in
Ein paar Anmerkungen zum Blau. Adjektive haben es ja nicht mehr so leicht heutzutage, Adjektive sind in der Prosa nicht mehr sehr beliebt. „Schmeiß alle Adjektive!“, raus, das ist immer noch ein Rat, der Autoren gerne gegeben wird, als wäre Hemingway erst gestern gewesen – und als hätte er überhaupt keine benutzt.
Die Düne ist eine kleine Strandinsel, die man von Helgoland aus mit einem Schiff erreicht, es sind nur ein paar Minuten Überfahrt. Auf der Düne ist nicht viel, außer sehr viel Strand, sehr viel Steinen, etlichen Robben und einem rettenden Restaurant mit riesigen Eisbechern und Labskaus und Bier, das man auch dringend braucht, wenn man das Inselchen zu Fuß umrundet hat. In der Mitte noch ein Miniaturflughafen, auf dem alle paar Stunden mal etwas Kleines brummend startet oder landet. Ein kleiner Friedhof für angespülte Tote ohne Namen, ein wirklich großer Bagger, der zur Freude der Söhne am Strand den Sand von links nach rechts schiebt, fertig ist die Düne. Noch ein paar bunte Ferienhäuschen und etliche Büschel Strandhafer. Austernfischer begehen das Ganze emsig und lärmend, Möwen segeln ruhig darüber hin.
Man steht am Strand und hat nicht sehr viel hinter sich, aber ungeheuer viel über und vor sich. Eine Orgie in allen Variationen von Blau und der gesamte Wortschatz würde wohl nicht reichen, um genug Adjektiv aufzuzählen, die das korrekt wiedergeben, was man da vor sich hat, in dieser sehr farbigen Weite. Es sind alle normalen Blautöne dabei, die man schon immer im Tuschkasten oder als Buntstift hatte, Dunkelblau, Hellbau, Pastellblau, Taubenblau was man eben so kennt, der ganz normale Stoff. Azurblau, Wasserblau, Lichtblau, kennt man das Lichtblau? Strahlendblau, Türkisblau, Grünblau, Völligabsurdblau und auch Unglaublichblau, das vor allen Dingen, das ist sehr präsent, denn unglaublichblaue Streifen durchziehen hier den ganzen Himmel. Am Horizont ein paar dekorative Wolken in feinem Reinweiß mit einem äußerst dezenten bläulichen Schimmer, perlenhaft am Rand, mit dicken Schatten wie auf Ölgemälden, wo es sich fetter bauscht und türmt. Zur Sonne hin geht oben alles ins Weiße über, ohne dass auch nur ein winziger Ansatz von Gelb irgendwo zu sehen wäre, man ist ja auch nicht in der Südsee.
Unten, wo die Wellen an den Strand schlagen, verliert sich alles Blaue ganz behutsam bodennah im Blaugrau, das sachte, ganz sachte ins Graubraune übergeht, dann ins Braune, fast Schwarze – und wenn es sich bewegt, dann war es eine Robbe. Und guckt einen an und schüttelt den Kopf, denn Robben wissen: Man kann hier auch einfach nur herumliegen. Na gut.
Apr
Helgoland II
by Maximilian Buddenbohm in
Und eines hat gestern alle gleichermaßen umgehauen, weil wir es alle so gar nicht mehr kennen. Wenn man auf Helgoland nachts aus einer Kneipe kommt, sich in der Nachtluft ein wenig streckt und die paar Schritte zum Hotel geht – dann bleibt man nach ein paar Metern unwillkürlich stehen und lauscht. Dreht den Kopf und lauscht noch ein wenig angestrengter – denn da ist nichts. Gar nichts. Die Nacht ist ruhig und sie ist so verdammt ruhig, wie eine Nacht nur ruhig sein kann. Der nächste Motor fährt sechzig Kilometer entfernt durch Cuxhaven, hier ist ringsum nichts, nichts, nichts. Kilometerlang im Umkreis nur Wellen, die heute besonders sacht ausfallen und nur äußerst diskret heranplätschern. Und Wellen nimmt man in einer Nacht am Meer ja eher nicht als Geräusch war, Wellen sind eher Teil der Stille. Man möchte auf Zehenspitzen weiter gehen, um bloß nicht zu stören.
