Wir kamen am späten Nachmittag in Tscherms an. Tscherms hinter Lana, das ist der größere Nachbarort. Tscherms ist ein langgezogener Ort an der Straße zwischen Bozen und Meran, das von dort gar nicht mehr weit ist, quasi Fahrradentfernung. Wenn es auf dem Weg nicht etwas hügelig wäre, to say the least.

Eine knuffige Kirche unten im Tal, das Rathaus, ein Eiscafé, ein kleiner Laden, ein Hotel – viel mehr nicht. Alles ziemlich hübsch und überschaubar, keine Hotelpaläste, keine großen Ferienanlagen. An den Hängen hoch überall alte Höfe zwischen den Weinbergen und den zahllosen Apfelbäumen, schon im Vorbeifahren denkt man, dass man die Höfe am liebsten alle sehen möchte, dass man bei allen einmal davor stehen möchte, diesen Ausblick erleben möchte, der Ausblick muss da oben überall großartig sein. Und von jedem Hof anders. Man sieht aus dem Auto den Hang und die Berge hinauf, weiter oben entdeckt man immer noch weitere Höfe, ganz oben auch, helle Pünktchen kurz vor den Gipfeln. Irgendwo ein Schloss, das im blauen Abendlicht gerade transsilvanisch anmutet, das ist Schloss Lebenberg, ich komme später noch darauf zurück.

Schloss Lebenberg

 

Der Hof, auf dem wir uns einquartiert hatten, lag etwas unterhalb dieses Schlosses, ein paar Kurven davor. Kurven, die sich durch schmale Straßen den Hang hinaufwinden, man versteht sofort, warum die Einheimischen uralte Fiat Pandas als Bergziegen fahren, so ein SUV wie unser Mietwagen ist einfach zu breit. Viel zu breit. Besonders, wenn man die Straßen zum ersten Mal hochfährt, das kann dann alles gar nicht passen, die Hände klammern sich ans Lenkrad, man fährt Fußgängertempo. Höchstens. Nach einer Woche ist das Auto aber dann doch noch etwas schmaler geworden. Sagte die Herzdame jedenfalls, die aus noch zu erörternden Gründen den Rest der Woche am Steuer saß.

Wenn man denkt, die Kurven könnten nicht enger werden, dann bietet die Gegend gerne noch ein paar Steigerungen nach dem nächsten Knick im Weg. Die Söhne freuten sich wie auf der Achterbahn, ich als Fahrer fühlte mich auch so. Dabei war unser Hof gar nicht hochgelegen, für Südtiroler Verhältnisse war der eher irgendwo da unten, ich war nur einfach nichts gewohnt. Keine Hänge, keine Haarnadelkurven, keine schmalen Gassen mit Feldsteinmauerbegrenzung.

Wir fanden unseren Hof in Kurve Nummer neun, wenn ich es richtig erinnere, für Hamburger Verhältnisse ist das eine eindeutig alpine Wohnlage. Wir erzählten allen Menschen, die wir auf dem Hof trafen, von der abenteuerlichen Fahrt, sie hörten uns milde lächelnd zu, vermutlich kennt man das dort und weiß, das gibt sich mit der Zeit. Ich möchte mal die Ekstase eines Südtirolers erleben, der an einem Nordseedeich mehrere Kilometer schnurgeradeaus fahren kann, mit getrockneten Schafschiethubbeln als einziger Steigung, das wäre ein fairer Ausgleich für solche Erfahrungen.

Wir stiegen aus dem Auto, und während die Söhne aufgeregt über den Hof liefen, um zu verifizieren, dass es dort wirklich einen Pool gab, wie im Prospekt angegeben, blieb ich in einer Wolke aus Lavendelduft stehen. Nun habe ich Lavendel schon öfter im Leben gerochen, in Travemünde hat man damals reichlich davon angepflanzt, den pflückten die alten Damen im Vorbeigehen aus den Blumenkübeln an der Promenade und legten ihn in ihre Kleiderschränke. Aber das hier war doch etwas anderes. Das war eine Duftintensität, die ich so noch nicht erlebt hatte, das war sonnendurchglühter Lavendel, der so intensiv duftete, dass es schon unter Drogenkonsum fiel, daneben stehen zu bleiben. Eine Hundertschaft von Hummeln wippte träge auf den Blüten, man bekam sofort Lust, sich auf eine Liege neben diese Blüten zu legen, mitten hinein in diese betörende Parfümwolke, und dem Summen der Hummeln zuzuhören, ihrem sachten Wippen zuzusehen und langsam wegzudämmern, den Blick auf die am Abend immer blauer werdenden Berge. Das habe ich im Laufe der Woche dann auch gemacht, und schon diese eine Liege neben dem Lavendel wäre für mich Grund genug, da noch einmal hinzufahren.Ich habe es ja nicht so mit der Entspannung, aber doch, das hatte was.

