Hier erscheinen kaum noch lustige Familientexte wie in früheren Jahren, manche werden es vielleicht bedauern. Aber das geht nicht mehr so leicht, weil die Söhne mittlerweile ein Alter erreicht haben, in dem ihre Mitschülerinnen und Mitschüler möglicherweise manchmal mitlesen, das müsste dann bei jedem Satz, bei jeder Formulierung sorgsam bedacht werden. Außerdem kann ich generell nicht mehr über sie schreiben, ohne sie vorher zu fragen, diese Abstimmung würde uns aber endlos Zeit kosten, ich schaffe das ja mit der Herzdame schon kaum. Viele Pointen landen deswegen mittlerweile eher auf Twitter als im Blog, weil man einen knappen Satz sehr wohl zwischen Tür und Angel abstimmen kann, einen langen Text aber nicht.

Vielleicht muss ich jetzt ein wenig umdenken, vielleicht sollte ich mehr und deutlicher aus der Elternperspektive heraus schreiben, wobei die Kinder dann nur noch Stichwortgeber und Nebenfiguren sind. Ich probiere das einmal an einem zwar wahren, aber auch furchtbar albernen Beispiel, bitte, ich habe Sie gewarnt. Ich seziere kurz eine abendliche Situation um ein Stichwort herum, es geht mir im Grunde nur darum, was man als Elternteil alles in welch kurzer Zeit denken kann, der Rest ist bloßes Beiwerk.

Was das Kind gesagt hat:

Die Familie sitzt beim Abendessen, es ist laut und wuselig, alle reden durcheinander, Gläser kippen, Geschirr klirrt, Besteck klappert, es ist alles wie immer, als mich Sohn I ohne jeden Zusammenhang mit irgendwas fragt: “Papa, darf ich Schaben?”

Was ich gedacht habe:

Man hat als Vater natürlich nur begrenzt Zeit, eine Kinderfrage zu durchdenken und ebenso sinnvoll wie pädagogisch wertvoll zu beantworten, man hat etwa drei Sekunden, wenn überhaupt. Danach denken Kinder schon, man würde nichts sagen wollen, dann wird es aber brandgefährlich, denn in der Erziehung gilt Schweigen bekanntlich als Zustimmung: “Du hast nicht nein gesagt!” Drei Sekunden also. Maximal. In diesen drei Sekunden ratterte in meinem Kopf in etwa Folgendes durch, und es liest sich nur so, als könne das nicht in diese Zeitspanne passen, das geht sehr wohl: “Schaben sind Kakerlaken, warum sagt der jetzt aber Schaben, wie im Biolehrbuch? Da steckt doch bestimmt wieder die Schule dahinter, das ist womöglich Sachkunde und die haben da Schaben im Terrarium oder so etwas, das würde mich überhaupt nicht wundern bei den ambitionierten Grundschulen heutzutage, kleine Forscher und so, das kennt man ja. Schaben sind doch Kakerlaken, sind sie nicht? Oder gibt es am Ende fundamentale Unterschiede, Schnittmengen, Teilmengen, was weiß ich? Was man alles nicht weiß! Später mal googeln, das! Oder hat jemand aus seinem Freundeskreis Schaben, manche züchten die vielleicht als Futter für andere Tierchen, Chamäleönner etwa, deren richtiger Plural natürlich anders lautet, aber ich kann ja wohl immer noch denken, was ich will. Oder ist die Sehnsucht nach einem Haustier mittlerweile so groß, verzehrt sich das arme Kind schon so sehr nach einem kleinen und von mir und der Herzdame stets verweigerten Freund, dass jetzt sogar schon Insekten in Betracht kommen? Kann man Schaben zähmen, gibt es possierliche Sorten? Und was braucht man für die, so einen großen Glaskasten? Da könnten wir nach Lübeck fahren und bei meinem Bruder einen erwerben, das wäre eigentlich sogar nett, hurra, ein Ausflug. Und dann hat man nach drei Wochen 500 Schaben, wie bei Hamstern, na super. Dann braucht man plötzlich dringend ein Chamäleon. Oder ist das mit den Schaben bei den Jungs in den dritten Klassen gerade in und ich bekomme wieder nichts mit, weil ich nie irgendwem zuhöre, sondern dauernd über Blogbeiträge nachdenke? Wir hatten damals ja noch Urzeitkrebse, das fanden unsere Eltern vielleicht auch absurd, das weiß ich gar nicht mehr. Oder sammeln die Kinder jetzt vielleicht Schaben, nicht mehr Pokémonkarten? Und wo überhaupt gibt es Schaben, die kann man doch nicht in der Zoohandlung kaufen? Wobei, was weiß ich schon von Zoohandlungen? Ich wüsste nicht einmal, wo eine ist. Keine Ahnung. Früher gab es mehr Zoohandlungen. Und bessere Butter.“ 

Was ich nach diesem blitzartigen und doch einigermaßen gründlichen Nachdenken in routinierter Eloquenz geantwortet habe:

“Hä?”

Was das Kind gemeint hat:

“Papa, darf ich schaben?”

Denn es ist ja so, man hört Groß- und Kleinschreibung einfach nicht. Das gute Kind wollte nicht Schaben, sondern schaben. Mit dem Ceranfeldschaber auf dem Herd, den ich bei der Zubereitung des Essens prächtig eingesaut hatte. Worauf beide Kinder übrigens ab und zu hoffen, denn das anschließende Schaben, witzigerweise jetzt wieder großgeschrieben, gilt hier, warum auch immer, als Hauptspaß für den vergnügungssüchtigen Nachwuchs. Was man vermutlich nur mit der berühmten Tomsawyeranstreichlogik erklären kann, yeah, ich darf schaben, jetzt wieder kleingeschrieben, es ist wirklich kompliziert. Ich kann mich allerdings nicht erinnern, dass mich jemals ein Kind um Erlaubnis gefragt hat. Bisher haben sie immer einfach gemacht, also nachdem sie sich um den Schaber geprügelt haben, versteht sich.

Und dann durfte der Sohn jedenfalls schaben, eh klar. Ich ging aus prinzipiellen Gründen googeln und weiß jetzt sehr viel über Schaben. Warum auch nicht. Man wird eben nicht dümmer durch Kinder. Im Gegenteil, man weiß mit den Jahren immer mehr und denkt immer schneller.

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