Vor ein paar Wochen haben wir Altkleider zu Hanseatic Help gebracht. Hanseatic Help ist das, was aus der improvisierten Kleiderkammer in den Messehallen wurde. Die ist vor einem Jahr ja sogar bundesweit bekannt geworden, als tausend und mehr Hamburgerinnen dort Spenden für die vielen Geflüchteten hinbrachten, die dann andere Tausende (mit Schnittmenge) stunden- tage- und wochenlang sortiert und ausgegeben haben. Das war damals ein ziemlich unfassbarer Anblick, wegen der Menge an Spenden, wegen der Einsatzbereitschaft der Leute, wegen des riesigen Gewusels und auch weil es eine schnelle Entwicklung zu einem formidablen Ordnungs- und Organisationssystem gab. Diese Systeme waren dann sogar so gut und tragend, dass aus der Kleiderkammer der Verein Hanseatic Help wurde, der immer noch Spenden annimmt und sortiert, und zwar in ziemlich großem Maßstab.

Diese Spenden werden neu gebündelt und mittlerweile nur noch an andere helfende Vereine und Institutionen ausgegeben, Hanseatic Help arbeitet also wie eine Art Großhändler und ist keine Anlaufstelle für Einzelne mehr. Die Abnehmer helfen dann den Bedürftigen in der Stadt, Obdachlosen, Geflüchteten usw.. Das immer noch und besonders ganz rechts so beliebte Spiel, Gruppen von Bedürftigen gegeneinander auszuspielen, das klappt dabei also nicht mehr recht. Als ich dort war, wurden gerade Container für Haiti fertig gemacht, denn in Hamburg gab es noch genug gespendete Sommerkleidung, die hier im Winter keiner braucht, die aber auf Haiti vermisst wird. Das ist also noch einmal eine neue Dimension der Hilfe.

Der Mann, der mich dort herumführte, war darauf verständlicherweise stolz. Auf den Haiticontainer und auch auf die Organisation an sich. Wer sich ein wenig für Ordnungssysteme interessiert, der wird das nachvollziehen können. Ein Lagersystem, Verteilschlüssel, Sortierkriterien, neue Räume, Schichtpläne, Verpackungslösungen, Vernetzung in der Stadt, Öffentlichkeitsarbeit, Vereinsgründung etc. – alles von Freiwilligen aus dem Boden gestampft, innerhalb eines Jahres, das ist schon was.

Und es ist schön zu sehen, wie da Spenden ankommen und ihren Weg nehmen, wie glatt das alles läuft, wie das erfasst wird, gelagert wird, verarbeitet wird, verpackt wird, und wie am Ende dann Pakete rauskommen, die tatsächlich bei Menschen ankommen, die etwas benötigen. Man kann nach wie vor dort helfen gehen, auch kurz, man kann auch nach wie vor dort Spenden abgeben.

Das ist etwas, das in den letzten und höchst kritischen Monaten der Weltgeschichte dann doch positiv hängengeblieben ist, auch bei uns im Stadtteil: Diejenigen, die geholfen haben, die bleiben oft dabei, die haben in den letzten Monaten eine ganz neue Kultur des Helfens und eine Art sozialer Spontaneität entwickelt, weil Helfen auch Spaß macht. Der Herbst 2015 hat bei uns im kleinen Bahnhofsviertel zu einer neuen und vorher ungeahnten Verdrahtung des Stadtteils geführt, hier kennen sich jetzt mehr, hier weiß man jetzt, was man gemeinsam leisten kann, wenn es darauf ankommt. Zigtausend Portionen Suppe für hungrige und frierende Durchreisende etwa – das klappt, das kriegt man hin, man muss einfach anfangen, etwa beim Gemüseschnippeln und dann sieht man weiter. Der eine hat einen großen Topf, die hat einen Gefrierschrank, der hat Platz, die hat Zeit, der kann kochen, so ging es immer weiter – und es hat dann tatsächlich geklappt, die kleine Initiative hat wochenlang jeden Tag Suppe ausgegeben, an unzählige Menschen. Man weiß nicht, dass man so etwas kann, bevor man es gemacht hat, aber hinterher bleibt es einem dann. Das ist wirklich schön.

So zeigt eine Einrichtung wie Hanseatic Help, was diese Stadt und ihre Einwohnerinnen mitmenschlich leisten können, und das kann man ruhig einmal zur Kenntnis nehmen, bei all den schrecklichen Nachrichten gerade.

Als ich in Forchheim gelesen habe, fuhr ich am nächsten Morgen mit dem Zug zurück. Als unheilbarer Frühaufsteher und überpünktlicher Mensch war ich natürlich viel zu früh am Bahnhof, stand dort dumm herum und guckte in die Gegend. Die Gegend war in dem Fall eine große Baustelle, man war noch beim Tiefbau. Nicht ganz so tief wie in Stuttgart, aber Löcher an Bahnhöfen sind wohl gerade in. Bagger, Muldenkipper und andere Laster, die ich nicht einmal korrekt benennen könnte, fuhren dort herum, Raupenfahrzeuge, all das Zeug, was Kinder immer wieder so begeistert. Dazwischen Männer in alarmroten Westen, die das Ganze dirigierten, Sand von links nach rechts, undefinierbares Metallgerümpel von einem Laster auf den anderen, Werkzeugkisten von da nach dort. Das habe ich mir zwanzig Minuten lang angesehen – und das war auch schön. Wie das alles funktionierte und Sinn ergab. Das war wie bei Hanseatic Help, ein vernünftiges System. Menschen mit Einsatz, und dann wird da was bewegt. In diesem Fall sicher nicht ehrenamtlich, vielleicht nicht einmal gerne – aber es lief, vermutlich sogar nach Plan, ich möchte es einfach unterstellen.

Ich fand es belebend, bei so etwas wieder wie ein Kind kurz stehenzubleiben und mir das anzusehen, gerade weil die Nachrichten nur noch aus Bedrohungen, Weltuntergängen, Schreckensszenarien, Ängsten und unheilvollen Spekulationen bestehen, aus Meldungen und Kommentaren, in denen die Welt bereits zu Bruch geht. Es fühlt sich heilsam an, bei einem Aufbau irgendeiner Art zuzusehen. Weil der Mensch an sich was kann, wenn er will. Da muss man sich vielleicht zur Zeit etwas bewusster dran erinnern, sonst vergisst man das noch vor lauter Sorge.

Mit anderen Worten, ich brauche also schon Bagger und schweres Gerät, um wieder auf konstruktive Gedanken zu kommen – danke Trump!

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