Woanders – Die siebte Sonderausgabe Flucht und Fremdenfeindlichkeit

Vorweg eine Premiere auf dieser Seite, ein Hinweis auf eine gute Sache und eine Möglichkeit, sinnvoll zu spenden. Das kleine Bahnhofsviertel, über das ich hier dauernd schreibe, ist von der aktuellen Situation ganz besonders betroffen, die durchreisenden Menschen auf der Flucht kommen durch unseren Bahnhof.  Dort wird ihnen in privater Initiative geholfen, von Menschen aus Hamburg und aus dem Viertel. Sie werden verpflegt und evtl. auch mit dringend notwendigen Dingen, wie etwa festem Schuhwerk versehen, Übernachtungen werden organisiert, Reisepläne werden erstellt usw. Hinter dem Bahnhof das Viertel, in dem sich immer mehr Hilfstruppen organisieren und Aufgaben übernehmen. Es wimmelt in Sachen Hilfe, die Gruppen vernetzen sich, organisieren sich. Die befreundeten Eltern etwa kochen in dem kleinen Haus auf dem Spielplatz vor unserer Haustür jeden Tag Suppe. Das ist so eine Sache, die ganz einfach klingt. Aber es ist sehr, sehr viel Suppe, am Hauptbahnhof werden mehr als zweihundert Liter pro Tag ausgegeben.

Schon zum Kochen dieser Suppe gehört viel. Viel an Ausstattung und Küchengerät, viel an Arbeitszeit, viel an gespendeten Lebensmitteln, die erbeten, geholt und zubereitet werden müssen, dazu gehört auch die Abstimmung mit den umliegenden Hotels, die ebenfalls zuliefern. Man versteht das Ausmaß solcher noch klein wirkenden Aktionen erst, wenn man das einmal direkt mitbekommt. Die Kirchen und Moscheen hier nehmen Menschen für eine Nacht auf, bereiten Frühstück, versorgen Babys, da stehen Helferinnen in freiwilligen Nachtschichten und schmieren Brote, am Bahnhof werden Menschen auch medizinisch versorgt, es gibt sehr, sehr viel zu tun.

Es gibt jetzt die Seite “Sankt Georg hilft”, dort kann man für all diese Bemühungen spenden – mit Spendenbescheinigung. Die Spenden werden auf die Initiativen im Stadtteil verteilt, zuständig dafür sind die evangelisch-lutherische Kirchengemeinde – und die Herzdame. Die hatte übrigens gerade eine Woche bezahlten Sonderurlaub, um hier um die Ecke am Bahnhof und anderswo zu helfen, dafür großen Dank an ihren Arbeitgeber. Vielen Dank auch an jeden, der ein wenig Geld spenden mag! Wenn wir es schaffen, werden wir in nächster Zeit über die Projekte noch mehr berichten und vielleicht auch einige der Helferinnen vorstellen. Das Geld kommt  u.a. direkt im Suppentopf  und auf jeden Fall bei den Geflüchteten an. Spenden kann man hier auch direkt über Paypal:




Deutschland: In der brandeins geht es lang und interessant um Wanderungsbewegungen, Hunnen und Immobilien. Und um Stadtentwicklung: “Bewegung ist normal”. Der Text liest sich vielleicht zwischendurch so, als ginge er am Thema hier vorbei, ruhig dennoch dranbleiben. Da passt schon vieles und um Immobilien geht es im Zusammenhang mit den Geflüchteten gerade in jeder zweiten Meldung.

Deutschland: Auf N-TV wird Deutschland jetzt in arabischer Sprache erklärt.

Berlin:  Und noch ein Artikel zu Lageso, zum immer wiederkehrenden “Ich verstehe es nicht” derjenigen, die gedacht haben, dieser Staat können etwas organisieren. Ich erlebe es nicht in Berlin, sondern in Hamburg, und hier ist die Lage mittlerweile geklärt – der Staat kann gar nichts. Aktuell ist die Unterbringung einiger Menschen aus den Messehallen in einem Gebäude in Bergedorf so grandios schiefgegangen, dass man daraus ein Lehrstück über organisatorisches Versagen machen könnte.

Berlin: Und weil der Staat nichts kann, springen die Bürger ein. “Schatz, die Flüchtlinge kommen” ist ein Text über ungewohnte Gäste.

Hamburg: Die Hilfe am Hauptbahnhof ist für manche Helferinnen auch ein Déjà-vu (Film).

Deutschland: Zum Sprachgebrauch beim Thema Flucht gab es schon einige Artikel, hier erzählt ein Syrer, warum er nicht Flüchtling genannt werden möchte. Und bevor man wieder eine Überdosis Political Correctness vermutet, ich sehe es auch so, dass der Begriff eine gewisse Schwäche suggeriert. Betroffenen kann das nicht recht sein.

