Das ist eine Folge von SWR2 Wissen, sie dauert 26 Minuten. Da geht es u.a. auch um ein Thema, das mich immer mehr interessiert, nachdem ich einmal für die Nido darüber geschrieben habe, da geht es um Unterschiede im sozialen Verhalten von Kindern und Erwachsenen.

In meiner Kolumne damals (“Kekse für alle”) ging es um den Widerspruch zwischen den meist recht erfolgreich durchgesetzten Erziehungsidealen in Kitas, Vorschulen und Schulen einerseits, bei denen soziales Denken, Rücksicht, Gerechtigkeit etc. stark betont werden, und der bekanntlich dramatisch ungerechten Realität der Erwachsenen andererseits, die viele von uns überhaupt nicht mehr stört. Oder doch nicht so stört, dass wir energisch etwas daran ändern. Die Welt ist eben schlecht, fertig. Wir sind in unserem Alltag sehr, sehr weit weg von dem, was wir Kindern als common sense der Eltern beibringen, nicht nur bei diesem Thema übrigens, das gilt auch z.B. beim Umweltschutz.

Irgendwo in der Adoleszenz gibt es dann einen Punkt, bei dem alles kippt und zack, haben wir einen normal Erwachsenen mit erheblichen moralischen Defiziten, der in der Lage ist, sich in dem Irrsinn des Arbeitsmarktes, in der gentrifizierten Stadt, in der rabiaten und konkurrenzorientierten Gesellschaft durchzuschlagen.

Ich wäre da vermutlich nicht drüber gestolpert, wenn mich die Söhne nicht darauf gebracht hätten, sie liefern mir aber immer wieder Beispiele für dieses Phänomen. In der Grundschule von Sohn I werden z.B. soziale Konflikte ziemlich konstruktiv gemeinschaftlich im Gespräch gelöst. Sie lernen da verschiedene Kommunikationsstrategien, und sie lernen sie sogar recht erfolgreich. Das haben wir damals nicht so in der Schule gelernt, ich jedenfalls ganz gewiss nicht. Und es ist doch eine spannende Frage, ob diese Generation heute das jetzt alles lernt, um es später wieder zu vergessen und sich dann normal schlecht zu benehmen?

Ich war am Wochenende mit Sohn I in der Kunsthalle, es folgt etwas anekdotische Evidenz. Da gibt es einen Saal für Kinder, in dem eine Art Steckspiel ausliegt, man kann aus bunten Plastikstäben und Verbindungskugeln wilde Konstruktionen bauen, auch sehr große, auch sehr kunstvolle, auch solche, die schon nach Ingenieurskunst aussehen. Und natürlich auch kleine bunte Sternchen, die jeder hinbekommt, jedes Kind.

Die Plastikstäbe liegen dort einfach herum, werden verbaut, werden wieder demontiert und immer so weiter. Zwischendurch werden sie auch mal knapp, wenn zu viele Nachwuchsingenieure gleichzeitig bauen. Und es war deutlich zu erkennen, dass die Kinder, viele so um acht Jahre herum, erstaunlich höflich und freundlich mit dem Problem umgingen. Man tauschte Stäbe aus, man gab frei, man gab weiter, das lief gut. Was ganz und gar nicht gut lief, das waren mehrere durchdrehende Eltenteile, die es nicht ertragen konnten, dass ihr Nachwuchs bei dem Spiel vermeintlich zu kurz kommen konnte, und die deswegen meinten, sich gegen andere Kinder durchsetzen zu müsen, die also schlicht Stäbe weggriffen. Ohne zu fragen, ohne jede Höflichkeit und Rücksicht. Und nachdem ich da etwa eine Stunde saß, kam mir das nicht mehr zufällig vor.

Ich will nicht sagen, dass Kinder gut sind, nein. Aber sie sind jedenfalls fähig, etwas Gutes zu lernen, das wir als Gesellschaft dann doch lieber nicht bewahren.

Die oben verlinkte Radiosendung hat übrigens ein feines Ende mit einem klaren Auftrag für Erwachsene, es lohnt sich also, sie bis zum Schluss zu hören.

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