Timm Thaler

Timm Thaler, das Kinderbuch von James Krüss, ist neu verfilmt worden, man kann sich das Ergebnis gerade im Kino ansehen. Der Film ist glänzend besetzt, im Grunde hat man schon deswegen Spaß, weil man dauernd jemanden erkennt, das geht übrigens auch den Kindern schon teilweise so. Wir waren mit vier Erwachsenen und fünf Kindern im Kino. Fünf Kinder fanden den Film langweilig bis “so mittel”, vier Erwachsene fanden ihn ganz nett bis „sehr gute Unterhaltung“. Ich setze die Geschichte von Timm Thaler unter uns Möchtegernbildungsbürgern mal als bekannt voraus, Rezensionen kann man woanders nachlesen, ich möchte nur kurz schildern, was mir am Rande auffiel.

Die von den Kindern wahrgenommene Langeweile liegt an einem etwas ruhigen Fluss der Erzählung. Dafür kann der Film eigentlich nichts, die Ruhe ist schon in Ordnung und auch passend, dafür können aber alle anderen Filme etwas. Denn die meisten oder doch sehr viele Kinderfilme sind nun einmal eher hektisch. Ich finde das natürlich schade, ich kann mit langsamen Erzählungen und weniger als -zig Schnitten pro Minute noch umgehen, aber ich bin ja auch nicht die Zielgruppe. Oder doch nur sekundär. Anders ausgedrückt – ohne Kinder wäre mir die Langsamkeit des Films gar nicht aufgefallen. Ich fand ihn am Ende sogar etwas zu schnell. Wie die Kinder von heute wohl später einen grandios langsamen Filmanfang wie in “Spiel mir das Lied vom Tod” oder ähnlichen Klassikern finden? Vermutlich schlafen sie nach zehn Minuten ein.

Für Menschen, die viel Wert auf Ausstattung und Kostüme legen, also für Menschen wie mich, geht es bei Timm Thaler etwas sehr durcheinanderig zu. Die Mode und die Kulissen meinen die Zwanziger, zwischendurch driftet es aber, besonders wenn es teuflisch zugeht und die Hilfskräfte des Bösen nachts auf Motorrädern durch die Szene brausen, recht deutlich plötzlich in die Achtziger oder in beliebige James-Bond-Filme, das habe ich nicht verstanden. Aber ich bin auch im Kino und im Theater ein krückstockfuchtelnder Ausstattungsspießer.

Die Kinder wiederum haben über die Sache mit der Wette gestaunt, dafür kann der Film wieder nix. Wenn nämlich Timm sein Lachen beim Teufel persönlich dagegen eintauscht, künftig jede Wette garantiert zu gewinnen – dann ist es doch pappeinfach, auf eine Wette zu kommen, mit der man diesen Plan durchkreuzen kann? Und nicht nur diesen einen Plan, sondern gleich noch ein paar andere? Sie kamen gleich auf mehrere Optionen, da hätte es dann übrigens auch keinen toten Vater mehr gegeben, wenn man schon dabei ist, logisch. Und nun weiß ich gar nicht recht – kam ich da als Kind damals auch drauf, als ich das Buch gelesen habe? Als ich später die Serie gesehen habe? Oder hab ich alles eher einfach so hingenommen? Hat das Buch da eine erhebliche Schwäche in der Konstruktion oder sind Kinder heute schlauer, pragmatischer, einfach weniger leicht zu beeindrucken, als wir es wohl noch waren? So leicht würde der Teufel den Nachwuchs heute mit einem so simplen Trick jedenfalls nicht reinlegen können.

Wobei, das wurde mir dann erst im Gespräch nach dem Film klar, meine Generation mit dem Teufel selbst noch mehr Inhalt verbunden hat. Da müsste man vermutlich kulturgeschichtlich weit ausholen, aber offensichtlich ist es so, dass der Teufel als Inbegriff des Bösen, als höllisches Drohszenario und Fürst der Finsternis, als Gottseibeiuns mit Heulen und Zähneklappern einfach nicht mehr recht zieht. Wir entfernen uns immer mehr von der Zeit, in der Märchen und andere uralte Geschichten noch abends am langsam ausgehenden Kaminfeuer erzählt oder vorgelesen wurden, während draußen die Wölfe am Waldrand heulten und der aufbrisende Wind mit den klappernden Fensterläden am Haus spielte, die im Licht des Vollmonds gespenstische Schatten an die Wand über dem Bettchen warfen, in dem die Kinder bebend lagen, Stoßgebete murmelnd und sich aneinander klammernd. Das war in meiner Kindheit schon weit weg, es rückt natürlich mit jeder Generation immer weiter von uns. Mittlerweile haben sich so viele Horrorfilmbösewichte in Zeichentrick-, Sammelkarten- oder Plüschpuppenversionen in den Kinderzimmern angesiedelt, da muss man schon etwas auffahren, um noch wohliges oder wirklich furchtsames Schaudern zu erzeugen. Der Teufel jedenfalls ist heute eher eine der Figuren aus dem Kasperletheater, und das ist nun einmal albern und etwas für kleinere Kinder. Da hat sich etwas verschoben, das Böse ist heute anderswo, es ist nicht mehr unten in der Hölle. Auch interessant. Wenn im Film klar wird, was dann mit gesenkter Stimme zögernd geraunt wird, nämlich dass der Baron Lefuet ja rückwärts gelesen – oha! Dann ist das bei heutigen Kindern einfach kein nennenswerter Effekt mehr.

Schön war aber, dass man im Kinosaal genau merkte, wer wie alt ist. Als nämlich Thommy Ohrner einen kurzen Auftritt hatte, hörte man von den Plätzen der Älteren ein gezischtes “Ha, da isser doch!” Und als Antwort der Jüngeren natürlich ein komplett ratloses “Hä? Wer?”

Schön auch, dass der Gruselfaktor mit Kostüm- und Bühnenzauber und filmischen special effects für Sieben- bis etwa Zehnjährige dann doch genau richtig war. Als der Teufel sich am Schluß der Handlung endlich doch noch zu Horrorfilmhöhen aufschwang und so ernsthaft böse wurde, wie es sich für den Herrn nun einmal standesgemäß gehört, da waren es die genau richtigen Effekte für das Alter der Zielgruppe, das muss man auch anerkennen. Denn leicht zu treffen ist das sicher nicht. So gruselig, dass dann doch ein deutlicher Nervenkitzel entsteht und der eine oder andere sich lieber etwas am Kinositz oder an den Eltern festhält, aber nicht so gruselig, dass die Kinder wochenlang von finsteren Träumen verfolgt werden und abends doch lieber wieder bei den Eltern schlafen gehen. Perfekt.

Schade schließlich, da bin ich bei eigenem Verschulden, dass wir es hier nicht geschafft haben, das Buch vorher zu lesen. Andere Krüss-Bücher waren in den letzten Jahren im Bettkantenprogramm dabei, dieses leider nicht. Wobei die Handlung des Films dann doch so stark abweicht (für Kenner – es fehlt der Reiseteil, es fehlt Hamburg, es fehlt der spätere Timm), man könnte fast noch einmal darüber nachdenken. Oder wetten, dass man es noch liest ….

(Regie: Andreas Dresen, mit Arved Friese, Justus von Dohnanyi, Jule Hermann, Charly Hübner, Axel Prahl, Nadja Uhl, Fritzi Haberlandt und anderen)