Usedom-Bemerknisse (5)

Wie angekündigt folgt nun ein für Nichteltern vollkommen sinnfreier Tourismus-Tipp zu Ahlbeck. Ein Hinweis von der Art, die man eigentlich einmal als Reiseführer für Eltern herausgeben müsste, am besten als stets aktualisierte Online-Ausgabe für Orte weltweit, geschrieben von vielen Familien mit ganz speziellen Erfahrungen, gemacht von wahren Experten, also von Kindern. Denn Kinder finden in der Regel nicht das interessant, was im Reiseführer steht, sondern vollkommen obskure Nebendinge. Und man reist als Familie deutlich entspannter, wenn man sich diesen obskuren Nebendingen hingibt, wenn man ihnen Zeit und Raum lässt, wenn man nicht von der Erfüllung irgendwelcher Zeitpläne träumt. Das ist eine der Lektionen, die ich tatsächlich als Vater eher schwer zu lernen fand. Ich möchte auf Reisen etwas sehen, ich habe auch oft genaue Vorstellungen, was ich sehen möchte, wo ich essen möchte, wo ich längs gehen möchte, was ich machen möchte usw. Und das ist falsch. Richtiger ist es fast immer, die Kinder vorgehen und entscheiden zu lassen.

Fährt man Ahlbeck aus westlicher Richtung an, sieht man bald die Ausschilderung zu den Parkplätzen. Wenn man P1 folgt, landet man kurz vor dem Strand auf einer sandigen Brachfläche, umrahmt von mehreren abbruchreifen Ruinen großer Häuser, die vermutlich einmal ziemlich stattlich waren. Sie bröckeln seit Jahren vor sich hin. Auf der Parkplatzbrachfläche stand vermutlich auch einmal so ein Haus, jetzt ist das einfach ein Stück holperige Buckelpiste, allerdings ein Stück mit natürlich sehr wohl funktionierendem Parkautomaten mitten im Nichts. Und P1 wird sicher in absehbarer Zeit einer prächtigen Immobilieninvestition weichen müssen, die Lage ist einfach zu gut.

Am Rand dieser Brachfläche wurden, warum auch immer, gleich mehrere große Kieshügel aufgeschüttet, vermutlich sollte irgendwann irgendein Bau beginnen, das wird allerdings auch schon eine Weile her sein, so wie es da aussieht. Aus Kindersicht ist das ringsum eine großartige Abenteuerkulisse, und auf den Kieshügeln der verlassenen Baustelle kann man prima herumspringen, von Hügel zu Hügel, es stört ziemlich sicher niemanden. Und man kann graben! Die Söhne haben dort in langer Arbeit ein riesiges Sück historisches Abflussrohr mit kryptischen Schriftzeichen drauf freigelegt, das ist Großstadtarchäologie, das ist toll. Und um dieses Rohr freizulegen mussten sie nicht nur ein klein wenig buddeln,sie mussten sich richtig anstrengen, sie mussten ziemlich tief graben, mit aller Kraft ziehen und hebeln, es dauerte und dauerte, ihnen wurde ganz heiß, sie waren hinterher richtig kaputt.

Die Herzdame und ich saßen währenddessen im Auto. Eigentlich wollten wir zum Strand. Eigentlich wollten wir Kaffee trinken, eigentlich wollten wir auf die Seebrücke, eigentlich wollte ich die Promenade entlang gehen, eigentlich wollte ich mir die großartigen Villen dort ansehen, ich liebe die Bäderarchitektur. Wir saßen aber im Auto mit Blick auf graue Abbruchhäuser und Baustellensand – und alles war gut. Die Sonne kam zwischendurch raus, es war warm im Auto. Die Kinder spielten dahinten irgendwo. Das kann man auch einmal etwas länger aushalten. Wenn Sie Kinder haben und nach Ahlbeck auf Usedom kommen – einfach P1 folgen, die Autotüren öffnen, auf den Kies zeigen und die Kinder rauslassen. Das sind doch im Grunde die Tipps, die Familien unterwegs wirklich brauchen, das sind die Tipps, die familiären Frieden auf Reisen schaffen.

Und später waren wir dann auch noch am Strand, wie gestern bereits berichtet.

