Fast schon eine Weihnachtsgeschichte. Passend dazu gibt es bei Isa ein Weihnachtslied. Mehr zu Tim Minchin hier.


Heute morgen war ich in einem ziemlich speziellen Supermarkt in unserem kleinen Bahnhofsviertel. Speziell ist er nicht wegen seines Angebotes, das ist ein ganz gewöhnlicher Discounter einer großen Kette. Speziell ist er, weil er die Grundversorgung der Alkoholikerszene vorm Hauptbahnhof sicherstellt, das kam hier schon einige Male vor. Man kann dort nicht ohne Begegnungen der besonderen Art einkaufen gehen. Manchmal sind die Szenen so schrecklich, wie man es sich bei dem Thema nur vorstellen kann, trostlos, bitter und bedrückend. Manchmal sind sie auch amüsant oder immerhin ganz nett. Die Wahrscheinlichkeit ist jedenfalls groß, dass die Menschen, die da an der Kasse vor oder hinter einem stehen, noch schlechter aussehen und drauf sind als man selbst. Je nach eigener Stimmung kann man das ja manchmal tröstlich finden. Im Grunde hat man sich trotz allem noch halbwegs im Griff, sogar im Jahr 2016, denkt man da vielleicht.

Der Herr, der heute dort hinter mir stand und eine große Flasche No-Name-Orangenlimonade sowie eine große Flasche Wodka kaufte, hatte jedenfalls eine wirklich beeindruckende und meterweit reichende Fahne, mit so etwas läuft man wohl nur herum, wenn man schon tagelang beinhart durchgesoffen hat. Er stand dennoch ziemlich gerade, sah sehr vergnügt aus und war einem kleinen Smalltalk nicht abgeneigt. Er kam aus London, und auf meine Frage, warum er in Hamburg sei, antwortete er freundlich: “Heavy drinking”, als sei das eine vollkommen normale und beruflich etablierte Angelegenheit, die einen von hier nach dort treibt, wie Handlungsreisen oder Kongresse. Ich erfuhr, dass man sich hier wesentlich billiger als in London betrinken kann, deswegen ist er irgendwann in dieser Stadt gelandet, ich konnte nicht verstehen, vor wie langer Zeit. “Do you want to go home again?” “I’m always too drunk to find my way back home. But that’s okay, I like Hamburg.”

Dann wechselte er den Tonfall und amüsierte sich mit plötzlich viel klarerer Artikulation über den bemerkenswert hässlichen Markt, in dem wir da standen. Dass diese Märkte alle so aussehen müssen in Deutschland! Er zeigte auf die Regale mit den aufgerissenen Kartons, auf das wild zerzauste Zeitschriftenregal, auf die Grabbeltische mit lädierter Ware, auf die Ständer mit grell ausgezeichneten Sonderangeboten, die so aufdringlich nah an der Kassenschlange aufgestellt waren. So billig und lieblos, das alles! In England machen sie das ja netter, mit der Deko und so, sagte er. Viel, viel netter.

“Have a nice day” sagte ich nach dem Bezahlen meines Familieneinkaufs und er antwortete, während er hinter der Kasse schon die Flasche aufdrehte: “I sure will have, my friend.” Ein leichtes Klopfen auf die Schulter, bye. Und deswegen gibt es hier heute zum Ende seines nice days noch eine alte Nummer von Tom Waits. Manchmal brauche ich etwas mehr Anlauf, pardon.

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