Die Söhne fanden den Pool.

Pool

 

Wir fanden unsere Wohnung, trugen das Gepäck hinein und stellten nur kurz fest, dass auch die Wohnung genau so aussah, wie wir uns das vorgestellt hatten. Nämlich schön. Schön im Sinne von “Holla! Das ist aber echt schön hier.”

Die Bauern haben ihr jahrhundertealtes Haus in Ferienwohnungen umgewandelt und sich selbst ein neues Haus gebaut. Wir waren im alten Gemäuer, das innen einigermaßen spektakulär neu gestaltet worden ist. Da wurde beim Innenausbau teils altes Stadlholz, das seit Jahren auf dem Hof lag,  zu modernem Mobiliar verarbeitet, da wurden die alten, rohen Steinmauern in die Gestaltung einbezogen. Und das wollte ich immer schon einmal, wenigstens einmal im Leben in so eine Designwohnung, in eine Bleibe, die man tagelang gerne immer wieder ansehen möchte, weil sie so fehlerfrei wirkt, also ganz anders als die eigene Wohnung. Ich habe überhaupt nichts gegen ganz normale Ferienwohnungen, aber das war schon etwas anderes, den Urlaub in einer so durchdachten, durchdesignten und maßgeschneiderten Wohnung zu verbringen, das war seltsam erholsam. Auf eine Art, die ich sonst gar nicht kenne. Die Herzdame neigt als Nordostwestfälin natürlich nicht zu lobenden Erwähnungen, meinte aber nach einem Rundgang durch die Wohnung doch: „Sogar der Föhn taugt was“. Das entspricht einer überaus wahrmherzigen Fünf-Sterne-Bewertung, wenn man es nur richtig überträgt.

Bei der Innenfotografie habe ich zwar elend versagt, man sieht beim folgenden Link aber hoffentlich ganz gut, was ich meine, es sind die Wohnungen des Oberglunigerhofs.

Dann mussten wir allerdings sehr schnell etwas essen und fragten nach der nächsten Möglichkeit im Ort, ich wollte keinen Meter mehr fahren.

Tscherms

 

(Übrigens ein Sohn-II-Suchbild)

Aus der Antwort ergab sich dann gleich ein praktischer Reisetipp. Und nachdem ich jetzt schon mehrfach vom Südtiroler Essen geschwärmt habe, kommt jetzt etwas ganz anderes, jetzt kommt nämlich Pizza. Denn wenn die ganze Familie wilden Hunger hat, diesen Hunger, der kurz davor ist, ein echtes Problem für den Rest des Abends zu werden, dann ist Pizza bei uns immer die richtige Wahl. Die Söhne essen beide Pizza, das kann überhaupt nicht schiefgehen, das geht in solchen Momenten vor. Und, natürlich, Südtirol gehört zu Italien, die können da Pizza. Und sie geben sich Mühe damit.

Die Pizzeria Helden in Tscherms, auf der Durchfahrt von Bozen nach Meran gut zu erreichen, sie liegt direkt am Weg. Gute Pizza zu sehr netten Preisen, im Haus eine erstaunlich große Spielecke für Kinder, für Eltern ist es immer gut, so etwas zu wissen. Und wenn man abends noch ein Getränk in der Ferienwohnung braucht, das bekommt man da auch zum Mitnehmen.

Pizzeria Helden, Gampenstraße 15, Tscherms.

Pizzeria Helden

 

Die Bilder, die ich auf dem Fußweg zurück und hinauf zum Oberglunigerhof gemacht habe, sind größtenteils erheblich verwackelt. Entweder haben die zwei Bier in der Pizzeria deutlich Wirkung gezeigt, oder es gab an diesem Abend seismische Aktivität, wobei es eher unwahrscheinlich ist, dass ich zwei Bier nicht vertrage.

Berge bei Tscherms

 

Vielleicht war ich aber auch einfach nur etwas aufgeregt wegen der Aussicht überall, die fand ich nämlich wirklich umwerfend.

Berge bei Tscherms

 

Am Rande sei erwähnt, dass Sohn I diesen Abend als Beginn seiner eigenen Aufzeichnungen gewählt hat, die uns hier natürlich nichts angehen. Ich darf aber den Anfang zeigen:

Notizbuch Sohn I

 

Am nächsten Tag wollten wir mal eben zum Schloss hinaufgehen. Aber “mal eben” und Berge vertragen sich nur begrenzt, haben wir dann gelernt. Dazu in Kürze mehr.

Berge bei Tscherms
Roter Hahn

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