Eine etwas gewagte Überschrift, weil ich in diesem Text vermutlich nicht einmal auf Usedom ankommen werde, ich habe nur etwa eine halbe Stunde Zeit.  Morgen früh geht es schon nach Helgoland, es muss dafür noch gepackt und etwas organisiert werden, das ist das anstrengende Leben der Inselhopper zwischen Ost- und Nordsee, Sie kennen das.

Nach Usedom jedenfalls, so war der Plan, wollten die Herzdame und ich zu zweit. Eine verlängertes Wochenende ohne Kinder, was bei uns bekanntlich ziemlich selten vorkommt und entsprechende Begeisterung bereits weit vor dem Termin auslöste. Was man da alles machen kann, ohne Kinder! Zum Beispiel überhaupt nichts, um einmal mit dem naheliegendsten Aspekt zu beginnen. Man kann aber auch vollkommen abgefahrene Dinge tun, man kann sich etwa mit einem Roman ins Bett legen und diesen komplett durchlesen. Am Stück. Das ist für kinderlose Menschen evtl. vollkommen normal, für Eltern ist das eine ganz außerordentlliche Erfahrung. Und wenn man schon so ungestört stundenlang im Bett liegt, dann kann man auch, nicht wahr, und was ist schon dabei, Nickerchen und andere Späße machen, es sind also geradezu paradiesische Vorstellungen, die man da hat, wenn man an solche Wochenenden denkt. Weit, weit vorher verdrängt schon man alle Ärgernisse des Alltags mit einem milde gemurmelten “Ach was, wir haben ja bald dieses Wochenende, Schatz.” Und man spricht es mit einem tiefen Blick in die Augen, das Vorbild für die Gefühlslage dazu findet man bei Casablanca, “Uns bleibt immer Paris”, nur ist es hier eben prognostisch gemeint.

Knapp vor diesem Wochenende wurden dann mehrere Familienmitglieder der Großelterngeneration gleichzeitig krank, weswegen wir erstens die Kinder ungeplant und schnell doch wieder aus Nordostwestfalen abholen mussten, wo sie ansonsten grandiose Ferien verbracht haben. Weswegen ich außerdem ungeplant und schnell noch mal eben nach Lübeck musste, weswegen die Herzdame und ich in verschiedenen Richtungen durch die Gegend fuhren, statt dicke Romane für das Wochenende einzupacken. So etwas kann vorkommen, und manchmal ist es eben komplizierter als sonst.

Weswegen ich außerdem beim Quartier und Lesungsort in Heringsdorf die Übernachtungsmöglichkeit neu regeln musste, nun doch mit Kindern, es war einfach nicht anders zu machen. Das führte zu diesem denkwürdigen Dialog:

 

Ich: “Wir kommen nun doch mit Kindern, geht das?”

Hotel: “Okay, dann buche ich Sie einfach von Liebeslaube auf Ferienwohnung um.”

 

Das klingt lustig, gar keine Frage, und ich habe auch gelacht. Kurz. Sehr, sehr kurz. Am gleichen Tag gab es dann Stunden später und eine Stadt weiter einen anderen denkwürdigen Dialog, und zwar zwischen meinem Vater und mir.

 

Ich: “Morgen fahre ich nach Usedom.”

Mein Vater: “Da habe ich mich auch schon mal übergeben.”

 

Das beschreibt in bemerkenswerter Kürze ein Detail meiner Familie, die natürlich, wie alle Familien, eine seltsame Familie ist. Und zwar beschreibt es gewisse Erzähl- und Erinnerungsweisen in Familien mit langer Migränetradition. Das wäre eigentlich auch einmal einen Familienroman wert, wie sich diese Krankheit durch Generationen fortsetzt, wie Männer und Frauen in verschiedenen Jahrzehnten damit umgehen, wie Einzelne ihr manchmal für Jahre entkommen, dann doch wieder Opfer werden, sich arrangieren, verzweifeln, neue Therapien versuchen, obskure Heilmethoden anwenden, die Krankheit manchmal einfach vergessen und nach Monaten verblüfft daran zurückdenken … Doch, das wäre vermutlich interessant, so etwas beispielhaft zu erzählen. Aber man kommt ja zu nix.

So fuhren wir mit den Kindern in einem etwas gewagten Timing nach Heringsdorf auf Usedom, wo wir vor der Lesung noch etwa eine Stunde Zeit hatten, um einen schnellen Blick auf die charmant besonnte Ostsee zu werfen und in ein Restaurant zu gehen, was dann auch ein bemerkenswertes Event für die Familienchronik war. Dazu in Kürze mehr.

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