Beifang vom 28.02.2017

Anne Schüßler über die Benachrichtigungen auf dem Handy. Ich habe da vor einiger Zeit fast alles abgestellt, ich bekomme nur noch Blogkommentare von WordPress und Mitteilungen über Naturkatastrophen und Großbrände angezeigt, das kommt alles nicht so wahnsinnig häufig vor. Alles andere schweigt – und das war tatsächlich eine erstaunlich große Befreiung, das hätte ich viel früher so einstellen sollen. Es gibt überhaupt keinen Grund, auf irgendetwas sofort zu reagieren.

Es gibt jetzt eine Ausgabe “Sämtliche Gedichte” von Peter Rühmkorf.

Ich lese gerade “Alle Eulen” von Filip Florian. Aus dem Rumänischen von Georg Aescht. Es gibt hier eine wunderbare Rezension dazu. Ich bin noch im ersten Drittel, es kommt mir aber jetzt schon empfehlenswert vor.

Ein Interview mit Madeleine Albright über ihren Lebensweg und natürlich auch über den so-called President.

Ein Nachruf kann auch lesenswert sein, wenn man die Person überhaupt nicht kennt (via Claudine auf Twitter).

Außerdem habe ich gestern etwas gelernt, und Sie wissen das ja vielleicht auch nicht, deswegen breite ich das mal kurz aus. Der Song “Killing me softly”, den man vermutlich am ehesten in den legendären Versionen von Roberta Flack und The Fugees kennt, bezieht sich auf den Sänger Don McLean. Die Sängerin Lori Lieberman, die die Idee zum Song hatte, hat ihn das folgende Lied singen hören, das man unten im Clip sieht. In Zusammenarbeit mit dem Texter Norman Gimbel, der wiederum auch “The girl from Ipanema” geschrieben hat, entstand dann daraus “Killing me softly”.
Das Stück von Don McLean klingt zwischendurch manchmal so, als würden seine großen Erfolge darin anklingen, “Vincent” (das Lied über Van Gogh) und natürlich “American Pie”, es sind sehr ähnliche Tonfolgen darin. Und wenn man erst einmal soweit ist, kann man sich auch gleich das ganze Album “American Pie” noch einmal anhören, das ist dann ziemlich interessant.

Und jene Lori Lieberman, die erste Interpretin und Ideengeberin von “Killing me softly”, ist diese Dame hier.

Beifang vom 27.02.2017

Bereits am Wochenende hatte ich bei der GLS Bank vier Links, darunter der älteste, den ich überhaupt noch  auf Vorrat hatte. Das ist der über die Straßenbäume und ich finde das Thema großartig. Ein wunderbares Beispiel für völlig unerwartete Komplikationen.

Hier geht es ausführlich um die erste LP von George Harrison nach dem Ende der Beatles. Ich mag solche gründlichen Besprechungen historischer Platten, ich mag sie sogar dann, wenn mir die Namen der Beteiligten reihenweise gar nichts sagen, was hier allerdings gar nicht der Fall ist. Das Album “All things must pass” ist auch auf Spotify verfügbar. Ich mochte das eher schlichte “Beware of darkness” und glaube, ich kannte es überhaupt nicht.

Noch einmal eine ganze Reihe Podcastempfehlungen. Ich mache fleißig Bookmarks – für was weiß ich wann.

Elisabeth Rank über das Herumliegen

Frédéric Valin über das Herumfahren in Taxis .

Bei Kiki wird es Frühling.

Ich habe neulich über ein Stück von George Michael geschrieben, danach habe ich natürlich, Junkie der ich bin, auf Youtube weiter herumgeklickt und das hier gefunden. George Michael covert Roberta Flack, deren Version, eh klar, auch schon ein Cover war. Die erste Version des Liedes war von Peggy Seeger und ist, wenn man die Coverversionen kennt, nicht mehr gut zu ertragen. Wobei das Stück wohl keiner jemals so endgültig gesungen hat wie Johnny Cash, aber das war eben auch eine Frage des Alters. Hier jedenfalls die Version von George Michael.

Was schön war

Ich war mit den Söhnen im Kino, bzw. im und doch nur vor dem Kino. Denn mittlerweile sind sie so groß, dass man nicht mehr zwingend mit reingehen muss. Man kann sie einfach hinbringen, ihnen Karten kaufen und Popcorngeld geben und sie dann später wieder abholen. Das ist bei manchen Filmen auch sehr gut so, diese Lego-Filme etwa interessieren mich überhaupt nicht. Demnächst gehen wir in die neue Verfilmung von Timm Thaler, da gehe ich dann auch gerne wieder mit rein, aber es ist doch befreiend, es nicht mehr in jedem Fall zu müssen. Die Interessen, sie sind eben verschieden.

