Es fällt oft schwer, einen Menschen mal eben zu beschreiben. So ein Mensch ist immerhin eine ziemlich komplizierte Angelegenheit mit etlichen Charaktereigenschaften, das ist nicht mit zwei, drei Sätzen erledigt. Manchmal ist es auch mit einem ganzen Roman noch nicht umfassend erledigt, gar keine Frage. Deswegen gibt es Anekdoten. Kurze, äußerst prägnante Geschichten, in denen man den Kern einer Persönlichkeit zu erkennen meint. Eine Anekdote kreist immer um eine erztypische Angelegenheit, die sinnbildlich für einen Menschen stehen soll. Als Alexander der Große den Philosophen Diogenes fragte, ob er etwas für ihn tun könne, war dessen heute noch berühmte Antwort: “Geh mir aus der Sonne.” Zack, ein Satz für die Ewigkeit. In diesem kurzen Satz liegt sein ganzer Charakter, sein ganzes Wesen. Meint man jedenfalls.

Ich habe gerade etwas mit der Herzdame erlebt, darin liegt auch ihr ganzes Wesen, ihr ganzer Charakter. Meine ich jedenfalls. Sie kommt bekanntlich aus Nordostwestfalen, einer trotz ihrer verwirrenden Bezeichnung bemerkenswert schnörkellosen Gegend, in der man zur Direktheit und zum geraden Denken neigt. Das könnte ich seitenlang beschreiben, dieses sehr klare Denken, dieses umweglose Handeln dort, diese charakterliche Geradlinigkeit. Aber ich kann jetzt auch einfach erzählen, wie ich sie neulich einmal fotografieren wollte, im Garten ihrer Eltern. Und wie ich sie während der Aufnahmen bat, sich etwas weiter ins Licht und nach rechts zu stellen, noch weiter, noch weiter – “Stell dich doch bitte mal eben dahin, wo diese Blume da ist!” Rief ich ihr so zu, denn der Standort schien mir sehr passend. Und dann hat sie sich ohne das geringste Zögern genau auf die Blume gestellt.

So ist sie. Doch, das beschreibt sie wirklich ganz gut.

(Dieser Text erschien als Kolumne in den Lübecker Nachrichten und in der Ostsee-Zeitung)

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