Endlich mal etwas Clickbaiting in der Überschrift, man will doch auch mit der Zeit gehen. Es geht aber natürlich nicht um die Blase im medizinischen Sinn, sondern um die gerade überall diskutierte Filter Bubble. Für Menschen ohne Interesse an sozialen Medien wird das Folgende eher langweilig, bitte gehen Sie weiter, es gibt nichts zu sehen.

Für alle anderen sehe ich mir die eigene Filterblase etwas genauer an, als Halbtagscontroller neige ich bei so etwas durch berufliche Schäden zum Nachzählen. Was kann ich dabei überhaupt zählen? Zum Beispiel die in meiner Blase geteilten Links. Ich habe bereits einmal über Nuzzel geschrieben, das Tool, mit dem ich meine Timelines auswerte und, nun ja, melke. Ich folge auf Twitter nicht nur den befreundeten Personen, ich folge auch selbstgebastelten Listen zu den Themen:

Hamburg und Nord (vor allem auch Schleswig-Holstein)

Feuilleton (Autoren, Verlage, Feuilletonisten …)

Wirtschaftsteil und Politik (Sozialpolitik, Nachhaltigkeit, Netzpolitik …)

Familie & Schule (ElternbloggerInnen, Erzieherinnen, Schulexperten, Lehrerinnen …)

Irgendwasmitmedien

Diese Listen umfassen nach höchst subjektiver Auswahl Menschen und Institutionen, die in den jeweiligen Bereichen tätig sind. Wenig überraschend ist die Auswahl dezent linksgrün, sozial und liberal geprägt, mit ein paar konservativen Einsprengseln und ausgeprägter Neigung zum Gutmenschentum. Und auch sonst folgt die Auswahl meinen Interessen, beim Feuilleton geht es also eher um Bücher als um die Oper. Nichts gegen Opern, aber so ist es nun einmal, ich bin eher Leser. Ich gebe mir keine Mühe, Personen oder Medien zu berücksichtigen, von denen mir spontan schlecht wird, also keine Bild, keine AfD etc. An Meinungsvielfalt ist da dennoch kein Mangel, finde ich, das Spektrum ist immer noch groß. Man muss natürlich im Kopf behalten, dass dies von allen Themen immer nur die Social-Media-Seite ist und ja, das ist tatsächlich klar einseitig. Irgendwas ist immer. Alle Listen sind in dauernder Bearbeitung, die Liste “Irgendwasmitmedien” umfasst mittlerweile mehr als 1.000 Personen, die anderen schraube ich alle nahe 500, so ist zumindest gerade die Tendenz. Inhaltlich entwickeln sie sich auch weiter, zu Schulthemen etwa suche ich gerade etwas intensiver nach weiteren Twitteraccounts, die da gut passen, weil das Thema für mich spannender wird.

Ich glaube übrigens, dass meine Auswahl an Personen für diese Listen in keinem Fall wahnsinnig originell ist (genau genommen kann ich das sogar nachweisen, aber das führt hier zu weit). Nur soviel – wer sich nicht gerade aus rabiat rechter Position für die oben genannten Themen interessiert, hat eine sehr hohe Chance, auf eine ganz ähnliche Quellenlage wie ich zu kommen. Oder noch einmal andersherum – wer mich auf Twitter, FB oder hier im Blog manchmal und irgendwie zu einem “Wir” zählt, der kann vermutlich in den sozialen Medien einen guten Teil der Links sehen, die ich auch sehe. Wobei ich mit diesen Links und deren Ernte durch den Wirtschaftsteil viel Zeit zubringe, andere natürlich nicht unbedingt, ich sehe also vielleicht ein paar mehr. Diese Links führen nicht zwingend zu den meistgelesenen Artikeln und sind auch nicht unbedingt die, die am meisten zur Meinungsbildung beitragen, aber es sind die mit der höchsten Chance, via Timeline wahrgenommen zu werden.

Ich sehe also jetzt einfach jeden Morgen nach, welche Artikel/Blogtexte/Meldungen die zehn am häufigsten verlinkten der letzten 24 Stunden waren und addiere diese Linkzahlen auf. Ganz einfach. Das mache ich nun seit einem Monat, jetzt gibt es den ersten Überblick, was da zusammenkommt. Methodisch ist das natürlich nicht das Gelbe vom Ei, mit Empirie hat das nichts zu tun, aber es ist für mich dennoch interessant und zeitlich machbar und besser als nichts. Eine kleine Spielerei am Rande.

