Eine Szene aus der Vergangenheit der Herzdame. Als sie nach der Schule nach Hamburg zog, machte sie hier ein Freiwilliges Soziales Jahr, dabei arbeitete sie in einem evangelischen Altersheim. Eine der dementen Bewohnerinnen dort gab immer wieder denselben Satz von sich, immer wieder und wieder, tagelang: “Ach nein, ach nein, muss es denn ein Flüchtling sein!” Ob sich der Satz auf eine selbsterlebte Liebesgeschichte in der Nachkriegszeit bezog oder ob es eine ganz andere Erklärung dafür gab, das hat man nie erfahren.

Eine Szene aus der jüngeren Vergangenheit, es ist vielleicht vier Jahre her. Irgendeine Kinderparty auf einem Spielplatz in einem Nachbarstadtteil. Der Spielplatz ist umzäunt, ein halbhoher Metallzaun, über den man als Erwachsener mit etwas Anlauf auch springen könnte. Es ist ein privat betriebener Platz, wir können ihn an diesem Nachmittag nutzen, wir haben den Schlüssel für das Tor im Zaun und auch für das kleine Haus mit den Toiletten, Spielsachen, Bobbycars. Die Kinder spielen, die Erwachsenen stehen am Grill und am Bierkasten, es ist ein ziemlich entspannter und sonniger Nachmittag, jedenfalls bis Sohn II das Karussell mit dem Gebiss bremst, aber das ist eine andere Geschichte, darum geht es nicht. Kinder, die nicht zu unseren Kindern gehören, kommen zwischendurch vorbei, sie sind etwas größer als die in unserem Rudel. Sie klettern über den Zaun und gehen zur Schaukel, ohne sich um uns zu kümmern. Das wird hier ihr Revier sein. Der Mann neben mir, ein türkischer Vater, fragt mich, ob die das denn dürfen. Die würden ja nicht zu uns gehören und der Platz sei doch für uns reserviert. Ich sage, dass hier nun einmal ein Spielplatz sei, dass es doch völlig egal sei, ein paar Kinder mehr. “Pardon”, sagt der türkische Vater, “aber da ist ein Zaun und das Tor ist geschlossen. Und ich bin hyperintegriert, ich kann so etwas nicht ab.”

Letzte Woche. Vor dem Hamburger Hauptbahnhof spielt die Tochter einer deutschen Helferin mit den zwei Töchtern einer geflüchteten Familie, sie sind alle drei etwa fünf Jahre alt. Sie hüpfen über die Palettenstapel, die man dort aufgebaut hat, damit man sich darauf etwas ausruhen kann, es sind Behelfsmöbel in einem etwas grotesken Loungestil.  Es ruhen dort gerade keine Menschen, es gibt nur diese drei Kinder, die kreischend über die Paletten hüpfen, rauf und runter und rüber von Stapel zu Stapel. Wenn man eine Weile zusieht, so wie Sohn I und ich, dann sieht man, dass dieses Spiel irgendwelchen Regeln folgt. Es geht wohl um eine Reihenfolge, in der man von Palette zu Palette muss, ohne die anderen Kinder zu berühren. Oder muss man sie gerade berühren? Und darf man zwischendurch mit den Füßen auf den Boden oder nicht? Das ist dem Sohn zunächst nicht ganz klar, und den Mädchen ist das vielleicht auch nicht ganz klar, jedenfalls stoßen sie ab und zu wild kichernd zusammen, weil die Choreografie doch noch nicht ganz klappt. Dann rufen sie sich aufgeregte Sätze zu und lachen sich kaputt, weil sie überhaupt nichts verstehen und so komisch fremd klingen. “Die können nicht miteinander reden”, sagt Sohn I, “aber man muss ja auch nicht reden, um zusammen rumzuhüpfen.” Die Mädchen liegen japsend auf den Paletten und kichern, dann kitzeln sie sich laut lachend und hüpfen wieder los und jagen sich über die Holzstapel.

Die Herbstmode sorgt seit ein paar Wochen dafür, dass die Frauen Ponchos tragen. Ponchos in allen denkbaren Größen, Materialien und Farben. Wenn man eine Weile am Hauptbahnhof steht und in das Menschengewirr sieht, sind die Silhouetten der zur Arbeit eilenden Frauen in modischen Ponchos und die der geflüchteten Frauen in übergeworfenen Decken manchmal ganz ähnlich.

Die Herzdame hilft in den Messehallen, wo immer noch gespendete Kleidung empfangen und sortiert wird. Von hier werden jetzt alle Unterkünfte in Hamburg beliefert, von hier wird auch eine mobile Kleiderkammer am Hauptbahnhof versorgt, aus der man den Durchreisenden nach Skandinavien die notwendigsten Dingen gibt, Winterjacken, feste Schuhen, warme Pullover. Immer noch kommen Syrer und andere in Flipflops und T-Shirts an, immer wieder sieht man erbärmlich frierende Menschen. Die Herzdame sortiert in den Messehallen einen Tag lang Damenoberbekleidung für Frauen, die in Europa auf Asyl hoffen, darunter auch dieses bemerkenswerte Stück:

T-Shirt: Hinterm Horizont gehts weiter

 

Zwischendurch fahren wir für ein Wochenende ins Heimatdorf der Herzdame in Nordostwestfalen. Es ist ein kleines Dorf in der Nähe einer nicht ganz so großen Stadt. Wir sehen drei Tage lang keinen einzigen ausländischen Menschen, also zumindest keinen, dem man die Herkunft ansehen würde. Man läuft immer Gefahr, den kleinen Ausschnitt Deutschlands, den man bewohnt, für das Land zu halten, man läuft immer Gefahr, das da vor der Haustür für die allgemeine Lage zu halten. Das kleine Bahnhofsviertel in Hamburg und das kleine Heimatdorf in Nordostwestfalen sind so absurd verschieden, dazwischen könnten auch Kontinente liegen. Und doch reden alle gerade dauernd über Deutschland, als ob das eine vollkommen klare Sache sei, was das nun ist und wie es da zugeht. Aus dem Ausland kommen im Heimatdorf der Herzdame nur ein paar Vögel bei der dörflichen Geflügelschau. Sie sind bestens integriert, wenn man die kleinen Schilder an den Käfigen nicht lesen würde, man käme gar nicht auf die Herkunftsländer. Vögel eben, Tauben oder Hühner. In einigen Nachbardörfern in der Gegend leben viele Russlanddeutsche, Spätaussiedler, wie auch immer sie korrekt benannt werden, ich weiß es gar nicht. Die kamen damals in den Neunzigern. Und die erkennt man auch nicht, nur einige ganz alte Frauen mit bunten Kopftüchern sehen manchmal so aus, dass man Großmütterchen zu ihnen sagen möchte, wie in russischen illustrierten Kinderbüchern. Gegen die Kopftücher dieser alten Damen hat man nie etwas gehabt, glaube ich.

Für die diversen Hilfsgruppen in unserem kleinen Bahnhofsviertel kann man weiterhin spenden. Geld für eine heiße Suppe, für ein Nachtlager, für etwas Versorgung.

 

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