Gedankliche Abgründe

Wir haben ein neues Bett, in dem schlafe ich viel besser und entspannter als in dem vorherigen, obwohl es auch nur ein normales Doppelbett ohne jeden Spezialeffekt ist. Das finde ich beunruhigend. Sehr beunruhigend sogar. Wir haben dieses neue Bett nämlich nicht, weil mit dem alten Bett etwas nicht stimmte. Ich war zufrieden damit, es gab keine Klagen. Es war eben irgendein Bett, ich habe mir nie viele Gedanken über mein Bett gemacht, ich war da eher anspruchslos.

Wir haben das neue Bett nur, weil wir alles umdekoriert und verschoben haben, weil das alte Möbel danach einfach nicht mehr gut aussah. Das war also ein reiner Zufallstreffer, das mit dem besseren Schlafen. Ich habe nicht einmal gewusst, dass ich überhaupt besser schlafen kann, ich habe mein schlechtes Schlafen gar nicht als verbesserungsfähig erkannt. Ich dachte, das sei völlig normal, wie ich schlafe.  Und jetzt werde ich den Gedanken nicht mehr los – was könnte noch alles besser in meinem Leben sein, wenn ich etwas ändern würde, was mich bis jetzt gar nicht stört?

Einfach mal was versuchen, irgendwas ändern? Wieviel Potential ist da wohl noch, an Stellen, wo man mit normalen Gedanken im Alltag nicht hinkommt? Man kommt doch nie dazu, sich um das zu kümmern, was man jahrelang einfach so hinnimmt. Ein wahrer Abgrund, vor dem man da plötzlich gedanklich steht, das ist doch von geradezu philosophischem Interesse, da wird man glatt zum Denker und grübelt sich fest. Geht nicht fast alles auch anders? Und ist dann vielleicht sogar besser? Wenn man da länger drüber nachdenkt! Dann kommt man auf tausend Ideen, da hinterfragt man alles, da sieht man plötzlich überall unendlich viele Optionen. Die Gedanken rattern nur so – und dann kann man übrigens nicht mehr schlafen. Aber wenn ich nicht mehr schlafen kann, dann hätten wir ja auch gleich das alte Bett behalten können. Ist das kompliziert!

Ja, ich weiß schon, warum aus mir kein Denker geworden ist.

 

Dieser Text erschien als Kolumne in den Lübecker Nachrichten

4 comments

  1. Karen

    Wow. Da muss ich jetzt auch mal ne ganze Weile draufrumdenken.
    Das ist ja fast wie der Gedanke, dass das Weltall unendlich ist. Das hat mich schon als Kind total kirre gemacht und hält bis heute an.
    Dieser Ansatz hier geht in eine ähnliche Richtung.
    Danke.

  2. Katharina

    Habt ihr jetzt auch so eine Eve Matratze, wie all die anderen Blogger? Oder ist das ein Lockartikel, damit Eve eine Matratze schickt, quasi als Herausforderung, dass man NOCH besser schlafen kann?

    Aber der Gedanke an sich ist in der Tat interessant. Wenn hier alle Kinder durchschlafen und ich wieder selber schlafen darf, befasse ich mich auch mal mit diesem Experiment :-)

  3. Katharina

    Anscheinend. Aber ich bin beruhigt. Noch nie ist mit Werbung so doll aufgefallen (gar nicht negativ, nur eben deutlich bemerkt), als auf einmal gefühlt „alle“ aka Frische Brise, Nuf, Bruellen, FrauÄhMutti, DailyPia usw. Beiträge über ihe neue Matratze verfassten. Dachte, das wird jetzt quasi der Prolog zu eben auch so einem Testbericht. Mich hat überrascht, wie empfänglich man auch als rationaler Mensch für diese Form der Werbung ist. „Oooooh, die haben das ALLE. Ooooooooh, die schlafen ALLE auf einmal VIIIIIEEEEL besser. Ich muss das wohl auch haben. …. ….. Oder?“

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