Krückstockgefuchtel

Früher war nicht alles besser, früher gab es aber einiges noch nicht, das wird man ja noch feststellen dürfen. Und vielleicht ist es ohnehin spannend, ein wenig mehr Aufmerksamkeit (fast hätte ich Achtsamkeit geschrieben, so weit kommt es noch, Maximiliano Buddenbohmelho, Gott bewahre!) auf die kleinen Änderungen im Alltag zu richten, vielleicht mache ich das jetzt öfter, man will doch merken, wie die Gegenwart einen allmählich überrollt.

Vermutlich betrifft die im Folgenden geschilderte Form des Genervtseins von speziellen Phänomenen der Gegenwart noch gar nicht so viele Menschen, sie ist mir aber in letzter Zeit gleich zweimal aufgefallen. Ich hatte das hier schon einmal ansatzweise, in den Bergen von Südtirol gab es eine Fortsetzung.

Bäume auf dem Vigiljoch

 

Da sind wir mit der Seilbahn auf einen Berg gefahren, in ein hochgelegenes Wandergebiet, bekannt für uralten Baumbestand, flechtenbehangene Lärchen, sehr schön und märchenhaft, wirklich bemerkenswerte Bäume. Eine autofreie Zone, Naturschutz und alles, da geht man hin, wenn man seine Ruhe haben will. Und dort, ausgerechnet über diesen wirklich entlegenen Waldwegen, ließ jemand eine Drohne über uns fliegen. Nicht speziell über uns, aber doch über den paar Wanderern im Gebiet und damit immer wieder auch über uns. Ob man nun zwischen den Bäumen stand oder am Seeufer entlangging oder über eine Alm, immer wieder war dieses Ding in mäßiger Höhe hinter uns her. Eine motorisierte Drohne mit beständigem Surren, ziemlich laut sogar, ein Geräusch, das man unmöglich romantisieren kann, wir sind hier ja nicht bei Star Wars.

Und wenn man da so in prächtigster Landschaft steht, umgeben von uralten Bäumen, noch älteren Bergen und seltenen Tierarten wie etwa dem Auerhahn, den man zwar nicht sieht, von dem man aber doch weiß, dass er dort noch vorkommt und man ihn also immerhin jeden Moment sehen könnte, wenn man so naturbegeistert, wie man es als überzeugter Städter eben sein kann, sich entschlossen erholungswillig in grandioser alpiner Kulisse umsieht, dann ist das Allerletzte, was man braucht, ein permanent brummender Motor mit Flügeln, der einen von oben verfolgt, wohin man auch geht. Das Erlebnis wird damit ziemlich gründlich versaut.

Weswegen wir auch eher nicht nach Auerhähnen oder Gämsen Ausschau hielten, sondern zu viert kreative Gewaltphantasien über Drohnenabwehr austauschten. Man kann da auf viele Ideen kommen, allerdings sind sie durchweg nicht recht anwendbar, wenn man nur Wanderstöcke und Tannenzapfen zur Hand hat, auch wenn man damals noch so viel MacGyver gesehen hat.

Gab es in Deutschland wohl schon erste Fälle von mit Steinen oder großen Ästen oder sonstigen rustikalen Mitteln vom Himmel geholten Drohnen, weil jemand einfach seine Ruhe wollte? Das wird auf jeden Fall so kommen.

4 comments

  1. Kirsten

    Tschuldigung, ich weiß, das ist jetzt ein bisschen der Stimmungskiller, muss aber raus:
    „Die Drohnen sind seit Jahren über meinem Dorf. Sie sind wie Schatten am Himmel. Die Leute bei uns nennen sie beengana, Fruchtfliegen. Weil das Geräusch ihrer Motoren wie das Surren der Fliegen klingt. Sie bewegen sich meistens in Formationen von drei bis vier kleinen Punkten am Himmel. Manchmal sind es bis zu zehn, dann weißt du, es steht irgendwo ein Angriff bevor.“
    http://www.zeit.de/2013/23/drohnen-zivile-opfer-pakistan-afghanistan/seite-2

  2. Tily

    Oh. Gleichermaßen greulich wie gruselig.
    Neues Objekt auf der Urlaubs-Pack-Checkliste: Zwille?

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