Deutschland: Einer der eher seltenen Artikel, die darauf hinweisen, dass die aktuelle Situation nicht überraschend kam. Nicht! Man muss das ab und zu betonen, es gerät sonst ganz fix in Vergessenheit, zumal Politiker gerne behaupten, man hätte ja nix wissen können. Doch.

Deutschland: Nicht überraschend ist auch, dass manche Menschen ein Geschäft mit der Not anderer Menschen machen.

Deutschland: Christian Fischer erklärt Spannungen in Flüchtlingsheimen – die übrigens wirklich verblüffend wenig Menschen verstehen, das ist ganz erstaunlich. Eine glatte Verleugnung aller Lebenserfahrung.

Deutschland: In der FR geht es um Roma und um die Ökonomie der Armut, mit ein paar Zusammenhängen, die sonst in den Medien eher zu kurz kommen, in der Forschung aber wohl allgemein akzeptiert sind. Wie überhaupt Migrationsforscher und andere Experten gerade verblüffend wenig zu melden haben. Also sie haben natürlich schon, es dringt nur nicht durch.

Sachsen: Und während sächsische Politiker immer öfter öffentlich jammern, dass das Image ihres Bundeslandes so unverdient schlecht sei, wundert man sich als Nachrichtenleser  eher überhaupt nicht mehr. Es geht eben um ein Volksfest des Rassismus. In Kanda gibt es eine Reisewarnung vor Ostdeutschland, das ist keine Meldung vom Postillon, das ist das Handelsblatt. Ab und zu findet man Versuche, das Verhalten der Sachsen zu erklären, sie überzeugen mich bisher alle eher nicht, aber ich habe auch gar keine Ahnung von Sachsen.

Deutschland: Bevor man sich zu sehr auf Sachsen konzentriert, auch mal diese Liste der taz durchsehen.

Deutschland: Nicht ganz zufällig in diesem Zusammenhang eine Meldung aus der Welt, die den wirklich sensationell dummen Begriff “robuste Begrüßung” enthält. Wie überhaupt der ganze Text sich als inhaltlich faul erweist, wenn man etwas genauer hinsieht. Wenn man Zeit hätte, man könnte Satz für Satz zerlegen und aufzeigen, wie die rechte Position an den Fakten vorbei in den Inhalt rutscht. Ein Text sozusagen, den man robust durchkorrigieren müsste. Allein diese kleine, aber durch und durch perfide Nebenerwähnung der “florierenden Helferindustrie”.

Europa: Einige Porträts von reisenden Menschen.

Deutschland: Fotos von den Freedom Skaters.

Hamburg: Porträts junger Helfer am Hauptbahnhof. Bitte auch die Texte unter den Bildern lesen, in denen sie erklären, warum sie da helfen.

Europa: “Humans of New York”, ohnehin eine der besten Seiten im Internet, bringt im Moment Bilder von Menschen auf der Flucht, Bilder von Menschen, die in Europa ankommen oder umherirren. Mit kurzen Texten, die einen umhauen, wenn man denn überhaupt noch etwas fühlt bei dem Thema.

Europa: Wo die Kinder schlafen. Noch mehr Bilder. Eltern zerlegt es das Herz, anderen womöglich auch.

Syrien: Nils Minkmar über die aktuellen Entwicklungen im Spiel der Großmächte um Syrien – “Wer noch kein Tagebuch führt, sollte damit anfangen.”

Neuseeland: Und den ersten anerkannten Klimaflüchtling gibt es übrigens doch noch nicht. Aber womöglich gibt es bald, zumindest in Deutschland, eine Liste “klimatisch sicherer Herkunftsländer”? Ja, so wird es kommen.

 

11 comments

  1. hierundanderswo

    Mit den Pegida-Nazis in Sachsen verhält es sich übrigens nachrichtentechnisch so, wie mit den geflüchteten Syrern:
    Sie sind schon sehr lange in großer Zahl da und sichtbar, und das ist der lokalen Bevölkerung auch bewusst. Aber erst jetzt interessiert sich ganz Deutschland und die Welt (Kanada jedenfalls) dafür.

    Ich erlebe die staatlichen Organe in Sachsen als der Mobbing-Mentalität der Nazis nicht gewachsen. Sie befördern diese eher noch, indem sie Journalisten und Gegendemonstranten einkesseln oder recht robust (Ha!) aus dem Weg räumen, damit es nicht zu Schlägereien kommt. Und weil unter den linken Gegendemonstranten auch mal sehr wehrhafte Polizei-Hasser sind, richtet sich der menschlich verständliche Frust der Polizisten (die hier in Leipzig gerade vier Demos in acht Tagen gestemmt haben) oftmals gegen diese, und nicht gegen die eigentlichen Auslöser von rechts, die ja quasi nur friedlich herumlaufen.

