Knut im Naturkundemuseum

 

Die Fortsetzung von diesem Text.

Ich muss es abkürzen, der zweite Tag Berlin überschneidet sich sonst im Blog noch mit der nächsten Station meines Reiselustsommers, also mit München. Und das klingt doch einigermaßen unverträglich.

Wir haben am Sonntagmorgen im Hotel gefrühstückt, was allmählich auch ohne größere Desaster abläuft, die Söhne erreichen da ein ganz angenehmes Alter. Sie können sich selber nehmen, sie drehen nicht mehr jeden Obstsafthahn auf, bis der ganze Frühstückssaal schwimmt, sie füllen sich nicht mehr zwei Kilo Müsli auf, sie werfen nicht mehr alles um, die Entwicklung ist erfreulich. Sohn I liest beim Esssen und möchte morgens nicht reden, das ist doch grundsympathisch.

Danach gingen wir ins Naturkundemuseum Berlin, das uns mehrfach empfohlen worden war. Es war nach wie vor zu heiß, um draußen herumzulaufen, es war, was uns gar nicht mehr vorstellbar erschien, sogar noch wärmer als am Vortag. Auf dem Weg zum Museum, beim Hotel gleich um die Ecke, sahen wir auf die Sandsteingebäude um uns herum, auf die Stromkabel der Straßenbahn, die gerade repariert wurden und teilweise etwas improvisiert von oben herabhingen – und Berlin sah aus und fühlte sich an wie in Barcelona. Sogar ziemlich überzeugend. Eine südliche Metropole am katholischen Sonntag, menschenleer und verschlafen, staubig und heiß, voller halbfertiger und verlassen wirkender Baustellen, die Gott weiß wann wieder von Arbeitern besucht werden würden. Am Bildrand alte Menschen, die zu einer Bank unter einem Baum schlurfen.

Ein Museum, dachte ich, das ist doch bestimmt halbwegs kühl. Das war allerdings nur partiell richtig.

Denn im Museum kommt man zuerst in einen großen Saal unter einem ebensolchenGlasdach, in dem das weltgrößte Dinosaurierskelett ausgestellt wird. Wenn man also am heißesten Tag des Jahres in ein Treibhaus möchte, dann ist man in diesem ersten Saal goldrichtig. Man kann ihn dennoch nicht fluchtartig verlassen, es ist nämlich ziemlich großartig, was man da sieht. Man steht und staunt und tropft. Man zerschmilzt vor den Riesen der Vergangenheit, die da stoisch bei jeder Temperatur herumstehen, unfassbar groß, unheimlich und ausdauernd. An den Wänden des Saals Bildschirme mit Computeranimationen, in denen die Skelette belebt werden, das ist alles sehr kindgerecht und begeisternd, das hat bei den Söhnen ganz wunderbar funktioniert. Und bei uns auch.

Naturkundemuseum Berlin

 

Es gab sogar ein Hinweisschild, das dem schönen Spiel “Gib mir Tiernamen” für mich ganz neue Dimensionen eröfffnet hat. Ich war wirklich begeistert.

Langschwanz-Schnabelechse

 

Danach in den Rest des Museum, wobei es sich um ein begehbares Wimmelbuch handelt, die gesammelten Werke von Ali Mitgutsch sind nichts dagegen. Eine Sammlung, die allein durch ihre unbegreifliche Größe schon beeindruckt, auch und ausdrücklich Kinder. Ein Saal und noch ein Saal, immer mehr und mehr, eine schier endlose Folge von “Guck mal” und “HAST DU DAS GESEHEN?” Und irgendwo dann der Saal mit den eingelegten Tieren. Kreaturen aller Art in Alkohol, runtergekühlt auf erfrischende 15 Grad. Und um die Regale herum lauter ekstatische Besucher, die “Schön! Schön!” riefen. Wegen der Temperatur, nicht wegen der Exponate, obwohl die auch absolut sehenswert waren.  Tiere, Steine, Nester, Muscheln, Planeten, Modelle, Filme, Vergrößerungen und Miniaturen, das Museum hat alles und von allem irre viel.

