Ein paar Kategorien können hier etwas Wiederbelebung vertragen, beispielsweise die mit dem Titel “Hochgucken”.Da ging es um das, was man sieht, wenn man nicht auf sein Handy sieht, was sich besonders in Kassenschlangen, an Ampeln, auf Rolltreppen oder in der S-Bahn anbietet. Weswegen ich also morgens auf der Fahrt zur Arbeit wieder öfter Leute anstarre, nicht die Timelines. Gestern morgen hat die Dame, die mir in der S-Bahn gegenüber saß, ihren Coffee-to-go-Becher hochgehoben, an ihr Ohr gehalten, eine Weile gelauscht und dann lächelnd genickt. Das war eine ganz normale Dame, Business-Outfit, Notebooktasche, Handtasche, alles eher etwas schicker als der Durchschnitt. Ich selbst hatte keinen Kaffeebecher zur Hand, ich kaufe ja seit einer Weile keinen Mitnehmkaffee mehr, weil Umwelt. Stimmt gar nicht, zwischen den Jahren habe ich mir doch einmal einen gekauft, aber das war nur ein kleiner Rückfall, so etwas kommt vor, Raucher und Trinker verstehen das. Im Grunde bin ich clean.

Hätte ich aber einen Kaffeebecher in der Hand gehabt, ich wäre sehr in Versuchung gewesen, auch einmal kurz zu lauschen, man muss doch immer neugierig bleiben. Macht Kaffee im Becher überhaupt irgendein Geräusch? Platzen die feinen Milchschaumbläschen vielleicht leise ploppend, als würden winzigkleine Wesen genüsslich winzigkleine Luftpolsterfolienbläschen zerdrücken? Spricht der Kaffee auf diese Art flüsternd zu uns, wenn wir nur offen genug sind? Letztlich ist unsere Wahrnehmung bei so etwas eh nur ein Zucken des Unterbewusstseins, genau wie bei allen anderen Orakeln. Das funktioniert auf viele Arten, Kristallkugeln folgen auch nur diesem banalen Prinzip, man starrt ins Ungewisse und sieht irgendwann irgendwas, weil das Unterbewusstsein sich langweilt. Das wusste die Dame vielleicht, das gehört ja auch zur Allgemeinbildung. Und verrückt sah sie wirklich nicht aus, sie wirkte im Gegenteil ziemlich sortiert, wach und zurechnungsfähig.

Vielleicht brauchte sie nur gerade dringend eine Antwort auf etwas und hatte keine Münze, um sie zu werfen. Außerdem ist Münzenwerfen in der S-Bahn auch so eine Sache für sich, am Ende ruckelt die Bahn im falschen Moment, die Münze rollt durch den Wagen und man erregt unfreiwillig Aufsehen, dabei wollte man nur ganz simpel ein Ja oder ein Nein. Vielleicht war ihre Frage komplexer und nicht einfach mit zwei Möglichkeiten zu beantworten, so eine Münze ist eine Entscheidungshilfe mit begrenzten Möglichkeiten. Ein Becher, der irgendwas murmelt, wie früher die Bäche oder die raunenden Brunnen, der ist da schon ergiebiger, das kann man sich doch gut vorstellen. Und dass man am ersten Werktag des Jahres auf dem Weg ins Büro die eine oder andere nagende Frage in sich verspürt, das kann man sich auch gut vorstellen, das kann ich mir sogar sehr gut vorstellen. Als halbwegs phantasiebegabter Mensch verstand ich also die Dame nach einer Weile recht gut, man muss sich manchmal nur ein wenig einfühlen. Ich habe es jedenfalls bedauert, nicht auch spontan an einem Becher lauschen zu können.

Andererseits hätte es die Dame vielleicht gekränkt, wenn ich sie so mit dem Becher am Ohr nachgemacht hätte, das hätte auch wieder unangenehm werden können. Obwohl ich sie mit meinem eigenen Becher am Ohr natürlich nur in bester Absicht ausdrücklich ernstgenommen hätte, aber ach, das wäre alles kompliziert gewesen. Auch in dieser Hinsicht hat es sich bewährt, keinen Coffee-to-go mehr zu kaufen, das war ein guter Entschluss, der sei hier noch einmal zur Nachahmung empfohlen.

Neulich habe ich übrigens, jetzt folgt eine Erzählung, die sehr ausgedacht klingt, aber vollkommen wahr ist, irgendwo etwas über die Bibliomantie gelesen (in dem verlinkten Wikipedia-Artikel kommt das schöne Wort Homeromantie vor, ist das nicht toll? So ein großartiger Begriff.). Ich weiß gar nicht mehr, wie ich darauf kam, vermutlich durch die Bücher von Alberto Manguel, es fällt mir jedenfalls bei Orakeln gerade wieder ein. Bibliomantie, also das Wahrsagen oder Orakeln mit Büchern, ist im letzten Jahrhundert aus der Mode gekommen, das macht man heute nicht mehr.

Ich habe es nach der Lektüre natürlich dennoch sofort gemacht, ich funktioniere da verlässlich, ich mache jeden Unsinn mit, wenn ich dafür nicht vor die Tür muss. Da nichts anderes in der Nähe lag, schon gar kein Homer, habe ich einfach einen der hier überall herumfliegenden Comics von Sohn I an beliebiger Stelle aufgeschlagen, meinen Finger ohne hinzusehen auf die Seite gelegt und dann gelesen, was da stand. Und da stand, meine Damen und Herren, es ist wirklich wahr: “Die Bewegung zur Herstellung der Harmonie ist gescheitert.” Das war noch im Jahr 2016, an das wir uns alle so ungern erinnern, und es war ein wirklich passender Orakelspruch für dieses elende Jahr, wenn auch kein wahnsinnig hilfreicher. Aber damit gab es damals in Delphi auch schon immer Probleme.

Das mache ich 2017 jedenfalls nicht noch einmal, wollte ich sagen, so genau will ich es vorher gar nicht wissen. Sonst ist der Comic, den ich dann greife und aufschlage, nachher zufällig ein Lustiges Taschenbuch mit Donald Duck oder so, und in der Sprechblase,, auf die der Finger zeigt, steht nur irgendwas wie “Ächz” oder “Würg”. Und dann steht man schön blöd da mit seinem Orakelspruch für 2017.

Egal. Jetzt Brandsalbe aufs Ohr.

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