Wir haben Urlaub auf einem Bauernhof gemacht, der Bauer hielt Schafe. Da konnten die Söhne Lämmer aus der Flasche füttern und ausgewachsene Schafe zwischen den Ohren kraulen, sie konnten durch Schafschiet stolpern und zahme Schafe an der Leine herumführen, das war so ein naturnaher Erlebnisurlaub. Auch mal schön. Vor allem für die Kinder, versteht sich. Aber als Erwachsener kommt man dabei auch auf seine Kosten, wenn die Kinder beschäftigt sind, so ist es ja nicht. Man kann zwischendurch minutenlang ungestört lesen, das ist nach etlichen Jahren mit kleineren Kindern eine geradezu verstörend schöne und höchst ungewohnte Erfahrung. So ungewohnt, dass man das Buch nach drei Seiten doch wieder weglegt und lieber mal schnell nach den Kindern sieht.

Zwischendurch wurden die Schafe aus irgendwelchen Gründen, die sich Nichtbauern wie mir nicht unbedingt erschließen, von Weide zu Weide getrieben, quer durch den Ort und über die Straßen. Die Bäuerin bat mich, mich mal eben auf eine Kreuzung zu stellen, damit die Schafe dort nicht falsch abbogen. Ich habe mich also auf der Straße aufgebaut, quasi wie eine Vogelscheuche, nur zweibeinig und etwas besser angezogen. Die Herde kam auf mich zu, mit viel lautem „Mäh!“, in erstaunlicher Geschwindigkeit und eingehüllt in eine beeindruckende Staubwolke. Ich stand ihnen stoisch im Weg und guckte, die Schafe blieben abrupt stehen und guckten auch – und bogen dann richtig ab. Genau wie geplant!

Und da war ich der Bäuerin doch sehr dankbar. Weil sie mir eine Aufgabe gegeben hat, für die ich anscheinend genau richtig qualifiziert war. Schafen im Weg stehen – das kann ich. Wenn alle Vorgesetzten meine Begabungen immer so intuitiv erkannt hätten – meine Karriere wäre womöglich ganz anders gelaufen.

(Dieser Text erschien als Kolumne in den Lübecker Nachrichten und in der Ostsee-Zeitung)

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