Allerdings schien mir Sohn II vor Beginn der Vorstellung etwas müde zu sein, und bei müden Kindern weiß man nie. Ich fand es daher sicherer, direkt vor dem Kinosaal zu warten und mich nicht allzu weit zu entfernen. Das war in einem großen Kino mit -zig Sälen. Direkt vor dem Raum, in dem der Film für die Söhne lief, war der Einstieg zur großen Röhrenrutsche, durch welche die zahllos herumwuselnden Kinder etliche Meter abwärts rutschen konnten, um dann laut johlend die Treppen wieder hochzurasen, noch einmal zu rutschen und immer so weiter, bis auch ihr Film irgendwann anfing und sie so viel Sport getrieben hatten wie ich in einem Monat. Ich saß da also auf einem Barhocker, ich kaufte mir kein Getränk, ich kaufte mir kein Popcorn. Ich stand nur eine Weile kopfschüttelnd vor den Preisen und fühlte mich alt, das war doch früher alles nicht so flughafenbaselmäßig teuer? Und dann saß ich da eben einfach herum, so ein Spielfilm dauert eine Weile, mit der ganzen Werbung davor und all den Trailern.

Ein paar Meter weiter bedrängten Kinder ihre Eltern, weil sie unbedingt die allergrößten Popcorneimer haben wollten, noch eine Limo, noch mehr Weingummi, noch ein Eis. Direkt neben mir versuchten Mütter und Väter den Rutschverkehr zu regeln, Schuhe an- und auszuziehen und Kinder zu trösten, die auf der Rutsche mit anderen Kindern kollidiert waren. Überall verstreutes Popcorn in rauen Mengen auf der Auslegeware, darüber jagten ab und zu Kinder, die aus einem der Kinosäle geschossen kamen und zu den Toiletten rannten, so schnell es nur irgend ging. Bloß nichts verpassen! Nach kurzer Zeit, nach einer Minute allerhöchstens, jagten sie schon wieder zurück in die Filmvorführung. Die Söhne waren nicht zu sehen, kamen nicht heraus, ich wurde nicht gebraucht.

Ich hatte ein Buch dabei, ich las ein paar Seiten. Ich guckte kurz aufs Handy, dann steckte ich Handy und Buch doch wieder weg. Draußen fing es an zu regnen, die Passanten wurden schneller. Die Schillerstatue vor dem Kino wurde nass und verfärbte sich. Sohn II hatte vor Beginn der Vorstellung zu Füßen des Dichters die Schätze versteckt, die er auf dem Weg zum Kino gefunden hatte: Kastanien, eine große Schraube, ein altes eisernes Türscharnier, den Holzstab einer Feuerwerksrakete. Schiller sah stoisch darüber hinweg, dass da einer vor ihm im Grünzeug herumwühlte.

Ab und zu leerte sich das Foyer des Kinos und alle verschwanden nach und nach in Vorführungen, aber dann kam bald schon wieder eine neue Welle von Besuchern. Rutschende Kinder, kauende Kinder, kreischende Kinder, weinende Kinder, lachende Kinder. Bezahlende Eltern, herumkommandierende Eltern, scheuchende Eltern, da rein, hier entlang, weg da, komm her, was hast du denn jetzt schon wieder?

Das ging mich alles nichts an. Das störte mich auch nicht. Neun Jahre mit Kindern haben auch Vorteile, ich kann so etwas mittlerweile gut ausblenden. Ich saß da einfach nur, guckte in die Gegend und machte überhaupt nichts. Ich machte mir nicht einmal schlau sein sollende Gedanken, ich sah auch nicht genau hin, um irgendetwas mitzubekommen und später vielleicht darüber zu schreiben. Ich sah einfach nur in die Gegend, durch das Fenster und auf den unfassbar vollgekrümelten Boden, ich wartete darauf, dass die Zeit sich ein wenig ausbeulte. Das tat sie nach einer Weile tatsächlich, wenn auch nicht mehr so deutlich wie früher. Wenn man sich  an die lähmende Kinderlangeweile erinnert, die meine Generation ja noch gründlich kennt – wie unfassbar lang, grau und betondick die Zeit damals manchmal wurde! Wie unüberwindlich ewig mir da manchmal eine Schulstunde schien, in der ich vor den Blicken der Chemielehrerin in Deckung ging. Und wie grotesk lang erst ein vollkommen ereignisloser Sonntag im November an der menschenleeren Ostseeküste war. So lang, dass ich alle Schallplatten im Regal der Mutter gleich mehrfach durchhören konnte, von Percy Sledge zu Degenhardt und Elvis und zurück, und jedes verdammte Lied dauerte endlos lange. Solche fantastischen Längen bekomme ich heute natürlich nicht mehr hin, das ist auch eine Frage des Alters.

Aber ein ganz wenig langsamer wurde die Zeit dann doch endlich, nach etwa einer Stunde. Ich brauche heute etwas Anlaufzeit dafür, ich bin etwas ungeübt, und natürlich wirkte das auch nur eine halbe Stunde, wenn überhaupt so lange, vielleicht waren es nur magere zehn Minuten. Das war aber immerhin ein schönes Gefühl, kurz mal die Zeit anzuhalten. Ich habe mich nicht vom Fleck bewegt und sicherheitshalber gleich überhaupt nicht mehr gerührt, auf diesem Kinofoyerbarhocker direkt vor dem Riesenfenster, über das quer Tausende Regentropfen liefen, neben der rege genutzten Rutsche, hinter der Ausgabestelle für maßlos teures, zu süßes oder zu salziges Popcorn und neben dem Kinosaal, in dem sich die Söhne vermutlich prächtig amüsierten.

Dieser Moment hat mich jedenfalls wieder daran erinnert, dass ich schon seit geraumer Zeit gerne mal einen ganzen Tag lang nichts machen möchte. Also nichts im Sinne von gar nichts. Höchstens zugucken, wie sich das Tageslicht verändert, mehr wirklich nicht. Wie seltsam schwer das einzurichten ist.

Gelesen – Roger Willemsen: Deutschlandreise

Roger Willemsen fährt mit dem Zug durch Deutschland, steigt hier und da mal aus und stellt sich in die Gegend oder setzt sich in die Bahnhofskneipe, ins Bordell oder sonstwohin. Guckt zu und schreibt mit, denkt herum und fährt weiter. Das Buch erschien zuerst 2002, ist also mittlerweile als historisch zu betrachten. Und wenn man z.B. die Passagen liest, die im Osten oder in Bayern spielen, dann merkt man, dass Roger Willemsen verblüffend genau hingesehen hat und man merkt auch, wie vieles abzusehen war. Die Geschichte gab ihm Recht, und zwar geradezu unangenehm gründlich.

Wirklich schlimm ist aber, dass man bei der Lektüre allzu leicht eine Art Fernweh für den Nahbereich bekommt. Man möchte auch so in einen Zug steigen, in irgendeinen, losfahren, irgendwo mal irgendwas nachsehen, ohne den geringsten Plan zu haben. Leute, Orte und Zeugs ansehen, denken, träumen und vielleicht schreiben. Heute aus der Innenstadt von Mannheim, morgen von den Kreideklippen, den Zusammenhang suchen oder verneinen. Beobachten, was die Leute anziehen und was sie machen, zuhören, wie sie reden. Heimat erkunden oder verdrängen, neu lernen oder ignorieren – jedenfalls aber hinsehen. Doch, dazu bekommt man wirklich große Lust, wenn man dieses Buch liest. Aber man kommt ja zu nix.

Ich kaufe Bücher gerne gebraucht, ein Folgeschaden meiner Zeit als Verkäufer im Antiquariat. In diesem Exemplar hat jemand auf den ersten zwanzig Seiten schwierige Wörter angestrichen, “Pykniker” und “Promiskuität” etwa. Dann noch ein zaghaft-dünner Bleistiftstrich bei “makadamisiert”, dann keiner mehr. Aufgegeben? Ob das Schullektüre war? Man weiß es nicht. Ich fand die Lektüre jedenfalls lohnend und erhellend.

Beifang vom 23.02.2017

Fillon, Macron und die anderen” – es gibt ein Update aus Frankreich, nein, es gibt sogar zwei! Ich finde das dort immer sehr gelungen beschrieben. Dass Fillon aber wieder Chancen haben soll, dass er überhaupt weitermacht, ist es nicht einigermaßen erstaunlich?

Eine weitere Folge von “Was schön war” aus Köln. Da war ich auch schon verblüffend lange nicht mehr, es ist eigentlich schlimm, ich mag Köln. Aber im Moment möchte ich auch gar nicht hin, aus saisonalen Gründen.

In der Zeit geht es um Lindenberg, aber diesmal nicht um meinen Nachbarn, sondern um den Ort in Brandenburg. Diese Reihe in der Zeit war überhaupt eine gute Idee.

Und ich glaube, ich möchte jetzt eine Kuckucksuhr haben (Dank an Rebekka für den Link).

Hier einmal eine amüsante Variante der Folgen eines Copyright-Streits – ein Radiosender spielt nur noch Musik von vor 1946.

Aber nun noch ein wenig Musik von jungen Leuten. Ein höchst seltsamer Clip.