Es gibt natürlich keine Ruhe in Hamburg, ich kenne Ruhe gar nicht mehr. Bei uns ist Ruhe, wenn der Verkehr zwischen zwei und fünf kurz nachlässt und etwas weniger wird. Dafür schreien in der Zeit die Besoffenen auf der Straße herum, die von der Alster zurück zu den Hotels torkeln. Das ist unsere Ruhe in Hamburg Mitte. Auf Helgoland ist Nachtruhe: Ruhe. Und Ruhe ist dann auch einmal eine interessante Erfahrung.
Apr
Helgoland
by Maximilian Buddenbohm in
Auf freundliche Einladung des Aparthotels Klassik Helgoland haben Isabel Bogdan und ich wieder eine Horde Blogger nach Helgoland verfrachtet, eine Aktion, an der wir bereits im letzten Jahr etwas herumgeübt haben, die Stammleser erinnern sich. 15 Erwachsene, 5 Kinder, das ist in diesem Jahr schon eine reelle Reisegruppengröße. Eine etwas spezielle Reisegruppe vielleicht.
Traditionell stellt man sich wohl vor, dass so eine Reisegruppe, von der etliche Helgoland noch nie gesehen haben, vom Schiff springt und sich begeistert umsieht, zumal sich die Insel nach einem typischen grauen Morgen in Hamburg strahlend besonnt darbot und die Luft wie ein Frühlingsgruß vom Meer heranwehte. Und was machen diese 15 Erwachsenen, nachdem sie die Gangway heruntergegangen sind? Holen ihr Smartphone heraus, krümmen sich darüber, denn die blöde Sonne blendet, machen Foursquare auf und checken ein. „Erster“ ruft einer entzückt „da fehlt aber noch einer“ hört man kurz darauf. Man vergleicht, wer mit welcher Handyhardware am schnellsten ins Netz kommt. Wer nicht bei Foursquare ist, der twittert oder instagramt oder weiß der Teufel was noch alles, man kommt gar nicht mit.
Gepäck geschultert und zum Hotel marschiert, in der Hotel-Lobby bleiben alle stehen und checken wieder ein. Es dauert, bis alle ihre Zimmerschlüssel haben, da kann man sich ein wenig unterhalten, und wenn dabei ein Witz gemacht wird, dann ziehen alle wieder ihr Handy, Twitter aufmachen.
Am Nachmittag der obligatorische Rundgang über das Oberland, Trottellummen und Basstölpel gucken, die Lange Anna und die Vogelfelsen, da sieht man dann kaum noch Handys, nur noch sehr beeindruckte Menschen wie bei jeder Reisegesellschaft, die hier vorbeikommt. Diese Aussicht von da oben, die sollte wirklich jeder einmal gesehen haben, das kann man sich nicht vorstellen. Einfach eine halbe Stunde stehenbleiben und den Vögeln zusehen. Wenn Sie das noch nie gesehen haben, nehmen Sie das in Ihre Lebensreiseplanung mit auf, das ist eine korrekte Entscheidung.
Abends in ein Restaurant, die Gruppe marschiert ein, alle holen ihr Handy heraus, die Kellnerin steht staunend mit den Karten daneben, denn keiner beachtet sie, man muss doch auch hier erst einchecken. Essen bestellen, Getränke twittern, das Gegenüber fotografieren, die Aussicht, die Deko. Die Handys bleiben auf dem Tisch, neben Messer und Gabel, wo sie hingehören. Es ist wahrscheinlich der einzige Ausflug in größerer Gesellschaft im Jahr, bei dem ich mit meinem Web 2.0-Spleen absolut nicht auffalle, wirklich sehr angenehm.
Heute rüber zur Düne, Robben gucken. Oder “Meertauben” wie Sohn II sie äußerst treffend benannt hat.
