Wer mit dem Begriff Barcamp gar nichts anfangen kann, der gucke bitte erst einmal hier.

Das sind also Veranstaltungen für viele Menschen aus verschiedenen Berufen und Lebenssituationen, auf denen über eine ausdrücklich bunte Themenauswahl geredet wird, mal in Form von Vorträgen, mal auch in Diskussionsrunden, Fragestunden etc., wobei es viele Mischformen gibt und man vorher nicht weiß, wozu es Vorträge (“Sessions”) geben wird.

Wir waren gestern auf dem Barcamp Hamburg, und nicht zum ersten Mal. Wie uns gestern wieder einfiel, war Sohn I schon mit sechs Monaten auf seiner ersten Campveranstaltung.

Auf so einem Barcamp gehen am Morgen die Teilnehmerinnen, die etwas vortragen oder sonstwie veranstalten wollen, kurz auf Bühne und stellen das vor, was sie im Sinn haben, dafür reicht jeweils eine Minute. Danach wird das Publikum gefragt, wen das interessiert, und wenn sich dann Menschen melden, findet die Session statt. Es gibt etliche Räume, in denen Sessions stattfinden können, es gibt fixe Timeslots, so entsteht nach und nach ein Raster mit weit über hundert Möglichkeiten, zumindest in Hamburg, nicht jedes Barcamp ist so groß. Kann man sich das ungefähr vorstellen?

Es wird dort eine äußerst bunte Palette vorgestellt, es ging um Marketing, IT-Technik, um soziale Themen, um regionale Landwirtschaft, um Trump, um Hausboote, ums Fremdgehen, ums Loslassen, um den modernen Mann, um Filme, um Programmiersprachen, um Podcasts, um Bücher, um Apps, ums Atmen und um Gott weiß was. Ganz grob geschätzt sind 75% der Sessions technik-business-office-lastig, der Rest ist eher wild und würde in der Zeitung unter “Vermischtes” oder gar in der Wochenendbeilage vermeldet werden.

Man stellt sich nach der Auftaktrunde vor den Sessionplan und überlegt, was einen um 10 Uhr wohl interessieren könnte, was um 11 Uhr und so weiter. Man kann Themen wählen, bei denen man sich auskennt, man kann sich absichtlich völlig über- oder unterfordern und sich auch ausdrücklich fremden Welten aussetzen, man kann zuhören, diskutieren etc. Man kann auf dem Weg in die erste Session mit irgendwem ins Gespräch kommen und dann erst einmal zwei Stunden am Kaffeestand verplappern, das geht auch. Grundsätzlich sind die meisten Besucherinnen aufgeschlossen und gesprächsbereit, man geht auf ein Barcamp, um in Kontakt zu kommen und sich auszutauschen, um zu lernen oder vielleicht auch etwas weiterzugeben. Daraus ergibt sich keine Tagung im klassischen Sinn, sondern so etwas wie ein Konferenzwimmelbild mit endlos vielen Details und wer Kinder hat, der weiß: Kinder mögen Wimmelbilder.

Auf Barcamps gibt es oft Kinderbetreuung, unsere Söhne sind mit sieben und neun Jahren nach eigenem Beschluss jetzt alt genug, an Barcamps “richtig” teilzunehmen. Wie geht das nun? Es gibt eine (nicht verpflichtende) Tradition, dass Besucherinnen, die zum ersten Mal kommen, auch etwas anbieten, denn Barcamps leben nun einmal nur vom Mitmachen. Wir haben also als Familie zusammen unser Blogfamilienunternehmen vorgestellt und etwas über bloggende Kinder und Eltern erzählt. Dabei haben die Kinder zwar fast nichts gesagt, aber irgendwo fängt man eben an. Sie haben jetzt schon einmal auf der großen Bühne gestanden, sie haben eine Session vorbereitet und erlebt, sie wissen, wie nett das sein kann und das andere sich für sie interessieren können, das lief sehr gut.

Danach haben wir uns wie alle anderen auch vor den Session-Plan gestellt und überlegt, wen was interessieren könnte. Die Godzilla-Session, in der die besten Szenen aus allen Godzilla-Filmen gezeigt werden, ohne Dialog und Handlungserklärung und Sinn, die fand leider gleichzeitig mit unserer Session statt und konnte von Sohn I nicht besucht werden, das war etwas schade für ihn. Die muss aber auf jeden Fall hier erwähnt werden, weil sie zeigt, dass es in den Sessions nicht bierernst zugehen muss, ganz und gar nicht, da ist Raum für Spaß und auch für Improvisation.

Wir haben uns eine Session mit coolen Kinderbuchempfehlungen angehört, da konnten die Jungs natürlich auch etwas beitragen, das war ebenfalls eine gute Erfahrung. Danach dann eine über Brettspiele, die zwar eher für Erwachsene waren, aber deswegen noch lange nicht uninteressant. Dass Erwachsene überhaupt spielen, das ist schon einen Gedanken wert, das kennen sie vom eigenen Vater eher nicht, andere Männer gehen da aber glatt als Experten durch. Krass! Zwischendurch waren die Herzdame und ich in Sessions, die die Kinder nicht interessierten, da haben sie sich in anderen herumgetrieben oder im Foyer auf dem mitgebrachten iPad gespielt und gemalt, man kann sich dort auch einmal aus den Augen lassen. Jeder macht sein eigenes Barcamp, das kann man mit sieben Jahren schon verstehen – und das ist nicht die schlechteste Lehre für so einen Tag.

