Auf diesem Bild sieht man die Söhne, die barfuß in einer Pfütze stehen. Es war warm in Hamburg, es hatte in der Nacht davor unwetterartig geregnet, es gab viele und tiefe Pfützen, die in der Sonne des Vormittags allmählich verschwanden.

Aufgenommen habe ich das bei einer Wanderung mit den Jungs, wir unternehmen nämlich, aber darum geht es eigentlich gar nicht, gerade Testwanderungen. Wir haben hier einen Vater im Stadtteil, der mit seinem kleinen Sohn auf dem Fahrrad nach Berlin gefahren ist, mit ein paar Übernachtungen natürlich. Das fanden die Söhne sehr inspirierend, allerdings abzüglich des Fahrrads. Aber irgendwie unterwegs sein, und nachts irgendwo einkehren, wie toll mag das denn sein? Da fand sich dann irgendwie die Verbindung zu meinem lang gehegten Plan, Schleswig-Holstein zu Fuß zu umrunden, und plötzlich klang das für den Nachwuchs äußerst interessant, das könnte man doch eventuell gemeinsam – und schon sahen wir uns Landkarten an.

Ich habe aber gar keine Ahnung, wie weit die beiden eigentlich kommen, also wurden Testwanderungen beschlossen, erst einmal von Sankt Georg nach Blankenese, dann durch den Sachsenwald, was in Hamburg eben naheliegt und ohne große Aufwand zu machen ist. Dazu schreibe ich in einem anderen Artikel noch etwas, das war eine interessante Erfahrung, lehrreich auch für mich.

Es geht aber eigentlich um die nackten Füße. Denn an warmen Tagen gehen die Söhne barfuß. Das kam mir immer schon ziemlich naheliegend vor und ja, wir wohnen mitten in der Stadt. Barfuß zu gehen, das scheint nun für erstaunlich viele Erwachsene ein Ding der Unmöglichkeit zu sein, jedenfalls wenn man nicht in der eigenen Wohnung, am Strand oder in einem Barfußpark ist. Denn da draußen ist alles dreckig, voller Scherben und Wespen und so weiter, man nimmt quasi sofort Schaden, wenn man nur einen unbeschuhten Fuß vor die Tür setzt. So schlimm ist das, dass man den Vater, der die Kinder ohne Schuhe laufen lässt, unbedingt darauf ansprechen muss, dass das nicht geht, überhaupt nicht geht, was er da mit den Kindern macht. Wegen der Scherben und wegen des Drecks und der Wespen und überhaupt! Ist ja ein Ding! Und ich sage, dass man doch sieht, dass das geht, bzw. dass die Kinder gehen. Einfach so. Seit Jahren schon. Wenn die Söhne das Gespräch mitbekommen, weisen sie vielleicht darauf hin, dass sie einen Onkel haben, der das ganze Jahr barfuß läuft, dann lässt man meist wieder von uns ab, denn bei uns ist eh Hopfen und Malz verloren, das versteht dann jeder.

Das Bild entstand auf dem Wanderweg am Elbufer, das ist ein sandiger und fester Weg. Wenn man da nicht barfuß laufen kann, dann weiß ich es auch nicht. Ich bin an dem Tag viermal deswegen angesprochen worden und habe dann doch ein wenig am Verstand der Mitmenschen gezweifelt. Jeder müsste doch zurückdenken können, bis er sich wieder an dieses beglückende Gefühl erinnert, mit nackten Füßen in einer Pfütze zu stehen? Und wenn jemand meint, das nicht zu können, dann denkt er doch nur nicht weit genug zurück, nicht wahr. Es ist ganz entschieden eine Sommerglückerinnerung und man müsste doch sogar noch wissen, dass es ganz verschiedene Pfützen gab. Frische, aprilregenhaft kalte Pfützen, abgestandene und sonnendurchglühte Pfützen. Ganz klare Pfützen auf Asphalt und unergründliche Schlammlöcher auf Feldwegen, das ist doch alles wichtig und interessant und wenn ich mir auch nur ein ganz wenig Mühe gebe, dann fühle ich die Pfützen noch in den Füßen, das ist doch keine Esoterik, man behält so etwas doch. Auch die späteren Meerwasserpfützen am Strand mit dem messerscharfen Muschelkalk darin weiß ich noch, auch die Lehmlöcher am Steilufer und die schräg hingetuschten Gischtpfützen auf einem Steg an einem Sturmtag an der Ostsee.

Und wie man wieder aus den Pützen stieg und diese nasse, dunkle Kinderfußspur machte, die sich an heißen Tagen schon nach wenigen Schritten wieder in der Sonne auflöste, die dünner und blasser wurde, als hätte sich das Kind, das die Spur gelegt hat, selbst beim Gehen in Luft aufgelöst. Oder das Gefühl, mit nassen Füssen über einen trockenen Sandweg zu gehen, so dass man bis zu den Knöcheln Staubschuhe anhatte, die schwarz und hart wurden, Risse bekamen, wegbröckelten und wenn man sich in Gras setze, konnte man daran herumpulen und das war schön.

In dem Text, an dem ich gerade arbeite, kommen Kinder ganz sicher nicht vor, sonst würde ich da jetzt glatt und schon aus reiner Bockigkeit etwas zum Thema einbauen, denn da hat man doch schon wieder genug für eine Geschichte zusammen. Diese hysterischen Erwachsenen heute einerseits, die gar nicht hinsehenden Eltern damals andererseits, das kann man in zwei, drei Szenen schön aufbauen. Da erinnert sich das erzählende Ich plötzlich an seine eigene Barfußzeit, da kommt der Kindheitssommer mit den Pfützenarten ins Spiel, ich mag solche Themen. Und weil das erzählende Ich sich an Kindheitssommertage erinnert, kommen da auch irgendwann seine Eltern vor, die die Kinder abends zum Essen reinrufen, und die zueinander natürlich irgendwie in Beziehung stehen. Und wenn man sich daran schon erinnert, dann fällt dem erzählenden Ich auch ein, in welcher Beziehung es selbst gerade zur Partnerin steht und wie von selbst vergleicht sich das und alles ist verbunden (verknubbelt, wie Snoopy sagen würde) durch den Gegensatz zwischen dem wilden, gefährlichen, freien Barfußgehen und dem braven, sicheren Schuhwerk und BÄMM!, wie Sohn II sagen würde, hat man eine feine Kurzgeschichte und nennt sie “Pfützen, später” oder was weiß ich.

Der Sohn liebt es gerade sehr, wenn sich Themen mit einem BÄMM!-Effekt auf den Punkt bringen und abkürzen lassen, so ein BÄMM! ist befriedigend und erleichternd.

Ich: “Ist es denn heute nicht zu kalt, um barfuß zu gehen?”
Sohn II: “Dein Bruder geht immer barfuß. BÄMM!”

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