Es ist ja nicht immer so, dass die Timelines viel mit der Wirklichkeit um einen herum zu tun haben. Beim Thema Netzpolitik neulich etwa, diese Sache mit dem angeblichen Geheimnisverrat, das hat in meinem Real-Life-Umfeld keine Sau interessiert, die allermeisten werden es nicht einmal mitbekommen haben. Absurdes Außenseiterthema. Beim Thema Griechenland war das schon etwas anders, darüber sprachen nahezu alle. Und faszinierenderweise hatte auch jeder irgendeine Meinung, was zu dem Thema gar nicht unbedingt passte. Immerhin VWL für eher weit Fortgeschrittene, ich blicke da nach wie vor überhaupt nicht durch. Aber doch, da waren sich alle einig, dem Thema war meinungsstark zu begegnen, wir sind ein Volk von Wirtschaftsexperten. Der Grieche, der Deutsche, das Geld. Klare Sache und damit hopp.

Beim aktuellen Thema Flucht, Migration und Fremdenfeindlichkeit und was in diesem Land gerade los ist, da passiert nun etwas, das ich so vermutlich selten erlebe – die Szenen passen sich komplett an. Ob ich auf Twitter bin, auf Facebook, in Blogs, ob ich auf dem Spielplatz stehe, mit Kollegen in der Küche bin oder in der S-Bahn fahre oder zum Tanzkurs gehe, alle reden über ein Thema, über das Thema. Und sehr viele, höchst ungewöhnlich viele machen auch noch irgendwas. Sie fahren Spenden irgendwohin, spenden selbst Geld und Kleidung, sie helfen hier und da, sie organisieren, schreiben, teilen, es fällt wirklich vielen etwas ein. Einige beschränken sich natürlich auf Bedenken und Ängste und Abwehr, das aber auch permanent und kaum zu überhören. Ganz egal was und wie – das Thema ist überall.

Vier Szenen eines einzigen Tages, alle vom Dienstag dieser Woche. Plakativ wie sonstwas, aber so ist es eben tatsächlich gerade.

In der S-Bahn nach Hammerbrook unterhalten sich zwei alte Herren, beide sicher weit über siebzig. Sie reden über Fussball, vermutlich über das Spiel St. Pauli gegen Dortmund am Vortag, das ihnen gut gefallen hat. “Und dann hat der Ne…, ach nee, das darf man ja nicht mehr sagen. Na, ist ja auch in Ordnung, dann hat also der mit der dunklen Haut da, also der hat ja wohl saugut gespielt, der Junge.”

Im Supermarkt steht ein stark angetrunkener Mann in Jogginghose vor der Kassiererin, unwillkürlich guckt man da gleich nach dem Pissfleck vorne, da war aber keiner. Er pöbelt auch keine rechten Parolen, er versucht, menschliches Interesse an der Kassiererin zu zeigen und vermutlich irgendwie nett zu sein. Die Kassiererin ist allerdings schon sichtlich genervt, denn der Mann versucht zum wiederholten Male herauszufinden, wie anders denn ihr Heimatland sei, so im Vergleich zu Deutschland. Denn das muss ja ziemlich anders sein. Da in Afrika. Echt anders, was? So ganz anders? Aber hallo? Muss ja, nech? Oder? Also das muss da ja wirklich wahnsinnig anders sein. So alles. Und die Kassiererin sagt wieder und wieder, was bei ihm aufgrund ihrer Hautfarbe aber einfach nicht ankommen kann, dass sie von hier sei. In Hamburg geboren. Verständnislose Blicke: “Aber ich meine doch in Afrika.”

Vor dem Hauptbahnhof hält ein Auto, eine Familie steigt aus, Vater, Mutter, Kind, Kind, Kind. Sie sehen aus, wie die syrischen Familien aus den Nachrichten aussehen, natürlich können es aber auch einfach Touristen sein, Migranten der xten Generation, wer weiß das schon, man liegt da auch schnell falsch, gerade in diesem multinationalen Bahnhofsviertel. Aber das zerschlissene Gepäck, die ratlosen Blicke, die übernächtigten Gesichter. Es würde schon passen. Am Dienstag waren durchreisende Flüchtlinge hier am Bahnhof noch gar kein großes Thema, das hat sich gerade erst geändert. In den Nachrichten ging es bis dahin eher um München, um Dortmund, um Wien. Die Familie steht also da und sie sehen sich um, das Auto fährt weiter. Gleich mehrere Passanten gehen sofort auf die Familie zu, bieten Hilfe an, zeigen auf den Bäcker an der Ecke, auf den Bahnhof, suchen nach Englischvokabeln, machen Gesten für Essen und Trinken. Fragen, ob sie etwas für die Familie tun können, ob sie etwas brauchen. Eine Szene, die noch vor wenigen Tagen völlig undenkbar war. Fremde ansprechen, in Hamburg! Auf der Straße! Einfach so. Und dann noch in nett.

In der S-Bahn fahren junge und ziemlich vergnügte Menschen, Studenten vielleicht, eine Reisegruppe kann es natürlich auch sein, sie reden Spanisch. Ich kann nicht unterscheiden, ob es eine südamerikanische oder die europäische Version ist. Es sind acht, sie besetzen zwei Vierersitzgruppen. Sie unterhalten sich in bester Stimmung, einer holt Kaugummi aus der Jackentasche, bietet den anderen etwas an. Ein Kaugummipapier fällt in den Mittelgang und liegt da, leuchtendes Grün auf grauem Boden. Die jungen Leute sehen sich an, sehen auf das Kaugummipapier. Reden, grinsen. Gucken wieder. Schließlich hebt es einer doch noch auf, sagt lachend, und dafür reicht dann sogar mein Spanisch: “Wir sind in Deutschland.”

 

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