Vom Zerstreuen der Sorgen

Kennen Sie das Gefühl, vollkommen unnötiger Weise Angst vor etwas Neuem gehabt zu haben, vor einer Änderung, vor einer Herausforderung? Natürlich kennen Sie das, wir alle kennen das gut. Denn wir neigen dazu, uns lieber ein paar Sorgen mehr zu machen, selbst wenn sie vermutlich eher irrational sind. Das fühlt sich immer noch tausendmal besser an, als allzu sorglos in irgendein Unheil gerannt zu sein, nicht wahr? Wir sind so. Es gibt so ein unangenehmes Trottelgefühl, irgendein Risiko nicht bedacht zu haben, frohgemut gegen irgendeine Wand gelaufen zu sein. Ganz komisch, unberechtigte Sorgen fühlen sich lange nicht so dumm an wie unberechtigte Freuden. Die Bilanz nach jedem großen Schritt fühlt sich wesentlich sauberer an, wenn wir uns vorher ordentlich gefürchtet haben.

Und man findet wohl nie im Leben das rechte Maß, man kann sich nie leicht entscheiden, welche Dimension von Sorge die genau richtige ist. Also man selbst kann das für sich nicht. Andere können das manchmal schon für einen. Ein kurzes Gespräch unter Freunden und zack – alle Sorgen und Bedenken weg. Das fühlt sich sehr gut an, jemandem so helfen zu können, man sollte das oft versuchen, es macht wirklich Spaß, wenn man Sorgen wegfliegen sieht. Ich hatte da gerade ein Gespräch mit einem Sechsjährigen, einem Kumpel meines Sohnes. Der steht gerade vor seiner Einschulung, und da macht man sich natürlich Gedanken. Da hat man vielleicht auch ein paar Befürchtungen. Schule, da hört man ja so viel! Er sagte: “Vor Mathe habe ich keine Angst. Mathe ist leicht, Mathe ist ja nur Rechnen. Aber Mathematik – da wird es bestimmt richtig schwer.”

Und da habe ich seine Sorgen mal eben zerstreut, es kostete mich nur einen Satz. Wenn es doch bloß immer so einfach und klar wäre.

(Dieser Text erschien als Kolumne in den Lübecker Nachrichten)

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