Apr
Apr
Betreuungsalgebra
by Maximilian Buddenbohm in
Es geht hier zwar in der Regel nur um zwei Kinder, nämlich um unsere Söhne, aber in Wahrheit ist es alles noch viel, viel komplizierter. In Wahrheit treffen wir uns nämlich fast täglich mit ein oder zwei oder sogar drei anderen Elternpaaren, die wiederum auch jeweils zwei Kinder haben. Und weil nicht alle immer Zeit haben, stimmt man sich eben schnell ab, wer wann bei wem welche Kinder wie und wie lange betreuen kann. Wir helfen uns alle gegenseitig, nur in der Gemeinschaft ist man stark genug für die vielfältigen Aufgaben der Betreuung. Es gibt keine Großfamilien mehr, da muss man eben andere Lösungen finden. Bei jedem Elternpaar gibt es natürlich regelmäßige und auch überraschende Termine, die mal den einen, mal den anderen, mal beide Partner betreffen. Darüber hinaus gibt es aber auch noch zahlreiche Termine, die alle Kinder oder nur Teilgruppen der ganzen Schar betreffen. Für manche dieser Termine muss man irgendwohin fahren, wofür dann verschiedene Verkehrsmittel in Frage kommen, und für manche braucht man auch noch irgendwelches Zubehör, wie etwa Schwimmflügel, Notenhefte oder weiß der Kuckuck was alles.
Wenn wir einmal die Eltern im engeren Kreis auf acht Personen begrenzen, die wiederum gesamt acht Kinder haben, die allesamt in der Woche mindestens je drei Termine haben, für die man drei verschiedene Zubehörsätze braucht und die man mit vier verschiedenen Verkehrsmitteln erreichen kann, zu Fuß, mit dem Fahrrad, mit dem Bus oder mit der Bahn, dann haben wir, wenn wir das mal grob überschlagen und noch bedenken, dass die Kinder ohne Termin in vier Wohnungen oder aber auf dem Spielplatz betreut werden können, und zwar mit oder ohne Abendessen, wenn man das also das alles bedenkt, dann hat man an die 5.000 Möglichkeiten der Kombination. Mindestens. Und wenn ich noch länger nachdenke, werden es minütlich mehr. Bei Aufgabenstellungen dieser Art kommt mir mein Beruf in die Quere, denn um so etwas zu lösen oder auch nur im Überblick zu behalten, verlangt eine innere Stimme in mir lautstark nach Excel. Oder nach einer Datenbank. Eine kleine Intranetanwendung, schnell gebaut, leicht zu bedienen, fertig. Könnten alle Eltern jederzeit nachsehen, wer wann mit wem wohin und so weiter. Aber dies hier ist kein Konzern, dies ist mein Privatleben, hier habe ich keine IT-Abteilung die das mal eben für mich umsetzt, ich habe nicht einmal ein Intranet für den Freundeskreis, so sehr ich das auch bedaure.
Ich kann aber nicht über all diese Kombinationsmöglichkeiten im Kopf nachdenken, oder, um genauer zu sein, kein Mensch kann das, das ist nämlich schlicht unzumutbar. Nein, im Ernst, kein Mensch kann das – außer der Herzdame. Na gut, und außer allen anderen Müttern. Die Herzdame und die anderen Mütter, sie haben tatsächlich alle Kombinationsmöglichkeiten, die für heute, die für morgen und auch die, welche erst für Freitag in drei Wochen in Betracht kommen, im Kopf. Einfach so. Sie können sich jederzeit anrufen, irgendwo im Raster der Optionen einsteigen und im Gespräch ein paar Faktoren verschieben, und danach legen sie auf, ohne etwas notiert zu haben, ich habe das genau beobachtet. Und dann dauert es nur ein paar Stunden, bis alle beteiligten Frauen im Netzwerk diese Änderungen verstanden habe, wobei ich nach längerem Studium der Angelegenheit zu der Ansicht gelangt bin, dass die Damen nicht einmal in jedem Fall telefonieren müssen. Kleinere Änderungen übertragen sich einfach so von Frau zu Frau, auf eine Weise, die bis heute vermutlich gänzlich unerforscht ist. Und am nächsten Tag wissen auch alle noch, was sie gestern geändert haben, welche Unbekannten sie aus den Gleichungen getilgt haben.