Woanders – Der Wirtschaftsteil

Der Wirtschaftsteil heute als Weltspiegel, warum auch nicht. Wir fangen mit einem Land an, bei dem es sich vielleicht lohnt, seine Einschätzung auf einen neuen Stand zu bringen, es geht da um Rumänien und das Aufblühen der Bürgergesellschaft. Wer sich übrigens für das Thema Flucht und Migration interessiert, das einem bei Rumänien durchaus wieder in den Sinn kommen könnte, achte bitte besonders auf die Textstelle mit dem transterritorialen Wertetransfer, denn das gilt vermutlich so auch für andere Staaten. Und für eher zahlengläubige Menschen hier noch ein Artikel zum gleichen Thema, aber angereichert mit ein paar Ziffern. Bei den Krautreportern ging es neulich allerdings eher um die Schattenseiten einer bestimmten Branche in Rumänien (und Bulgarien),und das lang und gründlich.

Weiter östlich geht es um eine russische Stadt, die durch den Kalibergbau bedroht wird, man beachte bitte auch die Bilder.

Was man aber deutlich öfter findet, als Texte zu Ländern wie Rumänien und Russland,das sind Artikel über typische Reiseländer, da ist man dann gleich wieder voll im touristischen Bereich. Und selbstverständlich immer bei einem gewaltigen Echtheitsproblem. Diese seltsame Ding mit der Echtheit kann man ganz gut am Beispiel der Malediven überdenken, die gerade Partnerland der ITB waren, was vielen Medien negativ auffiel, wir nehmen diese Meldung hier nur als Beispiel für viele Berichte in gleicher Richtung.

Es gibt in den Ländern, die wir gerne bereisen, immer Themen, die wir eher nicht mitbekommen wollen. Das ist in der Heimat nicht anders, wir sehen um Urlaub nur zur Abwechslung an anderen Themen vorbei. Zwangsarbeit in Thailand, um nur ein Beispiel zu nennen. Dazu eine Meldung über eine Entschädigungszahlung, man kann es da immerhin halbwegs positiv sehen, dass etwas passiert. Und um Arbeitsbedingungen geht es wieder in diesem Text über die Wanderarbeiter in Katar, auch dort passiert etwas. Ganz langsam.

Und noch einmal Arbeitsbedingungen, diesmal berührt der Artikel ein anderes Thema, das hier häufig vorkommt, nämlich das der Fairness. Es geht um den Abbau von Wolfram in Ruanda, es geht auch um das Fairphone.

Und dann noch zwei Meldungen zu anderen Themen, da geht es um Städte. In Lima/Peru helfen Geier bei der Suchen nach illegalen Mülldeponien, man beachte den Link am Ende des Artikels. Man kann auf der Website tatsächlich sehen, wo die Geier gerade sind. Schließlich ein Artikel, für den man etwas Zeit braucht, schon um sich vorzustellen, dass das alles real ist – ein Special zu Makoko, dem weltweit größten schwimmenden Slum (englischer Text).

Wobei, es wird wieder Frühling, es gibt also endlich wieder mehr Meldungen für den Freundeskreis Fahrrad, da legen wir noch etwas nach. Und beginnen die Artikelsaison mit einer seltsamen Schlagzeile: Es gibt weltweit mehr neue Radfahrer als Neugeborene.”

GLS Bank mit Sinn

Usedom-Bemerknisse (4)

In Heringsdorf gibt es Strand, Sandstrand genau genommen. Hier und da ein paar Steine, Muscheln, Tang, Wellen, Meer, eine Seebrücke. Wie Strand an der Ostsee eben so ist. Nicht zu breit, nicht zu schmal, ein Strand eben, ein schöner sogar.

Im benachbarten Ahlbeck gibt es auch Strand. Der erfüllt genau die gleichen Kriterien. Noch ein Strand eben. Auch schön.

Die Söhne haben an diesen beiden Stränden gespielt, sie haben dort also Löcher und Burgen gebuddelt und gebaut und interessante Steine gesammelt oder uninteressante Steine ins Wasser geworfen und Möwen beobachtet und sich von den Wellen jagen lassen und sich nasse Füße geholt usw., was man eben am Meer so macht, wenn man sechs oder acht Jahre alt ist. Sie haben an beiden Stränden in der gleichen Weise gespielt, es lagen nur ein paar Stunden dazwischen.

Wenn man die Söhne nun fragt, welcher Strand der bessere war, sagen beide unisono und sofort und sehr überzeugt: “Ahlbeck!”

