Was schön war

Ich bin oft in der Hamburger Zentralbücherei, meistens aber nur in der riesigen Kinderabteilung im Erdgeschoss. Neulich war ich auch einmal in den oberen Etagen, weil Sohn II einen Regalmeter Hundertwasser zu Studienzwecken benötigte, er malt gerade kleinteilig. So etwas macht man als bildungsbürgerlich sein wollender Vater natürlich gerne. Ich gehe also durch die oberen Stockwerke, ich suche die Kunstabteilung. Die Zeiten, in denen ich mich in der Zentralbücherei wirklich gut auskannte, sie sind lange vorbei, das war damals im Studium, da habe ich da auch kurz gearbeitet. Ich bin etwas überrascht, wie voll das Haus ist, das merkt man gar nicht, wenn man immer nur unten durchgeht. Überall sitzen Menschen vor Notebooks, Büchern, Magazinen, Zeitungen, Noten, Tablets, Smartphones. Oder vor anderen Menschen. Da werden Vokabelkärtchen geschrieben und abgefragt, da werden Präsentationen zusammengeklickt, Lerngespräche geführt, da wird Deutsch gelernt. Und zwei unterhalten sich im Treppenhaus unangemessen laut über irgendwelche Drachen aus einer Fantasy-Reihe, völlig absurdes Fachwissen. Sie werden immer noch lauter, denn beide wissen besser, sie stehen mit erhobenen Zeigefingern voreinander und erklären sich irgendwelche Mischwesen. “Doch” , sagt der eine gerade, “dohoch! Kannste ja nachlesen! Unten Menschenkörper!”

In der Kunstabteilung steht ein älterer Herr am Regal vor Hundertwasser, grauer Pullunder, dürre Gestalt, silbergefasste Brille, eisgraue Haare, er hat so eine Ausstrahlung, die mich an einen meiner Lateinlehrer erinnert. Das ist genau der Typ, der mich gleich nach der ACI-Konstruktion in diesem Satz im Lehrbuch fragen wird. Und er wird mich dann durchdringend über die Brille hinweg ansehen, immer weiter ansehen und dann irgendwann den Kopf bedauernd schütteln und den nächsten aufrufen. Ich gehe schnell weiter und gucke erst einmal bei Klimt, der malte auch so kleinteilig, das passt schon. Ich weiß das mit dem ACI eh nicht mehr, wenn ich es überhaupt je gewusst habe, so sicher bin ich mir da nicht, meine Lateinnoten waren nie überragend. Ich mochte immer nur die Vokabeln, aber die Grammatik, meine Güte. Ich treffe dauernd solche Typen, dünne, graue und ältere Herren mit Brille, und immer denke ich: “Oh verdammt, die ACI-Konstruktion”, so wirkt Schule nach. Vielleicht sollte ich sie einfach mal lernen, diese Konstruktion, so schwer kann das doch nicht sein, mit dreißig Jahren Abstand. In der Wikipedia sieht das übrigens gar nicht so schwer aus, sehe ich gerade. Manchmal möchte man sein jüngeres Ich am liebsten kurz beiseite nehmen und fragen: “Mensch, was hast du denn?”

Eine Dame mit Perlenkette und dunkelblauem Kostüm fragt eine Bibliothekarin, ob das gewaltig dicke Buch in ihrer Hand denn auch wirklich DAS Buch über die Geschichte der Porträtmalerei sei. Die Bibliothekarin sagt leise: “Ja, das ist DAS Buch.”

An einem Tisch sitzt ein Mann, bei dem ich zweimal hinsehe. Auf den ersten Blick einer der Obdachlosen vom Hauptbahnhofsvorplatz, auf den zweiten Blick dann vielleicht doch nicht, er hat diese Art der Verwahrlosung, bei der man nicht recht weiß, ob sie auf Genie und Kreativität oder auf Alkoholismus und Nächte auf der Straße hinweist. Wirres und ziemlich langes Haar, struppiger Bart, ein Mantel, der schon bessere Jahre erlebt hat. Aber er ist doch noch halbwegs in Ordnung, der Mantel. Da sind einfach ein paar Flecken mehr drauf, als man sich selbst auf seiner Kleidung durchgehen lassen würde, aber das muss ja nichts beweisen. Harry Rowohlt konnte so aussehen, so auf der Grenze zwischen den Zuständen, vielleicht nur etwas seltsam und exzentrisch, vielleicht schon im Problembereich. Vielleicht ein Professor, ein Philosoph, ein Künstler, schlauer als wir alle. Vielleicht aber auch gleich auf dem Weg zum Kiosk, mehr billigen Schnaps kaufen. Man weiß es nicht.

Vor ihm jedenfalls ein Bücherstapel, ich kann nicht erkennen, zu welchem Thema. Voluminöse Bücher, Nachschlagewerke oder so etwas. Auf den Büchern, an den Büchern, zwischen den Büchern, auf dem Tisch: gelbe Haftnotizen. Nicht nur ein paar Zettel, das ist eher schon eine Zettelarmee, die da den Tisch eingenommen hat. Alle sind sie randvoll mit Kuli beschrieben. Der Mann produziert gerade noch weitere von diesen Zetteln, den Kopf in die linke Hand gestützt, mit der rechten immer weiter schreibend. Dann klebt er den Zettel auf eine Seite, klappt das Buch zu, nimmt das nächste Buch und den nächsten Zettel. Hinten am Tisch fallen beim Verschieben der Bücher Zettel zu Boden, da liegen auch schon einige. Beschriebene Zettel sind das da auf dem Boden, die sich leicht bewegen, wenn jemand vorbeigeht. Vielleicht sammelt er sie später wieder ein, vielleicht sind sie abgearbeitet und egal. Vielleicht sind auch alle Zettel sofort egal, nachdem er sie beschrieben hat. Vielleicht steht überhaupt nur Unsinn drauf. Vielleicht sind es die Grundlagen seiner späten Doktorarbeit, vielleicht sind es Überlegungen zur Weltformel, zu Keynes, zu Epikur, zu Gott weiß was, genau, zu Gott womöglich auch, warum denn nicht, er sitzt da ja wie Hieronymus im Gehäus. Der Blick des Mannes kann als alttestamentarisch durchgehen, was auch immer er da macht, es ist definitiv eine ernste Angelegenheit. Und ich finde es schön, dass man das nicht deuten kann, was da vorgeht, das Bild bleibt unklar. Da sitzt eben einer und arbeitet. Irgendwie. Er ist zerstreut, irre oder nur ein wenig seltsam und ungepflegt, egal.

Der Mann greift jetzt wieder über den Tisch nach einem neuen Buch, mehrere Zettel werden dabei vom Ärmel des Mantels weggefegt und segeln zu Boden, es interessiert ihn nicht, er sieht nicht einmal hin. Er schlägt das Buch auf, blättert und schreibt schon den nächsten Zettel voll, murmelt lautlos und erklärt sich dabei womöglich irgendwas, die Lyrik der Romantik, die Liebe bei Shakespeare oder die Ausdehnung des Universums vielleicht. Oder die ACI-Konstruktion im Lateinischen. Ich bin ja sicher auch nicht der einzige Mensch mit Folgeschäden.