Sohn II hat, das kann man nicht übersehen, eine gewisse Ähnlichkeit mit mir. Also nicht unbedingt mit meinem jetzigen Ich, aber doch mit der sechsjährigen Ausgabe von mir, die es einmal gab. Ich habe nicht viele Kinderbilder von mir, aber im Moment sieht Sohn II dem Kind auf diesen wenigen Bildern so dermaßen ähnlich, dass es äußerst seltsame Effekte hat, wenn ich ihn ansehe. Denn manchmal ist der Sohn auch so angezogen, dass die Gegenwart sich modisch nicht in den Vordergrund drängt. Und manchmal ist da auch nichts an Deko oder Zubehör neben oder hinter ihm, was zwingend nach 2016 aussieht. Manchmal läuft er einfach nur über irgendeinen zeitlosen Rasen oder springt in Pfützen oder balanciert über Mauern und sieht zwischendurch zu mir und lacht und ruft irgendwas und bekommt gar nicht mit, dass ich vermutlich ziemlich eigenartig gucke.

Weil da etwas passiert, was ich so noch nie erlebt habe, sein großer Bruder war mir nicht annähernd so ähnlich. Weil mich ein jäher, wilder Schmerz durchfährt, wenn ich den Sohn so sehe, wie ich jahrelang mein eigenes Spiegelbild gesehen habe, mein damaliges Spiegelbild in Spiegeln, Fenstern, Pfützen, Saftgläsern und den Sonnenbrillen der Großen, überall, kindersommerlang und genau so. Mein eigenes Spiegelbild mit diesem Grinsen und den wirr ins Gesicht hängenden Haaren und dem Dreck auf den Wangen und der Frechheit in den Augen und der Zahnlücke und allem, das ist doch nicht er, das bin ich, tat tvam asi, ich bin ich, und der da draußen, das bin ich auch. Weil es in höchst irritierender Weise so ist, wirklich überzeugend so ist, als würde ich geradewegs durch die Zeit gucken, immerhin 44 Jahre zurück in irgendeinen Sommertag damals, Juni 1972, und ich gucke in einen gespiegelten Moment, in dem ich lachend über eine Mauer balanciere, nicht er, in dem ich auf einen Baum klettere, nicht er, in dem ich über den Rasen laufe, nicht er – und das ist verbunden mit einer Traurigkeit, über die ich erst einmal eine ganze Weile nachdenken musste, bevor ich sie verstanden habe.

Denn warum sollte einen das traurig machen? Ich sehne mich doch gar nicht nach meiner Kindheit oder Jugend zurück, ich komme nicht aus Bullerbü. Ich habe auch keine übertriebenen Probleme mit meinem Alter, auch wenn die angesichts meines nächsten Geburtstages sozusagen fest auf dem Programm stehen, denn fünfzig Jahre, das ist natürlich etwas und ich habe schon einmal jemanden erlebt, der an diesem Tag zusammengebrochen ist und eine Weile in schwärzsten Depressionen verschwand, weil er vorher nie über den Tag nachgedacht hat und dann aufwachte und sich schlagartig steinalt fühlte. Schon deswegen denke ich etwas mehr darüber nach, man lernt ja von seinen Freunden, man hofft es zumindest. Ich denke also die ganze Zeit nach, ich bereite mich vor, ich wäge die Fallen ab und die Chancen, ich taste mich da heran. Und ich glaube, ich habe es noch m Griff, die Harley ist nach wie vor nicht bestellt, das nehme ich noch als gutes Zeichen, also nein, mein Alter macht mich gerade noch nicht fertig.

Und doch, und doch. Ich sehe das Kind und es treibt mir fast Tränen in die Augen, was ist das denn bloß? Ich denke schon seit Wochen darüber nach und ich glaube, ich weiß es jetzt, es ist das Lachen. Denn der Junge lacht, über sich lacht er, über den Moment, über alles, er ist ganz und gar in seinem Spaß und in seiner Freude, ich kann das fühlen. Und weil es so ist, als würde ich mich selbst ansehen, fühle ich auch diese Freude am Moment wieder, körperlich fühle ich das, nicht nur als abstrakte Ahnung, diese Sorglosigkeit des absoluten Jetzt und ich glaube, das ist es, das tut weh.

