Wer 12 von 12 nicht kennt – hier die Erklärung. Und hier alle 12 von 12 im März.

Wir haben kinderfrei, die Söhne sind in den Ferien bei den Großeltern, ich kann also so lange schlafen, wie ich möchte. Entsprechend wache ich um 04:50 auf, Eltern kennen diese seltsame Logik. Da ich nicht mehr einschlafen kann, gehe ich dorthin, wo es mich immer hinzieht, ich gehe an meinen Schreibtisch. Und da mich dort niemand stört und ich niemandem Frühstück bereiten oder Äpfelchen schneiden oder die Zähne putzen oder irgendwas in den Ranzen packen oder Schuhe zubinden oder irgendwas vorlesen oder die Haare kämmen soll, kann ich dort etwas am nächsten Wirtschaftsteil schreiben, eine Kolumne für die Lübecker Nachrichten verfassen und noch einen anderen Auftragstext abschließen. Danach fühle ich mich geradezu widerlich streberhaft und gehe mit Buch wieder ins Bett,um das schnell wieder auszugleichen. Meyerhoff, sehr fluffige Lektüre, dies ist der zweite Band der Reihe. Kann man sehr gut machen.

Stunden später wird auch die Herzdame wach und jammert, was sie aber auch darf, denn sie hat Hexenschuss. Normalerweise bin allerdings ich hier der mit Rücken, solche Wechsel der Gebrechen sind für mich höchst irritierend, wie seltsame Rollenspiele. Die Herzdame ist schmerzbedingt unleidlich wie eine angeschossene Löwin, ich umkreise sie mit gebührendem Sicherheitsabstand und reiche nur ab und zu vorsichtig Dinge des aktuellen Bedarfs an. Dann gehen wir frühstücken.

Beim Frühstück setze ich meine Streberattitüde fort und schaffe es vermutlich erstmalig im Leben, einen solchen Bagel zu essen, ohne mich oder auch nur den Tisch komplett einzusauen. Wer immer strebend sich bemüht, der kann auch ohne Kleckern.

Das Frühstück gelingt dennoch nur partiell, denn die Herzdame hält mir Vorträge, dass man mit mir nicht entspannt frühstücken könne. Das ist so weit korrekt, ich werde bei dem Wort Entspannung furchtbar nervös, erst recht zu völlig unpassender Uhrzeit. Entspannung ist nur in Ordnung, wenn man dabei einschlafen kann, sonst macht sie mich wahnsinnig. Entspannung ist Mittagsschlaf oder gar nicht, jedem seine Wellness-Doktrin, siehe dazu auch weiter unten. Die Herzdame möchte aber länger und bitte gemütlich im Lokal sitzen, einfach nur sitzen, wir kommen da nicht recht zusammen. Egal, sie verabredet sich einfach für morgen mit einem Experten auf diesem Gebiet, man muss manche Themen auch outsourcen können. Ich gehe dann solange an den Schreibtisch.

Nach dem Frühstück trägt die Herzdame ihren Zustand und ihre Stimmung allerdings etwas plakativ durch die Gegend. Schlimm.

Wir gehen in die Stadt und kommen an dem folgenden Schild vorbei, das ansonsten mit diesem Text rein gar nichts zu tun hat. Künstlerische Freiheit, doo! Theoretisch müsste ich mir Hosen kaufen, praktisch habe ich, wie quasi immer bei solchen Anlässsen, zehn Minuten nach Betreten des ersten Geschäftes so eine Aversion gegen das Einkaufen, dass ich beschließe, im Sommer eher Baströckchen zu tragen, als heute in der Stadt Hosen zu kaufen.

Ich beschließe, dass mir danach ein früher Mittagsschlaf und Entspannung zustehen und lege mich hin. Drei Minuten nach dem Einschlafen steht die Herzdame neben mir und ruft fröhlich “Kaffee!” Auf meine verblüffend zivilisiert geäußerte Frage, ob sie noch bei Verstand sei, erklärt sie mir, dass ich mich sonst immer beschweren würde, wenn sie mir nach dem Schlafen keinen Kaffee bringen würde, also das sei jetzt ja seltsam, wie denn nun, und ob ich mich mal entscheiden könne? Ich setze ihr sanftmütig wie Gandhi auseinander, dass niemand, wirklich niemand drei Minuten nach dem Einschlafen einen Kaffee haben möchte, woraufhin sie mir erklärt, das sie ja nicht wissen könne, wann ich denn jeweils genau einzuschlafen gedenke. Wir führen minutenlang einen loriotmäßigen Dialog auf, wie ihn nur gestandene Ehepaare hinbekommen, dazu gibt es Kaffee, was soll man machen.

Kurz darauf verrät mir der betont beiläufig geäußerte Kuchenhunger der Herzdame den wahren Grund, warum sie mich vorzeitig geweckt hat. Mild und aufopfernd wie Florence Nightingale gehe ich nicht in die Luft, sondern Kuchen holen. Es handelt sich hier um eine äußerst wohlschmeckende Mousseauchocolatschnitte, was in einem Wort geschrieben etwa seltsam aussieht, zugegeben. Daneben ein Stück sizilianische Zitronentorte, die so schmeckt, wie unser Kloreiniger riecht. Quasi zitrusfrisch und hilfreich gegen Urinstein. Nun ja.

Auf dem Weg zum Kuchen noch ein frisch gestrichenes und sehr rotes Haus gesehen. Wirklich sehr, sehr rot. Und vielleicht ein klein wenig unheimlich.


Dann folgt weitere Schreibarbeit, eine Geschichte wird zwei, drei Seiten vorangetrieben. Neuerdings schreibe ich wieder ab und zu mit der Hand, das ist auch interessant. Man denkt doch anders dabei.

Wenn ich beim Schreiben hochgucke, sehe ich hier überall Osterdeko. Das ist so ein Familiending, denn würde ich alleine leben, ich hätte vermutlich überhaupt keine Deko, zu keinem Anlass, ich bin eher Minimalist. Da die Herzdame und die Söhne aber von einer Geschenkartikelladeninhaberin abstammen, haben wir sehr, sehr viel Deko. Und weil es meine Herzdame und meine Söhne sind, ist das auch gut so. Eh klar.

Ich verliere mich zwischendurch auf Youtube und wühle wieder einmal in der Vergangenheit. Dabei finde ich immer noch Titel, die mir Jahre nicht mehr über den Weg gelaufen sind, es ist faszinierend. Hier zum Beispiel Klaus Hoffmann, den habe ich als Jugendlicher gerne gehört, das war damals so üblich. Wegen der Zeile “Gott verzeih dir deine Schönheit” in diesem Lied heißt das geliebte Mädchen in meinem Buch “Es fehlt mir nicht, am Meer zu sein” übrigens Sarah. Und da habe ich jetzt auch schon sehr lange nicht mehr dran gedacht. Also an das Lied. An das Mädchen schon, das begegnet mir regelmäßig auf Facebook.

Darauf ein Feierabendbier. Und zwar ein ziemlich gutes Bier.

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