Ich gehe morgens mit Sohn II Brötchen holen, er rollt auf dem Longboard neben mir her, wobei er mit einem Bein darauf kniet, während er sich mit dem anderen abstößt. Mit der richtigen Körpergröße kommt man auf diese Art verblüffend schnell durch die Stadt. Wenige Meter vor unserer Haustür stehen an die fünfzig schwarz gekleidete Personen, Springerstiefel, Hoodies, eine mobile Eingreiftruppe in Räuberzivil. Stehen da, sitzen auf Mäuerchen, auf dem Boden, im Weg. Ein schwarzer Block. Schweigen vor sich hin, gucken in die Luft, rauchen. Sohn II bremst scharf und guckt, ich gucke auch. Es ist der Tag der großen Demo “Bunte Vielfalt” in Hamburg, aber, bunt hin oder her, bei Demos tragen heutzutage alle schwarze Klamotten, da muss man erst einmal genau hinsehen, zu welcher Fraktion die da gehören. Punkfrisuren, Glatzen, Springerstiefel, das hilft alles nicht weiter. Ich starre die Leute an, die Leute starren mich an, warum gucken die eigentlich auch so? Erst nach einer Weile entdecke ich an einer der Figuren das “Refugees Welcome”-T-Shirt. “Ist okay”. sage ich zum Sohn, “kannst ruhig durchfahren.” Und die Demonstranten in Warteschleife machen jetzt lachend Platz und lassen uns durch. Da fällt mir erst ein, was ich selbst anhabe, und warum die wohl auch so geguckt haben: schwarze Klamotten, schwarzer Hoodie. Und sehr kurze Haare habe ich auch. Da kann man an solchen Tagen schon mal länger hinsehen und grübeln, wer hier nun was ist. In den Medien war zu lesen, dass sich an diesem Tag im Hamburger Hauptbahnhof zwei Antifa-Gruppen gegenseitig mit Flaschen beworfen haben, weil sie sich jeweils für Rechtsradikale gehalten haben. Keine Ahnung, ob das stimmt. Es kommt mir aber durchaus plausibel vor.

Sohn I guckt in der S-Bahn über meine Schulter, während ich durch die Schlagzeilen scrolle. Er erwischt ausgerechnet die Meldung mit den Kindern, die man aus der Schule zur Abschiebung abgeholt hat. “Was ist da passiert? Erklär mal?” Dinge, die man überhaupt nicht gerade gerne erklärt. Dazu gehören ein paar rechtliche Aspekte, Asylrecht und so, dazu gehört die Sache mit den angeblich sicheren Drittstaaten, es ist zu kompliziert. Die Leute um  mich herum hören interessiert zu, wie kriegt er das nun seinem Kind erklärt? Das mit der Schule da? Gar nicht natürlich. Weil man nicht erklären kann, was vollkommen ungeheuerlich ist, das merkt man dem Sohn auch an. Kinder aus der Schule abholen, rauswerfen, wegschicken? Hallo? Geht’s noch? Das ist doch wohl nicht echt? Und wenn man das so mit einem Kind bespricht, dann merkt man erst richtig, wie komplett irre das ist. Kopfschütteln auch um uns herum. Das geht doch nicht? Und das passiert also wirklich? Ja. Steht ja da. Der Sohn sitzt neben mir und schüttelt den Kopf. In seiner Klasse sind Kinder aus zehn Nationen oder so, ich weiß es gar nicht genau. Seine Klasse ist super.

Im Hamburger Hauptbahnhof kaufe ich auf dem Heimweg von der Arbeit schnell ein paar Lebensmittel für die Durchreisenden aus Syrien und Gottweißwo, die verwirrt, totmüde, ratlos und angespannt in der Wandelhalle stehen. Wenn man schon keine Zeit zum Helfen hat, das kann man dennoch im Vorbeigehen erledigen, das schafft wirklich jeder. Helfer organisieren gerade die Weiterreise nach Schweden, Dänemark, Norwegen, Schilder in verschiedenen Sprachen werden hochgehalten, Menschen rufen arabisch, englisch, deutsch, wer wann wie wohin und mit wem, es geht sehr durcheinander und wirkt nach einer Weile doch verblüffend gut organisiert. Die Helfer haben es drauf, nicht nur in den Messehallen. Familien, die sich an den Händen festhalten. Sitzende Menschen, die vielleicht auch schon da geschlafen haben, leere Blicke, das Warten, das Warten. Ein kleines Mädchen, das sofort jeden Niedlichkeitswettbewerb haushoch gewinnen würde, sitzt inmitten seiner Familie und kichert. Dreijährig vielleicht. Es ist nicht ersichtlich, warum das Mädchen kichert, niemand um sie herum findet irgendwas witzig, um sie herum ist ziemlich sicher überhaupt nichts witzig. Sie lacht und lacht, glucksend, perlend, ein kleines, wunderhübsches Mädchen mit einer Laugenbrezel in der Hand, am Ende ist die ja so komisch? In dieser drolligen Form? Das Mädchen war vielleicht vor ein paar Tagen noch auf einem dieser Schlauchboote, der Gedanke ist eigentlich ganz naheliegend. Und wie man den aushalten soll, den Gedanken, das weiß ich allerdings auch nicht. An dem Stand der Helfer kleben Zettel “Bitte keine Fotos”, das interessiert aber niemanden. Hier wird hemmungslos von vielen Passanten handygefilmt und geknipst. Auch oben von der Galerie, von wo man alles so toll im Blick hat, das kann man sich bequem über die Brüstung lehnen und gleich das ganze Spektakel aufnehmen. Nachrichtenbilder selbstgemacht, der Brennpunkt vor der Haustür. Das hat man auch nicht jeden Tag, dass die Bilder aus der Tagesschau sich mit dem täglichen Pendeln kreuzen, das ist unheimlich und verunsichernd, man sieht es den Beobachtern manchmal an. Es ist so ein kollektives Kopfschütteln um die Geflüchteten herum, ein fassungsloses Kopfschütteln. Eine Familie ruft auf Arabisch laut und etwas ängstlich Namen, sammelt sich, sie sind heilfroh, alle zusammen zu haben, da hat vielleicht ein paar Minuten jemand gefehlt, man merkt ihnen die Erleichterung an. Sie setzten sich wieder hin, auf den Boden, wo soll man sich auch sonst hinsetzen. Kleines Gepäck bei ihnen, nur sehr kleines Gepäck. Weniger als für einen Wochenendausflug, viel weniger. Und nur ein weiteres irres Detail in all dem Irrsinn ist, dass über der ganzen Szene ein zuckersüßer, mehlschwerer, wohlig wabernder Waffelduft hängt. So ein heimatlicher Kindheitswohlgeruch nach Oma und Küche und Sonntag. Deutschland in nett und lecker und molligwarm und pappsatt. Das kommt von einem Waffelstand direkt neben den Geflüchteten, der natürlich dennoch immer weiter verkauft, ganz egal, was daneben passiert, wer daneben schläft, ankommt oder aufbricht, das ist hier business as usual. Ein Bahnhof eben.

Zur Lage im Bahnhof siehe auch hier in der Welt.

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