Es ist gerade erst etwas hell geworden, du machst das Fenster auf und steckst den Kopf raus. Die Wintermorgenluft fährt dir wie ein kalter, nasser Waschlappen durchs Gesicht. Alles ist grau und unerfreulich da draußen, kein Mensch ist zu sehen. Alles ist hässlich und grau in diesem Schlechtwetterlicht, unansehnlich und verbraucht, aber nicht mit diesem charmanten Used-Look verbraucht. Das ist nicht vintage, das ist einfach nur gammelig. Gammelige Häuser und Wege, da blättert die Farbe ab, da kommen Bodenplatten hoch, da liegt Hundescheiße. Man müsste schon eine beträchtliche Menge Schnee drüberstreuen, um wieder ein nettes Straßenbild vor sich zu haben. Es schneit aber nicht. Es ist auch gar nicht winterkalt, es ist einfach nur unerfreulich kalt.

Auf dem Spielplatz unter dem Fenster laufen Eichhörnchen hin und her, sammeln Nüsse und klettern Bäume hoch und runter. Halten zwischendurch kurz inne und sehen sich um, Näschen im Wind. Die sehen natürlich possierlich aus, wie sie da so Eichhörnchendinge treiben. Als Eichhörnchen kannste machen, was du willst, da biste immer possierlich, bei jedem Wetter, bei jeder Müdigkeit, in jeder Stimmung.

In den Zweigen im Gebüsch am Rand des Spielplatzes turnen zwei Meisen herum, die sind Kohl oder Blau, das weißt du schon wieder nicht, das kannst du dir einfach nicht merken. Du müsstest es googeln, dann wüsstest du es wieder einen Moment lang, aber eigentlich musst du überhaupt nichts. Macht ja auch keinen Unterschied, ob nun Kohl oder Blau, dazwischen liegen nur ein paar Buchstaben. Selbst wenn du das wüsstest, was da richtig ist, wüsstest du ja immer noch nicht, ob das überhaupt einen Unterschied macht. Leben die anders, die Kohl oder Blau? Wie? Und was würdest du mit der Erkenntnis anfangen? Das weißt du auch nicht, das müsstest du alles nachlesen, aber hey, bist du Ornithologe oder was. Du schüttelst den Kopf, trinkst einen Schluck Kaffee und kannst die Meisen auch einfach Meisen sein lassen.

Die Meisen sehen natürlich auch possierlich aus, wie sie da so Meisendinge zwischen den wippenden Zweigen treiben. Alle Lebewesen, die du da draußen siehst, sehen possierlich aus. Nur du nicht, wie du dich da so im Fensterglas spiegelst. Du bist nur teilweise draußen, nur mit deinem müden Kopf, den du durch das Fenster in den klatschnassen Morgen geschoben hast. Die Eichhörnchen sehen mit schiefgelegtem Kopf zu dir hoch, die Meisen sehen mit schiefgelegtem Kopf zu dir hoch, possierliches Tiergesindel beim Frühsport.

“Guck mal schnell”, sagt die eine Meise ganz leise zur anderen, “guck doch mal! Da ist ein Menschenmännchen am Fenster und guckt aus dem Bau! Ein altes Männchen, guck! Es legt den Kopf schief und guckt so herum, wie possierlich! Um diese Uhrzeit sieht man sie sonst kaum.” “Was für eine Menschenart ist das?” fragt die andere Meise. “Ein Belgier”, sagt die erste Meise, die einen leichten Hang zum Angeben hat. “Ich kann mir das nie merken”, sagt die Meise, die gefragt hat, kneift die Augen zusammen, sieht noch einmal genauer hin und schüttelt den Kopf. “Und jetzt ist er auch schon wieder weg.”

Du machst dir mehr Kaffee.

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