Denn im Jetzt ist man in meinem Alter nicht mehr sorglos und unbedacht, ganz im Gegenteil. Man ist sehr durchdacht und sehr besorgt, man ist voller Verantwortung und Schwere und Vernunft und hat es getragen schon sieben Jahr, was nicht einmal ausreicht, und die vielen Eisenringe um die Brust stehen uns auch gut, so ist es ja nicht, man war eben stets bemüht, wie einem die Falten im Gesicht jederzeit attestieren. Dennoch glaube ich tatsählich, ich bin ganz gerne so alt, wie ich bin. Es ist schön und in Ordnung, Erfahrungen gemacht zu haben, es ist auch schön, sich daran abgearbeitet zu haben, ich bin ganz gerne der Silberrücken der Familie. Die Sorgen, die Freuden, die Erlebnisse, die Irrwege, all das, man möchte doch auch nichts missen. Oder nur ganz wenig. Vielleicht ist es ja einer der Vorzüge der ominösen Fünfzig, dass man allmählich anfängt, sich vorsichtig als Summe zu betrachten, nicht mehr nur als ungelöste Gleichung. Und das hat auch was.

Aber wenn ich heute Freude empfinde, dann ist es eben eine besonnene Freude, dann bleibe ich im Rahmen der Möglichkeiten, dann bleibe ich auf dem Posten und auf der Brücke und im Dienst. Selbst wenn der Moment irrsinnig schön ist – und es ist ja nicht so, dass es diese Momente nicht mehr gäbe -, ist er nicht absolut, nicht unreflektiert, nicht frei. Der Sohn ist im Moment und ihm ist jede Verantwortung komplett egal, davon hat er keinen Begriff, nicht den allerleisesten.Er ist dafür zuständig, auf diesen Baum zu klettern, er ist aber sonst für nichts zuständig, nicht für heute und nicht für morgen, morgen wird es bei ihm von ganz alleine. Und er ist auch nur für diesen Kletterbaum zuständig, weil er es gerade will, weil er es unbedingt will. Mit diesem brennenden Kinderwillen, der so wahnsinnig gut darin ist, Wege zu finden. Es ist nicht so, dass er keine Sorgen hätte, natürlich haben Kinder Sorgen, ich hatte auch dem Alter Sorgen. Da ging es zum Beispiel um große Spinnen in Bettnähe an der Wand und um Spielzeug, das ich noch nicht hatte, und um blöde Kinder in der Nachbarschaft und dergleichen. Diese Sorgen bezogen sich aber alle auf etwas da draußen, für nichts war ich verantwortlich, nichts davon musste ich selber lösen. Die blöden Kinder aus der Nachbarschaft kamen oder gingen, das habe ich nicht gemacht, die großen Spinnen kamen oder gingen, das habe ich nicht gemacht. Das waren Sorgen, die wie Wolken vorbeizogen.

Heute bedeuten Sorgen immer, dass ich etwas zu tun habe, etwas durchdenken muss, machen muss, vermeiden muss, irgendwie sein muss, was auch immer, es ist ein ewiges Müssen, was mich immer wieder an diesen Bahnhof erinnert, ich habe es irgendwann schon einmal erzählt. Da stieg ich nämlich jahrelang morgens in den Zug ein, am Bahnhof der kleinen Gemeinde Müssen, die gibt es wirklich, die heißt so. Und aus dem Lautsprecher kam jeden Morgen ein knarzendes, verrauschtes “Müssen, Müssen, hier ist Müssen” und mit diesem Satz fuhr ich zur Arbeit und kam abends wieder zurück. Da wohne ich schon seit Jahren nicht mehr, den Satz höre ich immer noch, wenn ich morgens in die Bahn steige.

Was ich sagen wollte: Ich glaube, es ist der Sieg des Müssens über das Wollen, der mir da gerade wehtut. Und ich nehme an, es ist in Ordnung, dass das ab und zu etwas schmerzt. Das ist wohl, wie sagt man, im Preis mit drin.

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