    Menschen, denen man eigentlich bloß die Angst vor dem Fremden, vor dem, was sie ja tatsächlich gar nicht kennen, nehmen muss, die noch gar nicht beim Hass angekommen sind – die werden von Pegida bestens betreut und eingekuschelt. Auf einer Versammlung zu einem neuen Flüchtlingsheim in unserer Umgebung hingegen überschlugen sich die Teilnehmer vor Vorfreude auf die Fremden – und die paar, die Bedenken/Sorgen äußerten, wurden ausgebuht und letztendlich verscheucht. Wenn es irgend eine Idee gibt, wie diese – ich nenne sie mal „Ängstlichen Bürger“ – aus der sie freudig aufnehmenden Pegida-Schublade herausgezogen werden können: Bitte sofort damit nach Sachsen (und anderswohin) kommen.

  2. Rita

    Mal wieder Danke!! Auch wenn gerade nicht-lesen angenehmer wäre.
    Danke fürs Dranbleiben.

  3. Neli

    Im Blog von Kitty Koma gab es am 30. August einen guten Artikel, warum die ( meisten) Ostdeutschen so engstirnig und ängstlich auf alles Fremde reagieren. Man sollte uns Ostdeutsche trotzdem nicht alle in diesen einen Topf werfen, es gibt auch genug Westdeutsche die diese Angst vor allem Fremden haben.

  4. Texas-Jim

    Hallo Herr Buddenbohm,

    beim Lesen Ihrer Linkliste ist mir etwas aufgefallen, und ich habe mir ein kleines Spiel überlegt, mit dem das auch anderen auffallen könnte. Ich zitiere aus den Artikeln von Christian Fischer und dem Deutschlandradio Kultur. Einem der beiden Artikel stimmen Sie zu, die Argumentation des anderen überzeugt Sie nicht. Beide beschäftigen sich mit den Gründen für Aggressivität.

    Ein Grund: Enge und Verzweiflung.
    Ein anderer: Fast ausschließlich Männer.
    Ein dritter: Kein Geld und keine Arbeit.
    Ein vierter: Keine zentrale Lage, und daher ganztägige Untätigkeit. (Ich mache mich vor allem mit diesem Grund nicht gemein, aber das soll hier keine Rolle spielen.)
    Ein ganz simpler: Angst.
    Damit verbunden: Innere Ohnmacht, und daher Wut angesichts des Unbekannten.
    Auch ähnlich: Ein Gefühl der Schwäche, des Zukurzkommens, der Unerwünschtheit.

    Können Sie aus dem Stand jeden Grund einem der beiden Artikel zuordnen? Und wie kommt es, daß die beiden Artikel bei Ihnen so gegensätzlich ankommen?

  5. Maximilian Buddenbohm

    Vermutlich fehlt mir schlicht die Kenntnis des Bundeslandes Sachsen. Ich kann mir diesen Effekt dort in der Fläche einfach nicht vorstellen. Einzelfälle leuchten mir ein, die Breitenwirkung nach wie vor nicht.

  6. Texas-Jim

    Dementsprechend sind für Sie diese ganz ähnlichen Beweggründe stark unterschiedlich stichhaltig, von Zustimmung bis hin zur Negation, je nachdem, wo die Menschen herkommen, oder verstehe ich Sie falsch?

  7. Texas-Jim

    Und wo sehen Sie die eklatanten Unterschiede in den Gründen? Mir fiel beim Lesen eher auf, daß die jeweiligen Argumente genauso gut in den jeweils anderen Artikel gepasst hätten, ohne aufzufallen. So wurde die Enge und der Männerüberschuß beispielsweise im Artikel über Sachsen genannt.

  8. Texas-Jim

    Das ist sicher richtig. (Wobei ich einschränken würde, daß ein Mensch ja nicht in einem ganzen Bundesland lebt. Eine Unterkunft liegt schließlich auch in einem Bundesland. Unbenommen davon ist eine Unterkunft sicher bedeutend enger als eine Wohnung.)
    Ich finde es immer noch interessant, daß all die aufgeführten Gründe bei Ihnen einmal zu Zustimmung und einmal zu Ablehnung führen, also zu gegensätzlichen Haltungen. Wie kommt es dazu? (Das ist ja meine Ursprungsfrage aus dem ersten Kommentar.)

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