Antilope im Naturkundemuseum

 

Das ist so ein Museum, da beschließt man sofort, dass man gut noch einmal hingehen könte – und das denkt man sicher nicht in jedem. Wirklich große Empfehlung für Berlinbesuche. Auch ohne Kinder – aber mit Kindern geradezu Pflichtübung.

Skelett im Naturkundemuseum

 

Danach der letzte Spaziergang durch Berlin, immer auf der Schattenseite der Straße, dicht an der Wand entlang, bloß nicht mit dem Kopf in die Sonne geraten. Nebenbei noch zwei Phänomene festgestellt – in Berlin ist gar nicht alles voller Hundekacke, wie alle immer behaupten, zumindest nicht in Mitte. Und, noch ein Bemerknis mit Tier, in Berlin gibt es noch massenhaft Spatzen, die man in Hamburg gar nicht mehr sieht. Wie kommt das? Ich habe nicht die leiseste Ahnung. Berlin ist Spatzenstadt, da kann man kein Brötchen ohne diese Gesellschaft essen, die hüpfend und tschilpend den Krümeln nachjagt. Das ist noch wie früher und da merkt man erst, dass anderswo etwas verschwunden ist, besonders tatsächlich in Hamburg. Der Spatz kann nicht nisten und leben, wo es nur noch glatte Fassaden und Glasflächen gibt, da müsste man in Hamburg mal mit Herrn Teherani ein ernstes Wort reden.

Wir gingen im Gänsemarsch durch die schmale Schattenzone dicht an den Häuserwänden entlang zu Clärchens Ballhaus, das uns auch mehrfach empfohlen worden war. Da saßen wir dann wieder an einer Stelle, bei der man in den Gesprächen noch einmal beim Zweiten Weltkrieg landet, denn wenn man da im Freien sitzt, dann sitzt man dort, wo früher ein Haus stand – und das kann man noch ganz gut erkennen.

Clärchens Ballhaus

 

Da fehlt etwas, mitten in der Stadt, da ist ein Loch. Ein zugeschüttetes Loch, auf dem man sitzt und Kuchen oder Eis isst. Wie lange ist der Krieg noch einmal her? Sohn fragte nach. Reisen bildet, es ist schon richtig. Das Ballhaus gab es damals schon, die brüchige Fassade sieht aus, als hätte sie seit dem Krieg keiner angerührt, als könne man durch diese Fenster einfach noch in die Vierziger oder noch weiter zurück sehen, in eine Parallelwelt mit verschobener Zeit. Ab und zu kann man da auch heute noch Swing tanzen, es muss sich äußerst seltsam anfühlen. Wobei die Herzdame zu bemängeln hatte, dass man da eher selten Swing und andere Tänze aus der Vergangenheit tanzen kann, meistens nur so “normales Zeug.” Sie möchte Berlin dann doch eher so:

Danach gingen wir zum Bahnhof. Mehr Zeit war nicht. Der Weg fiel uns mit jedem Schritt schwerer, nach zwei Tagen hatten wir dann doch genug von der Hitze. Sohn II trug sehr tapfer zwei Sachen, die er hinter unserem Rücken an einer Baustelle entwendet hatte, ein ziemlich großes Brett und eine kaputte Dachschindel. Die waren nicht leicht zu schleppen, aber meine Bereitschaft, seine Schätze zu tragen, richtet sich manchmal doch nach der Größe der Gegenstände. Ein Brett und ein Steintrumm, was man als Kind eben so mitnimmt, wenn es einladend irgendwo herumliegt. Und er wäre nicht Sohn II, wenn er sich dazu nicht noch weitere Gedanken gemacht hätte: “Wenn wir öfter nach Berlin fahren, dann nehme ich immer ein Brett mit. Jedesmal. Daraus kann ich dann in Hamburg ja eine Hütte bauen. Und etwas drin aufbewahren, tote Tiere und Kronkorken oder so. Das nenne ich dann die Berlin-Hütte.”

Tom Sawyer lebt, denkt man in solchen Momenten. Er lebt und steht jetzt gerade grübelnd vor einem Stück Schnur oder dreht einen rostigen Nagel in der Hand oder stößt mit dem Fuß vorsichtig eine toten Katze an. Am Mississipi, an der Elbe, an der Spree. Egal.

So war das mit Berlin.

 

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