Warum ist das so? Das ist so, weil in Ahlbeck die Sonne herauskam, als sie gerade über den Strand rannten, dadurch war es dort ein paar Grad wärmer als in Heringsdorf. Es war plötzlich Es-geht-auch-ohne-Jacke-Wetter. Dadurch war Ahlbeck total super und Heringsdorf, das bis dahin auch total super war, fiel dann doch etwas ab. Ich habe das den Söhnen erklärt, was da in ihren Köpfen passierte, ich war aber vollkommen chancenlos. Sie haben ihre Wahrnehmung sofort rationalisiert und kamen mir mit Argumenten wie der Sandqualität, schöneren Steinen, besserem Wellengang, mehr Fischen in Ahlbeck, mehr Möwen und so weiter. Es schien ihnen nicht möglich, dass ihre klaren Präferenzen einfach nur an vier Grad Lufttemperatur mehr und ein paar freundlichen Sonnenstrahlen und einfach guter Stimmung liegen konnten. Der Strand war nicht gefühlt besser, der Strand war an sich besser, das war quasi Ehrensache.

Würde man die Söhne jetzt entscheiden lassen, ob wir das nächste Mal nach Heringsdorf oder nach Ahlbeck fahren, sie würden ganz sicher Ahlbeck wählen. Das kann man sich ja spaßeshalber einmal vorstellen, dass wir sie entscheiden lassen würden, so etwas macht man manchmal. Und dann würden wir das Mal darauf vermutlich auch wieder nach Ahlbeck fahren, weil es dann ja schon Tradition geworden wäre dahin zu fahren und weil wir hier alle Traditionen mögen und sicher auch schon wüssten, wo es dort z.B. die besten Fischbrötchen gibt. Und beim vierten Mal würden wir da nicht nur die guten Restaurants und Supermärkte und Kioske kennen, nein, wir würden auch schon jemanden kennengelernt haben, Einheimische mit Kindern vielleicht, mit denen die Söhne beim fünften Mal dann natürlich auch wieder spielen würden. Und das könnten dann durchaus dicke Freunde werden und womöglich auch bleiben. Die vier Kinder würden sich alle Ferien wieder treffen und eine in Teilen gemeinsame Jugend verbringen, so dass die Söhne die Zeit in Mecklenburg-Vorpommern irgendwann ziemlich super finden würden. Und sie würden vielleicht später, nach der Schulzeit, in dieser tollen Gegend dort einen Beruf erlernen, warum auch nicht, irgendwas mit Küstenschutz oder so, das könnten sie schon seit Strandbuddelzeiten im Sinn gehabt haben. Und dann würden sie hinterher noch für ein Jahr ins Ausland gehen, um an andere Küsten mehr zu lernen, wo sie dann weitere Menschen kennenlernen könnten, die sie sonst natürlich niemals getroffen hätten, und dann wäre einmal auch die große Liebe dabei, na, wie es eben so geht, das ist ja alles möglich und gar nicht abwegig, so läuft es doch im Leben. Und so würde es dann jedenfalls laufen, weil die Sonne kurz rauskam. Damals in Ahlbeck.

Wir halten hier dennoch fest: Der Strand in Heringsdorf ist genau so schön.

In der nächsten Folge: Ein für Nichteltern garantiert vollkommen sinnfreier Tipp für Ahlbeck.

Gelesen: Clara Sánchez – Letzte Notizen aus dem Paradies

Aus dem Spanischen von Lisa Grüneisen.

Wieder ein Coming of age-Roman, diesmal spielt die Handlung in einer spanischen Vorstadt. Endlich mal etwas anderes, Vorstädte sind ja sonst geradezu zwingend in den USA. Die männliche Hauptfigur jobbt in einer Videothek, da wird einem schon wieder ganz nostalgisch zumute. Videotheken sind auch so etwas, das man dem Nachwuchs kaum noch erklären kann, ohne leicht irre zu wirken. Sie sind also damals in einen Laden gegangen, um sich einzelne Filme gegen Bargeld auszuleihen, is’ klar.

Das Buch hat im spanischen Sprachraum reihenweise Preise abgeräumt, ich habe es leider sehr zerstückelt gelesen, konnte es daher nicht recht würdigen und habe das Ende nicht verstanden. Da war auf den letzten Seiten irgendein Dreh, wenn Sie das Buch auch lesen sollten, schalten Sie da bitte einen Gang runter, dann klappt das sicher auch. Aber die Liebesgeschichten waren schön, die Figuren interessant, was will man mehr. Ich finde Szenen und Stimmungen eh wichtiger als Handlung, Handlung wird total überschätzt, was natürlich jeder gerne komplett anders sehen darf. Hier noch eine Rezension, die Begeisterung hält sich dort deutlich in Grenzen.

