Leg den Text von damals auf

Seltsam auch, in alten Notizbüchern aus irgendwelchen Gründen unverbloggtes, aber fix und fertig ausformuliertes Zeug zu finden, was macht man denn damit? Das fühlt sich ganz merkwürdig an, als würde man heute merken, dass man vor einem Jahr eine angefangene Arbeit nicht beendet hat. Oder als würde man noch längst vergessene Schulden bei jemandem haben, der man in dem Fall vermutlich selbst ist. Da merkt man dann auch, wie tief sich das im Laufe der Jahre in einem verankert hat, eine Idee auch ja zu verbloggen, das ist bei mir doch glatt ins protestantisch geprägte Arbeitsethos übergegangen. “So etwas verbloggt man doch!” Nicht auszuschließen, dass ich das genau so schon von mir gegeben habe, wer immer strebend sich bemüht und so, Sie kennen das.

Einen Text immerhin kann ich vielleicht reaktivieren und so die Schreibschulden bei mir selbst begleichen. Die ziemlich genau ein Jahr alten Zeilen beschreiben die Zugfahrt von München nach Hamburg auf der Rückreise von Südtirol. Eine spätabendliche Zugfahrt, auf der nach und nach alle einschlafen und es im Abteil immer ruhiger und ruhiger wird, das könnte klappen, das machen wir nämlich in diesem Jahr genauso, in wenigen Wochen schon. Und vermutlich wird die Szenerie halbwegs gleich sein, so ein hochsommerabendlicher Zug eben, also ein Zug mit nur mehr oder weniger funktionierender Klimaanlage, das wird sich ziemlich sicher so wiederholen. Die Kinder werden hitzemüde sein, die Erwachsenen auch, und nicht nur die Familie Buddenbohm wird dann schon wieder an einen vergangenen Urlaub denken, während vor den Fenstern die Landschaft immer flacher und flacher wird.

Doch, ich bewahre die Seiten aus dem Notizbuch des letzten Jahres einfach mal auf, baue auf der Zugfahrt noch ein paar Details aus dem aktuellen Jahr ein und verblogge das dann. Wer weiß, vielleicht sitzt dann am Nebentisch sogar wieder jemand, der in Powerpoint eine Präsentation über Schlagbohrmaschinenmarketing erstellt, wer weiß. Let’s talk about Déja-vu.

Oder das hier: “… die neongrünen Badehosen der Söhne und die grellorangefarbenen Bojen leuchten in den Sonnenstrahlen auf, während der Himmel westlich von Husum wie blaues Glas über dem Meer steht, das von unten im Spätnachmittagslicht zurückleuchtet. Ein älteres Paar geht baden. Die auflaufende Nordsee ist kalt, die sieht nur so einladend aus, das täuscht. Sie geht vor und spritzt ihn ein wenig nass, er wird sofort böse, brüllt sie an und zieht schimpfend an Land, wo er sich sofort wieder anzieht, immer weiter lauthals fluchend. Sie dagegen wirft sich lachend und prustend ins Wasser …”

Das bekommen wir vermutlich auch wieder hin. So oder so ähnlich.

Die Herzdame packt gerade Koffer, meiner ist schon seit Montag gepackt und ja, ich bin noch bei Trost. Der Urlaub war nur etwas überfällig.

3 comments

  1. Dentaku

    Ich habe ja mal auf Anregung des Nuf ein Gruppenblog für nicht fertig werdende Blogtexte angelegt: Pointenlos.
    Dem Thema gerecht werdend ist das auch nie richtig fertig geworden, es würde aber trotzdem gern weitere Fragmente annehmen.

  2. Ping: Lesestoff • Ausgabe #8/2016 - Neon|Wilderness

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