Sohn II hat Einschlafschwierigkeiten. Obwohl er jeden Tag in die Vorschule geht, also früh raus und auch entsprechend früh ins Bett muss, da ist nichts zu machen. Er liegt abends lange hellwach im dunklen Zimmer, er redet mich sich selbst, er turnt im Bett herum, er geistert durch die Wohnung. Es ist einfach nicht seine Tageszeit, um friedlich wegzudämmern. “Weißt du Papa”, sagte er mir neulich, als ich wieder einmal an seiner Bettkante saß und wartete, dass er endlich einschlief, “weißt du Papa, richtig gut einschlafen kann ich eigentlich nur im Morgenkreis.”

Ich habe gefragt, was sie im Morgenkreis machen, ich bin ja nie dabei. Jetzt weiß ich, sie sitzen da alle zusammen, und es ist erwünscht, dass jeder etwas sagt. Zwar ist nicht jedem klar, worum es eigentlich geht, es gibt wohl auch gar nicht immer ein klares Thema, aber Beteiligung soll schon sein. Einige reden irgendwas, einige albern herum und einige, wie mein Sohn, schlafen eben ein, weil es manchmal so langweilig ist. Ich habe gefragt, ob das denn nicht schlimm sei, da einzuschlafen? Was die Erzieherinnen dazu sagen? Das sei schon okay, sagte der Sohn, das komme eben vor. Das Ganze sei auch nicht so irre wichtig, sondern eben nur der Morgenkreis. Und am nächsten Tag sei ja wieder einer.

Ich bin jetzt von Neid zerfressen. Das muss man sich einmal vorstellen: man geht in ein vollkommen sinnloses Meeting, das werden die meisten ja gut kennen, jedenfalls sofern sie irgendeinen Beruf haben. Alle sitzen im Kreis und reden irgendwas, wie das in Meetings so ist. Die Minuten werden länger und immer länger, sie dehnen sich schier unendlich – wenn man sich da bei mangelndem Interesse einfach zurücklehnen, gähnen und einschlafen könnte – und es würde der Karriere garantiert nicht schaden! Dieses Kind lebt doch den Traum!

Und wie bei den meisten privilegierten Menschen gilt übrigens auch bei ihm: er hat nicht die leiseste Ahnung, wie gut er es hat.

(Dieser Text erschien als Kolumne in den Lübecker Nachrichten)

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