Brandenburger Tor

 

Das Wochenende in Berlin hat erwartungsgemäß bestätigt, was ich seit einiger Zeit geahnt habe – die Söhne sind jetzt im idealen Reisealter. Weil sie jetzt zu alt für ein fortwährendes “trägst du mich bitte” sind, weil sie nicht mehr alle fünf Schritte wehklagend vor Anstrengung zusammenbrechen, weil sie nicht mehr vor jeder Quengelzone hochdramatische Szenen hinlegen, weil nicht mehr alles zu weit ist, auch wenn man nur eine Ecke weitergeht. Weil sie aber auch noch zu jung für die namenlose Langeweile sind, die Kinder ab, na, vielleicht etwa zwölf Jahren überfällt, wenn die uncoolen Eltern im Urlaub dauernd diese schrecklich uncoolen Sachen machen und sich auch sonst peinlich benehmen. Älter als vier und jünger als zwölf, in dem Alter geht wohl alles. Sie gehen auf eigenen Füßen und sogar weit, sie finden alles interessant, sie können noch auf allem herumklettern, in jeder Pfütze baden, jedes Tier streicheln, alles bestaunen und sich rasend schnell begeistern. Sie finden vielleicht nicht interessant, was ich interessant finde, aber egal. Ich gucke aufs Brandenburger Tor, sie balancieren lieber auf einem Zaun, das geht alles harmonisch auf, wenn man die pädagogischen Absichten etwas runterregelt. Und da das Zeitfenster, in dem man familiär gelungen und einfach verreisen kann, gar nicht so groß ist, versuchen wir jetzt tatsächlich, etwas mehr rauszukommen. Mal sehen, ob es gelingt.

Aber es war tatsächlich ein ziemlich spezielles Wochenende. Speziell heiß. Irre heiß. Geradezu lachhaft heiß. Eventuell habe ich auch meinen persönlichen Hitzerekord geknackt, ich kann mich nicht erinnern, jemals einen so heißen Tag erlebt zu haben. 38 Grad in einer Stadt ohne Wind, ganz einfach war es wirklich nicht. Die Glanzkröte, wie Sarah Kirsch die Sonne gerne nannte, wirkte ganz so, als würde sie den ganzen Tag näher als sonst an der Erde sein, als wäre sie sciencefictionfilmmäßig bedrohlich verschoben, als hätte jemand den Sommer mal eben auf die Stufe “Grill” hochgeschaltet. Das war beeindruckend heiß, Respekt, das habe ich lange nicht so erlebt und die Söhne ganz sicher noch nie. In der Hinsicht kann Berlin definitiv was.

Wir sind mit dem Zug nach Berlin gefahren, denn im Gegensatz zu manchen anderen bekannten Bloggern mit Reisedesastern am laufenden Band, erlebe ich praktisch nie Zugprobleme. Wenn ich Zug fahre, dann kommt der pünktlich, fährt pünktlich ab und kommt zur rechten Zeit da an, wo er fahrplanmäßig hinsoll. Mit laufender Klimaanlage. Vielleicht sollte ich mich als privater Reisebegleiter auf Zugfahrten verdingen, einfacher könnte ich kein Geld verdienen. Einfach bei jemandem im Zug sein, sitzen und lesen – und alles passt für alle Beteiligten. Fast alles im Falle des letzten Wochenendes.

Denn leider hat ein ICE automatische Schiebetüren, und Sohn II hat die vollkommen unerklärliche Angewohnheit, Finger in Schiebetüren einzuklemmen. Geradezu regelmäßig und unbelehrbar. Die Hand auf die Tür legen und zusehen, wie die Hand zur Seite gezogen wird, weiter, noch weiter, bis der Spalt zwischen Tür und Rahmen zuschnappt und kräftig am Kinderfinger zieht und quetscht. Man muss es wohl nicht verstehen. An den gellenden Schrei durchs Ruheabteil werden sich einige Mitreisende sicher noch länger erinnern, dem Finger geht es mittlerweile wieder gut. Der Fingernagel blieb diesmal sogar dran, quais alles im grünen Bereich.

Im Berliner Hauptbahnhof dann gleich die erste Attraktion, da fahren nämlich Bahnen über Bahnen, das musste erst einmal länger bestaunt werden. Schienen auf mehreren Etagen! Wie krass ist das denn. Sohn I verkraftete nur etwas mühsam die erschütternde Erkenntnis, dass der Hamburger Hauptbahnhof gar nicht der größte Bahnhof Deutschlands ist, und also wohl auch nicht der größte Bahnhof der Welt. Das ist für kleine Lokalpatrioten natürlich nicht einfach. Aber er hat dann nach ein paar Stunden schon gemerkt, dass in Berlin irgendwie alles größer ist, dann ging es wieder. Das ist eben eine andere Liga, da vergleicht man nicht. Wie beim Fußball.

