Lese weiter in Erich Mühsams Tagebuch.Der ist übrigens, das ist vielleicht gar nicht so bekannt, auch der Autor eines der schönsten Schüttelreime überhaupt, alle paar Jahre muss ich den zitieren:

“Der ist ein großer Schweinehund,

dem je der Sinn für Heine schwund.”

Ein Genuss, nicht wahr. Und man ist nicht selbst draufgekommen, warum denn bloß nicht? Der beißt einen doch förmlich? Nach Lektüre der Mühsamschen Schüttelreime geht man mit einer seltsamen Reimwortgier durch den Tag und grast Werbeplakate und alle möglichen Hinweisschilder nach Möglichkeiten ab. Bei mir war in letzter Zeit kein sensationeller Treffer dabei, aber ich jage weiter.

Im Tagebuch geht es gerade viel um den Tripper, der die ansonsten übliche erotische Freizügigkeit in seiner Szene einschränkt. Wobei es anscheinend als Kavaliersdelikt galt, sich auch infiziert zu amüsieren und dann gespannt abzuwarten, wen es darauf folgend im Freundeskreis traf, das wurde dann lapidar im Tagebuch notiert: “auch angesteckt”. Das war immerhin etwas harmloser als in Zeiten von AIDS, aber es ist doch eine unschöne Vorstellung.

Und dann ist man bei der Lektüre wieder dankbar, wie leicht man heute Texte veröffentlichen kann. Noch ein paar Zeilen und ich stelle den Artikel hier schlicht auf “online”, das war es, Sie können es dann lesen oder ignorieren, wie es beliebt. In den Zeiten von Erich Mühsam musste man dafür erst eine literarische oder sonstige Zeitschrift finden oder schnell selber eine mit möglichst kryptischem Titel gründen, man musste deren Druck vorfinanzieren, einige handverlesene und vor allem auch zahlungsfähige Abonnenten finden, sich mit potentiell beitragenden Freundinnen und Freunden herumschlagen, sich mit nicht zuhörenden Druckern auseinandersetzen, nachts noch schnell eine Ballade schreiben, um eine plötzlich leere Seite aufzufüllen oder andersherum den bräsigen Essay eines ansonsten guten Freundes mal eben rabiat halbieren weil einfach kein Platz mehr war, man musste sich mit anderen Freunden überwerfen, deren hektisch hingeschluderten Textschrott man dann leider doch nicht bringen wollte, man musste den Postversand der Einzelexemplare organisieren, auf lässig herabsetzende Kritiken in den Zeitungen und giftige Bemerkungen in den Cafés warten, jede Nacht inständig um mehr Abos beten … Wir haben es schon leicht, was das angeht.

Die Frage, ob man mit irgendwelchen Zeilen auch Geld verdienen kann, die ist allerdings geblieben. “Der Dalles”, wie der chronisch bankrotte und stets hoch verschuldete Mühsam das Geld nennt, ist heute immer noch ein Problem für schreibende Menschen aller Art, das ging gerade wieder durch die Feuilletons. Manche Traditionen müssen eben unbedingt gewahrt werden, ganz egal, wie weit die Technik voranschreitet. Aber man hat heute immerhin mehr Möglichkeiten, von Spendenbuttons, Affiliate Links, Werbung, Tipeee, Flattr und ähnlichen Diensten bis hin zum Sponsoring. Man hat sogar viel, viel mehr Möglichkeiten, das kann man bei der Lektüre solcher Tagebücher auch einmal wieder begeistert zur Kenntnis nehmen.

%d Bloggern gefällt das: