Am Abend hatte ich dann eine sehr angenehme Lesung in der Villa Dorothea, wobei ich zum ersten Mal überhaupt in Anwesenheit beider Söhne gelesen habe. Und Sohn II hat es sich tatsächlich nicht nehmen lassen, bei einer seiner Erwähnungen kurz neben mich und somit auch vors Publikum zu treten, mit solchen Effekten rechnet man als Verfasser von Familientexten auch nicht gerade, das war aber sehr nett.

Nach der Lesung gab es selbstgemachten Eierlikör, den Schüler aus der Nähe hergestellt hatten, ich möchte einmal annehmen, es war eine Berufschule. Ganz außerordentlich köstlicher Eierlikör war das jedenfalls, und zu dem Stichwort kann man Jüngeren by the way noch etwas erklären, was heute vermutlich gar nicht mehr allgemein bekannt ist. Mit Eierlikör nämlich wurden Menschen meiner Generation noch planmäßig und reihenweise in sehr jungen Jahren an den Alkohol herangeführt. Denn ab etwa zwölf Jahren konnte man so langsam schon mal wenigstens ein Gläschen – oder auch zwei? Schmeckt doch so nett, hm? Denn auch das Trinken musste irgendwie gelernt werden und allmählich war man ja wirklich alt genug und auch schon so groß, aber das Bier war doch noch zu bitter. Das sind Erinnerungen, die heute seltsam und exotisch klingen … aber gut, das mit dem Eierlikör spielte auch zu einer Zeit, als es in den Lübecker Stadtbussen noch Aschenbecher neben jedem Platz gab. Es war eine andere Welt.

Für die nächste meiner Lesungen habe ich nach diesem denkwürdigen Abend jedenfalls gleich Honorar, Spesen und Eierlikör vereinbart, man lernt so aus seinen Erfahrungen. Sollten Sie am 23.10. tagsüber in Stuttgart sein, wir könnten dort anstoßen – es soll keiner behaupten, ich hätte nicht rechtzeitig Bescheid gesagt.

Zu der Villa-Dorothea sei noch eben angemerkt, dass es ein zugehöriges Haus Hedwig gibt, in dem man als schreibender Mensch in der Vor- und Nachsaison zu wirklich interessanten Preisen in Klausur gehen kann, z.B. zwei Wochen 300.-, da kann man nicht meckern, nicht wahr. Wohl aber kann man in Ruhe schreiben, vermute ich stark. Es gibt in dem Haus nämlich diese verglasten Balkone, für die es sicher irgendeinen Fachausdruck aus der Bäderarchitektur gibt, auf den ich allerdings gerade nicht komme. Diese sehr hellen, hohen, wintergartenmäßig verglasten und manchmal sogar beheizten Altbaubalkone jedenfalls, auf der weiter oben verlinkten Seite sieht man das Haus übrigens auf dem dritten Bild von rechts in der oberen Reihe. Da sitzt man wirklich gut, wenn man in Ruhe schreiben möchte.

Man hat außerdem eine bemerkenswert nette Gastgeberin, man ist in drei Minuten am Meer, man kann zu Fuß zum nächsten Edeka, man hat eine kleine Küche für die bescheidene Kost der Schreiberlinge, man kann mit dem Rad mal eben nach Ahlbeck oder Bansin oder rüber nach Polen, um auf andere Gedanken zu kommen, ich fand das alles recht anziehend. Man kann natürlich auch ein paar Meter weiter den schönen familiären Gedenkort Buchen-Eck aufsuchen.

Warum übrigens die Söhne dieses Ahlbeck deutlich besser als Heringsdorf fanden und damit aber gar nicht richtig liegen, sondern sich von komplett irrationalen Fehldeutungen natürlicher Ereignisse haben leiten lassen, dazu in Kürze mehr.

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