Man kann also auch eine halbe Stunde am Buffet stehen und Unmengen Kuchen verdrücken, wenn einem danach ist, why not, da sagt keiner was.

Manchmal saßen die Kinder längere Zeit nur herum und guckten sich das Gewusel an, hörten irgendwo zu, wo sie gar nichts oder nur Splitter verstanden, liefen planlos durch die Räume, guckten kurz, wie Sprecherinnen auftraten – und dachten vermutlich auch immer wieder sehr intensiv darüber nach, ob sie nicht doch einmal diesen verbotenen Energy Drink probieren sollten, den die Erwachsenen da alle in rauhen Mengen wegbecherten. Ab und zu sprachen sie mit anderen Kindern, ab und zu sahen sie aus Neugier doch mal in die Kinderbetreuung, dort blieben sie aber nicht.

Welchen Sinn hat das nun, was lernen die da? Eine ganze Menge. Da sind also lauter Menschen mit enorm verschiedenen Interessen und unterhalten sich neugierig über ihre Themen. Das ist eine Atmosphäre der entschlossenen Offenheit, das verstehen Kinder und das finden sie toll. Allein dieses Gefühl, in irgendeine Session gehen zu können, egal in welche, sich einfach hinsetzen und zuhören – und keiner wundert sich. Freie Auswahl, das ist eben nicht nur an der Losbude toll. Man kann fragen, man kann etwas sagen, man muss beides aber nie, das ist ganz anders als in der Schule und es ist manchmal auch befreiend. Man kann zwischendurch sogar rausgehen, wenn es doch nicht interessant ist, das machen die Erwachsenen auch, das ist wirklich faszinierend. Tür auf und weg. Da wartet keiner, bis es klingelt. Ich bin falsch, tschüss, drüben ist es vielleicht besser.

All diese Menschen, die sich für irgendwas interessieren und begeistern, die an ihren Themen Spaß haben – das wirkt und es entgrenzt. Weil es eben immer noch mehr Themen gibt, als man sich vorstellen kann, noch mehr Möglichkeiten, damit im Leben etwas anzufangen, im Beruf oder in der Freizeit. Es ist alles noch viel bunter, als sie eh schon geahnt haben.

Ganz nebenbei bekommen Kinder auch mit, wie es ist, wenn man freundlich diskutiert. Da sitzt ein Erwachsener und erzählt etwas, das klingt kompliziert und schlau und souverän, aber danach steht jemand auf und sagt: “Nein, so ist das doch gar nicht.” Und dann gehen die beiden sich nicht an den Hals, sondern sie unterhalten sich, es kommen dritte und vierte Meinungen dazu und es wird bunt und der Gesprächsverlauf ist ganz anders als es alle erwartet haben. Und trotzdem finden es viele gut. Das ist wichtig, so etwas mitzubekommen, das kann man sich leicht im pädagogischen Sinne vorstellen, was da alles nebenbei gelernt wird.

Wobei man keine falschen Erwartungen haben darf, die Kinder sehen gar nicht unbedingt so aus, als würden sie etwas lernen. Sie spielen vielleicht auf irgendeinem Gadget herum, sie liegen auf dem Boden und malen auf Give-away-Blöcken ud kauen Give-away-Gummibären, sie starren in die Gegend und laufen ziellos herum, sie spielen irgendwas – aber wenn man dann abends nachfragt, dann merkt man es doch, was da alles ankam.

Auf dem Barcamp im letzten Jahr haben sich zwei junge Mädchen, etwa zwölf Jahre alt, zu ihren Online-Gewohnheiten befragen lassen. Das war eine der bestbesuchten Sessions überhaupt, die gesamte IT-Branche war da versammelt und hatte viele, viele Fragen an den User-Nachwuchs, das war ein großartiges Beispiel, wie sinnvoll solche Zusammenkünfte auch generationenübergreifend sein können. Im Gegenzug gab es z.B. in diesem Jahr eine Session “20 Jahre Internet”, da haben die Veteranen von damals erzählt, das hören Sechzehnjährige dann mit Staunen.

Sohn II fing gestern zwischendurch an, alle Namen aufzuschreiben, die er kennt oder schon einmal gehört hat, für einen Schreibanfänger eine wissenschaftliche Aufgabe, das hat er dann zuhause noch bis zehn Uhr abends fortgesetzt, das war ein Motivationsflash erster Klasse. Sohn I hat eher zufällig eine Idee für seine berufliche Zukunft aufgeschnappt und in einem ganz kleinen Dialog mit einem kompetenten Herrn geklärt, dass diese Idee gar nicht so abwegig ist. Das war nur eine hingeworfene Bemerkung bei der Verabschiedung – aber das wirkt jetzt so in ihm herum und schon dafür hat sich der Tag gelohnt. Für diese kleine Gleichung: Wenn ich mich dafür interessiere, kann das dabei herauskommen. Barcamps können für Kinder super sein, auch ohne Kinderbetreuung. Man muss einfach ohne Erwartung hingehen und gucken, was passiert.

Wenn Sie mal so eine Veranstaltung in Ihrer Nähe haben – einfach mal probieren, es könnte gut sein.

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