In der ersten Zeit mit Nachwuchs habe ich noch angenommen, dass ich unter einen besondere Form der partiellen Blödheit leide, weil ich bei dem Optionswirbel schnell nicht mehr ganz mitkam. Dann merkte ich aber, dass kein einziger Mann im Freundeskreis mitkam. Ich glaube nun generell eher nicht an blöde Vorurteile über Männer und Frauen, nicht beim Einparken und auch nicht beim Kranführen, aber mittlerweile würde ich doch sagen: bei Terminen sind Frauen irgendwie biologisch bevorzugt. Alle Männer im engeren Kreis halten sich terminlich weitgehend aus allem raus, und sie tun das nicht etwa aus gebotener Dezenz, sondern nur aus purer Chancenlosigkeit.
Frau 1: „Du nimmst am Donnerstag Klara und Luis zu Dir, ich hol um vier ab, Essen ist später bei Lea. Kommt Ihr mit den Fahrrädern rüber. Nächste Woche dann andersrum.“
Frau 2: „Ja, aber erst nach dem Schwimmen von Pit und Peter dann.“
Frau 3: „Tim und Tom gehen nach dem Chor mit zu Luise, die können ja den Bus nehmen und bei Lea vorbei.“
Frau 4: „Das ginge aber auch mit dem Fahrrädern, wenn beide damit zur Kita kommen. Muss Rita dann so bringen. Lea übernimmt nach dem Essen. Wir treffen uns dann später alle bei Luisa.“
Mann 1: „Schönes Wetter heute.“
Mann 2: „Jo.“
So wurde ich, das muss auch einmal bekannt werden, weil es so vieles erklärt, ein terminsubmissiver Mann. Ich frage einfach alle paar Stunden die Herzdame, was in den nächsten Stunden zu tun ist, sage „aha“ und mache das dann. Das ist simpel, das läuft. Ein paar Stunden im Voraus, das kann ich mir merken. Seit ich so lebe, ist alles viel entspannter. Ich mache mir keine Sorgen mehr um Planung oder Strategie, ich gehe mit ruhigem Geist ins Bett und wache als unbeschriebenes Blatt wieder auf, zumindest was meine To-do-Liste betrifft. Dann frage ich die Herzdame, was heute dran ist. Der Rest fügt sich dann. Das Leben ist ein langer, ruhiger Terminkalender, und ich muss ihn nicht führen.
Und, fast noch besser: Weil alle Frauen im Netzwerk alle Daten und alle Faktoren ständig parat haben, muss ich nicht einmal unbedingt die Herzdame fragen. Ich kann mich an irgendeine Frau wenden. Wenn ich zufällig einmal planlos irgendwo in der Gegend herumstehe, kann ich eine der Freundinnen der Herzdame fragen, ob ich demnächst einen Termin habe. Keine der Damen wundert sich über die Frage, sie sagen mir dann sehr ernsthaft, dass ich jetzt gerade noch zwei Stunden an den Schreibtisch gehen könne, bis die Herzdame mich wieder auf dem Spielplatz erwarte. Und ich solle besser noch Koffer packen, denn am Wochenende sei ein Ausflug aufs Land dran, das hätte ich ja sicher vergessen. Und dann gehe ich beruhigt arbeiten, denn ich weiß – sie haben Recht.
Sie haben Recht, sie sind Frauen, sie sind unfehlbar. Aber nur, bis ich das alles in Excel fertig verformelt habe. Dann bin ich sicher besser als sie, denn ich mache so etwas ja quasi beruflich. Ich müsste nur mal fragen, wann ich dazu kommen kann.
Apr
Dialog am Abend
by Maximilian Buddenbohm in
Ich: “Na, mit was für einem Boot spielst Du denn da?”
Sohn I: “Das ist eine Fischkutterin.”
Ich bin ja sehr gespannt, ob er das in der Grundschule auch mit einem großen I hinten schreiben wird.











