Wo ich im letzten Artikel schon das Schreiben mit Aussicht erwähnt habe – ich sitze gerade auf dem Bett, das Bett ist noch ganz neu, das Schlafzimmer ist auch neu, wie bereits berichtet. Der Blick aus dem Fenster von hier aus ist es also auch. Da kann ich ja mal aufschreiben, was ich sehe. Der Blick geht von hinten über ein Hotel. Ein großes, nein, ein sehr großes weißes Gründerzeitgebäude an der Alster, es war einmal eines der Grand Hotels schlechthin, das hat sich mittlerweile wohl etwas relativiert. Von hinten ist es übrigens in aller Deutlichkeit pfui, heruntergekommene und abbruchreife Nebengebäude, das entspricht jedem nur denkbaren Klischee. Ab und zu hört man, wie große Wagen aus der Garage gefahren werden, die hier ihre Ausfahrt hat. Autos, in die dann vorne auf der lichten und pompösen Seite des Gebäudes wohlhabende Gäste einsteigen, nachdem ihnen ein Hotelangestellter wieder den Schlüssel gereicht hat. Es sind natürlich nicht irgendwelche Autos, es sind edle Limousinen und Sportwagen und SUVs. Die Angestellten, – sagt man eigentlich noch Pagen? – die diese Autos vorfahren, haben nur wenige Meter Gelegenheit, die prächtigen Motoren anzutesten, bevor sie um die Ecke biegen und die Autobesitzer sie auf der Vorderseite hören und bald auch sehen können. Also jagen sie aus der Garage und treten einmal kräftig auf das Gaspedal, es ist wirklich nur eine allzu kurze Strecke, aber die kann man ja, nicht wahr, und scheißegal, dass hier Zone 30 ist. Hier ist Zone Ich-will-auch-einmal. Es macht ein geradezu kindisch anmutendes BRUMM, wenn die Jungs, ich nehme einfach mal an, dass es Jungs sind, die ach so tollen Autos um die Ecke jagen.

Ich sehe das aber gar nicht vom Bett aus, ich höre nur ab und zu diese Autos und gucke dann arrogant und selbstgefällig, denn ich bin natürlich längst und gründlich erhaben über kindische BRUMM-Geräusche und Motoren-Neid. Das ist angenehm, so habe nämlich auch ich das Gefühl, im Leben etwas erreicht zu haben. Was ich tatsächlich sehe, das ist das Dach des Hotels und den Fahnenmast darauf. Genau genommen gibt es mehrere Fahnenmasten, ich sehe aber nur den in der Mitte. Das ist der, an dem man wechselnde Fahnen sieht, je nachdem, welcher Staatsgast da gerade residiert. Manchmal guckt man raus und denkt: ah, Frankreich. Guck an. Und wenn es ein Staatspräsident ist, der da schläft, dann stehen hier manchmal Polizeiwagen in den Nebenstraßen, in denen sich einsatzbereite Menschen ganz fürchterlich langweilen. Stundenlang.

Manchmal guckt man auch auf die Fahne und geht dann gleich wieder an den Computer, um eine Fahne zu googeln, die einem irgendwie entfernt bekannt vorkommt. Und denkt dann erst: ach guck, Ghana. Oder dergleichen. Im Moment weht da die Hamburgfahne, ich weiß gar nicht, ob die da immer weht, wenn gerade keine andere weht. Kann sein. Oder ob da gerade irgendwas stattfindet? Jedenfalls weht sie wirklich, wir haben böigen Wind, die Fahne schlägt kräftig hin und her. Wenn es ein paar Tage so gehen würde, sie wäre zerfetzt.

Der aufbrisende Wind kommt mit Anlauf über die Alster und greift hier auch nach den Dachfenstern unseres Schlafzimmers, er versucht, sie anzuheben. Ab und zu knacken und knarren sie bedrohlich, es pfeift und es heult. Die Fenster sind alt, die taugen schon lange nichts mehr, die taugen nur noch für eine hörspielmäßige Geräuschkulisse. Es ist seit Stunden schon dunkel über der Stadt, aber das große Hotel wird touristenfreundlich mit Scheinwerfern von unten angestrahlt. Die weiße Burg auf dem roten Grund der Fahne oben leuchtet daher jäh auf, wenn sich die Fahne im Wind einmal kurz streckt. Die Burg flackert dann hell im Dunkel, wobei das umgebende Rote etwas gespenstisch wirkt. Es ist so winterlich und gründlich dunkel draußen, dass das Rot noch gerade eben als Rot zu erkennen ist, es ist nur ein kleines, sehr bewegliches Rot im umfassenden Schwarz des Abends, ein eher ungewiss huschender Fleck Dunkelrot mit einer weißen Burg darin. Man könnte dieses Bild in einem Thriller verwenden, irgendeine endzeitliche Szene, diese Fahne als Rest von irgendwas, von Hamburg, von Deutschland, von was auch immer. Und dann reißt sie langsam ein.

Sie könnte übrigens auch auf Halbmast hängen, das würde ich gar nicht erkennen, weil das Ende des Mastes im Dunkeln nicht auszumachen ist. Das erforderte dann eine andere Kameraeinstellung, das wäre eigentlich auch ein netter Effekt. Je länger ich da hinsehe, desto unheimlicher sieht sie aus, diese rote, wild hin- und herschlagende Fahne im harten Schwarz des Winternachthimmels. Und desto gemütlicher wird es im Bett.

Doch, doch, es ist eine schöne Aussicht.

 

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