Für sportlich orientierte Menschen: Es gibt reichlich Jogging-Szenen im Buch, manche Menschen lesen doch so gerne etwas über ihre obskuren Freizeitbeschäftigungen in der Literatur nach. Und hätte ich den Roman am Stück gelesen, er hätte mir vielleicht ganz gut gefallen.

 

 

Usedom-Bemerknisse (3)

Am Abend hatte ich dann eine sehr angenehme Lesung in der Villa Dorothea, wobei ich zum ersten Mal überhaupt in Anwesenheit beider Söhne gelesen habe. Und Sohn II hat es sich tatsächlich nicht nehmen lassen, bei einer seiner Erwähnungen kurz neben mich und somit auch vors Publikum zu treten, mit solchen Effekten rechnet man als Verfasser von Familientexten auch nicht gerade, das war aber sehr nett.

Nach der Lesung gab es selbstgemachten Eierlikör, den Schüler aus der Nähe hergestellt hatten, ich möchte einmal annehmen, es war eine Berufschule. Ganz außerordentlich köstlicher Eierlikör war das jedenfalls, und zu dem Stichwort kann man Jüngeren by the way noch etwas erklären, was heute vermutlich gar nicht mehr allgemein bekannt ist. Mit Eierlikör nämlich wurden Menschen meiner Generation noch planmäßig und reihenweise in sehr jungen Jahren an den Alkohol herangeführt. Denn ab etwa zwölf Jahren konnte man so langsam schon mal wenigstens ein Gläschen – oder auch zwei? Schmeckt doch so nett, hm? Denn auch das Trinken musste irgendwie gelernt werden und allmählich war man ja wirklich alt genug und auch schon so groß, aber das Bier war doch noch zu bitter. Das sind Erinnerungen, die heute seltsam und exotisch klingen … aber gut, das mit dem Eierlikör spielte auch zu einer Zeit, als es in den Lübecker Stadtbussen noch Aschenbecher neben jedem Platz gab. Es war eine andere Welt.

Für die nächste meiner Lesungen habe ich nach diesem denkwürdigen Abend jedenfalls gleich Honorar, Spesen und Eierlikör vereinbart, man lernt so aus seinen Erfahrungen. Sollten Sie am 23.10. tagsüber in Stuttgart sein, wir könnten dort anstoßen – es soll keiner behaupten, ich hätte nicht rechtzeitig Bescheid gesagt.

Zu der Villa-Dorothea sei noch eben angemerkt, dass es ein zugehöriges Haus Hedwig gibt, in dem man als schreibender Mensch in der Vor- und Nachsaison zu wirklich interessanten Preisen in Klausur gehen kann, z.B. zwei Wochen 300.-, da kann man nicht meckern, nicht wahr. Wohl aber kann man in Ruhe schreiben, vermute ich stark. Es gibt in dem Haus nämlich diese verglasten Balkone, für die es sicher irgendeinen Fachausdruck aus der Bäderarchitektur gibt, auf den ich allerdings gerade nicht komme. Diese sehr hellen, hohen, wintergartenmäßig verglasten und manchmal sogar beheizten Altbaubalkone jedenfalls, auf der weiter oben verlinkten Seite sieht man das Haus übrigens auf dem dritten Bild von rechts in der oberen Reihe. Da sitzt man wirklich gut, wenn man in Ruhe schreiben möchte.

Man hat außerdem eine bemerkenswert nette Gastgeberin, man ist in drei Minuten am Meer, man kann zu Fuß zum nächsten Edeka, man hat eine kleine Küche für die bescheidene Kost der Schreiberlinge, man kann mit dem Rad mal eben nach Ahlbeck oder Bansin oder rüber nach Polen, um auf andere Gedanken zu kommen, ich fand das alles recht anziehend. Man kann natürlich auch ein paar Meter weiter den schönen familiären Gedenkort Buchen-Eck aufsuchen.

Warum übrigens die Söhne dieses Ahlbeck deutlich besser als Heringsdorf fanden und damit aber gar nicht richtig liegen, sondern sich von komplett irrationalen Fehldeutungen natürlicher Ereignisse haben leiten lassen, dazu in Kürze mehr.