Seehamer See – Tscherms

Auf der weiteren Fahrt ist dann nicht mehr viel passiert. Abgesehen von einem kleinen Zwischenfall irgendwo zwischen dem Seehamer See und der Grenze zu Österreich. Da gab es plötzlich ein markerschütterndes Geschrei von der Rückbank. So ein Geschrei, bei dem man als Fahrer sofort zusammenzuckt, den Kopf einzieht und hektisch nach der Standspur sieht, nach dem Knopf für die Warnblinker und auch in alle verfügbaren Spiegel, um herauszufinden, worum es hier eigentlich gerade geht. Unfallgefahr? Wespenstich? Spinne auf dem Sitz? Monster? Marienerscheinung?

Es waren dann aber nur die Berge. Die Söhne hatten am Horizont die ersten richtigen Berge ihres Lebens gesehen, die ersten Berge, die diesen Namen auch verdienten. Die ersten Grüße der Alpen. Und wenn man noch nie Berge gesehen hat, wenn man noch gar nicht verstanden hat, wie hoch die wirklich sein können, wenn man im Grunde den Hügel neben einer Kiesgrube immer schon im engeren Bergverdacht hatte, wenn einen so ein Steinriese also völlig unvorbereitet trifft – dann kann man schon mal ausflippen.

Sohn I hat spontan beschlossen, sich diesen Anblick lebenslang zu merken, weil ihn bis zu diesem Moment noch nie etwas landschaftlich so oder überhaupt beeindruckt hat: “Das will ich mir merken, genau so.” Mit ausgestrecktem Finger in die Ferne weisend, zur Zackenlinie des Gebirges. Sohn II saß mit offenem Mund und konnte bis Südtirol den Anblick nicht glauben, völlig verzückt auf Bergspitzen starrend, auf Burgen, Bergbauernhöfe, Almen, Brücken, Serpentinen, er wies mich auf alles kreischend vor Begeisterung hin.

An der Autobahn in Österreich steht ein großes Schild: “Grüß Göttin”, ich konnte im Vorbeifahren nicht so schnell erkennen, ob es per Hand übermalt worden ist oder tatsächlich so sein soll. Kann das offiziell sein?

Guck an. Tatsächlich.

Und sonst: Tempolimit in Österreich und Italien. Eine schöne Sache, es fährt sich so entspannt, ich mag das. Kann man meinetwegen gerne sofort auch hier einführen, aber damit macht man sich bekanntlich keine Freunde. Das ist in etwa so, als würde man in den USA das Waffenverbot durchsetzen wollen.

Dann kamen wir in Tscherms an. Tscherms in Südtirol, Meraner Land.

 

6 comments

  1. loosy

    Ich habe es ja nicht so mit Bergen, für mich ist mehr Meer immer besser als weniger Meer (und es fehlt mir oft, am Meer zu sein…). Aber wenn es mich dann mal in die Alpen verschlägt, erkenne ich doch an, dass Berge eine Daseinsberechtigung haben und faszinierend anzusehen sind. Mein erstes Mal Alpen war mit 8. Da war ich leider schon zu viel mit Coolsein beschäftigt, um so auszuflippen wie die Söhne. Inzwischen, mit 32, geht das zum Glück.

  2. Christian

    Die Frau und ich sind, als wir gerade Frau und ich waren – nämlich als Hochzeitsreise – in die Toskana gefahren. Abends los und nachts über bzw durch die Alpen. Es regnet etwa…in Strömen und gelegentlich sahen wir im Scheinwerferkegel ein paar Felsen. Und weil ich ja auch schon ein paar Serpentinen hoch gefahren war, sagten wir gelegentlich „vermutlich müssten hier jetzt schon ein paar Berge sein“. Wir sind noch im dunklen auf der anderen Seite wieder runter, haben irgendwo kurz etwas geschlafen und mussten dann ja auch weiter.
    Auf dem Rückweg haben wir dann gesehen, was wir alles nicht gesehen hatten. Ich vermute wir haben uns in etwa wie Sohn 2 verhalten vor lauter Begeisterung, verbunden mit dem nicht-fassen-können, dass wir da tatsächlich schon einmal hergekommen waren und alles verpasst hatten. Wenn ich mich richtig erinnere, haben wir fast zwei Stunden extra Pausen an jeder zweiten Spitzkehre gemacht.

  3. Ralf

    Ich bin ja in den »Bergen« (deutsches Mittelgebirge) aufgewachsen. Insofern war ich runde, bewaldete Kuppen gewöhnt. Viel später, mit einem frischen Führerschein in der Tasche und einer alten Karre unterm Hintern, stand ich am südlichen Ortsausgang von Garmisch-Partenkirchen auf einem Parkplatz und wusste nicht ob ich weiterfahren will. Der Anblick war überwältigend und die Angst, mit der alten Karre da hoch zu müssen, riesengroß. Dann hab ich gewagt und als ich oben war kam die nächste Angst. Wie komme ich hier bloß wieder runter???
    Ein paar Tage später bin ich zu Fuß auf einen Dreitausender gestiegen. 14 Stunden unterwegs für ein ewig unvergessliches Erlebnis. Den Fels, den man sonst nur von weitem sieht, unter den Füßen und in den Händen zu spüren ist nochmal ein ganz anderes Gefühl.
    Dabei liebe ich das Meer. Manchmal aber muss es Hochgebirge sein.
    Übrigens, wer mehr über Berge, und was diese mit Menschen machen, erfahren will, dem sei der Film »Die Wand« mit Martina Gedeck, nach dem Roman von Marlen Haushofer empfohlen. Sehr beeindruckend, aber nichts für Kinder.

  4. ks

    Dann kann ich ganz dringend einen Ausflug dahin empfehlen:http://www.meranerland.com/de/urlaubsthemen/kultur/sehenswertes/knottnkino.html und wenn Sie schon da oben sind, ein Stopp in Mölten bei der Sektkellerei Arunda (Europas höchstgelegender Kellerei), ganz vorzügliche Sachen zu trinken… Oder doch von Bozen aus mit der Seilbahn auf den Ritten, da gibts auch tolles Bergpanorama! Erst aus dem Tal mit einer Seilbahn auf den Berg hoch und dann noch eine lange Fahrt mit der Schmalspurbahn, wirklich schön…http://www.ritten.com/de/ritten-erleben/rittner-bahn/

  5. Katharina

    Also, ich wäre eine große Freundin des Tempolimits! Ich finde das Fahren im Ausland immer so viel entspannter.

  6. Hans-Georg

    Ich bin auch der Meinung: Mit Tempolimit fährt es sich viel entspannter. Ich kenne das aus Dänemark. Aber dagegen gibt es hier in Deutschland wohl eine sehr starke Lobby.

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