Wir haben den Familienkoffer erst einmal in ein Schließfach gelegt, ich wollte den Jungs schnell das Brandenburger Tor zeigen, bevor es zum Hotel ging. Vor den Schließfächern stand ein ausgesprochen melancholisch wirkender Bahnangestellter, der gerade einem älteren Ehepaar geduldig erklärte: “Dit kostet sechs Euro, wa. Ja, da kiekense, aber dit is der Preis. So isses hier, nich wahr.” Und dabei guckte er so, als wenn er Mitleid mit all den Touristen hätte, die da verblüfft vor den Geldeinwurfschlitzen standen und in den Taschen nach Münzen kramten. Er hatte einen langen Schnurrbart und hängende Schultern und wäre er nur ein wenig anders gekleidet gewesen, er hätte aus einer Geschichte von Schnurre kommen können, so ein Typ war das. Das war der erste Berliner, den wir getroffen haben, und so freundlich wie der waren sie dann alle. Keine Spur von der berühmten Berliner Unfreundlichkeit, wer weiß, wo die ist, vielleicht ist sie längst nach Hamburg gezogen. Es gibt hier genug Situationen, bei denen sich der Verdacht deutlich aufdrängt.

Schnell zum Brandenburger Tor ist im Prinzip eine naheliegende Idee, wenn man am Berliner Hauptbahnhof ankommt, das sind tatsächlich nur ein paar Gehminuten. Ein paar vollkommen schattenlose Gehminuten allerdings, über einen satanisch aufgeheizten Platz mit flirrender Luft. Vorbei am Reichstag und am Kanzleramt.

Ich: “Da arbeitet die Merkel.”

Sohn I: “Dann lass uns schnell weitergehen.”

Wir gingen und gingen und wurden immer langsamer, es wurde immer noch heißer. Sohn sagte sichtlich genervt: “In Hamburg ist viel mehr Schatten.” Der Bahnhof zu groß, die Luft zu heiß, noch war er von dieser Hauptstadt überhaupt nicht überzeugt.

Schatten gab es erst wieder an der Gedenkstätte für die ermordeten Sinti und Roma. Da Sohn I lesen kann, kommt man an so etwas nicht mehr ohne Erklärungen vorbei, ich weiche auch solchen Fragen kategorisch nicht aus. Das sind schwere Gespräche, die man bei lastender Hitze vielleicht gar nicht führen möchte, aber dem muss man sich stellen, wann und wo immer es einen trifft, finde ich. Und es sind Gespräche, die einen ziemlich überraschenden Verlauf nehmen können. In diesem Fall landeten wir bei der Frage, warum diese Gedenkstätte genau so gestaltet ist, wie sie ausssieht, nicht irgendwie anders. Man kann das nachlesen, warum sie so gestaltet ist, aber Symbolik überzeugt Siebenjährige nicht recht. Das Wasser als endlose Tiefe, is’ klar, Papa. Das versteht doch keiner? Warum überhaupt ein Symbol, nicht ein richtiges Denkmal? Oder ein Bild? Viele Bilder? Und während ich noch nach Worten suchte, die bei dem Wetter in meinem Kopf genau so flirrten wie die Luft vor mir, während ich noch überlegte, wie man Symbole erklären soll, wie man angesichts dieser Stätte überhaupt etwas erklären soll, haben die Söhne plötzlich gemerkt, dass man auf dem Zaun ringsum prima balancieren konnte. Und das war dann auch gut. Der Zaun ist lang und führt unter Bäumen längs, die Kinder waren erstaunlich lange beschäftigt.

Dann sagte ich ihnen, dass da vorne das Brandenburger Tor sei. Das kennen sie natürlich aus Nachrichtenfilmschnipseln, aus der Tagesschau-App, von Fotos, Münzen und Zeichnungen, das Brandenburger Tor kennt vermutlich jeder. Und es ist schon beeindruckend, wenn man es zum ersten Mal sieht. Es ist groß, pompös, prahlerisch, es ist Tschingbumm auf den ersten Blick. Und auch schön. Oder nicht? Den Söhnen reichen fünf kurze Minuten für die Betrachtung des Bauwerks, dann sind sie damit schon komplett fertig. Ohne abschließendes Urteil, egal, was kommt jetzt? Eis? Limo? Freunde treffen? Aber hinterher haben wir gemerkt, dass sie es schon cool und wichtig fanden, es gesehen zu haben. Kennt schließlich jeder, das Teil. Sie jetzt auch. Doch, das hat was.

(Fortsetzung folgt)

 

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