Über Nuzzel kann man nicht nur auswerten, was die Personen teilen, denen man direkt folgt, man kann auch noch die Links der Freunde von Freunden dazu nehmen, das ergibt eine Art erweiterter Blase, und um die geht es jetzt erst einmal. In Kürze dann auch die Ergebnisse für die Fachthemenlisten.

Das mit Abstand am häufigsten verlinkte Medium in dieser allgemeinen Freundesgruppe ist SPON, das scheint also immer noch die Standard-Newsseite vieler User zu sein. Gerade bei beliebigen Meldungen, die alle Seiten bringen, wird oft erst einmal die SPON-Variante verlinkt, wodurch SPON mit erheblichem Abstand vor allen anderen Quellen liegt, daneben ist alles weit abgeschlagen, die erste andere deutsche News-Seite hat nur ein Drittel der Erwähnungen. Auf Platz zwei, das hätte man im Oktober sicher noch nicht erwartet, liegt aber schon die New York Times. Die Timelines nehmen wirklich engagiert Anteil an den Vorgängen in den USA. Dann folgen die üblichen Verdächtigen unter den deutschen Medien, nämlich SZ, Zeit, Welt, FAZ, in dieser Reihenfolge. Daraufhin Meedia, ich folge vergleichsweise vielen Journalisten, die dorthin auf Branchenmeldungen verlinken. Danach die Washington Post, noch einmal Amerika. Dann t3n, die hätte ich so hoch gar nicht vermutet. Es folgen der NDR als erstes öffentlich-rechtliches Medium (das liegt an Texten zu Norddeutschland und würde bei Bayern sicher anders ausfallen) und das erste Blog in der Reihe, nämlich Patricia Cammarata, die im letzten Monat ein paar mal aktuelle Themen aufgegriffen hat, das schlug ein. Weiter mit Uebermedien, der taz, Buzzfeed und diesem kleinen Buddenbohm-Blog hier (vielen Dank!). Danach The Intercept aus den USA, das hätte ich vor diesem Monat noch nicht einmal gekannt. Die Netzpolitik, der Tagesspiegel und dann das nächste Blog: der Familienbetrieb mit den erfolgreichen Tweetsammlungen. Dann Heise, da haben wir schon die ersten zwanzig Plätze voll. Die nächsten Blogs auf den folgenden Plätzen sind Frau Meike, Journelle, E13, Frau Nessy, Frauenmangel herrscht da nicht. Ziemlich weit oben auch noch The Guardian, an englischen Texten ist kein Mangel im Moment. Der Falter ist die erste Quelle aus Österreich. Die NZZ die erste aus der Schweiz.

Gesamt wurden in den letzten vier Wochen alleine von den Freundinnen und deren Freundinnen 243 Seiten verlinkt, wobei ich nur auf die Top-10-Ergebnisse pro Tag gucke, es sind in Wahrheit also noch wesentlich mehr. Eine insgesamt bunte Kollektion, bis hinunter zum Solinger Tageblatt, warum auch nicht. Auch mir nicht sympathische Medien sind vertreten, zur wirksamen Verdrängung taugt die Blase nicht. Die Blogs schlagen sich ziemlich gut in dieser Liste, das habe ich mir zwar gedacht, aber es ist auch nett, das einmal so nachzurechnen.

Ich habe sogar den ganz altmodisch wirkenden Eindruck, dass bei aktuellen Themen noch Chancen für Blogs liegen, die im deutschsprachigen Raum nicht immer wahrgenommen werden. Und die auch nicht wahrgenommen werden müssen, schon klar. Aber doch: Da geht noch was. Wer ein halbwegs bekanntes Blog hat und zu einem Topthema einen knackigen und vielleicht sogar originellen Kommentar schreibt, hat eine reelle Chance bei den üblichen deutschsprachigen Internetverdächtigen ziemlich flächendeckend wahrgenommen zu werden, auch in den Redaktionen des Landes. Was immer man daraus schließen möchte. Das manchmal zu hörende “Blogs sind tot” erkenne ich darin jedenfalls nicht unbedingt.

Das alles gilt natürlich nur im Rahmen der Internet-Bubble, eh klar.

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