Die Fortsetzung von diesem Text.

Karl-Marx-Allee

 

Wir sind dann fast die ganze Karl-Marx-Allee entlang gegangen, durch die an diesem Tag menschenleere und ausgesprochen verkehrsarme Prachtstraße. Wie überhaupt, das habe ich noch gar nicht erwähnt, sich Berlin dadurch auszeichnet, dass es nicht voll ist. Zumindest nicht an den heißesten Tagen des Jahres, zumindest nicht an einem Wochenende. Das verläuft sich alles sehr angenehm in den breiten Straßen. Wenn man die immer knüppelvolle Hamburger Innenstadt oder unseren Hauptbahnhof gewohnt ist, den man nicht mehr durchqueren kann, ohne anschließend Menschen tagelang zu hassen und sich nach Wüsteneien und Einöden zu sehnen, dann hat man selbst am Brandenburger Tor, wo die Touristen in Hundertschaften minütlich und busweise ausgekippt werden, überall genug Platz zum Atmen. In Städten, in denen es mal Könige, Kaiser, Diktatoren, Endkämpfe, Besatzer und dergleichen gab, sind die Straßen eben breiter.

Karl-Marx-Allee

 

Das fiel auch den Jungs aufs, und zwar schmerzlich. In der Karl-Marx-Allee gibt es nämlich richtig breite Fußwege, es gibt kaum Leute, es gibt nichts als Platz – und sie hatten weder Skateboard noch Waveboard dabei. Das war natürlich hart, da standen sie mit sehnsüchtigem Blick auf dem leeren Pflaster, auf dem man so überaus prima hätte herumkurven können – das gab ihnen für künftige Reisen schon etwas zu denken. Doch lieber immer alles mitschleppen, falls man mal irgendwo einen verlassenen Boulevard ohne Besucher findet? Und wenn man dann doch nichts findet? Das ist gar nicht so einfach.

Kino International

 

Den Söhnen fiel aber sonst an der Straße, die jeder Erwachsene sofort als hochspeziell erkennt, als sehr auffällig anders als der Rest der Stadt bebaut, übrigens nichts auf. Eine Straße eben. Mit Häusern. Was wieder etwas bestätigt hat, das mir schon seit einigen Jahren immer wieder auffällt, seit ich dauernd mit Kindern zu tun habe: Kinder sehen Architektur nicht gut. Sie haben wenig bis gar keinen Sinn dafür, sie können auch schlecht Alt- von Neubauten unterscheiden. Faszinierend, das war mir überhaupt nicht klar, bevor ich eigene Kinder hatte. Sohn I fällt jetzt erst allmählich auf, dass man Häuser irgendwie gruppieren kann, nach Stilrichtungen, Alter usw., er ist aber auch bald schon acht Jahre alt. Da fängt das wohl erst an. Das einzige Gebäude, das den Söhnen in Berlin besonders auffiel, war die Neue Synagoge in der Oranienburger Straße, die hat aber auch, wenn sie plötzlich golden über die Häuser ragt, einen etwas märchenhaften Touch. Die Karl-Marx-Allee war für sie also nur irgendeine Straße in Berlin. Und das Wunder, das wir kurz darauf sahen, war für sie dann auch gar keines.

Karl-Marx-Allee

 

Für uns allerdings war es eines, für mich besonders. Da war nämlich eine Buchhandlung auf der Karl-Marx-Allee, in der es gerade eine Lesung gab, als wir vorbeigingen. Und die Lesung war brechend voll. Da saßen vierzig Leute oder mehr und hörten zu. Drinnen. Bei immer noch 35 Grad und absurd stickiger Luft. An einem Sonnabend. Abends. Da stand ich mit offenem Mund vor den Schaufenstern, das hat mich sehr beeindruckt. Für Hamburg kann ich mir das nur schwer vorstellen, wenn hier nicht gerade irgendwelche Superstars wie Max Goldt oder John Irving lesen, mit denen man auch Hallen voll auslasten kann. Das muss der Neid den Berlinern lassen, Lesungen können sie offensichtlich. Respekt!

Dann gingen wir zum Alexanderplatz, und die Söhne haben sich dort spontan und ganz alleine das Abendessen finanziert.

(Fortsetzung folgt)

 

%d Bloggern gefällt das: